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Unsichtbare Gewalt

Über Gewalt gegen Frauen in Nicaragua wird mittlerweile ab und an berichtet. Wesentlich weniger bekannt sind die Frauenmorde. Wie kommt es zu diesen Morden?
Die Hauptursachen sind die Beziehungen zwischen Macht und Unterordnung in der Gesellschaft. Ein anderer Aspekt ist die Straflosigkeit. Bestehende Gesetze werden nicht angewandt, und Täter erhalten nicht die Strafen, die sie bekommen müssten.

Wie ist die Situation diesbezüglich auf dem Land?
Es gibt Staatsanwaltschaften, die einmal im Monat an einen bestimmten Ort kommen. Wenn du an diesem Tag nicht an diesem Ort bist, kannst du keine Anzeige erstatten und deinen Prozess nicht voranbringen. Selbst die Mädchen, die ich in die Stadt begleite, werden nicht angemessen behandelt. Die Strafprozesse gehen quälend langsam voran. Man muss an eine Menge Orte gehen und wird von einem Beamten zum nächsten gereicht. Dabei wird man wieder und wieder zum Opfer. Dies führt oft dazu, dass die Frauen die Anzeige schließlich ganz sein lassen. Auch wenn eine Dritte Fälle meldet, wird niemand verhaftet oder Maßnahmen getroffen. So muss erst eine Frau umgebracht werden, damit man sich der Sache annimmt.

Wer sind die Täter bei diesen Morden?
Im Gegensatz zu Mexiko und anderen Ländern in Zentralamerika sind es in Nicaragua meistens Familienangehörige: Väter, Stiefväter, Onkel oder ein anderer naher Verwandter. Die Täter sind keine psychisch Kranken, wie es in den Massenmedien oft heißt, um die Dimension herunterzuspielen. Nach unseren Erhebungen werden die Frauen in Nicaragua nicht auf der Straße gewaltsam umgebracht, sondern sterben meist durch innerfamiläre Gewalt.

Wie hoch ist die Zahl der Frauenmorde in Nicaragua?
Im ersten Halbjahr 2009 wurden 32 Frauen umgebracht. Die Epidemie dieser Morde hat damit mehr Menschen umgebracht als die Schweinegrippe, in deren Bekämpfung jetzt so viele Gelder gesteckt werden. Die von den Regierungen bereitgestellten Mittel, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern, sind dagegen sehr niedrig. Das Problem wird in seiner vollen Dimension überhaupt nicht wahrgenommen.
Wir haben festgestellt, dass seit etwa zwei bis drei Jahren die Morde brutaler geworden sind. Es gibt im Land viele Waffen in den Händen von Menschen, die eigentlich keine besitzen sollten.

Woher stammen die Waffen?
Unser Land war lange im Bürgerkrieg, Waffen kannst du, offiziell oder auf dem Schwarzmarkt, einfach so kaufen. Zum Verkauf und dem Besitz von Waffen gibt es zurzeit nur wenige gesetzliche Regelungen.

Hat die Vergangenheit des Bürgerkrieges Auswirkungen auf die gegenwärtige Situation?
Ich glaube, dass es auf jeden Fall einen Zusammenhang gibt. Sicherlich benutzen Menschen ein Gewehr mit weniger Skrupel, wenn sie im Krieg schon geschossen haben. Auch ich kann perfekt mit einer russischen Kalaschnikow umgehen. Das konnte jeder lernen, aber gleichzeitig fehlt die Bildung. Für mich ist Bildung am wichtigsten. Ohne Schule bleiben diese traditionellen Rollen erhalten: Der Junge macht nicht sauber, kocht nicht, nimmt keinen Besen in die Hand, weil das „Frauensachen“ sind – sonst gilt er als Weichling. Aber so schaffen wir keine horizontalen Beziehungen, zwischen Frauen und Männern. Diese Beziehungen aus Macht und Unterordnung sind das größte Übel. Die müssen wir ändern und so haben wir Frauen auch große Verantwortung in der Erziehung.

Mayra Sirias
ist nicaraguanische Feministin, Gründungsmitglied des Frauennetzwerks gegen Gewalt (RMCV) und Mitbegründerin der autonomen Frauenbewegung MAM. Sie war FSLN-Mitglied und vor der Revolution in der christlichen Revolutionsbewegung engagiert.

Frauenmorde in Nicaragua
Bis Juni diesen Jahres gab es 32 Frauenmorde in Nicaragua. Fälle, in denen Frauen aufgrund ihrer Eigenschaft als Frau ermordet wurden. „Jede Woche Eine“, titelte etwas reißerisch ein Artikel – doch machte er damit diese abstrakte Zahl vorstellbarer. In der Kalenderwoche 45 stimme selbst dieses Verhältnis nicht mehr, erklärt Mayra Sirias, nicaraguanische Aktivistin des Frauennetzwerks gegen Gewalt (RMCV). Die Zahl liege inzwischen bei 67 getöteten Frauen. Die Nationalpolizei (PN) stuft laut ihrer Untersuchung wesentlich weniger Morde als spezifische Frauenmorde ein. Nach ihren Angaben seien im ersten Halbjahr 25 Frauen und bis Ende September 36 Frauen umgebracht worden.
Im Vergleich zu anderen Staaten Zentralamerikas ist die Mordrate in Nicaragua eine der niedrigsten. In Guatemala und Honduras werde sogar täglich eine Frau ermordet, sagt Fátima Millón, ebenfalls vom RMCV aus Nicaragua. Den starken Anstieg der Gewalt gegen Frauen in Nicaragua bezeichnen die Organisationen der Frauenbewegung dennoch als sehr bedenklich.
Im von den Vereinten Nationen im vergangenen Oktober herausgegebenen Entwicklungsbericht für Zentralamerika 2009-2010 (PNUD) wird Gewalt gegen Frauen als eine Form „unsichtbarer Gewalt“ in der Region eingestuft. Das Fehlen von empirischen Studien über Gewalt gegen Frauen in dieser Region und über Frauenmorde stehe im starken Gegensatz dazu, dass Gewalt gegen Frauen sowie Frauenmorde offensichtlich ein bedeutendes Thema seien. Angesichts der dünnen Datenbasis verwundern die je nach Interessenlage variierenden Zahlen nicht.
Die Morde an Frauen würden häufig aus Rache ausgeführt beziehungsweise um die Ehre der Männer wiederherzustellen, so Millón. Machismo, das absolute Verbot von Abtreibungen sowie mangelnde Bildung sind Faktoren, die im Zusammenspiel für eine mögliche Zunahme der Frauenmorde in Nicaragua verantwortlich sein könnten. Ob dies so ist, werden empirische Erhebungen zeigen müssen.
Dazu muss das Problem jedoch erst einmal als solches anerkannt werden. Nach Aminta Granera, der ersten Kommissionsvorsitzenden der Nationalpolizei, sei man auf dem richtigen Wege. Die Kommissariatsstellen für Frauen und Kinder werden erhöht und die Zusammenarbeit zwischen nationalen und internationalen Organisationen, die sich mit diesem Problem auseinandersetzen, gefördert.
Für das Frauennetzwerk RMCV sind die Gewalt gegen Frauen und die Frauenmorde ein Fall für die UN-Kommission gegen Folter. Aus diesem Grunde wurde im Sommer die Wiedereinsetzung der Landesweiten Kommission gegen Gewalt gefordert, um eine Umsetzung der von der UN-Kommission geforderten Maßnahmen zu erreichen. Der Staat sei gehalten, an dieser Stelle endlich seinen Pflichten nachzukommen und die Menschenrechte der Frauen zu schützen, so das RCMV. Denn: „Jede Tote ist eine Tote zu viel“.

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