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Blei liegt in der Luft

„Bei Blei liegt der Grenzwert der Weltgesundheitsbehörde bei 10 Mikrogramm pro Deziliter Blut. Mein Wert liegt hingegen bei 21,7 Mikrogramm. Bei Cadmium liegt der Grenzwert bei 1,2 Mikrogramm und ich habe 0,933 – also etwas weniger. Bei Arsen liegt der Grenzwert bei 65,40 Mikrogramm im Blut – ich habe jedoch einen Wert von 117. Das ist das Doppelte und bei meiner Familie sehen die Ergebnisse der Blutuntersuchungen nicht viel anders aus“, erklärt Miguel Curi und deutet auf die Dokumente, die er auf den Knien hält. Auf denen prangt der Stempel des Labors, das die Auswertung der Blutproben unternommen hat. Ein stichhaltiger Beleg dafür, dass das Klima in La Oroya alles andere als zuträglich ist. Lässt man den Blick links und rechts von der Plaza Libertad, dem zentralen Platz im Herzen der Altstadt von La Oroya, schweifen, fällt einem sofort der an fleckigen Zuckerguss erinnernde Überzug auf den Felsen in der Umgebung auf. Kein Baum, kein Strauch und nicht einmal ein paar grüne Halme sind weit und breit zu sehen. „Das kommt vom sauren Regen. Im Umkreis von zwanzig Kilometern wächst hier so gut wie nichts. Unsere Kinder müssen wir schon in die Provinzhauptstadt Huancayo bringen, damit sie einmal einen gesunden, kräftigen Baum sehen“, sagt der Vater dreier Kinder und verzieht missbilligend das Gesicht. Curi, ein stämmiger, kleingewachsener Mann von 44 Jahren, lebt in La Oroya, einer hoch in den Anden gelegenen Kleinstadt rund 140 Kilometer entfernt von Lima. Jahrelang hat er sich nicht groß um den Rauch geschert, der in dicken Schwaden aus dem mächtigen Schornstein der Metallschmelze quillt. „Wird schon nicht so schlimm sein, habe ich mir gedacht, obwohl er vor allem morgens und abends unangenehm im Rachen und in den Augen beißt“, erklärt Curi und rückt die Sonnenbrille mit den rechteckigen Gläsern zurecht.
Die Sonne steht hoch am Himmel. Es ist später Vormittag und nur wenige Menschen sitzen auf den Bänken rund um die Plaza Libertad, dem Platz der Freiheit. Ein hochtrabender Name für den von windschiefen Baracken und runtergekommenen Backsteinhäusern umgebenen Platz in der Altstadt der Bergbausorts. La Oroya lebt von der Verarbeitung von Erzen und der Extraktion aller möglichen Edel- und Industriemetalle. Ein rundes Dutzend sind es laut den Firmenangaben von Doe Run Perú, dem Betreiber der weitläufigen Metallschmelze mit den drei angeschlossenen Raffinerien für Blei, Kupfer und Zink. Der Industriekomplex ist kaum zu übersehen, denn der riesige Schornstein dominiert den Horizont aus beinahe jeglicher Perspektive. Von der Plaza Libertad wirkt der gräulich-schwarze Betonkoloss zum Greifen nah. Das ist der Größe geschuldet, denn der Kamin zählt mit 167 Metern sicherlich zu den höchsten Bauwerken Lateinamerikas. Superlative gefallen auch den Stadtverantwortlichen, denn sie haben die 35.000 Einwohnerstadt zum „metallurgischen Zentrum Lateinamerikas“ gekürt. Bei Miguel Curi löst das nur ein bitteres Lächeln aus. Nur zu gut weiß das Mitglied der Organisation Bewegung für Gesundheit in La Oroya (Mosao) welchen Preis die Bevölkerung für den fragwürdigen Titel zu zahlen hat. „Unsere Gesundheit opfern wir dem wichtigsten Arbeitgeber der Stadt. Der transferiert die Profite und drückt sich darum die Umweltauflagen zu erfüllen“, ärgert sich Curi. Wie gefährlich die giftigen Schwaden sind, die nahezu rund um die Uhr aus dem zentralen Schlot und unzähligen kleineren Rohren und Schornsteinen entweichen, realisierte er erst als eines seiner Kinder, der heute 15 Jahre alte Angel Justo, immer wieder Nasenbluten hatte. „Da wurde ich aufmerksam und ließ einen Bluttest machen“. Das war 2004 und die Ergebnisse waren niederschmetterend. Deutlich zu hohe Bleiwerte hatte Angel Justo und auch die anderen beiden Kinder von Vater Curi wiesen zu hohe Bleibelastungen im Blut auf.
Für den ehemaligen Saunabetreiber war das der Zeitpunkt, um aktiv zu werden und für die Rechte der lokalen Bevölkerung einzutreten. „Unsere Kinder haben das Recht hier aufzuwachsen ohne kontinuierlich vergiftet zu werden“, betont Curi.
Genau dieses Recht wird den BewohnerInnen von La Oroya jedoch vorenthalten. Die Kinder, wie der kleine Ostin, wachsen mit einem Bleiwert im Blut auf, der mehr als fünfmal höher ist, als der Grenzwert, den die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. „56 Mikrogramm Blei hat er im Blut, das hat eine Laboruntersuchung ergeben und der Kleine ist jetzt schon in seiner Entwicklung zurückgeblieben“, erzählt seine Mutter Eliana Puente Díaz. „Er hat immer geweint und wie Milagros, seine vierjährige Schwester, neigt er zu Koliken und Magenproblemen“, so die 24-jährige Mutter, die an der Plaza Libertad wohnt. Sie verdient als Wäscherin etwas Geld zum Einkommen ihres Mannes hinzu. Der ist als Fahrer bei Doe Run Perú angestellt und bis vor kurzem waren beide Kinder beim Ernährungsprogramm des Konzerns angemeldet. „Da bekamen die Kinder mineral- und vitaminreiches Essen, um widerstandsfähiger gegen die Gifte aus den Emissionen zu werden“, erzählt Eliana. „Doch an und für sich müssten wir hier wegziehen, denn die Fabrik, von der wir letztlich leben, macht uns krank“. Daran wird sich vorerst nichts ändern, denn trotz aller Widerstände darf die Fabrik auch weiterhin die Bevölkerung vergiften. Das hat am 24. September der peruanische Kongress per Gesetz mit großer Mehrheit verfügt. Dreißig weitere Monate hat Doe Run Perú das Recht, so haben es die VolksvertreterInnen beschlossen, Schadstoffe en Gros durch den riesigen Schornstein in die Umwelt blasen. „Das ist der zweite Aufschub den das Unternehmen, Tochter eines US-Konzerns, für die Erfüllung der Umweltauflagen erhält“, klagt Bischof Pedro Barreto Jimeno und zieht die Stirn missbilligend in Falten. Seit Jahren tritt der 65-jährige Kirchenmann mit dem graumelierten Haarkranz und dem gütigen Zug um den Mund für mehr Schutz für Bevölkerung und Umwelt ein. 2005 hat er die erste unabhängige Gesundheitsstudie von La Oroya initiiert, die von der jesuitischen Universität von St. Louis in den USA durchgeführt wurde.
Diese förderte zutage, dass 99 Prozent der BewohnerInnen erhöhte Schwermetallwerte im Blut haben. Als dann das New Yorker Blacksmith Institute La Oroya 2006 auf die Liste der zehn verseuchtesten Orte der Welt setze, hofften der Bischof, die katholische Kirche, UmweltaktivistInnen und nicht zuletzt die Bevölkerung von La Oroya, dass sich nun endlich etwas ändern würde. Weit gefehlt, denn noch im gleichen Jahr ging die Regierung des damaligen Präsident Alejandro Toledo in die Knie angesichts der Demonstrationen der rund 3.500 Arbeiter. „Für ihren Arbeitgeber gingen sie auf die Straße, blockierten sie und erpressten so einen ersten Aufschub für die Erfüllung der Umweltauflagen“, erklärt Bischof Barreto mit einem Seufzer. Geschickt hatte der Konzern die Angst der Arbeiter um ihre Arbeitsplätze gegen die Erfüllung der Umweltauflagen ausgespielt. Die Geschichte sollte sich nun unter leicht veränderten Vorzeichen wiederholen.
Bereits im Dezember 2008 wurden die ersten Arbeiter mit Verweis auf die wirtschaftliche Rezession in Folge der Finanzkrise entlassen. Im Februar meldete das Management in Lima Finanzprobleme, wenige Wochen später konnten die Lieferanten nicht mehr bezahlt werden. Im Juni wurden die Arbeiter für neunzig Tage in den Zwangsurlaub geschickt, da das Mutterunternehmen in den USA sich weigerte, frisches Kapital nachzuschießen. Ende August meldete Doe Run schließlich Insolvenz an, forderte aber gleichzeitig einen 30-monatigen Aufschub zur Erfüllung der Umweltauflagen. „Nun begannen die Arbeiter endgültig Angst um ihre Jobs zu bekommen“ erklärt der Bischof. Verständlich, denn ganz La Oroya hängt am Tropf des Unternehmens. Rund 3500 direkte Arbeitsplätze bietet Doe Run Perú, mindestens noch mal so viele hängen indirekt vom Unternehmen ab. Dieses erhält seine Weisungen aus der US-Zentrale in St. Louis. Dort wurde wohl auch die Strategie entwickelt, mit der Insolvenzankündigung den zweiten Aufschub für die Umsetzung der Umweltauflagen durchzusetzen, mutmaßen KritikerInnen des Konzerns. Denn der Mutterkonzern in den USA hätte wohl locker die Mittel gehabt, um mit frischem Kapital eine Insolvenz abzuwenden, rühmt sich die Zentrale in St. Louis doch damit weltweit führender Bleiproduzent zu sein. Auch bei Kupfer, Zink und anderen Industriemetallen ist das Unternehmen, welches zur Renco Group des US-Milliardärs Ira Rennert gehört, nicht unbedingt ein Leichtgewicht der Branche. Allein die peruanische Tochter machte 2007 einen Umsatz von 1,45 Milliarden US-Dollar.
Mehrmals täglich rattern Züge über die abgefahren Gleise in das 1922 gegründete Werk. 1997 wurde der Industriekomplex von der staatlichen peruanischen Gesellschaft Centromin an den US-amerikanischen Investor verkauft. „Doe Run verpflichtete sich damals eine ganze Reihe von Umweltauflagen im Laufe der Jahre umzusetzen, darunter den Bau von drei Entschwefelungsanlagen“, erklärt Miguel Curi und postiert sich vor dem Haupteingang. Der befindet sich auf der rechten Seite des Tals, in dem La Oroya liegt. Auf der linken Seite des Talkessels liegt die Altstadt und dazwischen schlängeln sich der schmutzigbraune Mantaro, der größte Fluss der Region, und die Straße nach Lima dahin. Die Straße ist eine der Lebensadern Limas, denn sie ist die einzige Verbindung zur nahegelegenen Landwirtschaftsregion von Huancayo. „Der gesamte Schwertransport muss durch dieses Nadelöhr“ erklärt Miguel Curi und deutet mit dem Arm auf die Straße, die direkt vor dem Haupteingang zum Werksgelände von Doe Run Perú einen Knick macht. Diese Straße haben die Arbeiter im August und im September mehrfach blockiert, um bei der Regierung den erneuten Aufschub der Erfüllung der Umweltauflagen zu erreichen. „Bei den Auseinandersetzungen zwischen Polizei und den Malochern an den Schmelzöfen starb ein Polizist und die Regierung in Lima knickt schließlich hilflos ein und gewährte den Aufschub für den Aufschub“, ärgert sich Curi. Vollkommen überraschend kam das nicht und deshalb klagt Curi gemeinsam mit 64 weiteren BewohnerInnen der Altstadt vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen den peruanischen Staat. „Der schützt unsere Menschenrechte nicht und eigentlich müsste man die ganze Stadt verlagern, denn Erzverarbeitung und städtisches Leben passen nicht zusammen – selbst bei Einhaltung modernster Umweltstandards“, betont Curi und deutet auf den schmalen Grünstreifen. Die Gärtner haben dort aus gekalkten Kieselsteinen ein „Bienvenido“ , Herzlich Willkommen, geformt. „Regelmäßig wird die Erde ausgetauscht, damit hier überhaupt etwas wächst“, meint Curi spöttisch. Ab Anfang November, so haben die Manager in Lima nach dem Parlamentsbeschluss frohlockt, soll der Schornstein wieder rauchen. Woher das Geld dann kommen soll, um die Verbindlichkeiten bei Lieferanten abzutragen, hat das Unternehmen noch nicht bekannt gegeben. „Aber Doe Run Perú hat während des Bergbaubooms der vergangenen Jahre prächtig verdient. Dann muss eben mal vom Norden in den Süden transferiert werden“ lästert Miguel Curi. An der Plaza Libertad wird das ähnlich gesehen und auch Angelica Castilla glaubt nicht daran, dass der Staat dem Unternehmen jemals auf die Füße treten wird. Die 31-jährige, die seit ihrer Geburt unter einem Hüftschaden leidet, lebt mit ihrer Familie in direkter Nähe der Plaza Libertad in einer hölzernen Baracke. Armselige Lebensbedingungen, die jeder Beschreibung spotten und selbst die Firma hat der kranken Frau erklärt, dass es besser wäre zu gehen. „Aber wohin? Wir haben kein Geld und der Schwermetallcocktail, den ich einatme, macht mich krank. Arsen ist höchstwahrscheinlich dafür verantwortlich, dass ich meine Sehkraft verliere. Das hat mir der Arzt gesagt und erklärt, dass ich erblinden werde, wenn ich nicht wegziehe“, sagt die Frau und rollt mit den Augen. Hilflos und im Stich gelassen fühlt sie sich von der eigenen Regierung. Die hat sich erpressen lassen und für die Menschen und die Umwelt in Peru ist das keine gute Nachricht. Ab Anfang November sollen die giftigen Schwaden schließlich wieder aus dem Schornstein aufsteigen.

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