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Von Jangadas und Jangadeiros

Das Leben beginnt früh in Prainha do Canto Verde. Ab Sonnenaufgang, gegen sechs Uhr sind alle im Dorf wach und mehr oder weniger beschäftigt. Die Fischer sind bei ihren Netzen oder Segelbooten am Strand, andere arbeiten in ihren Gärten. Eine Gruppe von zehn bis zwölf-jährigen Mädchen wartet vor der Dorfschule. Sie vertreiben sich die Wartezeit, indem sie „Mannequin“ spielen. Die Terrasse der Schule dient ihnen als Laufsteg.

Ein traditionelles Fischerdorf

Prainha do Canto Verde ist eines der letzten traditionellen Fischerdörfer im Nordosten Brasiliens. Es liegt rund 120 Kilometer südöstlich von Fortaleza, der Landeshauptstadt Cearas, entfernt und besteht im Großen und Ganzen aus ein paar Dutzend verstreut liegenden, kleinen Häusern mit üppigen Vorgärten, einer Schule, einer Bäckerei, einem Dorfladen, zwei einfachen Pensionen, einem Fischereihaus, wenigen Palmen, keiner Kirche und einem endlos langen und breiten Sandstrand. Jeden Morgen warten dort mehrere jangadas darauf, ins morgendlich silbergraue Meer geschoben zu werden. Jangadas sind kleine traditionelle, je mit einem Dreiecksegel bestückte Fischerboote, die flach wie Flöße und bis etwa fünf Meter lang sind. Die Männer und manchmal auch Frauen, die sich mit diesen Booten weit aufs Meer hinaus trauen, um dort bis zu vier Tage lang am Stück zu fischen, heißen in Brasilien Jangadeiros. Die Jangadas von Prainha do Canto Verde sind nicht nur Teil eines nachhaltigen Fischereiprojektes zusammen mit dem internationalen Marine Stewardship Council und dem Instituto Terramar zur nachhaltigen Küstenentwicklung von Ceara, sie sind ebenso „Markenzeichen“ des „Projeto de Ecoturismo de Prainha do Canto Verde“.
Die meisten der rund 1100 Einwohner Canto Verdes sind entweder Fischer oder stammen von Fischerfamilien ab. Auch der 38jährige João ist Jangadeiro und Sohn eines Jangadeiros. Mit kurzen Hosen und nacktem Oberkörper kommt er gerade vom Strand herauf und trägt zwei prächtige, unterarmgroße Fische in der kräftigen Hand. „Bonitos“ (Thunfische), sagt er und zeigt sie mir stolz lächelnd. Seine Frau Aila werde sie uns zum Abendessen zubereiten.
Anders als sein Vater fischt João nur gelegentlich. Ihm gehört zusammen mit Aila die Pension „Sol e Mar“. Die kleine, einfache Pension ist Teil des „Projeto de Ecoturismo de Prainha do Canto Verde“. Gleiches gilt für die Privatzimmer und zwei Ferienhäuschen, die einige Fischerfamilien an Urlauber vermieten.

Sozial verantwortlicher Tourismus

Denn anders als in den meisten Tourismusregionen Brasiliens oder anderen der so genannten Entwicklungsländer, sollen hier in Canto Verde nicht große Hotelunternehmen oder ausländische Investoren an den Urlaubern verdienen, sondern die Einheimischen vor Ort selbst. Dies ist einer der Gründe, weshalb das Öko-Tourismusprojekt Canto Verdes vergangenen März in Berlin, während der Internationalen Tourismusbörse den Todo-Award für sozial verantwortlichen Tourismus bekam.

Tages- und Massentourismus unerwünscht

„Wir haben hier noch etwa 150 Jangadeiros“, sagt João. Doch weil in der Vergangenheit Raubfischer aus anderen Gegenden die Fischgründe Canto Verdes fast kaputt geplündert haben, reiche es nicht mehr zum Leben. Haifische beispielsweise gebe es in den Fanggründen so gut wie keine mehr. Sie wurden rücksichtslos gefischt, nur um aus ihren Flossen Kapital zu schlagen. Jetzt hätten es die Raubfischer vor allem auf die lukrativen Langustenbestände abgesehen, die normalerweise den Hauptverdienst der Jangadeiros von Canto Verde ausmachen. Der Tourismus solle nun die Einnahmen aus dem nachhaltigen Fischfang ergänzen sie aber nicht ersetzen. „Ein Turismo tranquilo“, betont João. „Wir wollen hier keinen lauten Tourismus, keinen Massentourismus wie in Canoa Quebrada.“
Das einstige Fischerdorf Canoa Quebrada nur knapp 60 Kilometer weiter südlich dient den Menschen von Prainha do Canto Verde seit Jahren als abschreckendes Beispiel. Schon vor etwa zwanzig Jahren entwickelte sich Canoa zu einem beliebten Ziel für „Hippies“ und „Teilzeitaussteiger“, vor allem aus Europa. Nach und nach kauften „Hippie-Touristen“ und Hotelunternehmen für wenig Geld Häuser und Land der Fischer auf, bauten zuerst ein Hotel, ein Restaurant und dann eins neben dem anderen. Es entstand eine Vergnügungsmeile mit zweifelhaften Kneipen und Sextourismus, ein „Broadway“, wie die Leute hier sagen. Die ehemaligen Fischerfamilien Canoas leben nun irgendwo hinter den Dünen und verdingen sich diesem Massentourismus als billige SaisonarbeiterInnen oder sind gänzlich verarmt. „Die Herren von Canoa sind heute alles Leute von außerhalb“, sagt João, die „Einheimischen sind die Diener.“
Eine ähnlich negative, aber im Vergleich zu Canoa – so Joao – noch „harmlose“ Tourismusentwicklung spielt sich derzeit im nur rund 20 Kilometer entfernten Morro Branco ab. Dort gibt es zwar noch Jangadeiros, doch auch sie leben nicht mehr am Strand. Statt Fischerhäusern stehen nun Pensionen und Restaurants dort, und ein gutes Dutzend Bars bevölkern den Strand. Bis etwa zehn Uhr morgens ist das Leben in Morro Branco noch beschaulich und erträglich. Doch dann kommen die ersten, vollklimatisierten Reisebusse aus Fortaleza, und sie bringen eine gefährliche Fracht: Tagestouristen. Morro Branco mit seinen eindrucksvollen, steilen Sand- und Lehmklippen – ähnlich Portugals Algarve – wird für einige Stunden zu einem lärmenden Vergnügungsspielplatz für je nach Saison Dutzende oder Hunderte von brasilianischen, naiv-rücksichtlosen Tagesgästen. Strandbuggies fahren lärmend und luftverpestend auf und ab, und an ihren Halteplätzen wartende Reisebusse stoßen dröhnend rußende und stinkende Abgase aus. Es scheint als würden die Fahrer niemals die Motoren ihrer Busse abstellen. Wie gut, dass es für Urlauber, die weniger Konsum, dafür aber umso mehr Ruhe suchen, Prainha do Canto Verde gibt.
Seit kurzem führt zwar eine schmale, frisch asphaltierte Straße nach Canto Verde. Die großen, klimatisierten Reisebusse des Tagesmassentourismus fahren aber nicht hierher. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, dafür steht die Vereinigung der Dorfbewohner Canto Verdes, die „Associacão dos Moradores“. Statt echter Haifische suchen seit 1991 zwar immer wieder Immobilienhaie die Küste Canto Verdes heim und versuchen billig Häuser und Grundstücke aufzukaufen. Doch die Associãco dos Moradores hat den Bodenspekulanten längst durch ein strenges, lokales Boden- und Eigentumsgesetz einen Riegel vorgeschoben. „Häuser und Grundstücke dürfen nur mit Genehmigung der Associãçao dos Moradores verkauft werden“, heißt es im Regelwerk für die Landnutzung Prainha do Canto Verdes.

Trockentoiletten sollen Grundwasser schützen

Auch wenn in Prainha do Canto Verde versucht wird, die falschen Entwicklungen anderer Gemeinden zu verhindern: Canto Verde ist kein rückständiges Dorf, in dem die gute alte Zeit konserviert wird. Im Gegenteil. Dank der Hilfsorganisation „Amigos de Prainha do Canto Verde“ ist die Dorfschule moderner ausgestattet als die meisten Schulen in Brasilien. Die einst auch hier hohe Kindersterblichkeit wurde mittels eines Gesundheits- und Ernährungsprogramms praktisch auf Null gesenkt. Im Fischereihaus wird derzeit mit einer modernen UV-Anlage experimentiert, um das leider stark mit Bakterien verseuchte Grundwasser zu entkeimen. Verschmutztes Trinkwasser ist ein ernstes Problem, das nicht nur Prainha do Canto Verde betrifft, sondern wahrscheinlich die meisten Gemeinden Brasiliens. Denn im größten Land Lateinamerikas gibt es so gut wie nirgends eine vernünftige Abwasserentsorgung. Die Fäkalien „verschwinden“ einfach in einem Loch im Boden, im nächsten Fluss oder werden über eine mehr oder weniger lange Leitung ungeklärt ins Meer abgelassen. Aber die „Freunde von Prainha do Canto Verde“ haben auch dafür eine langfristige Lösung in der Schublade: Trockentoiletten, die statt gesundheitsgefährdendem Abwasser wertvollen, keimfreien Humus produzieren. Die Finanzierung des Projektes stehe bereits, sagt der Schweizer René Schärer, der die Hilfsorganisation koordiniert und seit 1992 in Canto Verde lebt. „Wir könnten sofort jedes Haus in Prainha do Canto Verde mit einer Trockentoilette ausstatten.“ sagt er „Doch die Leute müssten es erst wirklich wollen.“ „Deshalb steht vor der Einführung der Trocken- oder Humustoilette ein“, so René Schärer, „ein breit angelegtes Erziehungsprogramm.“ Es nütze, nichts moderne, alternative Toilettensysteme zu installieren, wenn die Dorfbewohner noch von Bädern oder Wassertoiletten träumen, wie sie sie in den Telenovelas, in den Häusern der reichen Familien São Paulos oder Rios im Fernsehen sehen. Prainha do Canto Verde ist keine Insel der Seligen, und Satelliten senden überall hin. Ab 18 Uhr, wenn es dunkel ist, läuft auch in der Gaststube der Pension der Fernseher. Wie fast jeden Abend haben sich dort ein paar Dorfbewohner vor „O Globo“, dem brasilianischen Fernsehsender mit den beliebtesten Telenovelas für ein, zwei Stunden versammelt.

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