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Von Kolumbus zu Uribe

Fahrrad fahren in Bogotá – ein, wie in vielen anderen Millionenstädten auch, halsbrecherisches Unterfangen. Jedoch nicht an Sonn- und Feiertagen. An diesen Tagen sind große Teile der Straßen für motorisierte Verkehrsteilnehmer gesperrt und voll mit Fahrrädern, Dreirädern, Rollerblades und Fußgängern. Zwei Millionen Menschen bevölkern dann die Straßen, und verwandeln sie in ein buntes Volksfest.
Dies ist das andere Kolumbien, das fröhliche, kreative Kolumbien, das optimistisch in die Zukunft blickt und hoffen lässt, dass eines Tages alles anders sein könnte. Mit der Darstellung dieses anderen Kolumbiens wirbt der Klappentext von Kolumbien verstehen und auch in der Einführung wird es besonders hervorgehoben; im Großteil des Buches, wird es dann allerdings – ebenso wie in der Realität – eher in den Hintergrund gedrängt.
Zunächst liefert der Autor, Werner Hörtner, einen kurzen Überblick über die Geschichte Kolumbiens, angefangen bei Kolumbus, dem Namensgeber des Andenlandes, und der Kolonialisierung. Die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, die Einführung der Sklaverei und die Landverteilung unter der spanischen Krone belegen bereits früh die Wurzeln der sozialen Unterschiede und der daraus folgenden Gewalt – Strukturen, die sich bis heute durch die Geschichte Kolumbiens ziehen. Von Anfang an haben die Oligarchien hierbei, ohne Rücksichtnahme oder Verständnis, ihre Interessen durchgesetzt und die Gewalt als Instrument der politischen Auseinandersetzung traditionalisiert. In den folgenden Kapiteln geht der Autor auf die jüngere Geschichte Kolumbiens ein und schafft einen fließenden Übergang zur heutigen Situation, welche er scharfsinnig darstellt und analysiert.
Er beschreibt die unterschiedlichen Versuche in den letzten Jahrzehnten, Friedensverhandlungen zu führen und die Hintergründe und Ursachen des immer wiederkehrenden Scheiterns derselben. Die Verantwortung dafür tragen in seinen Augen in erster Linie die Paramilitärs und die Oligarchie. Hierbei geht er detailliert auf die Entstehungen der verschiedenen Konfliktparteien, ihre Werdegänge und Probleme ein, keine der Parteien verschont er dabei mit Kritik.
Neben den großen Konfliktparteien stellt er auch die Situation der Zivilbevölkerung dar, die immer wieder zwischen die Fronten gerät, besonders, wenn sie versucht, ebenfalls Friedensinitiativen, wie etwa in der Friedensgemeinde von San José de Apartadó, zu ergreifen oder sich in Nichtregierungsorganisationen oder Gewerkschaften zu organisieren.
Die Problematik der indigenen sowie der schwarzen Bevölkerung stellt Werner Hörtner in separaten Kapiteln vor. Hierbei ist besonders seine Kritik an der FARC, der größten kolumbianischen Guerilla, interessant. Ihr wirft er eine „von einer kolonialistischen Herrenmentalität geprägten Politik“ vor, welche die Probleme der Indigenen ignoriert und sie sogar ebenfalls unterdrückt. Er kritisiert die FARC aber auch, zwar im Namen des Volkes zu agieren, dessen Situation aber schon seit langem nicht mehr zu analysieren und zu berücksichtigen.

Das andere Kolumbien

Aufgelockert wird das Buch durch einzelne Texteinschübe, welche sich auch durch ein anderes Layout vom Rest abheben. Diese scheinen frühere journalistische Beiträge oder separat geschriebene Texte des Autors zu sein, eine eindeutige Zuordnung eröffnet sich dem Leser leider nicht.
Diese Intermezzi beinhalten Interviews, geschichtliche oder politische Texte, aber auch Kurzbiografien sowie einige Berichte über das angekündigte „andere Kolumbien“. Hier hätte sich dem Autor eine schöne Gelegenheit aufgetan, intensiver auf dieses kreative, charmante Kolumbien einzugehen und punktuell, ohne den roten Faden des Buches zu unterbrechen, ein positives Gegengewicht zur gewalttätigen Realität aufzuzeigen. Wer Kolumbien kennt, weiß, dass es mehr ist als Kriminalität, Drogen und Krieg – ohne deren Existenz in Frage zu stellen oder beschönigen zu wollen.
So sind diese Texteinschübe leider nur einzelne Zwischeneinwürfe, die sich zwar auf den Gesamttext beziehen, aber eigentlich relativ zusammenhanglos da stehen.
Das Buch gibt einen guten Überblick über die Geschichte Kolumbiens und eine gut analysierte Darstellung der aktuellen Konflikte in Kolumbien sowie deren geschichtlicher Hintergründe. Wer jedoch auf die Beschreibung des „Charmes, der Schönheit und der Kreativität“ Kolumbiens, wie der Verlag das Buch beschreibt, neugierig ist, könnte etwas enttäuscht werden.
Ein anderes, ein fröhliches, optimistisches Kolumbien will dieses Buch zeigen. Fahrrad fahren in der Millionenstadt Bogotá, das jährliche Literatur-Festival in Medellin. Doch gerade diese kreativen Hoffnungsschimmer, mit denen das Buches beworben wird und die der Autor in der Einführung besonders hervorhebt, gehen weitgehend unter.

Werner Hörtner: Kolumbien verstehen. Geschichte und Gegenwart eines zerissenen Landes. Rotpunktverlag 2006, 311 Seiten, 19,80 Euro

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