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Von Lateinamerika lernen

In Europa wird viel über Lateinamerika geschrieben. Doch werden in der Wissenschaft meist die eigenen Theorien auf Lateinamerika angewandt. Eine zentrale Motivation dieses Bandes ist es, den bislang kaum vorhandenen Wissenschaftsdialog voranzutreiben. Und zwar gleichberechtigt. Da das bis heute meist nicht der Fall ist, fand bei dem 54. International Congress of Americanists (ICA) 2012 in Wien ein Symposium zu dieser Problematik statt. Eine Woche später wurde der Austausch in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin in leicht veränderter Konstellation fortgeführt. Um anzufangen diese (Wissens-)Lücke zu schließen, erschien 2015 der Sammelband Der Staat in Lateinamerika. Kolonialität, Gewalt, Transformation.
Er bringt Beiträge von Wissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich, Mexiko, Argentinien und Bolivien zusammen. Den Herausgeber*innen ist bewusst, dass damit große Teile Lateinamerikas nicht abgedeckt sind, und natürlich handelt es sich nicht um einen abschließenden Überblick. Das wird auch nicht erwartet, denn der Sammelband ist sehr gut geeignet, um einen Einblick in dieses große Themenfeld zu geben. Sowohl für Lateinamerika-Neugierige wie auch -Kenner*innen.
Damit beide Gruppen mit den Theorien arbeiten können, ist der erste der vier Abschnitte eine Einführung, in der theoretische Perspektiven zusammengefasst worden sind. Im zweiten Kapitel beschäftigen sich verschiedene Beiträge mit den Themenfeldern Staat und Kolonialität und im dritten mit Staat und Gewalt. Zum Abschluss widmen sich mehrere Artikel dem Thema Transformation. Einige der Theorien widersprechen sich, was jedoch umso deutlicher die Vielfalt der Ansätze aufzeigt. Der postkoloniale Ansatz wird immer wieder betont: „Die lateinamerikanische ‚Peripherie‘ wird in der Regel als Forschungsobjekt, aber nicht als Ort von Theorieproduktion wahrgenommen – typisches Merkmal einer eurozentristischen Wissenschaftspraxis.“
Mit der Herausgabe von Artikeln mehrerer lateinamerikanischer Wissenschaftler*innen wird hier ein Zeichen gesetzt. Kritisieren lässt sich jedoch, dass die Sprecher*innenposition, auf welche die Herausgeber*innen sich selbst in der Einleitung beziehen, problematisch ist. Bei der Sprecher*innenposition wird nicht so sehr betont, was gesagt wird, sondern wer es sagt. Dass die Herausgeber*innen in diesem Sammelband eine Deutsche und ein Österreicher sind, zeigt, wie die Idee der Gleichberechtigung oft nicht konsequent durchgehalten wird. Es ist jedoch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, denn Theorien aus Lateinamerika kommen bis heute zu wenig in Europa an. Daher lässt sich nur hoffen, dass sich der Trend durchsetzt und in Zukunft mehr lateinamerikanische Theorien in der deutschsprachigen Wissenschaft zu finden sind.

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