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Von Rio über Berlin nach Montevideo

Der Aufbau des Buches orientiert sich an den sieben Arbeitsgruppen, die sich themenorientiert mit Stand und Perspektive der Nachhaltigkeit Berlins auseinandersetzten. Und schon im ersten Kapitel geht es auch um Lateinamerika. Die im Rahmen der Lokalen Agenda initiierte Städtepartnerschaft Berlin-Köpenick mit Cajamarca/Peru wird als das Positivbeispiel einer Verbindung von Umwelt- und Entwicklungspolitik dargestellt. Trotz geringer finanzieller und personeller Kapazitäten besteht auf beiden Seiten ein Interesse an der Vertiefung des sich nach wie vor in der Aufbauphase befindenden Projekts. Konkrete Kooperationsvorhaben im Bereich der Umweltbildung und im Jugendbereich sind anvisiert, und der Austausch von StudentInnen und Berufstätigen konnte bereits intensiviert werden. Bei den anderen Agenda-Akteuren (z.B. Bezirksämter, private Initiativen) wird hingegen kritisiert, daß „außer Umwelt nix gewesen ist“.
Das zweite Kapitel „Flucht und Migration“ hat in punkto Lateinamerika nichts zu bieten, ist jedoch besonders lesenswert. Das Kapitel bietet einen Überblick über die Lage diverser Gruppen von MigrantInnen (Bürgerkriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien, ehemalige vietnamesische VertragsarbeiterInnen, polnische Bauarbeiter etc.). Anschaulich wird dargestellt, wie sie immer stärker in die Illegalität gedrängt werden. Einen Bezug zu Lateinamerika gibt es dennoch – das Kapitel entstand unter der Federführung des Herausgebers, des Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile/Lateinamerika (FDCL).
Inhaltlich kommt Lateinamerika im folgenden Kapitel „Wohnen-Verkehr-Stadtentwicklung“ wieder zur Geltung. Die Entwicklung der Wohnungspolitik in Berlin (z.B. Einfluß der Migration) wird ausgiebig dargestellt, ebenso wird ein Blick weit über den Stadtrand hinaus gewagt, nach Jakarta, Istanbul, aber auch nach Cajamarca und Montevideo. Und eben Montevideo wird als Vorbild in Sachen Dezentralisierung gepriesen. Seit 1990 die Frente Amplio in der uruguayischen Hauptstadt amtiert, ist eine aktive und gleichberechtigte Beteiligung aller StadtbewohnerInnen Programm. Als erster Schritt wurden die 64 barrios (Stadtviertel) zu 18 Zonen aus je drei oder vier barrios zusammengefaßt. In den einzelnen Zonen mit rund 100.000 EinwohnerInnen wurde eine dezentrale Struktur aufgebaut, die aus drei Säulen besteht: dem Nachbarschaftsrat, der Delegiertenversammlung und dem kommunalen Zentrum. Dabei wird der Nachbarschaftsrat direkt von der Bevölkerung gewählt, diskutiert die Resolutionen der Stadtverwaltung und entscheidet über Baumaßnahmen in der Zone. Koordiniert werden die drei Säulen durch ein von der Stadtverwaltung bestimmtes Sekretariat. In der Agenda 21 festgeschriebene Forderungen, wie die Einleitung von Konsultationsprozessen auf allen Ebenen und ein Mitgestaltungsrecht für alle gesellschaftlichen Gruppen, sind in Montevideo bereits erfüllt. Berlin hat hier noch Nachholbedarf. Nachholbedarf, der sich auch in den abschließenden drei traditionellen Ökologie-Kapiteln manifestiert. Egal ob Ressourcenverbrauch, Nahrungsversorgung oder Lebensweisen, Berlins Bilanz ist ausbaufähig. Positive Beispiele aus Lateinamerika sind diesbezüglich Fehlanzeige – im Buch und wohl auch in der Realität.

Berlin 1998, (FDCL-Verlag), 284 Seiten mit 106 Fotos.
Bezug: LN-Vertrieb.

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