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Vorsicht! Informationen unter Verdacht

Wessen Wirklichkeit wird in den Medien repräsentiert? Wer legt fest was der Öffentlichkeit als Realität verkauft wird? Informationen bestimmen entscheidend die Lebensverhältnisse von Menschen auf der ganzen Welt. Und überall wird mittels Information Herrschaft ausgeübt. In vielen lateinamerikanischen Ländern befinden sich die großen Medien in den Händen der besitzenden Klasse, manchmal nur weniger Familien eines Landes, die dadurch die eigene Machtposition sichern. Und nicht zuletzt ökonomisches Interesse bestimmt, was schließlich zur Nachricht wird und was nicht.
Die Realität, die sich in Fernsehen, Radio und Zeitungen widerspiegelt, entspricht damit nur bedingt der Lebenswirklichkeit großer Teile der Bevölkerung. Dieser Schwerpunkt beschäftigt sich mit alternativen Medien in Lateinamerika, die Informationen aus einer anderen Perspektive produzieren. Initiativen werden vorgestellt, die mit und ohne kommerziellen Interessen gesellschaftlich marginalisierten Gruppen und sozialen Bewegungen eine Stimme geben, und AktivistInnen, die daran arbeiten, Repräsentation aufzuheben und selber in der Öffentlichkeit zu sprechen.
Die mexikanische Soziologin Martha Zapata Galindo erläutert im Interview die Rolle des Internets als alternatives Medium. Sie spricht über die Möglichkeiten, die das Internet für die Organisation und Vernetzung von sozialen Bewegungen bietet. Durch die Verquickung von technischem Know-how, Cyberaktivismus und politischer Arbeit können virtuelle wie reale Grenzen überschritten und Kontrollen umgangen werden.
Insbesondere Radio spielt in Lateinamerika eine große Rolle. Über die legale Situation von freien und nichtkommerziellen Radios in Mexiko informiert der Artikel von Kristin Gebhardt. Wie in Mexiko wird auch in Guatemala vehement ein neues Mediengesetz gefordert, das alternative Radioprojekte legalisiert und ihnen Sendefrequenzen sichert.
Die Medienkonzerne in Venezuela befinden sich in den Händen der rechten Opposition. Um der einseitigen Berichterstattung entgegen zu wirken, unterstützt die venezolanische Regierung seit 1998 Basisinitiativen, wie beispielsweise Nachbarschaftsradios, mit technischer Ausrüstung. Malte Daniljuk stellt das kontrovers diskutierte venezolanische Mediengesetz vor, das erst vor wenigen Monaten verabschiedet wurde: es schreibt eine soziale Verantwortung der Medien fest und reglementiert die Inhalte.
Mit dem gesamt-lateinamerikanischen Fernsehsender Telesur will eine Kooperation verschiedener Länder Südamerikas unter der Federführung von Venezuela und Argentinien ein alternatives Projekt im großen Stil ins Leben rufen. Der argentinische Journalist Diego Iturizza befragt den Generalsekretär des Senders, Aram Aharoniam, kritisch über die Wiederbelebung der lateinamerikanischen Integration und das Ziel, eine Alternative zu den großen Medienmonopolen aufzubauen.
Alternativ sind Medien auf Kuba schon, sobald sie nicht staatlich gesteuert werden. Bis heute ist die Medienkontrolle auf Kuba streng. Trotzdem ist der Zugang zu alternativer Information auf der Karibikinsel in den letzten Jahren vielseitiger geworden, besonders durch das Internet. Lotte Arndt analysiert Geschichte und Gegenwart kubanischer Medienpolitik.
Mit CIMAC und Cerigua werden zwei Nachrichtenagenturen porträtiert, deren Schwerpunkt auf gesellschaftlichen Gruppen liegt, deren Anliegen in den Mainstream-Medien oft keinen Raum finden. Aus Guatemala berichtet Markus Plate über Cerigua, die seit dem Bürgerkrieg Menschenrechtsverletzungen öffentlich anprangert. Bis heute richtet sie ihren Fokus auf die Lebensbedingungen der indigenen und ländlichen Bevölkerung, die Arbeit von Gewerkschaften, MenschenrechtsaktivistInnen sowie Jugendliche und Kinder. Die Journalistinnen der mexikanischen Agentur CIMAC, vorgestellt von Georg Neumann, produzieren Nachrichten aus Genderperspektive.
Kristin Gebhardt widmet einen Artikel der argentinischen Radiogruppe La Colifata, die Medienproduktion als Therapieform nutzt. Einmal wöchentlich geht das Projekt aus der psychiatrischen Klinik La Borda in Buenos Aires auf Sendung.
Saskia Vogel berichtet aus Brasilien, wie die Monatszeitschrift Caros Amigos bei stetig wachsender Auflage einer alternativen und unangepassten Berichterstattung treu bleibt.
Harry Thomaß besuchte das Independent Media Centre in San Cristóbal de las Casas im Süden Mexikos. Neben der Migration in den Norden stehen dort insbesondere die Zapatistas im Mittelpunkt der Berichterstattung.
Den Schwerpunkt begleitet eine Fotoserie mit Graffities und stencils aus Mexiko, Argentinien und Chile. Mauern und Häuserwände werden weltweit als Medium für alternative Kommunikation und Ausdruck von Kultur genutzt. Manchmal ähneln sich Botschaften und Bilder im öffentlichen Raum, ob sie aus Berlin, Barcelona oder Buenos Aires stammen. Doch auch der lokale Kontext ist Teil des Werkes. Am liebsten hätten wir immer noch die ganzen Häuser, Straßen und barrios abgebildet, wo die Bilder entstanden. Aus Platzgründen ging das natürlich nicht. Schade. Wir bedanken uns bei Wolf-Dieter Vogel und Harry Thomaß für die Graffitiefotos, sowie bei der Zeitschrift Cortejar aus Buenos Aires für die zahlreichen Aufnahmen der stencils.

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