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Wandernde Galerien

Über Nacht ist eine Galerie aus Holz auf einem öffentlichen Platz in Vitacura, einem Oberschichtsviertel in Santiago de Chile, aufgebaut worden. „Reichtum verblödet“ und „Armut stumpft ab“ steht auf der Außenwand des Fertighäuschens, das eigentlich als Notunterkunft für Hochwassergeschädigte konzipiert war. Die Arbeit des chilenischen Künstlers Christián Silva findet schnell Anstoß. Bei ihrer zweiten Station wird die Galerie von den lokalen Behörden abtransportiert. Erst nachdem die Initiatoren des Projekts, José Pablo Díaz und Rodrigo Vergara, die Wände überstreichen lassen, darf die Galerie weiterwandern.
Die nomadisierende Galerie wird so zum Sinnbild für das, was in den vergangenen Jahren in der Kunstszene Chiles in Bewegung gekommen ist. Auf der einen Seite der rechts-konservative Mainstream, der langsam die Hegemonie verliert, auf der anderen eine „kleine aber umtriebige Szene“, die den „großen Gesten und Erzählungen (auch ihrer linken Vorgänger) misstraut“.
Anknüpfungspunkt ist dabei die legendäre Künstlergruppe Cada um Raúl Zurita und Diamela Eltit, die zu Zeiten der Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet (1973 bis 1990) in ihren Werken mehrdeutige Botschaften zum Ausdruck brachte und neue Technologien (Video, Performances und spektakuläre Flugblattabwürfe aus Flugzeugen) einführte.

Polaroid der Gegenwart
Die neuen sozialen Bewegungen und die künstlerische Subkultur haben in den vergangenen Jahren angefangen, sich die urbane Öffentlichkeit wiederanzueignen. In „Chile International. Kunst Existenz Multitud“ lassen Andreas Fanizadeh und Eva Christina Meier in Interviews, Fotos, Reportagen und Essays diese ProtagonistInnen zu Wort kommen.
Dabei ist „Chile International“ zum einen ein Blick in die Vergangenheit, der die Projekte einer nie vollendeten Moderne einer kritischen Revision unterzieht, zum anderen ein Polaroid der gegenwärtigen Entwicklungen in der alternativen Kunstszene und der Versuch, den Dialog mit aktuellen europäischen Theorie- und Kunstdebatten zu eröffnen.
Toni Negris Konzept der Multitude wird ebenso zum Referenzpunkt einer Suche nach dem widerständigen Potential subkultureller Bewegungen, wie auch der Versuch, Songtexte der Hamburger Band Tocotronic durch ihre Übertragung ins Spanische in einen andere Kontext zu setzen. Dirk von Lowtzow singt „Keine Angst für Niemand“ – ein Motto, das auch für die neuen sozialen Bewegungen in Chile gelten mag, die sich nach Jahren der Repression und der von oben verordneten Geschichtsvergessenheit neu positionieren: Vor allem gesellschaftliche Minderheiten fordern kämpferisch ihre Rechte ein, wobei es, laut den Herausgebern, „weniger um die Utopie einer kompletten Überwindung als vielmehr um die Teilhabe am Bestehenden zu gehen scheint“.
In der Diskussion stehen auch eurozentristische Entwicklungsmodelle: Während Ende der 50er bis Anfang der 70er Jahre bei der Planung neuer Stadtteile und Siedlungen noch versucht wurde, zur westlichen Moderne aufzuschließen, reagiert die künstlerische Szene heute bewusst auf die Gegebenheiten vor Ort: die starke Hierarchisierung des städtischen Raums und die soziale Segregation.
Eine nomadisierende Galerie konfrontiert die BewohnerInnen von Vitacora mit der prekären Architektur der Peripherie, Galerien mit Konzeptkunst öffnen ihre Pforten in traditionellen Arbeitervierteln. Das ermöglicht, dass sich Menschen und Ideen begegnen, die durch die Umsiedlungspolitik der Pinochetdiktatur und die marktradikale Freigabe von Grundstückspreisen, getrennt worden waren.

Andreas Fanizadeh und Eva-Christina Meier (Hg.): Chile International. Kunst Existenz Multitud. ID Verlag, Berlin 2005, 160 Seiten, 14,80 Euro.

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