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Weit ab von der Realität

Wie kam es zu der Konzeption des Katasterprojekts, wie es in Guatemala durchgeführt wird, und wer war hauptsächlich dafür verantwortlich?
Die Zeit, in der das Projekt geschaffen wurde, war die Zeit der guatemaltekischen Demokratisierung nach der Unterzeichnung der Friedensverträge. Es gab eine Menge Energie für viele verschiedene Initiativen. Die Friedensverträge sprachen von Landverteilung, der Schaffung besserer Vermarktungsmöglichkeiten für Kleinbauern, der Veröffentlichung von Informationen zur Landfrage und von historischen Forderungen. Insgesamt ging es um die Schaffung von Gerechtigkeit im Agrarsektor. Was jedoch die Weltbank in diesem Moment präsentierte, war ein stark simplifiziertes technisches Modell. Ich glaube, das schlimmste Erbe dieses Projekts ist die Verkehrung der Idee einer Agrarreform im Sinne einer gerechteren Verteilung des Lands an diejenigen, die es bearbeiten. Diese Idee wurde in eine rein technische Angelegenheit der korrekten Messung von Koordinaten mit dem GPS verkehrt, eine völlig entpolitisierte Sache. Und so wurde all die Energie umgelenkt, die so viele Leute in die Umsetzung der Forderungen aus den Friedensverträgen gesetzt hatten. Die zivilgesellschaftlichen Organisationen wurden besessen davon, das Modell der Weltbank entweder auszuführen oder zu kritisieren, während alle anderen Pläne verloren gingen.

Wie reagierte die Weltbank, als Sie den Vorschlag einer Evaluierung machten?
Ich habe mich oft gefragt, warum die Bank sich gerade in diesem Moment zu einer Evaluierung bereit erklärte. Ich glaube, sie hoffte dadurch ihre Beziehungen zur guatemaltekischen Regierung verbessern und die zweite Phase des Projekts zurück auf die Spur bringen zu können. Die Bank hört sehr genau zu, wenn es um Anschuldigungen der Vertreibung indigener Bevölkerungsgruppen geht. Das liegt daran, dass es seit den 1970er Jahren eine lange Geschichte sehr effektiver Advocacy-Arbeit indigener Organisationen gibt. Auch wir hatten ihnen schon seit Jahren unsere Veröffentlichungen geschickt, und sie waren sich der Kritik bewusst.

Was kann der Auslöser für die damalige Reaktion auf die schon jahrelang geübte Kritik gewesen sein?
Es war wohl auch unser Dokumentarfilm über die Vertreibung der Q’eqchi’es, insbesondere über die durch Ölpalmenplantagen vertriebenen Gemeinden, der die Bankmanager berührte. Es gibt eine seltsame Dynamik in der Weltbank mit diesen Leuten, die nur in ihren Schuhschachteln arbeiten, auf ihren Missionen in Hauptstädte fliegen, in teuren Hotels absteigen und einfach vergessen haben, worum es wirklich geht. Sie sind völlig von der Realität losgelöst, und deswegen treffen sie schlechte Entscheidungen. Wir Aktivisten können ihnen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, indem wir sie über unsere Dokumentationsarbeit wieder in Verbindung bringen mit den Konsequenzen ihrer Handlungen in der Realität.

Wenn Sie sagen, dass es notwendig ist, Lobby-Arbeit zur Verhinderung einer dritten oder vierten Phase des Projekts zu machen, dann klingt das ein bisschen danach, als hätten Sie keine Hoffnung, dass die guatemaltekische Regierung tatsächlich ihre Land- und Agrarpolitik verändern wollte?
Angesichts der sehr mageren Ergebnisse des Projekts im Petén müsste sich die guatemaltekische Regierung fragen: Ist dieser Kredit, den wir eines Tages zurückzahlen müssen, tatsächlich seinen Preis wert? Ich glaube, es gibt auch innerhalb der Weltbank eine Diskussion darüber, ob der augenblickliche Ansatz wirklich effektiv ist. Ich habe das Gefühl, dass es keine dritte und vierte Projektphase geben könnte. Aber das ist etwas, was wir als Aktivisten weiter mit den Weltbankmanagern in Washington diskutieren müssen. Es gibt da ein delikates Machtverhältnis. Die Weltbank muss sicherstellen, dass die guatemaltekische Regierung weiterhin Kredite für irgendetwas bekommt – seien es Landprojekte oder andere – denn die Weltbank ist schließlich und endlich eine Bank. Und auch wenn sie versteht, dass Projekte in Schwierigkeiten sind, ist die Bank oft nicht dazu bereit, die jeweiligen Regierungen zu kritisieren und die notwendigen Reformen von ihnen zu verlangen, weil sie von ihnen als Kunden abhängig ist.

Wo sehen Sie denn die Möglichkeit für einen Wandel?
Es ist notwendig, dass die Guatemalteken Druck ausüben auf ihre Regierung, denn sie haben der Bank gegenüber viel mehr Macht als sie glauben. Die Bank wird auf ihre Kunden hören – wenn diese sich als solche verstehen – aber die Länder denken oft „Oh, die Weltbank… die schicken uns ganz tolle internationale Berater und wir müssen auf sie hören“. Aber tatsächlich müssen sie das nicht, die guatemaltekische Regierung könnte diese Kredite ablehnen, aufhören ihre Bevölkerung zu verschulden und bessere Beratung einfordern, bessere Projekte.

Infokasten:

Liza Grandia

ist US-amerikanische Ethnologin und lebte lange Jahre in Guatemala. Sie arbeitet seit den 1990er Jahren zu Themen im Kontext der indigenen Bevölkerung Guatemalas und des Naturschutzes, wobei sie sich intensiv mit der Migrationsgeschichte und neuerlichen Vertreibung der Maya-Ethnie der Q’eqchi‘ durch die Landkonzentration im Petén beschäftigt hat. Dazu veröffentlichte sie unter Anderem das Buch Tz‘aptz‘ooq‘eb‘: El Despojo Recurrente al Pueblo Q‘eqchi‘. Sie ist jetzt Professorin an der UC Davis in Kalifornien und war Hauptinitiatorin sowie Koordinatorin der Evaluierung des Katasterprojekts der Weltbank in Guatemala.

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