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Wenn es regnet, tönt der Stein

Wenn man „Gedicht“ wörtlich nimmt, als etwas Verdichtetes, als die kunstvolle Auswahl und Anordnung von Wörtern, die ein Ding genauer treffen als die ungedichtete Wortmasse, dann sind Humberto Ak’abals Verse besonders „stark“ gedichtet:

Das Feuer
Das Feuer
kauernd
nimmt es dem Brennholz seine
Trauer
indem es ihm
sein brennendes Lied summt.

Und das Holz
hört zu
und verbrennt
bis es vergißt
daß es Baum war.

Dieses Gedicht ist schon eines der längeren in „Trommel aus Stein“, nicht selten finden sich nur vier, drei oder zwei Zeilen. Nach Auskunft des Dichters liegt das aber auch am K’iche’-Sprachgebrauch selbst: Was wichtig ist, sagt man kurz.
Ak’abal, der selbst auf K’iche’ schreibt und seine Gedichte dann ins Spanische übersetzt, wird von den Menschen seiner Sprache verstanden. Seine Verse werden weitererzählt, sie sind bekannt, werden verehrt. Sein Erfolg in Guatemala selbst wie auch die langsam wachsende internationale Anerkennung riefen Mißtrauische auf den Plan. Sie warfen Ak’abal vor, er sei „Trittbrettfahrer auf der Welle des Ethnokults“ (so berichtet das der Herausgeber und Übersetzer Erich Hackl in seinem Nachwort). Abgesehen davon, daß er tatsächlich einer indigenen Ethnie angehört, die bisher wenig zu Wort kam – und da ist sein Erfolg ja nur zu begrüßen –, ist an dem Vorwurf nichts dran. Den Gedichten ist alles Seichte und Idyllisierende fremd, und auch die Kehrseite des Ethnoklischees, das Jammern über die Misere, ist nicht anzutreffen. „Trommel aus Stein“ bietet reichlich Gelegenheit, sich davon zu überzeugen.
Ak’abal pflegt den Blick auf Dinge, die aus seiner Alltagserfahrung stammen. Liebe und Tod haben hier genauso ihren Platz wie Steine, Vögel und Menschen. Manche sind unscheinbar, manche groß und überwältigend. Wie selbstverständlich werden sie zusammengebracht, mit Gedanken und Gefühlen ausgestattet, so auch im Gedicht „Das Feuer“. Aber Ak’abal läßt den Dingen doch ihren eigenen Wert, er bezieht nicht alles und jedes auf sich selbst. Feuer und Holz als Allegorien auf zwei Menschen zu begreifen, oder auf Gott und Mensch, das liegt nahe – die Bibel ist voll von solchen Bildern – und ist doch nicht alles. Das „kauernde Feuer“ und das Brennholz mit seiner Trauer, sie sind zunächst einmal sie selbst. Erst danach bieten sie sich für Deutungen an.
Das wunderschön gemachte Buch hat einen Haken: es ist einsprachig. Völlig unverständlicherweise, da bei der Kürze der Gedichte nicht einmal mehr Seiten notwendig gewesen wären, um wenigstens die spanischen Texte unterzubringen, die ja von Ak’abal selbst stammen. An einem Beispiel wird das Dilemma deutlich. Das Gedicht „Steine“, veröffentlicht in der Zeitschrift „Das Gedicht“ 5/97 (vgl. LN 283) geht auf Spanisch so:
Piedras
No es que las piedras sean
mudas:
sólo guardan silencio.
Die Übersetzung:
Steine
Die Steine sind eigentlich nicht
stumm:
sie schweigen nur.
Während also die Steine im Deutschen nur „schweigen“, geht ihre Aktivität im Spanischen viel weiter. „Guardar silencio“ bedeutet zunächst „schweigen“, aber wörtlich „das Schweigen bewahren, behüten“ und so weiter, dies geht über die aktuelle Handlung weit hinaus. Das Schweigen der Steine sorgt dafür, daß es auch in Zukunft Schweigen geben kann. Möglicherweise sind durch die Einsprachigkeit des Buches eine ganze Reihe solcher Feinheiten verloren.
Das ist aber auch schon der einzige Makel. Das Zusammentreffen von sorgfältiger Übersetzung, thematisch und stilistisch repräsentativer Auswahl der Gedichte, lesenswertem Nachwort und der Premierenfrische des ganzen Unternehmens machen das Buch zu einem Muß.

Humberto Ak’abal: Trommel aus Stein. Gedichte, übersetzt und hg. von Erich Hackl, Unionsverlag, Zürich 1998.

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