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„Wer Wandel will, muss sich selbst darum kümmern“

Wer in San José nach der Reiseroute nach Yorkín fragt, erntet fragende Blicke, ist dieses beschauliche Dorf im Südosten von Costa Rica doch weitgehend unbekannt. Der Weg von der Hauptstadt nach Yorkín ist nur in Etappen möglich, knappe acht Stunden dauert die Reise – und das auch nur bei gutem Wetter, wenig Verkehr und passenden Verbindungen. Die erste Busetappe führt von San José im zentralen Hochland über die pista zur Karibik, über die Provinzhauptstadt Limón nach Bribri. Ab hier befinden sich die Reisenden nun im indigenen Gebiet.
Während der ausgemusterte amerikanische Schulbus von Bribri über Schotterpisten nach Bambú fährt, ändert sich die Landschaft. Die an der Karibikküste allgegenwärtigen Bananenplantagen liegen nun rechts an den Ufern des Flusses Sixaola, während sich links die grüne Wand des Primärwaldes erhebt.
In der Trockenzeit kann Yorkín von Bambú aus im Auto, in der Regenzeit nur im Boot über den gleichnamigen Fluss erreicht werden. Letzteres ist ein Abenteuer für sich: eine Stunde gegen die Strömung in einem fünf Meter langen, niedrigen, wackeligen Holzkanu. Die zwei Flößer sind damit beschäftigt, das Boot um Felsen zu lenken, es bei zu flachen Stellen mit zwei langen Stöcken vorwärts zu bugsieren, den Motor am Laufen zu halten und mit Kübeln Wasser aus dem Heck zu schaffen. Es geht vorbei an hohen Felswänden, Stromschnellen und Grün in verschiedensten Facetten.
Wer den Fluss überquert, setzt Fuß auf panamaisches Land. So kommt es, dass im Dorf Yorkín viele Menschen beide Staatsbürgerschaften haben. Das allerdings ist erst seit ein paar Jahren möglich. Costa Rica erkennt die Bribri schon seit den 1970er Jahren als Staatsbürger_innen an, Panama wehrte sich jedoch bis ins neue Jahrtausend dagegen, immer wieder gibt es Streitfälle. Für die Bribri in Yorkín ist die Grenze von geringer Bedeutung und wird als Willkür abgestempelt. Bribri sind für sie Bribri, egal auf welcher Seite des Flusses sie leben.
Yorkín bedeutet in der Sprache der Bribri „Wasserschaum“, knapp 200 Menschen leben hier. Die Häuser sind nach traditionell indigener Art nur aus Holz und geflochtenen Palmblattdächern gebaut. Sie stehen meist einzeln, inmitten der Fincas. Dennoch gibt es in Yorkín eine Art Dorfzentrum, das aus der Schule, dem Versammlungssaal und den Gästehäusern der Organisation Stibrawpa besteht, allesamt umrahmt vom allgegenwärtigen Regenwald.
„Stibrawpa ist Bribri und bedeutet ‚Kunsthandwerkerinnen‘“, erklärt die 50-jährige Prisca, eine kleine, stämmige Frau mit funkelnden Augen. Sie gilt als eine der Chefinnen im Dorf und als Antrieb der Organisation. Da auch alle ihre acht Kinder samt Familien ihr Herzblut in Stibrawpa stecken, hat man es in der Organisation unweigerlich fast immer mit einem Sohn, einer Enkelin oder einem Neffen von Prisca zu tun. Auch im Dorf gibt es niemanden, der nicht schon einmal zusammen mit ihr gearbeitet hätte.
Zusammen mit ihrer Freundin Bernarda gründete Prisca 1976 Stibrawpa. „Das Ziel dieser Frauengruppe war es, Arbeitsmöglichkeiten zu finden, die die Leute im Dorf halten würden. Zu dieser Zeit verließen viele das Dorf, um auf den Bananenplantagen unten am Fluss oder als Saisonkräfte bei der Kaffeeernte im Hochland zu arbeiten. Hier war es sehr schwierig, Arbeit zu finden,“ erläutert Prisca die Gründe, sich zusammenzuschließen. „Wir lebten hauptsächlich vom Kakaoverkauf, aber dann kam Munilia, eine Krankheit, die zu drastischen Ernteausfällen führte. Das reichte nicht mehr aus, um Geld zu verdienen.“ Vor allem die Männer Yorkíns verließen nach und nach das Dorf, um außerhalb Arbeit zu finden. Nur wenige von ihnen schickten das versprochene Geld den Frauen, die mit ihren fünf bis zehn Kindern zu Hause geblieben waren und um ihre Existenz und Identität fürchten mussten. Aus dieser Not heraus schlossen sich immer mehr Frauen den „Kunsthandwerkerinnen“ an, um nicht länger vom Gehalt ihrer Männern abhängig zu sein und um ihren Kindern eine Alternative vor Ort bieten zu können. Die Idee wurde zur Realität. Es begann mit Armbändern und Dekorationsartikeln, dann kamen die ersten Tourist_innen und aus wenigen wurden viele, in manchen Jahren fast tausend pro Jahr.
Die 31-jährige Onik aus Costa Rica kommt schon seit drei Jahren mit nordamerikanischen Freiwilligengruppen nach Yorkín. Die Gruppen bestehen aus zwölf bis 25 Jugendlichen und arbeiten an dem, was gerade anfällt: Bäume pflanzen, Wege reinigen, eingestürzte Häuser reparieren, Dächer flicken. „Die Freiwilligen arbeiten immer mit den Menschen hier zusammen. Das ist ein interkultureller Austausch, der sehr wertvoll ist“, stellt Onik fest.
„Die Lieblingsaktivität ist und bleibt aber die Schokoladenpräsentation, in der uns ein Dorfmitglied den ganzen Prozess von der Kakaofrucht bis zur Essschokolade zeigt“, führt Onik begeistert fort. Traditionell wird die reife, orangefarbene Kakaofrucht geerntet, wenn entweder zunehmender Mond oder Vollmond ist. Dann werden die Kakaobohnen herausgepult, das Fruchtfleisch wird als Wundheilmittel verwendet oder mit anderen Früchten püriert. Sind die Bohnen getrocknet, werden sie geröstet, mit schweren Steinen gemahlen und dann gepresst.
In Yorkín wird aber nicht nur Kakao angebaut. Wer durch eine Finca läuft, sieht Bananenstauden neben Yuccawurzeln, Mais wächst neben Bohnen und dazwischen laufen Hühner und Schweine herum. Für die Menschen hier ist Massentierhaltung weit weg und fremd. Einem Tier Medikamente zu füttern, sei so absurd, wie Chemie auf einen Baum zu sprühen, sagt Prisca mit Blick auf die giftige Bananenproduktion unten im Tal.
Nahrung ist von enormer Bedeutung, die Küche ist in jedem Haus das Zentrum des Geschehens. Hier steht der traditionelle Feuerherd, ein Holzgestell, auf dem Metallplatten liegen, worauf das Feuerholz gestapelt wird. Darüber verbinden zwei bis drei stabile Metallstäbe die Seiten des Holzgerüstes und bilden so die Herd-„Platten“. Je nach Größe passen zwei bis drei Töpfe darauf und wer backen will, funktioniert den Herd einfach um. So wird der traditionelle pudin, der hauptsächlich aus (über)reifen Bananen und Mehl besteht, roh in einen großen Topf gegeben und dann in die Glut gestellt. Um ihn gleichmäßig zu backen, werden einige Holzscheite auf eine dünne Metallplatte gelegt, die den Topf bedeckt.
Neben Süßspeisen gibt es eine Vielzahl traditioneller Gerichte, die meisten haben Reis, Bohnen und Fleisch als Basis. Vor allem bei den Kindern ist guacho, eine Mischung aus Reis, Fleisch und verschiedenem Gemüse, sehr beliebt. Als Delikatesse gilt außerdem xuchi woki, zubereiteter Schweinekopf, den es nur bei besonderen Angelegenheiten und Festen gibt. Bei letzteren darf natürlich der Alkohol nicht fehlen und so wird in Yorkín und in vielen weiteren indigenen Territorien wie in denen der Cabécares chicha, ein Schnaps aus fermentiertem Mais, zubereitet.
„Die Natur ist unsere Basis, ohne sie sind wir nichts“, erklärt Prudencio, ein 42-jähriger Bribri aus einem Nachbardorf. „Unsere Großeltern, unsere Vorfahren haben uns beigebracht, die Natur zu respektieren und sie zu schützen. Wir dürfen unsere Mutter Natur nicht zerstören, sie nicht ausnutzen, sondern müssen dafür sorgen, dass unsere Nachfahren auch noch in ihr leben können.“
Im Glauben der Bribri wird Irriria, ein junges Mädchen, bei einem Fest des Mondes Siwö zertrampelt. Erst durch ihr Blut, das sich auf der ganzen Erde verteilt, können Flora und Fauna entstehen. So wird Irriria auf grausame Weise Mutter Erde, deren Aufopferung Ehrfurcht entgegengebracht wird. „Unser Glaube an Siwö und seine Schöpfung sind ein Beispiel für unsere Kosmovision“, hält Prudencio fest. „Diese ist ein Teil der Autonomie einer jeden ethnischen Gruppe. Wenn wir Sprache, Bräuche, Kunst und diese Kosmovision erhalten, spricht das für unsere Unabhängigkeit.“
Vor allem die Sprache Bribri ist von essentieller Bedeutung. Prudencio ist überzeugt: „Meiner Meinung nach müssen innerhalb einer Gemeinschaft alle, von den Jüngsten bis zu den Ältesten, ihre Sprache beherrschen, da sie ein wesentlicher Ausdruck der Kultur ist. Ohne den Erhalt unserer Sprache können wir nicht von Autonomie sprechen“. Er beschreibt damit jedoch eine Wunschvorstellung, die erst langsam wieder Realität wird: Als in den 1970er Jahren im Zuge einer massiven Alphabetisierungskampagne Lehrkräfte aus der Hauptstadtregion in die entlegenen indigenen Gebiete geschickt wurden, verboten sie Bribri als Sprache in den Schulen und rieten auch den Eltern, von nun an nur noch Spanisch zu sprechen. Eine Generation wuchs heran, die Bribri nicht mehr lernte. In Yorkín gibt es daher viele Familien, in denen zwar die Großeltern noch Bribri sprechen, deren Kinder jedoch kaum oder gar nicht.
Enos, ein kräftiger Mitte-Dreißiger, ist Teil dieser „verlorenen Generation“. Der Lehrer der Sekundarschule Yorkíns spricht kein Bribri und versteht es nur, wenn langsam gesprochen wird. Als er damals die Schule abschloss, begann der Staat auf die ersten Forderungen, Bribri zumindest in den Grundschulen zu lehren, einzugehen. Auch in Yorkíns Grundschule ist Bribri ein Schulfach, im colegio, der Sekundarstufe, jedoch nicht. „Wir müssen uns nach dem Lehrplan des Staates richten“, erklärt Enos. „Demnach gibt es ein einziges Lehrkonzept für ganz Costa Rica, ich muss einem Schüler hier also das Gleiche beibringen wie einer Schülerin in San José. Ich finde das sehr schwierig, da die Kinder hier in einer anderen Realität leben, sie leben und lernen in und von der Natur.“
Von Autonomie im Bildungsbereich sind die Bribri also noch sehr weit entfernt. Enos und andere Lehrkräfte im Territorium fordern daher schon seit Jahren, dass der Staat endlich die Zügel lockert und einem indigenen, flexiblen Lehrplan zustimmt. „Wir wollen das Bildungssystem ändern, es an die Realität anpassen. Darin müssen Kultur, Kosmovision und Sprache enthalten sein. Es muss klar sein, dass es nicht das Gleiche ist, hier oder in San José aufzuwachsen“, fordert Enos.
Zumindest gibt es nur eine „verlorene Generation“, heute sprechen die Jugendlichen in Yorkín meistens fließend Bribri, auch wenn sie es in Alltagskonversationen mit Spanisch mischen, so dass ein neuer Slang entsteht. Der 22-jährige Minor, einer von Priscas Enkeln, spricht Spanisch mit seiner Mutter, Bribri mit seiner Oma und den Slang mit seinen compas. Er fühlt sich wohl in seinem Dorf und sieht keine Notwendigkeit fortzugehen, außer um zu studieren. Das aber auch nur, wenn es Nutzen für seine Heimat bringt.
„Ich will hier bleiben, als fester Bestandteil dieses Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin. Hier, wo ich die Natur um mich habe, wo ich in die Berge gehen kann. Hier habe ich keine Probleme mit irgendwem, ich brauche keine Angst davor zu haben, dass mich jemand überfällt. Die einzige Angst, die ich hier habe, ist, von einem Jaguar angefallen zu werden“, schmunzelt er.
Leider ist dieser Frieden nicht ungetrübt. Momentan gibt es Probleme in der Gegend, vor allem Umweltverschmutzung, Raubbau und Staudammprojekte. „Wasserkraftwerke an den Flüssen Sixaola und Telire lehnen wir Bribri ab,“ erläutert Minor. Erfahrungen in anderen Landesteilen, die Verschlammung und Einbetonierung von Flussläufen, bestärken die Indigenen in ihrer Ablehnung. Der Fluss Sixaola ist mit dem Yorkín verbunden.Wenn ein Wasserkraftwerk den Sixaloa aus dem Gleichgewicht bringt, wirkt sich das auf den Yorkín aus. Fische sterben, Wälder werden überschwemmt, es kommt vermehrt zu Erdrutschen.
Das Land im Territorium der Bribri wird jedoch nicht nur von solchen Projekten bedroht, sondern auch von Nicht-Indigenen, die sich mit ihren Fincas auf indigenem Gebiet niederlassen, auch wenn ihnen das eigentlich verboten ist. Fidelia, Minors Mutter, verurteilt die nicht indigenen Siedler_innen dafür. „Die bleiben da, wo es ihnen gerade passt, meistens im Grenzgebiet zu Panama. Sie glauben, sie wären die Besitzer dieses Landes, was einfach nicht stimmt. Dieses Land gehört uns. Und die Probleme häufen sich jeden Tag, weil sie nie genug kriegen und sich immer weiter ausbreiten. Die haben uns gegenüber kein bisschen Respekt!“
Die einzige Instanz, die dann etwas ausrichten kann, ist ADITIBRI, die lokale, aber vom Staat ins Leben gerufene Organisation zur Integrierten Entwicklung des Indigenen Territoriums der Bribri. Doch auch da gibt es Probleme: Fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung, Korruptionsvorwürfe, Staatsaffinität. Die Organisationen zur Integrierten Entwicklung des Indigenen Territoriums (ADII) entstanden im Zuge des Indígena-Gesetzes von 1977 und auf Basis der ILO-Konvention 169 – als einzige staatlich anerkannte Vertretung der Indigenen in ihren Territorien. Aber die ADII respektieren nicht notwendigerweise die Besonderheiten der Gemeinden, die sie vertreten sollen. Ältestenräte, die es in vielen Territorien gibt, werden meist vom Staat und von den ADII ignoriert. In der Praxis ist das ein Legitimitätsproblem: Oft hat nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung überhaupt einen Bezug dazu, viele kennen die Institution nicht einmal.
Für Prisca ist klar, dass die Lage der lokalen ADII zwar nicht ideal ist, dass es aber momentan keine andere Möglichkeit der Repräsentation gibt. „Der Staat und seine Institutionen stehen uns bei Problemen wie Landraub nicht wirklich bei. Wenn also jemand mein Land annektiert, ist da wenigstens ADITIBRI, die einschreiten und die Polizei holen kann.“
Den Menschen in Yorkín ist aber auch klar, dass solche und andere Probleme nicht einfach an die ADII abgegeben werden können, sondern dass es an ihnen selbst liegt, tätig zu werden. Vor allem Frauen haben in Yorkín bei Dorfangelegenheiten das Sagen. Das liegt insbesondere an der tief verwurzelten Bedeutsamkeit der Frau bei den Bribri. So übernimmt beispielsweise immer die Mutter die Rolle des Familienoberhaupts. „Alles basiert auf der Frau“, erklärt Minor. „Warum? Weil es die Mutter ist, die sich um das Kind kümmert, die es auf die Welt bringt, die ihm unsere Sprache beibringt. Der Vater hilft natürlich mit, aber in unserer Kultur ist es die Mutter, die die Familientraditionen an ihre Kinder weitergibt“
Prisca ist jedoch das beste Beispiel dafür, dass die Situation der Frau in Yorkín nicht immer so rosig war. „Früher war es sehr schwierig für Frauen, das Haus zu verlassen. Wenn sie mir sagten, ich sollte zu einem Treffen gehen, musste ich mir immer etwas Gutes ausdenken, um die Erlaubnis zu bekommen. Da hat sich viel geändert. Heute ist es nicht mehr seltsam, wenn ein Vater auf seine Kinder aufpasst, während die Frau bei einer Besprechung ist.“ Prisca schaukelt in ihrer Hängematte, streicht gleichmäßig über die Köpfe ihrer zwei friedlich schlafenden Enkelinnen und sieht rundum zufrieden aus. „Natürlich könnte vieles besser sein, natürlich gibt es Probleme, aber auch damit kommen wir zurecht.“
Vielleicht ist das Autonomie. Das selbstbewusste Lächeln von Prisca, die unverrückbar an die Beständigkeit von Yorkín glaubt. Die Zuversicht des Lehrers Enos, der für einen indigenen Lehrplan kämpft. Der warme Blick von Fidelia, wenn sie Geschichten von Siwö erzählt. Der Stolz von Prudencio, der den Tourist_innen seine Welt erklärt. Und zu guter Letzt die Überzeugung des jungen Minor, nicht aus seinem Dorf fortzugehen: seinem Yorkín, el pueblo en la esquina del mundo, dem „Dorf am Rand der Welt“, wie er es nennt.

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