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“Wir sind alle eins, im positiven Sinn”

In Deutschland gilt Trinidad und Tobago als afrokaribisches Land, bekannt durch den Karneval und den Calypso. Fast niemand weiß, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung indisch-asiatischer Herkunft sind. Wie läuft es auf Trinidad zwischen den Ethnien, macht jede Community ihr Ding oder gibt es ein multikulturelles Miteinander?

Ich glaube Trinidad ist ein gutes Beispiel für eine multikulturelle Gesellschaft. Selbstverständlich machen die Afrokariben ihr Ding und die Inder machen Ihres. Aber trotzdem verstehen wir uns als eine Gesellschaft – trotz aller Versuche der Politiker, besonders vor Wahlen, die Rassen-Karte auszuspielen. Aber im Alltag leben Afrokariben zusammen mit Indern, mit Europäern. Wir alle sind eins im positiven Sinne, es ist ein gutes Beispiel für die Welt.
Unsere Probleme rühren woanders her, sie kommen direkt aus dem Kolonialismus. Wir sind zwar eine unabhängige Nation, aber das Gespenst des Kolonialismus wirkt weiter. Es wirkt im Erziehungswesen, es ist präsent in den kulturellen Werten, die dem Land übergestülpt wurden, es steckt im Rechtssystem. Ebenso wirkt die US-amerikanische Kultur über das Fernsehen, ich denke dabei zum Beispiel an MTV, und sie erschwert, dass sich eine starke trinidadische Identität herausbildet.

Trinidad und Tobago war bis 1962 britische Kolonie. Welche Geschichte wird in der Schule vermittelt, die englische oder die trinidadische?

Es ist ein zentrales Problem, dass wir keinen Geschichtsuntericht haben, der sich direkt auf unsere Wurzeln bezieht. Das hat Folgen für das (Selbst)Bewusstsein der ganzen Gesellschaft. Das ist eine Sache, die angegangen und geändert werden muss. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir es geschafft haben, über alle Rassengrenzen hinweg ein gutes Verhältnis zu entwickeln.

Nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 wurden indische Arbeiter auf die Insel geholt. Führte das nicht zu Konflikten?

Wenn die Arbeiter streiken und die Fabrikbesitzer andere Arbeitskräfte ins Land schaffen und sie als Streikbrecher einsetzen, dann schafft das selbstverständlich Feindseligkeiten. Die gab es auch damals zwischen den Afrikanern und der herbeigeholten indisch-asiatischen Bevölkerung. Trotzdem ist über die Jahre hinweg eine gemeinsame Grundlage entwickelt worden, kulturell, musikalisch und so weiter. Das hat alles zu einer trinidadischen Gesellschaft und Identität beigetragen.

Es heißt, die Afrokariben leben überwiegend in den Städten und die Inder mehr auf dem Land…

Das stimmt so nicht. Die Inder leben in der Stadt und auf dem Land, ebenso die Afrokariben…

Aber die Africans haben es wegen ihrer Vergangenheit als Sklaven weniger mit der Landwirtschaft?

Das ist richtig, aber dazu muss man wissen, dass den indisch-asiatischen Arbeitskräften in ihrem Arbeitsvertrag eine kostenlose Rückfahrt versprochen wurde. Oder an Stelle einer Rückkehr nach Indien ein Stück Land. Für die afrikanische Bevölkerung hat es nie eine Entschädigung für die gewaltsame Verschleppung aus ihren Herkunftsländern gegeben. Das ist eines der wesentlichen Probleme, warum es für Afrikaner schwierig war, nach der Abschaffung der Sklaverei an Land zu kommen. Deshalb zog es die meisten in die Städte, um der Situation auf den Plantagen zu entkommen.

Welcher ist der bedeutendste Einfluss der indischen Kultur auf die afrokaribische?

Das ist schwer zu beantworten. Sicherlich die Musik, die Kunst, aber in erster Linie die Küche, das Essen, das hat den größten Einfluss entfaltet.

Und in Bezug auf die Gebräuche und Sitten. Nehmen die Inder am Karneval teil?

In der indischen Community findet man die Hindus, die größtenteils als religiöse Gemeinde für sich leben, aber im Allgemeinen mischt sich das Leben, gibt es gegenseitige Einflüsse bei der Kleidung, dem Essen und alle nehmen am Karneval teil.

Aber der Karneval ist von Africans dominiert?

Es ist ein afrikanischer Karneval, in dem Sinne, dass er dort seinen Ursprung hat und sein Charakter afrikanisch ist. Er spiegelt die afrikanischen Traditionen, die traditionellen Masken und Zeremonien wider. Da liegt sein Ursprung. Gleichzeitig ist er aber die Feier der Emanzipation von der Sklaverei. So ist er direkt mit der Erfahrung der afrikanischen Bevölkerung verbunden. Aber mit der Zeit hat er sich zu einem trinidadischen Festival entwickelt, an dem alle teilnehmen: Africans, Inder, Europäer, andere Nationen. Es ist eine offene Kultur.

In den siebziger Jahren erlebte die Black-Power- Bewegung ihren Aufschwung. Hatte die indisch-asiatische Community nicht die Befürchtung, dass sich diese Bewegung auch gegen sie richtet?

Nicht generell. Das war eher eine Frage der Klasse, ob jemand zur oberen Gesellschaftsschicht gehörte. Dieser Teil der Community, der Geld hatte oder hohe Positionen in der Gesellschaft besetzte, war sicher besorgt. Aber einer der zentralen Grundsätze der Black-Power-Bewegung war: “Africans and Indians unite – Afrikaner und Inder schließt euch zusammen!“ Das war nicht nur ein Slogan, das war ein Kernsatz der Bewegung. Der Betonung des Schwarzen lag eine politische Definition zu Grunde: wenn du nicht weiß bist, bist du automatisch schwarz, und so schloss die Black-Power Bewegung die indisch-asiatische Community mit ein.

Nimmst du als Rastafari an Wahlen teil oder gilt für dich der Satz: “Rastaman don’t vote?”

Ich gehe nicht zur Wahl. Aber nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern weil ich keine Partei erkennen kann, die die Interessen des Volkes vertritt. Ich beobachte die beiden wichtigsten Parteien, die auf Trinidad und Tobago gerade die Politik aushandeln, dabei, wie sie viel mehr Energie in die multinationalen Konzerne und das große Business stecken, als sich um die Interessen des Volkes zu kümmern. Aber ich achte schon darauf, dass ich am politischen Prozess teilhabe, denn darum geht es im Leben. Deshalb muss ich bei jeder Regierung, die im Amt ist, ich sage bewusst Amt und nicht Macht, darauf schauen, was ich von dieser Regierung zu Gunsten meiner unmittelbaren Gemeinschaft zu erwarten habe und zu Gunsten des Volkes im Allgemeinen.

Bist du in Basisbewegungen engagiert?

Überwiegend auf kulturellem Gebiet, beispielweise in der Vorbereitung des Karnevals. Darüberhinaus lebe ich in einer Gemeinschaft namens Lavantil, die eine der unterdrücktesten Communities in Trinidad und Tobago ist. Hier schlägt gegenwärtig das kulturelle Herz von Trinidad und an dieser Gemeinde hängt mein Herz, denn hier bin ich geboren worden. Ich setze mich dafür ein, dass sich hier die Lebensbedingungen verbessern und suche dazu auch Unterstützung durch Regierungsgelder.

Globalisierung ist heute als Schlagwort in aller Munde. Wie schlägt sich die Globalisierung in Trinidad nieder?

Wir spüren sie, aber eigentlich ist Globalisierung für uns nichts Neues. Wir haben immer alles von außen bekommen: Neuigkeiten, Sichtweisen, Werte. Wenn ich Globalisierung höre, kann ich nur sagen OK, lasst sie rein. Wenn Globalisierung bedeuten würde, dass es keine Rolle spielt, wie klein ein Land ist, wenn klar ist, dafür stehen wir, das ist unser oder mein Angebot und es wird in der gleichen Weise akzeptiert wie das der großen Nationen, dann macht Globalisierung Sinn. Anders wäre es für uns die gleiche alte bekannte Sache.

Können die karibischen Gesellschaften nicht als Modell für eine andere, weltoffene Globalisierung dienen? Jede karibische Insel hat MigrantInnen in vielen Teilen der Welt, ob in New York, Großbritannien oder anderswo und damit viele Verbindungen zu anderen Kulturen.

Da kann ich nur zustimmen, das sehe ich genauso.

Interview: Martin Ling / Jürgen Vogt

KASTEN:
Trinidad und Tobago und Guayana

Die Bevölkerungsmehrheit auf Trinidad besteht aus Nachkommen afrikanischer SklavInnen und indischstämmigen BewohnerInnen, jeweils rund 40 Prozent. Die indischstämmige Bevölkerung sind Nachkommen der indischen VertragsarbeiterInnen, die nach Abschaffung der Sklaverei 1834 mit dem so genannten Indentursystem (Vertragsarbeitssystem) auf die Insel geholt wurden. 150.000 ArbeiterInnen wurden in den Jahren von 1844 bis 1917 für die Zuckerrohrplantagen angeworben. Ihre Kontrakte enthielten den kostenlosen Rücktransport nach Vertragsablauf. Die steigenden Reisekosten brachten die Verwaltung der seit 1802 britischen Kolonie auf die Idee, den ArbeiterInnen alternativ Kronland auf der Insel anzubieten. Etwa drei Viertel griffen darauf zurück. So kamen zu den christianisierten Afrikanischstämmigen indische Hindus und zu einem geringeren Teil Muslime hinzu. Während sich bis heute die Landbevölkerung überwiegend aus indischen Nachfahren konstituiert, haben sich die Schwarzen und Mulatten in den Städten niedergelassen und stellen das Gros der Industriearbeiterschaft und der öffentlichen Angestellten. So sind von den 350.000 EinwohnerInnen der Hauptstadt Port of Spain gerade mal zehn Prozent indischer Abstammung. 1962 erhielt Trinidad die Unabhängingkeit. 1995 wurde mit Basdeo Panday der erste indischstämmige Ministerpräsident gewählt (siehe LN 320).
Eine ähnliche Entwicklung fand auch auf dem nahe gelegenen Festland in Guyana statt. Bis 1966 Britische Kolonie, wurde die Sklaverei 1833 ein Jahr früher als auf Trinidad abgeschaft. Die neue Verhandlungsmacht der ehemaligen SklavInnen über die Löhne veranlasste auch hier die Zuckerrohrplantagenbesitzer, verstärkt Arbeitskräfte von außerhalb anzuwerben. Von 1834 bis 1917 wurden 340.000 ArbeiterInnen ins Land geholt, wovon 240.000 aus Indien kamen. Heute liegt der Anteil der indischstämmigen Bevölkerung mit gut 45 Prozent über dem, der Afrostämmigen mit gut 35 Prozent. Noch vor der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht ging mit Cheddy Jagan der erste indischstämmige Premierminister aus den Wahlen von 1953 hervor.
M.L./jüvo

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