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Zerbrechende Stadtlandschaften

Die Entwicklungsländer verstädtern. Das war und ist besonders in Lateinamerika der Fall. Der Subkontinent weist eine urbanisierte Bevölkerung ähnlich den Ländern Europas und Nordamerikas auf. Von vier Lateinamerikanern leben drei in Städten, insgesamt 391 Millionen Menschen. Doch anders als in Europa kontrastieren dicht bevölkerte Großstädte mit spärlich besiedelten Regionen, und zwischen der einen und der nächsten Metropole liegen viele Stunden Autofahrt und oftmals eine Landesgrenze.
Die Städte, die man gemeinhin kennt, gelten entweder als Kulturableger des alten Europa wie beispielsweise Montevideo, als monströse Megastädte, so wie São Paulo oder Mexiko-Stadt oder schlicht als „typisch“ lateinamerikanisch, wie etwa Sucre, Antigua oder Havanna. Sie sind mit ihren – noch – überschaubaren Größen, der ethnisch gemischten Bevölkerung und dem pittoresken kolonialen Erbe, auch exotische Touristenziele sind.
In der Realität sind sich diese Städte einander ähnlicher, als diese vermeintlich scharfe Trennung vermuten ließe. Vor allem aber teilen sie sich die selben Probleme: unkontrollierte städtische Expansion, Umweltverschmutzung, Versorgungsdefizite etc. Die Liste ist lang. Gerade in den Städten vollzieht sich die Polarisierung der Gesellschaft, bedingt durch die zunehmend ungerechte Einkommensverteilung und die daraus resultierende räumliche Segregation, das heißt den Zerfall der Stadtfläche in scheinbar eigenständige Gebiete.
Die Stadtgröße ist dabei meist nur ein Faktor, der die Probleme potenziert. Doch sind die größten Städte nicht automatisch die problematischsten. Ihre regionale Vormachtstellung verleiht ihnen auch Vorteile. Meist schafft nur eine einzige Stadt in einem Land den Sprung zur Megacity, während die anderen, die Mittelstädte, nur einen Bruchteil der Bevölkerung auf sich ziehen. „Primacy“ nennt man dieses Phänomen. Es lässt sich meist darauf zurückverfolgen, dass eine einzige Stadt die politische und ökonomische Macht des Landes auf sich konzentrieren konnte und damit meist auch die industrielle Entwicklung an sich band.
Doch auch nach Industriealisierung und der folgenden Tertiärisierung, also dem Wandel der Industriestädte zu regionalen Dienstleistungszentren, und auch nach teils mehr als zehnjähriger Dezentralisierung von Staatsgewalt und Entscheidungsbefugnissen, nimmt die Attraktivität der Metropolen nicht ab.

Land – Stadtfluss
Die Entwurzelung der Landbevölkerung durch Bürgerkrieg, Hunger und Vertreibung gehören zu den wesentlichsten Gründen für die anhaltende Migration in die Städte, kombiniert mit den unterschiedlichsten Reizen, die dazu verleiten können, sein Glück in der Stadt zu suchen. Straßenbau, Medien und soziale Netzwerke tun ihr übriges, um auch aus den entlegensten Winkeln des Landes in wenigen Stunden die Hauptstadt zu erreichen.
Die Menschen entscheiden sich für diesen Lebensraum, wenn auch nicht immer aus freien Stücken. Die Bedingungen auf dem Land haben sich in den letzten Jahren weiter nachhaltig verschlechtert.
Größer als der Zuwachs durch Migration ist inzwischen fast überall das natürliche Bevölkerungswachstum. Insgesamt wachsen die Städte nicht mehr so rasant wie zuvor, doch bedeuten Wachstumszahlen um 2 Prozent immer noch eine jährliche Zunahme um Zehntausende, die ernährt und untergebracht werden wollen – und dazu Arbeit brauchen.
Zum größten Arbeitgeber avancierte in vielen Metropolen aufgrund der anhaltenden wirtschaftlichen Krisen inzwischen der informelle Sektor. In San Salvador sind es nahezu 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung, die einer Arbeit ohne Arbeitsvertrag und ohne soziale Absicherung nachgehen.
Zwar erscheint die Informalität als Auffangbecken für die Ausgeschlossenen vordergründig positiv, doch sind die Bedingungen, die sie schafft und forciert keineswegs ein Beitrag zur Überwindung der sozialen Misere. Die Armen sind nicht Träger und Initiatoren des informellen Sektors, sondern dessen Ausgebeutete. Ihre Chance auf einen Weg aus der Armut wächst durch ihn nicht, sondern schrumpft. Auch dies ist ein Grund, warum in den Ländern Lateinamerikas die Armut zunehmend „urbanisiert“.

Urbane Arme
Zwischen 1970 und 2000 wuchs die Zahl der städtischen Armen von 44 auf 200 Millionen an, während sich die Bevölkerung Lateinamerikas etwa verdoppelte. Der Anteil der Armen an der städtischen Gesamtbevölkerung hat in vielen Städten die absolute Mehrheit überschritten. Das erklärt auch die Wahlsiege der linken Parteien und jener Bürgermeister, die mit sozialen Aktionsprogrammen ihren Wahlkampf bestreiten (siehe die Artikel von Thomas Maier und Thomas Tack in diesem Heft). Trotzdem ist es noch ein weiter Weg bis zur Gestaltung der Städte durch und für die Mehrheit ihrer BewohnerInnen: Noch sind die meisten Menschen unterhalb der Armutsgrenze ausgeschlossen von den Vorzügen der öffentlichen Versorgung.
Die ungleichen Lebenssituationen, das Nebeneinander von erster und dritter Welt, eigentlich die Parallelität vieler Welten auf so engem Raum, fördern jedoch nicht die produktive Auseinandersetzung im gemeinsamen Lebensraum Stadt, sondern seine Fragmentierung.
Da das Elend nicht zum Selbstbild vieler lateinamerikanischer Städte passen will, findet eine erste Ausgrenzung bereits in den Köpfen statt. Was eigentlich noch städtisch sei, und das was nur wie ein Geschwür dazugehöre, glauben Verwaltung und die etablierten BürgerInnen der Stadt gut unterscheiden zu können. Dabei vergessen sie, das sie die gut situierte Minderheit sind und zahlenmäßig keineswegs die „Stadt“ repräsentieren. Städtische Gesellschaften sind alles andere als homogen. Die verschiedenen Klassen und sozialen Gruppierungen finden kaum zueinander. Stattdessen markieren Grenzen die Stadtlandschaft. Bewachte Condominios treffen auf verbarrikadierte Besetzungen, Shopping-Mals mit ihrem privatisierten öffentlichen Raum kontrastieren mit den so genannten „No-go-areas“ gefährlicher Viertel.
Diese Trennung, die räumlich sichtbar und sozial spürbar die Städte fragmentiert, wird auf der ökonomischen Ebene jedoch nicht vollzogen. Denn gerade jene Arbeitsleistungen der Billigkräfte, der Informellen und Illegalen, tragen ihren Teil zum wirtschaftlichen Funktionieren der Städte bei, und bilden damit die Basis der Gesamtökonomie der Städte. Denn auch ein Angestellter oder Fabrikarbeiter versorgt sich in den Garküchen am Straßenrand und kauft seine CDs und Hemden auf den zahlreichen Schwarzmärkten.
So ermöglicht der informelle Sektor die geringen Kosten für die Arbeitskräfte des formellen und schafft gleichzeitig neue Arbeit. Denn trotz des Elends in den Peripherien: die städtischen Ökonomien brauchten immer Menschen, ob als Arbeitskräfte, KonsumentInnen oder BewohnerInnen.

Wohnraum Stadt
Schwieriger als die Arbeitssuche gestaltet sich die Suche nach einer Unterkunft, denn städtischer Boden ist teuer. Es gibt vor allem zwei Gegenden, wo die arme Bevölkerung es sich leisten kann zu leben: die Peripherien – und die Zentren. Denn schon mit der beginnenden Industriealisierung hatten die Innenstädte an Attraktivität verloren (Siehe die Artikel von Viktor Delgadillo und Benedikt Fahlbusch in diesem Heft). Die Reichen verließen die historischen Stadtkerne in Richtung der jeweiligen Peripherie, die sich kontinuierlich ins Umland schob – bei radialen Wachstumsgeschwindigkeiten von mehreren Kilometern pro Dekade.
Treibende Kraft des Flächenwachstums war jedoch die Bautätigkeit der ärmeren StadtbewohnerInnen. Die informellen Siedlungen, jene Kolonien, die ohne Infrastruktur, ohne Genehmigung und unter oft ungeklärten Besitzverhältnissen das Umland mit selbst gebauten Hütten und Häusern urbanisieren, machen heute einen Großteil der Stadtfläche aus. Die Unterstützung ihrer Konsolidierung ist daher im Interesse heutiger Stadt- und Wohnungspolitik (siehe den Beitrag von Anne Doose und Jana Schulz in diesem Schwerpunkt).
Dass sich heute die Verwaltungen dieser Siedlungen annehmen, ist Ergebnis eines langen Kampfes um Anerkennung. Denn die Menschen haben nicht nur selbst gebaut, sondern auch ihre Versorgung und Unterstützung durch die Behörden erstritten. Städtische Volksbewegungen wären ohne solche konkrete Anliegen nicht denkbar gewesen. Und die Macht der Massen führte in vielen Metropolen nicht nur dazu, dass die Verwaltungen den Forderungen nach Infrastruktur und sozialen Einrichtungen schließlich zögerlich nachkamen, sondern langfristig auch zur Demokratisierung der kommunalen Ebene.
Die urbane Zivilgesellschaft hat sich in Lateinamerika besonders dem Problem der Wohnraumversorgung angenommen. Die ersten Ansätze zur Bekämpfung der Wohnungsnot durch nicht-staatliche und eher karitative Organisationen entstanden im Umkreis der Kirche. In Chile, Kolumbien und Mexiko nahmen sich Jesuiten mit als erste der Wohnungssituation der armen städtischen Bevölkerung an. Aus eigener Kraft, durch gegenseitige Hilfe und ständig mit einem repressiven oder paternalistischen Staatsapparat konfrontiert, schufen sich die Menschen ihre Heimat selbst.
Diese „Soziale Produktion des Wohnraums“ gehört als Teil der gesellschaftlichen Geschichte Lateinamerikas zum Selbstverständnis vieler sozialer Organisationen und städtischer Volksbewegungen. Die Emanzipation der städtischen sozialen Bewegungen und die Professionalisierung der NGOs erreichten ihren vorläufigen Höhepunkt Mitte der 90er Jahre. Seither ist die gesellschaftliche Bedeutung der städtischen Bewegungen – vielleicht gerade durch diese Professionalisierung ihrer Akteure – zurückgegangen. Ein weiterer Grund dürfte die zunehmende Entpolitisierung der Bevölkerung sein und die Besetzung der Themen durch parteipolitische oder städtische Organisationen. Frühere Konzepte der großen linken Gruppen in den Städten wurden einfach übernommen und entpolitisiert.
Die Kontinuität der NGO-Arbeit in der Armutsbekämpfung wird jedoch weiterhin durch eine Vielzahl internationaler Organisationen gewährleistet. Auch Weltbank und Interamerikanische Entwicklungsbank gehören zu den Förderern der Nichtregierungsorganisationen im Wohnraumbereich.

Dynamik statt Entwicklung
In der Zeit des explosiven Wachstums hatten die Verwaltungen eine weniger heroische Rolle als die städtischen Bewegungen in Aufbruchsstimmung. Trotz ihrer Bemühungen, den städtischen Probleme Herr zu werden, konnten sie meist nicht mehr, als einen status quo verwalten, der sich binnen kürzester Zeit wandelte. Die enorme Eigendynamik der Stadtentwicklung überholte immer wieder die Planung.
Mithin die einflussreichste Rolle in der Stadtentwicklung hat heutzutage die Privatwirtschaft. Tendenz zunehmend. Was früher noch durch Korruption in die Wege geleitet werden musste, ist heute offizielle Stadtpolitik. Riesige innerstädtische Areale werden durch private Investoren entwickelt, den Privaten werden zentrale Bereiche der Planung in die Hand gelegt. Das kann zwar zu guten, muss aber zu lukrativen Ergebnissen führen, was umfassendere Visionen stark einschränkt.
Da viele ehemals staatliche und städtische Behörden privatisiert sind oder kurz vor ihrer Privatisierung stehen, hat auch die wirtschaftliche Bedeutung städtischer Funktionen und Dienstleistungen zugenommen, was mittel- und langfristig zu erheblichen Veränderungen auch in der physischen Stadtandschaft führt. Bedient wird in Zukunft wer zahlt. Das gilt für die medizinische Versorgung wie fürs Wasser.
Partizipationsprozesse und Dezentralisierung haben allerdings die Privatisierung begleitet. Lokale Regierungen stehen heute stärker in der Verantwortung der BewohnerInnen. Das war nicht immer so. Trotz ihres hohen Anteils an der nationalen Gesamtbevölkerung haben Städte in Lateinamerika erst relativ spät ihre administrative und politische Eigenständigkeit erlangt. So wurde die Wahl für das Amt des Bürgermeisters bzw. Stadtregierungschefs in Buenos Aires und in Mexiko-Stadt erst im Zuge staatlicher Dezentralisierungsversuche Mitte der 1990er Jahre eingeführt. Zuvor wurden diese zentralen Positionen von der Nationalregierung besetzt. Entsprechend gering war der Repräsentationsanspruch der Amtsinhaber gegenüber der Bevölkerung.
Trotz der Demokratisierung: den städtischen Behörden bleiben heute tendenziell eher Kontrollfunktionen. Andererseits sollte man die Schwäche der Stadtverwaltungen nicht überbewerten – auch ohne große finanzielle Mittel beteiligen sie sich rege an der Stadtentwicklungspolitik (siehe die folgenden Artikel in diesem Schwerpunkt). Regulierend und steuernd setzen die meisten auf den liberalen Umgang mit der Wirtschaft und ansonsten auf Sicherheit und Kontrolle.

Die Stadt ist nichts, die Stadt hat alles
Das Schicksal der Städte ist untrennbar mit gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden. Das wird umso offensichtlicher, je zerrissener die Gesellschaft wird, und je stärker sich die Menschen von ihrer Umgebung entfremden. Der Reiz der Stadt für ihre BewohnerInnen lag aber gerade in der dichten Heterogenität dieses Ortes. Das Leben unter Millionen von Mitmenschen ist nützlich, denn es eröffnet vielerlei Arbeitsmöglichkeiten und Kontakte. Und es ist attraktiv, denn in der Anonymität der Großstadt, im Häusermeer und in den Menschenmassen, auf den staubigen Straßen der Vororte oder auf den neonhellen Promenaden der Vergnügungsviertel, ermöglicht dieses Leben die unmögliche Liebe ebenso wie den Raubüberfall, die Karriere vom Schuhputzer zum Unternehmer wie auch umgekehrt. Ob dieses Leben dabei immer schön ist, bleibt eine Geschmacksfrage.

Die Stadt – eine tote Hülle ?
Die Gefährdung des urbanen Lebens entspringt heute nicht mehr so sehr aus dem Flächenwachstum oder der Umweltverschmutzung. Diese Probleme scheint man mit dem entsprechenden Bewusstsein in den Griff kriegen zu können. Die Gefahr im 21. Jahrhundert geht eher von den gesellschaftlichen Prozessen aus, die aus einer Stadtlandschaft Tausende von hermetisch abgeschlossenen Zellen werden lassen. Der Gesamtorganismus der Stadt würde dann zur leeren, toten Hülle verkommen. Und die einzelnen Zellen wären, ohne Beziehung zueinander, nur noch mit selbstbezogenen Inhalten gefüllt. Die Identität der Stadt würde aufgegeben werden zu Gunsten vieler kleiner Facetten, die kein Gesamtbild mehr ergeben.
Aber ob die lateinamerikanischen Städte in Zukunft nur noch eine Schnittstelle für die Verbindung mit globalen Trends einerseits, und Orte prekärer Lebensverhältnisse andererseits sein werden – oder Ausdruck eigenständiger kultureller Entwicklung bleiben, liegt noch in den Händen der StadtbewohnerInnen.

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