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Zukünftig crossmedial?

Hier, lies mal das! Gizele Martins, Redakteurin der alternativen Zeitung Cidadão do Bairro Maré, drückt mir die aktuellen Nachrichten der Tageszeitung O Globo in die Hand. Das konservative Blatt beschreibt einen Polizeieinsatz gegen Crackkonsumenten: „Vor dem Einsatz der Militärpolizei drangen die Agenten der Militärpolizei in die Favelas Parque União und Novo Holanda ein, um Angriffe von Drogenhändlern zu verhindern. Es kam zu intensiven Schusswechseln und zwei Polizisten der Spezialeinheit Bope wurden von Splittern verletzt.“
„Diese Sorte Berichterstattung, die uns Bewohner der Favelas nur im Zusammenhang mit Drogenkonsum und Polizeieinsätzen erwähnt, ist genau unser Problem“, sagt Gizele. „Klar sind wir nun gefragt, diese Mediendarstellung zu komplettieren. Wir werden einen Text über die Polizeigewalt im Viertel schreiben, über die Notwendigkeit auch Crackkonsumenten würdevoll zu behandeln – und wir werden auch den Zwangsentzug und das Wegsperren der Armen kritisieren.”
Seit 15 Jahren gibt es die alternative Zeitschrift Cidadão in der Maré, einem Gebiet im Norden Rio de Janeiros, das 16 Favelas umfasst. Aktuell erscheint sie alle drei Monate in einer Auflage von 20.000 Exemplaren. Nicht viel, wenn man das mit O Globo vergleicht, von der täglich 300.000 Stück gedruckt werden. Aber die Cidadão sieht sich in der Tradition der beliebten Community Medien, die bereits vor dem Militärputsch 1964 existierten. Heute ist sie eine der ältesten noch existierenden Stadtteil-Zeitungen.
„Zum Ende der Diktatur, in den 1980er Jahren, lebten zensierte Zeitungen wieder auf, aber auch neue Formate entstanden: Radios, Dokumentationen, Fotoserien. Die Stadtteilbewegungen trugen viel zum Erstarken der Community Medien bei”, erzählt mir die Journalistin und Historikerin Claudia Santiago in ihrer Buchhandlung. Claudia kennt dieses Kapitel der Mediengeschichte sehr gut, erzählt den Teilnehmer_innen des von ihr organisierten Journalistikkurses immer wieder davon. Denn so erdrückend die brasilianische Medienkonzentration auf den ersten Blick erscheint, so vielfältig und kontinuierlich sind die Versuche, der etablierten Presse etwas entgegenzusetzen.
Damit das so bleibt, beschloss Claudia, die die gewerkschaftsorientierte Organisation Núcleo Piratininga de Comunicação (NPC) mitgründete, bereits 2003 sich nicht ausschließlich der Situation in den Fabriken zu widmen. Stattdessen wendete sie sich auch dem sonstigen Leben der Arbeiter_innen zu. Seitdem besuchen nicht nur „Kinder der Arbeiterbewegung” und Jugendliche aus den Favelas die Praxiskurse von NPC und erstellen gemeinsam die Zeitung Vozes das Comunidades. „Es kommen Mütter, Ingenieure, Landlose, Vertreter sozialer Bewegungen, 14-Jährige, über 60-Jährige”, berichtet Claudia und zählt dann dutzende Namen bis heute Aktiver auf. Auch Gizele ist darunter und kann noch immer die Tipps für gelungenen Stadtteiljournalismus aufzählen: „Einfache Sätze, einfache Wörter, kurze Absätze, kurze Texte, Überschriften mit Subjekt, Objekt und Prädikat. Und wenn auch das nicht hilft, dann lesen wir eben vor”, sagt Gizele. „Oft fehlt leider die Zeit, in der Freizeit auch noch die Zeitung vorzulesen. Aber bei einer Tasse Kaffee von einer Leserin direktes Feedback zu bekommen ist unvergleichlich. Dann merke ich jedes Mal, die Zeitung ist nach wie vor das wichtigste Kommunikationsmittel für viele Menschen hier.”
Doch auch die neuen Medien sind in den Favelas auf dem Vormarsch. Eine Studie des Observatoriums der Favelas (OF) stellte 2011 fest, dass von 104 dokumentierten Medien die Zahl der klassischen Stadtteil-Zeitungen von Blogs um ein Drittel übertroffen wird. Auf dem dritten Platz stehen die Community Radios. Für den Gründer des Observatoriums, Jailson de Souza e Silva, belegt dies, dass Kampagnen in den Stadtteilmedien heute viel breiter angelegt sein müssen: „Die Formate waren früher andere, aber die fallenden Kosten der Kommunikationsmittel haben neue Zugänge geschaffen.“ Auch das Observatorium sei dafür ein gutes Beispiel. „Wir sind die erste Generation, die sich technische und akademische Werkzeuge angeeignet hat, um einen anderen Blick auf die Favelas zu ermöglichen, andere Repräsentationen zu schaffen. Denn selbst im Diskurs der Linken haftet den Favelas immer etwas Mangelhaftes und Prekäres an. Und die Logik des Mitleids bringt auch davon getragene Politik hervor”, formuliert er offensiv. Deshalb editiert das OF Sachbücher, gibt Kurse in affirmativer Werbung, prägt Begriffe und schafft eigene Bilder.
Was das erfolgreichste Projekt des Observatoriums ist, erklärt sich bei einem Besuch dieses Thinktanks der Maré von selbst. Der lange Korridor, der die einzelnen Büros, Unterrichtsräume, Computersäle und Photolabors verbindet, ist eine Galerie großformatiger Fotos, allesamt Arbeiten von Mitwirkenden des Projektes Imagens do Povo (IP). Seit dem Jahr 2004 sind hier über 260 Fotograf_innen ausgebildet worden. Viele von ihnen, aber auch andere Professionelle, gehören heute zu den 66 ständigen Mitarbeiter_innen der gleichnamigen Agentur. Die ist über eine umfangreiche Bilddatenbank im Internet präsent. Das erklärte Ziel von IP ist es, „die positive Seite der Favela zu zeigen”, betont die Koordinatorin Juana Maaza. Das Suchwort „Crack” bringt beispielsweise null Treffer in der Bilddatenbank. „Ich denke, eine übermäßige Aufmerksamkeit für Gewalt und Drogen in der Favela nützt niemandem. Wir wollen auch glückliche Menschen zeigen, Arbeiter und Schülerinnen. Auch sie verdienen es repräsentiert zu werden”, sagt Juana.
Verdienen sollen auch die Fotograf_innen etwas, die bei IP mitarbeiten. Vor allem Verlage, Museen und die Presseabteilungen der Partnerorganisationen gehören zur Kundschaft, Zeitungen eher nicht. „Wir produzieren keine News, sondern Bilder des Alltags, ein visuelles Gedächtnis“, sagt Juana. Der Verkauf der Fotos reiche leider nicht für ein eigenfinanziertes Dasein, Fördermittel machen nach wie vor den Großteil des Budgets aus. Dennoch wird für die Veröffentlichung der Bilder in der Regel ein Honorar gefordert, denn „leider leben wir in einer kapitalistischen Welt,” rechtfertigt Juana die kommerzielle Rechteverwertung. „Klar können nicht alle zahlen, das ist immer Verhandlungssache. Wir konsultieren, wenn nötig, die Autoren und bitten sie um Freigabe”.
Stadtteilzeitungen wie die Cidadão aber auch Maré de Notícias erledigen das meistens selbst. Einige Fotograf_innen von IP arbeiten dort auch ehrenamtlich mit und helfen regelmäßig mit Bildmaterial, berichtet Gizele. Überhaupt laufe die Kooperation zwischen den unterschiedlichen Projekten größtenteils nur auf persönlicher Ebene. Das Konkurrenzdenken der NGOs, die in der Maré Stadtteilmedien fördern, erschwere eine Zusammenarbeit, meint Gizele. „Wir könnten gemeinsam viel stärker sein. Wir könnten noch bessere Medien machen, wenn wir uns nicht selbst so strikte Grenzen ziehen würden.”
Sie selbst hat jedoch ihre Zweifel am derzeitigen Boom der Internetprojekte: „Blogs und Social Media sind wichtig, aber das Publikum ist nicht so breit gefächert, wie das der Community Radios oder der gedruckten Zeitungen. Klar gibt es Internetcafés, aber wer liest denn dort schon den Cidadão? Die meisten spielen Online-Games oder sind bei Orkut oder Facebook.“ Der Blog vom Cidadão werde eher von einem akademischen Publikum, von Leuten außerhalb der Maré genutzt, was jedoch auch wichtig sei.
Auch das NPC wird im diesjährigen Journalistikkurs einen Blog erstellen, mit allen produzierten Beiträgen in Schrift, Bild und Ton gemeinsam. „Das Internet ist ein weiteres Element, das potentiell alles verbindet“, meint Kursleiterin Claudia. Jailson vom OF geht noch einen Schritt weiter. Für ihn sind die medialen Online-Auftritte der Favelas „deren Eintritt ins 21. Jahrhundert.“ Ganz besonders Videoproduktionen und die Entwicklung einer neuen Ästhetik seien von großer Bedeutung: „Denn Video wird genutzt um die eigenen kulturellen Praktiken zu dokumentieren, die Passinho-Tanzschritte des Baile-Funk zum Beispiel. Das ist sehr, sehr wichtig, denn sichtbar zu sein, war im Fall der Favelas schon immer ein Problem!“
Community-TV zu senden, ohne eine Frequenz zu besitzen oder Youtube zu nutzen, das ist seit 15 Jahren der Ansatz von TV Tagarela in der Rocinha, einer Favela im Süden Rios. Inspiriert von den populären Videoperformances von TV Maxabomba in den 1980er Jahren entwickelten sie ein ganz eigenes Fernsehformat, und zwar mitten auf der Straße: Eine Leinwand, Lautsprecher, ein Beamer, ein Computer und schon kann es losgehen. „Normalerweise kombinieren wir die Themen unserer Videos mit anderen kulturellen Ausdrucksformen“, erklärt Arley Macedo die Programmgestaltung. „Mit einer Capoeiragruppe, einer Hip-Hop-Crew oder einer Theaterschule überlegen wir gemeinsam, was wir machen können. Unser Publikum sind die Passanten. Wenn einige stehenbleiben, dann ist das schon super.“
Auch was die finanzielle Nachhaltigkeit angeht, haben sie eine ungewöhnliche Arbeitsweise entwickelt. Das mangelnde Interesse an finanzieller Förderung von TV Tagarela betrachtet Arley inzwischen sogar als Vorteil. „Da wir als Produzenten immer besser geworden sind, konnten wir uns mehr und mehr durch Auftragsarbeiten über Wasser halten. Anfangs haben wir noch Hochzeiten gefilmt, inzwischen produzieren wir regelmäßig für den Gesundheitskanal einer philanthropischen Stiftung. Damit können wir die wichtigsten Fixkosten decken.“
Schwierigkeiten bereiten TV Tagarela dagegen die Auswirkungen der 2011 erfolgten sogenannten polizeilichen Pazifizierung (UPP) der Favela. „Durch UPP und Urbanisierungsprogramme sind viele Orte verloren gegangen. Der Kinderspielplatz hier unter dem Fenster war ideal, um Events zu organisieren“, zeigt Arley. „Jetzt ist da eine Freilicht-Muckibude, gesponsert von einer Bank, die Bodybuilidng in der Favela fördern will. Fast nirgendwo passt mehr eine Bühne hin.“
Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass TV Tagarela sich gerade bemüht, eine Webseite aufzubauen. Während Arley hinter einer ehrenamtlichen Programmiererin her telefoniert, werden im Cidadão do Bairro Maré bereits die ersten Artikel über die neuerlichen Polizeieinsätze diskutiert. Die werden zuerst als Blogbeitrag erscheinen, da die Layouterin gerade weggezogen ist. Statt als Mangel kann diese Flexibilität auch als Stärke aufgefasst werden. Welche Formate in den Favelas künftig Bild und Ton angeben werden, ob online, offline oder crossmedial, wisse ohnehin niemand genau, meint Claudia und zieht ganz beiläufig den Buchtitel „Die offenen Medien Lateinamerikas“ aus dem Buchregal. „Wir müssen einfach garantieren, dass die Bewohner der Favelas auch weiterhin mediale Räume kontrollieren und Politik gestalten können.“

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