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Aspirin für Neger oder Deutsche liegen in der ersten Reihe

Endlich dürfen wir wieder jede Woche freitags pünktlich um 20:15 Uhr einen Ausflug in die weite Welt antreten. Mitten im grau-kalten heimischen Winter entführt uns die ARD mit ihrer „Klinik unter Palmen“ in die tropisch-wilde Dominikanische Republik, wo stets die Sonne scheint und die dunkelhäutige Bevölkerung Tag und Nacht zwischen Palmen und Sandstränden lebensfroh Merengue tanzt. Mitten im karibischen Idyll hat sich auch eine Kolonie von deutschen Dropouts und NeckermanntouristInnen mit Sonnenbrand behaglich eingerichtet. Sie haben allesamt ein gutes Verhältnis zu den lustigen, treudoofen und dankbaren Eingeborenen. Sie sind ja auch keine RassistInnen und lieben es, den ganzen Tag Cocktails zu schlürfen und im Swimmingpool zu paddeln, haben sich also ganz auf die karibische Lebensart eingestellt.
Außerdem befinden sich unter ihnen auch ein paar tüchtige Philanthropen, die Einheimische und Deutsche gesundkurieren, wenn sie sich weh getan haben oder unter schlimmen Krankheiten leiden. Herausragend, und unter Einheimischen wie Zugereisten besonders beliebt, ist der Chef der Tropenklinik. Es handelt sich um einen gutaussehenden, lebenserfahrenen Doktor, der die typischen deutschen Tugenden wie Kompetenz, Arbeitseifer und Selbstbeherrschung mit den eher untypischen wie Verständnis, Einfühlungsvermögen und Herzlichkeit verbindet und unter Weißen wie Schwarzen hoch angesehen ist. Der Halbgott in Weiß wird gemimt von dem aus seinen Paraderollen als „Kurier der Kaiserin“ und „Dr. Brinkmann“ bekannten Klaus-Jürgen Wussow.
Das Sujet der Serie ist uns aus einer dreiteiligen Staffel bereits bekannt, die 1996 unter gleichem Namen über den Bildschirm flimmerte. Damals spielte sie im fernen Thailand. Das Umfrage-Institut ENIGMA ermittelte nach der Ausstrahlung, daß 86 Prozent der 9,51 Millionen ZuschauerInnen, die mindestens einen der drei Filme gesehen hatten, die Serie „gut bis sehr gut“ gefallen hätte. Aus Thailand kam dagegen herbe Kritik. Durchweg unthailändische Namen und „traditionelle“ Gebräuche, die in Thailand gänzlich unbekannt seien, durchzogen laut Tippawan Duscha den Streifen. Außerdem kritisierte der thailändische Jounalist, daß mit teilweise beleidigenden Klischees operiert worden sei, die Heiratshandel und Sextourismus begünstigen würden. Zu allem Überfluß hatte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – trotz leerer Kassen – die Serie mit 276.000 DM gesponsort, weil es meinte, so könne es mit dem Thema „deutsche Ärtze in aller Welt“ die Relevanz und Bedeutung der Entwicklungspolitk dem Publikum unterschwellig verdeutlichen, also Öffentlichkeitsarbeit betreiben.
Nach massiver Kritik wollte sich das BMZ – zumindest nach unserem Kenntnisstand – nicht erneut die Finger verbrennen und hielt sich mit Finanzspritzen für die Tropendoktoren diesmal zurück. Die ARD allerdings bleibt sich treu. Im Buhlen um das Publikum sind ihr Zugeständnisse an rassistische und patriarchale Klischees nicht zu dumm. So werden dominikanische Eingeborene im Massenlager des Hospitals mit Aspirin + Vitamin C geheilt, während die Einbettzimmer mit Hochtechnologie für die Bleichgesichter reserviert sind. Wie im richtigen Leben, könnte man meinen, wäre da nicht diese penetrante Gutmütigkeit des Oberarztes und seiner AssistentInnen. Und während Frauen prinzipiell unter emotionalen Störungen leiden und der Zuneigung bedürfen, strahlt der Oberarzt wie ein unverrückbarer Fixstern am Firmament und betätigt sich nicht nur als brillanter Chirurg, sondern auch als Seelenheiler. Am deutschen Ärztewesen sollen die Dritte Welt genesen und natürlich auch ihre touristischen BesucherInnen. Danke, ARD!

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