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Editorial Ausgabe 217 – Juli 1992

Vergeßt Rio!” hatte eine Berliner Stadtzeitung zum Gipfel getitelt. Dem mag nur ungern widersprochen werden, haben doch alle nach wochenlangen Berichten, Statistiken und Geschichtchen von der UNCED ziemlich die Nase voll. Und doch: Eine Zeitschrift wie die Lateinamerika Nachrichten kommt nicht umhin, nach dem Ende des “Umwelt- und Entwicklungs”-Schauspiels noch einmal nachzuhaken. Denn tatsächlich gelangweilt und überhäuft worden sind wir bislang weniger von fundierter Information, als vielmehr von einem Übermaß an Desinformation. Für uns stehen dabei gerade Entscheidungen im Mittelpunkt, die in Rio nicht getroffen wurden, oder besser: die nicht in Rio getroffen wurden, sondern auf Konferenzen, die zwar weniger Öffentlichkeit finden, dafür aber umso wirkungsvoller sind. Wie die Artikel zum sogenannten Artenschutzabkommen zeigen, hatte der hohe US-Diplomat so Unrecht nicht, der Rio als “Zirkus” bezeichnete. Am gleichen Komplex wird auch deutlich, wie vielfältig und unterschiedlich die Interessen an Umweltpolitik sind.
Neugierig schauen wir auch ins Nebenzelt: Nicht nur die Arbeitsergebnisse, die die Frauen auf ihrem Forum “Planeta Femea” erzielt haben, verdienen mehr Beachtung, als ihnen bislang zuteil wurde. Es scheint, als hätten die Nichtregierungsorganisationen in Rio erreicht, was in der BRD fehlgeschlagen ist: durch eine Zusammenführung von Ökologie- und Internationalismusbewegung politische Interventionsfähigkeit wiederzuerlangen.
Sei es wegen der Kritik bundesdeutscher Gruppen am Gigantismus des Ereignisses, sei es wegen des Frusts über die kläglich gescheiterte Lobbyarbeit der großen Naturschutzverbände der BRD: Die Nicht-Präsenz der deutschen Internationalismusbewegung auf der Gegenkonferenz spiegelte ein schon in der Vorbereitung offenkundiges Dilemma wider. Eine inhaltliche und organisatorische Verbindung der Thematiken und AkteurInnen in der BRD blieb aus. Sowohl der BUKO als auch die regionalen Solidaritätsgruppen waren passive BeobachterInnen der Ereignisse. Tragfähige Strukturen für zukünftiges Handeln sind noch nicht geschaffen worden.
Nicht bruchlos zwar, wie es auch die Bewegung nicht ist, muß doch an dieser Stelle die Überleitung gelingen. Wie bereits angekündigt, wird sich die nächste Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten mit dem Thema der internationalen Solidarität beschäftigen. Wer ist warum mit wem solidarisch; was heißt das praktisch und im Kopf und nicht zuletzt: Wie und mit welchen AdressatInnen gestaltet eine Solidaritätsbewegung heute ihre Öffentlichkeitsarbeit? Bereits in den ersten Vordiskussionen wurde klar, wie vielschichtig das Thema ist, wie sehr es Grundsätze politischen Selbstverständnisses sowohl individuell als auch kollektiv berührt.
Ob dabei ein spannendes Heft herauskommt, hängt auch von unseren LeserInnen ab, die wir zum Verfassen eigener Beiträge auffordern.

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