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Editorial Ausgabe 251 – Mai 1995

In diesen Tagen verstummen die Großmachtansprüche, die in Deutschland seit der »Wiedervereinigung immer unverhohlener formuliert werden, für kurze Zeit. Schließlich hat es historische Gründe, daß sich die bundesdeutsche Außenpolitik der letzten Jahr-zehnte auf zivile Machtpolitik beschränkte. Zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus steht »Gedenken« auf dem Programm deutscher Politikerlnnen. Ravensbrück, Sachsenhausen, Dachau und Bergen-Belsen erzwingen Betroffenheit selbst bei denen, die Hunderttausenden Opfern des Nationalsozialismus bis heute angemessene materielle Hilfe verwehren; die das Asylrecht für politisch Verfolgte ausgehebelt haben; die Flüchtlinge kriminalisieren und abschieben, gleich welches Schicksal sie dort, von wo sie fliehen mußten, erwartet. Sobald der 8. Mai vorüber und das Pflichtquantum Erinnerung abgeleistet ist, wird zur Tagesordnung zurückgekehrt.
Doch es ist nicht irgendein »8. Mai«, der gerade begangen wird: Wieder einmal wird an der Historisierung des Nationalsozialismus gearbeitet. Die Diskussion um die deutschen Opfer des Krieges, sei es in Dresden, sei es durch die neuen Grenzziehungen in den ehemaligen Ostgebieten, dient vor allem der Relativierung der deutschen Schuld an den Aber millionen Opfern des Faschismus in Europa. Indem die Täter zu Opfern stilisiert werden, wird einmal mehr das Einmalige der Nazi-Verbrechen verleugnet. Doch nicht nur die Ewiggestrigen -die auch im Bundestag sitzen, wie der Aufruf ‘Gegen das Vergessen” zeigt -sind an diesem Geschichtsrevisionismus interessiert. An einer Historisierung sind Politikerlnnen quer durch alle etablierten Parteien beteiligt: Der Verweis darauf, daß das Besondere der deutschen Geschichte den Einsatz der Bundeswehr im Ausland grundsätzlich verbietet, soll ebenfalls der Vergangenheit angehören.
“Deutschland soll wieder Verantwortung übernehmen in der Welt”, lautet die Parole. Der Widerstand, auf den diese Drohung im Inland wie im Ausland stößt, nimmt ab. Nach Jahren schleichender Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik steht zu befürchten, daß diese Rückkehr zur Normalität bald voll-endet sein wird. So wie auch die faktische Abschaffung des Asylrechts vor zwei Jahren ein Schritt in Richtung dieser Normalität war. Schließlich war das einst vergleichsweise liberale Asylrecht in Deutschland nicht zuletzt eine Folge von Krieg und Faschismus.
Hunderttausende wurden damals zur Migration und Flucht aus Deutschland und anderen Ländern Europas gezwungen. Viele hätten überleben können, wenn es in anderen Staaten eine liberalere Einwanderungs-und Asylpolitik gegeben hätte. In Lateinamerika wurde den jüdischen und antifaschistischen Flüchtlingen der dreißiger und vierziger Jahre oft großzügige Hilfe entgegengebracht. Nicht selten wurde ihnen die lebensrettende Einreiseerlaubnis allerdings verwehrt. Und auch die -heute gängige -bevorzugte Visaerteilung an Menschen, die über die gewünschte berufliche Qualifikation verfügten, war damals schon verbreitet. An diese Geschichte des jüdischen und antifaschistischen Exils in Lateinamerika erinnert der Schwerpunkt dieses Heftes.
Die Analyse des deutschsprachigen Exils in Süd-und Mittelamerika hat viele Facetten. Das Ausmaß und die Bedeutung, die das Exil in den lateinamerikanischen Ländern im Laufe der Jahre bekam, sagt viel aus über die jeweils herrschenden Regierungen und die soziale, wirtschaftliche und politische Lage in den einzelnen Staaten. Um das Exil verstehen zu können, ist es allerdings genauso wichtig, die Ebene des Allgemeinen zu verlassen und die konkreten Schicksale aufzuzeigen, die hinter Fluchtzielen, Einwanderungsregelungen und Aufenthaltsbestimmungen stehen. Dies verdeutlicht eine Reihe von Portraits über Menschen, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher sein konnten, die aber die Hoffnung verband, in Lateinamerika Schutz vor der Verfolgung durch die Nazis zu finden.
PS:Flucht und Exil von Nazis in Lateinamerika wird Schwerpunkt der nächsten Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten sein.

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