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Editorial Ausgabe 354 – Dezember 2003

Die Steine auf den Straßen von El Alto sind weggeräumt, und in La Paz sitzt der neue Präsident Boliviens, Carlos Mesa. Was hat sich geändert, außer dieser Personalie? Genau genommen ziemlich wenig. Keine der diversen indigenen Führungspersönlichkeiten hat die Macht übernommen, kein politisches Problem ist gelöst, nur ist mit Ex-Präsident Sánchez de Lozada ein Sündenbock gefunden und vertrieben worden.

Was also bleibt von Blockaden und Präsidentensturz? GlobalisierungskritikerInnen freuen sich darüber, der Neoliberalismus sei einmal mehr unter dem Druck der Massen ins Wanken geraten. Eine nicht ganz unberechtigte, aber doch oberflächliche Freude, stellt sich doch die Frage, welche Massen in Bolivien tatsächlich für welches Ziel auf die Straße gegangen sind.

Massiv ist in Bolivien die Unzufriedenheit damit, dass der wirtschaftliche Aufschwung auch nach 18 Jahren Neoliberalismus ausgeblieben ist. Jahrelang honorierten die BolivianerInnen, dass immerhin eine gewisse Stabilität erreicht war – das reicht heute nicht mehr. Ebenso ist seit vielen Jahren deutlich, dass Aymaras, Quechuas und Tieflandindígenas politisch selbstbewusster geworden sind und offen für neue politische Angebote. Zum Massenphänomen wurde schließlich die Wut auf Präsident Sánchez de Lozada persönlich, vor allem nach den Toten von El Alto. Der Rücktritt von „Goni“, während seiner ersten Präsidentschaft 1993-1997 als Reformpräsident sehr populär, war zwangsläufig.

Also doch ein Aufstand „der Indianer“, wie in ausländischen Massenmedien immer wieder behauptet? Die Opposition ist zersplittert. Felipe Quispe, der keineswegs die Führerschaft „der Aymara“ insgesamt für sich in Anspruch nehmen kann, spricht von einem neuen Reich unter Führung der Aymara. Ihm ist bewusst, dass er bei Wahlen nicht gewinnen kann, dafür kokettiert er mit der Waffengewalt. Auch viele Indígenas sehen seinen Herrschaftsanspruch mit großer Sorge, von „Aymara-Rassismus“ ist die Rede.

Ganz anders Evo Morales. Er weiß, dass seine politische Zukunft über die Wahlurnen führt. Morales laviert hin und her zwischen den Erwartungen seiner Basis an radikale Forderungen und dem Anliegen, langfristig ein respektierter Politiker nach dem Vorbild Lulas zu werden.

Die politischen Identitäten der Protestierenden sind keineswegs eindeutig. Felipe Quispe hat den Konflikt nach Kräften ethnisiert, die Cocabauern hinter Morales haben ein eher gewerkschaftliches Selbstverständnis, in das erst mit dem Sprechen von der „heiligen Pflanze Coca“ nachträglich eine „Ethno-Schiene“ Einzug gehalten hat. Im Gewerkschaftsdachverband COB indessen stehen die Klassiker des Sozialismus hoch im Kurs.

Der Rücktritt Sánchez de Lozadas hat lagerübergreifend Freude ausgelöst. Aber diese Freude mischt sich in Bolivien mit großer Sorge nicht nur unter den Privilegierten, das Land könne, vielleicht sogar durch einen Bürgerkrieg, zerfallen. Im Osten, in Santa Cruz und in Tarija, dort wo das Gas unter dem Boden liegt, wird immer mal wieder die Option ins Spiel gebracht, sich von den „radikalen Indios“ im Hochland einfach zu trennen.

Aus dem Blickfeld geraten ist in Bolivien das Projekt des friedlichen Zusammenlebens in einem pluriethnischen Staat, der kulturelle Unterschiede respektiert, Rechte garantiert und in der Lage ist, glaubwürdig soziale und wirtschaftliche Perspektiven aufzuzeigen. Carlos Mesa muss erst noch zeigen, ob er solch einem Projekt von der Rhetorik zur Regierungspraxis verhelfen will – und politisch durchsetzen kann. Dagegen stehen in erster Linie die etablierten Machtapparate der Parteien und der weißen Eliten, aber eben auch indigene Führungspersönlichkeiten wie Quispe. Wenig Grund zur Freude.

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