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Editorial Ausgabe 390 – Dezember 2006

Wohl kein anderes Land wird mehr mit einer Wasserstraße in Verbindung gebracht als Panama. Verdankt die ehemalige kolumbianische Provinz ihre Unabhängigkeit doch dem Umstand, dass die USA 1904 zugunsten einer separatistischen Revolte intervenierten, um die Kanalbauarbeiten voranzutreiben. Denn für die Nordamerikaner gab es bis ins zwanzigste Jahrhundert nur den 20.000 Meilen langen Weg über Kap Hoorn, um die Meere zu wechseln. Nichts lag also näher, als die 82 Kilometer breite Landenge zu durchgraben.

Jetzt haben die EinwohnerInnen Panamas in einem Referendum entschieden, dass die zwei Fahrrinnen um eine dritte ergänzt werden sollen. Das wird vor allen Dingen erst einmal teuer. Sieben Jahre soll es dauern, und es könnte bis zu acht Milliarden. Dollar kosten, mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts des kleinen Landes, befürchten die KritikerInnen des Projekts.

Trotz dieser Hürde: An keiner anderen Stelle sind Atlantik und Pazifik so günstig zu verbinden wie hier. Heute, in Zeiten, in denen durch die immer günstigeren Transportkosten die global agierenden Unternehmen immer größere Profite machen können, sind Abkürzungen sehr einträglich. 48.000 Dollar pro Schiff werden im Schnitt für die Passage verlangt. Nicht verwunderlich also, dass viele Staaten in Mittelamerika ehrgeizige Pläne haben, um an diesen Einkünften teilzuhaben.

Nicaragua würde am liebsten seine Binnenseen verknüpfen und zum Meer hin öffnen – mit entsprechenden Folgen für die Trinkwasserversorgung. Für den mexikanischen Isthmus, die Landenge zwischen Oaxaca und Veracruz, ist geplant, die beiden Küsten mit Schienennetzen zu verbinden und mit Industriegürteln und Maquiladora-
Betrieben auszubauen. Dieser „Trockene Kanal“ würde auf seinem Weg Feuchtgebiete und den Lebensraum vieler Menschen zerstören. Dafür würde er ihnen dann schlecht bezahlte Arbeitsplätze bringen. Verheerende Auswirkungen hätte auch die Umsetzung der Pläne für einen kolumbianischen Kanal. Die interozeanische Verbindung würde das Leben in weitgehend unberührten Küstenabschnitten bedrohen. Umweltzerstörung und die Vertreibung der indigenen Bevölkerung haben bereits begonnen. Alle diese Pläne basierten bisher darauf, dass der Panamakanal den globalen Ansprüchen an Transport und Logistik auf lange Sicht nicht mehr genügen werde. Jetzt verändern sich die Voraussetzungen für diese Spekulationen, denn demnächst werden auch Ozeanriesen durch die panamaischen Fahrrinnen schippern. Die Gewinnaussichten für die Konkurrenz schwinden.

Die Globalisierung der Welt bahnt sich ihren Weg. Vielleicht besser wieder dort, wo bereits vor 97 Jahren die erste Verbindung zwischen den beiden größten Weltmeeren gegraben wurde, als anderswo. Länder wie Kolumbien und Mexiko, die neben den wirtschaftlichen auch politische Interessen verfolgen, wird das unter Umständen nicht hindern, an ihren Plänen festzuhalten. Panamas kleiner Elite, einigen korrupten Politikern und vor allem den multinationalen Unternehmen vor Ort wird der Ausbau zu schnellem Profit verhelfen. Dass in Panama gleichzeitig die Renten gekürzt werden und berechtigte Zweifel an den anlässlich des Referendums gegebenen Wohlstandsversprechen bestehen, darf nicht wundern. Trotzdem: besser dort als anderswo?

Ja und nein. Kompromisse bestimmen immer stärker die Wirklichkeit auf beiden Seiten, sowohl bei den so genannten Globalisierungsbefürwortern wie auch bei den Gegnern. Ein ständiges Abwägen der Größe des jeweilig kleineren Übels wird immer offensichtlicher. Das wird noch an einem anderen Umstand deutlich: Panama bekommt nun auch den lateinamerikanischen Sitz im UN Sicherheitsrat. Das hat zwar nichts mit dem Kanal, sondern vielmehr mit dem Verzicht Venezuelas und Guatemalas zu tun, aber auch hier ist mit Panama ein Kompromiss gefunden worden, mit dem irgendwie alle leben können.
Die Bedeutung des kleinen Landes für die Region wird diese Position vielleicht noch mehr stärken als sein Kanal. Panama also als Alternative für alles. Oh, wie schön ist Panama!

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