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Lateinamerika und der Caipirinha-Effekt

Noch vor kurzem war sich die Fachwelt weitgehend einig: Lateinamerika befände sich seit Beginn der 90er Jahre im Aufwind, die Mexiko-Krise 1994/95 und ihr „Tequila-Effekt“ sei lediglich eine kurze Unterbrechung. Lateinamerika als begehrte Anlageregion für ausländisches Kapital, als aufstrebende Märkte eben. Aber wer hoch fliegt, kann auch tief fallen. Mexiko machte es vor, und nur massive internationale Finanzhilfe konnte den Absturz bremsen. Im Herbst letzten Jahres folgten die ostasiatischen Tiger, und jetzt droht die Rußlandkrise Brasilien mit in den Abgrund zu ziehen. Denn sobald einer der sogenannten emerging markets wankt, wird auch aus allen anderen Märkten dieser Kategorie Kapital abgezogen und in sichereren Häfen angelegt. Daß der Plano Real auf Sand gebaut ist, wird der Öffentlichkeit so nicht mehr allzulange verborgen bleiben. Und Brasilien ist nicht irgendwer: Achtgrößte Volkswirtschaft der Welt und Lokomotive für den gemeinsamen Markt des Cono Sur.
Dabei ist die Politik, den Wechselkurs stabil zu halten, für ein Schwachwährungsland eine an sich grundvernünftige Strategie: Nur so kann dem generellen Abwertungsverdacht begegnet werden. Der freie Kapitalverkehr jedoch führt zu folgendem Dilemma: Entweder halten die Marktakteure den festen Wechselkurs für glaubwürdig, und kurzfristige Kapitaltransfers werden durch die hohen Zinsen enorm lukrativ. Oder der feste Wechselkurs wird als unglaubwürdig eingeschätzt, und dann droht eine Kapitalflucht. Das zweite Szenario ist in Brasilien nun eingetreten und konnte auch mit exorbitanten Zinserhöhungen nicht kompensiert werden. Seit einem halben Jahr befindet sich die brasilianische Wirtschaft im Sturzflug: pro Tag flossen bis zu einer Milliarde US-Dollar aus dem Land, die Verschuldung explodierte. Allen Beteuerungen zum Trotz ist die Abwertung nur noch eine Frage der Zeit. Dann ist die Glaubwürdigkeit des Real futsch und ganz Lateinamerika droht eine Abwertungsspirale. Das Szenario gliche dem in Asien und Rußland, wo seit Ausbruch der Krise Millionen Menschen in Armut und Hoffnungslosigkeit versinken.
Selbst die USA, die 21 Prozent ihres Außenhandels mit Lateinamerika abwickeln, müssen eine negative Kettenraktion befürchten. Mit diesem Pfund – oder besser Dollar – kann Brasilien kurzfristig nochmals wuchern. Der IWF stellte Kredite in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Ein Privileg, von dem die ostasiatischen Tiger und Rußland nur träumen können: IWF und USA zeigen sich dort weit weniger spendabel.
Langfristig aber ist für Brasilien – wie auch für jedes andere Schwachwährungsland Wechselkursstabilität zwingend an Leistungsbilanzüberschüsse geknüpft. Nur so kommen Devisen ins Land, die den Wechselkurs ohne steigende Auslandsverschuldung stabilisieren. Aber wie Spekulationen sind auch Leistungsbilanzen ein Nullsummenspiel, und wo es Überschüsse gibt, muß es auch Leistungsbilanzdefizite geben. Die Industrieländer jedenfalls sind nicht bereit, solche hinzunehmen, zögen sie doch Arbeitsplatzverluste und eine Schwächung ihrer Währungen nach sich.
Auch wenn bei jeder Krise selbst dieRegierungen der Industrieländer nach Finanzmarktregulierung rufen – sonderlich glaubwürdig ist das nicht. Bereits in den 70er Jahren erhielt der Wirtschaftswissenschaftler James Tobin für seinen Ansatz einer Anti-Spekulationssteuer den Nobelpreis. Als die Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNDP) vor einiger Zeit mögliche Wirkungen der Tobin-Steuer untersuchen wollte, drohten die USA mit der vollständigen Stornierung ihrer UN-Beiträge – und schon war das Thema vom Tisch. In anderen Institutionen wird darüber weiter diskutiert – ergebnislos seit über 20 Jahren.

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