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RÄTSELRATEN UM FIDEL CASTRO

Wofür die Parlamentswahlen in Kuba nicht sorgen, dafür sorgt Fidel Castro: für Spannung. Wenn der máximo líder sich zu Wort meldet, ist die ganze Nation Ohr. Ob er wie Ende Dezember in einer seiner „Reflexionen“ im Parteiblatt Granma verkündet, er wolle der jüngeren Generation keinesfalls im Wege stehen oder kurz vor der Parlamentswahl vom 20. Januar physische Schwächen zugesteht: „Ich bin nicht in der Lage, direkt zu den Nachbarn in der Gemeinde zu sprechen, wo man mich zu den Wahlen aufgestellt hat. … Also tue ich das, was ich kann: Ich schreibe.“ Und das genau einen Tag nachdem Brasiliens Präsident Lula nach einem Gespräch mit ihm offenbarte, der 81-Jährige sei bei tadelloser Gesundheit und werde schon bald seine angestammte Rolle wieder einnehmen. Wer soll daraus schlau werden?

Fidel Castros politische Zukunft klärt sich bis spätestens Anfang März, wenn sich in Havanna die neue Nationalversammlung konstituiert und als eine ihrer ersten Amtshandlungen den Staatsratsvorsitzenden bestimmt. Die Lage ist übersichtlich: Tritt Fidel an, wird er gewählt, verzichtet er, ist sein Bruder Raúl am Zuge, der ihn schon in den letzten 18 Monaten in allen Ämtern vertrat und sich dabei keine Blöße gegeben hat. Auf einen der Castros läuft die Entscheidung auf jeden Fall hinaus. So weit, so gut.

So gut? Positiv für Kuba, für die KubanerInnen ist es sicherlich, dass die früher oder später ohnehin unvermeidliche „biologische Lösung“ der Führungsfrage nicht mit dem Zusammenbruch des historischen Lebenswerks von Fidel Castro einhergehen wird. Man muss kein 150-prozentiger Fidelist sein, um anzuerkennen, dass ein Rollback, wie es der tonangebenden Elite der EmigrantInnengemeinde in Miami vorschwebt, für die Insel verhängnisvoll wäre. Veränderungen sind in fast allen Lebensbereichen nötig, in vielen Fällen sind sie überfällig, aber dafür ist ein Minimum an Stabilität unerlässlich. Insofern ist die Aussicht auf eine gewisse Kontinuität an der Spitze des kubanischen Staates tatsächlich eine gute Nachricht.

Gar nichts Gutes ist hingegen an den Umständen, die diese Präsidentenwahlen begleiten. Beängstigend ist die Ergebenheit, mit der die KubanerInnen zusehen, wie das Bruderpaar die Entscheidung, die doch jede/n von ihnen betrifft, unter sich ausmacht. Zwar debattieren natürlich auch die KubanerInnen, ob Fidel, Raúl oder ganz jemand anders in den nächsten Jahren den Hut aufhaben sollte. Auch haben die KubanerInnen angespornt durch Raúls trockenen Kommentar von vor einem Jahr, die Revolution sei der ständigen Rechtfertigungen überdrüssig, in den vergangenen Monaten in Tausenden von Versammlungen Missstände benannt und Abhilfe verlangt, und das öffentlich wie seit langer, langer Zeit nicht mehr. Doch ihre Forderungen blieben letztlich Petitionen an die Obrigkeit, nicht mehr.

Sollen die Errungenschaften der kubanischen Revolution – was immer man unter ihnen verstehen mag – bewahrt werden, sollen sie nicht nur Fidel und Raúl überdauern, sondern auch noch Vizepräsident Carlos Lage und Parlamentspräsident Ricardo Alarcón und wie sie alle heißen, dann braucht es Räume, in denen offen und auch öffentlich über alternative Modelle innerhalb und auch außerhalb der bestehenden Ordnung gesprochen und entschieden werden kann. Im Idealfall könnte Kubas neue Nationalversammlung das nötige Forum bieten. Die Geheimniskrämerei um Fidel Castro, sein Comeback oder seine Pensionierung lässt jedoch vermuten, dass die kubanische Führungsriege der Versuchung nachgeben könnte, sich um diese Aufgabe noch eine Weile herumzumogeln.

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