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// Terror gegen Mapuche

„Onas, Mapuche und Atacamenos folgten ihrem Traum und fanden einen Weg, um Gleichheit zu erlangen…“ – so heißt es in der chilenischen Hymne zum Bicentenario, der Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeit des Landes. Vielen ChilenInnen scheint es gut zu gehen. Seit dem Ende der Diktatur funktionieren die freien und geheimen Wahlen. Im lateinamerikanischen Vergleich ist das Land friedlich und sicher, der Handel mit Rohstoffen boomt. Die Beliebtheit des im März vereidigten Präsidenten Sebastian Piñera von der rechtsliberalen Partei Nationale Erneuerung wächst. Das liegt unter anderem daran, dass er die Befreiung von 33 in 700 Metern Tiefe gefangenen Arbeitern einer nordchilenischen Gold- und Kupfermine zu seiner persönlichen Rettungsmission gemacht hat.

Im Süden befinden sich derweil seit dem 12. Juli 32 Mapuche-Indígenas jenseits des medialen Fokusses im Hungerstreik, um auf Missstände aufmerksam machen. Sie klagen über repressive Maßnahmen, wie Einzelhaft in Dunkelzellen und Schlafentzug. Selbst die Staatsanwältin Mónica Maldonado bezeichnet diese Haftbedingungen als Folter. Die AktivistInnen protestieren gegen die Anwendung des Anti-Terrorgesetzes, auf dessen Grundlage sie verurteilt werden sollen. Das Gesetz stammt aus der Pinochet-Zeit.

Die Unterdrückung der Mapuche begann weit vor Pinochet bereits mit der chilenischen Unabhängigkeit. Bis dahin hatten sie sich im ständigen Kampf mit den Spaniern ihre Autonomie südlich des Biobio-Flusses bewahrt. Erst der neu geschaffene chilenische Staat „befriedete“ die Region gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Militärgewalt, siedelte die Mapuche in Reservaten an und verteilte das Land an ChilenInnen und europäische EinwandererInnen. Während der Pinochet-Diktatur 1973 bis 1990 wurde das Land im Süden Chiles an ausländische Forstwirtschaftsfirmen verhökert. Seither wachsen in den Regionen Biobio und Araucania, dem Kerngebiet der Mapuche, auf großen Flächen Eukalyptus und Kiefer in Monokultur.

An der Unterdrückung hat sich bis heute nichts geändert, trotz der Gründung der Indigenen-Behörde CONADI 1994, bilingualer Bildungsprogramme und Landvergabe an Mapuche-Gemeinschaften. Auch der Forderung vieler Mapuche-Organisationen, in der Verfassung mit ihrer Kultur und Geschichte anerkannt zu werden, kam bisher keine chilenische Regierung nach. Unter Piñeras Vorgängerin Bachelet ratifizierte Chile zwar die Konvention 169 der internationalen Arbeitsorganisation ILO. Sie sichert der indigenen Bevölkerung das Recht auf Sprache, ihr angestammtes Territorium und ihre Kultur zu. Doch die ergriffenen Maßnahmen der Regierung sahen viele Mapuche als unzureichend an. Gegen diese historische Ungerechtigkeit protestierten die AktivistInnen. Gegen sie wandte Bachelet das Antiterrorgesetz an, das unter anderem zulässt, dass ein Angeklagter von einem Militär- sowie einem Zivilgericht verklagt werden kann – obwohl sie zu Beginn ihrer Amtszeit versprochen hatte, darauf zu verzichten.

2008 starb der 22-jährige Mapuche-Aktivist Matías Catrileo bei Protesten durch einen Schuss in den Rücken. Der für die Tat verantwortliche Polizist wurde zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt. Die inhaftierten Mapuche erwarten Haftstrafen bis über 100 Jahre, wenn sie auf Grundlage des Antiterrorgesetzes verurteilt werden. Um den Konflikt zu beruhigen und die Zweihundertjahrfeier nicht zu gefährden, hat Sebastian Piñera einer Änderung des Gesetzes zugestimmt. Der Konflikt um Land und die Anerkennung indigener Kultur ist damit nicht beigelegt. Dazu müsste die Regierung in Santiago erst akzeptieren, dass es auch BewohnerInnen Chiles gibt, die von anderem träumen als von der unbegrenzten Ausbeutung natürlicher Rohstoffe. Offenbar will die Regierung die Mapuche nur in nationalen Symbolen wie der Hymne zum Bicentenario vereinnahmen. Um die lebenden Mapuche geht es ihr nicht.

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