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Von Träumen und dem Tag danach

In Zentralamerika grassiert – nicht zum ersten Mal – der Traum von der wirtschaftlichen und politischen Integration. Einer Zauberformel gleich wird sie ein ums andere Mal von Politikern und Politikerinnen aller Schattierungen beschworen, wenn diese über einen möglichen Ausweg aus der tiefen Krise, in denen sich ihre Länder befinden, sprechen. Es ist schön, zumal in schweren Zeiten, wenn man noch träumen kann. Nur ist den Menschen, deren eigene Träume von einem besseren Leben schon zu oft enttäuscht wurden, mit dem Verweis auf eine bessere Zukunft nicht ge-holfen, wenn sie nicht einmal wissen, wie sie in der Gegenwart ihre Familie ernähren sollen.
Es spricht in der Tat einiges für eine politische und wirtschaftliche Integration der Länder auf der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika. Die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarkts und eine sektorale Aufteilung der industriellen Produktion könnten die Konkurrenzfähigkeit der zentralamerikanischen Industrien erhöhen. Doch dieses Konzept, das bereits in den fünfziger Jahren unter Federführung der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) ausgearbeitet wurde, scheiterte schon im Mercado Común Centroamericano (MCCA), dem ersten wirtschaftlichen Integrationsversuch in den sechziger Jahren. Letztlich waren es politische Widerstände der nationalen Wirtschaftseliten, die eine sinnvolle gemeinsame Industriepolitik verhinderten. Und die CEPAL-Vorschläge für soziale Reformen und insbesondere auch eine Agrarreform fanden schon gar keinen Eingang mehr in den “Vertrag von Managua”, mit dem 1960 der MCCA beschlossen worden war. Schließlich bestimmten die Agraroligarchien damals in allen Ländern des Isthmus das politische Geschehen.
Deren Einfluß ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Eine Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung hatte dies allerdings keineswegs zufolge. Im Zeitalter des Neoliberalismus ist kein Platz für eine Sozialpolitik, die diesen Namen verdient, und Umverteilung findet, wenn überhaupt, stets von unten nach oben statt. Nicht Zentralamerika zählt, sondern ausschließlich der Standort Guatemala, Honduras oder Nicaragua, wenn sich die Länder der Region in ihrem Bemühen, Produktionsstätten der boomenden Maquila-Industrie ins eigene Land zu holen, beim Lohndumping und dem Abbau der Gewerkschafts- und Arbeitsrechte gegenseitig zu überbieten versuchen.
Düstere Aussichten – und dies, obwohl durchaus Erfolgsmeldungen vom zentralamerikanischen Isthmus zu vermelden sind. Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition gehören weitgehend der Vergangenheit an, in Guatemala wird wohl noch in diesem Jahr das Ende des letzten Krieges in der Region gefeiert werden. Die Militärs sind in der Defensive, ihre Macht wird beschnitten. Doch das Ende der Bürgerkriege bedeutet längst nicht das Schweigen der Waffen. In allen Ländern Zentralamerikas nimmt die Kriminalität zu. In El Salvador sterben heute mehr Menschen eines gewaltsamen Todes als in den meisten Jahren des Krieges.
Ob Armutskriminalität, organisiertes Verbrechen oder Morde durch Todesschwadrone und Polizei: Die Gewalt, die nicht zuletzt ein Ergebnis der herrschenden Politik ist, erweist sich als Triumph für die rechten Parteien, die von Panama bis Guatemala die Regierung stellen: Immer mehr Menschen wünschen sich eine Verschärfung der Gesetze. Und eine repressive law and order-Politik – das hat sie in der Vergangenheit oft genug bewiesen – kann die Rechte wesentlich glaubwürdiger vertreten als die Linke.
Die Mächtigen haben kein Monopol auf Träume. Bleiben denen, die andere Wege suchen, nur Alpträume? Vielleicht kann es hoffnungsvoller stimmen, wenn überhaupt noch geträumt wird in Zentralamerika.

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