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Zapatisten: Zurück auf los

Die EZLN hat den zweiten Teil der Anderen Kampagne abgesagt. Statt wie geplant von Oktober bis Dezember durch den Süden Mexikos zu reisen, um den Widerstand zu vernetzen, bleiben sie in Chiapas, um die zapatistischen Gemeinden zu verteidigen. Die Andere Kampagne, jenes ausufernde Projekt für ein ganz anderes Mexiko, hat damit gut ein Jahr nach ihrem Beginn ein vorläufiges Ende gefunden. Eine Überraschung?
Ja – aber eine, die fällig war.
Chiapas erlebt derzeit eine Welle der Gewalt: Militärs und Paramiltärs vertreiben, morden, schüchtern ein; die Regierung in Chiapas verharmlost, leugnet, lügt. ExpertInnen vergleichen die Situation mit der schlimmsten Phase dieses seit 1994 anhaltenden „Krieges niederer Intensität“. Mit einem Unterschied: Ging damals ein Aufschrei durch die nationale und internationale Öffentlichkeit, wenn die Zapatistas unter Repression zu leiden hatten, so bekommen heute die Wenigsten etwas von den Vorfällen mit. Als die EZLN 1994 zum Aufstand rief, füllte sie eine Lücke, die in der Linken seit Jahren klaffte. Der zapatistische Aufstand war der Beginn der globalisierungskritischen Bewegung. Dieser historischen Konstellation, aber auch ihrem Gespür für die Fragen der Zeit, verdankten die Zapatistas einen großen Teil ihrer Attraktion. Wenn Subcomandante Marcos nun verbittert konstatiert, es sei eine Mode gewesen, die Zapatistas zu unterstützen, aber keine Mode halte länger als zehn Jahre an, dann mag darin viel Richtiges stecken – doch zugleich ist diese Entwicklung dem eigenen Erfolg der EZLN geschuldet. Die globalisierungskritische Bewegung ist längst eine feste Größe, sie benötigt die Zapatistas längst nicht mehr so sehr wie diese umgekehrt die internationale Solidarität.

In Mexiko selbst sind im Laufe des letzten Jahres neue Wunden aufgerissen. Neue Formen des Widerstandes haben die Zapatisten zu einem Akteur unter mehreren gemacht. Man denke nur an die Aufstände in Oaxaca oder die Proteste wegen des vermutlichen Wahlbetrugs bei den letzten Präsidentschaftswahlen. Im Juli hat sich zudem die Guerilla EPR zurückgemeldet, mit Anschlägen auf das Öl- und Erdgasnetz zieht sie seither die Aufmerksamkeit der Medien auf sich.
Auf all diese Entwicklungen haben die Zapatistas keinen Einfluss, da sie Entscheidungen trafen, die sich als falsch erwiesen haben. Den Konflikt in Oaxaca unterschätzten sie lange Zeit. Dazu trugen wohl auch Differenzen zwischen ihnen und der LehrerInnengewerkschaft bei. Die harsche Kritik, die Marcos am verhinderten Präsidenten Andres Manuel Lopez Obrador und seiner Partei PRD übte, hat sich zwar als vollkommen berechtigt erwiesen. Denn in Chiapas agiert der neue Gouverneur der PRD, Juan Sabines, ebenso korrupt und brutal wie seine Vorgänger von der PRI. Und auf Bundesebene stilisiert sich die PRD zwar immer noch als Opposition, kooperiert aber längst wieder mit der offiziell gewählten Regierung. Dennoch hat die EZLN mit ihrer kategorischen Ablehnung, die Möglichkeiten einer parlamentarischen Linken auch nur zu diskutieren, viele MexikanerInnen vor den Kopf gestoßen, die sich von Lopez Obrador zumindest punktuelle Verbesserungen erhofft hatten.
Wenn die EZLN die Andere Kampagne nun vorerst beendet, so ist das auch ein Eingeständnis, dass sie sich mit diesem Projekt angesichts der derzeitigen politischen Situation übernommen hat. Zuallererst die mühevoll erkämpfte Autonomie der zapatistischen Gebiete zu verteidigen, ist die richtige Entscheidung. Im gewissen Sinne ist es aber auch ein „Zurück zu den Wurzeln“, das vielleicht die Chance bietet, die eigene Strategie der letzten Jahre zu reflektieren, die ungelösten Widersprüche in Konzept und Aufbau der EZLN anzugehen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Offenheit dafür, Ziele und Strategien veränderten Bedingungen anzupassen, war immer eine der Stärken der EZLN: Fragend, das haben die Zapatistas immer betont, schreiten sie voran. Und trotz der Vergänglichkeit aller Moden: Allein, wie Marcos fürchtet, wird die EZLN dabei nicht sein.

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