Schulterschluss der Rechten

Pakt der Korrupten: Molina Barreto mit Zury Ríos, Rios Montt Tochter (Foto: Carlos Sebastián via Wikimedia Commons CC-BY-4.0)

Während der vorherige Präsident Biden die sozialdemokratische Regierung von Präsident Bernardo Arévalo zu Beginn noch unterstützte, deuten die jüngsten Entwicklungen darauf hin, dass sich die Agenda unter Trump verschiebt. Die Antikorruptionsagenda der USA im letzten Jahrzehnt wird durch eine Strategie verdrängt, die den millionenschweren Lobbygruppen der guatemaltekischen Oligarchie in Miami entgegenkommt und sich damit in das Bild des imperialistisch geprägten Interventionismus der USA einfügt. In den Jahren 2023 und 2024 versuchte der Pakt der Korrupten, ein Bündnis aus traditionellen ökonomischen Eliten, Narcos, Funktionär*innen, Ex-Militärs und Mitgliedern des organisierten Verbrechens, der das Justizsystem und andere staatliche Institutionen unterwandert hat, die Amtseinführung von Präsident Arévalo zu boykottieren. Der Einfluss der USA, der in der zentralamerikanischen Politik eine feste Größe ist, agierte damals eindeutig zugunsten der demokratischen Institutionen. Die US-Botschaft stellte sich gegen die kriminellen Gruppen.

Bei den Wahlen zweiten Grades, wie die Wahlen der Judikative offiziell genannt werden, wurden die Ämter der neuen Richter*innen für das Verfassungsgericht und den Obersten Wahlgerichtshof, die Generalstaatsanwaltschaft, die Staatsanwaltschaft der Regierung und die Oberste Rechnungsprüfungsbehörde gewählt. Es handelt sich um indirekte Wahlen, bei denen Vornominierungskommissionen, bestehend aus Vertreter*innen verschiedener Gremien, die entsprechende Amtsträger*innen wählen. Ein Beispiel ist die Vornominierungskommission für das Oberste Wahlgericht. Diese besteht aus dem Rektor der staatlichen Universität San Carlos de Guatemala (als Vorsitzendem), den Dekanen der juristischen Fakultäten der privaten Universitäten des Landes, Vertreter*innen der Anwalts- und Notarkammer sowie Mitgliedern des Ehrengerichts dieser Kammer.

Diese korporatistische Struktur soll dafür sorgen, dass Fachleute und Expert*innen stärker in die Ernennung hochrangiger Staatsbeamt*innen einbezogen werden, wird jedoch zunehmend in Frage gestellt, da sie die Vereinnahmung dieser Bereiche durch Machtgruppen wie den Pakt der Korrupten erleichtert. Ein Beispiel dafür ist die zunehmende Zahl privater Hochschulen, die nur gegründet werden, da sie Mitspracherecht bei der Wahl des Obersten Wahlgerichts durch den Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, der Obersten Rechnungsprüfungsbehörde durch den Dekan der Universität und der Staatsanwaltschaft durch den Dekan der juristischen Fakultät ermöglichen.
Der Pakt der Korrupten hat ein großes Interesse daran, hier Einfluss nehmen zu können, denn die gewählten Institutionsmitglieder der Judikative üben zentrale politische Funktionen aus: Der Oberste Wahlgerichtshof organisiert die Parlamentswahlen, die Oberste Rechnungsprüfungsbehörde erteilt die Zulassung für Kandidat*innen, und die Generalstaatsanwaltschaft entscheidet, wer vor Gericht gestellt wird und wer straffreibleibt.

Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Generalstaatsanwältin ein exemplarischer Fall: Consuelo Porras kam 2018 zur Staatsanwaltschaft. Seitdem wurde nachgewiesen, dass ihre Doktorarbeit ein Plagiat ist und sie in illegale Adoptionen in den 80er Jahren involviert war. Sie wurde in den letzten Jahren international durch die USA und die EU wegen der politischen Verfolgung von Oppositionellen sanktioniert. Gleichzeitig unterlässt sie bewusst die Ermittlung gegen Verbündete und schützt sie. Dies verdeutlicht das Gewicht der Wahlen dieser judikativen Positionen. Die andere bedeutende Wahl ist die des Verfassungsgerichts, das die Befugnis hat, Entscheidungen jeder staatlichen Gewalt aufzuheben: Dort landen die Beschlüsse zu großen, extraktivistischen Rohstoffprojekten, dort wird über richtungsgebende Gesetzesänderungen mitentschieden, wie die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe oder die Entkriminalisierung der Abtreibung. Das Verfassungsgericht kann zudem Reformversuche zunichtemachen, die im aktuellen Kongress ohnehin schwer durchzusetzen sind, wo die Regierungspartei trotz diverser Bündnisse in der Minderheit ist.

Derzeit ist selbst das Bündnis der Regierung im Parlament im Kontext der Wahlen zweiten Grades nicht stabil: Im Zusammenhang mit der Wahl von Richter*innen für das Verfassungsgericht durch den Kongress kam es kürzlich, zumindest temporär, zum Bruch – auch aufgrund der Einflussname der US-Botschaft. Samuel Pérez Álvarez, Abgeordneter der Regierungspartei, berichtet in einem Interview mit Tan/Gente Podcast, dass John Barret, der Geschäftsträger der US-Botschaft, mehrere Abgeordnete persönlich angerufen habe, damit sie für Molina Barreto stimmen. Dieser ist bereits seit 20 Jahren Mitglied des Verfassungsgerichts und hat eine eindeutige Bilanz: 2013 stimmte er für die Aufhebung des Völkermord-Urteils gegen Efraín Ríos Montt (Diktator 1982-1983, während der blutigsten Jahre des bewaffneten Konflikts), er begünstigte Anführer des organisierten Verbrechens wie Mitglieder der Gang Barrio 18 und ist in Korruptionsfälle wie den Fall „Fénix“ verwickelt, der mit der Geldwäsche von Geldern des Instituto Guatemalteco de Seguridad Social in Verbindung steht. Pérez Álvarez berichtet in dem Interview, dass den Abgeordneten mit dem Entzug von Visa oder der Einfrierung von Bankkonten in den USA gedroht wurde. Mehrere weitere Abgeordnete bestätigten die Vorfälle in Medien wie La No-Ficción y La Hora.

Die Position der US-Botschaft kommt jedoch nicht aus heiterem Himmel, sondern ist eine Antwort auf Einflussnahme unterschiedlicher Lobbygruppen. Die erste besteht aus Vertreter*innen der guatemaltekischen Oligarchie, die in starker Opposition zur Regierung Arévalos stehen. Diese haben einen Vertrag mit der US-amerikanischen Lobbyfirma Corcoran & Associates Inc. unterzeichnet, um Kontakte zur MAGA-Bewegung zu knüpfen. Der erste beauftragte Lobbyist war Esteban Bovo, ein ehemaliger republikanischer Politiker aus Florida, der US-Außenminister Marco Rubio nahesteht, wie El Observador berichtet. Schon Bovos Vater, ein gebürtiger Kubaner und Antirevolutionär, wurde 1961 von der CIA in Retalhuleu, Guatemala, ausgebildet, um die Regierung Castros bei der Invasion in der Schweinebucht anzugreifen. Die Einflussnahme der Lobbygruppe und der US-Botschaft hat Früchte getragen: Molina Barreto sitzt nun, gewählt vom Kongress, für die nächsten fünf Jahre im Verfassungsgericht.

Einflussnahme durch guatemaltekischen Pakt der Korrupten und US-Botschaft


Neben der Wahl von Molina Barreto setzten sie sich außerdem für die Wiederwahl von Porras als Generalstaatsanwältin ein. Hiermit waren sie nicht allein: Eine weitere Lobbygruppe, die sich für Porras starkgemacht hat, wird von Steve Hecht angeführt, einem in Guatemala ansässigen US-Unternehmer, der sowohl mit MAGA als auch mit guatemaltekischen Ex-Militärs verbunden ist, die den Völkermord leugnen. Er hat versucht, Porras bei der Trump-Regierung als Verbündete zu positionieren. Das Verfassungsgericht ist bislang das Bollwerk des reaktionären Privatsektors und wird es nach bisherigen Einschätzungen teilweise auch nach den Wahlen bleiben. Immerhin: Eine Wiederwahl von Porras als Generalstaatsanwältin ist trotz der Lobbybemühungen voraussichtlich nicht möglich. Denn selbst wenn die US-Botschaft ausreichend Druck auf das Vorauswahlkomitee aufbauen würde, ist der Präsident für die finale Nominierung zuständig.

Inmitten des Iran-Krieges haben das guatemaltekische Verfassungsgericht und die Generalstaatsanwaltschaft für Washington keine Priorität. Dennoch zeigen sich erste Konsequenzen eines Agendawandels: Die US-Botschaft als Vertretung der Trump-Regierung in Guatemala öffnet rechten politischen Lobbygruppen die Türen. Die Haltung der Botschaft reiht sich in Donald Trumps imperialistische Außenpolitik gegenüber dem amerikanischen Kontinent ein. Dies spiegelt sich unter anderem in seinen Bemühungen wider, den Golf von Mexiko umzubenennen, in der militärischen Invasion Venezuelas und der Entführung seines Präsidenten sowie in der totalen Blockade Kubas, die zu einer humanitären Katastrophe extremen Ausmaßes führt. Auch in Zentralamerika wurde der Präsident der USA schon in imperialistischer Manier aktiv: Neben der erklärten Absicht, den Panamakanal „zurückzugewinnen“, hat Trump salvadorianische Gefängnisse als externalisiete Abschiebegefängnisse für Migrant*innen genutzt, Bukeles sogenannte Sicherheitspolitik lobt er in hohen Tönen, er griff in die honduranischen Wahlen zugunsten des konservativen Kandidaten ein und begnadigte Juan Orlando Hernández. Auch kommt hier wie schon in anderen Jahrzehnten das Narrativ der Drogenbekämpfung ins Spiel (siehe auch dieses Heft, Seite 46): Die republikanische US-Abgeordnete aus Florida, María Elvira Salazar, schrieb auf Twitter, sie verfolge die Ernennung der Richter*innen am Verfassungsgericht durch den Kongress aufmerksam, und die Trump-Regierung werde null Toleranz gegenüber Drogenhändlern und ihren Komplizen zeigen.

Obwohl ihre Vorwürfe auf Molina Barreto, einen Juristen, der das organisierte Verbrechen schützte, zutreffen, meint sie damit nicht ihn. Ihre Absicht war stattessen, den von einer Mehrheit des Kongresses einvernehmlich ausgewählten Kandidaten zu diffamieren. Dieser wurde allein aufgrund von Drohungen der Botschaft nicht in das Verfassungsgericht aufgenommen. Im Kampf um ein neues Kräfteverhältnis hält die organisierte Zivilgesellschaft gegen. Initiativen wie die Allianz für die Reformen überwachen die Wahlprozesse und werden sogar von Indigenen Organisationen in verschiedenen Teilen des Landes eingeladen, um darüber zu sprechen, was die Verfassungsgerichtswahlen für die jeweiligen Territorien bedeuten. Während die guatemaltekische Zivilgesellschaft einerseits Angriffe auf die Demokratie erlebt, findet zugleich auch ein politisches Erwachen mit wachsendem Bewusstsein für die Bedeutung der Wahlen zweiten Grades statt.


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Rückkehr in den Frühling

Mission Demokratie retten Proteste vor dem Obersten Gerichtshof in Guatemala (Foto: Festivales Solidarios)

Der erste politische Frühling der 40er und 50er Jahre währte nicht lange. Die US-Regierung putschte mit Hilfe der CIA, anderer zentralamerikanischer Regierungen und antikommunistischer Militärs aus Guatemala. Sie stürzten den progressiven Militär Jacobo Árbenz im Juni 1954 und verurteilten ihn zu einem Leben im Exil in mehr als zehn verschiedenen Ländern, bis er 1971 in Mexiko starb.

In den zehn Jahren des demokratischen Frühlings wurden beispiellose Fortschritte erzielt: die Einführung eines Arbeitsgesetzes, eines Sozialversicherungssystems und des Frauenwahlrechts sowie eine Landreform, bei der Land an Indigene und Bäuer*innen verteilt wurde sowie der Bau von Straßen, Wasserwegen und Bildungseinrichtungen. Die guatemaltekische Gesellschaft erinnert sich daran. Sie bewahrt diesen demokratischen Fortschritt in ihrem kollektiven Gedächtnis. Zusammen mit anderen Faktoren führte dies am 20. August 2023 zur Wahl von Bernardo Arévalo, Sohn von Juan José Arévalo. Der sozialdemokratische Kandidat nutzte das politische und historische Kapital seines Vaters, um die Wahl zu gewinnen.

Dieser wichtige Wahlsieg der Sozialdemokratie in Guatemala erfolgt in einem Land, das seit 2017 unter einer Diktatur der Justiz leidet. Die Drahtzieher dieser Diktatur sind der Oberste Gerichtshof, das Verfassungsgericht, das Staatsministerium und die Richter*innen. Die Institutionen, die für die Verwaltung der Justiz zuständig sind, waren dazu übergegangen, politische Gegner*innen, indigene, studentische und soziale Aktivist*innen zu kriminalisieren, ins Exil zu treiben und zu ermorden. Dieser juristische Angriff galt auch Journalist*innen und Justizmitarbeiter*innen. Derzeit befinden sich mehr als 200 Personen im Exil.

Die Zivilgesellschaft, die indigenen Völker und vor allem die einfachen Menschen sind dieser Diktatur der Justiz, die im Land als „Pakt der Korrupten“ bekannt ist, überdrüssig. Die Müdigkeit hat sich bei den Wahlen im vergangenen Jahr gezeigt: Die Menschen stimmten massiv für die sozialdemokratische Option, die sich auf einen Anti-Diktatur-Diskurs stützte und die Korruption, ein zentrales Element der Diktatur, frontal bekämpfen wollte. Der „Pakt der Korrupten“ versuchte, den Amtsantritt der neu gewählten Regierung durch einen juristischen Staatsstreich zu verhindern. Die indigenen Völker verhinderten dies jedoch und retteten die Wahlen, indem sie mehr als 106 Tage lang friedlich demonstrierten, um die fragile Demokratie Guatemalas zu schützen.

Nach einem turbulenten und unruhigen Regierungswechsel, der seit dem ersten Wahlgang im vergangenen Jahr fast sechs Monate gedauert hat, wurden Bernardo Arévalo und Karin Herrera am 15. Januar dieses Jahres vereidigt. Sie versprachen Veränderungen, vor allem in Bezug auf Korruption und Straflosigkeit.

Seit dem Amtsantritt von Arévalo und Herrera ist es zu einer Reihe von juristischen und gerichtlichen Übergriffen gekommen, angeführt von der Staatsanwaltschaft und dem Verfassungsgericht, das eigentlich für die Einhaltung der Verfassung in Guatemala zuständig ist. Beide Institutionen, die vom sogenannten “korrupten Pakt” kooptiert wurden, haben die Arbeit der neu gewählten Regierung in den letzten sechs Monaten untergraben.

Auch die Legislative hat dazu beigetragen, die Versprechen der Exekutive für die Entwicklung des Landes anzugreifen und zu unterminieren. Die Wahlversprechen der Regierung Arévalo rücken durch die Angriffe der anderen „demokratischen Kräfte” in immer weitere Ferne. Darüber hinaus hat die Regierung Arévalo mit der Verankerung der Mafia in der Regierungsstruktur, insbesondere in der Exekutive, zu kämpfen – ein Erbe der Regierungen von Jimmy Morales und Alejandro Giammattei. Diese Strukturen sind der Regierung Arévalo ein Dorn im Auge: Unzählige Posten, Verträge und Ernennungen wurden von den beiden Ex-Präsidenten gefördert, um Kollaborateur*innen und Informant*innen in Schlüsselpositionen der öffentlichen Verwaltung zu bringen.

Hinzu kommt die Forderung ehemaliger Militärs und ehemaliger Mitglieder der zivilen Selbstverteidigungspatrouillen, im Land als exPAC bekannt. Sie verlangen eine Entschädigung für die Dienste, die sie in den 70er bis 90er Jahren für das Land geleistet haben, um die guatemaltekische Gesellschaft vor dem Gespenst des Kommunismus zu schützen, das damals über Mittelamerika schwebte. Diese Ex-Militärs und Ex-Milizionäre waren maßgeblich am Völkermord an der Maya-Bevölkerung beteiligt.

Seit einem halben Jahr ist die Regierung von Arévalo und Herrera an der Macht. Langsam macht sich in der Bevölkerung Desinteresse und Ungeduld gegenüber der Regierung breit. Die Straflosigkeit und die Korruption, rebrände der letzten Monate und die bevorstehende Regenzeit könnten der neuen Regierung des zweiten demokratischen Frühlings zum Verhängnis werden. Denn die politischen Zeiten sind nicht unbedingt kompatibel mit den Zeiten der indigenen Völker und der übrigen guatemaltekischen Gesellschaft.

Guatemala kann als Schlupfwinkel für die Demokratie in der Region betrachtet werden. Sollte sich die Regierung Arévalo konsolidieren, könnte sie eine Atempause von den autoritären Systemen bieten. Wenn der guatemaltekische Frühling wieder auflebt, würde er als Gegengewicht zur Diktatur des „coolsten Diktators“ der Welt in El Salvador und zur muffigen Autokratie Daniel Ortegas in Nicaragua dienen: Zwei Diktatoren, die in der Form antagonistisch erscheinen, im Kern aber beide durch und durch autoritär sind.

Guatemala könnte das Land des ewigen Frühlings werden, nicht als Symbol oder touristischer Slogan, sondern als ein Land, in dem der Frühling für die große Mehrheit der Bevölkerung eine Realität ist. Aber nur, wenn die Regierung Arévalo das auch will und umsetzt. Noch hat sie die Unterstützung der Bevölkerung.


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Startschwierigkeiten für Arévalo

Generalstreik im Oktober 2023 Alina Vicente, indigene Pocomam-Autorität aus Palín Escuintla (Foto: Edwin Bercián / No Ficción)

Seit Mitte Januar ist die neue progressive Regierung von Bernardo Arévalo in Guatemala im Amt. In dieser Zeit hat sie einige Akzente setzen können. Bereits in der ersten Woche ihrer Amtszeit besuchte das Duo aus Arévalo und Vizepräsidentin Karin Herrera eine Mayazeremonie und indigene Autoritäten in Sololá. Dort unterschrieb der Staatschef im Beisein seines Gesundheitsministers einen „Gesundheitspakt“, mit dem traditionelle Medizin und indigene Hebammen im Gesundheitsbereich des Landkreises anerkannt werden sollen.

Zudem demokratisierte Arévalo das Auswahlverfahren für die Gouverneur*innen von 22 Departamentos, die im März ernannt werden sollen. Wie Prensa Comunitaria Ende Januar berichtete, ermögliche es die Reform der Verordnungen des Gesetzes über die Räte für städtische und ländliche Entwicklung „allen Bürgern für die Posten der Gouverneure der Departamentos zu kandidieren“. „Während diese bisher von der Exekutive ernannt wurden, hat Arévalo mit der Reform den Weg für die Kandidatur einfacher Bürger für den Posten freigemacht“, so das Onlineportal weiter. Das letzte Wort hat am Ende allerdings immer noch der Präsident im März.

Im Auswahlverfahren gibt es durchaus interessante Kandidat*innen. In Sololá kandidiert die indigene Bürgermeisterin Luy Emilia Ulario Zavala. Zavala war zentral an den Protesten beteiligt, die Arévalo erst den Amtsantritt ermöglichten. In Totonicapán kandidiert Luis Pacheco für das Amt. Pacheco war im vergangenen Jahr Präsident der 48 Kantone, die neben den indigenen Bürgermeister*innen aus Sololá eine zentrale Rolle bei den Protesten gespielt hatten. In Quetzaltenango möchte Carlos Barrios Gouverneur werden. Er ist aktuell auf Landesebene Generalsekretär der ehemaligen Guerillaorganisation Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca (UNRG) und in seiner Stadt ein seit Jahrzehnten bekannter Aktivist. Der Amtseinführung Arévalos am 14. Januar waren wochenlange juristische und politische Auseinandersetzungen vorausgegangen. Der sogenannte Pakt der Korrupten, bestehend aus Politiker*innen, Unternehmer*innen und Teilen der organisierten Kriminalität, hatte versucht, den Amtsantritt nach dessen überraschendem Wahlsieg zu verhindern. Besonders die Staatsanwaltschaft um Generalstaatsanwältin Consuelo Porras und der Leiter der Sonderstaatsanwaltschaft gegen Straffreiheit, Rafael Curruchiche, spielten dabei eine wichtige Rolle.

Noch am Tag der Amtseinführung stand diese auf der Kippe

Beobachter*innen sind sich einig, dass es vor allem der starken Mobilisierung im Land und der internationalen Kritik zu verdanken ist, dass Arévalo sein Amt schließlich antreten konnte. Indigene Organisationen hatten im Oktober wochenlang Straßen blockiert und ein insgesamt 107 Tage andauerndes Protestcamp vor der Staatsanwaltschaft organisiert. Die USA, die Europäische Union und die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) hatten den „technischen Staatsstreich“ immer wieder mit deutlichen Worten verurteilt und am Ende sogar Sanktionen verhängt.

Noch am Tag der Amtseinführung stand diese auf der Kippe. Abgeordnete des „Pakts der Korrupten“ verzögerten die Wahl eines Parlamentsvorstandes stundenlang. Laut Verfassung darf nur der Parlamentspräsident den Staatschef ernennen. Erst gegen 21.30 Uhr konnte eine Mehrheit gefunden werden, die den Abgeordneten von Arévalos Partei Semilla, Samuel Pérez, in das Amt wählte. Kurz nach Mitternacht erfolgte die Vereidigung von Arévalo und seiner Vizepräsidentin Herrera. Symbolträchtig besuchte das Duo im Anschluss die indigenen Autoritäten, die vor der Staatsanwalt­schaft das Protestcamp aufrecht erhalten hatten.

Während der Proteste war immer wieder der Rücktritt von Generalstaatsanwältin Porras gefordert worden, die führend an den Attacken auf Arévalo und seine Partei Semilla beteiligt gewesen war. Nachdem Porras zu einem ersten vom neuen Präsidenten geplanten Treffen nicht erschienen war, kam es am 29. Januar zu einem Besuch von der Anwältin in Arévalos Kabinett. Dort schloss sie einen Rücktritt aus, der Präsident sprach gegenüber der Presse von einem „frustrierenden Erlebnis“. Turnusgemäß endet die Amtszeit von Porras erst im Mai 2026.

Auch die Bestätigung der Suspendierung der Partei Semilla Ende Januar stellt einen Rückschlag für Arévalo dar. Sie hatte sich im Juli 2023 als Teil der juristischen Attacken gegen den Wahlsieger angebahnt und stützt sich auf angeblich gefälschte Mitgliederlisten der Partei. Für die Einschreibung politischer Parteien im Wahlregister müssen diese in Guatemala mindestens 25.000 Mitglieder vorweisen.

Im vergangenen Jahr legte das Verfassungsgericht fest, dass Parteien während einer laufenden Wahlperiode nicht suspendiert werden dürfen. Nach deren Ablauf am 31. Oktober erfolgte der Schritt dann doch. Allerdings war unklar, was das für die 23 Abgeordneten von Semilla im 160-köpfigen Parlament bedeuten würde. Sah es am Tag der Amtseinführung zunächst noch so aus, als würde das Parlament Semilla als Fraktion anerkennen, beschloss das Verfassungsgericht wenige Tage später das Gegenteil. Entsprechend musste die Wahl des Parlamentsvorstandes wiederholt werden, dem neuen gehören nun keine Semilla-Abgeordneten mehr an. Die Parlamentarierin Sonia Gutiérrez von der Indigenenpartei Winaq (Maya Quiché für „Leute“) ist das einzige Mitglied im neuen Vorstand, das zum „progressiven Lager“ gezählt werden kann. Die Abgeordneten von Semilla werden im Parlament als „Unabhängige“ geführt, was ihnen weniger Rechte einräumt.

Kritisiert wurde teils das von Arévalo kurz vor seinem Amtsantritt bekanntgegebene Kabinett. Unter den 14 Minister*innen ist mit Miriam Roquel nur die künftige Arbeitsministerin indigener Herkunft. Die Indigenen, insbesondere Angehörige der 22 Maya-Völker, machen rund die Hälfte der Bevölkerung Guatemalas aus. Auch wurde kritisiert, dass mehrere der Minister*innen mit der „alten Politik“ und dem Unternehmerverband CACIF verbunden seien.

Arévalo hatte im Wahlkampf vor allem versprochen, die weit verbreitete Korruption bekämpfen zu wollen. Guatemala zählt zu den 30 korruptesten Ländern der Welt, bis zu 40 Prozent des Staatshaushaltes sollen so verloren gehen. Mitte Februar verkündete die Regierung ein Abkommen, das „die Strukturen der Präsidialkommission zur Korruptionsbekämpfung neu definiert und ihren Schwerpunkt und ihre Zuständigkeiten erheblich verändert“, wie es bei der Agencia Guatemalteca de Noticias hieß. Laut Prensa Libre hat Arévalo außerdem „878 Personen aus Staatsämtern entfernt“.

Auch der Kampf gegen die Kriminalität nahm im Wahlkampf großen Raum ein. Guatemala gilt als unsicheres Land, Bankenkriminalität und organisiertes Verbrechen beeinträchtigen das Leben der Bevölkerung. In den vergangenen Jahren war die Mordrate allerdings deutlich zurückgegangen – von 41,8 Morden je 100.000 Einwohner*innen im Jahr 2010 auf 17,3 im Jahr 2022. In absoluten Zahlen wurden 2022 3.004 Tötungsdelikte gezählt. Arévalos Gegenkandidatin in der Stichwahl, Sandra Torres, und andere rechte Kandidat*innen hatten im Wahlkampf versprochen, die Kriminalität bekämpfen zu wollen, indem sie den Ausnahmezustand ausrufen und nach dem Vorbild des Nachbarlandes El Salvador mit „harter Hand“ vorgehen würden. Arévalo hatte derlei Vorschlägen immer eine Absage erteilt, ähnlich äußerte sich sein Innenminister. Im Februar verkündigte Arévalo Reformen im Polizeiapparat und die Gründung einer zunächst 400 Einsatzkräfte umfassenden Motorradstaffel zur Bekämpfung von „Schutzgelderpressungen“.

Neue Regierung bemüht sich um internationale Partnerschaften

Außen- und wirtschaftspolitisch hatte Arévalo im Wahlkampf stets vermieden, sich festzulegen. So erklärte er, er wolle mit „China und mit Taiwan kooperieren, mit Lateinamerika und den USA“. Dieser Linie scheint er als Präsident treu bleiben zu wollen. Anfang Februar verkündeten Regierungskreise, wirtschaftliche Kooperation mit der Volksrepublik China aufnehmen zu wollen – ein Widerspruch, unterhält Guatemala doch als eines der wenigen Länder der Region Beziehungen zu Taiwan. Entsprechend erinnerte Peking prompt an die „Ein-China-Politik“. Einen Abbruch der Beziehungen zu Taiwan hat Guatemala allerdings bisher immer ausgeschlossen.

In der zweiten Februarhälfte besuchte eine Regierungsdelegation unter Leitung Arévalos Europa. Der Präsident nahm dabei an der sogenannten Sicherheitskonferenz in München teil. Diese sei sehr „nützlich gewesen für verschiedene Treffen“, die der „würdevollen Rückkehr Guatemalas auf die internationale Ebene“ gedient hätten, so Arévalo anschließend in einer Videobotschaft. Seine Delegation habe an zwei „Arbeitstreffen zum Thema Korruptionsbekämpfung und Migration teilgenommen“.

In sozialen Netzwerken war der Staatspräsident bei Zusammenkünften mit dem ukranischen Präsidenten Wolodimir Selenskyj und mit der israelischen Delegation zu sehen, was ihm auch Kritik einbrachte. Am Rande der Konferenz kam Arévalo auch mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz zusammen. Anschließend reiste er zu einem Treffen mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron nach Paris.


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