
Eigentlich waren die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen für den 15. November dieses Jahres vorgesehen. Nun sind sie erneut verschoben und damit seit der Ermordung von Präsidenten Jovenel Moise im Juli 2021 zum fünften Mal hinauszögert worden. Der neue Wahltag wurde auf den 29. März 2026 festgelegt, wie haitilibre.com berichtet. Das lässt demokratische Beteiligung in einem Land, dem seit 2016 Wahlen vorenthalten werden, in die Ferne rücken. Seit dem Tod des letzten Präsidenten herrscht in Haiti der Ausnahmezustand. Der Übergangsrat CPT ernennt ohne Mandat der Bevölkerung Machthaber, die über die Köpfe der Haitianerinnen entscheiden.
Der CPT, der im April 2024 auf internationalen Druck hin entstand, soll die Institutionen wiederherstellen und den nächsten Urnengang vorbereiten. Dabei hat sich der Rat mehr als ein diplomatisches Konstrukt erwiesen, als eine wirkliche republikanische Instanz. Seine neun Mitglieder kommen aus politischen, religiösen, zivilgesellschaftlichen und privatwirtschaftlichen Kreisen, allerdings beruht deren Arbeit im CPT auf keinem verfassungsmäßigen Fundament.
Das unabhängige Medium Rezo Nòdwès beschreibt den Rat als „eine Schaffung ex nihilo, […] ohne Verankerung […] in der Verfassung von 1987, noch formal im [offiziellen Journal des Landes] bekannt gegeben wurde“. Eingesetzt gemäß des Montana Abkommens vom 3. April 2024, soll der CPT durch eine übergeordnete Behörde kontrolliert werden, der Organe de Contrôle de l’Action Gouvernementale (OCAG, Kontrollbehörde des Regierungshandelns), die aber nie entstanden ist. Intransparenz nährt das Misstrauen in den CTP, umso mehr, als dass die Leitung des Rates, die alle fünf Monate rotiert, von Rücktritten wegen Korruptionsvorwürfen erschüttert wird. Die US-amerikanische Botschafterin kritisierte „die nicht gewählten Abgeordneten“, die „die Macht behalten wollen“.
Der Sicherheitsrat der UN hat die Mitglieder des CPT daran erinnert, dass sie nach Februar 2026 ihre Macht abgeben müssen. Dies hat die Bekanntgabe der Wahltermine beschleunigt, so Rezo Nòdwès. Gleichzeitig hat das Vereinigte Königreich betont, dass es wichtig sei, dass zukünftige Sanktionen auf die ökonomische und politische Unterstützung der haitianischen Gangs abzielen. Das haitianische Netzwerk zum Schutz der Menschenrechte RNDDH, (Résau National de Défense de Droits Humains) berichtet, dass jedes Mitglied des Rates den Staat ungefähr 8,3 Millionen Dollar jährlich an Lohn, Sachbezügen und diversen Entschädigungen kostet. Im laut Vereinten Nationen fünftärmsten Land der Welt erhalten die Mitglieder des CPT Kompensationen von bis zu 77.000 Dollar monatlich. Unter anderem berichtet das RNDDH von außerordentlichen Zuschlägen von 23.000 bis 38.000 Dollar für religiöse Feiertage und schließt, dass die Angehörigen des CPT „allein regieren, unkontrolliert Geld ausgeben und ein Leben in Luxus genießen, während Haiti weiter in der Krise versinkt“.
Drei der Berater – Emmanuel Vertillaire, Smith Augustin und Louis Gérald Gilles – sollen pro Kopf 100.000 Dollar von einem ehemaligen Leiter der nationalen Kreditbank gefordert haben, um ihre Posten zu behalten. Die Antikorruptionseinheit ULCC (Unité de Lutte contre la Corruption) hat diese Vorwürfe bestätigt, doch ein Gericht hat die Ermittlungen unter dem Vorwand „präsidialer Immunität“ unterbunden.
Die rotierende Präsidentschaft des CPT hat am 7. August Laurent Saint-Cyr an die Macht gebracht, einen Firmenchef aus dem Privatsektor. Der amtierende Premierminister, Alix Didier Fils-Aimé leitete zuvor eine Telekommunikationsgesellschaft. Anstatt die Wogen zu glätten, haben diese Ernennungen den Eindruck eines von der Privatwirtschaft in Geiselhaft genommenen Staates nur noch verstärkt.
Auf den Straßen von Port-au-Prince klagt der Gangchef Jimmy „Barbecue“ Chérizier, manchmal als einer der einflussreichsten Männer des Landes beschrieben, über die „korrupten Männer, die das Land an Fremde verkaufen“. Chérizier hat sich zum „politischen Akteur“ im Kampf gegen eine „Oligarchie, die vom Chaos lebt und französische, kanadische oder amerikanische Pässe besitzt“ aufgeschwungen. Dem ehemaligen Polizisten und Chef der Gang Viv Ansamn (Zusammen leben) werden zahlreiche Massaker vorgeworfen, die Vereinigten Staaten haben ein Kopfgeld ausgeschrieben.
Während sich die Eliten bereichern, setzen die bewaffneten Banden ihre Gesetze durch. Die UN berichtet, dass 5.600 Menschen 2024 getötet und 1,3 Millionen vertrieben wurden. Lange Zeit von staatlichen Stellen instrumentalisiert, haben sich die Gangs von jeglicher Vormundschaft befreit. Ihre Geschäfte reichen von Waffen- und Drogenkriminalität bis zum Organhandel und verwandeln Port-au-Prince in eine belagerte Stadt.
Im September hat Lauren Saint-Cyr in einer Rede vor den Vereinten Nationen Unterstützung gefordert und betont, dass Haiti „ein Land im Krieg“ sei. Am 30. September beschloss der Weltsicherheitsrat, dass eine Gruppe von 5.500 Soldaten die UN-Mission ersetzen soll. Ein Datum für die Entsendung der Truppen steht aus. Die ersten Soldaten einer Mission der UN und Kenia sind im Juni 2024 angekommen. Aus Mangel an finanziellen Mitteln erreichte diese Mission nie mehr als die Hälfe der geplanten Stärke von 2.500 Kräften. Ohne Präsident, ohne wirkliches Parlament und ohne Wahlen seit fast einem Jahrzehnt scheint Haiti im Stillstand – weder von innen regiert, noch unabhängig von außen. Während die Eliten um die Macht streiten, sterben die Haitianer*innen an Hunger oder Gewalt.
Ob die Wahlurnen im März 2026 die Waffen ersetzen können, bleibt fraglich. Das Justizministerium gab am 21. Oktober bekannt, dass sich mehr als 220 Parteien für die Wahlen registrieren wollen. Der provisorische Wahlrat erklärte, dass die erste Runde der Wahlen fast 137 Millionen Dollar kosten wird.













