
Donald Trump der zu den Wahlergebnissen in Kolumbien befragt wurde, bemerkt mit einem spöttischen Lächeln, dass der ultrarechte Abelardo de la Espriella – der Wahlsieger, vor etwa zehn Monaten noch ein Unbekannter gewesen und dank seiner Unterstützung zum Sieger geworden sei. Die kolumbianischen Präsidentschaftswahlen am 21. Juni blieben geprägt von deutlichen Anzeichen einer Einmischung der Vereinigten Staaten. Doch seit der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar 2026 herrscht in Lateinamerika das Gefühl, dass es angesichts einer Intervention aus dem Norden des Kontinents kaum Alternativen gibt, ein Gefühl der Verlassenheit und der Machtlosigkeit. Außerdem kursierten am Wahltag Gerüchte über Stimmenkauf, willkürliche Änderungen am Auszählungssystem und Druck auf die Wähler.
Abgesehen von Vorwürfen der Korruption und ausländischer Einmischung, die in den demokratischen Prozessen Lateinamerikas mittlerweile als Konstante gelten, spiegelte das Wahlergebnis die Spaltung des Landes in zwei fast gleich große Teile wider. Eine Bipolarität, die sich nicht allein durch die Dichotomie von links und rechts erklären lässt. Auf der einen Seite erhielt der bereits erwähnte Abelardo de la Espriella 12.959.542 Stimmen, also 49,66 Prozent der Gesamtstimmen. Auf der anderen erreichte der progressive Iván Cepeda – Kandidat der Partei des derzeitigen Präsidenten Gustavo Petro – 12.708.712 Stimmen, 48,70 Prozent der Gesamtstimmen. Der Unterschied betrug also lediglich 250.830 Stimmen, was einem Anteil von 0,9 Prozent entspricht, der das Land praktisch in ein technisches Unentschieden versetzte. Doch schauen wir genauer hin: Abelardo de la Espriella führte einen Wahlkampf, der von Skandalen, dem Schüren von Leidenschaften und Fanatismus mithilfe von Künstlicher Intelligenz geprägt war.
Während Donald Trump vor zehn Monaten noch nichts von ihm wusste, war er in Kolumbien berühmt geworden: Als Strafverteidiger von Drogenhändlern, Paramilitärs und Verantwortlichen groß angelegter Korruptionsfällen. Damit machte er ein sagenhaftes Vermögen und wurde wegen seiner umstrittenen Mandanten mehrfach des Betrugs beschuldigt. De la Espriella stellte sich beim Einstieg in den Wahlkampf als Außenseiter dar, obwohl er auf die Unterstützung der traditionellen Parteien zählen konnte. Er versprach den Abbau des Sozialstaates, den Abbau sozialer Grundrechte, den legalen Waffenbesitz, den Bau von Mega-Gefängnissen und weiterer populistisch leidenschaftlicher Vorschläge. Inspiriert durch den Führungsstil des Argentiniers Javier Milei und anderer radikaler Trump-Anhänger, die nach und nach die Präsidentschaftsposten Lateinamerikas besetzten.
Einmischung der USA in demokratische Prozesse ist zur Norm geworden
Aus soziologischer Sicht waren die Wähler von De la Espriella – der vermeintlichen Siegerpartei – hauptsächlich Menschen im Alter über 45 Jahren, Mestizen, evangelisch-christlichen Glaubens, die der unteren Mittelschicht angehören, ihren Lebensunterhalt mit Handel verdienen und über ein durchschnittliches Bildungsniveau verfügen. In der Regel handelte es sich um Männer und Frauen aus den Andenregionen des Landes, aus kleineren Dörfern und Städten – denjenigen, die nicht allzu stark unter den Folgen des bewaffneten Konflikts zu leiden hatten. In dieser Bevölkerungsgruppe fanden karriereorientierte Reden großen Anklang. Sie fühlen sich durch das vermeintliche Vordringen eines irrealen Kommunismus bedroht, der von gebildeteren und populäreren Gruppen der Gesellschaft vertreten wird, welche sie als innere Feinde betrachten.
Hinzu kam, dass ihnen bei der Aussicht, Waffen zu tragen und Sicherheitsprobleme auf eigene Faust zu lösen, das Wasser im Mund zusammenlief – ohne Bedenken, dass diese Kugeln irgendwann auf sie zurückkommen könnten. Diese Wählerschaft hat die Vorschläge des progressiven Kandidaten Iván Cepeda zu Fall gebracht, eines Senators, der sich als Verfechter der Menschenrechte landesweit einen Namen gemacht hatte. Tatsächlich kandidierte er nicht aus eigenem Antrieb für das Präsidentenamt, sondern wurde von den Organisationen der Opfer des bewaffneten Konflikts nominiert. Insbesondere von den Müttern, die ihre Kinder durch die kriminellen Handlungen des kolumbianischen Staates verloren haben. Cepeda ist Philosoph und Sohn eines ehemaligen Senators der Partei Unión Patriótica (Patriotische Union), der im Jahr 1994 ermordet wurde. Er gewann an Popularität, weil er den ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez vor Gericht brachte. Gegen diesen liegen derzeit mehr als ein Dutzend Anzeigen vor, die ihn mit der Bildung paramilitärischer Gruppen und der Durchführung von Massakern während seiner Regierungszeit in Verbindung bringen (2002 bis 2010).
Gefühl der Verlassenheit und Machtlosigkeit
Der progressive Kandidat schlug eine Politik des Dialogs und der Friedensabkommen mit den kriminellen Gruppen vor, die weiterhin im Land aktiv sind. Außerdem entwarf er ein System zur Bekämpfung der Korruption, die er als strukturelles Problem betrachtet, das sich nicht durch die Verfolgung einzelner Fälle lösen lasse. Cepeda hegte die Absicht, Sozialprogramme von Präsident Petro fortzusetzen, dem gegenüber er sich mit Kritik zurückhielt: Landreform, kostenlose öffentliche Bildung, Arbeitnehmerrechte, Zugang zu grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen, Energiewende und vieles mehr.
Die Wähler*innen von Iván Cepeda – die angeblich unterlegene Hälfte Kolumbiens – waren vorwiegend junge Menschen, meist zwischen 25 und 35 Jahren. Ferner hatte der progressive Kandidat die Unterstützung von Lehrer*innen, Studierenden, Künstler*innen, Büroangestellten, Mitgliedern der LGBTQI-Community, organisierten Arbeiter*innen und Intellektuellen aus Großstädten wie Bogotá. Er erhielt jedoch auch Rückhalt aus Gemeinden des sogenannten tiefen Kolumbien, in dem Indigene und afrokolumbianische Bevölkerungsgruppen an den Küsten und in marginalisierten ländlichen Gebieten leben und mehr Sicherheit sowie eine stärkere Präsenz des Staates fordern. An diesen Orten spielte sich der bewaffnete Konflikt jahrzehntelang mit größter Intensität ab und auf diese Gebiete konzentrierte der petrismo (politisches Konzept des Präsidenten Gustavo Petro) seine Politik der Landverteilung. Die Menschen aus diesen Teilen Kolumbiens strömten am Wahltag in Scharen zu den Wahllokalen und nutzten dabei traditionelle Transportmittel wie Flöße und Maultierrücken. Wochen vor den Wahlen starteten seine Parteigenoss*innen in den Großstädten eine spontane und aktive Kampagne, um den ständigen fake news der Opposition entgegenzuwirken.
Scharen zu den Wahllokalen
Die sozialen Netzwerke waren voll von Beiträgen, Memes und Videos, die dazu aufriefen, die demokratische Alternative von Cepeda zu unterstützen. Dies erklärt die hervorragenden Ergebnisse, die der Kandidat erzielte, obwohl er nicht über die gleichen finanziellen Mittel und internationale Unterstützung seines Gegenkandidaten verfügte. Kolumbien scheint sich in zwei Lager zu spalten. Einerseits eine aufstrebende progressive Bewegung, die vom Staat stärkere Institutionen zur Förderung der Kultur fordert, andererseits eine Gruppe von Bürger*innen mit anachronistischen Ansichten, die sich nach einem Krieg sehnen, den sie nie erlebt haben. Die es begrüßen an kulturellen Einrichtungen zu kürzen, um ihren primitivsten Instinkten freien Lauf zu lassen. Aus diesen Gründen lässt sich die Polarisierung in Kolumbien nicht anhand der ideologischen Dichotomie von links und rechts verstehen. Es geht nicht nur um Unterschiede hinsichtlich der Rolle des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Debatte wird vielmehr in den Begriffen Zivilisation oder Barbarei geführt: einer Zivilisation, die Leben, Vielfalt, Kultur und Frieden fördern will, und einer Barbarei, die auf Untätigkeit, Krieg und Blutströme als offizielle Politik setzt.











