
In ihrem preisgekrönten Roman O som do rugido da onça (Der Klang des Brüllens des Jaguars) thematisiert Micheliny Verunschk die historische Verschleppung zweier Indigener Kinder aus Brasilien nach Deutschland, um sie wie Objekte für ein Kuriositätenkabinett auszustellen. Im Jahr 1817 landeten Spix und Martius in Brasilien, mit dem Auftrag, ihre Eindrücke der Flora und Fauna des Landes festzuhalten. Drei Jahre später kehrten die Entdecker nach München zurück und brachten nicht nur einen ausführlichen Reisebericht, sondern auch die Indigenen Kinder mit.
Das Werk, das noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, besticht durch eine flüssige Sprache voller Lyrik, Spannung und Mystik. Es enthüllt das Schicksal von Iñe-e, getauft Isabella (14 Jahre alt) und Juri (11 Jahre alt), die die Strapazen und das fremde Klima in Europa nicht überstanden und kurz nach ihrer Ankunft in München wegen „des Wechsels des Klimas und der übrigen Außenverhältnisse“, an Krankheiten und Heimweh starben. Die Naturforscher schrieben in ihren Berichten, sie hätten „mit dem Leben bezahlt“.
Micheliny Verunschk reflektiert mit einem menschlichen und poetischen Blick Kolonialismus und Erinnerung. Sie verknüpft diese mit der Geschichte von Josefa, einer jungen Frau im heutigen Brasilien, die sich mit den Lücken in ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzt, als sie das Bild des Mädchens Iñe-e in einer Ausstellung erblickt. Die Lithografien der bayerischen Forschungsreisenden Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius prägen das Bild Brasiliens in der Kaiserzeit.
Der Roman wechselt zwischen der Perspektive der Kinder und Josefas Gegenwart. Die Autorin vermischt sorgfältig recherchierte historische Fakten mit imaginären Perspektiven, die sie zwischen den Zeilen offizieller Dokumente herausliest.
Verunschks Werk beschränkt sich nicht auf das Fantastische; O som do rugido da onça bewegt sich gekonnt zwischen Fiktion, Anthropologie und Geschichte. Durch die Stimme von Iñe-e entwirft Micheliny Verunschk ein Manifest für die Wiederverzauberung der Welt. Es handelt sich um eine dichte und unbequeme Erzählung, in der die Stimmen von Flüssen, Tieren und Geistern hörbar werden. Schön, unerbittlich; historisch und kosmopolitisch.
Das Werk thematisiert historische Traumata und übt Kritik an der kolonialen Ausbeutung, indem es Menschenhandel und kulturelle Auslöschung aufdeckt und zum Nachdenken über Gegenwart und Vergangenheit anregt. Im Gegensatz zur klassischen Literaturtradition über Indigene Menschen, nähert sich Verunshk über die Indigenen Kosmogonien und Erzählweisen den Völkern der Miranha, Juri und Yanomami an.























