Das Brüllen des Jaguars

Fiktion, Anthropologie und Geschichte Cover von O som do rugido da onça (Companhia das Letras)

In ihrem preisgekrönten Roman O som do rugido da onça (Der Klang des Brüllens des Jaguars) thematisiert Micheliny Verunschk die historische Verschleppung zweier Indigener Kinder aus Brasilien nach Deutschland, um sie wie Objekte für ein Kuriositätenkabinett auszustellen. Im Jahr 1817 landeten Spix und Martius in Brasilien, mit dem Auftrag, ihre Eindrücke der Flora und Fauna des Landes festzuhalten. Drei Jahre später kehrten die Entdecker nach München zurück und brachten nicht nur einen ausführlichen Reisebericht, sondern auch die Indigenen Kinder mit.

Das Werk, das noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, besticht durch eine flüssige Sprache voller Lyrik, Spannung und Mystik. Es enthüllt das Schicksal von Iñe-e, getauft Isabella (14 Jahre alt) und Juri (11 Jahre alt), die die Strapazen und das fremde Klima in Europa nicht überstanden und kurz nach ihrer Ankunft in München wegen „des Wechsels des Klimas und der übrigen Außenverhältnisse“, an Krankheiten und Heimweh starben. Die Naturforscher schrieben in ihren Berichten, sie hätten „mit dem Leben bezahlt“.

Micheliny Verunschk reflektiert mit einem menschlichen und poetischen Blick Kolonialismus und Erinnerung. Sie verknüpft diese mit der Geschichte von Josefa, einer jungen Frau im heutigen Brasilien, die sich mit den Lücken in ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzt, als sie das Bild des Mädchens Iñe-e in einer Ausstellung erblickt. Die Lithografien der bayerischen Forschungsreisenden Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius prägen das Bild Brasiliens in der Kaiserzeit.

Der Roman wechselt zwischen der Perspektive der Kinder und Josefas Gegenwart. Die Autorin vermischt sorgfältig recherchierte historische Fakten mit imaginären Perspek­tiven, die sie zwischen den Zeilen offizieller Dokumente herausliest.

Verunschks Werk beschränkt sich nicht auf das Fantastische; O som do rugido da onça bewegt sich gekonnt zwischen Fiktion, Anthropologie und Geschichte. Durch die Stimme von Iñe-e entwirft Micheliny Verunschk ein Manifest für die Wiederverzauberung der Welt. Es handelt sich um eine dichte und unbequeme Erzählung, in der die Stimmen von Flüssen, Tieren und Geistern hörbar werden. Schön, unerbittlich; historisch und kosmopolitisch.

Das Werk thematisiert historische Traumata und übt Kritik an der kolonialen Ausbeutung, indem es Menschenhandel und kulturelle Auslöschung aufdeckt und zum Nachdenken über Gegenwart und Vergangenheit anregt. Im Gegensatz zur klassischen Literaturtradition über Indigene Menschen, nähert sich Verunshk über die Indigenen Kosmogonien und Erzählweisen den Völkern der Miranha, Juri und Yanomami an.


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Der feministische Kampf um das Land

Blumenfrau ohne Namen

Im Nordwesten von São Paulo, der größten Metropole Lateinamerikas, befindet sich ein Camp der MST. Anfang der 2000er Jahre besetzten Arbeiter*innen das Grundstück, das als Mülldeponie vorgesehen war. 2002 wurde die Comuna da Terra Irmã Alberta (Landkommune Irmã Alberta) gegründet. Dort leiten Frauen die politische Diskussion und die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Agrarökologie – einer Anbaumethode, die auf dem Respekt vor der Erde basiert und biologische Lebensmittel ohne den Einsatz von Pestiziden produziert.
Ich weiß, dass Irmã Alberta ein spezifisches Beispiel ist und seine Besonderheiten hat. Denn es ist eine agroökologische Kommune in einem städtischen Kontext. Trotzdem kann man anhand dieser Erfahrung verstehen, wie andere Lager der MST funktionieren und vor allem, welche Rolle Frauen innerhalb der Bewegung einnehmen.

Ich war im März 2024 dort und hörte die Geschichte von vier Frauen. In einem unserer ersten Gespräche sagte mir Joselene Araújo Santana: „Die Entscheidungen werden von Frauen getroffen. Die Männer kommen eher zum Zuhören, und die Frauen machen die Arbeit.“
Frauen treffen nicht nur die politischen Entschedungen in diesem Gebiet, sie packen auch an und arbeiten beim Aufbau ihrer Agroforstwirtschaft. Für Íris Filomena Santos da Rocha „ist es schon Freiheit, wenn man auf einer solchen Plantage arbeitet. Man kann tun, was man will, und wie man es will“. Sie fühlt sich in diesem Gebiet als Frau und als Arbeiterin so frei, dass sie nicht wüsste, was sie tun sollte, wenn sie von dort vertrieben würde.
Denn, seit 2023 droht dem Lager die Räumung durch die privatisierte Wasserversorgungsgesellschaft des Bundesstaates São Paulo (SABESP). Es besteht die Gefahr, dass das Camp erneut zu einer Müllhalde umgewandelt wird. Laut Silvana „ist die einzige rechtliche Garantie, die wir noch haben, ein Schreiben der ehemaligen SABESP-Geschäftsführung, in dem uns zugesichert wird, dass wir bis zum Abschluss eines langwierigen Verfahrens, das nur aufgrund unserer Maßnahmen zur Erhaltung und zum gesunden Anbau von Lebensmitteln aktiv ist, in dem Gebiet bleiben dürfen“.
Vor Ort übernehmen die Frauen nicht nur Führungsaufgaben, sondern sind auch füreinander da. Es gibt ein Netzwerk der Solidarität unter Frauen. Joselene, bekannt als Jô, erzählte mir, wie sich die Frauen im Lager gegenseitig in Fällen von Sexismus und häuslicher Gewalt unterstützen, indem sie die Täter anzeigen, ihre Genossinnen beraten und ihnen eine Unterkunft bieten.

Für diese Frauen geht die feministische Befreiung nicht nur von der Erkenntnis aus, dass sie die Hälfte der Arbeiter*innenklasse ausmachen und Führungspositionen und kollektive Fürsorge verdienen. Sie geht auch von einer Mystik der Erde aus: „Die Erde ist weiblich, die Erde ist eine FraUnd diese Frau zu befreien, bedeutet auch, uns zu befreien”, erzählte Silvana Bezerra da Silva, während sie ihre Tochter auf dem Arm hielt, ihr jüngstes Ergebnis der Hoffnung, wie sie mir sagte.
Es ist jedoch auch wichtig zu betonen, dass für Maria Alves da Silva, Silvanas Mutter, nicht allein die Tatsache, dass Frauen in der Landwirtschaft und in politischen Führungspositionen tätig sind, Männern das Recht gibt, sich von ihren Aufgaben zu trennen: „Nein. Wir wollen aufmerksame und fähige Männer“, damit Frauen und Männer gemein­sam für Land und soziale Gerechtigkeit kämpfen können.
Jetzt, fast zwei Jahre später, habe ich Maria und Silvana erneut kontaktiert. Ich hatte bereits die ganze feministische Kraft verstanden, welche die Frauen der MST repräsentieren. Aber ich wollte ihre Haltung gegenüber dem 8. März verstehen. Mit anderen Worten: Was bedeutet der Internationale Frauentag für sie?

Erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet

Kurz gesagt, sehr viel. Nicht zuletzt, weil die MST auf einer feministischen Vision gegründet wurde. Aber erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet. Von da an wurde beispielsweise festgelegt, dass die Hälfte aller Posten von Frauen besetzt, Ländereien auf ihren Namen laufen und dass es spezifische Förderprogramme für sie geben sollte: wie Kinderkreise, die die Betreuung der Kinder gewährleisten, Mütter entlasten und ihnen ermöglichen, zu arbeiten und politisch aktiv zu sein. Von da an wurde noch stärker gefördert, dass Frauen auch Führungspositionen übernehmen. „Frauen verbinden den feministischen Kampf mit dem Kampf auf dem Land, dem Kampf um Land. Sie nehmen nicht nur teil, sondern sind Protagonistinnen dieser Erzählungen. Es sind Frauen, die sich aktiv an der Führung beteiligen”, sagte Silvana. Maria fügte hinzu: „In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.” Für sie geschieht dies jederzeit auf organische Weise, auch weil die Frauen stets aufmerksam auf Meldungen über Gewalt in der Region reagieren und sich aktiv für die Bekämpfung von Femiziden einsetzen – indem sie die Polizei und die zuständigen Behörden informieren. Darüber hinaus bieten sie auch Fortbildungen für Familien an, um das Bewusstsein für die Bekämpfung von Gewalt, Sexismus und Ungleichheiten zu schärfen.

„In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.”


Für Silvana ist der 8. März ein historischer Meilenstein im Kampf der Frauen, der nicht aus dem Tagesprogramm verschwinden darf und sich auch an den anderen 364 Tagen des Jahres widerspiegeln sollte. Sie glaubt, dass der 8. März die Genossinnen an die Existenz der Geschlechterunterdrückung erinnern soll und dass man nicht an Klassengleichheit denken kann, ohne an die Gleichheit der Arbeitsteilung und die Rechte der Frauen zu denken.
Maria und Silvana sagten mir auch, dass der feministische Kampf in der MST nicht nur intersektional, sondern internationalistisch sein muss. „Wir als Arbeiterklasse haben die Vepflichtung, uns mit anderen Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt zu verbünden, insbesondere mit lateinamerikanischen und karibischen Frauen.”
Silvana sagte, dass die Frauen von Irmã Alberta „ein Netzwerk der Solidarität, der Schwesternschaft, der aktiven Beteiligung, der Erstellung von Narrativen, die sich beteiligen und die auch den Kampf der Frauen Lateinamerikas widerspiegeln“ aufbauen. Mit anderen Worten, dass der Kampf von Irmã Alberta von einem Mikrobereich ausgeht, der sich auf einen lateinamerikanischen Makrobereich auswirkt. „Wenn wir über die Unterdrückung sprechen, die Frauen, vor allem schwarze Frauen, in ganz Lateinamerika erleben, sprechen wir auch über uns, über unser Territorium.” Um den wilden Kapitalismus zu bekämpfen, forderte Maria, müssen die Kämpfe vereint und intersektional sein. „Es muss ein Kampf aller Völker sein!”

Frau, Leben, Freihet Ob die Kurdistan oder Abya Yala, überall kämpfen Frauen für ihre Befreiung und ihrer Territorien (Druck Jin, Jiyan, Azadi; Mahin Khodayari @mahinkhodayari-art)


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Alle lieben Narciso

© La Babosa Cine

Am Ende ist wieder Ordnung eingekehrt, auch im Studio von Radio Capital in Asunción. Wo vorher der ekstatisch tanzende Moderator Narciso (Diro Romero) vor kreischenden Jugendlichen die neusten Rock’n’Roll Hits aus den USA präsentiert, spielt nun wieder Chinita Montiel, die Grande Dame der paraguayischen Folklore, vor einem brav sitzenden und im Takt mitklatschenden Publikum. Auf einer Brache werden Rock’n’Roll-Platten verbrannt – und Narcisos Leiche wird brennend in seinem Bett entdeckt. Narciso, der im Paraguay der späten 1950er Jahre angesiedelte zweite Langspielfilm von Marcelo Martinessi (u.a. zwei Silberne Bären für Las herederas 2018) beginnt mit dem letzten Auftritt des schnauzbärtigen, charismatischen und – wie der Name schon andeutet – sehr von sich selbst eingenommenen Narciso. In Buenos Aires hat er den Rock’n’Roll kennengelernt und ist nun in seine Heimat zurückgekehrt. Während die Unterdrückung der Militärdiktatur unter Paraguays Diktator Stroessner, im Film nur „El Rubio“ (der Blonde) genannt, in alle Bereiche des Lebens sickert, versucht Narciso, die aus den USA die Welt erobernden Hits von Chuck Berry, Little Richard, oder Bill Haley & His Comets (bei Narciso „y sus cometas“) in das noch provinzielle Asunción zu bringen.

© La Babosa Cine

Dazu muss er zunächst Radiodirektor Lulú (Manuel Cuenca) von seiner Show überzeugen. Das ist die Musik, die die Welt hört, erklärt der junge Mann Lulú. Der erwidert nur: Aber wir sind in Paraguay. Dass Lulú schließlich nachgibt, liegt nicht nur an der Intervention des charismatischen US-Botschaftsmitarbeiters Mister Wesson (Nahuel Perez Biscayart). Denn der heimlich schwule Lulú, der die Nächte auf den Straßenstrichen und Cruising Areas Asuncións verbringt, fühlt sich zu Narciso hingezogen. Und auch der dandyhafte Mr. Wesson, über dessen sexuelle Orientierung eh gemunkelt wird, kommt Narciso immer näher.

Neben queerem Begehren, das unterdrückt umso ungehemmter ausbricht, und Indigener Sichtbarkeit – ganz selbstverständlich wird in Teilen des Films Guaraní gesprochen – spielt das Radio eine große Rolle: als das Medium der Zeit, bevor das Fernsehen nach Paraguay kam. In einer Radionovela wird die Geschichte Draculas eindrücklich als Live-Hörspiel inszeniert und dient als gelungene Parabel auf die Militärdiktatur. „El Rubio“ beschwert sich persönlich über die Show: er mag keine düsteren Geschichten.

© La Babosa Cine

„In der Verzweiflung liegt eine eigene Ruhe“ bemerkt der Dracula-Darsteller (Arturo Fleitas), als von Razzien und Festnahmen  „unmoralischer“ Jugendlicher berichtet wird. Und so  dauert es nicht lange, bis schwere Fäuste auch gegen die Türe des Studios hämmern. Mister Wesson ist noch dabei, als der Diktator das neue, mit US-Hilfe aufgebaute Wasserwerk eröffnet. Doch die Protagonist*innen der Gegenkultur sind da schon alle auf Militärlastwagen abtransportiert. Narciso fängt die Brüchigkeit seiner Epoche wundervoll ein und ist gleichzeitig von beängstigender Aktualität: Wie dort gegen queere Menschen und Künstler*innen als „Invertierte“ gehetzt wird, vor denen Kinder und gute Sitten beschützt werden müssen, lässt unweigerlich an die allgegenwärtige Hetze weltweit erstarkender faschistischer Strömungen denken.

Martinessis Narziss blüht zwar nur als kurze Stichflamme auf. Dennoch beweist er, dass sich das Begehren auch von noch so autoritär agierenden Regimes nie ganz einhegen lässt. Die Reise in die Glanzzeiten des Radios, ein großartiger Soundtrack voller Rock’n’Roll-Hits und die Repräsentation queeren und Indigenen Lebens und kulturellen Widerstands gegen die Militärdiktatur machen Narciso zu einer unbedingten Empfehlung. Sollte der Film auf der  Berlinale einen der queeren Teddy-Awards gewinnen, wäre das mehr als verdient.


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Roadmovie ins Unterbewusstsein

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

Rosa, eine Frau mittleren Alters, begibt sich mit ihrer Mutter Dalva auf eine imaginäre Reise entlang der Landstraße. Der Auslöser für dieses Unterfangen ist eine einfache Frage: „Welchen glücklichen Moment kannst du dir bildlich vorstellen?“ So beginnt Janaína Marques’ Film I Built a Rocket Imagining Your Arrival, ein Roadmovie  mit Elementen des magischen Realismus.

Auf dem gemeinsamen Weg, den sie zurücklegen, teilen Mutter und Tochter Momente des Glücks und der Vertrautheit, aber auch Szenen, die von tiefem Schmerz erfüllt sind. Die lange Abwesenheit voneinander hat bei beiden Narben hinterlassen, die nicht leicht zu bewältigen sind.

Auf visueller Ebene ist die Farbe Rot bei der Mutter präsent, die eine energiegeladene und fröhliche Persönlichkeit hat. Im Kontrast dazu steht Rosas Schweigen und Schüchternheit. Das lebendige Rot zeigt sich in einer Dualität: Es erscheint in freudigen Augenblicken, ruft aber auch Rosas Schmerz hervor, wenn sie sich an das Blut ihrer Mutter erinnert, das sie am Tag der Trennung sah. Nach und nach umhüllt diese Farbe auch Rosa, und je weiter sie auf der Reise vorankommen, desto ähnlicher wird sie Dalva. In gewissen Momenten wirken die beiden wie Schwestern, Freundinnen oder Komplizinnen.

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

 I Built a Rocket Imagining Your Arrival ist das Debütwerk der brasilianischen Regisseurin Janaína Marques, produziert wurde es von Moçambique Audiovisual. Mit einer unkonventionellen Erzählweise, die Erinnerung und Vorstellungskraft nachahmt, zeigt der Film sehr unterschiedliche Schauplätze: unwirtliche und wüstenartige Orte, eine Bar, ein Hotel, Durchgangsstationen. Die beiden Protagonistinnen begeben sich auf den Weg zu ihrem Ziel: Sie besuchen eine Frau namens Consuelo (auf Deutsch „Trost“, eine Anspielung auf ihre Persönlichkeit), die in einem kleinen Haus mitten im Dschungel lebt, das wie ein Schutz vor dem Sturm erscheint.

Mit einem verzweifelten Schrei ruft Rosa einmal nach ihrer Mutter, erhält aber keine Antwort. Von einem Berggipfel aus sehen wir sie klein und verletzlich, wie das Kind, das immer noch auf die Rückkehr ihrer Mutter wartet. Sie lebt in der Welt der Möglichkeiten und fragt sich, wie anders ihr Leben wäre, wenn sie ihre Mutter immer an ihrer Seite gehabt hätte. Wie glücklich wäre sie wohl gewesen?

Ein zentraler Aspekt des Films ist das Thema der Resilienz und der Solidarität von Frauen angesichts struktureller männlicher Gewalt. Sie alle sind Überlebende. Das queere Element scheint ein Ausweg aus diesen Gewaltszenarien zu sein, ein Fenster zu Glück, Liebe und Freiheit. Nähe und Emotionalität sind dabei im Film immer spürbar, wozu zweifellos die Chemie zwischen den Schauspielerinnen Verônica Cavalcanti (Rosa) und Luciana Souza (Dalva) viel beiträgt.  

© Delirio FIlmes, Moçambique Audiovisual

I Built a Rocket Imagining Your Arrival war Teil des Programms der 76. Ausgabe der Berlinale und hat dort die Wertung der Leser*innenjury der Zeitung Tagesspiegel als bester Film der Sektion Forum gewonnen.


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Mit Glitzer gegen das Klischee

„Na Prinzessin, alles klar?“: Sprüche dieser Art darf sich der 11-jährige Gugu (Yuri Gomes) im Film Gugus Welt (Feito Pipa) fast täglich anhören. Denn neben seiner Leidenschaft für Fußball klebt er sich auch gerne Glitzerperlen ins Gesicht und studiert im Tanktop mit seinen Freundinnen Tanzchoreographien ein. So passt er nicht in die Schemata, die einige seiner Mitschüler und auch sein Vater von ihm erwarten. Gugu nimmt das meist aber mit Gelassenheit hin, denn zu Hause bei seiner Großmutter Dilma (Teca Pereira) findet er Geborgenheit und Akzeptanz. Die lebenslustige Dilma leidet allerdings unter fortschreitender Demenz. Dabei wird es für Gugu immer schwieriger, sich um sie zu kümmern und gleichzeitig die Schule und seine eigenen Aktivitäten unter einen Hut zu bringen.

© Jamille Queiroz

Allan Deberton hat die Geschichte um eine Großmutter-Enkel-Beziehung im brasilianischen Nordosten am Ufer eines unter Protest angelegten Stausees verortet. Dabei kommt er trotz deutlich erkennbarer Sozialkritik mit angenehm klischeefreien Charakteren aus. So hat Gugu alles andere im Sinn, als das Opfer zu spielen: Gegen Mobbing in seiner Klasse setzt er sich handfest zur Wehr und gibt auf die Frage der Rektorin, ob er es denn in Ordnung finde, so etwas zu machen, genauso schlagfertig zurück: „Finden Sie es denn in Ordnung, was Sie mit mir machen?“ Auch Gugus Vater Valmir (Carlos Francisco) wird nicht als brutaler Macho gezeigt, sondern eher als unsicher und überfordert mit seiner Aufgabe: Wenn er Gugu Pornoheftchen zustecken möchte, ist er seinem Sohn sichtlich peinlich. Und dass er sich selbst so gar nicht für Fußball interessiert, gibt Valmir lieber nicht offen zu – nicht, dass das am Ende noch das pseudo-männliche Rollenbild, das er seinem Sohn vermitteln möchte, stört.

Schwierig wird es für Gugu erst, als die Episoden zunehmen, in denen die Erinnerung seine Großmutter verlässt. Da helfen weder Medikamente noch ein so gutgemeinter wie erfolgloser Exorzismus, den Gugus  religiöser Schulkumpel Enzo bei Dilma durchführen möchte (die wohl lustigste Szene des Films). Schließlich muss sich Gugu entscheiden: Soll er alleine weiter für seine Oma sorgen, die ihn – wenn sie es noch kann – in Allem unterstützt? Oder muss Dilma doch ins Altersheim und er zurück zu seinem Vater ziehen, obwohl der nicht für alle seine Aktivitäten Verständnis hat?

Mit Gugus Welt ist Allan Deberton ein einfühlsamer Familienfilm gelungen, der ernste Themen wie Gender-Diskriminierung und Altersdemenz leichtfüßig behandelt und deshalb nicht nur für Kinder und ihre Großeltern empfehlenswert ist. Die wunderschöne Landschaft um die Stadt Quixadá bietet dazu eine beeindruckende Kulisse für Außenaufnahmen. Gugus Welt dürfte in diesem Jahr ein heißer Kandidat sein, wenn die Berlinale ihre Preise für die besten Kinderfilme verteilt.


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Wein als Kunstform

Im Film Isabel von Gabe Klinger (Brasilien) ist Wein mehr als nur ein Getränk: Er wird zum Symbol für Träume, Identität und Erfolgserwartungen. Die Entwicklung der Protagonistin stellt das zeitgenössische Versprechen in Frage, dass die Umwandlung von Leidenschaft in ein Geschäft der sichere Weg zur persönlichen Erfüllung ist.

© Isabel Filme


Der Film spielt im Zentrum von São Paulo, zwischen Kneipen, U-Bahn-Stationen und Viadukten, und konzentriert sich auf die Mittelschicht von São Paulo und ihre kulturellen Ambitionen. Die Stadt erscheint nicht als Spektakel, sondern als alltäglicher Schauplatz für diejenigen, die inmitten des urbanen Wettbewerbs nach Anerkennung suchen.
Isabel arbeitet in einem Restaurant, in dem sie nicht einmal die Freiheit hat, Weine zu empfehlen. Dabei sind genau die ihre große Leidenschaft. Angesichts dieser Einschränkung beginnt sie, den Traum zu hegen, eine eigene Bar zu eröffnen. Die soll sich ausschließlich natürlichen Weinen widmen – einem Universum, in dem sie sich zu Hause fühlt und in dem sie auch zusammen mit ihrem Partner produziert.
Das Barprojekt, das auch „unvollkommene”, aber dennoch wertvolle Weine anbieten soll, ist nicht nur ein kommerzielles Unterfangen, sondern auch der Versuch, eine Identität zu behaupten. Die Verteidigung dieser unvollkommenen Weine spiegelt die Situation der Protagonistin wider, die sich in einem Umfeld fehl am Platz fühlt, in dem Erfolg Sicherheit, Charisma und Zielstrebigkeit zu erfordern scheint.
Isabel porträtiert die Nische der Liebhaber natürlicher Weine mit einer gewissen Ironie. Was zuvor unterschätzt wurde, wird zum Trend und zeigt, wie schnell alternative Praktiken vom Markt aufgenommen werden. In diesem Umfeld scheinen Isabels Kollegen sicher auf dem Weg zum Erfolg zu sein, während sie Herausforderungen oft mit Schweigen, Zögern und Angst vor dem Scheitern begegnet. Der Kontrast verdeutlicht den unsichtbaren Druck, unter dem die Protagonistin steht.
Obwohl der Film von einer vertrauten Prämisse ausgeht – einer Figur mittleren Alters, die beschließt, ihre Träume zu verwirklichen –, vermeidet Isabel einen triumphalen Verlauf. Der Film überrascht mit der Erkenntnis, dass Projekte nicht immer wie erwartet umgesetzt werden können. Mehr als der Erfolg selbst ist hier der Prozess der Entdeckung wichtig: zu verstehen, was man will, auch wenn das Ergebnis ungewiss bleibt.
In diesem Sinne erhält das Ideal des unvollkommenen Weins symbolische Kraft: Vielleicht geht es nicht darum, Exzellenz oder Anerkennung zu erreichen, sondern Entscheidungen zu unterstützen, die nicht ganz den Erwartungen des Marktes entsprechen.
Isabel will keine filmische Revolution, sondern findet seinen Wert darin, diskret die meritokratische Logik in Frage zu stellen, die persönliche Erfüllung mit sichtbarem Erfolg verbindet. Ohne große Wendungen setzt Regisseur Gabe Klinger bei der Erzählung auf Einfachheit und Beobachtung. Diese Zurückhaltung mag dramatische Erwartungen enttäuschen, verstärkt aber auch den Anreiz, über die Diskrepanz zwischen Traum und Realität nachzudenken. Das offene Ende bietet keine einfachen Lösungen, deutet aber an, dass das Erwachsenenleben aus ständigen Anpassungen besteht.


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Liebe von hier bis zu den Sternen

„Se eu fosse vivo… vivia“ beginnt in den 1970er Jahren in Contagem, einer kleinen Stadt im Südosten Brasiliens, mit einem verliebten Teenager-Paar: Gilberto und Jacira. Wir sehen sie in Disco-Atmosphäre mit Afro-Frisuren, wie sie zu den Funk-Rhythmen von James Brown tanzen, aber auch zur romantischen Melodie von As Dores do Mundo des legendären Hyldon, einem der Wegbereiter des brasilianischen Soul.

Fünfzig Jahre später sind Gilberto und Jacira ungeachtet der vergangenen Zeit immer noch zusammen. Wir sehen sie jetzt als älteres Paar in ihrem Alltag, voller Zärtlichkeit, Sturheit und Humor. Szenen, die den Zuschauer*innen ein schönes Erlebnis bescheren.

© Janine Moraes

Aber der Film ist auch ein Drama, das den Blick auf die Bedeutung der Paarliebe, den Lauf der Zeit und die Spuren, die sie hinterlässt, lenkt.

Die Kulisse, in der die Geschichte spielt, bieten die malerischen Straßen von Contagem, seine Architektur mit kleinen, bunten Häusern, Innenhöfen und vorderen Korridoren. Die Stadt hat eine starke klangliche und visuelle Präsenz. Das Haus der Protagonisten befindet sich in einem belebten, bürgerlichen Viertel und ist ein Ort, der Gerüche und Erinnerungen eines ganzen Lebens bewahrt.

Erwähnenswert ist, dass „Se eu fosse vivo… vivia“ auch Elemente der Science-Fiction aufgreift, die eine unerwartete Wendung bringen, sich aber sehr gut in die Haupthandlung der beiden Charaktere einfügen lassen. Gilberto ist ein Mann, der sich zu Geschichten über außerirdische Aktivitäten hingezogen fühlt, Zeitschriften liest und von der Idee fasziniert ist, Kontakt mit Wesen von einem anderen Planeten aufzunehmen. Dies ist das Ergebnis einer paranormalen Erfahrung, die er in seiner Jugend mit Jacira gemacht hat und die er nie vergessen konnte.

© Janine Moraes

Interessant an Se eu fosse vivo, vivia ist, dass der Film die Frage aufwirft, ob diese paranormale Aktivität mit der Liebe zwischen den Protagonisten zusammenhängen könnte. In diesem Sinne verwandelt die Geschichte sich in einen eher philosophischen Ansatz über die Beständigkeit der Liebe in der Zeit und wie besondere Menschen, die man bedingungslos lieben kann, auch „Wesen von einem anderen Planeten“ sein können.

Von einem Moment auf den anderen verwandeln sich die Lichter der Stadt für Gilberto in einen Sternenmantel, und die Glühwürmchen, Wesen, die seinen Weg weisen, helfen, physische und räumliche Barrieren zu überwinden. Dies scheint seine letzte Reise zu sein, bevor er sein Gedächtnis vollständig verliert und in einer anderen Dimension gefangen bleibt.Der Film wird ab Sonntag, dem 15., bis Samstag, dem 21. Februar, im Rahmen der Panorama-Auswahl der 76. Ausgabe der Berlinale in den Kinos gezeigt.


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Unheimlich, schön.

„Es gibt Dinge die wir (Menschen) wissen, die wir aber nicht wissen wollen“, sagen die Erwachsenen in Grace Passos Debütfilm Nossos Segredo  (Unser Geheimnis) immer wieder. Die brasilianische Regisseuri erzählt darin die Geschichte einer Familie, die nach dem Tod des Vaters in stiller Trauer lebt. Trotz ihrer Bemühungen, in das alltägliche Leben zurückzukehren, sehen sich die Familienmitglieder immer wieder mit diesem Verlust konfrontiert.

© entrefilms / Wilssa Esser

Während die Erwachsenen die Belastung schweigend mit sich tragen, zeigt sich das jüngste Kind der Familie am offensichtlichsten betroffen. Tutu fühlt sich nicht gut, ist krank und spricht mit einer scheinbar imaginären Freundin. Er thematisiert nicht nur offen den Verlust des Vaters, sondern auch das Schwarzsein und den Rassismus, dem die Familienmitglieder immer wieder begegnen. 

Die Anspannung, die der kleine Junge zu verstehen versucht, kommt durch die Musik deutlich zum Ausdruck, sodass dem Film etwas Unheimliches anhaftet. Angst vor schweren Gefühlen und die Überforderung mit dem Verlust, der sich nicht einfach vergessen lässt, werden durch Erinnerungen und surreale Elemente dargestellt. Unausgesprochene Emotionen, die in den Gesichtern der Protagonist*innen Raum greifen, verleihen vor allem den männlichen Charakteren eine tiefe Verletzlichkeit. Die Trauer wird durch verschiedene Bilder symbolisiert, etwa durch einen Lautsprecher, der sich immer wieder selbst einschaltet und unbeirrt Musik spielt. Das Haus und die Umwelt der Familie erhalten dadurch eine Transzendenz, die sich in den Dialogen mit Außenstehenden fortsetzt. Manche Figuren können mit überraschender Tiefe auf die Emotionen der Protagonist*innen Bezug nehmen, während anderen gänzlich der Zugang zu ihnen verwehrt bleibt.

© entrefilms / Wilssa Esser

Immer wieder taucht die schlammige Lehmerde auf, die zunächst von der Decke tropft, durch ihre rote Farbe an Blut erinnert und die emotionale Belastung offensichtlich werden lässt. Wer es gerade nicht einfach hat, steht im Brasilianischen sprichwörtlich mit dem Fuß im Lehm (pé na lama). Mit der ansteigenden Spannung ist der rote Lehm immer häufiger zu sehen bis die aufgestauten Emotionen sich schließlich Bahn brechen.

Tutu führt seinen ältesten Bruder irgendwann in den ersten Stock, den der Vater nie fertig renovieren konnte. Dort wird schließlich die ganze Familie mit der Absurdität und der Schwere ihres Verlusts konfrontiert. Eine dramatische Begegnung mit der bisher unsichtbaren Gesprächspartnerin des Jungen durchbricht die Spannung. Das Haus wird überschwemmt vom roten Schlamm und endlich eröffnet sich der nötige Raum, um sich einander zu öffnen und Gefühle zu teilen. Absurd und poetisch setzt sich der Film mit den Themen Tod und Familie auseinander und kreiert auf schlichte Art und Weise große Dramatik. Ein außerordentlich ästhetischer Film, der neben der emotionalen Thematik einen unaufgeregten Einblick in das tagtägliche Leben einer Schwarzen brasilianischen Familie bietet.


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Existiert die Zukunft schon?

Wenn Gott den Mann aus Erde und die Frau aus dem Mann geschaffen hat, wie es in der christlichen Tradition heißt, scheint die Hierarchie der Geschlechter seit dem Ursprung der Welt vorbestimmt zu sein. Es ist diese Naturalisierung der Ungleichheit, die sich durch Eliza Capais A fabulosa máquina do tempo zieht. Der Dokumentarfilm geht von der scheinbar einfachen Frage aus: „Wenn du eine Zeitmaschine hättest, würdest du in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen?“. Er zeigt, wie im Leben von Mädchen aus dem brasilianischen Hinterland die Zukunft bereits vorgezeichnet und die Vergangenheit ein schwer zu durchbrechendes Erbe zu sein scheint.

© Eliza Capai

Der Film spielt in Guaribas im Bundesstaat Piauí, einer Gemeinde, die einst zu den Orten mit dem niedrigsten Index der menschlichen Entwicklung in Brasilien gehörte, und beobachtet den Alltag von Mädchen, die in jeder kleinen Stadt im brasilianischen Hinterland leben könnten. Evangelikale Kirchen und die Carreta Furacão – ein Festwagen mit kostümierten Tänzer*innen – bilden ein soziales Umfeld, das gleichzeitig spielerisch und streng ist. Es ist ein Brasilien, das in filmischen Erzählungen selten im Mittelpunkt steht, aber notwendig ist, um zu verstehen, wie soziale Ungleichheit, Religiosität und Tradition die Erwartungen an die Zukunft prägen.

Die Mädchen sind aber in A fabulosa máquina do tempo nicht nur Figuren, sondern partizipieren auch als aktive Teilnehmerinnen an der Entstehung des Dokumentarfilms: Sie filmen, interviewen, erzählen und erfinden Geschichten. Indem sie sich ein glückliches Ende für Frauen vorstellen, die unter geschlechtsspezifischer Unterdrückung leiden, zeigen sie sowohl die Last der Strukturen, die sie umgeben, als auch die kreative Kraft, mit der sie versuchen, diese neu zu erfinden.

Aus den Berichten über Kinderheirat, Alkoholismus, Armut und soziale Verwundbarkeit entsteht ein komplexes Bild. Der kindliche Blick ist nicht naiv, sondern erfasst die Widersprüche mit Klarheit. Auf die Frage, ob es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt, zeigen die Antworten, wie patriarchalische Normen schon früh verinnerlicht wurden. Zeit ist in diesem Zusammenhang nicht mehr nur eine imaginäre Kategorie, sondern steht für Kontinuität: Die Vergangenheit der Mütter projiziert sich in die Zukunft ihrer Töchter.

© Carol Quintanilha

Regisseurin Eliza Capai (mehrfach preisgekrönt für Your Turn) hält sich diskret im Hintergrund, leitet Gespräche und interagiert mit den Kindern, verbirgt dabei jedoch ihre externe Position nicht. Man spürt eine Vermittlung, einen Blick, der das Material organisiert und diese Stimmen in eine breitere Debatte über Geschlecht und strukturelle Ungleichheit in Brasilien einbringt.

Ohne auf didaktische Erzählungen oder statistische Daten zurückzugreifen, reflektiert A fabulosa máquina do tempo darüber, wie sich patriarchale Strukturen in Kontexten sozialer Vulnerabilität reproduzieren. Indem der Film die kindliche Vorstellungswelt in den Mittelpunkt stellt, fragt er, ob die Zukunft wirklich ein offenes Feld ist – oder ob sie für viele Mädchen im Film nicht schon frühzeitig begonnen hat.


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Psychedelic Papaya Paradise

„Sie wollten uns beerdigen, aber sie wussten nicht, dass wir Samen sind“, lautet ein Slogan diverser Widerstandsbewegungen in Lateinamerika. Und auch Papaya möchte keine Wurzeln schlagen, sondern lieber die Welt kennenlernen. Ja, Protagonist*in des brasilianischen Films Papaya ist ein kleiner Papayasamen, der aus einer aufgeplatzten Frucht entkommt und neugierig durch den Wald kullert. Regisseurin Priscilla Kellen, die auf lange Erfahrung in Animationsfilmgeschäft zurückblicken kann, hat nun mit Papaya ihren ersten eigenen Lamngfilm veröffentlicht. Zusammengearbeitet hat sie dabei unter anderem mit Alê Abreu (Oscar-nominiert für Der Junge und die Welt), der Papaya mitproduziert.

© Priscilla Kellen

Während seine Geschwister festwachsen, um zu neuen Bäumen zu werden, rupft Papaya seine Wurzeln aus und erkundet torkelnd staunend seine Umwelt. Denn es gibt so viel zu entdecken! Begleitet nur von einem großartigen Soundtrack und Geräuschen, die nie ganz zu Worten werden, interagiert Papaya mit allen Geschöpfen des Waldes, die wie der Samen aus großen Kulleraugen umherblicken und schweben, wachsen, springen. In buntesten Farben und wundervoll, manchmal fast psychedelisch animiert, wird dabei deutlich, wie alles Leben verknüpft ist – nicht durch die Wurzeln, sondern auch durch das riesige Geflecht der Pilze, das Signale durch das ganze Biotop sendet.

© Priscilla Kellen

So unberührt wie es zunächst wirkt, ist das kleine Stück Natur, wo die Papayabäume wachsen, aber nicht: Auf einem Blatt treibend, wagt sich Papaya aufs Wasser. Der Bach wird zum Kanal, unterquert eine Straße, und versickert auf einem kargen Feld, wo Papayas vielleicht größtes Abenteuer beginnt. Nie taucht ein Mensch auf, dafür umso mehr Maschinen, die den kleinen Samen in Abgründe der industriellen Landwirtschaft verschleppen. Über eine Fabrik, in der Früchte verarbeitet werden, bis hin zu einer Müllkippe und einer Party in den Abgründen der Kanalisation zwischen Kakerlaken und Ratten muss Papaya allen Mut aufbringen, um sich selbst und andere zu retten. Wo vorher funkelnde Formen im Himmel und der Flug der Vögel zur Erkundung der Welt riefen, lockt nun sehnsuchtsvoll der große Papayabaum inmitten des aus dieser Perspektive zur Oase geschrumpften Waldes – doch dazwischen liegt noch die Straße. Am Ende muss Papaya Wurzeln schlagen, um zu überleben – und dann gelingt eine unglaubliche Verwandlung.

Papaya ist ein berührender, sanfter Film mit klarer, ermutigender Botschaft. Auf der Berlinale wird der Film in der Sektion Generation Kplus gezeigt und ab fünf Jahren empfohlen. Aber auch Erwachsene können aus der fantasievollen Reise viel mitnehmen.


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Eine nicht allzu ferne Vergangenheit

Brasilien war einer der letzten Staaten der Welt, der die Sklaverei offiziell abschaffte. Obwohl das schon fast 140 Jahre her ist, prägen ihre sozialen und ökonomischen Auswirkungen die Gesellschaft des Landes bis heute. Kunst und Populärkultur sind nach wie vor mit der Aufarbeitung der rassistischen Strukturen beschäftigt. Karen Suzane beleuchtet die Epoche im Berlinale-Beitrag Quatro Meninas, der in der Jugendfilmsektion Generation läuft, aus einem fiktiv-episodischen Blickwinkel. Indem sie vier versklavte Frauen in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt, verlagert sie die Geschichte der brasilianischen Sklaverei aus dem Bereich der offiziellen Aufzeichnungen in den Bereich der intimen, weiblichen und kollektiven Erinnerung. Der Film nutzt die Fiktion nicht, um eine abgeschlossene Vergangenheit zu illustrieren, sondern um ihre Interpretation zu hinterfragen. Er stellt die Sklaverei als gelebte Erfahrung dar, die mündlich weitergegeben und von verschiedenen Formen des Widerstands durchzogen ist. In diesem Sinne bringt Quatro Meninas Vergangenheit und Gegenwart einander näher.

© Cris Lucena

Die Geschichte spielt 1884 in Rio de Janeiro, vier Jahre vor der formellen Abolition der Sklaverei in Brasilien. Nach ihrer Flucht findet Lena (Dhara Lopes) bei drei Freundinnen, die ebenfalls versklavt sind, Schutz. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, um in ein Quilombo zu fliehen, einen Ort, an dem sie endlich in Freiheit leben können. Diese relativ einfache Erzählstruktur dient als Rahmen für einen Ansatz, der weniger das Abenteuer der Flucht als vielmehr die Konstruktion einer gemeinsamen Erinnerung in den Vordergrund stellt. Denn die Protagonistinnen, die als „Mädchen” bezeichnet werden, arbeiten als Hausangestellte und Begleiterinnen junger Menschen der weißen Elite und haben ihr ganzes Leben in Knechtschaft verbracht. Indem der Film ihre Routinen, Gespräche und Ängste begleitet, macht er deutlich, dass die Sklaverei keine ferne Vergangenheit ist, sondern in Gefühlen und Einstellungen immer noch die Gesellschaft durchzieht.

Eine der bedeutendsten Gesten des Films besteht darin, die Geschichte anhand von Wissen zu präsentieren, das sich der „offiziellen Geschichte” entzieht. Die eigene Abstammung, die Spiritualität und die Verbindungen zwischen den Frauen erscheinen als Formen des Widerstands und stehen im Gegensatz zu dem Bild der Passivität, das oft mit versklavten Bevölkerungsgruppen assoziiert wird. Historische Erfahrung wird nicht nur als Gewalt und Unterordnung dargestellt, sondern auch als Feld kultureller Ausarbeitung und kollektiver Kraft. Auf diese Weise feminisiert und humanisiert der Film die Erinnerung an die Sklaverei und schreibt sie neu in den Körper und die Alltagserfahrung dieser vier jungen Frauen ein.

© Cris Lucena

Formal tragen die feinfühlige Kameraführung und die einfühlsame Schauspielkunst zu dieser intimen Perspektive bei. Anstatt große Ereignisse zu inszenieren, setzt der Film auf emotionale Nähe und verwandelt kleine Interaktionen in Träger historischer Bedeutung.

Der narrative Bogen ist hingegen nicht besonders komplex: Es gibt keine Überraschungen, und das Drehbuch vermeidet große Wendungen oder strukturelle Risiken. Diese dramatische Nüchternheit kann als Einschränkung gelesen werden, aber auch als eine Entscheidung, die den Charakter des Werks als historisches Zeugnis verstärkt, das mehr daran interessiert ist, Präsenzen und Erfahrungen festzuhalten, als Spannung oder Spektakel aufzubauen. Vielleicht hätte es auch geholfen, die Anzahl der Protagonistinnen zu reduzieren. Denn durch die kurze Laufzeit des Films und die vielen unterschiedlichen Charaktere bleiben manche Konflikte und Handlungsstränge fast zwangsläufig nur an der Oberfläche.

Dennoch greift Quatro Meninas die Sklav*innenenhalter*innenvergangenheit anhand der fiktiven Schicksale von vier Frauen lebendig auf und präsentiert so Geschichte als lebendige und umstrittene Erinnerung. Der Film erinnert daran, dass die Vergangenheit in Lateinamerika kein abgeschlossenes Archiv ist, sondern eine noch immer aktive Schicht der Gegenwart, insbesondere in den Körpern und Lebenswegen Schwarzer Frauen.

LN-Bewertung: 4/5 Lamas

Vorführtermin auf der Berlinale:

Samstag, 14. Februar, 17:00 Uhr, HKW 1 
Sonntag, 15. Februar, 10:15 Uhr, Cubix 6
Montag, 16. Februar, 18:45 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
Donnerstag, 19. Februar, 09:30 Uhr, Zoo Palast 1
Samstag, 21. Februar, 13:00 Uhr, Zoo Palast 2


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EU-Mercosur-Abkommen

Annäherung zwischen Brasilien und der EU Ursula von der Leyen und Lula da Silva auf der COP30 in Belém (Foto: Vice-Presidência da República via Wikimedia Commons – CC BY 2.0)

Am 17. Januar 2026 wurde das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Merco­­-sur in der paraguayischen Hauptstadt unterzeichnet – ein weiterer Schritt in Richtung der Verabschiedung des Abkommens. Die Nachricht über diesen Fortschritt war abzusehen, insbesondere nach den Treffen zwischen dem brasilianischen Präsidenten Luís Inácio Lula da Silva und der Präsidentin der Europäischen Kommission, Von der Leyen, Ende 2025. Bei dem Treffen bekundete die brasilianische Regierung ihre Ambitionen, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Blöcken voranzutreiben.


Bereits seit Beginn der 2000er Jahre bemüht sich die Europäische Union um eine wirtschaftliche Annäherung an die südamerikanische Wirtschaftsorganisation (siehe LN 301/302). Das Mercosur-EU-Abkommen umfasst dabei eine Fülle von Themen: Urheberrechte, die Textil- und Chemie­industrie sowie natürlich die Landwirtschaft. Der Wunsch Europas, sich politisch dem Mercosur anzunähern, reichte jedoch nicht aus, um einen wirtschaftlichen Konsens mit den Mercosur-Staaten zu erzielen, insbesondere hinsichtlich des Umfangs und Tempos des Abbauseu­ro­päi­scher Ein­fuhrzölle auf Agrarprodukte. Diese Differenzen setzten sich in den folgenden Jahren fort, bis das Abkommen 2019, noch während der Regierung Jair Bolsonaros von der Liberalen Partei (Partido Liberal, PL), wieder auf die Tagesordnung kam. Die erzielte Einigung fand jedoch innerhalb der EU nicht genügend politischen Rückhalt, vor allem aufgrund der Nachlässigkeit der Regierung in Bezug auf die Brände im Pantanal (Binnenfeuchtgebiet in Brasilien, Anm. d. Red.) und im Amazonasgebiet.
Unter der aktuellen Regierung Lulas von der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT) wandelte sich die politische Ausgangslage erneut. Sowohl die progressivere Agenda als auch das Bestreben der PT, sich politisch und wirtschaftlich der Europäischen Union anzunähern, führten dazu, ein politisches Zeitfenster für ein Abkommen zwischen beiden Blöcken zu öffnen. Die aktuelle Resolution umfasst im Wesentlichen die schrittweise Abschaffung der Zölle auf Fleisch, Reis, Honig und andere Produkte sowie die sofortige Abschaffung der Zölle auf Produkte wie Zucker, Ethanol und verschiedene Steuerer­mäßigungen für Milchprodukte. Obwohl der Schwerpunkt des Abkommens auf der Agrarindustrie liegt, behauptet die brasilianische Regierung, dass es für Brasilien ein grundlegender Schritt weg von einem reinen Rohstoffexportland und eine Chance hin zur Positionierung im Technologie-Exportland darstellen könne.

Brasilien als Farm der Welt


Das EU-Mercosur-Abkommen betrifft zwei zentrale und politisch sensible Fragen: Einerseits Brasiliens Rückkehr zu einer multilateralen Außen- und Handelspolitik, andererseits die wirtschaftliche Struktur des Abkommens, die weiterhin stark vom Agrarexport geprägt ist. Dies führt zu einer polarisierten Debatte in Brasilien Während Befürworterinnen das Abkommen als Chance zur stärkeren Integration in die Weltwirtschaft sehen, weisen Kritikerinnen auf die historischen und kolonialen Parallelen hin, welche Brasilien erneut zur Farm der Welt machen.
Die Auseinandersetzung mit dem EU-Mercosur-Abkommen zeigt, dass über wirtschaftliche Kompromisse hinausgedacht werden muss. Denn die Wirtschaftspolitik hat Auswirkungen auf Lebensrealitäten. Sie zeigt auch, wie wichtig die Beteiligung der Bevölkerung an der Ausarbeitung von Abkommen ist, die regionale Marktlogiken verändern. Denn das Abkommen hat eine menschliche und greifbare Bedeutung für das Leben der Indigenen Gemeinschaften Südamerikas, die seit Jahren für Änderungen des Abkommens kämpfen. Die Gegnerinnen des Abkommens brachten sowohl legitime Argumente für eine Umstrukturierung als auch für alternative Bedingungen vor und erreichten eine zeitweise Aussetzung sowie Änderungen seiner Bestimmungen. Die Opposition ist deutlich und kommt aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Währenddessen protestieren europäische Landwirtinnen weiterhin in Brüssel. Seit Dezember 2025 protestieren sie in der belgischen Hauptstadt und an ener Großdemonstration gegen das Abkommen am 18. Dezember nahmen mehr als 7.000 Menschen teil, wobei es zu starker Polizeirepression kam. In einem weiteren Protest gegen das Abkommen wurden im Januar Kartoffeln von Traktoren auf Straßen abgeladen. Der Hauptgrund für die Proteste sind die Wettbewerbsnachteile, die eine Verbilligung südamerikanischer Agrarprodukte in Europa für den europäischen Agrarsektor mit sich bringen würde. Zum anderen richten sie sich gegen die strengen Umwelt- und Produktionsauflagen des EU-Green-Deals und der Gemeinsamen Agrarpolitik, denen europäische Landwirte bei der Erzeugung und Vermarktung ihrer Produkte unterliegen.

Das Europäische Parlament – unter Federführung von Parteien wie den Europäischen Grünen und der Europäischen Linken – hat eine entschiedene Haltung gegen das Abkommen eingenommen und die wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche angeprangert, die die derzeitigen Bedingungen sowohl in Europa als auch in Südamerika verursachen würden. Diese Parteien führten auch die Bildung einer Mehrheit im Parlament an, die am 21. Januar ihre Zustimmung zum Abkommen verweigerte. Sie argumentierten, dass eine Umsetzung ohne parlamentarische Zustimmung undemokratisch sei. Angesichts dessen beschloss das Parlament, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Bis zu einer Neubewertung wird es nicht in Kraft treten.
Auch andere Bereiche der Zivilgesellschaft organisieren sich in Bewegungen, um das Abkommen zu verhindern. Beispielsweise die Initiative „Stop EU-Mercosur“, die durch das Sammeln von Unterschriften in Europa und Südamerika für eine Petition gegen das Abkommen, öffentliche Aktionen und Proteste ihren Widerstand zeigt. In Brasilien organisiert und engagiert sich die Koalition der Indigenen Völker Brasiliens (Articulações dos Povos Indígenas do Brasil, APIB) für dieses Thema, seitdem 2019 das Abkommen ebenfalls kurz vor dem Abschluss stand.

Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte auf dem Spiel


Im Jahr 2019 bekräftigte Wirtschaftsminister Paulo Guedes unter der Bolsonaro-Regierung das Interesse Brasiliens, das EU-Mercosur-Abkommen voranzutreiben und noch im gleichen Jahr abzuschließen. Insbesondere in dieser Zeit litten Indigene Gemeinschaften jedoch unter zunehmender staatlicher Vernachlässigung, während sich die Brände im Cerrado, im Pantanal und im Amazonasgebiet erheblich verstärkten und Indigene Gebiete erreichten. Dieser Kontext veranlasste die APIB, sich in Europa für eine Änderung des Abkommens einzusetzen.
Eine der Forderungen der Organisation war, dass das Abkommen nur dann akzeptabel sei, wenn die EU garantiere, dass die exportierten Produkte Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte respektieren. Zudem dürften die Produkte weder aus Konfliktzonen oder abgeholzten Gebieten noch aus Indigenen Territorien stammen und nicht unter Sklavenarbeit produziert worden sein. Um diese Bedingungen sicherzustellen, reiste die APIB 2019 nach Europa und betrieb politische Lobbyarbeit bei Mitgliedern des Europäischen Parlaments, um mögliche Maßnahmen zu diskutieren. In der Folge forderte die Indigene Bewegung eine Gesetzgebung, die den Import solcher Produkte verbietet oder sanktioniert und zugleich deren Rückverfolgbarkeit gewährleistet, damit sie nicht aus illegal abgeholzten Gebieten stammen. Zusätzlich zu verbindlichen EU-Vorgaben müssten auch Unternehmen klimapolitische Verantwortung übernehmen und sicherstellen, dass sie weder Produkte aus Konfliktgebieten noch aus illegaler Arbeit kaufen oder verkaufen.

So entstand 2021 die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) – vorangetrieben durch den Druck Indigener Bewegungen wie der APIB sowie von NGOs, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Mitgliedstaaten, Umweltzertifizierungsstellen und sogar Teilen der Industrie. Das Gesetz verbietet den Import von Produkten in die EU, die aus illegal abgeholzten Flächen oder aus Landnutzungen stammen, die gegen geltendes Recht verstoßen. Trotz des offensichtlichen Sieges bleibt die Freude gedämpft, da das Gesetz die Walddefinition der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) übernimmt, was den vollständigen Schutz der brasilianischen Ökosysteme einschränkt. Die APIB kämpft daher seit 2022 dafür, dass die EUDR alle brasilianischen Ökosysteme abdeckt, insbesondere den Cerrado – das von der Landwirtschaftsexpansion in Brasilien am stärksten betroffene Ökosystem.
Die EUDR und der Streit um ein EU-Mercosur-Abkommen, das Indigene Völker und Arbeitnehmer*innen in den Mitgliedsländern nicht benachteiligt, sind Ausdruck einer zentralen Forderung breiter sozialer Schichten sowohl in Europa als auch in Südamerika. Die Unterstützung der direkt betroffenen Gemeinschaften zeigt, dass die Mobilisierung der Bevölkerung in der Lage ist, Kursänderungen herbeizuführen und politische Agenden neu auszurichten. Dieser gesellschaftliche Druck ist mehr als nur ein Hindernis, er verdeutlicht vielmehr, dass es möglich ist, aus konkreten Forderungen Lösungen zu entwickeln, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen. Abstrakte und polarisierte Debatten über Integrationsmodelle – etwa über die Rolle Brasiliens und der Region in der Weltwirtschaft – lenken von den konkreten materiellen Bedingungen des Abkommens ab und erschweren die Entwicklung politisch tragfähiger und sozial gerechter Lösungen.


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Good COP, Bad COP

Die Faktenlage war noch nie so eindeutig: Die zivilisatorische Krise mit ihren Auswirkungen auf Klima und Natur zerstört die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten. Historisch und bis heute maßgeblich dafür verantwortlich sind die Industrien des Globalen Nordens mit ihrem immensen Verbrauch an Rohstoffen. Extraktiviert wird im Globalen Süden, wo die Ausbeutung der Natur einher geht mit der Zerstörung von Ökosystemen wie den tropischen Regenwäldern, die essenziell für das Gleichgewicht des Planeten sind, und Unternehmen erhebliche Menschenrechtsverletzungen begehen.

Die COP30 in Belém ist mit Erwartungen aufgeladen. Vielen gilt sie als letzte Chance, die globale Klimapolitik zu retten. Zwar ist die Erkenntnis gewachsen, dass eine Umsetzung der Pariser Klimaziele einer grundlegenden sozial-ökologischen Transformation bedarf. Klimagerechtigkeit müsste jedoch damit einhergehen, dass nach dem Verursacher*innenprinzip die Regierungen des Globalen Nordens einerseits in der Pflicht stehen, Unternehmen in Richtung einer drastischen Reduktion des Ressourcenverbrauchs zu regulieren und andererseits für die Folgen der globalen Umweltkrise einzustehen. Beispielweise durch Unterstützung für Anpassungsmaßnahmen der Länder im Globalen Süden. Denn diese haben am wenigsten zur Krise beigetragen, sind schon heute am stärksten davon betroffen. Doch nach wie vor sind die Verhandlungen bei den UN-Klimakonferenzen von Konflikten zwischen verschieden positionierten Regierungen geprägt. Bei der bloßen Anerkennung des Problems, sowie bei Interessenskonflikten zwischen Ländern des Globalen Nordens und Südens: Viele der letzteren erachten die Finanzierungsziele und -zusagen in Anbetracht der historischen Verantwortung der imperialen Industrienationen als viel zu niedrig.

Doch die Kritik der Basisbewegungen, die sich zur COP30 wieder auf den Straßen versammeln, geht deutlich weiter. Seit Jahren problematisieren Aktivist*innen, dass Klimakonferenzen nicht über die Verabschiedung von Scheinlösungen hinauskommen, die die zugrundeliegenden Systemfehler des kapitalistischen, extraktivistischen Wirtschaftsmodells nicht angreifen. Ein exemplarisches Thema ist der internationale Emissionshandel, der es Verursacher*innen von CO2-Emissionen ermöglicht, diese durch den Kauf von CO2-Reduktionen bspw. durch Wiederaufforstung an einem anderen Ort zu kompensieren statt sie zu reduzieren. Gemeinden, die im Umsetzungsgebiet solcher Projekte in Amazonien leben, wehren sich gegen diese „Kompensation“. Denn damit gehen oft Landnahmen und Entrechtung einher – zusätzlich zu den vielfältigen Bedrohungen wie der fortschreitenden Zerstörung ihrer Territorien durch illegalen Goldbergbau oder den Bau von Staudämmen.

Für die brasilianische Regierung unter Präsident Lula ist die COP30 eine Gelegenheit, sich als Klimavorreiterin und Verteidigerin Amazoniens international zu profilieren. Die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder vor der Mündung des Amazonas und der ungebrochene Einfluss der extraktiven Industrien und des mächtigen Agrobusiness in Brasilien sprechen eine andere Sprache. Ob der formulierte Anspruch einer „inklusiven COP“ eingelöst wird, die die Belange der Amazonasregion und ihrer Bevölkerungen ins Zentrum stellt, bleibt fraglich. In Kontrast und Widerstand zur Agenda der verhandelnden Staaten formulieren zivilgesellschaftliche Organisationen, Indigene und soziale Bewegungen ihre eigenen Forderungen an einen sozial-ökologisch gerechten Wandel, der Mensch und Natur gegenüber Kapitalinteressen priorisiert – und schaffen eigene Partizipationsräume, wie die Cúpula dos Povos („Gipfel der Völker“). Die dort diskutierten Alternativen zeigen, dass es auch anders geht und geben Hoffnung, dass die „letzte Ausfahrt Belém“ nicht in einer Sackgasse endet. Sie stellen klar, dass der erste Schritt aus der zivilisatorischen Krise sein muss, grundlegende Veränderungen des Systems nicht weiter von Unternehmensinteressen und den für sie einstehenden Regierungen blockieren zu lassen.


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Brasiliens Führungsanspruch

Zur COP30 Viele Menschen, auch aus dem Amazonasgebiet, wehren sich gegen die exklusive Klimakonferenz (Foto: Neil Palmer/CIAT (CC BY-NC-ND 2.0))

In den ersten beiden Regierungsjahren Lulas hat Brasilien sichtbare Fortschritte vorzuweisen: Die Abholzung im Amazonasgebiet ging 2023 deutlich zurück, internationale Finanzierungen wie der von Norwegen und Deutschland gespeiste Amazonien-Fonds wurden reaktiviert, auch die USA leisteten wieder Beiträge. Umweltministerin Marina Silva wirbt für eine internationale Roadmap zur geplanten und gerechten Abkehr von fossilen Energien.
Gleichzeitig aber sendet die Regierung widersprüchliche Signale. Das staatlich dominierte Ölunternehmen Petrobras drängt auf die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder vor der Mündung des Amazonas („Equatorial Margin“). Die Umweltbehörde IBAMA hatte 2023 eine erste Lizenz abgelehnt, die Debatte ist jedoch nicht beendet. Im Parlament versucht die mächtige Agrarfraktion zudem, Umweltgenehmigungen zu lockern. Lula hat einzelne Gesetzesänderungen per Veto gestoppt, die Auseinandersetzung bleibt aber offen.


Dieser Spagat zwischen dem Anspruch, Klimavorreiter zu sein, und der fortgesetzten Abhängigkeit von fossilen Exporten ist der zentrale Glaubwürdigkeitstest für Brasilien in Belém. Hinzu kommt, dass der Anspruch einer „inklusiven COP“ sich an den Partizipationsräumen der Zivilgesellschaft, der Indigenen und der sozialen Bewegungen messen lassen muss und nicht zuletzt an der Ermöglichung der repräsentativen Teilnahme auch kleinerer Länder des Südens.

USA auf Klimarückzug

Für die internationalen Verhandlungen kommt erschwerend hinzu, dass die Vereinigten Staaten 2025 erneut den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen eingeleitet haben. Parallel dazu arbeitet die US-Regierung daran, zentrale klimapolitische Grundpfeiler zurückzunehmen: Die Entscheidung „Endangerment Finding“ der Umweltbehörde EPA, die Treibhausgase als Gefahr für die öffentliche Gesundheit einstuft, soll gekippt werden. Geplante CO23-Standards für Fahrzeuge werden ausgesetzt, Programme wie „Solar for All“ (7 Mrd. US-Dollar) gestrichen. Auf Regierungswebseiten verschwinden wissenschaftliche Klimainformationen oder werden abgeschwächt.
Die Folgen für die COP30 sind gravierend: Ohne die USA als konstruktiven Akteur sinkt der Druck auf andere große Emittenten, die Zusagen zur Emissionsminderung zu verschärfen. Auch die ohnehin umstrittene Klimafinanzierung für ärmere Staaten könnte weiter ins Stocken geraten. Das verschiebt die diplomatische Verantwortung stärker auf die EU, auf Schwellenländerkoalitionen und auf das Gastgeberland Brasilien.

Rechte Klimaskepsis als transnationales Phänomen

Erschwerend wirkt die ideologische Allianz rechter und rechtsextremer Kräfte in Nord- und Südamerika, die Klimawissenschaft in Zweifel ziehen oder die Dringlichkeit politischer Maßnahmen bestreiten. In Brasilien hat der Bolsonarismus über Jahre ein Narrativ etabliert, das Klimaschutz als Bedrohung für die nationale Souveränität darstellt. Auch in Argentinien vertritt Präsident Javier Milei ähnliche Positionen. Und in den USA bilden solche Sichtweisen das ideologische Fundament für regulatorische Rückschritte.
Diese Strömungen beeinflussen nicht nur den politischen Diskurs, sondern auch die Verhandlungsspielräume auf multilateraler Ebene, etwa wenn einzelne Länder Koalitionen gegen ehrgeizige Klimaziele bilden.

Chancen und Risiken für Brasilien

Trotz dieser widrigen Umstände hat Brasilien die Möglichkeit, in Belém eigene Akzente zu setzen: Die Glaubwürdigkeit im Amazonas-Schutz zu sichern, etwa durch konsequente Feuerprävention und Stärkung Indigener Schutzgebiete; klare Leitplanken für fossile Projekte zu formulieren, um zu zeigen, dass Öl- und Gasinteressen nicht Vorrang vor Klimazielen haben; Koalitionen jenseits der USA zu stärken, etwa durch Zusammenarbeit mit der EU, mit Amazonasanrainerstaaten und mit afrikanischen Partnerländern, um ein gemeinsames „Just Transition“-Narrativ zu entwickeln und Finanzierungsinitiativen auszubauen, etwa durch Aufstockung des Amazonien-Fonds und die Schaffung neuer Instrumente und Finanzierungsquellen für Waldschutz.


Die COP30 wird zu einer Bewährungsprobe für Brasiliens Anspruch, globaler Taktgeber beim Klimaschutz zu sein. Die innenpolitischen Widersprüche, die Abwesenheit konstruktiver US-Beteiligung und der Gegenwind von Klimaleugnern setzen enge Grenzen. Umso mehr wird es darauf ankommen, dass Brasilien seine Gastgeberrolle nutzt, um eine glaubwürdige, ambitionierte Agenda voranzutreiben – und dabei zeigt, dass Klimaschutz und eine gerechte Entwicklung im Globalen Süden kein Widerspruch sein müssen.


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Eine COP und viele Perspektiven

Entwaldung in Brasilien Brasiliens Glaubwürdigkeit beweist sich daurch, Abholzung zu reduzieren (Foto: Bruno Kelly/Amazonia Real (CC BY-NC-SA 2.0))

Als Luiz Inácio Lula da Silva 2022 die Präsidentschaftswahl gewann, kehrte Brasilien nach den Bolsonaro-Jahren wieder auf die Bühne der internationalen Politik zurück – und die Ausrichtung der COP30 war und ist dabei ein zentrales Instrument. Lula und die brasilianische Regierung wollten ihrem Bekenntnis zum Multilateralismus (Internationale Zusammenarbeit zwischen mehreren Staaten, Anm. d. Red.) ein global sichtbares Zeichen geben. Aber es ging auch darum, Brasiliens negatives Image zu revidieren: Immer wieder sorgte der brennende Amazonaswald für dramatische Bilder und Schlagzeilen. Und für Brasilien und Amazonien ist der Bezug zur Klimapolitik fundamental: Nach wie vor ist Entwaldung der wichtigste Faktor der CO2-Emissionen des Landes. Brasilianische Klimapolitik kann ohne die Reduzierung von Entwaldung kein Erfolg sein.


Die öffentlichen Äußerungen Lulas zeigen, dass zumindest für ihn Amazonien als Ort der COP den entscheidenden Unterschied macht. Er will damit auch der für viele Brasilianer*innen irritierenden Fixierung der internationalen Öffentlichkeit auf den Wald entgegentreten: „Es ist eine Sache, über Amazonien in Ägypten zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Berlin zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Paris zu diskutieren. Das ist jetzt anders. Jetzt werden wir über die Bedeutung des Amazonas innerhalb Amazoniens diskutieren. Wir werden über die Indigene Frage diskutieren, über die Indigene Bevölkerung. Wenn wir über Umweltfragen sprechen, müssen wir auch über die Menschen sprechen, die in diesen Regionen leben und ein Leben in Würde führen sollen. Denn wenn wir über Naturschutz sprechen, müssen wir auch die 50 Millionen Menschen schützen, die im Amazonas­gebiet Südamerikas leben. All das müssen wir schützen, denn nur so können wir die Umwelt schützen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Schutz der Umwelt damit beginnt, dass wir uns um die armen Menschen kümmern, die in diesen Regionen leben.“ Belém soll also ein Ort sein, der Umwelt- und Klimapolitik mit dem Kampf gegen Armut verbindet – und dabei auch die vorbildliche Bilanz der Regierung zeigt. Und tatsächlich hat die Regierung Lula nach fast drei Jahren Amtszeit einiges vorzuweisen: die Entwaldung im Amazonasgebiet ist deutlich zurückgegangen, ebenso wie extreme Armut und Mangelernährung. Die Einrichtung eines Ministeriums für Indigene Fragen und die Ernennung der Indigenen Aktivistin Sonia Guajajara zur Ministerin hat einen klaren Schwenk in der Politik für die Indigenen Völker signalisiert. Aber bald tauchten auch Probleme auf, die dem Image der Regierung Schaden zufügen können.

Nicht alles läuft gut

Bald beherrschten negative Schlagzeilen die internationale Presse und säten Zweifel, ob Belém tatsächlich ein geeigneter Austragungsort sei. Die Kritik an der prekären Infrastruktur in Belém (Straßen voller Löcher, offene Abwasserkanäle, Abfall auf den Straßen…) ließ sich noch relativ leicht als Arroganz westlicher Länder abwehren oder sogar als positives Merkmal umdeuten: willkommen in der realen Welt des Globalen Südens. Aber eine COP ist keine soziale Erkundung, sondern eine komplexe Konferenz, an der fast alle Staaten der Welt teilnehmen. Die Delegationen waren bald mit fehlenden Hotelbetten und horrenden Preisen konfrontiert. Die Krise der Unterkünfte dominierte daher bald nicht nur die Berichterstattung über die COP, sondern führte auch zu einem Aufschrei auf der Vorbereitungskonferenz in Bonn im Juni dieses Jahres. Und es waren nicht primär die Staaten des Globalen Nordens, sondern Länder aus Afrika oder Inselstaaten des Pazifiks, die erklärten, dass die exorbitanten Preise ihre Teilnahme unmöglich zu machen drohten und sogar eine Verlegung der COP ins Spiel brachten. Die wird es nun nicht mehr geben, aber auch bis Mitte Oktober war die Frage der Unterbringung trotz aller Beschwichtigungsversuche der brasilianischen Regierung und der Anmietung von Kreuzfahrt­chiffen nicht wirklich gelöst. Die Kritik gerade der ärmeren Staaten droht zu einem erheblichen Imageschaden für die brasilianische Regierung zu werden.

Bald kamen aber auch Zweifel an der Idee einer Wald- und Amazonien-COP auf. Wie steht es denn eigentlich um die Verhandlungsagenda? Da steht die Reduzierung von Entwaldung nicht auf der Tagesordnung. Wenn die COP nicht zu einem symbolischen Spektakel verkommen soll, dann darf sie die zentrale Frage der globalen Klimapolitik nicht ignorieren: das unvermeidliche Ende des fossilen Zeitalters. Diese Debatte kommt der brasilianischen Regierung höchst ungelegen. Denn im vergangenen Jahr wurde Erdöl zum wichtigsten Exportprodukt Brasiliens. Und ausgerechnet im Bereich der Amazonasmündung sollen neue Ölfelder erschlossen werden. Treiberin ist die halbstaatliche Ölgesellschaft Petrobras, deren Präsiden­tin sich als brasilianische „Drill, baby, Drill“-Verkünderin profilierte. Präsident Lula unterstützte dies ausdrücklich und kritisierte die brasilianische Umweltbehörde für ihre zögerliche Bewilligung der erforderlichen Genehmigungen.

Aber damit nicht genug: Ein Gesetz, das die Regulierungen für Umweltgenehmigungen in Brasilien dramatisch aufweicht, ist vom Parlament mit großer Mehrheit verabschiedet worden. Die brasilianische Umweltministerin Marina Silva hat das Gesetz als den „Sargnagel für Umweltlizensierung“ bezeichnet, die Nichtregierungsorganisation Observatório do Clima („Klimabeobach­tungsstelle“) erachtet den Entwurf als den „entscheidensten Rückschritt in der brasilianischen Umweltpolitik in den letzten Jahrzehnten“. Aber anders als bei der Frage der Erdölförderung, handelt es sich hier um eine Politik gegen die Regierung. Die Lula-Regierung verfügt über keine stabile Mehrheit im Parlament und in Brasilien hat der Wahlkampf begonnen. In der nationalen politischen Agenda spielt die COP kaum eine Rolle. Es geht um den Gerichtsprozess gegen Bolsonaro und eine Amnestie für die Straftaten im Kontext der Parlamentsstürmung am 8. Januar 2023. Kurzfristig zumindest profitiert Lula in den Umfragen von den Sanktionen der US-Regierung. Er kann sich nun als Vorkämpfer der nationalen Souveränität Brasiliens profilieren. Die Agenda der COP tritt dabei in den Hintergrund.

Im Oktober 2026 wird in Brasilien gewählt, der Wahlkampf hat mit aller Heftigkeit bereits begonnen und damit verringert sich die Macht der Regierung und ihre Fähigkeit, im Kongress Kompromisse zu verhandeln. In verschiedenen Fragen hat die Regierung in den letzten Wochen Abstimmungen klar verloren. Von dem mehrheitlich als rechts zu verortenden Kongress ist keine Rücksicht auf die COP30 oder auf Klimapolitik zu erwarten – im Gegenteil. Dies ist auch ein Vorgeschmack davon, was droht, wenn die rechte bis rechtsradikale Opposition die nächsten Präsidentschaftswahlen im Oktober 2026 gewinnen sollte. Und eines ist jetzt schon klar: Diese politische Lage wird die Umwelt- und Klimapolitik in Brasilien stärker beeinflussen als die COP30. Für das internationale Ansehen von Präsident Lula ist die COP wichtig – für den Ausgang der Wahl eher nicht.

Verhandlungsprozess ohne Agenda?

Während die internationale Presse breit über die Krise der Unterkünfte oder auch über einige problematische Baumaßnahmen der COP berichtet, bleibt der eigentliche Verhandlungsprozess im Hintergrund. Das liegt nicht nur daran, dass dies zu einer Frage von Spezialist*innen geworden ist, sondern hängt auch damit zusammen, dass keine wichtigen Entscheidungen zu fällen sind.
Die renommierte brasilianische Umweltjounalistin Daniela Chiaretti diagnostiziert, die Agenda der COP30 sei „wenig sexy“; es fehle das große Thema. Hinzu kommt eine gewisse Ermüdung im Konferenzmarathon. Die COP von Baku sollte eine COP der Finanzierung sein, nur erzeugt der Beschluss von Baku großen Frust im Globalen Süden.


Die brasilianische Präsidentschaft will auf keinen Fall das Ergebnis von Baku wieder zur Debatte stellen, sondern soll einen Fahrplan vorlegen, wie die als zu unzureichend beklagte Summe von 300 Milliarden US-Dollar überhaupt bis 2035 aufgebracht werden sollen. Angesichts anderer Prioritäten (Rüstung!) und einer kriselnden Wirtschaft in Europa ist hier der Frust vorprogrammiert.
Aber Paris hat auch den Schwerpunkt der globalen Klimapolitik verändert: Sie basiert nun nicht auf den globalen Vereinbarungen, sondern auf den nationalen Klimazielen, den NDCs, die von den Ländern selbst festgelegt werden und nicht Teil der Verhandlungen sind. Die brasilianische Präsidentschaft hat nun die COP30 zu einer Konferenz der „Implementierung und der Aktion“ erklärt. Aber ob das gelingt, muss abgewartet werden.


Wahrscheinlich ist, dass Vorschläge, die gar nicht zur Klimakonvention gehören, der eigentlichen COP-Agenda die Show stehlen werden. Das ist insbesondere der Vorschlag für einen neuen globalen Waldfonds, den TFFF. Und auch der Gouverneur des Bundesstaates Pará, Helder Barbalho, wird die COP nutzen, um seinen Bemühungen, den CO2-Markt für waldbasierte Kredite zu beleben, Aufmerksamkeit und Unterstützung zu verschaffen. Das Thema ist auch in Brasilien hoch umstritten und wird einer der Schwerpunkte der Proteste bei der COP sein.


Aber eines steht fest: Die COP30 mobilisiert die Zivilgesellschaft insbesondere in Brasilien und Lateinamerika. Brasilien ist ein demokratisches Land und nach den COPs der Diktaturen, wird es endlich wieder Demonstrationen, Proteste, Debatten und ein Parallelforum (Cúpula dos Povos) geben. Die COP in Belém ist auch eine Chance, den Akteur*innen Sichtbarkeit zu geben, die im offiziellen Prozess marginalisiert sind. Und daher ist der Ort der COP30 tatsächlich wichtig: Für Bruna Balbi von der Menschenrechtsorganisation Terra de Direitos („Land der Rechte“) ist die Kritik an Belém auch Ausdruck eines Vorurteils „gegen Amazonien als legitimer Ort der politischen Organisation“. Dies zeigt, dass die Zentren der Macht von der Autonomie Amazoniens beunruhigt sind. „Die Frage ist nicht nur, wo das Event stattfindet, sondern wer das Recht hat, zu sprechen, zu entscheiden und zu existieren.“ Viel Kritik wird auch als eine Arroganz des Zentrums gegenüber einer marginalisierten Region, die ihre Rebellion zeigen will, wahrgenommen.


Belém wird ein Ort dieses Disputes sein. Dazu mobilisieren die sozialen Bewegungen Brasiliens. Es gibt keine Kampagne gegen die Austragung der COP in Belém, bei aller Kritik an einzelnen Baumaßnahmen. Die Perspektive der COP30 als Ort demokratischer Debatten, massiver Proteste, von Kämpfen um Sichtbarkeit und Anerkennung, aber auch der Lebenszeichen des arg gebeutelten Multilateralismus, sollte wohlfeile Kritik an Hotelpreisen in Grenzen halten und etwas Hoffnung zulassen.


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