Unheimlich, schön.

„Es gibt Dinge die wir (Menschen) wissen, die wir aber nicht wissen wollen“, sagen die Erwachsenen in Grace Passos Debütfilm Nossos Segredo  (Unser Geheimnis) immer wieder. Die brasilianische Regisseuri erzählt darin die Geschichte einer Familie, die nach dem Tod des Vaters in stiller Trauer lebt. Trotz ihrer Bemühungen, in das alltägliche Leben zurückzukehren, sehen sich die Familienmitglieder immer wieder mit diesem Verlust konfrontiert.

© entrefilms / Wilssa Esser

Während die Erwachsenen die Belastung schweigend mit sich tragen, zeigt sich das jüngste Kind der Familie am offensichtlichsten betroffen. Tutu fühlt sich nicht gut, ist krank und spricht mit einer scheinbar imaginären Freundin. Er thematisiert nicht nur offen den Verlust des Vaters, sondern auch das Schwarzsein und den Rassismus, dem die Familienmitglieder immer wieder begegnen. 

Die Anspannung, die der kleine Junge zu verstehen versucht, kommt durch die Musik deutlich zum Ausdruck, sodass dem Film etwas Unheimliches anhaftet. Angst vor schweren Gefühlen und die Überforderung mit dem Verlust, der sich nicht einfach vergessen lässt, werden durch Erinnerungen und surreale Elemente dargestellt. Unausgesprochene Emotionen, die in den Gesichtern der Protagonist*innen Raum greifen, verleihen vor allem den männlichen Charakteren eine tiefe Verletzlichkeit. Die Trauer wird durch verschiedene Bilder symbolisiert, etwa durch einen Lautsprecher, der sich immer wieder selbst einschaltet und unbeirrt Musik spielt. Das Haus und die Umwelt der Familie erhalten dadurch eine Transzendenz, die sich in den Dialogen mit Außenstehenden fortsetzt. Manche Figuren können mit überraschender Tiefe auf die Emotionen der Protagonist*innen Bezug nehmen, während anderen gänzlich der Zugang zu ihnen verwehrt bleibt.

© entrefilms / Wilssa Esser

Immer wieder taucht die schlammige Lehmerde auf, die zunächst von der Decke tropft, durch ihre rote Farbe an Blut erinnert und die emotionale Belastung offensichtlich werden lässt. Wer es gerade nicht einfach hat, steht im Brasilianischen sprichwörtlich mit dem Fuß im Lehm (pé na lama). Mit der ansteigenden Spannung ist der rote Lehm immer häufiger zu sehen bis die aufgestauten Emotionen sich schließlich Bahn brechen.

Tutu führt seinen ältesten Bruder irgendwann in den ersten Stock, den der Vater nie fertig renovieren konnte. Dort wird schließlich die ganze Familie mit der Absurdität und der Schwere ihres Verlusts konfrontiert. Eine dramatische Begegnung mit der bisher unsichtbaren Gesprächspartnerin des Jungen durchbricht die Spannung. Das Haus wird überschwemmt vom roten Schlamm und endlich eröffnet sich der nötige Raum, um sich einander zu öffnen und Gefühle zu teilen. Absurd und poetisch setzt sich der Film mit den Themen Tod und Familie auseinander und kreiert auf schlichte Art und Weise große Dramatik. Ein außerordentlich ästhetischer Film, der neben der emotionalen Thematik einen unaufgeregten Einblick in das tagtägliche Leben einer Schwarzen brasilianischen Familie bietet.


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Existiert die Zukunft schon?

Wenn Gott den Mann aus Erde und die Frau aus dem Mann geschaffen hat, wie es in der christlichen Tradition heißt, scheint die Hierarchie der Geschlechter seit dem Ursprung der Welt vorbestimmt zu sein. Es ist diese Naturalisierung der Ungleichheit, die sich durch Eliza Capais A fabulosa máquina do tempo zieht. Der Dokumentarfilm geht von der scheinbar einfachen Frage aus: „Wenn du eine Zeitmaschine hättest, würdest du in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen?“. Er zeigt, wie im Leben von Mädchen aus dem brasilianischen Hinterland die Zukunft bereits vorgezeichnet und die Vergangenheit ein schwer zu durchbrechendes Erbe zu sein scheint.

© Eliza Capai

Der Film spielt in Guaribas im Bundesstaat Piauí, einer Gemeinde, die einst zu den Orten mit dem niedrigsten Index der menschlichen Entwicklung in Brasilien gehörte, und beobachtet den Alltag von Mädchen, die in jeder kleinen Stadt im brasilianischen Hinterland leben könnten. Evangelikale Kirchen und die Carreta Furacão – ein Festwagen mit kostümierten Tänzer*innen – bilden ein soziales Umfeld, das gleichzeitig spielerisch und streng ist. Es ist ein Brasilien, das in filmischen Erzählungen selten im Mittelpunkt steht, aber notwendig ist, um zu verstehen, wie soziale Ungleichheit, Religiosität und Tradition die Erwartungen an die Zukunft prägen.

Die Mädchen sind aber in A fabulosa máquina do tempo nicht nur Figuren, sondern partizipieren auch als aktive Teilnehmerinnen an der Entstehung des Dokumentarfilms: Sie filmen, interviewen, erzählen und erfinden Geschichten. Indem sie sich ein glückliches Ende für Frauen vorstellen, die unter geschlechtsspezifischer Unterdrückung leiden, zeigen sie sowohl die Last der Strukturen, die sie umgeben, als auch die kreative Kraft, mit der sie versuchen, diese neu zu erfinden.

Aus den Berichten über Kinderheirat, Alkoholismus, Armut und soziale Verwundbarkeit entsteht ein komplexes Bild. Der kindliche Blick ist nicht naiv, sondern erfasst die Widersprüche mit Klarheit. Auf die Frage, ob es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt, zeigen die Antworten, wie patriarchalische Normen schon früh verinnerlicht wurden. Zeit ist in diesem Zusammenhang nicht mehr nur eine imaginäre Kategorie, sondern steht für Kontinuität: Die Vergangenheit der Mütter projiziert sich in die Zukunft ihrer Töchter.

© Carol Quintanilha

Regisseurin Eliza Capai (mehrfach preisgekrönt für Your Turn) hält sich diskret im Hintergrund, leitet Gespräche und interagiert mit den Kindern, verbirgt dabei jedoch ihre externe Position nicht. Man spürt eine Vermittlung, einen Blick, der das Material organisiert und diese Stimmen in eine breitere Debatte über Geschlecht und strukturelle Ungleichheit in Brasilien einbringt.

Ohne auf didaktische Erzählungen oder statistische Daten zurückzugreifen, reflektiert A fabulosa máquina do tempo darüber, wie sich patriarchale Strukturen in Kontexten sozialer Vulnerabilität reproduzieren. Indem der Film die kindliche Vorstellungswelt in den Mittelpunkt stellt, fragt er, ob die Zukunft wirklich ein offenes Feld ist – oder ob sie für viele Mädchen im Film nicht schon frühzeitig begonnen hat.


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Psychedelic Papaya Paradise

„Sie wollten uns beerdigen, aber sie wussten nicht, dass wir Samen sind“, lautet ein Slogan diverser Widerstandsbewegungen in Lateinamerika. Und auch Papaya möchte keine Wurzeln schlagen, sondern lieber die Welt kennenlernen. Ja, Protagonist*in des brasilianischen Films Papaya ist ein kleiner Papayasamen, der aus einer aufgeplatzten Frucht entkommt und neugierig durch den Wald kullert. Regisseurin Priscilla Kellen, die auf lange Erfahrung in Animationsfilmgeschäft zurückblicken kann, hat nun mit Papaya ihren ersten eigenen Lamngfilm veröffentlicht. Zusammengearbeitet hat sie dabei unter anderem mit Alê Abreu (Oscar-nominiert für Der Junge und die Welt), der Papaya mitproduziert.

© Priscilla Kellen

Während seine Geschwister festwachsen, um zu neuen Bäumen zu werden, rupft Papaya seine Wurzeln aus und erkundet torkelnd staunend seine Umwelt. Denn es gibt so viel zu entdecken! Begleitet nur von einem großartigen Soundtrack und Geräuschen, die nie ganz zu Worten werden, interagiert Papaya mit allen Geschöpfen des Waldes, die wie der Samen aus großen Kulleraugen umherblicken und schweben, wachsen, springen. In buntesten Farben und wundervoll, manchmal fast psychedelisch animiert, wird dabei deutlich, wie alles Leben verknüpft ist – nicht durch die Wurzeln, sondern auch durch das riesige Geflecht der Pilze, das Signale durch das ganze Biotop sendet.

© Priscilla Kellen

So unberührt wie es zunächst wirkt, ist das kleine Stück Natur, wo die Papayabäume wachsen, aber nicht: Auf einem Blatt treibend, wagt sich Papaya aufs Wasser. Der Bach wird zum Kanal, unterquert eine Straße, und versickert auf einem kargen Feld, wo Papayas vielleicht größtes Abenteuer beginnt. Nie taucht ein Mensch auf, dafür umso mehr Maschinen, die den kleinen Samen in Abgründe der industriellen Landwirtschaft verschleppen. Über eine Fabrik, in der Früchte verarbeitet werden, bis hin zu einer Müllkippe und einer Party in den Abgründen der Kanalisation zwischen Kakerlaken und Ratten muss Papaya allen Mut aufbringen, um sich selbst und andere zu retten. Wo vorher funkelnde Formen im Himmel und der Flug der Vögel zur Erkundung der Welt riefen, lockt nun sehnsuchtsvoll der große Papayabaum inmitten des aus dieser Perspektive zur Oase geschrumpften Waldes – doch dazwischen liegt noch die Straße. Am Ende muss Papaya Wurzeln schlagen, um zu überleben – und dann gelingt eine unglaubliche Verwandlung.

Papaya ist ein berührender, sanfter Film mit klarer, ermutigender Botschaft. Auf der Berlinale wird der Film in der Sektion Generation Kplus gezeigt und ab fünf Jahren empfohlen. Aber auch Erwachsene können aus der fantasievollen Reise viel mitnehmen.


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Eine nicht allzu ferne Vergangenheit

Brasilien war einer der letzten Staaten der Welt, der die Sklaverei offiziell abschaffte. Obwohl das schon fast 140 Jahre her ist, prägen ihre sozialen und ökonomischen Auswirkungen die Gesellschaft des Landes bis heute. Kunst und Populärkultur sind nach wie vor mit der Aufarbeitung der rassistischen Strukturen beschäftigt. Karen Suzane beleuchtet die Epoche im Berlinale-Beitrag Quatro Meninas, der in der Jugendfilmsektion Generation läuft, aus einem fiktiv-episodischen Blickwinkel. Indem sie vier versklavte Frauen in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt, verlagert sie die Geschichte der brasilianischen Sklaverei aus dem Bereich der offiziellen Aufzeichnungen in den Bereich der intimen, weiblichen und kollektiven Erinnerung. Der Film nutzt die Fiktion nicht, um eine abgeschlossene Vergangenheit zu illustrieren, sondern um ihre Interpretation zu hinterfragen. Er stellt die Sklaverei als gelebte Erfahrung dar, die mündlich weitergegeben und von verschiedenen Formen des Widerstands durchzogen ist. In diesem Sinne bringt Quatro Meninas Vergangenheit und Gegenwart einander näher.

© Cris Lucena

Die Geschichte spielt 1884 in Rio de Janeiro, vier Jahre vor der formellen Abolition der Sklaverei in Brasilien. Nach ihrer Flucht findet Lena (Dhara Lopes) bei drei Freundinnen, die ebenfalls versklavt sind, Schutz. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, um in ein Quilombo zu fliehen, einen Ort, an dem sie endlich in Freiheit leben können. Diese relativ einfache Erzählstruktur dient als Rahmen für einen Ansatz, der weniger das Abenteuer der Flucht als vielmehr die Konstruktion einer gemeinsamen Erinnerung in den Vordergrund stellt. Denn die Protagonistinnen, die als „Mädchen” bezeichnet werden, arbeiten als Hausangestellte und Begleiterinnen junger Menschen der weißen Elite und haben ihr ganzes Leben in Knechtschaft verbracht. Indem der Film ihre Routinen, Gespräche und Ängste begleitet, macht er deutlich, dass die Sklaverei keine ferne Vergangenheit ist, sondern in Gefühlen und Einstellungen immer noch die Gesellschaft durchzieht.

Eine der bedeutendsten Gesten des Films besteht darin, die Geschichte anhand von Wissen zu präsentieren, das sich der „offiziellen Geschichte” entzieht. Die eigene Abstammung, die Spiritualität und die Verbindungen zwischen den Frauen erscheinen als Formen des Widerstands und stehen im Gegensatz zu dem Bild der Passivität, das oft mit versklavten Bevölkerungsgruppen assoziiert wird. Historische Erfahrung wird nicht nur als Gewalt und Unterordnung dargestellt, sondern auch als Feld kultureller Ausarbeitung und kollektiver Kraft. Auf diese Weise feminisiert und humanisiert der Film die Erinnerung an die Sklaverei und schreibt sie neu in den Körper und die Alltagserfahrung dieser vier jungen Frauen ein.

© Cris Lucena

Formal tragen die feinfühlige Kameraführung und die einfühlsame Schauspielkunst zu dieser intimen Perspektive bei. Anstatt große Ereignisse zu inszenieren, setzt der Film auf emotionale Nähe und verwandelt kleine Interaktionen in Träger historischer Bedeutung.

Der narrative Bogen ist hingegen nicht besonders komplex: Es gibt keine Überraschungen, und das Drehbuch vermeidet große Wendungen oder strukturelle Risiken. Diese dramatische Nüchternheit kann als Einschränkung gelesen werden, aber auch als eine Entscheidung, die den Charakter des Werks als historisches Zeugnis verstärkt, das mehr daran interessiert ist, Präsenzen und Erfahrungen festzuhalten, als Spannung oder Spektakel aufzubauen. Vielleicht hätte es auch geholfen, die Anzahl der Protagonistinnen zu reduzieren. Denn durch die kurze Laufzeit des Films und die vielen unterschiedlichen Charaktere bleiben manche Konflikte und Handlungsstränge fast zwangsläufig nur an der Oberfläche.

Dennoch greift Quatro Meninas die Sklav*innenenhalter*innenvergangenheit anhand der fiktiven Schicksale von vier Frauen lebendig auf und präsentiert so Geschichte als lebendige und umstrittene Erinnerung. Der Film erinnert daran, dass die Vergangenheit in Lateinamerika kein abgeschlossenes Archiv ist, sondern eine noch immer aktive Schicht der Gegenwart, insbesondere in den Körpern und Lebenswegen Schwarzer Frauen.

LN-Bewertung: 4/5 Lamas

Vorführtermin auf der Berlinale:

Samstag, 14. Februar, 17:00 Uhr, HKW 1 
Sonntag, 15. Februar, 10:15 Uhr, Cubix 6
Montag, 16. Februar, 18:45 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain
Donnerstag, 19. Februar, 09:30 Uhr, Zoo Palast 1
Samstag, 21. Februar, 13:00 Uhr, Zoo Palast 2


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EU-Mercosur-Abkommen

Annäherung zwischen Brasilien und der EU Ursula von der Leyen und Lula da Silva auf der COP30 in Belém (Foto: Vice-Presidência da República via Wikimedia Commons – CC BY 2.0)

Am 17. Januar 2026 wurde das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Merco­­-sur in der paraguayischen Hauptstadt unterzeichnet – ein weiterer Schritt in Richtung der Verabschiedung des Abkommens. Die Nachricht über diesen Fortschritt war abzusehen, insbesondere nach den Treffen zwischen dem brasilianischen Präsidenten Luís Inácio Lula da Silva und der Präsidentin der Europäischen Kommission, Von der Leyen, Ende 2025. Bei dem Treffen bekundete die brasilianische Regierung ihre Ambitionen, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Blöcken voranzutreiben.


Bereits seit Beginn der 2000er Jahre bemüht sich die Europäische Union um eine wirtschaftliche Annäherung an die südamerikanische Wirtschaftsorganisation (siehe LN 301/302). Das Mercosur-EU-Abkommen umfasst dabei eine Fülle von Themen: Urheberrechte, die Textil- und Chemie­industrie sowie natürlich die Landwirtschaft. Der Wunsch Europas, sich politisch dem Mercosur anzunähern, reichte jedoch nicht aus, um einen wirtschaftlichen Konsens mit den Mercosur-Staaten zu erzielen, insbesondere hinsichtlich des Umfangs und Tempos des Abbauseu­ro­päi­scher Ein­fuhrzölle auf Agrarprodukte. Diese Differenzen setzten sich in den folgenden Jahren fort, bis das Abkommen 2019, noch während der Regierung Jair Bolsonaros von der Liberalen Partei (Partido Liberal, PL), wieder auf die Tagesordnung kam. Die erzielte Einigung fand jedoch innerhalb der EU nicht genügend politischen Rückhalt, vor allem aufgrund der Nachlässigkeit der Regierung in Bezug auf die Brände im Pantanal (Binnenfeuchtgebiet in Brasilien, Anm. d. Red.) und im Amazonasgebiet.
Unter der aktuellen Regierung Lulas von der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores, PT) wandelte sich die politische Ausgangslage erneut. Sowohl die progressivere Agenda als auch das Bestreben der PT, sich politisch und wirtschaftlich der Europäischen Union anzunähern, führten dazu, ein politisches Zeitfenster für ein Abkommen zwischen beiden Blöcken zu öffnen. Die aktuelle Resolution umfasst im Wesentlichen die schrittweise Abschaffung der Zölle auf Fleisch, Reis, Honig und andere Produkte sowie die sofortige Abschaffung der Zölle auf Produkte wie Zucker, Ethanol und verschiedene Steuerer­mäßigungen für Milchprodukte. Obwohl der Schwerpunkt des Abkommens auf der Agrarindustrie liegt, behauptet die brasilianische Regierung, dass es für Brasilien ein grundlegender Schritt weg von einem reinen Rohstoffexportland und eine Chance hin zur Positionierung im Technologie-Exportland darstellen könne.

Brasilien als Farm der Welt


Das EU-Mercosur-Abkommen betrifft zwei zentrale und politisch sensible Fragen: Einerseits Brasiliens Rückkehr zu einer multilateralen Außen- und Handelspolitik, andererseits die wirtschaftliche Struktur des Abkommens, die weiterhin stark vom Agrarexport geprägt ist. Dies führt zu einer polarisierten Debatte in Brasilien Während Befürworterinnen das Abkommen als Chance zur stärkeren Integration in die Weltwirtschaft sehen, weisen Kritikerinnen auf die historischen und kolonialen Parallelen hin, welche Brasilien erneut zur Farm der Welt machen.
Die Auseinandersetzung mit dem EU-Mercosur-Abkommen zeigt, dass über wirtschaftliche Kompromisse hinausgedacht werden muss. Denn die Wirtschaftspolitik hat Auswirkungen auf Lebensrealitäten. Sie zeigt auch, wie wichtig die Beteiligung der Bevölkerung an der Ausarbeitung von Abkommen ist, die regionale Marktlogiken verändern. Denn das Abkommen hat eine menschliche und greifbare Bedeutung für das Leben der Indigenen Gemeinschaften Südamerikas, die seit Jahren für Änderungen des Abkommens kämpfen. Die Gegnerinnen des Abkommens brachten sowohl legitime Argumente für eine Umstrukturierung als auch für alternative Bedingungen vor und erreichten eine zeitweise Aussetzung sowie Änderungen seiner Bestimmungen. Die Opposition ist deutlich und kommt aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Währenddessen protestieren europäische Landwirtinnen weiterhin in Brüssel. Seit Dezember 2025 protestieren sie in der belgischen Hauptstadt und an ener Großdemonstration gegen das Abkommen am 18. Dezember nahmen mehr als 7.000 Menschen teil, wobei es zu starker Polizeirepression kam. In einem weiteren Protest gegen das Abkommen wurden im Januar Kartoffeln von Traktoren auf Straßen abgeladen. Der Hauptgrund für die Proteste sind die Wettbewerbsnachteile, die eine Verbilligung südamerikanischer Agrarprodukte in Europa für den europäischen Agrarsektor mit sich bringen würde. Zum anderen richten sie sich gegen die strengen Umwelt- und Produktionsauflagen des EU-Green-Deals und der Gemeinsamen Agrarpolitik, denen europäische Landwirte bei der Erzeugung und Vermarktung ihrer Produkte unterliegen.

Das Europäische Parlament – unter Federführung von Parteien wie den Europäischen Grünen und der Europäischen Linken – hat eine entschiedene Haltung gegen das Abkommen eingenommen und die wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche angeprangert, die die derzeitigen Bedingungen sowohl in Europa als auch in Südamerika verursachen würden. Diese Parteien führten auch die Bildung einer Mehrheit im Parlament an, die am 21. Januar ihre Zustimmung zum Abkommen verweigerte. Sie argumentierten, dass eine Umsetzung ohne parlamentarische Zustimmung undemokratisch sei. Angesichts dessen beschloss das Parlament, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Bis zu einer Neubewertung wird es nicht in Kraft treten.
Auch andere Bereiche der Zivilgesellschaft organisieren sich in Bewegungen, um das Abkommen zu verhindern. Beispielsweise die Initiative „Stop EU-Mercosur“, die durch das Sammeln von Unterschriften in Europa und Südamerika für eine Petition gegen das Abkommen, öffentliche Aktionen und Proteste ihren Widerstand zeigt. In Brasilien organisiert und engagiert sich die Koalition der Indigenen Völker Brasiliens (Articulações dos Povos Indígenas do Brasil, APIB) für dieses Thema, seitdem 2019 das Abkommen ebenfalls kurz vor dem Abschluss stand.

Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte auf dem Spiel


Im Jahr 2019 bekräftigte Wirtschaftsminister Paulo Guedes unter der Bolsonaro-Regierung das Interesse Brasiliens, das EU-Mercosur-Abkommen voranzutreiben und noch im gleichen Jahr abzuschließen. Insbesondere in dieser Zeit litten Indigene Gemeinschaften jedoch unter zunehmender staatlicher Vernachlässigung, während sich die Brände im Cerrado, im Pantanal und im Amazonasgebiet erheblich verstärkten und Indigene Gebiete erreichten. Dieser Kontext veranlasste die APIB, sich in Europa für eine Änderung des Abkommens einzusetzen.
Eine der Forderungen der Organisation war, dass das Abkommen nur dann akzeptabel sei, wenn die EU garantiere, dass die exportierten Produkte Umwelt-, Indigenen- und Frauenrechte respektieren. Zudem dürften die Produkte weder aus Konfliktzonen oder abgeholzten Gebieten noch aus Indigenen Territorien stammen und nicht unter Sklavenarbeit produziert worden sein. Um diese Bedingungen sicherzustellen, reiste die APIB 2019 nach Europa und betrieb politische Lobbyarbeit bei Mitgliedern des Europäischen Parlaments, um mögliche Maßnahmen zu diskutieren. In der Folge forderte die Indigene Bewegung eine Gesetzgebung, die den Import solcher Produkte verbietet oder sanktioniert und zugleich deren Rückverfolgbarkeit gewährleistet, damit sie nicht aus illegal abgeholzten Gebieten stammen. Zusätzlich zu verbindlichen EU-Vorgaben müssten auch Unternehmen klimapolitische Verantwortung übernehmen und sicherstellen, dass sie weder Produkte aus Konfliktgebieten noch aus illegaler Arbeit kaufen oder verkaufen.

So entstand 2021 die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) – vorangetrieben durch den Druck Indigener Bewegungen wie der APIB sowie von NGOs, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Mitgliedstaaten, Umweltzertifizierungsstellen und sogar Teilen der Industrie. Das Gesetz verbietet den Import von Produkten in die EU, die aus illegal abgeholzten Flächen oder aus Landnutzungen stammen, die gegen geltendes Recht verstoßen. Trotz des offensichtlichen Sieges bleibt die Freude gedämpft, da das Gesetz die Walddefinition der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) übernimmt, was den vollständigen Schutz der brasilianischen Ökosysteme einschränkt. Die APIB kämpft daher seit 2022 dafür, dass die EUDR alle brasilianischen Ökosysteme abdeckt, insbesondere den Cerrado – das von der Landwirtschaftsexpansion in Brasilien am stärksten betroffene Ökosystem.
Die EUDR und der Streit um ein EU-Mercosur-Abkommen, das Indigene Völker und Arbeitnehmer*innen in den Mitgliedsländern nicht benachteiligt, sind Ausdruck einer zentralen Forderung breiter sozialer Schichten sowohl in Europa als auch in Südamerika. Die Unterstützung der direkt betroffenen Gemeinschaften zeigt, dass die Mobilisierung der Bevölkerung in der Lage ist, Kursänderungen herbeizuführen und politische Agenden neu auszurichten. Dieser gesellschaftliche Druck ist mehr als nur ein Hindernis, er verdeutlicht vielmehr, dass es möglich ist, aus konkreten Forderungen Lösungen zu entwickeln, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen. Abstrakte und polarisierte Debatten über Integrationsmodelle – etwa über die Rolle Brasiliens und der Region in der Weltwirtschaft – lenken von den konkreten materiellen Bedingungen des Abkommens ab und erschweren die Entwicklung politisch tragfähiger und sozial gerechter Lösungen.


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Good COP, Bad COP

Die Faktenlage war noch nie so eindeutig: Die zivilisatorische Krise mit ihren Auswirkungen auf Klima und Natur zerstört die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten. Historisch und bis heute maßgeblich dafür verantwortlich sind die Industrien des Globalen Nordens mit ihrem immensen Verbrauch an Rohstoffen. Extraktiviert wird im Globalen Süden, wo die Ausbeutung der Natur einher geht mit der Zerstörung von Ökosystemen wie den tropischen Regenwäldern, die essenziell für das Gleichgewicht des Planeten sind, und Unternehmen erhebliche Menschenrechtsverletzungen begehen.

Die COP30 in Belém ist mit Erwartungen aufgeladen. Vielen gilt sie als letzte Chance, die globale Klimapolitik zu retten. Zwar ist die Erkenntnis gewachsen, dass eine Umsetzung der Pariser Klimaziele einer grundlegenden sozial-ökologischen Transformation bedarf. Klimagerechtigkeit müsste jedoch damit einhergehen, dass nach dem Verursacher*innenprinzip die Regierungen des Globalen Nordens einerseits in der Pflicht stehen, Unternehmen in Richtung einer drastischen Reduktion des Ressourcenverbrauchs zu regulieren und andererseits für die Folgen der globalen Umweltkrise einzustehen. Beispielweise durch Unterstützung für Anpassungsmaßnahmen der Länder im Globalen Süden. Denn diese haben am wenigsten zur Krise beigetragen, sind schon heute am stärksten davon betroffen. Doch nach wie vor sind die Verhandlungen bei den UN-Klimakonferenzen von Konflikten zwischen verschieden positionierten Regierungen geprägt. Bei der bloßen Anerkennung des Problems, sowie bei Interessenskonflikten zwischen Ländern des Globalen Nordens und Südens: Viele der letzteren erachten die Finanzierungsziele und -zusagen in Anbetracht der historischen Verantwortung der imperialen Industrienationen als viel zu niedrig.

Doch die Kritik der Basisbewegungen, die sich zur COP30 wieder auf den Straßen versammeln, geht deutlich weiter. Seit Jahren problematisieren Aktivist*innen, dass Klimakonferenzen nicht über die Verabschiedung von Scheinlösungen hinauskommen, die die zugrundeliegenden Systemfehler des kapitalistischen, extraktivistischen Wirtschaftsmodells nicht angreifen. Ein exemplarisches Thema ist der internationale Emissionshandel, der es Verursacher*innen von CO2-Emissionen ermöglicht, diese durch den Kauf von CO2-Reduktionen bspw. durch Wiederaufforstung an einem anderen Ort zu kompensieren statt sie zu reduzieren. Gemeinden, die im Umsetzungsgebiet solcher Projekte in Amazonien leben, wehren sich gegen diese „Kompensation“. Denn damit gehen oft Landnahmen und Entrechtung einher – zusätzlich zu den vielfältigen Bedrohungen wie der fortschreitenden Zerstörung ihrer Territorien durch illegalen Goldbergbau oder den Bau von Staudämmen.

Für die brasilianische Regierung unter Präsident Lula ist die COP30 eine Gelegenheit, sich als Klimavorreiterin und Verteidigerin Amazoniens international zu profilieren. Die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder vor der Mündung des Amazonas und der ungebrochene Einfluss der extraktiven Industrien und des mächtigen Agrobusiness in Brasilien sprechen eine andere Sprache. Ob der formulierte Anspruch einer „inklusiven COP“ eingelöst wird, die die Belange der Amazonasregion und ihrer Bevölkerungen ins Zentrum stellt, bleibt fraglich. In Kontrast und Widerstand zur Agenda der verhandelnden Staaten formulieren zivilgesellschaftliche Organisationen, Indigene und soziale Bewegungen ihre eigenen Forderungen an einen sozial-ökologisch gerechten Wandel, der Mensch und Natur gegenüber Kapitalinteressen priorisiert – und schaffen eigene Partizipationsräume, wie die Cúpula dos Povos („Gipfel der Völker“). Die dort diskutierten Alternativen zeigen, dass es auch anders geht und geben Hoffnung, dass die „letzte Ausfahrt Belém“ nicht in einer Sackgasse endet. Sie stellen klar, dass der erste Schritt aus der zivilisatorischen Krise sein muss, grundlegende Veränderungen des Systems nicht weiter von Unternehmensinteressen und den für sie einstehenden Regierungen blockieren zu lassen.


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Brasiliens Führungsanspruch

Zur COP30 Viele Menschen, auch aus dem Amazonasgebiet, wehren sich gegen die exklusive Klimakonferenz (Foto: Neil Palmer/CIAT (CC BY-NC-ND 2.0))

In den ersten beiden Regierungsjahren Lulas hat Brasilien sichtbare Fortschritte vorzuweisen: Die Abholzung im Amazonasgebiet ging 2023 deutlich zurück, internationale Finanzierungen wie der von Norwegen und Deutschland gespeiste Amazonien-Fonds wurden reaktiviert, auch die USA leisteten wieder Beiträge. Umweltministerin Marina Silva wirbt für eine internationale Roadmap zur geplanten und gerechten Abkehr von fossilen Energien.
Gleichzeitig aber sendet die Regierung widersprüchliche Signale. Das staatlich dominierte Ölunternehmen Petrobras drängt auf die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder vor der Mündung des Amazonas („Equatorial Margin“). Die Umweltbehörde IBAMA hatte 2023 eine erste Lizenz abgelehnt, die Debatte ist jedoch nicht beendet. Im Parlament versucht die mächtige Agrarfraktion zudem, Umweltgenehmigungen zu lockern. Lula hat einzelne Gesetzesänderungen per Veto gestoppt, die Auseinandersetzung bleibt aber offen.


Dieser Spagat zwischen dem Anspruch, Klimavorreiter zu sein, und der fortgesetzten Abhängigkeit von fossilen Exporten ist der zentrale Glaubwürdigkeitstest für Brasilien in Belém. Hinzu kommt, dass der Anspruch einer „inklusiven COP“ sich an den Partizipationsräumen der Zivilgesellschaft, der Indigenen und der sozialen Bewegungen messen lassen muss und nicht zuletzt an der Ermöglichung der repräsentativen Teilnahme auch kleinerer Länder des Südens.

USA auf Klimarückzug

Für die internationalen Verhandlungen kommt erschwerend hinzu, dass die Vereinigten Staaten 2025 erneut den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen eingeleitet haben. Parallel dazu arbeitet die US-Regierung daran, zentrale klimapolitische Grundpfeiler zurückzunehmen: Die Entscheidung „Endangerment Finding“ der Umweltbehörde EPA, die Treibhausgase als Gefahr für die öffentliche Gesundheit einstuft, soll gekippt werden. Geplante CO23-Standards für Fahrzeuge werden ausgesetzt, Programme wie „Solar for All“ (7 Mrd. US-Dollar) gestrichen. Auf Regierungswebseiten verschwinden wissenschaftliche Klimainformationen oder werden abgeschwächt.
Die Folgen für die COP30 sind gravierend: Ohne die USA als konstruktiven Akteur sinkt der Druck auf andere große Emittenten, die Zusagen zur Emissionsminderung zu verschärfen. Auch die ohnehin umstrittene Klimafinanzierung für ärmere Staaten könnte weiter ins Stocken geraten. Das verschiebt die diplomatische Verantwortung stärker auf die EU, auf Schwellenländerkoalitionen und auf das Gastgeberland Brasilien.

Rechte Klimaskepsis als transnationales Phänomen

Erschwerend wirkt die ideologische Allianz rechter und rechtsextremer Kräfte in Nord- und Südamerika, die Klimawissenschaft in Zweifel ziehen oder die Dringlichkeit politischer Maßnahmen bestreiten. In Brasilien hat der Bolsonarismus über Jahre ein Narrativ etabliert, das Klimaschutz als Bedrohung für die nationale Souveränität darstellt. Auch in Argentinien vertritt Präsident Javier Milei ähnliche Positionen. Und in den USA bilden solche Sichtweisen das ideologische Fundament für regulatorische Rückschritte.
Diese Strömungen beeinflussen nicht nur den politischen Diskurs, sondern auch die Verhandlungsspielräume auf multilateraler Ebene, etwa wenn einzelne Länder Koalitionen gegen ehrgeizige Klimaziele bilden.

Chancen und Risiken für Brasilien

Trotz dieser widrigen Umstände hat Brasilien die Möglichkeit, in Belém eigene Akzente zu setzen: Die Glaubwürdigkeit im Amazonas-Schutz zu sichern, etwa durch konsequente Feuerprävention und Stärkung Indigener Schutzgebiete; klare Leitplanken für fossile Projekte zu formulieren, um zu zeigen, dass Öl- und Gasinteressen nicht Vorrang vor Klimazielen haben; Koalitionen jenseits der USA zu stärken, etwa durch Zusammenarbeit mit der EU, mit Amazonasanrainerstaaten und mit afrikanischen Partnerländern, um ein gemeinsames „Just Transition“-Narrativ zu entwickeln und Finanzierungsinitiativen auszubauen, etwa durch Aufstockung des Amazonien-Fonds und die Schaffung neuer Instrumente und Finanzierungsquellen für Waldschutz.


Die COP30 wird zu einer Bewährungsprobe für Brasiliens Anspruch, globaler Taktgeber beim Klimaschutz zu sein. Die innenpolitischen Widersprüche, die Abwesenheit konstruktiver US-Beteiligung und der Gegenwind von Klimaleugnern setzen enge Grenzen. Umso mehr wird es darauf ankommen, dass Brasilien seine Gastgeberrolle nutzt, um eine glaubwürdige, ambitionierte Agenda voranzutreiben – und dabei zeigt, dass Klimaschutz und eine gerechte Entwicklung im Globalen Süden kein Widerspruch sein müssen.


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Eine COP und viele Perspektiven

Entwaldung in Brasilien Brasiliens Glaubwürdigkeit beweist sich daurch, Abholzung zu reduzieren (Foto: Bruno Kelly/Amazonia Real (CC BY-NC-SA 2.0))

Als Luiz Inácio Lula da Silva 2022 die Präsidentschaftswahl gewann, kehrte Brasilien nach den Bolsonaro-Jahren wieder auf die Bühne der internationalen Politik zurück – und die Ausrichtung der COP30 war und ist dabei ein zentrales Instrument. Lula und die brasilianische Regierung wollten ihrem Bekenntnis zum Multilateralismus (Internationale Zusammenarbeit zwischen mehreren Staaten, Anm. d. Red.) ein global sichtbares Zeichen geben. Aber es ging auch darum, Brasiliens negatives Image zu revidieren: Immer wieder sorgte der brennende Amazonaswald für dramatische Bilder und Schlagzeilen. Und für Brasilien und Amazonien ist der Bezug zur Klimapolitik fundamental: Nach wie vor ist Entwaldung der wichtigste Faktor der CO2-Emissionen des Landes. Brasilianische Klimapolitik kann ohne die Reduzierung von Entwaldung kein Erfolg sein.


Die öffentlichen Äußerungen Lulas zeigen, dass zumindest für ihn Amazonien als Ort der COP den entscheidenden Unterschied macht. Er will damit auch der für viele Brasilianer*innen irritierenden Fixierung der internationalen Öffentlichkeit auf den Wald entgegentreten: „Es ist eine Sache, über Amazonien in Ägypten zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Berlin zu diskutieren; es ist eine andere Sache, über Amazonien in Paris zu diskutieren. Das ist jetzt anders. Jetzt werden wir über die Bedeutung des Amazonas innerhalb Amazoniens diskutieren. Wir werden über die Indigene Frage diskutieren, über die Indigene Bevölkerung. Wenn wir über Umweltfragen sprechen, müssen wir auch über die Menschen sprechen, die in diesen Regionen leben und ein Leben in Würde führen sollen. Denn wenn wir über Naturschutz sprechen, müssen wir auch die 50 Millionen Menschen schützen, die im Amazonas­gebiet Südamerikas leben. All das müssen wir schützen, denn nur so können wir die Umwelt schützen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Schutz der Umwelt damit beginnt, dass wir uns um die armen Menschen kümmern, die in diesen Regionen leben.“ Belém soll also ein Ort sein, der Umwelt- und Klimapolitik mit dem Kampf gegen Armut verbindet – und dabei auch die vorbildliche Bilanz der Regierung zeigt. Und tatsächlich hat die Regierung Lula nach fast drei Jahren Amtszeit einiges vorzuweisen: die Entwaldung im Amazonasgebiet ist deutlich zurückgegangen, ebenso wie extreme Armut und Mangelernährung. Die Einrichtung eines Ministeriums für Indigene Fragen und die Ernennung der Indigenen Aktivistin Sonia Guajajara zur Ministerin hat einen klaren Schwenk in der Politik für die Indigenen Völker signalisiert. Aber bald tauchten auch Probleme auf, die dem Image der Regierung Schaden zufügen können.

Nicht alles läuft gut

Bald beherrschten negative Schlagzeilen die internationale Presse und säten Zweifel, ob Belém tatsächlich ein geeigneter Austragungsort sei. Die Kritik an der prekären Infrastruktur in Belém (Straßen voller Löcher, offene Abwasserkanäle, Abfall auf den Straßen…) ließ sich noch relativ leicht als Arroganz westlicher Länder abwehren oder sogar als positives Merkmal umdeuten: willkommen in der realen Welt des Globalen Südens. Aber eine COP ist keine soziale Erkundung, sondern eine komplexe Konferenz, an der fast alle Staaten der Welt teilnehmen. Die Delegationen waren bald mit fehlenden Hotelbetten und horrenden Preisen konfrontiert. Die Krise der Unterkünfte dominierte daher bald nicht nur die Berichterstattung über die COP, sondern führte auch zu einem Aufschrei auf der Vorbereitungskonferenz in Bonn im Juni dieses Jahres. Und es waren nicht primär die Staaten des Globalen Nordens, sondern Länder aus Afrika oder Inselstaaten des Pazifiks, die erklärten, dass die exorbitanten Preise ihre Teilnahme unmöglich zu machen drohten und sogar eine Verlegung der COP ins Spiel brachten. Die wird es nun nicht mehr geben, aber auch bis Mitte Oktober war die Frage der Unterbringung trotz aller Beschwichtigungsversuche der brasilianischen Regierung und der Anmietung von Kreuzfahrt­chiffen nicht wirklich gelöst. Die Kritik gerade der ärmeren Staaten droht zu einem erheblichen Imageschaden für die brasilianische Regierung zu werden.

Bald kamen aber auch Zweifel an der Idee einer Wald- und Amazonien-COP auf. Wie steht es denn eigentlich um die Verhandlungsagenda? Da steht die Reduzierung von Entwaldung nicht auf der Tagesordnung. Wenn die COP nicht zu einem symbolischen Spektakel verkommen soll, dann darf sie die zentrale Frage der globalen Klimapolitik nicht ignorieren: das unvermeidliche Ende des fossilen Zeitalters. Diese Debatte kommt der brasilianischen Regierung höchst ungelegen. Denn im vergangenen Jahr wurde Erdöl zum wichtigsten Exportprodukt Brasiliens. Und ausgerechnet im Bereich der Amazonasmündung sollen neue Ölfelder erschlossen werden. Treiberin ist die halbstaatliche Ölgesellschaft Petrobras, deren Präsiden­tin sich als brasilianische „Drill, baby, Drill“-Verkünderin profilierte. Präsident Lula unterstützte dies ausdrücklich und kritisierte die brasilianische Umweltbehörde für ihre zögerliche Bewilligung der erforderlichen Genehmigungen.

Aber damit nicht genug: Ein Gesetz, das die Regulierungen für Umweltgenehmigungen in Brasilien dramatisch aufweicht, ist vom Parlament mit großer Mehrheit verabschiedet worden. Die brasilianische Umweltministerin Marina Silva hat das Gesetz als den „Sargnagel für Umweltlizensierung“ bezeichnet, die Nichtregierungsorganisation Observatório do Clima („Klimabeobach­tungsstelle“) erachtet den Entwurf als den „entscheidensten Rückschritt in der brasilianischen Umweltpolitik in den letzten Jahrzehnten“. Aber anders als bei der Frage der Erdölförderung, handelt es sich hier um eine Politik gegen die Regierung. Die Lula-Regierung verfügt über keine stabile Mehrheit im Parlament und in Brasilien hat der Wahlkampf begonnen. In der nationalen politischen Agenda spielt die COP kaum eine Rolle. Es geht um den Gerichtsprozess gegen Bolsonaro und eine Amnestie für die Straftaten im Kontext der Parlamentsstürmung am 8. Januar 2023. Kurzfristig zumindest profitiert Lula in den Umfragen von den Sanktionen der US-Regierung. Er kann sich nun als Vorkämpfer der nationalen Souveränität Brasiliens profilieren. Die Agenda der COP tritt dabei in den Hintergrund.

Im Oktober 2026 wird in Brasilien gewählt, der Wahlkampf hat mit aller Heftigkeit bereits begonnen und damit verringert sich die Macht der Regierung und ihre Fähigkeit, im Kongress Kompromisse zu verhandeln. In verschiedenen Fragen hat die Regierung in den letzten Wochen Abstimmungen klar verloren. Von dem mehrheitlich als rechts zu verortenden Kongress ist keine Rücksicht auf die COP30 oder auf Klimapolitik zu erwarten – im Gegenteil. Dies ist auch ein Vorgeschmack davon, was droht, wenn die rechte bis rechtsradikale Opposition die nächsten Präsidentschaftswahlen im Oktober 2026 gewinnen sollte. Und eines ist jetzt schon klar: Diese politische Lage wird die Umwelt- und Klimapolitik in Brasilien stärker beeinflussen als die COP30. Für das internationale Ansehen von Präsident Lula ist die COP wichtig – für den Ausgang der Wahl eher nicht.

Verhandlungsprozess ohne Agenda?

Während die internationale Presse breit über die Krise der Unterkünfte oder auch über einige problematische Baumaßnahmen der COP berichtet, bleibt der eigentliche Verhandlungsprozess im Hintergrund. Das liegt nicht nur daran, dass dies zu einer Frage von Spezialist*innen geworden ist, sondern hängt auch damit zusammen, dass keine wichtigen Entscheidungen zu fällen sind.
Die renommierte brasilianische Umweltjounalistin Daniela Chiaretti diagnostiziert, die Agenda der COP30 sei „wenig sexy“; es fehle das große Thema. Hinzu kommt eine gewisse Ermüdung im Konferenzmarathon. Die COP von Baku sollte eine COP der Finanzierung sein, nur erzeugt der Beschluss von Baku großen Frust im Globalen Süden.


Die brasilianische Präsidentschaft will auf keinen Fall das Ergebnis von Baku wieder zur Debatte stellen, sondern soll einen Fahrplan vorlegen, wie die als zu unzureichend beklagte Summe von 300 Milliarden US-Dollar überhaupt bis 2035 aufgebracht werden sollen. Angesichts anderer Prioritäten (Rüstung!) und einer kriselnden Wirtschaft in Europa ist hier der Frust vorprogrammiert.
Aber Paris hat auch den Schwerpunkt der globalen Klimapolitik verändert: Sie basiert nun nicht auf den globalen Vereinbarungen, sondern auf den nationalen Klimazielen, den NDCs, die von den Ländern selbst festgelegt werden und nicht Teil der Verhandlungen sind. Die brasilianische Präsidentschaft hat nun die COP30 zu einer Konferenz der „Implementierung und der Aktion“ erklärt. Aber ob das gelingt, muss abgewartet werden.


Wahrscheinlich ist, dass Vorschläge, die gar nicht zur Klimakonvention gehören, der eigentlichen COP-Agenda die Show stehlen werden. Das ist insbesondere der Vorschlag für einen neuen globalen Waldfonds, den TFFF. Und auch der Gouverneur des Bundesstaates Pará, Helder Barbalho, wird die COP nutzen, um seinen Bemühungen, den CO2-Markt für waldbasierte Kredite zu beleben, Aufmerksamkeit und Unterstützung zu verschaffen. Das Thema ist auch in Brasilien hoch umstritten und wird einer der Schwerpunkte der Proteste bei der COP sein.


Aber eines steht fest: Die COP30 mobilisiert die Zivilgesellschaft insbesondere in Brasilien und Lateinamerika. Brasilien ist ein demokratisches Land und nach den COPs der Diktaturen, wird es endlich wieder Demonstrationen, Proteste, Debatten und ein Parallelforum (Cúpula dos Povos) geben. Die COP in Belém ist auch eine Chance, den Akteur*innen Sichtbarkeit zu geben, die im offiziellen Prozess marginalisiert sind. Und daher ist der Ort der COP30 tatsächlich wichtig: Für Bruna Balbi von der Menschenrechtsorganisation Terra de Direitos („Land der Rechte“) ist die Kritik an Belém auch Ausdruck eines Vorurteils „gegen Amazonien als legitimer Ort der politischen Organisation“. Dies zeigt, dass die Zentren der Macht von der Autonomie Amazoniens beunruhigt sind. „Die Frage ist nicht nur, wo das Event stattfindet, sondern wer das Recht hat, zu sprechen, zu entscheiden und zu existieren.“ Viel Kritik wird auch als eine Arroganz des Zentrums gegenüber einer marginalisierten Region, die ihre Rebellion zeigen will, wahrgenommen.


Belém wird ein Ort dieses Disputes sein. Dazu mobilisieren die sozialen Bewegungen Brasiliens. Es gibt keine Kampagne gegen die Austragung der COP in Belém, bei aller Kritik an einzelnen Baumaßnahmen. Die Perspektive der COP30 als Ort demokratischer Debatten, massiver Proteste, von Kämpfen um Sichtbarkeit und Anerkennung, aber auch der Lebenszeichen des arg gebeutelten Multilateralismus, sollte wohlfeile Kritik an Hotelpreisen in Grenzen halten und etwas Hoffnung zulassen.


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Klimagerechtigkeit in der Sackgasse

“Artikel 6 korrigieren” Die Diskussion zur Regulierung des Artikel 6 geht in Belém weiter (Foto: Klima-Bündnis))

Der CO2-Handel gilt vielen als ein vielversprechender Ansatz, um die Klimaziele zu erreichen. Die schon 1997 im Kyoto-Protokoll aufgenommenen marktbasierten Instrumente werden auch auf der nächsten Klimakonferenz (COP30) in Brasilien ein wichtiges Thema sein.
Die Hoffnung dahinter: Ein immer höherer CO2-Preis wird Investitionen in den Klimaschutz wirtschaftlich attraktiv machen. Er soll den Staaten, neben den CO2- Reduktionsmaßnahmen im eigenen Land, zusätzliche Instrumente bieten, um ihre Reduktionsverpflichtungen zu erfüllen.
Neben dem Emissionshandel zwischen Industrie­­­­­ländern wurden im Kyoto Protokoll deshalb zwei wichtige projektbezogene Instrumente ins Leben gerufen: die Joint Implementation („gemeinsame Umsetzung“) und der Clean Development Mechanism („Mechanismus zur umweltgerechten Entwicklung“). Diese flexiblen Marktmechanismen werden von den Vereinten Nationen und den jeweiligen Nationalregierungen überwacht und politisch begleitet. Darüber hinaus wurde im Kyoto-Protokoll angeregt, dass jede*r sich über freiwillige Kompensationsmaßnahmen an den Reduktionsanstrengungen beteiligen kann.


Zehn Jahre später, auf der Klimakonferenz in Bali 2007, wurde diese Marktlogik auch auf den Bereich der Wälder mit dem REDD+-Mechanismus (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation; Emissionsreduktionen aus Waldzerstörung und Degradierung) übertragen.
Kompensationsinstrumente bergen die Gefahr, den Blick von der dringend notwendigen Abkehr von den fossilen Ressourcen abzulenken. Besonders problematisch sind Kompensationen mit Waldflächen, da Wälder keine verlässlichen, dauerhaften CO2-Speicher sind – und sie außerdem Lebensräume für Menschen sowie vielfältige Ökosysteme darstellen. Als ökologisches System speichern Wälder zwar Kohlenstoff, geben diesen jedoch durch natürliche Prozesse, wie das Absterben der Bäume, auch wieder frei. Ein zentrales Kriterium für die institutionelle Anerkennung von Reduktionsmaßnahmen ist jedoch die Bestätigung, dass die jeweilige Reduktion dauerhaft erfolgt (die sog. Permanenz). Ein Wald kann diese Dauerhaftigkeit jedoch niemals garantieren.

Handel mit dem Wald

Abgesehen davon, dass Wälder der dauerhaften CO2-Senkung nicht dienen können, wird ihre Einbindung in das Kompensationsgeschäft für die dort lebenden Menschen zur Bedrohung. Viele Indigene Völker in Amazonien machen die Erfahrung, dass der REDD+-Mechanismus eine zusätzliche Gefährdung ihrer Lebensweise und ihrer Territorien wird. Teil der Problematik ist es, dass der akute Bedarf an Finanzmitteln zum Schutz ihrer Gebiete dazu führt, dass die im Zusammenhang mit REDD+-Projekten von Unternehmen und internationalen NGOs versprochenen Gelder zunächst attraktiv für Indigene Gemeinden scheinen. Die Ergebnisse beziehen ihre Interessen jedoch selten wirklich mit ein. „Am Anfang gab es viele Hoffnungen, dass REDD den Indigenen Völkern auch einen ökonomischen Vorteil bringen würde. Diese Hoffnung wurde von vielen Beratern, die uns über REDD informierten, geschürt. Je weiter die Diskussion voranschritt, desto mehr wuchsen die Bedenken hinsichtlich des Instrumentes“, berichtet die Indigene Vertreterin der Asháninka in Peru Teresita Antazú. Sie erläutert weiter, dass zu Beginn in den Gemeinden vor allem die Vorteile von REDD+ hervorgehoben wurden und die Probleme kaum thematisiert wurden. Einige Asháninka begannen, Teile ihres Territoriums für REDD+-Projekte auszuweisen. Als sie nach und nach erfuhren, dass sie in diesen Gebieten nicht mehr ihren traditionellen Aktivitäten wie Jagen, Fischen und Feldbau nachgehen könnten, sanken sowohl die Zustimmung als auch ihr Interesse an REDD+, so Antazú: „Wenn wir nichts mehr anpflanzen können und als Ausgleich nur Almosen erhalten, dann wollen wir nicht dabei sein.“


Seit 2007 sind viele Millionen Euro in die Entwicklung von REDD+-Strukturen geflossen. Deutschland ist einer der wichtigen Geldgeber. Keine dieser Strukturen erweist sich als wirksames Mittel, um mit den horrenden Gewinnmargen mitzuhalten, die die parallele Zerstörung der Wälder einbringt. Und diese nimmt in ihrer Geschwindigkeit immer weiter zu.

Funktionierende jahrtausendalte Strukturen fördern

Statt weiterhin Steuergelder in den Aufbau von wirkungslosen Strukturen und Instrumenten einzusetzen, sollten diejenigen gestärkt werden, die seit Jahrtausenden mit statt gegen die Natur wirtschaften. So könnten beispielsweise Indigene Völker, die Millionen von Hektar Regenwald in Amazonien durch ihre Lebensweise zu bewahren versuchen, für ihre Anstrengungen gefördert und entlohnt werden. Alle Menschen profitieren von den unverzichtbaren ökologischen Leistungen wie Kohlenstoffspeicherung, Erhalt der Biodiversität und die Aufrechterhaltung von Wasserkreisläufen des Amazonas. Selbst die exportorientierte Landwirtschaft in Lateinamerika ist von diesen Wasserkreisläufen abhängig. Der Dachverband der Indigenen Organisationen des Amazonasbeckens (Coordinadora de las Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica, COICA) verfolgt gemeinsam mit RIA – REDD Indígena Amazónico genau diese Argumentationsweise und stellte schon 2011 ihren Ansatz als Alternative zum REDD+ Ansatz der Weltgemeinschaft vor.

Das Konzept des Indigenen REDD verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz als die derzeitigen Kompensationsprojekte: Es zielt darauf ab, die rechtliche Anerkennung Indigener Territorien zu sichern und ihre Bewohner*innen im Schutz ihrer Wälder zu stärken. Ein zentrales Element ist ein von Indigenen selbst entwickeltes und durchgeführtes Mess-, Berichts- und Prüfungswesen, mit dem sie die klimatischen Veränderungen und die Nutzung ihrer Gebiete eigenständig überwachen. Damit bleibt die Kontrolle über ihre Territorien in ihren Händen. Im großen Unterschied zu den offiziellen REDD+-Projekten geht es hierbei nicht um die Schaffung handelbarer Zertifikate, sondern um die Stärkung von Rechten und Selbstbestimmung.
Das Indigene REDD gilt als sozialverträgliche Alternative zu den marktgestützten Mechanismen und als wirksamer Beitrag zum Klimaschutz, der auf einer nachhaltigen Bewirtschaftung Indigener Territorien im Amazonasbecken basiert und gleichzeitig die Rechte der Völker und ihre Selbstbestimmung stärkt.

Klimagutschriften sind Schlupflöcher für Industriestaaten

Vor dem 30. Klimagipfel im Amazonasgebiet steht der Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens im Fokus. Eine neue Version der früheren flexiblen Instrumente regelt darin die Zusammenarbeit von Staaten zur Erreichung ihrer Klimaschutzverpflichtungen. Damit wird es Staaten ermöglicht, ihre nationalen Klimaziele auch durch die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen im globalen Süden zu erreichen. Grundsätze zur Regulierung des Artikel 6 wurden auf der COP 29 in Baku auf den Weg gebracht, aber das Ringen um Details und die politische Debatte geht auch in Belém weiter.


Wegen bisheriger Erfahrungen besteht die Befürchtung, dass auch hier große Schlupflöcher entstehen. Selbst die EU hat in ihrem Klimaziel für 2040 die Anrechnung von Klimagutschriften vorgesehen. Dabei wäre genau jetzt ein sozialverträgliches Instrument wie das Indigene REDD dringend notwendig.
Die Konferenz in Belém wird daher auch zur Bewährungsprobe: Geht es um echten, ambitionierten Klimaschutz – oder darum, dass Industrieländer durch immer größere Schlupflöcher von Kompensationsmechanismen wie REDD+ ihre Verantwortung auf diejenigen abwälzen, die am wenigsten zu dieser Krise beigetragen haben.


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Milliardenfonds zum Schutz tropischer Wälder

Illegale Entwaldung Im Indigenen Gebiet Tenharim do Igarapé Preto registriert Ibama Zerstörung (Foto: Ibama (CC BY-SA 2.0))

TFFF heißt das neue Kürzel (im NGO-Sprech „T-Triple-F“). Es steht für „Tropical Forest Forever Facility“. Im Kern sollen teilnehmende Staaten mit Tropenwaldbestand (TFC) von einem Fonds (der „Fazilität“) jährlich Geld dafür bekommen, dass sie ihre Wälder weitgehend erhalten. Wird dennoch abgeholzt, sinken die Zuwendungen empfindlich. Unter dem Strich sollen so drei Mal mehr nicht rückzahlbare Finanzmittel für den Waldschutz bereitstehen als bislang.
Umstritten: Der Auszahlungsfonds finanziert sich aus Finanzerträgen am Kapitalmarkt. Um diese zu erwirtschaften, sollen finanzstarke Länder oder Privatpersonen zunächst einen Kapitalgrundstock einbringen; angestrebt sind 25 Milliarden US-Dollar zu keinen oder wenig Zinsen. Mit diesem „Sponsorenkapital“ genannten Grundstock will TFFF Anleihen auf den internationalen Kapitalmärkten ausgeben, und zwar in vierfacher Höhe. Auf diese Weise möchte TFFF insgesamt bis zu 125 Milliarden USD mobilisieren.

Dieses eingesammelte schuldbasierte Vermögen bildet den „Tropenwald-Investitionsfonds“ (TFIF). Dieser investiert wiederum in ein Portfolio festverzinslicher Wertpapiere und soll damit Gewinne in einer Höhe erwirtschaften, die über den Zinslasten des TFIF liegen. Die Nettoerträge schließlich füllen den Topf für die Auszahlungen an die Tropenwaldländer, so die Idee. Nach einer Rechnung auf Basis jüngerer Marktdaten im letzten (dritten) TFFF-Konzeptentwurf vom August dieses Jahres wären 3,4 Milliarden USD Nettoertrag zu erzielen. Die Summe würde Zahlungen von vier USD je Hektar Waldbestand ermöglichen. Bringt der TFIF weniger Ertrag, sinkt auch der Erlösanteil je Hektar.
Ein starker Hebel könnte der Sanktionsmechanismus sein: Entspricht der Waldverlust eines Landes innerhalb der letzten drei Jahre einer durchschnittlichen Rate von 0,3 Prozent pro Jahr oder weniger, so verliert es für jeden Hektar Bewaldungsrückgang 100 Anteile an den Erlösen. Dieser Abschlag wirkt bei vier USD je Hektar Erlösanteil wie eine Entwaldungsstrafe von 400 USD pro Hektar vernichtetem Tropenwald. Bei einer Entwaldungsrate zwischen 0,3 und 0,5 Prozent verdoppelt sich diese Strafe anteilig auf 800 USD je Hektar. Eine Entwaldungsrate über 0,5 Prozent führt zum Ausschluss vom Mechanismus. Vergleichbare Regeln gibt es für degradierte Wälder.

Verfügt also ein teilnehmendes Land beispielsweise über 200 Millionen Hektar tropischen Regenwald, den es im Schnitt der letzten drei Jahre erfolgreich geschützt hat, könnte es mit jährlich 800 Millionen USD Zuwendungen rechnen. Hat es in diesem Zeitraum jedoch eine jährliche Entwaldung von 0,4 Prozent zu verantworten, so würden nach dem Schema nur halb so viele Mittel an den Staat fließen.
Wie definiert TFFF eigentlich Wald? Laut dem Entwurf besteht er aus Bäumen mit einer Höhe von mehr als 5 Metern, die Baumkronen haben, welche mindesten 20 bis 30 Prozent der Landoberfläche abdecken („Kronendachbedeckung“). Flächen mit Baummonokulturen oder unter Aufforstung in Gebieten, in denen historisch kein Wald stand, sollen für Zahlungen nicht berücksichtigt werden. Der Zustand der Wälder wird nach dem Konzept satellitengestützt überwacht.

Verlagerung der Abholzung ließe sich vermeiden


Mit diesem Masterplan, der von Vertreter*innen der brasilianischen Regierung, der Weltbank, Lion’s Head Global Partners und anderen erarbeitet wurde, unterscheidet sich TFFF von den meisten Vorgänger-Mechanismen, wie etwa REDD+: Die Finanzmittel werden nicht projektbezogen eingesetzt, sondern ex post erfolgsorientiert auf den Waldbestand des gesamten Landes bezogen genutzt. Die Zahlungen fließen folglich auch nicht direkt zur Durchführung spezieller Waldschutzvorhaben bzw. in deren Refinanzierung. Sie gehen vielmehr an den teilnehmenden Staat. Dieser kann dann weitgehend frei entscheiden, wofür er sie einsetzt – und damit auch, welche Instrumente er im Waldschutz nutzt. Das wirft allerdings die Frage auf, inwieweit die jeweilige Regierung das Interesse des Staates an (mit dem Waldschutz verbundenen) längerfristigen Einnahmen höher gewichten wird als Deals mit finanzstarken und oft wahlkampfrelevanten Unterstützer*innen aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen. So etwa aus dem Agrobusiness oder von Öl- und Rohstoff-Konzernen.


Im Übrigen bewirken die angepeilten Strafabschläge von 400 bzw. 800 USD je Hektar vernichteten Waldes zunächst nichts gegenüber verantwortlichen (potenziellen) Waldzerstörern. Zwar verwies das erste TFFF-Konzept noch darauf, dass der geschätzte jährliche Nettogewinn eines Hektars Sojaplantage in Brasilien bei knapp 400 USD je Hektar liegt (womit die TFFF-Strafzahlungen höher wären). Doch die Strafabschläge würden solche „alternativen Nutzungen“ nicht unwirtschaftlich machen. Denn sie drohen eben nicht konkreten Eigentümern oder Nutzern besagter Flächen, sondern dem Staatshaushalt des Waldlandes. Unter TFFF, das REDD+ & Co. nicht ersetzen, sondern ergänzen soll, wäre also stets ein starkes Regierungshandeln gefragt, um solche Umwandlungen zu unterbinden.

Zuspruch mit Bedenken

Zahlreiche internationale Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßten in einer Briefing Note vom 5. Juni 2025 im Grundsatz das neue Konzept, kritisierten aber unter anderem den Schwellenwert von 20 Prozent Kronendachbedeckung als einheitlichen Standard für die Definition von Wald. Denn er erweitere zwar den Kreis der einbezogenen Staaten, könne jedoch – würde er auch in Regionen angewendet, in denen die Kronenbedeckung des Primärwaldes 80 Prozent überschreiten kann – zu erheblichem Waldverlust führen, bevor eine Zuwendungskürzung ausgelöst werde. Felix Finkbeiner von Plant for the Planet verweist jedoch einschränkend auf eine zusätzliche strafbewehrte Regelung zur Walddegradation. Allerdings sei sie bislang nur für Waldschäden durch Feuer gedacht. Zudem hänge ihre Wirkmacht von noch unklaren Umsetzungsregeln ab.

Darüber hinaus äußern die Organisationen Bedenken dagegen, dass der Auszahlungsfonds wie eine multilaterale Entwicklungsbank der Weltbank verwaltet werden soll. Dies hätte eine Dominanz der USA und Europas zur Folge.
Im Zuge von TFFF könnte der auf das Land bezogene Erfolgsansatz zumindest auf Staatenebene dem Problem entgegenwirken, dass Entwaldung bei manchen projektfinanzierten Waldschutzvorhaben nicht verhindert, sondern nur verlagert wird (leakage): Eigentümer oder Projektträger kassieren die Fördermittel, verschieben aber die Abholzung lediglich von geförderten Flächen auf nichtgeförderte. TFFF erzeugt auch keine Kohlenstoffgutschriften, wie sie die dritte Stufe von REDD+ konzipiert, wenn auch solche Carbon-Credits mit zahlreichen methodischen Problemen behaftet sind und deren Beitrag zum Klima- und Waldschutz mehr als zweifelhaft ist. Im sogenannten freiwilligen CO2-Markt, wo sie zum Einsatz kommen, werden sie zudem häufig mit Greenwashing von Unternehmen in Verbindung gebracht.
Nach dem TFFF-Entwurf werden die TFC (bis zu 74 Länder, die derzeit über eine Milliarde Hektar tropische und subtropische Feuchtwälder beherbergen) verpflichtet, mindestens 20 Prozent der Zahlungen an „lokale Gemeinschaften, Indigene Völker und Schutzgebietsverwalter“ weiterzuleiten. Ein Punkt, den Umwelt- und Entwicklungsorganisationen begrüßen.

Greenpeace plädiert überdies in einem Hintergrundbeitrag vom 16. Juni 2025 für einen besonderen Status für intakte Wälder und schützenswerte Waldökosysteme. So solle ein klarer Anreiz entstehen, „diese Wälder auch wirklich zu schützen und nicht nur Entwaldungsraten auf dem Papier zu reduzieren“. Zudem seien „umweltzerstörende Bereiche wie industrielle Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Biomasseproduktion“ von der Förderung auszuschließen.

Kritik an Kapitalmarktdeckung

Einer der größten Kritikpunkte am TFFF-Konzept ist derzeit dessen Kapitalmarkt-basierte Finanzierungsstrategie: Die oben genannten 125 Milliarden USD des Tropenwald-Investitionsfonds TFIF fließen in ein Investitionsportfolio am Kapitalmarkt. Anvisiert werden zwar vorrangig „klimabezogene und nachhaltige Anlagen“ in Ländern des Globalen Südens. Klassische Staats- und Unternehmensanleihen sind jedoch ebenfalls möglich. Investitionen, die auf einer (noch zu präzisierenden) Negativliste stehen, will der TFIF allerdings ausschließen. Auf ihr stehen bislang „Aktivitäten im Zusammenhang mit Kohle, Torf, Öl und Gas“.

Finanziert werden sollen die Investitionen durch Schulden. Genauer durch die „Emission liquider“, hoch bewerteter langfristiger Anleihen zum Kauf durch institutionelle und private Anleger (‚Marktinvestoren‘)“. Doch wer wäre im Falle des Falles wirklich Schuldner? „Wen werden Investoren verklagen, wenn sie ihre Zinsen und ihr Kapital nicht zurückbekommen, den TFFF oder die Empfängerländer?“ fragt entsprechend ein kritischer TFFF-Report der Global Forest Coalition (GFC). Schließlich dürfte es unsicher sein, ob das gigantische Investitionsportfolio tatsächlich die angepeilten Erträge von über acht Prozent einfahren wird (vor allem, wenn wirklich nachhaltige Investments getätigt werden), und gleichzeitig die Kreditzinsen auf erträglichem Niveau bleiben.

Die GFC kritisiert weiter, es könnten nicht nationale Regierungen für Hektar stehenden Waldes belohnt werden (wobei sie allerdings den TFFF-Strafmechanismus bei Waldverlust nur am Rande erwähnt), ohne von den Regierungen entschlossene Maßnahmen zu verlangen, „um die irrationale Ausbreitung von Monokulturplantagen (Soja, Ölpalmen, Zuckerrohr usw.) zu begrenzen und umzukehren“. Das gelte ebenso für „die nicht nachhaltige Viehzucht, den Bergbau, die Gewinnung fossiler Brennstoffe“. Vielmehr sei ein internationaler Rechtsrahmen erforderlich, der Unternehmen und Länder sanktioniert, die für Tropenwälder zerstörerische Produkte kaufen.
Das eine muss das andere vielleicht nicht ausschließen. Tatsächlich stellt sich neben all den aufgelisteten Kritikpunkten aber die grundsätzliche Frage, inwiefern es verantwortbar ist, eine zentrale Säule des globalen Waldschutzes von Finanzmarktgeschäften abhängig zu machen.


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Brasiliens fossiles Dilemma vor der COP30

Bald ein Meer aus Erdöl-Bohrinseln? Bilder aus dem Mündungsgebiet des Amazonas (Foto: Coordenação-Geral de Observação da Terra/INPE (CC BY-SA 2.0))

Ein neuer Ölfund vor der Küste Rio de Janeiros befeuert Brasiliens fossile Agenda – und verschärft die Spannungen im Vorfeld der COP30. Anfang August meldete das britische Unternehmen BP im Santos-Becken den größten Öl- und Gasfund der vergangenen 25 Jahre. Das „Bumerangue“-Feld liegt außerhalb der bekannten Pré-Sal-Zonen (Anm. d. Red.: “Zonen, in denen sich Öl- und Gasvorkommen unter einer dicken Salzschicht auf dem Meeresboden befinden”) und entfacht daher Spekulationen über bislang unerschlossene Reserven.

Der Fund erhöht zugleich das Interesse an der im Oktober anstehenden Auktion der nationalen Erdölagentur ANP, bei der 13 neue Pré-Sal-Blöcke im Santos- und Campos-Becken vergeben werden sollen. Damit setzt Brasilien wenige Monate vor dem Klimagipfel in Belém auf weitere Tiefseebohrungen – und verstärkt den offensichtlichen Widerspruch zwischen Klimaversprechen und fossiler Expansion. Bereits im Juni vergab die Regierung bei einer international scharf kritisierten Auktion 34 Öl- und Gaslizenzen, darunter mehrere im sensiblen Mündungsgebiet des Amazonas (Foz do Amazonas). Trotz massiver Proteste von Umweltorganisationen, Indigenen Vertreter*innen und selbst staatlichen Umweltbehörden sicherten sich internationale Konzerne wie Shell, ExxonMobil, Chevron und Petrogal (mittlerweile Teil des Konzerns Galp) Explorationsrechte in Gebieten, die von Expert*innen als ökologisch und sozial hochgradig verletzlich gelten. Besonders umstritten war die Vergabe des Blocks FZA-M-59, dessen Freigabe die Umweltbehörde IBAMA zuvor mit Verweis auf fehlende Studien, mangelnde Konsultation lokaler Gemeinschaften und erhebliche Risiken für das Ökosystem abgelehnt hatte. Präsident Lula da Silva setzte die Auktion dennoch per Notfallgenehmigung durch. Das von Umweltschützer*innen als „Weltuntergangsauktion“ bezeichnete Verfahren hat den klimapolitischen Richtungsstreit innerhalb der Regierung weiter verschärft. Die Regierung rechtfertigt die Ausweitung der Erdölförderung mit dem Argument, die Einnahmen für die Energiewende und eine sozial inklusive wirtschaftliche Entwicklung nutzen zu wollen. Tatsächlich sind die staatlichen Einnahmen eng mit dem Design der Vergabeverfahren verknüpft. Die Auktion im Juni fand im Rahmen des Verfahrens einer Oferta Permanente de Concessão statt. Hier trägt das Unternehmen das volle Explorationsrisiko, der Staat profitiert über Lizenzgebühren, Royalties und Steuern. Dieses Konzessionsmodell wurde für Gebiete außerhalb des Pré-Sal etabliert, um Investitionen in Regionen mit hohem Risiko, wie etwa an der Amazonas-Mündung, attraktiver zu machen.

Anders verhält es sich bei der für Oktober geplanten Auktion, die nach dem Produktionsbeteiligungsmodell (Partilha de Produção) durchgeführt wird. Hier ist der brasilianische Staat direkt an den Gewinnen beteiligt: Neben Royalties erhält er einen festen Anteil an der Produktion (sogenanntes profit oil), nachdem die Unternehmen ihre Kosten gedeckt haben. Die Einnahmen aus den Pré-Sal-Verträgen fließen zu einem erheblichen Teil in den 2010 geschaffenen Pré-Sal-Fonds, der laut Gesetz vor allem Bildung und Gesundheit finanzieren soll. Ein zentrales Instrument, um diese Narrative zu stützen, ist der Fundo Social do Pré-Sal, den Brasilien 2010 eingerichtet hat. Offiziell soll er als langfristiger Zukunftsfonds dienen und Mittel für Programme in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Wissenschaft, Kultur und Klimaschutz bereitstellen. Im Juli 2025 wurde sein Mandat erweitert: Nun können die Einnahmen auch für soziale Infrastruktur, Wasserversorgung, Ernährungssicherheit, die Rechte Indigener Völker sowie sozialen Wohnungsbau und Sozialprogramme genutzt werden. Konkrete Erfolge oder eine nachweisbare Wirkung auf Armutsbekämpfung und Entwicklung lassen sich bislang jedoch kaum belegen.

Einer Untersuchung des Instituto de Estudos Socioeconômicos (Inesc) zufolge nahm Brasilien 2024 zwar 108,2 Milliarden Reais aus der Erdölförderung ein, doch nur 0,16 Prozent dieser Summe floss in klima- oder sozialpolitisch relevante Projekte. Auch internationale Beobachter*innen zweifeln am Nutzen: „Öl hat einen wirtschaftlichen, aber keinen sozialen Einfluss“, kritisiert die Ökonomin Lia Hasenclever von der Candido Mendes University. Gemeinden ohne Öleinnahmen schnitten in Bildung und Gesundheit teils besser ab als jene mit, was für Kritiker*innen den Widerspruch zwischen fossilen Exporten und sozialpolitischen Versprechen verdeutlicht. Darüber hinaus zeigt sich, dass Brasilien mit seiner Erdölstrategie keineswegs alleinsteht. Auch andere BRICS-Staaten setzen weiterhin auf fossile Expansion: Russland und Iran forcieren ihre Produktion trotz Sanktionen, Indien importiert steigende Mengen, und China bleibt wichtigster Abnehmer brasilianischen Rohöls. Auf dem BRICS-Gipfel im Oktober 2024 verteidigten die Mitgliedsstaaten fossile Energieträger sogar ausdrücklich „unter dem Motto der Nachhaltigkeit“ und präsentierten sich als Vertreter einer gerechten Energiewende. Für Regierungen des Globalen Südens steht dahinter die Überzeugung, dass sie ihre Rohstoffvorkommen nutzen müssen, um Sozialpro­gramme, Infrastruktur und Armutsbekämpfung zu finanzieren – gerade, weil Industriestaaten im Globalen Norden ihre Öl- und Gasförderung ebenfalls weiter ausbauen. Kritiker*innen halten dagegen, dass damit zwar eine sozialpolitische Rhetorik bedient wird, die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Exporten jedoch bestehen bleibt – ein Widerspruch, der vor der COP30 in Belém besonders deutlich zutage tritt.


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„Priorität ist die Demarkierung der Indigenen Gebiete”

Alessandra Korap ist seit zehn jahren Aktivistin für Rechte Indigener Völker (Foto: João Paulo Guimarães)

Alessandra wurde in der Gemeinde Itaituba in der Region Médio Tapajós im Bundesstaat Pará geboren. Sie gehört zum Volk der Munduruku, das aus etwa 14.000 Menschen besteht, die in den Bundesstaaten Pará, Amazonas und Mato Grosso leben. Der Bundesstaat Pará sei ein Brennpunkt der Abholzung, sagt sie, „aufgrund von Farmen, Wasserkraftwerken und Bergbau. Es ist die Region mit der höchsten Abholzungsrate hier im Amazonasgebiet”.
Bis 2015 widmete Alessandra ihr Leben ihren Kinder, ihrem Mann und dem Haushalt. Sie hatte einen einfachen Alltag im Dorf nahe der Stadt Itaituba. Aber sie begann zu merken, dass sie ihre Fischerei- und Nahrungsbeschaffungsgebiete im Wald verlor – eine immer deutlicher werdende Verknappung der natürlichen Ressourcen, die das Leben in den Dörfern sicherten.

Sie machte sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, aber „verstand nichts“ von den Rechten der Indigenen. „[Früher] interessierte mich [der Kampf] nicht, weil ich mich um meine Kinder kümmern wollte. Aber mit dieser Invasion, dem immer stärkeren Wachstum der Stadt, interessierte ich mich viel mehr dafür, mich [dem Kampf] anzuschließen. Ich wollte wissen, was um uns herum vor sich ging.”
Auf der Suche nach Wissen und Gerechtigkeit begann Alessandra, an Kursen teilzunehmen und sich an Diskussionen mit den Schamanen und anderen Führer*innen (Kaziken) zu beteiligen. Am Anfang hatte sie viele Zweifel und Fragen. Als sie jedoch erkannte, dass die Rechte ihres Volkes in ihrem eigenen Gebiet verletzt wurden, entschied sie sich, sich aktiv am Kampf zu beteiligen. Als Frau war dies eine besondere Herausforderung, da das Volk der Munduruku patriarchalisch ist. Vor zehn Jahren hielt das Volk der Munduruku es nicht für so wichtig, dass Frauen ein Rederecht hatten – sie sollten zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern, nicht an Versammlungen teilnehmen. Aber Alessandra stellte diese Vorstellung in Frage: Sie wollte zeigen, dass Frauen sehr wohl an den Versammlungen in den Dörfern teilnehmen konnten – und mussten.

Sie begann, still zu den Versammlungen zu gehen, blieb „in der Ecke stehen und hörte nur zu”. Nach und nach fühlte sie sich wohler dabei, an den Diskussionen teilzunehmen. Und mehr noch: Sie gewann das Vertrauen anderer Anführer und wird heute auch zu Versammlungen anderer Völker eingeladen. „Heute wird mir großer Respekt entgegengebracht. Heute kommen [die Chefs] zu mir, sie wollen wissen, was los ist. Das bringt uns dazu, innerhalb des Territoriums als Kollektiv an unserer Stärkung zu arbeiten”, erzählt sie. Inzwischen nutzt sie ihre Stimme aktiv, um ihr Gebiet zu verteidigen: „Ich bin nicht groß, ich bin sehr klein. Aber wenn ich mich mit meiner Stimme, meiner Art zu sprechen, für etwas einsetze, entwickle ich eine große Kraft.“

Die Demarkierung Indigener Gebiete als Hauptthema

Als Alessandra begann, sich zu organisieren, hatte das Volk der Munduruku bereits Pläne, seine Gebiete zu kartografieren und ihre Anerkennung durch das Gesetz sicherzustellen. Da begann Alessandra zu verstehen, wie wichtig diese Gebiete nicht nur für das Volk, sondern auch für die Umwelt, die Tiere, die Flüsse und die Wälder sind. Sie begriff, dass es sich nicht nur um einen Kampf innerhalb ihres Volkes handelte. Es war ein weltweiter Kampf. „Der Kampf muss von uns allen geführt werden“, erklärt sie, „denn es gibt nur einen Planeten. Er ist der Ort, an dem wir atmen, an dem wir leben“. Und die einzige Möglichkeit, den Schutz dieser Gebiete zu gewährleisten, sei die Überwachung und Demarkierung der Gebiete.

Kurz gesagt, ist ein Indigenes Gebiet laut der Bundesverfassung von 1988 „ein abgegrenztes und geschütztes Gebiet für den dauerhaften Besitz und die ausschließliche Nutzung durch Indigene Völker”. Diese Gebiete sind „als Erbe der Union anerkannt und dienen der Erhaltung ihrer Kultur, Traditionen, natürlichen Ressourcen und Formen der sozialen Organisation“. Die Demarkierung dieser Gebiete ist ein 1996 gesetzlich geregeltes Verfassungsrecht, das die Grenzen eines traditionell von Indigenen Völkern bewohnten Gebiets festlegt und kennzeichnet. Mit der Demarkation soll „die Selbstbestimmung, Autonomie und der Schutz der Rechte der Indigenen Völker“ sowie ihre „aktive Beteiligung an der Verwaltung und Erhaltung dieser Gebiete“ gewährleistet werden, definiert die Nationale Stiftung für Indigene Völker (FUNAI).

Im September 2024 erzielte das Volk der Munduruku einen historischen Sieg mit der Demarkation des Indigenengebietes Sawré Muybu, das vom Justizministerium offiziell anerkannt wurde. Aber der Erfolg endet nicht mit der Demarkation. Das Gebiet muss von der FUNAI physisch demarkiert, dem Präsidenten der Republik zur Genehmigung per Dekret vorgelegt und schließlich im Grundbuchamt und im Sekretariat für Bundesvermögen registriert werden. „Denn für Nicht-Indigene muss man Papiere haben, um zu beweisen, dass es einem gehört. Wenn man keine Papiere hat, gehört es einem nicht”, sagt sie. Der Demarkationsprozess schreitet voran, allerdings noch sehr langsam. Deshalb argumentiert Alessandra, dass dies ein vorrangiges Thema auf der COP sein muss, da gerade die Indigenen Völker die wichtigsten Beschützerinnen des Amazonasgebiets und der natürlichen Ressourcen sind. Die Diskussionen auf der COP scheinen jedoch noch nicht ausreichend auf die Ureinwohnerinnen ausgerichtet zu sein und reproduzieren letztendlich oft Strategien des „grünen Kapitalismus“.

Die COP als kommerzielles Ereignis

Es wäre realitätsfern zu behaupten, dass die COP nutzlos sei oder keinen geopolitischen Wert habe. Andererseits wäre es zynisch zu sagen, dass die COP Lösungen präsentiert, die den Forderungen jener entsprechen, die tatsächlich unter der Klimakrise leiden. Denn in Lateinamerika, Afrika und Asien herrscht ein extraktivistischer Neokolonialismus, bei dem multinationale Unternehmen die Territorien, ihre natürlichen Ressourcen und vor allem ihre Bevölkerung ausbeuten, um Gewinne zu erzielen, die sich in den Händen einiger weniger konzentrieren. Und die COP führt Diskussionen, die sich hauptsächlich auf den Globalen Norden konzentrieren, mit Diskussionen über Finanzierungen und „grüne Technologien”.

Darüber hinaus gibt es aber auch das Problem der Zugänglichkeit. Wer kann an diesen Konferenzen teilnehmen? „Stellen Sie sich die Menschen vor, die unter Dürre leiden, die unter Bränden leiden, unter Ausbeutung, die zusehen müssen, wie ihre Fische sterben”, sagt Alessandra. „Oft haben sie keine Möglichkeit, in die Hauptstadt [Belém] zu kommen. Wer kann teilnehmen? Wer kann sich akkreditieren? Und wer kann für die Menschen sprechen?“

Die Konferenz sei „sehr kommerziell geworden, sehr auf den Verkauf ausgerichtet. Wir wollen aber nicht über Handel sprechen, sondern über das Leben, das Territorium, die Klimakatastrophen“, meint sie. Alessandra fühlt sich nur dann auf Konferenzen wie der COP vertreten, wenn Verwandte, also andere Indigene, anwesend sind, die ihre Anliegen kennen und für sie kämpfen können. „Denn ich vertraue den Worten der Regierung nicht. Wir vertrauen den Worten der Regierungsvertreter, die für uns sprechen, nicht, weil sie oft etwas dafür zurückbekommen“, kommentiert sie. Und sie nennt das Beispiel des Emissionshandels.
Der Emissionshandel ermöglicht es einem Verursacher von Treibhausgasemissionen (zumeist aus dem Globalen Norden) durch den Kauf von CO2-Zertifikaten (Kohlenstoffkredite) aus der Reduktion/Speicherung von CO2 bspw. durch Waldschutz/Wiederaufforstung (zumeist im Globalen Süden), die eigenen CO2-Emissionen zu kompensieren.

Kohlenstoffmärkte als neue Form der Kolonialisierung


„Die ganze Welt spricht vom Emissionshandel. Aber für uns sind diese Kompensationsgeschäfte nicht geeignet.” Alessandra glaubt, dass die Akzeptanz des Kohlenstoffmarktes bedeutet, mit der Zerstörung Geld verdienen zu wollen. „Es sind die großen Unternehmen, die zerstören. Sie wollen uns dafür bezahlen, dass wir etwas schützen, damit sie an anderen Orten weiter zerstören können”, kritisiert sie.
Und mit dem Geld aus den Emissionszertifikaten müssten die Indigenen Gemeinschaften sich der Logik des Kapitals unterwerfen. „Ich werde das kaufen müssen, was aus der Stadt kommt, oft Pestizide, Konserven, abgepackte Produkte. Ich muss in der Stadt einkaufen und Gift in mein Dorf bringen, um dort Müll zu produzieren und Krankheiten zu verursachen.“

Während der Kohlenstoffmarkt der Logik des grünen Kapitalismus folgt, einer naiven Vorstellung, dass es eine Art nachhaltige Zukunft auf der Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft gibt, wollen die indigenen Völker Autonomie über ihr Land. Sie wollen ihre Territorien mit ihrem jahrtausendealten Wissen pflegen können und nicht von multinationalem Kapital abhängig sein, das aus der Ausbeutung dieser Territorien stammt.
Alessandra erklärt, dass der Emissionshandel eine Art „Kolonisierung des Geistes“ bewirkt: „[Er] dring in die Köpfe der Indigenen Völker ein, um ihnen zu sagen, dass wir die Umwelt retten, dass wir den Planeten retten. Aber diese Rolle übernehmen wir schon seit vielen tausend Jahren.“ Die Indigenen Völker wollen kein Geld aus dem Kohlenstoffhandel, sagt sie. Was sie wollen, ist Respekt und die Demarkierung ihrer Gebiete.

Mehr Respekt und Rechte für die Territorien

„Die Welt muss die Indigenen Völker respektieren“, betont Alessandra. „Als ich anfing, die Welt zu bereisen, dachte ich, dass es nur in Brasilien Indigene Völker gibt. Dann habe ich gemerkt, dass es auch anderswo viele Indigene Völker gibt. Sogar in den Vereinigten Staaten, Kanada, Bolivien und Mexiko.“ In Brasilien gibt es 305 Indigene Ethnien. „Wie reich ist doch unsere Welt, reich an Kulturen, Sprachen und traditionellen Völkern. Ein Reichtum, den es meines Wissens nirgendwo sonst gibt.“
Indigene Völker verfügen nicht nur über kulturellen Reichtum, sondern auch über Wissen von der Heilkraft der Natur, eine „lebende Bibliothek“ – und im Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft hören sie auf die Natur. „Wie kann der weiße Mann uns sagen, dass nur das, was in den Büchern steht, gültig ist? Warum respektiert [der weiße Mann] unser Wissen über die Natur nicht? Die Natur spricht doch, während das Buch nicht sprechen kann.” Und deshalb muss die Natur geschützt werden. Weil die ganze Welt Zugang zu diesem Wissen haben muss.

„Nicht ein Wissen, um auszubeuten, sondern um zu bewahren.” Alessandra appelliert an alle Menschen, ob Indigen oder nicht, sich solidarisch mit den Ureinwohner*innen zu zeigen: durch Boykotte von Fleisch aus Abholzung oder von Bergbauunternehmen, die auf Indigenem Land tätig sind, durch das Lernen über verschiedene Völker und durch die Sensibilisierung an Schulen und Universitäten. In der spirituellen Welt der Ureinwohner*innen hat jedes Volk seine eigene Sprache. Wenn man Portugiesisch spricht, die Sprache, die vor fünfhundert Jahren durch die Kolonialisierung aufgezwungen wurde, kann man die Wälder und Flüsse nicht verstehen. Aber wenn die Munduruku ihre Sprache sprechen, können sie die Natur hören und wissen, was geschützt und respektiert werden muss. Bücher sprechen nicht, aber die lebendige Bibliothek doch. Und sie gibt dieses Wissen von Generation zu Generation weite
Die Abgrenzung Indigener Gebiete zu gewährleisten, bedeutet nicht nur, das Recht auf Überleben zu garantieren. Es bedeutet auch, sicherzustellen, dass die Natur von Abya Yala weiterhin in Harmonie mit den Völkern kommuniziert, die sich seit Jahrtausenden um sie kümmern.


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“Dies ist unser Land!”

Besetzung Brasílias zum 20-jährigen Jubiläum des Acampamento Terra Livre Gebiete zu demarkieren war eine zentrale Forderung
(Foto: Jefferson Rudy/Agência Senado via Flickr (CC BY 2.0))

Die Munduruku werden bedroht: durch Großprojekte wie Staudämme und Wasserstraßen, durch Bahnlinien wie Ferrogrão zum vermehrten Transport von Erzen, Agrarrohstoffen und weiteren Gütern, durch die massive Ausweitung des Sojaanbaus sowie durch die in der Region um Itaituba und Miritituba aus dem Boden sprießenden Sojaterminals der Multis um Cargill, Bunge, Maggi und ADM. Den vielleicht gewalttätigsten Bedrohungen sind die Munduruku wohl durch den garimpo, den illegalen Goldbergbau in ihren Gebieten, ausgesetzt. Bewaffnete Banden in Komplizenschaft mit der organisierten Kriminalität (nicht selten gestützt durch Hintermänner in Politik, Wirtschaft und Justiz) beuten das Land der Munduruku illegal aus, roden Wälder, graben mit ihren hydraulischen Baggern das Erdreich um und gewinnen Golderz. Dabei verwenden sie Quecksilber, das die Luft, das Erdreich und das Wasser vergiftet und so in die Nahrungskette gelangt und die Indigenen selbst und ihre Kinder schleichend vergiftet.

Zudem verabschiedete der mehrheitlich extrem konservative Nationalkongress mit seinen zwei Kammern, Abgeordnetenhaus und Senat, in den vergangenen zwei Jahren mehrere Gesetze zur Beschneidung der Grundrechte der Indigenen und ihrer Territorialrechte: Dabei sollen Bergbau und Landwirtschaft in Indigenen Gebieten freigegeben werden, die Umweltgenehmigungsverfahren geschleift und die sogenannte Stichtagsregelung „Marco Temporal“ eingeführt werden. Ihr zufolge bekämen nur diejenigen Indigenen Gebiete Rechtsschutz, bei denen der Nachweis gelingt, dass dort zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der brasilianischen Verfassung am Stichtag 5. Oktober 1988 ein Indigenes Volk lebte. Dadurch sollen, so die Kritiker*innen, 500 Jahre Landraub noch einmal legalisiert werden.
Gegen all das gäbe es eine einfache Antwort, die den Kampf der Munduruku um ihr Land weit voranbringen könnte: die abschließende formal-juristische Anerkennung und der Schutz des Territoriums der Munduruku – Sawré Muybu – als Terra Indígena durch die brasilianische Bundesregierung.

Brasiliens neue Regierung unter Luiz Inácio Lula da Silva hatte zum Amtsantritt seines insgesamt dritten Mandats im Jahr 2023 versprochen, die elementaren Rückschritte der Vorgängerregierung, der explizit und erklärt indigenenfeindlichen Regierung von Jair Bolsonaro, rückgängig zu machen und wieder mehr Indigene Territorien als solche zu demarkieren. Die Regierung Lula hat seit Anfang 2023 sechzehn neue Gebiete anerkannt. Es gibt jedoch mehrere Dutzend Indigene Gebiete, die unmittelbar zur rechtlichen Anerkennung (Homologation) anstehen, und etwa 200 weitere, die derzeit untersucht werden oder deren Grenzen bereits festgelegt sind. Sie sind von der Regierung noch nicht abschließend geschützt worden. Denn der Prozess zur Demarkation und Homologation ist in Brasilien auch immer ein politischer Aushandlungsprozess, zu stark ist der politisch-ökonomische Gegendruck oligarchischer Fazendeiros und ihrer parteiübergreifenden ruralista-Fraktion im Nationalkongress.

Derweil haben die Munduruku des Gebietes Sawré Muybu die Sache selbst in die Hand genommen, um die brasilianische Bundesregierung und die Indigenenbehörde FUNAI unter Druck zu setzen und ihr Land zu schützen. Die Munduruku errichteten Mitte 2024 entlang der Grenzen ihres Gebietes Sawré Muybu Warnschilder, die das Gebiet als Indigenes Territorium ausweisen: Jeden Kilometer an den Grenzen des Gebietes wurde und wird schrittweise ein Schild an den Baumstämmen hängen, auf dem steht: „Bundesregierung, Sawré Muybu Territorium, geschütztes Land“. Die Indigenenbehörde FUNAI erklärte Mitte 2024 auf Medienanfrage dazu, dass sie unter Personalmangel leide, aber daran arbeite, die Grenzen des angestammten Landes der Indigenen festzulegen, ein Prozess, der unter der letzten Regierung unterbrochen worden war.
Die Sache selbst in die Hand zu nehmen, ist Teil der erfolgreichen Strategie der Indigenen Völker Brasiliens zur sogenannten Auto-Demarkation: Ist der Staat nicht willens oder nicht fähig, so wird das Territorium in Eigenarbeit markiert und es werden eigenständig sogenannte Konsultationsprotokolle erstellt.

Indigene geben eigene Regeln vor


Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an von den traditionellen Völkern und Gemeinschaften selbst erstellten Konsultationsprotokollen: von Indigenen, Quilombolas, von weiteren traditionellen Völkern und Gemeinschaften. Denn diese Konsultationsprotokolle können Rechtskraft entwickeln, wie der Fall der Juruna im Jahr 2017 zeigte. Die Indigenen Juruna (traditionelle Selbstbezeichnung Yudjá) im Indigenen Territorium Terra Indígena Paquiçamba befinden sich seit Mitte der 2010er Jahre in der Volta Grande do Xingu im Kampf gegen Brasiliens künftig vielleicht größten offenen Goldtagebau der kanadischen Firma Belo Sun. Das Volk der Juruna hatte 2017 selbst ein Konsultationsprotokoll erstellt, das genau festlegt, auf welche Art und Weise jedweder sie betreffender Kontakt von außen (einschließlich ökonomischer Aktivitäten oder auch journalistischer oder anthropologische Kontaktaufnahme) abzulaufen habe. Noch im selben Jahr wurde dieses Protokoll bei den kommunalen, bundesstaatlichen und föderalen Behörden hinterlegt. Und gleich im Dezember 2017 setzte das Justizgericht von Pará TRF1 die laufende Umweltgenehmigung für die Firma Belo Sun an der Volta Grande do Xingu aus. Das Gericht folgte darin der Einschätzung der Klage der Bundesstaatsanwaltschaft, dass die Firma aus Kanada sich in ihrem Vorgehen vor Ort nicht an die Richtlinien des bei den Behörden hinterlegten Konsultationsprotokolls der Juruna gehalten habe und somit eine Verletzung der ILO-Konvention 169 zum Schutz der Rechte der Indigene Völker vorliege. Seither erstellen mehr und mehr Indigene Völker und andere traditionelle Gemeinschaften ihr eigenes Konsultationsprotokoll.

Am 25. September vergangenen Jahres haben die Munduruku der Sawré Muybu in Brasília einen großen Sieg errungen. Denn an diesem Tag ordnete der Justizminister Ricardo Lewandowski die Demarkierung des Indigenen Landes Sawré Muybu der Munduruku in Pará an. Alessandra Korap Munduruku befand sich auf Einladung der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) gerade in Genf, als die Botschaft der Demarkation von Sawré Muybu sie erreichte. In einer weit gestreuten Videobotschaft verbreitete sie: „Gute Nachricht! Ich bin hier gerade in Europa, in Genf, aber wenn ich in Kürze zurückfahre, dann werde ich dort bei den Meinen sein! Es war ein langer Kampf, so Vieles, was wir in die Wege geleitet haben: Wir haben die Auto-Demarkation vorangetrieben, wir haben Druck auf das Justizministerium ausgeübt, auf die Indigenenbehörde FUNAI, da haben wir sehr viel Druck ausgeübt, viel Kampf, wir haben viele Besetzungen gemacht, um zu sagen, dass dieses Territorium unseres ist! Als die Regierung damals entschied, den Staudamm São Luiz do Tapajós bauen zu wollen, da haben wir Munduruku mit der Bewegung Ipereg Ayu beschlossen, in den Kampf zu ziehen, um unser Territorium zu verteidigen und um zu zeigen, dass niemand, nicht einmal die (brasilianische) Bundesregierung dort einfach so ein Wasserkraftwerk auf unserem Gebiet errichten darf. Auch wenn die Regierung sagte, das sei nicht unser Land, so ist es doch unseres!“

Jetzt, fast ein Jahr später, steht die Unterschrift durch den Präsidenten noch immer aus. Ohne die abschließende Homologation gibt es keine umfassende Rechtssicherheit. Nach wie vor steht das Gebiet um Sawré Muybu am Zusammenfluss von Tapajós und Jamanxim im Fokus mächtiger Wirtschaftsinteressen wie der Schiffbarmachung des Tapajós oder des nahegelegenen geplanten Baus der Bahnlinie Ferrogrão zum kostengünstigeren Soja- und Erztransport. „Bahn der Zerstörung: Ferrogrão NEIN!“ ist seit gut vier Jahren auf den Protestplakaten der Munduruku zu sehen. Denn das Projekt Ferrogrão – von der Lula-Regierung als Zugeständnis für das mächtige Agrobusiness befürwortet – wird durch Naturschutz­gebiete und Indigenes Land führen, in dem etwa 2.600 Menschen leben, so die Indigenen. „Die Indigenen prangern das Fehlen einer freien, vorherigen und informierten Konsultation, die Fragi­lität der Umweltverträglichkeitsstudien und die sozio-ökologischen Risiken der Eisenbahn an“, teilte die Koordination der Indigenen Organisationen des brasilianischen Amazonasgebiets Coiab anlässlich ihrer wiederholten Protestaktionen mit. Der Kampf um Indigene Territorien in Brasilien ist noch nicht entschieden.


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Im Widerstand gegen die Großprojekte

Kampf um den freien Wasserfluss Gemeinden, die an und mit Flüssen leben, wollen sauberes Wasser statt riesiger Dämme (Foto: Wesley Braun)

Derzeit fließen weltweit nur noch 37 Prozent der Flüsse mit einer Länge von mehr als 1.000 km über ihren gesamten Verlauf frei. Dämme und Wehre sind die Hauptursachen für den Verlust des freien Wasserflusses. In Brasilien hat der Bau von Staudämmen insbesondere im Zusammenhang mit der Umstrukturierung des nationalen Energiemodells seit den 1970er Jahren während der Militärdiktatur zu einer erzwungenen gravierenden Neugestaltung von Territorien geführt und vielfältige ökologische und soziale Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung gehabt, die bis heute spürbar sind.
Als Reaktion auf diese Situation organisierten sich die betroffenen Gemeinden ab Ende der 1970er Jahre im Widerstand gegen die Großprojekte, was sich im Jahre 1986 unter dem Namen der Bewegung der von Staudämmen Betroffenen (MAB) sammelte. Im April 1989 führte sie den ersten Nationalkongress der von Staudämmen Betroffenen in Goiânia durch, bevor sich im März 1991 formell die Bewegung der von Staudämmen Betroffenen gründete. Seither setzt sich die MAB für Veränderungen im brasilianischen Energiemodell ein, um die Rechte der betroffenen Bevölkerung zu gewährleisten und, in jüngerer Zeit, um der Klimakrise entgegenzuwirken und deren Auswirkungen abzuschwächen.

Laut dem landesweiten Instrument zur Kontrolle und Überwachung von Dämmen in Brasilien, dem Informationssystem für Dammsicherheit, gibt es heute mehr als 29.000 Dämme: Staudämme zur Energiegewinnung, zur Trinkwassergewinnung oder Bewässerung sowie Dämme von Rückhaltebecken von teils hochtoxischer Bergbauschlämme. Vor 25 Jahren stellte der Bericht der Weltkommission für Staudämme fest, dass in Brasilien etwa eine Million Menschen von Staudämmen betroffen waren. Laut der Oswaldo Cruz-Stiftung (Fiocruz) beläuft sich diese Zahl heute auf mindestens vier Millionen Menschen. In den letzten Jahren hat die Zahl der potenziell mit ökologischen und sozialen Risiken einhergehenden Staudammprojekte zugenommen, wie beispielsweise die (Umwelt-)Katastrophen durch die Staudämme Fundão in Mariana im Jahr 2015 und 2019 durch Mine Córrego do Feijão in Brumadinho aufzeigen.

Die Klimakrise, die wir derzeit erleben, ist zweifelsohne eine direkte Folge des kapitalistischen Produktions- und Konsumptionsmodells, der Treibhausgas-Emissionen der fossil-basierten Weltwirtschaft und der mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen einhergehenden Naturzerstörung. Angesichts der Notwendigkeit, die Wirtschaft zu dekarbonisieren, wurde ausgehend von den Ländern des Globalen Nordens eine Energiewende weg von fossilen Energieträgern eingeläutet.
Was jedoch eine historische Chance für Brasilien sein könnte, hat zu einer Vertiefung einer durch Konzentration von Reichtum und Abhängigkeit gekennzeichneten Energiepolitik geführt. Um die Nachfrage aus dem Ausland nach unabdingbaren Rohstoffen für die Umsetzung der Energiewende zu befriedigen, baut das Land die Gewinnung von kritischen Mineralien und Seltenen Erden für den Export aus und erweitert das Angebot an Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarenergie und seit kurzem auch grünem Wasserstoff. All dies ist oftmals mit derselben systematischen Verletzung von Rechten der lokalen Bevölkerung verbunden, wie im Fall der Staudämme.
Trotz der nachgewiesenen negativen ökologischen und sozialen Folgewirkungen sowie der chronischen Verletzung der Rechte der lokalen Bevölkerung wurde und wird die Energiegewinnung durch Wasserkraft auch in anderen Ländern Lateinamerikas sowie in Afrika und Asien ausgebaut und mittlerweile als „grüne Energie“ als adäquate Lösung zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen bei der Energieerzeugung und für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft propagiert.
Vor diesem Hintergrund wird die internationale Zusammenarbeit und Solidarität zwischen den von Staudammprojekten betroffenen Bevölkerungsgruppen immer wichtiger. Aktuell wird deshalb ein historischer Prozess internationaler Treffen wieder aufgenommen, der 1997 begann. Das Movimiento de Afectados por Represas (MAR) hat für November 2025 das IV. Internationale Treffen der von Staudämmen und der Klimakrise betroffenen Gemeinschaften einberufen, das in Belém do Pará, Brasilien, stattfinden wird.


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Giftiges Gold

Gold Der Abbau im Amazonas hat weitreichende Konsequenzen (Foto: Jimena Mercado, ANA)

Geopolitische Auseinandersetzungen, kriegerische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit aufgrund des Zollkriegs und andere Faktoren haben die Ziele und Strategien zur Bekämpfung der Klimakrise ausgebremst und Fortschritte bei deren Umsetzung verzögert sowie die wissenschaftlichen, politischen und finanziellen Institutionen erheblich geschwächt. Diese Schwächung wirkt sich direkt auf die Fähigkeit der Amazonasländer aus, Umweltschutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten und internationale Verpflichtungen zur Eindämmung der Klimakrise und zur Anpassung an deren Folgen zu erfüllen.

Zu diesem komplexen und herausfordernden Szenario kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der spezifische Auswirkungen auf den Amazonas und Lateinamerika hat: der illegale (Gold)Bergbau und die Folgen des Einsatzes von Quecksilber bei der Goldgewinnung. Seit 2020 ist der Goldpreis ungebremst gestiegen, hat alle Erwartungen übertroffen und Rekordwerte von fast 3.500 US-Dollar pro Feinunze (mehr als 95.000 Euro/kg) erreicht. Eine der stärksten Auswirkungen dieses internationalen Finanzphänomens ist im Amazonasgebiet zu spüren. Angetrieben durch vor allem „kleine“ Bergbaubetriebe intensiviert sich der Goldbergbau in diesem einzigartigen und wunderbaren Ökosystem. Sie sind im Wald, in den Flüssen und an deren Ufern tätig und stehen in vielen Fällen in Verbindung mit illegalen Wirtschaftszweigen sowie kriminellen Gruppen oder arbeiten mit diesen zusammen. Neben der Entwaldung, der Zunahme von Gewalt und Menschenhandel ist die Quecksilberverschmutzung eine der schwerwiegendsten Folgen des Goldbergbaus. Quecksilber ist aufgrund seiner Auswirkungen vor allem auf schwangere oder stillende Frauen und Kinder und seiner jahrzehntelangen Persistenz im Ökosystem einer der weltweit bedenklichsten Giftstoffe. Die Schäden am Nervensystem von Kindern sind dauerhaft und betreffen ganze Generationen, was eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte und der Klimagerechtigkeit für Dutzende Indigener Völker des Amazonasgebiets darstellt.

„Drehkreuz“ des Quecksilber-Handels

Von 2015 bis vor knapp zwei Jahren war Bolivien im Herzen Südamerikas der weltweit größte legale Importeur von Quecksilber. Zwischen 2015 und 2023 importierte das Land laut Angaben der Vereinten Nationen insgesamt 1.450,97 Tonnen Quecksilber; dies entspricht 16,82 Prozent des gesamten in diesem Zeitraum weltweit importierten Quecksilbers. Praktisch das gesamte Quecksilber wurde für den Goldabbau verwendet, nicht nur in Bolivien, sondern auch für den illegalen Reexport in den Rest Südamerikas. Dies ist auf die Erleichterungen für den legalen Import dieses Metalls in Bolivien zurückzuführen, obwohl das Land Unterzeichner des Minamata-Übereinkommens ist – eines internationalen Abkommens, das die Abschaffung der Verwendung von Quecksilber vorsieht. Im Gegensatz dazu haben die Nachbarländer seit der Unterzeichnung desselben Übereinkommens Kontrollen und Mechanismen eingeführt, um den Import, den Handel und die Verwendung von Quecksilber zu begrenzen oder sogar ganz zu unterbinden. So wurde Bolivien seit 2015 zum „Drehkreuz“ des Quecksilberhandels in Südamerika und damit zu einem der wichtigsten Kanäle für die Lieferung dieses wichtigen Rohstoffs für den sogenannten „kleinen Goldbergbau“ im gesamten Amazonasgebiet.

Die bedauerliche Rolle, die Bolivien im legalen und illegalen Handel mit Quecksilber in Lateinamerika einnimmt, hat bei der nationalen und internationalen Öffentlichkeit, den vom Quecksilber betroffenen Indigenen Gemeinschaften und Siedlungen sowie bei nationalen (Ombudsstelle) und internationalen Menschenrechtsorganisationen (Interamerikanische Menschenrechtskommission, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für toxische Substanzen und Menschen­rechte) Besorgnis ausgelöst. Zwischen 2019 und 2023 wurden verschiedene Studien durchgeführt, die ergaben, dass die Bevölkerung an den Ufern der wichtigsten Amazonasflüsse zwischen drei- und neunmal mehr Quecksilber im Körper hatte als der von internationalen Organisationen festgelegte Höchstwert. Diese Zahlen bestätigen, dass das Quecksilberproblem nicht nur als Umweltproblem, sondern auch als Notfall für die öffentliche Gesundheit und Thema der Klimasicherheit verstanden werden muss.

Illegaler Quecksilberhandel in den Händen der organisierten Kriminalität

Im gleichen Zeitraum führte Mexiko – nunmehr der weltweit größte legale Exporteur von Quecksilber – Überwachungsmechanismen ein, wodurch die legalen Exporte zurückgingen. Aufgrund dieses internationalen und gesellschaftlichen Drucks und der Einführung eines nationalen Registers für Quecksilberhändler (Oberster Erlass Nr. 4959 vom 14. Juni 2023) gelangt seit 2024 kein Quecksilber mehr legal nach Bolivien. Dieser Rückgang der legalen Quecksilberimporte schlug sich jedoch leider nicht in der Praxis nieder, denn der Handel und die Verwendung von Quecksilber für den Goldabbau im Amazonasgebiet gehen weiter

Am 24. Juli dieses Jahres beschlagnahmte eine Zollkontrolle im Hafen von Callao in Peru vier Tonnen Quecksilber, die in einer Ladung Kies versteckt waren und einen geschätzten Wert von 0,48 Mio. US-Dollar hatten. Eine Studie der Umweltforschungsagentur (EIA) berichtete über diesen Mechanismus des illegalen Schmuggels von Querétaro in Mexiko nach Südamerika: Zwischen 2019 und 2025 wurden 50 Lieferungen (37 nach Peru, 10 nach Kolumbien und 3 nach Bolivien) mit schätzungsweise 200 Tonnen Quecksilber durchgeführt, die den Abbau von Gold im Wert von 8 Mrd. US-Dollar ermöglichten. Die entmutigendste Nachricht ist, dass für diesen illegalen Schmuggel das Kartell Jalisco Nueva Generación verantwortlich ist. Es steht unter anderem mit dem Drogenhandel in Verbindung und handelt mit bewaffneten Gruppen in Kolumbien sowie mit illegalen Bergleuten in der Region Madre de Dios in Peru. Die Krise im Amazonasgebiet ist daher nicht mehr nur eine Umweltkrise, sondern auch eine Krise der regionalen Sicherheit, die auf der Agenda der COP30 berücksichtigt werden muss.
Wir sehen also eine weitere Auswirkung dieser unsicheren und komplexen wirtschaftlichen und geopolitischen Lage: die fortschreitende Zerstörung des Amazonasgebiets durch den Goldbergbau, wobei kriminelle Gruppen eine immer wichtigere Rolle spielen und an Macht gewinnen. Wenn die internationale Gemeinschaft das 1,5-Grad-Ziel aufrechterhalten will, muss sie anerkennen, dass der illegale Goldbergbau und die Verwendung von Quecksilber im Amazonasgebiet die Fähigkeit des größten Tropenwaldes der Erde, seine Funktion als Kohlenstoffsenke zu erfüllen, untergräbt. Die COP30 in Brasilien darf sich nicht darauf beschränken, abstrakte Emissionsreduktionen zu diskutieren: Sie muss den illegalen Goldabbau und den Handel mit Quecksilber als kritische Bedrohungen für die globale Stabilität, die Gesundheit der Indigenen Völker und die regionale Sicherheit auf ihre Klimaagenda setzen.


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