Ob die das wirklich sehen? Auf dem Dach ihres Hauses albern Paula (Darana Álvarez) und La Maestra (Rocio Guzmán) herum und diskutieren, ob man von einem Flugzeug aus die reflektierenden Signale erkennen kann, die sie mit einem Spiegel in den Himmel über Mexiko City schicken. Die beiden 16-Jährigen sind die Protagonistinnen des Films Chicas Tristes (Sad Girlz), der in der Jugendfilm-Sektion Generation 14plus zum großen Gewinner der 76. Berlinale wurde: Sowohl der Gläserne Bär, verliehen von einer Jugendjury, als auch der Große Preis der internationalen Fachjury gingen an das Spielfilmdebüt der mexikanischen Regisseurin Fernanda Tovar.

Der Film beginnt mit typischen Szenen aus einem Teenager*innen-Leben: Gespräche drehen sich um Schminktipps und Dating-Strategien, es wird gelacht und sich auf Social Media vergnügt. Doch auf die Unbekümmertheit der beiden fällt im Verlauf des Films ein Schatten, als Paula auf einer Party endlich mit ihrem Schwarm Daniel zusammenkommt. Was zunächst wie die Erfüllung eines Traums aussieht, endet in einem traumatischen Vorfall, der nicht nur die Freundschaft der beiden Jugendlichen schwer erschüttert.
Denn Paula gesteht nach längerem Bohren von La Maestra, dass es im abgeschlossenen Badezimmer zu einem sexuellen Übergriff von Daniel auf sie kam, dem sie zuvor klar widersprochen hatte. Was das bedeutet, wird den beiden spätestens nach einem Blick ins Internet klar: Es war eine Vergewaltigung. Doch über das weitere Vorgehen sind sich die Mädchen nicht einig. Während La Maestra darauf drängt, alles öffentlich zu machen, möchte Paula – obwohl sichtlich emotional angegriffen – den Vorfall auf sich beruhen lassen. Die Lage wird zusätzlich dadurch verkompliziert, dass beide mit Daniel zu den Topathlet*innen eines Schwimmteams gehören, das bald zusammen zu den panamerikanischen Jugendspielen nach Brasilien reisen soll. Vor allem die resolute La Maestra muss schon bald schmerzhaft erfahren, wie schwierig es für Missbrauchsopfer ist, Gehör zu finden.

Regisseurin Fernanda Tovar gehört zum Colectivo Colmena, einem Filmkollektiv aus Mexiko City, das sie vor zehn Jahren mitbegründet hat. Selbst etwa doppelt so alt wie die jugendlichen Figuren in ihrem Film, zeigt sie viel Gespür für deren Lebenswelt. Dazu gehört auch, bei Problemen erst mal Chat GPT zu fragen, bevor man sich an eine*n Erwachsene*n wendet. Befindlichkeiten, die viele Teenager*innen nur zu gut kennen, geraten miteinander in Konflikt: Paulas Sorge vor den Konsequenzen für ihr eigenes Leben trifft auf die Tatkraft ihrer Freundin La Maestra, die Unrecht mit aller Macht bekämpfen möchte. Eine zufriedenstellende Lösung für beide scheint schwer möglich. Schließlich müssen die Mädchen einen Weg finden, den unterschiedlichen Umgang mit der Situation zu akzeptieren, wenn ihre Freundschaft nicht daran zerbrechen soll.
Chicas Tristes diskutiert mutig und unkonventionell die heikle Thematik eines sexuellen Übergriffs im Teenager*innenalter. Dabei wird auch der soziale Druck spürbar, als Jugendliche*r möglichst früh sexuelle Erfahrungen zu machen. Durch die klare Fokussierung auf die Opferperspektive und die jugendlichen Gefühlswelten gerät allerdings der Täter im Laufe des Films etwas aus dem Fokus. Es wäre schön gewesen, die Diskussionen in Daniels (Jungen-)Gruppe zu verfolgen oder zu sehen, wie er einer ernsthaften verbalen Konfrontation ausgesetzt wird. Deshalb bleibt bei Chicas Tristes hier trotz aller atmosphärischen Stimmigkeit – die Unterwasser-Aufnahmen aus dem Schwimmbad sind wunderschön gefilmt – das Gefühl einer Leerstelle. Dennoch ist Fernanda Tovar ein relevanter Beitrag zu einem sensiblen Thema gelungen, der durch seine Nähe und Authentizität vor allem viele jugendliche Zuschauer*innen ins Herz treffen dürfte.














