SYSTEMATISCHE VERWEIGERUNG VON GERECHTIGKEIT

Gerechtigkeit für Sol ist Gerechtigkeit für alle Ein Mural zu María del Sol (Foto: Privat)

Über Deine Tochter wird berichtet, dass sie Fotografin war und in der Abteilung für den Schutz indigener Gemeinden gearbeitet hat. Das war es dann aber auch schon. Wer war María del Sol?
Maria del Sol war eine ausgelassene, fröhliche Person. Seit sie klein war, mochte sie es, zu fotografieren. Sie war immer hinterher, das zu erreichen, was sie machen wollte. Sie war eine sehr engagierte junge Frau und immer schnell erzürnt über jegliche Ungerechtigkeiten. Sie begleitete daher gelegentlich auch Proteste und Demonstrationen.

Eine Weile lang hat sie uns auch finanziell unterstützt, als ich mal keine Arbeit hatte. Wir hatten einen kleinen Brotverkauf eröffnet. Und es waren doch eher ältere Menschen, die vorbeikamen. Also kam es, dass María del Sol mit ihnen auf der Parkbank saß und sie ihr Geschichten von früher erzählten, von den Festen die sie gefeiert haben, einfach aus ihrem Leben. Maria del Sol gefielen diese Geschichten. Sie bewunderte die Menschen. Sie sah häufig mehr in den Leuten als den Eindruck, den sie auf den ersten Blick machten. Ich würde sagen, dass sie die Fähigkeit hatte, die Leute wirklich beim Wort zu nehmen und sie nicht in eine Schublade zu stecken.

Oaxaca und insbesondere Juchitán ist eine Region, in der viele indigene Gemeinschaften leben. Wie äußert sich geschlechtsspezifische Gewalt gegen indigene Menschen?
Indigene Frauen erleben viele Formen der Gewalt innerhalb ihrer Beziehungen, das ist sehr üblich, psychische, emotionale und auch physische Gewalt und Feminizide. Zumindest in Juchitán de Zaragoza. Allein in diesem Ort wurden dieses Jahr elf Frauen getötet. Das sagt viel aus über die Gewalt gegen Frauen. Und das ist nur einer von gut 40 Orten, die die Region des Isthmus (von Tehuantepec, Landenge in Mexiko, Anm. d. Red) umfasst. Es ist eine Zone normalisierter Gewalt. Ich weiß nicht, ob es auch etwas mit der Armut zu tun hat, was zu dieser Gewalt führt. Was ich jedoch weiß ist, dass es eine patriarchale Struktur gibt, die dazu führt, dass sich diese Verbrechen immer und immer wieder wiederholen.

Du hast mal gesagt: „Ich habe Mexiko über die Straflosigkeit kennengelernt“. Wie steht es denn aktuell um den Fall von María del Sol?
Der Fall wurde 2018 zuerst von der Generalstaatsanwaltschaft in Oaxaca aufgenommen. Danach wurde eine neue Akte angelegt wegen Wahlbetrug. Ein Jahr später gab es dann eine Akte wegen Diebstahl, denn als María del Sol, Pamela Terán und der Fahrer, Adelfo Guerra, getötet wurden, wurde ihr Equipment gestohlen. Die Anklage wegen Mord, was eigentlich juristisch als Feminizid geführt werden müsste, liegt ebenfalls in irgendeiner Akte. Alle drei Verfahren laufen aktuell noch und sind ohne weitere Ergebnisse. Vier Jahre später hat sich nichts getan.

Dann gibt es noch eine weitere Anzeige, die ich erstattet habe, gegen den Staatsanwalt von Oaxaca und dessen Mitarbeiter, weil sie ihre Arbeit nicht machen. Bei keinem der Verfahren gibt es Ergebnisse, keiner der Fälle wurde aufgeklärt. Wie soll man das denn nennen, außer Straflosigkeit? Sowohl die Behörden, als auch diejenigen, die den Mord in Auftrag gegeben haben, und die Ausführenden, bleiben straflos.

Dann ist der Kampf gegen Feminizide gleichzeitig ein Kampf gegen Straflosigkeit?
Klar! Die Mütter, die von den Fällen ihrer getöteten Töchter erzählen, berichten genau das gleiche. Eine der Mütter, deren Tochter erst verschwunden war und später dann ihr Körper gefunden wurde, hat herausgefunden, dass der Ex-Freund sie getötet hat. Plötzlich ist der junge Mann aber nicht mehr aufzufinden und es stellt sich heraus, dass seine Eltern in einer Justizbehörde arbeiten. Wenn also der Haftbefehl ausgestellt wird, nachdem endlich mal jemand der Mutter zugehört hatte, haben sie dem Typen Bescheid gesagt und er ist abgehauen. Er wurde nie festgenommen. Wer schützt hier also wen? Es sind die Leute in der Staatsanwaltschaft, die die Täter schützen. Es gibt hier viele Fälle, bei denen die eigentlichen Täter bekannt sind.

Wie würdest Du Deine Erfahrungen mit den Behörden beschreiben, nachdem María del Sol getötet wurde?
Erschöpfend in allen Facetten. Nicht nur emotional, auch was deine Ressourcen betrifft. Häufig werden ich oder andere Mütter gefragt: „Wie macht ihr das? Wo nehmt ihr die Kraft her?“ Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme. Man muss aber weitermachen und schauen, dass man irgendwo Kraft herbekommt. Es gibt also diese Tiefs. Das sieht jedoch niemand. Das kriegen die Leute nicht mit. Die Behörden sehen nicht die systematische Ungerechtigkeit und wie die systematische Verweigerung von Gerechtigkeit dich zermürbt. Sie sagen dir: „An diesem Tag ist die Anhörung.“ Also schläfst du zwei Tage nicht, weil das dermaßen aufwühlend ist. Und dann wird die Anhörung spontan abgesagt, weil die Generalstaatsanwaltschaft einen Fehler gemacht hat. Das fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Ich habe mich lange darüber aufgeregt, bis ich festgestellt habe – das machen die immer so. Und deswegen stimmt mit dem ganzen System einfach etwas nicht.

Wie erklärst Du Dir dieses Ausmaß an Straflosigkeit?
Was wir hier sehen, ist ein patriarchaler Pakt. Es gibt eine enge Verflechtung zwischen Repressionsapparaten und den korrupten politischen Institutionen. Die Beamten lassen sich zum Beispiel Geld dafür geben, dass sie die Täter nicht weiter verfolgen. Das ist die Realität. Und die Staatsanwaltschaft nimmt das einfach hin. Diese patriarchalen Verflechtungen bedeuten dann, dass genau diese Taten straflos bleiben. Diese Verbrechen werden nicht geahndet. Das passiert überall – im Bundesstaat Mexiko, in Veracruz, im ganzen Land. Ich weiß das, weil das viele Mütter erzählen. Deswegen ist es das System, das falsch ist. Darauf bestehe ich!

Seit 20 Jahren gibt es Fortbildungen für Beamte. 20 Jahre! Und die Gesetzeslage ist eine der fortschrittlichsten was Feminizide betrifft. Letztes Jahr gab es Änderungen am Strafgesetz, um Gleichberechtigung zu implementieren. Das hilft nicht viel. Was also verstärkt die Gewalt? Die Straflosigkeit, die Tatsache, dass Staatsbedienstete nicht zur Verantwortung gezogen werden, deren Komplizenschaft. Und nicht zuletzt die Emanzipation der Frauen selbst. Männer sind sauer und wütend, dass jetzt auch Frauen öffentliche Ämter bekleiden oder wenn Frauen arbeiten gehen, unabhängig ihr eigenes Geld verdienen – dann wird das auch mit Gewalt beantwortet.

Was möchtest Du im Kampf gegen Straflosigkeit und geschlechtsspezifische Gewalt erreichen?
Im Fall von María del Sol fordere ich, dass die Behörden den Fall untersuchen und die Hintergründe aufklären. Es gibt viele Elemente, die auf eine Serie von Menschenrechtsverletzungen hinweisen. Ich bin überzeugt, dass wenn internationale Institutionen härtere Sanktionen gegen Mexiko aufgrund der Menschenrechtsverletzungen verhängen würden, mehr Druck ausgeübt werden könnte, damit der mexikanische Staat seiner Verantwortung nachkommt. Das wäre ein Weg. Ich glaube, wir haben mittlerweile die Türen geöffnet, damit auch weitere betroffene Frauen und Mütter anklopfen. Auch wenn jeder Fall anders ist, gibt es unzählige davon, wo Untersuchungen verschleppt werden und die Verbrechen ungesühnt bleiben.

Nur drei von 100 Fällen werden halbwegs aufgeklärt, wobei sich Statistiken dazu auch unterscheiden. Das sagt so viel darüber aus, mit welcher Dimension von Straflosigkeit wir es zu tun haben. Und ein Verbrechen, das nicht verurteilt wird, ist ein Verbrechen, das sich wiederholt. Auch wenn ich mittlerweile müde bin, werde ich nicht aufhören, jeden Tag für Gerechtigkeit zu kämpfen. Denn ich glaube, dass es viele Mütter gibt, die Unterstützung gebrauchen können. Viele erhalten Drohungen oder werden angegriffen. Manche Mütter sagen jedoch: Sie haben uns alles genommen, sogar die Angst.

FRAUEN IM NARCOLAND

„Weißt du, warum ich dich verstecke?“, fragt Rita ihre Tochter Ana in einer Szene von Noche de fuego, „Weißt du, was sie mit den Mädchen machen?“ Keine von beiden gibt eine Antwort, aber in dem kleinen Dorf in den mexikanischen Bergen wissen es alle: Das Drogenkartell, das den Mohnanbau in der Gegend kontrolliert, hat schon mehrere Mädchen verschleppt. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie kommen werden, um auch Ana abzuholen.

Tatiana Huezos erster Spielfilm, der auf dem Roman Ladydi von Jennifer Clement basiert, begleitet Ana und ihre besten Freundinnen María und Paula zwischen Kindheit und Jugend in einer Umgebung, die von Schutzlosigkeit geprägt ist: Wenn die Narcos in ihren schwarzen Pick-Ups wieder einmal angefahren kommen, geht die Angst um. Wer sich ihnen widersetzt, muss mit dem Schlimmsten rechnen und kann nicht auf die Hilfe von Polizei oder Militär hoffen, denn die stecken mit den Kriminellen unter einer Decke. Anstatt die Bewohner*innen zu schützen und den Drogenanbau zu bekämpfen, versprühen sie überall Pflanzengift, nur nicht auf den Mohnfeldern.

Das Verstecken von Weiblichkeit wird zum einzigen Schutz

Perspektiven gibt es kaum in dem armen Dorf: Viele Männer sind weggegangen, um anderswo Geld zu verdienen, ihre Söhne gehen schon in jungen Jahren in der lokalen Mine schuften oder steigen bei den Narcos ein. Wenn Lehrer*innen oder Ärzt*innen zur Arbeit ins Dorf geschickt werden, halten sie die Drohungen nicht lange aus, weshalb die Kinder auf Operationen warten müssen und mit der Schule kaum vorwärts kommen. Nur die Friseurin des Orts kann weiter arbeiten, da sie Schutzgeld bezahlt – die Mütter bringen ihr ihre Mädchen, damit sie ihnen die Haare kurz schneidet. Rita schimpft mit Ana, wenn sie sich schminkt, und lässt sie nur ungern auf die Straße. Hinter ihrem Haus gibt es eine getarnte Grube, in die Ana kriecht, wenn die schwarzen Pick-Ups nahen. Kurzum: Das Verstecken von Weiblichkeit ist der einzige Schutz, wenn der Staat versagt. Noche de fuego handelt davon, wie die Gewaltherrschaft der Kartelle über die Körper von Frauen bestimmt. Tatiana Huezo hat zuvor ausschließlich Dokumentarfilme gedreht, was man ihrem neuen Werk positiv anmerkt: ohne jegliche Verwendung von Klischees und ohne dabei allzu viel von der in der Luft liegenden Gewalt zu zeigen, beobachtet sie das Dorf und das Leben seiner Bewohner*innen, vor allem der Frauen, sehr genau. Es gibt in deren Alltag auch Lichtblicke und schöne Momente: die Menschen helfen sich gegenseitig und solidarisieren sich auch über Dörfer hinweg. Ana, María und Paula lieben es zu spielen, sie lassen sich gegenseitig Farben, Zahlen oder Tiere erraten. Sie sitzen zusammen im Wald, sie baden gemeinsam im Fluß und halten sich dabei an den Händen, sie genießen die Natur, umarmen sich. Dieser Zusammenhalt, diese heile Welt im Kleinen ist der Funken Hoffnung inmitten eines Meers der Trostlosigkeit. Folgerichtig fragt Ana einmal ihre beiden Freundinnen, was wohl passieren würde, wenn eine von ihnen plötzlich weg wäre. Es ist eine Frage, die sich in Mexiko heute leider allzu viele Frauen stellen müssen.

FÜR DAS WASSER, FÜR DAS LEBEN

Die Karawane für das Wasser verbindet lokale Widerstände und Initiativen (Foto: Jana Bauch)

Mit der „Karawane für das Wasser und das Leben“ protestierten die mitreisenden Aktivist*innen gegen die Verschmutzung und Privatisierung des Wassers sowie gegen Extraktivismus. Damit stellten sie sich zugleich deutlich gegen die Idee des Fortschritts durch Wirtschaftswachstum, die die mexikanische Regierung aktuell durch große Infrastrukturprojekte propagiert. Dazu wurden Orte besucht, an denen verschiedene Gruppen und Gemeinden für den Schutz des Wassers und indigene Rechte kämpfen. Ziel war nicht nur, auf kollektiv organisierten Widerstand aufmerksam zu machen, sondern auch, die betroffenen Kollektive zu vernetzen.

Eine Reise des Zuhörens und des Austausches

Marina vom Bündnis der Pueblos Unidos de Choluteca fasst das so zusammen: „Die Karawane ist wie eine Reise des Zuhörens und des Austauschs, bei der wir verschiedene Ecken Mexikos besuchen, um zu sehen, wie sich an Orten des Todes Gemeinschaften organisieren, die für das Leben kämpfen und Autonomie aufbauen.“

Die Karawane startete an einem besonderen Ort: der ehemals besetzten Wasserfabrik Altepelmecalli im zentralmexikanischen Bundesstaat Puebla. Auf dem Gelände der Fabrik hatte Bonafont, eine Tochterfirma des französischen Lebensmittelkonzerns Danone, fast 30 Jahre lang große Mengen an Wasser abgepumpt – pro Tag etwa so viel, wie 50.000 Menschen in einem Jahr zum Leben brauchen. Am letztjährigen Weltwassertag, dem 22. März 2021, wurde die Fabrik von den indigenen Nahua besetzt, um dort ein Gemeindezentrum aufzubauen. Damit konnte die massive Wasserentnahme von über einer Million Litern täglich gestoppt werden, sodass sich die Brunnen der Gemeinde wieder mit Wasser füllten. Obwohl die Besetzung im Februar 2022 geräumt wurde und die Fabrik nun von Sicherheitskräften bewacht wird, stehen die Maschinen dort weiterhin still.

Die Wahl des Startpunktes war symbolisch – aus geographischer, aber auch aus zeitlicher Sicht: Am Weltwassertag 2022, also ein Jahr nach der erfolgreichen Besetzung, begann die Reise zu über dreißig verschiedenen Zielen, die sich teils ähnlichen, teils verschiedenen Kämpfen widmen: eine Mülldeponie, die das Trinkwasser vergiftet, eine geplante Goldmine der Aldama Group sowie Orte des Widerstands gegen die staatlichen Infrastruktur-Projekte Projecto Integral de Morelos (PIM) und Corredor Transístmico. Mit ersterem soll Zentralmexiko durch ein Wärmekraftwerk und eine Gas-Pipeline mit Energie versorgt werden. Seit Baubeginn im Jahr 2012 prangern lokale Gemeinden immer wieder die Wasserverschmutzung durch Abwasser des Kraftwerks an; Wissenschaftler*innen warnen vor den Risiken, die der Betrieb der Pipeline in der Nähe zum Vulkan Popocatépetl mit sich bringe. Im Jahr 2019 wurde mit Samir Flores ein prominenter Gegner des PIM getötet; seitdem wurden weitere Aktivist*innen ermordet. Auch der Corredor Transístmico, der die Landenge von Tehuantepec im Süden Mexikos mit einem Schnellzug und einer Freihandelszone als Alternative zum Panamakanal etablieren soll, steht stark in der Kritik.

Die Karawane setzte sich aus bis zu 50 Menschen aus verschiedenen politischen Kollektiven zusammen. Mit einem eigens organisierten Bus besuchten die Teilnehmenden widerständige Projekte und wurden dort zumeist von mehreren hundert Menschen in Empfang genommen. Gemeinsam wurden Demonstrationen organisiert, Kundgebungen abgehalten und Orte der Zerstörung besucht, aber auch direkte Aktionen, wie etwa Straßenblockaden, durchgeführt. Dabei kam es wiederholt zu Repressionen durch die Polizei und die Nationalgarde, etwa durch Beschlagnahmung von Material. Die Karawane war auf ihrem Weg außerdem mehrfach gewalttätigen Einschüchterungsversuchen von organisierten Drogenkartellen ausgesetzt.

Gemeinsam an Orten der Zerstörung kämpfen

Auch neun Klimagerechtigkeitsaktivist*innen aus Lützerath waren bei der Karawane mit dabei. Das Dorf im Rheinland wird als eines der letzten von den Kohlebaggern des Konzerns RWE bedroht. Auf Einladung aus Mexiko sind die Aktivist*innen im März nach Lateinamerika gereist, um die Karawane zu unterstützen. „Diese Menschen stehen an den Frontlines der Klimakrise und in direkter Konfrontation mit zerstörerischen Großkonzernen. Wir wollen uns mit ihnen austauschen, vernetzen und somit von Menschen lernen, die schon seit 500 Jahren im Widerstand gegen koloniale, patriarchale und kapitalistische Ausbeutung sind“, erklärt Ronni Zepplin aus Lützerath. Die Vernetzung zum Bündnis der Pueblos Unidos, die die Aktivist*innen schon vorher aufgebaut hatten, hat sich während der Karawane intensiviert. Das Ziel, ihre Kämpfe zu verknüpfen und sichtbar zu machen, wurde sogleich in die Praxis umgesetzt: Rund um Ostern organisierten die Pueblos Unidos internationale Aktionstage, an denen digitale Podiumsgespräche, eine virtuelle Demo mit 14 verschiedenen Gruppen und eine Aktion vor der deutschen Botschaft in Mexiko stattfanden. „Wir wollen die Kämpfe in Mexiko mit Öffentlichkeit unterstützen, aber auch die europäischen Konzerne angreifen, die in Mexiko wirtschaften, insbesondere das grüne und soziale Image, mit dem zum Beispiel Danone versucht, seine Produkte zu verkaufen“, so Zepplin.

Auch nach der Karawane soll die gegenseitige Unterstützung weitergehen. Zepplin kommentiert: „Die Kontakte, die wir hier geknüpft haben, wollen wir nutzen, um uns gegenseitig nicht mehr alleine zu lassen. Wenn sie eine von uns angreifen, greifen sie uns alle an.“

PRIVATUNTERNEHMEN MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN

Die mexikanische Regierung hat vor einigen Tagen erklärt, einen Gipfel mit den Lithium-Förderländern der Region, Argentinien, Chile und Bolivien, organisieren zu wollen. Das Treffen soll dem Erfahrungsaustausch dienen und Mexiko dabei helfen, die künftige Lithium-Produktion besser zu definieren, kündigte Präsident Andrés Manuel López Obrador an. Expertise ist durchaus gefragt, denn nach der Verstaatlichung des Lithium-Abbaus in Mexiko gibt es noch viele offene Fragen.

In einer hitzigen Atmosphäre voller Provokationen, Beleidigungen und lautstarker Beschimpfungen hatte Mexikos Parlament Mitte April eine Reform des Bergbaugesetzes beschlossen. Der von Präsident López Obrador eingebrachte Gesetzentwurf erklärt Lithium, das eine wichtige Rolle für die Produktion von Smartphones, Solarzellen und Batterien für Elektroautos spielt, zu einem strategischen Mineral, dessen Erkundung, Abbau und Nutzung in den Händen des Staates verbleibt.

Ein Leitartikel der linken Tageszeitung La Jornada feierte die Entscheidung als „historischen und äußerst positiven Schritt für Mexiko“. Die Gesetzesänderung „stellt einen notwendigen Schutz und eine Garantie für die Entwicklung und Unabhängigkeit des Landes dar“, hieß es.

Die Abstimmung über das Bergbaugesetz erfolgte weniger als 24 Stunden, nachdem die von López Obrador vorangetriebene Verfassungsreform des Energiesektors an der erforderlichen Zweidrittelmehrheit im Parlament gescheitert war. Der Präsident hatte mit der Reform die staatliche Kontrolle über den Strommarkt stärken wollen. Eine empfindliche, aber angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Parlament wohl einkalkulierte Niederlage. López Obrador bezeichnete das Votum der Opposition als „Verrat an Mexiko“. Das setzte den Ton für die Abstimmung über die Änderung des Bergbaugesetzes, für die nur eine einfache Mehrheit nötig war. Mit dieser wurde die Verstaatlichung des Lithiums, eines der Schlüsselelemente der Initiative zur Elektrizitätsreform, doch noch durchgesetzt.

Nach Verstaatlichung gibt es viele offene Fragen

Die Opposition kritisierte die Eile bei der Verabschiedung des Gesetzes und wies darauf hin, dass Lithium bereits nationalisiert und in der Verfassung geschützt sei. Mit dem geänderten Bergbaugesetz sollen nach dem Willen der Regierung Konzessionen für den Lithium-Abbau an private Unternehmen verboten werden, so dass diese extraktive Industrie in der alleinigen Zuständigkeit des Staates liegt. Dafür soll eine öffentliche, dezentrale Behörde geschaffen werden, die so genannte Mexikanische Lithiumagentur (Amlitio). Präsident López Obrador sagte wenige Tage nach der Parlamentsabstimmung, dass die Aufgabe dieser Agentur noch nicht vollständig definiert sei.

In Kürze werde entschieden, ob sie mit dem Finanz-, Wirtschafts- oder Energieministerium verbunden sein wird, obwohl er nicht ausschloss, dass auch das staatliche Energieunternehmen Comisión Federal de Electricidad (CFE) beteiligt sein wird.

„Die mexikanische Regierung hat Recht, wenn sie Lithium schützt“, erklärt der Ökonom Francisco Ortiz von der Universidad Panamericana de México gegenüber BBC. „Das Problem ist, dass wir nicht aus den Fehlern gelernt haben, die bei Pemex aufgetreten sind.“ Der staatliche Erdölkonzern Pemex kümmert sich um die Ölförderung, den Transport und den Vertrieb. „Im Laufe der Jahre haben wir festgestellt, dass dadurch ein ineffizientes Superunternehmen mit Milliarden von US-Dollar Schulden entstanden ist“, sagt Ortíz und spricht sich stattdessen für die Erteilung von „eingeschränkten und kontrollierten“ Konzessionen in einigen Bereichen des Lithiumprozesses aus. Im Gegensatz zu Ländern mit großen Lithiumvorkommen wie Chile oder Bolivien befindet sich das Mineral in Mexiko in tonhaltigem Gestein, das aufgebrochen werden muss, woraufhin das Lithium durch chemische Prozesse herausgelöst wird. „Es gibt bereits Labortests, die gezeigt haben, dass es technisch möglich ist, Lithium aus Ton zu gewinnen, aber wir müssen sehen, ob es wirtschaftlich machbar ist, wir müssen diese Industrie entwickeln“, so Armando Alatorre Campos, Präsident der Hochschule für Bergbauingenieure, Metallurgen und Geologen von Mexiko (CIMMGM) gegenüber dem Wirtschaftsblatt El Financiero.

Mexiko will die Technologie erst entwickeln oder erwerben

López Obrador räumte ein, dass Mexiko nicht über die Technologie für die Lithium-Gewinnung verfügt, „aber wir werden die Technologie entwickeln oder wir werden sie erwerben.“ Die Entwicklung der nötigen Technologie wird voraussichtlich viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nehmen._Aufgrund der geringen Lithium-Konzentrationen der mexikanischen Vorkommen sind die Aussichten auf wirtschaftlich rentable Erschließung aber eher gering. „Das sind langfristige Prozesse mit Investitionen in Höhe von Hunderten von Millionen Dollar, und obwohl einige Vorkommen schon seit Jahren bearbeitet werden, haben wir noch nicht die Erträge, um sagen zu können, dass wir mit der Produktion beginnen werden“, sagt Alatorre. Er beklagt die im Schnellverfahren verabschiedeten Änderungen des Bergbaugesetzes. Die Rechtsunsicherheit werde die Aktivitäten zahlreicher Projekte beeinträchtigen. Vorgängerregierungen hatten acht Konzessionen zum Lithium-Abbau an Privatunternehmen vergeben. Nur eine hat bislang zu Ergebnissen geführt. Es handelt sich um eine Lagerstätte im nördlichen Bundesstaat Sonora im Besitz des britischen Unternehmens Bacanora Lithum, das der chinesische Konzern Gangfeng übernehmen will. Dort sollen ab 2024 jährlich 17.500 Tonnen Lithium gefördert werden. In einer zweiten Phase könnte sich die Produktion auf 35.000 Tonnen pro Jahr erhöhen, was Mexiko theoretisch zu einem wichtigen Produzenten machen würde. Doch seit der Verstaatlichung des Lithium-Abbaus herrscht Unklarheit. López Obrador hat bereits angekündigt: „Alle genehmigten Lithiumverträge werden überprüft.“

Es kommt zu Enteignungen und Zwangsumsiedlungen

Miguel Mijangos Leal vom Mexikanischen Netzwerk der vom Bergbau betroffenen Menschen (REMA) verweist auf das Beispiel Bolivien. „Bolivien – das die mexikanische Regierung in dieser Frage beraten hat – hat das Lithium seit Evo Morales verstaatlicht, und bis heute ist es ihnen nicht gelungen, einen Ausbeutungsprozess zu konsolidieren“, so Mijangos. Die mexikanische Regierung werde es nicht schaffen, Lithium zu nutzen, „es sei denn, sie geht ein Geschäft mit der Privatwirtschaft ein und die verkauft ihr die Technologie.“

Für REMA geht es ohnehin nicht in erster Linie um den Lithiumreichtum in Mexiko, sondern um die sozialen und ökologischen Folgen der Ausweitung des Bergbaus im Zusammenhang mit der Energiewende, da Lithiumbatterien „auch viele andere Metalle benötigen, die mit neuen Technologien einhergehen“. „Es kommt zu Enteignungen und Zwangsumsiedlungen, zur Spaltung von Gemeinschaften und sogar zur Aufgabe von Dörfern“; hinzu komme die „wahllose Nutzung natürlicher Ressourcen wie Wasser, bis sie verbraucht sind“, so die Umweltorganisation.

NACH DEM AUFSTAND: DIE RÄTE VON CHERÁN

Ausgiebige Feierlichkeiten Der Feiertag der Jungfrau von Guadalupe wird in der selbstverwalteten Gemeinde festlich begangen (Foto: Paul Welch Guerra)

Vor dem Häuschen neben den Schranken beziehen vier maskierte Männer in dunkelblauen Uniformen Stellung. Es ist 6 Uhr morgens im zentralmexikanischen Cherán, und nur ganz langsam klart es auf. Hier am Ortseingang ist es Zeit für die Wachablösung. Die uniformierten Neuankömmlinge laden und prüfen ihre Maschinengewehre, während die Nachtwache sich schadenfroh scherzend in den morgendlichen Feierabend verabschiedet. Ein großes Schild neben der Straße klärt auf: „Die Indigene Gemeinde von San Francisco Cherán heißt dich willkommen. Hier richten wir uns nach Bräuchen und Traditionen. Wir fordern Respekt, Sicherheit, Gerechtigkeit und die Wiederherstellung unseres Territoriums.“

Die Wachen sind Teil der Ronda Comunitaria, einer indigenen Selbstverteidigungseinheit, die in der 20.000-Einwohner*innen-Stadt für Sicherheit sorgt. Seit 11 Jahren bewachen sie Tag und Nacht die Barrikaden – so nennen die Menschen aus Cherán die Kontrollposten. Gebaut wurden die Barrikaden am 15. April 2011. Es ist der Tag, an dem sich Cherán erhoben hat, um Drogenkartelle, illegale Holzfäller sowie die korrupten politischen Parteien aus ihrer Stadt zu werfen. Der Beginn einer tiefen politischen Umwälzung, die so keiner in Cherán geplant hatte.

Demokratie und Tortillas am Feuer

Von den Barrikaden sind es fünf Minuten Autofahrt in die belebte Innenstadt. Vor der Kirche El Calvario wird heute, wie so oft am Wochenende, ausgiebig mit Blaskapellen, Stepptänzen und Tequila gefeiert. Es ist der Feiertag der Jungfrau von Guadalupe, für die indigene, überwiegend katholische Purépecha-Gemeinde ein wichtiges Ereignis. Kinder spielen bis spät in die Nacht unbeauf-sichtigt auf der Straße. Doch ein großes Wandbild an der Kirchenmauer erinnert an Zeiten, in denen das nicht denkbar gewesen wäre. Es zeigt ein schmerzerfüllt schreiendes Gesicht, eine Gestalt halb Mensch, halb Baum, mit einem Kopf aus Ästen. Der Wald und das menschliche Leben im Leid vereint.

Doña Chepa, die nur wenige Häuser weiter in ihrer offenen Küche sitzt, erinnert sich nur ungern an die Jahre zwischen 2008 und 2011, in denen immer mehr illegale Holzfäller in die Wälder um Cherán eindrangen – geschützt vom berüchtigten Drogenkartell La Familia Michoacana: „Sie kamen täglich bewaffnet mit ihren Pickups hier an. Und das auch noch mit der Selbstverständlichkeit, als würden sie ihr eigenes Haus betreten. Uns blieb nichts anderes übrig als die Köpfe gesenkt zu halten.“ 200 bis 300 Pickups fuhren Anfang 2011 täglich durch die Stadt, um das Holz zu holen. In drei Jahren hat die Gemeinde so über 7.000 Hektar Wald verloren – und ihre Sicherheit: Entführungen, Morde und Schutzgelderpressung sorgten für ein ständiges Klima der Angst.

Auch das Vertrauen in die Politik bröckelt in dieser Zeit immer mehr, denn für viele Bewohner*innen ist die Untätigkeit der Behörden ein Beweis, dass sie längst mit dem Kartell gemeinsame Sache machen. „Ein Schweinegeschäft“ sei die Politik hier schon immer gewesen, meint Doña Chepa. Trotzdem hat die 70-jährige Bäuerin, wie viele andere hier, immer treu die gleiche Partei unterstützt. Bis sie dann selbst maßgeblich dazu beigetragen hat, dass es heute keine Parteien mehr in Cherán gibt.

Avocados oder Wasser

Losgetreten wurde der Aufstand vom 15. April 2011 von 15 Frauen. Die Hiobsbotschaft, dass die Holzfäller inzwischen eine für die Purépecha heilige Wasserquelle im Wald erreicht hätten, markierte eine neue Stufe der Eskalation. Aus purer Verzweiflung und ohne genaueren Plan verabredete sich Doña Chepa im Morgengrauen mit Nachbar*innen vor der Kirche, um die Straße zu blockieren, die direkt zur Quelle führt. Mit Feuerwerken und wildem Kirchenglockengeläute weckten sie die ganze Stadt. „Wer weiß wo die alle herkamen, aber Gott sei Dank kamen viele. Um 8 Uhr hatten wir den ersten Pickup mit Holz blockiert“. Dann, erzählt sie mit leiser Stimme, ging alles ganz schnell. Immer mehr Menschen kamen angerannt, um zu helfen. Fünf Holzfäller wurden entwaffnet, verprügelt und in der kleinen Kirche eingesperrt. Ein Versuch des Kartells in Zusammenarbeit mit der Polizei, die gefangenen Holzfäller zu befreien, konnte wie durch ein Wunder mit Böllern und Steinen verhindert werden – doch ein Cousin von Doña Chepa wurde dabei erschossen. In Rage setzten die Aufständischen mehrere der Holztransporter in Brand – kurz darauf fliehen der korrumpierte Gemeindepräsident und seine Gehilfen. Aus Angst vor Racheakten bauten die Bewohner*innen an allen Ortseingängen Barrikaden. Es beginnt ein fast einjähriger Belagerungszustand. An jeder Ecke entstehen Feuerstellen, an denen Tag und Nacht gekocht, geredet und koordiniert wird.

Heute spielen die Feuerstellen eine zentrale Rolle in der Organisation der Gemeinde. Knapp 200 gibt es auf dem Papier. Jede Stelle entsendet einen Koordinatorin in die wöchentliche Stadtteilversammlung. Die Feuerstelle 37 ½ – eine Abspaltung der Feuerstelle 38 – gehört zu den aktivsten. Unter einem kleinen Holzverschlag direkt am Straßenrand sitzen hier um 22 Uhr etwa zehn Menschen dicht zusammen und wärmen sich an den Flammen – Kleinkinder, Jugendliche, Erwachsene und Senior*innen. Weizentortillas werden mit Käse gefüllt und auf einem Rost erwärmt. Eine feste Tagesordnung gibt es bei den Treffen nie, erklärt Eudelia Madrigal Chávez (57), die mit ihrem Sohn direkt gegenüber wohnt. Tratsch, Berichte aus Nachbarschaftsversammlungen, Handymusik, hupende Autos und politische Entscheidungen verflechten sich zu einem dynamischen Abendprogramm.

Erst Hausfrau, jetzt Ortsrätin Eudelia Madrigal Chávez wohnt mit ihrem Sohn in Cherán und sitzt im Nachbarschaftsrat (Foto: Paul Welch Guerra)

In den Tagen nach dem Aufstand wurden an den Lagerfeuern von Cherán radikale Entscheidungen getroffen: die Verbannung aller Parteien, Wahlen und Behörden, die Gründung einer lokalen Selbstverteidigungseinheit, sowie die Entwicklung einer Rätedemokratie basierend auf Bräuchen der Purépecha. Ein Ältestenrat, ein Rat für Gemeingüter, ein Jugendrat und weitere Räte werden alle drei Jahre durch die Feuerstellen nominiert und anschließend auf Stadtteilversammlungen per Handzeichen gewählt. Schon früh setzte die Gemeinde darauf, ihre Autonomie auch rechtlich gegenüber dem mexikanischen Staat durchzusetzen. Der zweite Artikel der mexikanischen Verfassung sieht das kollektive Recht auf politische Selbstbestimmung für indigene Gemeinden theoretisch vor. Praktisch wurde dieses Recht nie realisiert. Doch 2014, nach jahrelangen Prozessen, gelingt es Cherán sich vor dem Verfassungsgericht durchzusetzen. Die erste offiziell anerkannte selbstbestimmte indigene Gemeindeverwaltung Mexikos war geboren. Ein Meilenstein, aber auch eine große Verantwortung: Wer kümmert sich um die politischen Tagesgeschäfte, wenn es keine Berufspolitiker*innen mehr gibt?

Eudelia hatte das zumindest nie vor. Sie ist immer gerne zu den Lagerfeuern gegangen, doch mit Politik wollte die Hausfrau nichts zu tun haben. Aber alles kam anders, nachdem ihr Mann, wie so viele hier, in die USA ausgewandert und wenig später dort gestorben ist. Der Koordinator von ihrem Lagerfeuer schlug ihr vor, für den Rat der Nachbarschaft zu kandidieren, um auf andere Gedanken zu kommen. Der Rat der Nachbarschaft ist ein Schlüsselgremium in der jungen Rätedemokratie Cheráns, denn er bildet ein Scharnier zwischen Feuerstellen, Stadtteilversammlungen und den Räten, zuvorderst dem Ältestenrat. Er soll Hierarchien abbauen und den Informationsfluss aufrechterhalten. „Ich habe ihm gesagt, dass ich die Grundschule nie abgeschlossen habe und nicht mal schreiben kann. Aber er hat einfach nicht lockergelassen und mir Mut zugesprochen“, erzählt Eudelia schmunzelnd. In Eudelias Familie kam der Vorschlag überhaupt nicht gut an, viel zu groß sei das Sicherheitsrisiko, sich so zu exponieren. Was sie dazu geritten hat, sich dann doch dafür zu entscheiden, kann sie heute selbst nicht mehr so recht erklären. Aber ihre Kandidatur war erfolgreich. Sie ist heute eine von zwölf Nachbarschaftsrät*innen. Sie erzählt das betont nüchtern, doch der Stolz ist ihr anzumerken.

Am nächsten Morgen ist Markt auf dem Rathausplatz von Cherán. Händler*innen aus der ganzen Region verkaufen Kleidung, Heilkräuter und Gemüse aller Art. Doch Avocados aus Cherán sucht man hier vergeblich. Dabei liegt die Stadt eigentlich mitten im wichtigsten Avocado-Anbaugebiet Mexikos. Rund 30 Prozent der weltweit produzierten Avocados stammen aus Michoacán, dem Bundesstaat, in dem Cherán liegt. Ein handgemalter Aushang am Eingang des Rathauses erklärt: „Denkt daran, dass sich alle vier Viertel darauf geeinigt haben, dass der Anbau von Avocados in Cherán verboten ist. Helft uns, unsere Gemeinde frei von Problemen zu halten“.

Gerechtigkeit ohne Staat?

Gleich mehrere Drogenkartelle kämpfen mit Übernahmen von Plantagen und Schutzgelderpressungen um die Vorherrschaft auf dem Avocadomarkt. Das Geschäft mit Avocados boomt weltweit. Für die Kartelle ist die Branche eine ideale Anlagemöglichkeit, um Geld zu waschen. Umweltschützer*innen, die auf die verheerenden gesundheitlichen und ökologischen Folgen des Avocadoanbaus hinweisen, droht der Tod, genauso wie Händler*innen und Bäuerinnen, die nicht kooperieren wollen. Am 11. Februar hatte die USA überraschend einen zweiwöchigen Importstopp von Avocados aus Mexiko erlassen, weil ein US-amerikanischer Agrarinspektor in Michoacán Todesdrohungen erhalten hatte.

Pedro Tapia kennt die Schattenseiten der Avocado-Industrie rund um Cherán gut. Der 46-Jährige war lange Obsthändler, heute arbeitet er für die lokale Wasserverwaltung. „Wir sind die einzige Gemeinde hier, die den Avocadoanbau verboten hat. Sobald du Cherán verlässt, siehst du die Plantagen überall. Doch die Pflanzen brauchen extrem viel Wasser und wir haben sowieso schon zu wenig davon.“ Eine Avocado braucht bis zu 600 Liter Wasser, um zu gedeihen. Die Entscheidung, sie nicht mehr anzubauen, fiel sofort nach dem Aufstand 2011. Aber einfach sei sie nicht gewesen: „Wir essen gerne Avocado hier und verkaufen lässt sie sich auch gut, im Gegensatz zu Mais, bei dem die Preise im Keller sind“. Es wundert Pedro deswegen kaum, dass manche hier in Cherán trotzdem ein paar Avocadobäume in ihren Gärten stehen haben.

Die Wasserknappheit in Cherán ist selbst ohne den Anbau von Avocados ein ernstes Problem. Deshalb hat der Ältestenrat 2015 den Bau einer Regenwasserauffanganlage beschlossen, die größte Lateinamerikas mit einem Fassungsvermögen von 20 Millionen Litern – so groß wie etwa zehn olympische Schwimmbecken. 2016 wurde das Projekt fertiggestellt, auf dem Krater eines Berges direkt hinter der Stadt. Heute will Pedro hier oben den Wasserstand prüfen. Mit zügigem Schritt läuft er den steilen Waldweg hoch und erklärt: „Auf dem Gipfel wird das Wasser aufgefangen und durch ein mehrlagiges Sediment von Steinen, Sand und anderen Materialen gefiltert.“ Am Fuß des Berges steht eine Wasseraufbereitungsanlage, wo das Wasser in Trinkwasserqualität abgefüllt wird. Trinkwasserversorgung war hier, wie im Rest des Landes, weitestgehend privatisiert. Die Rekommunalisierung hat die Wasserpreise nun drastisch reduziert: „Neun mexikanische Pesos (ca. 40 Cent) kostet unser 20 Liter-Behälter, der von Coca-Cola mehr als das Vierfache. Deswegen kaufen jetzt auch alle unser eigenes Wasser.“

Das Regenauffangbecken ist ein Vorzeigeprojekt der jungen Rätedemokratie in Cherán. Doch nicht alle Geschichten nach dem Aufstand sind Erfolgsgeschichten. „In Cherán wird viel von außen reinprojiziert, auch wir selbst müssen aufpassen, Cherán nicht zu romantisieren“, sagt der Lehrer Juan Manuel Rojas. Der 66-Jährige weiß, wovon er spricht. Seit vielen Jahrzehnten ist er in den oppositionellen Kämpfen von Indigenen, Bäuer*innen und Studierenden involviert. Doch dann, 2018, übernahm er zum ersten Mal selbst so etwas wie Regierungsverantwortung, als einer von zwölf K’eris. So heißen die Mitglieder des Ältestenrates, die für jeweils drei Jahre eine zentrale politische Rolle einnehmen. Erst vor wenigen Monaten endete Juans Legislatur im Rat.

Nicht alle Geschichten nach dem Aufstand sind Erfolgsgeschichten

Wenn der Lehrer über die Probleme seiner Gemeinde spricht, tut er das mit einer leisen Stimme und wählt jedes Wort sorgsam. „Wir sind bisher daran gescheitert, die Frage zu beantworten, wie eine Gerechtigkeit basierend auf Traditionen der Purépecha aussehen kann.“ Eine Frage, die sich schon in den ersten Stunden des Aufstandes aufdrängte, nachdem die fünf Holzfäller gefangen genommen wurden. Nur knapp gelang es erfahrenen Gemeindemitgliedern damals, einen Lynchmord an den verhassten Eindringlingen zu verhindern. Aber eine Übergabe der Gefangenen an staatliche Behörden schien ebenfalls undenkbar, zu sehr waren jene selbst mit den Kartellen verbandelt. Nach mehreren Tagen in Haft wollten auch die Gefangenen auf keinen Fall mehr an staatlichen Behörden ausgeliefert werden – zu groß war die Angst, sofort an die Kartelle weitergegeben zu werden und dort wohlmöglich als potenzielle Verräter in Ungnade zu fallen. „Wir haben sie trotzdem übergeben, zwecks mangelnder Alternativen, und dann nie wieder etwas von ihnen gehört.“

Auch 11 Jahre nach dem Aufstand bleibt das Dilemma: Ein juristischer und institutioneller Rahmen auf lokaler Ebene fehlt, um angemessen auf schwere Verbrechen reagieren zu können. „Alle Familien hier kennen sich. Es ist deshalb schwierig, Gerechtigkeit walten zu lassen, ohne dass bei Menschen Ressentiments entstehen. Kleinere Delikte können wir durch Vermittlung lösen, doch bei schweren Verbrechen müssen wir uns an externe Institutionen wenden.“

Zwar gilt Cherán inzwischen als eine der sichersten Städte im Bundesstat Michoacán, doch die gewaltvollen Verhältnisse aus der Umgebung sind hier durchaus spürbar. „Von externen Sicherheitskräften haben wir Hinweise bekommen, dass Cherán nach 2011 zu einem Versteck für Drogenhändler und Drogen geworden ist – denn die Behörden durften ja nicht rein“, erklärt Juan Manuel Rojas. Deswegen kooperieren die Räte heute in Sicherheitsfragen eng mit Landes- und Bundespolizei. Es passt in die pragmatische Linie, die Cherán von anderen indigenen Autonomieprojekten wie den Zapatistas im Süden Mexikos unterscheidet. Für Juan ist klar: „Wir sind Teil des mexikanischen Staates. Wir sind nicht unabhängig und wollen es auch nicht sein“.

„KINO EXISTIERT, UM ERFAHRUNG ZU ERSCHLIESSEN“

NATALIA LÓPEZ GALLARDO wurde in Bolivien geboren, hat aber mehr als die Hälfte ihres Lebens in Mexiko verbracht. Oder, wie sie es selbst ausdrückt: „Dort ist mein Zuhause, das Universum meiner Vorstellung“. Auch ihre cineastische Laufbahn hat sie in Mexiko verbracht. Nach einem Filmstudium arbeitete sie dort hauptsächlich als Cutterin und wirkte in dieser Funktion an mehreren preisgekrönten Filmen mit. (Foto: Natalia López Gallardo)

Sie sind Bolivianerin, leben aber in Mexiko. Hat Ihr Film eher eine interne oder externe Perspektive auf das Land?

Es ist eine interne Perspektive. Ich wohne seit 15 Jahren in einer ländlichen Region in Mexiko. Genauer gesagt im Bundesstaat Morelos, im Zentrum von Mexiko, wo ich auch meinen Film gedreht habe. Ich habe mit den Menschen dort zusammengelebt, bin mit dem Auto durch den kompletten Bundesstaat gefahren und war also ganz nah dran. Der Film spielt aber an keinem spezifischen Ort. Die Geschichte könnte auch woanders in Mexiko oder sogar in Kolumbien oder einem anderen Schauplatz in Lateinamerika passieren. Sehr mexikanisch ist allerdings die Landschaft. Wir haben auf dem Höhepunkt der Trockenzeit gefilmt und da ist es in Mexiko wirklich extrem trocken. Das war auch von uns so beabsichtigt. Das Licht ist total intensiv und hell, alles sieht gelb und ausgedörrt aus. Das ergab einen starken Kontrast mit den sehr dunklen Szenen, die es im Film auch gibt.

In Ihrem Film geht es um den Drogenhandel und seine Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Zu diesem Thema wurden in den vergangenen Jahren viele Filme und Serien produziert. Wie unterscheidet sich ihre Herangehensweise beispielsweise von einer Serie wie „Narcos“?

Von Beginn meiner Recherche an, während der ich Interviews mit Betroffenen gemacht und Zeitungsartikel ausgewertet habe, war mir eines klar: Ich wollte keinen Film über den Drogenhandel oder die Gewalt machen. Es ist ein sehr komplexes Thema und es gibt tolle Dokumentationen und Bücher, die die Situation aus einem politischen, ökonomischen oder historischen Blickwinkel analysieren. Ich dagegen wollte mich der psychologischen Dimension annähern. Als ich die Interviews mit Müttern von Verschwundenen geführt habe, habe ich bemerkt, dass ich in keiner Weise nachfühlen konnte, was sie fühlten. Ich habe mich unwohl damit gefühlt, auf eine Art schuldig. Aber obwohl ich mich in ihre Situation nicht hineinversetzen konnte, teilen wir in Mexiko doch alle ein bestimmtes Gefühl. Wir haben das oft und auf viele Arten gespürt. Seit vielen Jahren sehen wir gefolterte Menschen, die Gesichter der Verschwundenen, Karten von Gräbern. So lange schon absorbieren, akzeptieren wir das. Es hat sich in unser Unterbewusstsein eingeprägt. Dieser unsichtbaren Dimension, die wir alle in uns tragen, wollte ich mich annähern. Ich glaube sehr daran, das mit den Mitteln des Kinos schaffen zu können.

Gab es einen Moment, in dem Sie entschieden haben: Ja, jetzt muss ich einen Film über dieses Thema machen?

Es gab nicht den einen Moment, in dem ich mich entschieden habe. Aber in dem Moment, als ich die Menschen, die von dieser Tragödie betroffen sind, persönlich getroffen habe, fühlte ich eine Notwendigkeit, darüber einen Film zu machen. Mir war ganz klar, dass ich keinen Film ÜBER Verschwundene, ÜBER den Drogenhandel, ÜBER die Gewalt machen möchte, sondern es sollte da-rüber hinausgehen. Ich weiß nicht, ob ich das geschafft habe, aber das war meine Idee.

In Ihrem Film sind Frauen die Protagonistinnen, vor allem die rätselhafte Isabel. Können Sie etwas über Ihre Motive sagen?

Es ist richtig, dass Isabel eine enigmatische Figur ist. Sie fügt sich selbst Gewalt zu, das beschreibt ihre Persönlichkeit. Auf der anderen Seite ist sie aber auch eine sehr fragwürdige Figur. Sie ist weiß, sie ist eine Fremde und denkt trotzdem, dass sie die Möglichkeit hat, zu helfen. Das ist alles sehr kritikwürdig und hat mit dem westlichen Denkmuster zu tun, dass man immer denkt, vernünftig zu sein und deshalb auch anderen Vernunft beibringen zu können. Das ist etwas, was in Mexiko oft zu sehen ist. Sie fühlt sich schuldig, kann die Situation aber nicht lesen. Weil sie aus einem anderen Universum kommt. Sie versteht auch ihre eigenen Gefühle nicht. Sie ist verwirrt, kennt ihren Platz in der Welt nicht. Ihre Verwirrung führt aber nicht dazu, dass sie demütig wird. Sie geht nicht zu den Menschen und bittet sie: „Erklärt mir, was hier los ist. Ich verstehe es nicht!“ Stattdessen geht sie zu ihnen und sagt: „Ich weiß genau, was hier zu tun ist!“ Sie agiert aus dieser Verwirrung heraus und scheitert deshalb komplett.

Die audiovisuelle Sprache im Film ist sehr interessant. Über Bilder und Geräusche scheint viel mehr vermittelt zu werden als über Dialoge. War das Ihre Idee?

Ich vertraue sehr auf die Mittel des Kinos, um eine Botschaft zu vermitteln. Ich glaube, dass das Kino viel mehr kann, als nur Informationen überbringen, um eine Geschichte zu erzählen. Das Kino ist nicht da, um Geschichten zu erzählen. Das Kino existiert, um Erfahrungen zu erschließen. Diese Erfahrungen sind mit dem Körper verbunden, ein intuitiver Prozess.

Das Narrativ ist nur ein Werkzeug von vielen, aber nicht das wichtigste. Es ist genauso wichtig wie die Dialoge, die Größe des Bildes, die Bewegung der Kamera, der Ton. Wenn man eine Szene konstruiert, trifft man eine Auswahl über all diese Dinge: Den Dialog, die Farben, die Position der Kamera, die Bewegung, den Ton – all diese Elemente. In dem Moment, in dem man das alles auswählt, hofft man, dass irgendetwas, von dem man noch nicht genau weiß, was es ist, passiert. Aber man vertraut auf alle Elemente.

Bei diesem Film war der Ton für mich das wichtigste Element. Weil ich bemerkt habe, dass der Ton mir geholfen hat, den Raum zu konstruieren. Das Visuelle ist für mich begrenzt. Ein Blick zieht eine Grenze zwischen dir und mir. Aber wenn ich nur zuhöre, dringt deine Stimme in mich ein. Ich fühle, dass der Ton uns verbindet. Blicke trennen uns auf eine Weise.

Es gibt viele Möglichkeiten, über den Ton zu sprechen. Der Ton ist nichts Bestimmtes. Er ist ambivalent. Wenn man in einem dunklen Raum ist, aktiviert man alle anderen Sinne. Man beginnt zu tasten, langsamer zu laufen, zu horchen. Das alles wird viel wichtiger. Über eine psychologische Befindlichkeit, eine spirituelle Wunde mithilfe des Visuellen oder mit Wörtern zu sprechen, war für mich sehr schwierig. Ich vertraue sehr stark auf den Ton, um eine psychologische Dimension zu konstruieren.

Wenn Sie nur eine Sache an der aktuellen Situation in Mexiko verändern könnten – was wäre das?

Um das zu erreichen, was ich verändern will, braucht es große Anstrengung und es sind viele Dinge nötig. Ich denke, dass wir wieder ein Gemeinschaftsgefühl herstellen müssen. Ich weiß nicht genau wie, aber wir müssen beginnen, etwas zu fördern, das wieder allen gemeinsam gehört. Ich glaube, das ist verloren gegangen. Wir kämpfen nicht mehr alle gemeinsam für etwas. Unsere Ungewissheit, unsere Angst, unsere Unsicherheit kommt daher, dass wir nichts Gemeinsames mehr teilen. Also würde ich damit beginnen, wieder etwas aufzubauen, das uns allen gehört. Das passiert momentan nicht, es geht vielen darum, die eigene Haut zu retten.

Gilt das auch für Filmemacher*innen? Für Journalist*innen ist Mexiko seit vielen Jahren eines der gefährlichsten Länder der Welt. Gibt es Drohungen auch gegenüber Menschen, die Filme machen?

Mir persönlich ist in dieser Hinsicht noch nichts passiert, aber ich habe tausend Geschichten gehört. Wenn man Dokumentarfilme macht, sieht das sicher anders aus. Unser Film ist komplett fiktiv und wir haben beim Dreh auch nicht mit Menschen gearbeitet, die von der Gewalt betroffen waren. Also habe ich keine Gefahr gespürt. Es gab Momente, in denen wir in etwas heiklen Situationen waren. Nachts mussten wir an einigen Orten aufpassen, vorher anmelden, dass wir uns dort aufhalten würden. Mexiko ist bekanntermaßen auf gewisse Weise ein gesetzloser Ort. Die Menschen sind auf der einen Seite überall sehr freundlich, es gibt aber auch eine dunkle Seite. Dazwischen bewegt man sich immer und manchmal weiß man nicht, auf welcher Seite man gerade ist. Ein falscher Schritt kann dich diese Grenze übertreten lassen. Wie man in Mexiko sagt: Mexiko ist fantastisch, alle Leute sind supercool und alles ist perfekt, bis … es eben nicht mehr so ist. Und in diesem Moment bricht die Hölle los.

Glauben Sie, dass Sie mit der Art ihrer Erzählweise ihr Publikum überfordern könnten?

Wir sind an eine bestimmte Art, ein System des Erzählens, gewöhnt. Ist es nicht komisch, dass die gleiche Fernsehserie einem 10-jährigen Kind genauso gefallen kann wie einer 80-jährigen Frau? Das finde ich sehr konservativ. Das ist nicht normal. Wir standardisieren gerade alles. Alles wird gleichgemacht. Das ist nichts Positives. Wir brauchen die Vielfalt. Wir müssen uns trainieren, auf der einen Seite Spiderman zu sehen, auf der anderen Seite aber auch einen Film, der uns fordert, der uns zum Nachdenken anregt, eine neue Erfahrung darstellt. Das Problem ist, dass so viele Menschen heute an Spiderman und Co. gewöhnt sind, dass ihnen alles andere nicht mehr akzeptabel erscheint. Unser westliches Denken möchte immer sofort eine Erklärung für alles haben, wir strukturieren, analysieren, fragen verzweifelt nach dem Warum. Man sollte sich stattdessen öfter ein wenig Zeit nehmen, um die Dinge wirken lassen.

SOG DER GEWALT

Antonia Olivares und Daniel García in Robe of Gems (Foto: © Visit Films)

Bewertung 4 / 5

„Zieh das Zeug aus! Auf der Stelle wirfst du das in den Müll!“ Roberta, der örtlichen Polizeichefin in Robe of Gems, dem mexikanischen Wettbewerbsfilm der Berlinale 2022, passt es gar nicht, wie ihr Sohn Adán so herumläuft. Teure T-Shirts und Marken-Turnschuhe, weite Hosen, glitzernde Ohrringe, Halskettchen aus Gold und Silber – das ist der Look, mit dem sich normalerweise der Nachwuchs der Narcos, also der Drogenmafia, zu erkennen gibt. Deshalb herrscht Roberta Adán an, bis er nur noch in Unterhosen auf dem Vorplatz ihres Hauses herumsteht. Aber der Drogenhandel und die Gewalt, die er mit sich bringt, lassen sich nicht einfach abstreifen wie ein paar Kleidungsstücke. Das wird auch Roberta im Laufe des Filmes noch mehrfach zu spüren bekommen.

Natalia López Gallardo, die Regisseurin von Robe of Gems, ist Bolivianerin, lebt aber seit 15 Jahren selbst im ländlichen Mexiko und musste dort aus nächster Nähe den „fortschreitenden Kollaps der sozialen Struktur“, wie sie es selbst beschreibt, beobachten. Mit ihrem Debütfilm als Regisseurin hat sie nun eine beeindruckende, manchmal rätselhafte, aber ungeheuer wirkmächtige Collage über die alles dominierenden Strukturen der brutalen Gewalt in ihrem Umfeld vorgelegt. Der Film folgt dabei dem Schicksal dreier Frauen: Isabel, selbstbestimmt und undurchschaubar, zieht nach ihrer Scheidung in ein von ihrer Mutter verlassenes und halb verfallenes Anwesen auf dem Land. Maria, ihre Hausangestellte, sucht ihre verschwundene Schwester und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und Roberta kämpft in der Polizei und in ihrer eigenen Familie gegen die Windmühlen des Drogenhandels, die vor allem Frauen wenig Möglichkeiten lassen, ihr Leben unabhängig und ohne Furcht zu gestalten. Denn was Mercé, Marias Mutter, zu Beginn des Filmes der Outsiderin Isabel sagt, die bei der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter helfen will, bewahrheitet sich im Laufe der Geschichte immer deutlicher: „Bei allem Respekt, aber Sie wissen nicht, dass die Dinge hier bei uns anders laufen.“

Robe of Gems macht es seinen Zuschauer*innen nicht leicht, die Zusammenhänge zu verstehen, die den zähen Sog der Gewalt aufrechterhalten, der die Gemeinschaft der Bewohner*innen in den kleinen Dörfern und Anwesen wie ein unsichtbares Netz verbindet und langsam von innen zerfrisst. Nach außen bewahrt alles den Anschein des Normalen, doch ein Schritt in die falsche Richtung, ein unbedachtes Wort kann fatale Konsequenzen haben. López Gallardo folgt dabei einer ungewöhnlichen Methode: Sie macht das Sichtbare unsichtbar. Was zunächst paradox klingt und beim Betrachten des Films oft anstrengend wirkt, ergibt in der Gesamtschau Sinn. In Dialogen wird das Offensichtliche meist nicht gesagt („Alles in Ordnung, es ist nichts passiert“, wiederholt Maria im Gespräch mit einer Bekannten beispielsweise immer wieder, während ihr Tränen über die Wangen laufen). Die Erzählung folgt Personen, verliert sie, findet sie später in neuen Situationen wieder, ohne zu erklären, wie sie hineingeraten sind. Gesichter sind oft nur schemenhaft oder gar nicht zu erkennen, die Kamera filmt von hinten oder fokussiert auf Gegenstände und Körperteile, die außerhalb des Zentrums der Aktion liegen. Und versetzt das Publikum damit in die ausweglose Situation der Bewohner*innen der von Gewalt beherrschten Umgebung, die ihre verschwundenen Angehörigen suchen und mit bruchstückhaften Informationen und ihrer Verzweiflung oft alleingelassen sind.

Töne und Bilder sind in Robe of Gems häufig wichtiger und aussagekräftiger als das Gesagte. Geräusche wie das Zirpen der Insekten sind laut, manchmal überlaut zu hören und die karge Landschaft, gezeigt in matten Farben, bildet den Hintergrund für eine von Zwängen und unausgesprochenen Regeln beherrschte Lebensrealität, die sich eindeutigen Deutungen entzieht. Das macht den Film streckenweise zu einem harten Brocken, der vermutlich nicht alle Zuschauer*innen befriedigt zurücklassen wird. Sich auf Robe of Gems einzulassen, lohnt sich aber nicht nur aufgrund der beeindruckenden Bilder, die für die große Leinwand wie gemacht sind. Was Kino leisten kann, ist nicht nur, Geschichten zu erzählen, sondern auch Gefühle zu vermitteln. Dieses Potenzial hat Natalia López Gallardo mit ihrem Debüt auf beeindruckende, in ihrem Fall fast beängstigende Weise ausgeschöpft.

Vom Glauben abgefallen

Diego Armando Lara Lagunes in El reino de Diós, Berlinale 2022 (Foto: © Jaqueca Films)

Bewertung 2 / 5

„Und hier kommt Kardashian… Niemand kann sie schlagen, sie gewinnt immer!“ Neimars Stimme überschlägt sich fast. Doch so wenig der achtjährige Junge aus einem Dorf in Veracruz in Südmexiko im Film El reino de Diós (Das Reich Gottes) selbst mit dem brasilianischen Fußballstar gemeinsam hat, so wenig denkt er beim Namen Kardashian an Reality-TV. In seiner Fantasie ist Kardashian ein Pferd und Neimar spielt ein Rennen von ihr nach, denn das ist es, was er über alles in der Welt liebt: Pferde. Bei seiner Lieblingsstute darf er sogar schon ab und zu die Pflege übernehmen und als Dank dafür bekommt er seinen Anteil am Preisgeld, wenn sie Rennen gewinnt. Zeit dafür hat er genug, denn zu Hause kümmert sich kaum jemand um ihn. Der Vater hat schon lange das Weite gesucht, die Mutter ist meistens arbeiten oder bei ihrem Freund, nur die Großmutter ist manchmal da und spielt mit ihm. Ansonsten verbringt Neimar seine Freizeit mit Schweinen, Hühnern oder eben Pferden. Da seine Erstkommunion bald ansteht, besucht er aber auch regelmäßig den Unterricht, der die Kinder darauf vorbereiten soll. Dort lernen sie unter anderem die Zehn Gebote auswendig, um Gott nach der Kommunion näher sein zu können, wie Neimars Großmutter ihm erklärt. Doch in seinem Leben ereignen sich bald Dinge, die ihn weit mehr beeinflussen werden als die bevorstehende Feier.

Regisseurin Claudia Sainte-Luce stammt selbst aus einem Dorf in Veracruz und hat den Film mit Laiendarsteller*innen von dort besetzt. Die Hauptrolle spielt ihr Neffe Diego. El reino de Diós zeigt eine Welt, in der es Jungen schwer haben, verlässliche männliche Vorbilder zu finden. Am meisten Kontakt hat er mit den Pferdepflegern, die ihn aber meistens auslachen und sexistische Bemerkungen über Frauen machen, die er nicht versteht. Ebenso wenig kindgerecht ist der Religionsunterricht, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen: Mit hochgestochenen Bibelzitaten versucht der Lehrer die Kinder von Gottes Liebe zu überzeugen. Die Botschaft dahinter – die Kirche versagt bei ihrer Aufgabe, sich um die Alleingelassenen zu kümmern – wird allerdings etwas zu sehr mit dem Holzhammer vermittelt. Neimar hat angesichts der völlig abgehobenen Kirchenzeremonien fast keine andere Chance, als vom Glauben abzufallen. Dass dieser nicht unbedingt mit Kirche gleichzusetzen ist, arbeitet der Film leider nicht ausreichend heraus. Durch das Fehlen positiver Beispiele verpasst er das Ziel, eine Diskussion über Glauben und Gott zu eröffnen, die auch Kinder interessieren könnte. Gegen Ende geschehen zudem einige ziemlich schockierende Ereignisse. In Verbindung mit der stark sexualisierten und sexistischen Ausdrucksweise der Pferdepfleger ist El reino de Diós deshalb für jüngere Kinder nur eingeschränkt empfehlenswert.

Diego Armando Lara Lagunes in El reino de Diós, Berlinale 2022 (Foto: © Jaqueca Films)

Lizbeth Gabriela Nolasco Hernández, Margarita Guevara Gonzales und Diego Armando Lara Lagunes in El reino de Diós, Berlinale 2022 (Foto: © Jaqueca Films)

Zwei Stimmen, viele Ebenen

Mis dos voces, Berlinale 2022 (Foto: Courtesy of Rayon Verde)

Auf den allerersten Blick könnte der Dokumentarfilm Mis dos voces von Lina Rodriguez ein Architekturfilm sein, wenn die Kamera langsam die Fassaden von Hochhäusern in Toronto erklimmt. Vieles eröffnet sich bei diesem Film erst auf den zweiten Blick, denn Rodriguez setzt die filmischen Mittel Ton und Bild nicht direkt zueinander ins Verhältnis, sondern lässt sie umeinander kreisen.

Die Protagonistinnen Ana (Garay) Kostic, Marinela Piedrahita und Claudia Montoya hat es zu verschiedenen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen nach Kanada verschlagen. Ihre Herkunftsländer Kolumbien und Mexiko spielen mal mehr, mal weniger eine Rolle in den abwechselnden Erzählungen der drei Frauen, die stets als Stimmen aus dem Off die grobkörnigen Bilder des 16-mm-Films überlagern. Währenddessen gleitet die Kamera über Alltagsgegenstände, Dekoartikel und Einrichtungselemente. Die Bildsprache verliert sich im Detail, zwei Hände, die abwaschen, Close-Up-Aufnahmen von Füßen, die bei einer Parade tanzen. Erst ganz am Ende erreichen die Kamerabilder die Totale, so dass die Protagonistinnen mit ihren Familien zu sehen sind.

Die Erfahrungen der drei Frauen kreisen um Erinnerungen, um teilweise gewaltvolle Erlebnisse aus der Vergangenheit und deren Folgen für die Gegenwart. Durch die indirekte Form bleiben die Erzählungen vage. Die Stimme im Hintergrund berichtet von traumatischen Erfahrungen wie einem Bombenalarm in Medellín mitten in der Nacht, bei dem Pablo Escobar mit Megafon Menschen anweist und damit unbewusst die Protagonistin vor der kurz danach eintretenden Explosion warnt. Sie erzählt aber auch von schwierigen Momenten des Ankommens in der neuen Heimat, die scheinbar diametral zu den farbenfrohen Detailaufnahmen stehen: Türkisfarbener Nagellack wird sichtbar, eine Hand, die ein Holzstück abschleift, während das Voiceover demütigende Arbeitserfahrungen als Putzhilfe schildert.

Text und Subtext wechseln sich ab und bilden damit gewissermaßen die zwei Stimmen, mit denen die Frauen ihren Alltag bewältigen. Sprachlich nähern sich die drei aufgrund ihrer Migrationserfahrung an: Spanisch dominiert als emotionales Ausdrucksmittel, während die englische Fremdsprache nur indirekt thematisiert wird. Meistens ist unklar, wer gerade spricht und da die Gesichter zu den drei Stimmen bis ans Ende nicht gezeigt werden, entsteht ein Erzählfluss, der sinnbildlich für die fließenden Identitäten der drei Frauen steht. Lina Rodriguez ist damit ein mehrstimmiger Blick auf die Lebensrealitäten der drei Migrantinnen gelungen, der in seiner Uneindeutigkeit mitunter anstrengend ist, aber dessen experimenteller Charakter bestens in die Berlinale Sektion Forum passt.

Mis dos voces, Berlinale 2022 (Foto: Courtesy of Rayon Verde)

Mis dos voces, Berlinale 2022 (Foto: Courtesy of Rayon Verde)

Jagen in der Leere

Gerardo Trejoluna und Paloma Petra in El norte sobre el vacío, Berlinale 2022 (Foto: © Claudia Becerril/Agencia Bengala)

Bewertung: 4 / 5

Den Hof hat Don Reys Vater an der Stelle errichtet, an der er vor langer Zeit einen Puma erschossen hat. Eigentlich der einzige Grund, hierzubleiben. Denn ansonsten ist der ländliche Norden Mexikos vor allem eins: leer. Reynaldo, den all nur Don Rey nennen, bewohnt mit seiner Frau Sofía und den zwei indigenen Angestellten Rosa und Tello das karge, staubige Anwesen und vertreibt sich seine Zeit mit der Jagd. Dabei ist er nicht einmal ein guter Schütze.

In die Trostlosigkeit der Jagdgesellschaften kommt die Osterwoche und damit die Kinder und Enkel aus der Stadt. Während sie verbissen fröhlich auf das Farmjubiläum anstoßen, wird deutlich, mit welcher Wucht sich hier verschiedene Lebensrealitäten begegnen. Das moderne, städtische Mexiko trifft auf ein armes, ländliches Mexiko, welches völlig auf sich bezogen in der Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Keines von Reynaldos Kindern kann sich vorstellen, den Hof eines Tages zu übernehmen und auch seine Enkel wollen lieber schnell wieder weg. So scheitern die Versuche, die Ausgelassenheit einer Familienfeier zu inszenieren. Sie fallen in sich zusammen wie das Luftschloss, welches ein zur Feier bestellter Clown vor dem Hof aufgebaut hat.

Denn was hat Don Rey hier schon? Die Landbesitzer sind arm, die Ausbeute der Jagd und der Ertrag dessen, was der karge Boden abwirft kaum erwähnenswert und dann verschwinden auch noch Menschen von den benachbarten Höfen. Einzig die Bediensteten können noch herumkommandiert werden. Und so nimmt Rosa, wie sie zu Beginn des Films Don Reys Waffe nimmt, um einen Hirsch zu erlegen, irgendwann die Fäden der Geschichte in die Hand und wird zur eigentlichen Protagonistin des Niedergangs einer anachronistischen Ordnung.

Dabei wird El Norte sobre el Vacío von Anfang an von einem gewissen Unbehagen gezeichnet. Die schwer fassbare Bedrohung konkretisiert sich schließlich, als bewaffnete Unbekannte auftauchen. Diese versprechen Don Rey Sicherheit in diesen ungewissen Zeiten – wenn er denn bereit ist, dafür zu zahlen. Das kommt für Reynaldo nicht in Frage, und auch wenn seine Familie und Angestellten ihn dringend warnen, der Patriarch bleibt resigniert widerständig und steuert so auf die unvermeidliche Eskalation zu.

Die schleppende Entwicklung der Handlung macht erst das Ausmaß der Hoffnungslosigkeit und Gewalt in dieser verblassenden Welt deutlich. Dabei klammert sich die Kamera manchmal beinahe aufdringlich an einer Person fest und rückt so immer wieder neue Facetten der Beziehungen zwischen den Protagonist*innen ins Licht. Dann wieder schweift sie ziellos umher und bietet dabei ein karges und doch lebendiges Panorama des ländlichen Mexiko. Denn bei genauem Hinsehen ist die Leere voller Leben. Den Tieren wird abseits ihrer Rolle als Jagdtrophäen und Nahrung ihre eigene Rolle eingeräumt, sogar ihre Perspektive eingenommen. Sie waren schon vor den Menschen da und sie werden auch bleiben, wenn die Menschen von diesem kargen Fleck Erde verschwunden sind. Und so wundert es auch nicht, wenn am Ende dann Menschen statt Tiere gejagt werden.

Alejandra Márquez Abellas dritter Langspielfilm schafft ein beeindruckendes und vor allem bedrückendes Panorama von ländlicher Hoffnungslosigkeit und dem Aufeinandertreffen verschiedener Klassen und Generationen, in dem jede*r wieder für sich allein steht. Die langsame Entfaltung des Films macht ihn zu einem eindringlichen, aber auch herausfordernden Kinoerlebnis, wofür die großartigen Bilder aber voll und ganz entschädigen.

Paloma Petra in El norte sobre el vacío, Berlinale 2022 (Foto: © Claudia Becerril/Agencia Bengala)

Paloma Petra, Mariana Villegas, Dolores Heredia, Gerardo Trejoluna, Camile Mina, Diego Garcia, Mayra Hermosillo, Fernando Bonilla, Francisco Barreiro in El norte sobre el vacío, Berlinale 2022 (Foto: © Claudia Becerril/Agencia Bengala)

„WIR WISSEN WIE WIR LEBEN WOLLEN!“

ANGEL SULUB, JUAN CAAMAL, NISAGUIE CRUZ

„Ich bin Angel Sulub, ein indigener Maya aus Yucatán und Mitglied des Nationalen Indigenen Kongresses (CVI). Ich wurde zum Delegierten ernannt, um diese zapatistische Tour zu begleiten.“

„Ich bin Juan Caamal auch aus Yucatán. Ich bin ebenfalls ein Mitglied des CNI und wurde auch als Teil der Delegation mit dieser Tour beauftragt.“

„Mein Name ist Nisaguie Cruz, ich komme aus der Gemeinde Zapaoteca Chitan, Oaxaca. Ich bin auch eine Delegierte des CNI und begleite diese Tour“
(Foto: Videoclips Freundeskreis)


 

Wie ist es Ihnen, dem CNI, den Zapatistas und anderen gelungen, für dieselbe Idee zusammenzuarbeiten?
Angel Sulub: Wir als CNI sind der Meinung, dass dieser Kampf um das Leben ein Kampf für die gesamte Menschheit ist und dass das kapitalistische, patriarchalische und koloniale System in allen Regionen dieser Welt präsent ist. Die Macht und die Unterwerfung in den Ländern ist unterschiedlich und geschieht auf verschiedenste Weise, aber letztlich ist es ein System, das zum Zusammenbruch der Menschheit führt. Sie zerstören den Planeten und das, was in einem Teil der Welt passiert, hat Auswirkungen auf andere Teile. Bei uns in den Minen, in den Bergbaugebieten, sterben die Menschen wegen der Verschmutzung des Wassers.
Juan Caamal: Wir als Indigene teilen den Schmerz, die Kämpfe und die Ereignisse. Eines, was wir tun werden, ist, zu einer gemeinsamen Organisation aufzurufen. Unsere Forderung ist es, uns zu organisieren und damit zu beginnen nach anderen Lebensweisen in Koexistenz mit Mutter Natur zu suchen. Wir suchen nach einer Welt, in die viele Welten passen. Eine Welt, in der Anarchisten und Sozialisten in Frieden miteinander leben. Und auch wir bitten, in Mexiko als Mayas glücklich und zufrieden leben zu dürfen, in Koexistenz mit Anarchisten und Sozialisten. Wir müssen uns gegenseitig schützen – das kapitalistische System scheint dabei der einzige Zerstörer zu sein. Deshalb fordern wir eine gemein- schaftliche, politische, psychologische und soziale Organisation zum Schutz und zum Zusammenleben auf der Erde.

Welche Gefahren stellen Megaprojekte wie der Tren Maya, der interozeanische Transportkorridor, das Morelos-Integralprojekt und der Flughafen Santa Lucia aus Sicht der indigenen Gemeinden dar?
A.S.: Die Megaprojekte verschärfen die Situation der pueblos originarios (indigene Gemeinden, Anm. d. Red). Sie verfolgen alle dieselbe kapitalistische, extraktivistische Logik, die darauf abzielt, die Völker zu enteignen, uns unser Land wegzunehmen und uns auszubeuten. Sie plündern unsere natürlichen Ressourcen wie Wasser, Land, Holz und alles, was unseren Gemeinden heilig ist. Die von Ihnen genannten Beispiele sind nur einige von vielen anderen Megaprojekten, die weiterhin das Leben unserer Völker bedrohen. Das Bahnprojekt, das fälschlicherweise Tren Maya genannt wird und eines der von der derzeitigen Regierung am meisten geförderten Projekte ist, soll fünf Bundesstaaten des Landes durchqueren, etwa 1.500 Kilometer. Aber wir sagen immer: Es ist keine Bahn und mit Maya hat sie nichts zu tun. Es handelt sich nicht nur um eine Bahn, sondern um eine Reihe von miteinander verbundenen Megaprojekten wie: Energie, Tourismus, agroindustrielle Projekte, Schweinefleischproduktion, die Schaffung von Industrieparks, Infrastrukturprojekte wie neue Flughäfen, Urbanisierung und Immobilienentwicklung. Es gibt viele Projekte, die mit den Interessen des so genannten Tren Maya verbunden sind, von denen jedes einzelne nicht nur die Umwelt, sondern auch die Selbstversorgung der Völker, die Autonomie der Völker, ihre Identität und ihre Organisationsformen bedroht. Mit anderen Worten: Die Auswirkungen jedes dieser Megaprojekte auf unsere Gebiete sind so groß, dass wir sie hier in Europa anprangern und teilen müssen. Wir erleben eine Situation der Ausplünderung und der Verletzung der Rechte unserer Völker.
Nisaguie Cruz: Im Falle des Transportkorridors wollen sie auch eine Grenze errichten, um die gesamte Migration aus dem Süden stoppen zu können. Ein Ort, um Billiglohnfabriken zu errichten, wo Migrant*innen als schlecht bezahlte Arbeitskräfte eingesetzt werden. Nicht nur sie, sondern auch die Menschen, die dort leben, sollen ausgebeutet werden. Und all das bringt eine Menge Gewalt mit sich. Wir wissen bereits, was in Cuidad Juárez, an der mexikanischen Nordgrenze passiert ist. Es gibt Verschwundene, es gibt Morde und es gibt Feminizide (siehe LN 551). Und genau das wird auch mit uns geschehen. Es ist eine Form von Völkermord, um uns verschwinden zu lassen.

Können Sie einige dieser Unternehmen oder kriminelle Banden nennen, die dort tätig sind?
A.S.: Am Bau des Tren Maya sind viele Unternehmen beteiligt, sowohl bei der Konstruktion als auch bei der Beratung. Mexikanische Unternehmen wie die Carson-Gruppe, die Carlos Slim gehört, einem der reichsten Männer der Welt, ist an der Bahn interessiert und beteiligt sich am Bau, ebenso europäische Unternehmen wie Renfe aus Spanien oder die Deutsche Bahn und viele weitere Unternehmen. Aber es gibt auch Tourismusunternehmen, die über die touristischen Entwicklungspole davon profitieren werden. Vor allem spanische Unternehmen, die im Bundesstaat Quintana Roo ansässig sind und auch Unternehmen, die durch ihre Anteile an diesen Unternehmen mit ihnen verbunden sind.
Darüber hinaus gibt es viele Drogenkartelle und bekannte kriminelle Organisationen, die ebenfalls in diese Gebiete vordringen. Das passiert mit der Komplizenschaft der Regierung von Bund, Ländern und Gemeinden. Sie sind Teil desselben politischen Systems in Mexiko und desselben globalen kapitalistischen Systems.
N.C.: Bei den Windparks handelt es sich überwiegend um spanische und französische Anlagen. Im Moment haben wir ein Verfahren gegen EDF laufen, ein französisches Unternehmen. EDF will unsere Kolleg*innen dort schikanieren und kriminalisieren, ebenso wie die FEMSA-Gruppe, Coca-Cola, Walmart und andere. Viele der Unternehmen arbeiten dabei zusammen.
A.S.: Ein weiterer problematischer Akteur bei Megaprojekten sind die Bergbauunternehmen. Es gibt viele Bergbaukonzessionen, die beispielsweise an kanadische Unternehmen vergeben wurden, die für die tägliche Zerstörung des Territoriums und Todesfälle verantwortlich sind. Ich möchte daran erinnern, dass Samir Flores Soberanes, einer der Gegner des Projektes Morelos-Integral (Infrastruktur-Projekt der staatlichen mexikanischen Stromgesellschaft CFE, Anm. d. Red.), vor zwei Jahren ermordet wurde und er ist nicht der Einzige. Allein während dieser Legislatur sind viele andere Verteidiger*innen dieser Gebiete ermordet worden.

Manchmal scheint es, dass indigene Gemeinschaften durch die Megaprojekte gespalten werden, weil einige von ihnen plötzlich Geld verdienen oder es mehr Arbeit gibt als anderswo. Erkennen Sie hier das Teile- und-herrsche-Prinzip?
A.S.: Das war schon immer eine Strategie der politischen Parteien und der nationalen politischen Systeme, befördert durch die Steuerung der Menschen durch Wohlfahrtsprogramme. Die Regierung verfolgt also eine äußerst gut durchdachte Strategie, die Menschen zu spalten. Ein Weg das zu erreichen, erfolgt über die politischen Parteien. Die Mayas, die dort in den Gemeinden als Würdenträger autonom handeln und ihre Entscheidungen eigenständig treffen, wurden durch die Parteien gespalten. Die Organisation und das autonome Gemeinschaftsgefüge brechen zusammen und es kommt zu Konflikten. So verlieren die Gemeinden und der Widerstand gegen die Megaprojekte ihre Stärke. Das Prinzip der Spaltung ist also immer allgegenwärtig.

Welche Hauptgemeinsamkeiten verbinden die indigenen Gemeinschaften?
A.S.: Die indigenen Gemeinden Mexikos sind keine Relikte der Vergangenheit, wir leben und leisten Widerstand. Wir sind nicht diejenigen, die in Museen oder an archäologischen Stätten ausgestellt werden, sondern wir sind Völker, die eine lebendige Kultur haben. Wir sind bereit, uns mit den Unternehmen und den Regierungen anzulegen, und zwar nicht, weil wir den Konflikt suchen, sondern weil wir verteidigen, was wir sind, wir verteidigen unser Territorium. Wir wollen eine menschenwürdige Lebensweise für die Menschen aufbauen. Das ist nicht nur unser Kampf, sondern der Kampf aller. Das was wir schützen, ist das Leben, die Wälder, das Wasser, das Land – wir wollen, dass sich alle dem Kampf für das Leben anschließen. Sie sollen sich organisieren und zusammenschließen, auf ihre Art und Weise, nach ihrem Tempo, nach ihrer Denke und ihrem Sein, aber sie sollen für das Leben kämpfen. Denn wir stehen vielleicht vor der letzten Chance, die Menschheit und den Planeten zu retten.
N.C.: Wir wissen, wie wir leben wollen. Wir sind eine starke, intelligente Gemeinschaft, wir haben Weisheit und wissen, was wir wollen. Auch wenn viele denken, dass wir unwissend sind – wir sind es nicht! Wir wollen frei leben, wir wollen leben, ohne schikaniert zu werden, ohne getötet zu werden und ohne zu verschwinden. Wir wollen diesen Krieg nicht mehr, in den sie uns hineingezogen haben. Wir haben diesen Krieg nie gewollt. Wir haben mehr als 500 Jahre lang Widerstand geleistet und wir werden es auch weiterhin tun!

ALS HORIZONT DIE WELT

Zapatistas demonstrieren in Madrid (Foto: Timo Dorsch)

Ein Schiff ist auf dem heißen Madrider Asphalt unterwegs. Bunt geschmückt, stehen an der Reling sieben Indigene aus Mexiko. Sie winken der Menge hinter und neben ihnen zu, werfen ihnen Papierflieger entgegen. Das Thermometer zeigt, auch am frühen Abend noch, Temperaturen weit über der 40 Grad-Marke an. Es ist Freitag der 13. und es ist kein gewöhnlicher Unglückstag. Ein halbes Jahrtausend zuvor wurde an diesem Datum die Unterwerfung Mexikos durch die Spanische Krone besiegelt. Dass die sieben Indigenen, allesamt Zapatistas, in der spanischen Hauptstadt Präsenz zeigen, ist Ergebnis einer Verkettung von Unmöglichkeiten sowie einer langen Geschichte des Widerstandes.

Denn Widerstand kennt viele Gesichter. Er lebt von der Kreativität und der Fähigkeit, sich neu zu erfinden. Ganz besonders der Widerstand der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN). Deren Repertoire des politischen Kampfes reicht von der klandestinen Vorbereitung auf den bewaffneten Aufstand gegen die mexikanische Regierung, der Ausarbeitung eines landesweiten Gesetzespaketes im Austausch mit der mexikanischen Regierung, bis zur Umsetzung eines umfassenden Autonomieprojektes auf befreitem zapatistischem Gebiet fernab der mexikanischen Regierung. Das jüngste Element im Widerstandsrepertoire der Massenbewegung ist die seit Herbst letzten Jahres öffentlich geplante Reise für das Leben.

Es ist Oktober 2020, als die EZLN ankündigte, eine zapatistische Delegation in die Welt entsenden zu wollen. Erstes Ziel sollte Europa werden, andere Kontinente würden später bereist werden. Der Reise zugehörig ist eine Delegation des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI), wovon die EZLN Teil ist, wie auch Mitglieder des regionalen Widerstandsnetzwerkes Frente De Pueblos Morelos Puebla Tlaxcala. Nebst der Verbindung zum früheren antikolonialen Widerstand jährt sich gegenwärtig der zapatistische Marsch der Farbe der Erde, der im Jahr 2001 insgesamt 1.111 Zapatistas nach Mexiko-Stadt führte, zum zwanzigsten Mal.

Sodann wurde am 1. Januar 2021, dem 27. Jahrestag des zapatistischen Aufstandes, eine Erklärung für das Leben veröffentlicht. Unterschrieben wurde sie von tausenden Gruppen, Organisationen, Einzelpersonen und Zusammenhängen weltweit. Ihrer Analyse der mexikanischen und globalen Verhältnisse folgend, zuletzt umfassend dargelegt auf dem 2015 stattgefundenen EZLN-Kongress angesichts der kapitalistischen Hydra, kann der Kampf gegen die kapitalistische Verwüstung der Welt kein partikularer, sondern allein ein universeller Kampf sein.

Die EZLN beabsichtigt zeitversetzt in mehreren Gruppen insgesamt 501 Zapatist*innen auf den Weg gen Europa zu schicken. Die erste Gruppe, ungefähr 150 Personen stark, besteht zu 80 Prozent aus Zapatistinnen. Alle Generationen des zapatistischen Kampfes sollen vertreten sein. Auf der Erkundungstour sollen primär Zusammenkünfte und Treffen mit hiesigen Gruppen, Zusammenhängen und Organisationen erfolgen, die unter den europäischen Bedingungen eigene Formen des politischen Kampfes erproben. Denn, so die Zapatist*innen: „Das Andere zu sehen und zu hören, wird uns vielleicht helfen auf unserem Weg – oder auch nicht. Das Andere zu kennen, ist jedoch auch Teil unseres Kampfes und Unterfangens – unserer Menschlichkeit.“

Der Vorschlag der EZLN mündete in der Gründung landesweiter Vorbereitungsstrukturen, so auch in Deutschland. Er führte dazu, dass unabhängig von der politischen Ausrichtung und Strömung all jene zusammenkamen, die sich an der Ermöglichung dieser Reise beteiligen wollen. Ähnlich zu den zapatistischen internationalen Frauentreffen der letzten Jahre, bei denen mehrere tausend Frauen und Queers aus aller Welt teilnahmen, ist auch dieses Mal erstaunlich, über welches Anrufungspotential die EZLN auch heute noch verfügt.

Eigentlich sollte die Delegation im Juli per Flugzeug in Paris eintreffen. Doch eine verzögerte Passausgabe in Mexiko aus rassistischen Gründen, restriktive Einreiseregelungen seitens Frankreichs und die allgemeine Corona-Lage (Mexiko ist weltweit auf Platz vier bezüglich der absoluten Todeszahlen) verhinderten dies. Am Internationalen Tag der Verschwundenen, dem 30. August, gab die Organisation schließlich bekannt, dass sie am 14. September in Wien landen werden.

An diesem Freitag jährte sich also zum 500. Mal das Massaker, das am 13. August 1521 die Spanische Krone an der Bevölkerung von Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko-Stadt, verübt hatte. In jener Nacht wurden, so die Schätzung, 80.000 Aztek*innen von den Spaniern massakriert. Das Massaker markiert die Unterwerfung des damaligen Aztek*innen-Reiches gegenüber der Spanischen Krone und damit auch die Eroberung des heutigen Mexikos. Ähnlich zu Oktober 1992, dem 500. Jahrestag seit Beginn der Eroberung Amerikas durch Spanien, steht dieses Datum symbolisch für Kolonialisierung wie auch für Widerstand.

Widerstand lebt von der Kreativität und der Fähigkeit, sich neu zu erfinden

Und wie zum jetzigen 500. Jahrestag hatten sich die Zapatist*innen auch 1992 öffentlich politisch geäußert. Sie beteiligten sich damals am 12. Oktober – noch nicht unter der öffentlichen Flagge der EZLN, sondern lediglich in Form einzelner Mitglieder – an einer Demonstration in der Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas, die sie am 1. Januar 1994 militärisch einnehmen würden. Auf dieser Demonstration wurde die Statue des spanischen Eroberers Diego de Mazariegos gestürzt und geköpft.

Die EZLN schickte dieses Jahr, noch vor der eigentlichen Delegation, eine Vorhut, das Geschwader 421, um auf maritimen Weg Europa zu erreichen. Nach fünf Wochen Atlantiküberfahrt auf dem umgetauften deutschen Segler Stahlratte, Baujahr 1903, erreichte die Gruppe am 20. Juni europäisches Festland. Das Geschwader 421 besteht aus vier Frauen, zwei Männern, und einer*einem Anderer*m bzw. otroa im zapatistischen Sprech. Marijosé, die*der otroa, betrat als erste*r Zapatista europäischen Boden. Marijosé war die*der erste*r Zapatista, die*der das Wort ergriffen hat. Dass eine*r Andere*r diesen zentralen Platz in dieser zapatistischen Kampagne einnimmt, ist kein taktisches Manöver. Die EZLN steht seit ihrem öffentlichen Auftreten für einen Gesellschaftsanspruch, der Identitäten über alle Grenzen hinweg einschließt, divers und offen ist. Ausgehend von der eigenen Marginalisierung als Indigene hat die EZLN stets versucht, Brücken des Kampfes zu bauen, die Situation der Ausgeschlossenen zu thematisieren und das Gemeinsame zu betonen.

Weltweit unterzeichneten Gruppen die Erklärung für das Leben der Zapatistas


Auch wenn das historische Datum des 13. Augustes vor neun Monaten seitens der EZLN als Tag einer europaweiten Demonstration gesetzt wurde, fanden sich an diesem frühen Abend weniger Menschen ein als erwartet. Geschätzte 3000 Sympathisant*innen der zapatistischen Bewegung kamen und liefen dem Schiff hinterher. Zwischen ihnen marschierte eine Polizei-Kette, die es zuvor geschafft hatte, Demonstrationszug und Schiff ohne jeglichen Widerspruch voneinander zu trennen. Die Dekoration des Schiffes, mit bunten Luftballons und Wimpeln, wirkte eher karnevalesk und weniger wie ein politisches Statement. Das lag auch daran, dass die Bedeutung genau dieses Schiffes nicht deutlich wurde.

Es war nicht irgendein Schiff. Das Schiff ist Ausdruck eines utopischen Gedankens, eines unmöglichen Wunsches. Das Schiff ist Teil der Madrider politischen Geschichte, entsprungen aus dem Arbeiter*innenviertel Vallecas, wo 1981 eine Gruppe junger Menschen am Rande eines katholischen Festes eine Wasserschlacht organisierte. Aus dieser Schlacht entsprang der Wunsch nach einem eigenen Hafen. Und das in einer Stadt, die weit entfernt von einem großen Fluss, geschweige denn vom Meer liegt. Die Wasserschlacht wird alljährlich begangen, ihr politisches Motto variiert jeden Sommer: sei es gegen den Machismus oder auch gegen die Klimakrise. Begleitend zur Wasserschlacht wurde ein Schiff gebaut. Der Regierung missfiel es, sie verbot in den 1990er Jahren das „Fest von unten“, musste jedoch eingestehen, dass der Wunsch größer als die Repression war, die ihn nicht befrieden konnte. Die Feierlichkeiten gibt es noch immer. Auf diesem Schiff ohne Meer fand sich die zapatistische Delegation ein. Kurzum: Auf diesem unmöglichen Schiff standen unmögliche Rebell*innen, die sich auf einer unmöglichen Reise befinden.

Die Demonstration endete am Kolumbus-Platz. Hier fand sich die Menge ein, ihnen gegenüberstehend die zapatistische Vorhut. Die Rede, die sie hielt, trägt den Titel „Erst 500 Jahre später“. Jede*r von ihnen verlas einen Teil der Rede. An zwei Stellen sprachen sie gemeinsam. Die Rede, neben einer fundamentalen Kritik gegenüber den Negativfolgen der Moderne, beinhaltet eine erneute Betonung dessen, worauf es ihnen in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus und für die Menschheit ankommt: „Denn zu leben, bedeutet nicht nur, nicht zu sterben, bloß zu überleben. Als Menschen zu leben, bedeutet, in Freiheit zu leben. Leben ist Kunst, ist Wissenschaft, ist Freude, Tanz, ist Kampf.“ Anders als andere Befreiungsbewegungen beansprucht die EZLN in diesem Kampf keine dominante oder alles bestimmende Position. Auch 25 Jahre nach ihrer vierten Erklärung aus dem lakandonischen Dschungel sind diese Sätze noch immer gültig: „Für alle das Licht. Alles für alle. Für uns der Schmerz und die Angst, für uns die freudige Rebellion, für uns die verweigerte Zukunft, für uns die rebellische Würde. Für uns nichts.“

„SIE WOLLEN UNS AUSLÖSCHEN“

Territorium und Maya-Identität sind Themen der Workshops des Kollektivs Múuch‘ Xíinbal (Foto: Haizel de la Cruz)

Der Präsident von Mexiko, Andrés Manuel López Obrador (AMLO), hat in seiner Rede am 13. August 2021 gesagt, dass es keine Rechtfertigung dafür gebe, anderen Nationen oder Kulturen mit Gewalt ein politisches, wirtschaftliches, soziales oder religiöses Modell aufzuzwingen. Verhält sich seine Regierung entsprechend?
Die Regierung verfolgt ein für uns attraktives Narrativ, das aber ihren Handlungen widerspricht. Sie benutzt die indigenen Völker, indem sie den Eindruck erweckt, dass sie sich um eine historische Schuld ihnen gegenüber kümmert, um daraus Legitimität zu ziehen. Aber das trifft nicht zu, denn zumindest wir indigenen Völker in Yucatán und vom Isthmus von Tehuantepec müssen heute nicht nur wie früher gegen Unternehmen kämpfen, die uns von unserem Land vertreiben wollen. Heute müssen wir gegen die Regierung selbst kämpfen, da sie mit dem unzutreffend benannten „Tren Maya“ eines der zerstörerischsten, bedrohlichsten Projekte anführt, das uns als indigene Völker auslöschen und die Halbinsel Yucatán in einen Industriekorridor verwandeln soll, in dem wir nur noch prekarisierte Arbeiter wären, die für die großen Unternehmen produzieren. Der Präsident lügt, er manipuliert und ist ein Heuchler. Und er sagt auf Widerspruch hin immer, dass er andere Daten hätte. Wir wissen nie, welche Daten das sind, aber seine Daten sind immer die guten und die richtigen. Das ist für mich eine Schande. Während AMLOs Amtszeit sind schon mehr als 60 Indigene und Menschen, die für ihr Land gekämpft haben, ermordet worden. In keinem der Fälle wurde ermittelt oder die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.

Welches sind die Großprojekte, die die Regierung auf der Halbinsel Yucatán verfolgt?
Vor einigen Jahren hat der Konzern Monsanto viel Urwald zerstört, um genveränderten Soja in Monokulturen anzupflanzen. Später wurden Schweinezuchtbetriebe angesiedelt, die ebenfalls große Flächen in Anspruch nehmen, aber vor allem durch ihren Gestank noch viel größere Gebiete beeinträchtigen. In ihrer Umgebung kann man dadurch nicht mehr gut leben. Dann kamen Wind- und Solarparks hinzu, in denen erneuerbare Energie erzeugt wird. In alarmierender Weise tauchten außerdem Immobilienunternehmen auf, die begannen, für den Tourismus interessante Gebiete im kollektiven Besitz indigener Gemeinschaften an sich zu reißen, auf denen sich etwa Cenoten, archäologische Spuren, Seen oder Urwald befinden. Wir haben gegen jedes dieser Projekte gekämpft.

Der „Tren Maya“ ist nun das Projekt, das all diese Projekte zusammenfasst und verbindet. Denn die Sojaproduzenten und Schweinezüchter können damit ihre Ware abtransportieren, die Hotel- und Restaurantbetreiber haben ihren Zug, mit dem die Touristen reisen können. Die Betreiber der Wind- und Solarparks können ihren Strom an die Bahn verkaufen. Es sind nicht mehr fünf Projekte, sondern ein einziges Megaprojekt, das einem globalen Interesse gehorcht. Und das Projekt ist nicht neu, sondern wurde schon vor langer Zeit von Regierungen der PRI und der PAN entwickelt. Die Vorgängerregierungen waren bei der Bevölkerung nur zu diskreditiert, um es selbst umzusetzen. Das Traurige ist, dass die Leute an eine linke Regierung geglaubt haben, die den indigenen Völkern gegenüber wohlgesonnen ist und AMLO mit 30 Millionen Stimmen vertraut haben. Mit dieser Legitimität setzt er nun den „Tren Maya“ um.

Aber es gibt noch uns, die wir gemerkt haben, dass das ein Verrat an seinem eigenen Wort ist. Wir kämpfen, um das wenige zu schützen, was uns bleibt: Wir haben nur noch wenig Urwald. Viel handfeste Maya-Kultur haben wir nicht, aber etwas bleibt uns noch. Wir haben noch die Produktion der milpa (traditionelles Landwirtschaftssystem der Maya, Anm. der Red.). Wir sprechen noch unsere Sprache, und wir, die Maya, leben immer noch.

Die Regierung dagegen will uns in Maya für die Touristen verwandeln, wie in einem Museum. ‚Maya’ steht heute in Yucatán für einen Zug, ein Restaurant, ein Hotel, eine Zeitung, eine Riviera. Wir stellen nicht die Regierung infrage, aber diese neoliberalen Projekte, die uns und unsere Kultur zerstören. Tatsächlich steht wörtlich in dem Bericht zur Umweltverträglichkeitsprüfung des „Tren Maya“, dass der Ethnozid eine positive Wendung nehmen könne. Das belegt, dass sie uns auslöschen, unsere Kultur komplett zerstören wollen, und dagegen verteidigen wir uns.

Was genau sind die Folgen dieser Projekte?
Zum einen kommt es zu Spaltungen und Polarisierung in den Gemeinschaften. FONATUR (Nationaler Fonds für die Förderung des Tourismus, Anm. d. Red.) kommt und verspricht, dass jene, die ihr Land für den Zug hergeben, alles haben werden, was ihnen fehlt, wie vielleicht Wasser, Strom oder Straßen. Viele glauben den Versprechungen und nehmen das Angebot an. Das führt zu Konflikten in den Familien und in den ejidos (landwirtschaftliche Genossenschaften, die in Mexiko seit der Agrarreform 1917 existieren, Anm. d Red.), denn es gibt andere, die schon mehr Erfahrung und Zweifel haben. Wenn FONATUR auf Widerstand trifft, besticht es die Kommissare der ejidos. Diese Autoritäten bescheinigen dann Versammlungen, die nie stattgefunden haben und fälschen Dokumente.

Eine weitere soziale Auswirkung ist die Unsicherheit. In Cancún und an der Riviera Maya gibt es schon länger Morde, Überfälle sowie willkürliche Verhaftungen und Folter seitens der Polizei. Seitdem der „Tren Maya“ vorangetrieben und gebaut wird, nimmt das auch in unseren Gemeinschaften zu. Plötzlich kommen bewaffnete Gruppen aus Cancún und töten Menschen, das ist sehr schlimm.

Schließlich fördert das Projekt die Armut. Es gab sie zwar vorher schon, aber dadurch, dass die Leute jetzt ihr Land verlieren, wird es schlimmer. Man hat uns Arbeit im Austausch für das Land versprochen, aber der „Tren Maya“sucht für den Bau spezialisierte Kräfte und wir sind nur Bauern. Die Jobs bekommen daher andere. Ohne unser Land, ohne die milpa können wir keinen Mais mehr ernten und unsere Tortillas nicht mehr selbst herstellen, sondern müssen sie für bis zu 25 Pesos pro Kilo kaufen. Die Maya-Familien sind im Allgemeinen groß, mit 6 oder 7 Personen, und können sich das auch mit zwei Mindestlöhnen nicht leisten. Wir müssen dann Arbeit in der Stadt suchen und wohnen im Zweifel in den Elendsvierteln der Peripherie. Oder wir putzen die Klos der Restaurants und Hotels. FONATUR-Direktor Rogelio Jiménez Pons meinte, wir könnten ja in Zukunft an den Bahnhöfen des „Tren Maya“ betteln gehen.

Gibt es noch weitere Auswirkungen?
Es wird härter gegen Menschen vorgegangen, die die Maya-Sprache sprechen. Einige sagen, dass die Sprache verloren geht. Wir bekräftigen aber, dass sie nicht verloren geht, sondern dass ihre Sprecher getötet werden. Viele von uns, die die Stimme zur Verteidigung unseres Territoriums erhoben haben, werden kriminalisiert. Jiménez Pons hat uns soeben beschuldigt, rechtsextrem zu sein, nur weil wir uns mit amparo-Verfassungsbeschwerden (Rechtsmittel jedes mexikanischen Bürgers oder von Körperschaften, gegen staatlichen Machtmissbrauch und Verletzung von Verfassungsrechten vorzugehen, Anm. d. Redaktion) gegen Rechtsverletzungen durch den „Tren Maya“ wehren. Wir seien schuld daran, wenn der Zug nicht durch Campeche und Mérida fahren wird. Damit gibt er dem organisierten Verbrechen, das das Projekt unterstützt, Hinweise, damit es uns sucht und auslöscht. Es tut uns weh, dass staatliche Funktionäre solchen Rassismus zeigen und uns verachten.

Zu den Umweltauswirkungen gehört natürlich, dass für den Zug große Flächen Urwald abgeholzt werden. Das Hauptproblem ist aber, dass damit eine kapitalistische, territoriale Neuordnung einhergeht und für die Entwicklung der Halbinsel ca. zwanzig Städte à 50.000 Einwohner gebaut werden sollen. Mit der Zerstörung des Waldes wird auch der Lebensraum vieler Tiere vernichtet, die dann sterben müssen, und das Wasser geht verloren. Außerdem wird damit ein kulturelles Erbe zerstört, denn der Glaube und die Riten von uns Maya sind mit der Natur verbunden, nicht mit der Stadt – folkloristische Performances für Touristen erfüllen einen politischen Zweck und haben nichts mit uns zu tun. Unser ruhiges Leben spielt sich im Wald in Harmonie mit anderen Lebensformen ab, und wenn unsere Umgebung krank ist, dann sind wir es auch. Daher schützen wir sie.

Hat der Staat keine Konsultation der indigenen Bevölkerung nach der ILO-Konvention 169 durchgeführt?
Die Konsultationen sind ein Witz, niemand nimmt sie Ernst. Solche Gesetze nützen nichts, wenn der Präsident sagt, dass nur seine eigenen Daten gültig sind. Die Regierung fordert vom Parlament mit Erfolg, es möge an ihren Gesetzesentwürfen bitte nichts ändern. Die Gerichte haben unsere amparos entgegengenommen, aber außer zweien keine beantwortet. In zwei Fällen haben sie zwar eine Suspendierung von Maßnahmen verhängt, die Regierung hat sich aber nicht daran gehalten und die Gerichte haben anschließend keinen Respekt für ihre Urteile eingefordert.

Internationale Organisationen sind Komplizen des Projektes, denn UN-Habitat hat 5 Millionen Dollar dafür bekommen, Garantin der stattfindenden Vertreibung von unserem Land zu sein, auch die UNESCO begleitet das „Tren Maya“-Projekt.

Wie sieht der Widerstand aus?
Die Mehrheit der Menschen hat keine Hoffnung, sondern Angst und versucht nur zu überleben. Wir wenigen, die wir unser Land nicht hergeben wollen, haben beschlossen zu kämpfen, nachdem wir verstanden haben, dass wir nicht zwischen Leben und Tod wählen können, sondern nur die Art des Todes: Entweder sie erschießen uns, oder wir sterben langsam vor Hunger und Durst. Wir haben mit Personen aus etwa 25 verschiedenen Gemeinschaften der ganzen Halbinsel das Kollektiv Múuch‘ Xíinbal („Gemeinsam schreiten wir voran“) gegründet, um Wege zur Verteidigung unseres Territoriums zu finden. Wir suchen etwa für uns wichtige Informationen, auch mit Hilfe einiger Wissenschaftler, übersetzen sie ins Maya und verteilen sie an die Leute in den Gemeinschaften. Für die juristische Arbeit sind wir auf Hilfe von Anwälten angewiesen, die uns kein Geld kosten, und manchmal lässt uns ein Anwalt mitten in einem langen Prozess hängen. Mit einem guten Anwalt gewinnen wir auch mal einen Prozess, wobei das immer schwieriger wird, da die Regierung danach die Gesetze immer wieder ändert.

Demonstrationen organisieren wir nicht, weil wir keine Tausenden auf die Straßen bringen können, und um uns vor Polizeigewalt und Gefängnis zu schützen. Ich, meine Familie und andere haben schon Todesdrohungen bekommen. Diejenigen von uns, die noch nicht bekannt und sichtbar sind, schützen wir daher lieber.

Unsere Prinzipien sind: Kein Verkauf und keine Vermietung von Land, keine Kooperation mit politischen Parteien, kein Akzeptieren von Bedingungen im Austausch für Unterstützung. Wenn unsere Basis, die ejidatarios (Mitglieder eines Ejidos, Anm. d. Red.) nein zu Verkauf und Vermietung von Land sagen, haben es die Unternehmen sehr viel schwerer, uns zu vertreiben. Dieses Jahr haben wir daher eine Reihe von Workshops gemacht: Wir treffen uns einmal im Monat und sprechen mit jungen Maya über unsere Identität und das Territorium. So haben wir es geschafft, Menschen aus den Gemeinschaften zu Beratern auszubilden: Sie tragen das Gelernte nach Hause. Wenn dann Abgesandte kommen, um Land zu kaufen, können sie die ejidatarios nicht mehr täuschen, auch wenn diese nur Maya sprechen. Denn es ist dann jemand da, der auf die Argumente der Firmen vorbereitet ist und den Älteren erklären kann, was eine Veräußerung von Land bedeuten würde. Um unsere Reichweite zu verbessern, veröffentlichen wir jede Woche außerdem einen kleinen Podcast auf Maya und Spanisch.

Sie sind Schriftsteller und verfassen Poesie in Ihrer Maya-Sprache. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrer Lyrik und Ihrem Aktivismus?
Angesichts unserer Ohnmacht in diesem Kampf um die Verteidigung unseres Territoriums suchen wir nach verschiedenen Formen, um den Kampf zu organisieren, Informationen zu verbreiten und Missstände anzuprangern. Die Verteidigung unseres Territoriums war für mich der Grund, mit dem Schreiben anzufangen. Die Poesie füllt eine Leere aus und alles, was ich geschrieben habe, hat zu tun mit unserer Trauer, unserem Schmerz, unserer Verzweiflung, mit der Situation der Eroberung, der Kolonisierung, der Erniedrigung durch den Rassismus, mit der Zerstörung unserer Umwelt und der Beziehung, die wir Maya zur Natur haben.

„NOS QUIEREN EXTERMINAR“

Territorio y identidad Maya son temas de los talleres de la Asamblea Múuch‘ Xíinbal (Foto: Haizel de la Cruz)

El presidente de México, Andrés Manuel López Obrador (AMLO), dijo en su discurso del 13 de agosto de 2021 que nada justificaba imponer por la fuerza a otras naciones o culturas un modelo político, económico, social o religioso en aras del bien de los conquistados o con la excusa de la civilización. ¿Siente que las políticas y acciones del gobierno son consecuentes con estas palabras?

El gobierno federal tiene una narrativa atractiva para muchos sectores sociales que estamos aquí abajo, pero sus hecho van en sentido contrario. Está haciendo un uso político de las causas de los pueblos indígenas, tratando de legitimarse con la imagen de atender una deuda histórica que occidente tiene con los pueblos. Y no es así. Tan no es así que hoy los pueblos indígenas que estamos en la Península de Yucatán y en el istmo de Tehuantepec, tenemos que luchar no solamente en contra de las empresas que nos están despojando, sino en contra del propio gobierno. Ahora es el gobierno que está encabezando el mal llamado „Tren Maya“, uno de los proyectos más destructores, más amenazantes y con una orientación a nuestro exterminio como pueblos indígenas. En este proyecto se plantea convertir la Península de Yucatán en un corredor industrial en el que la población ya no sería culturalmente indígena, sino un mero grupo de trabajadores, de obreros, precarizados en las fábricas de las grandes empresas. Entonces el presidente miente, manipula, es un hipócrita con sus declaraciones, y me parece que está siendo maquiavélico con su costumbre de decir que él tiene otros datos. Nunca conocemos cuáles son sus datos, pero siempre sale con que sus datos son los buenos y verdaderos. Me parece una vergüenza. Hay más de 60 indígenas y luchadores por el territorio que han sido asesinados durante este gobierno, y ninguno ha sido investigado, en ninguno se ha enjuiciado a los responsables.

¿Cuáles son los proyectos que el gobierno persigue en la Península de Yucatán?
Hace algunos años la empresa Monsanto comenzó a sembrar una gran cantidad de soya transgénica en monocultivos. Después se instalaron las granjas porcícolas, cuyo mal olor ocupa miles de hectáreas donde difícilmente se puede vivir bien. Asímismo aparecieron como en avalancha los proyectos de energía renovable a través de la construcción de parques eólicos y fotovoltaicos. Luego las empresas immobiliarias de una forma alarmante empezaron a ocupar terrenos que están en propiedad colectiva de las comunidades indígenas donde hay cenotes, vestigios arqueológicos, lagunas, o selva muy alta, para desarrollarlos turísticamente. Hemos luchado contra cada uno de estos proyectos.

Ahora el „Tren Maya” trata de conectar a todos los demás proyectos para integrarlos en un solo megaproyecto: los proyectos que producen soya o carne ya van a tener su trenecito para transportar esos productos, los que construyen hoteles y restaurantes para el turismo ya van a tener su tren para llevar y traer a su turismo. Los que producen energía eléctrica la pueden vender al tren en su paso. Entonces ya no son 5 proyectos, sino es un megaproyecto que responde a un interés global. Y no es un proyecto que nació en la cabeza de AMLO, es un proyecto diseñado hace mucho tiempo que solamente ha ido cambiando de nombre, en un momento le llamaron el Plan Puebla Panamá. Venía desde los gobiernos del PRI, del PAN, que no lo habían podido hacer porque eran partidos sumamente desprestigiados. Aquí lo triste es que la gente creyó en un gobierno de izquierda, en un gobierno que favorece a los pueblos indígenas y le dio la confianza a AMLO a través de 30 millones de votos. Con esa legitimidad está haciendo estos proyectos.

Ellos quieren convertir al Maya que les perjudica en un Maya de museo, en un Maya turístico. Hoy lo Maya en la Península de Yucatán es un tren, un restaurante, un hotel, un periódico, una ribera. Pero quedamos quienes nos hemos dado cuenta que esto es una mentira, una traición a su propia palabra. Estamos dando una batalla, una resistencia por el cuidado de lo que nos queda. Es cierto que no es mucho lo que nos queda. Tenemos poca selva, tenemos poca cultura Maya solida. Tenemos la producción de la milpa (sistema agricultor tradicional Maya, nota de redacción), es poco, pero todavía la tenemos. Todavía hablamos nuestra lengua, todavía estamos los Maya vivos.

Nosotros no cuestionamos al gobierno como tal, sino a estos proyectos neoliberales que nos están destruyendo y están acabando con la cultura Maya. De hecho en el estudio de impacto ambiental del „Tren Maya“ dijeron literalmente que „el etnocidio puede tener un giro positivo“ (en capítulo IV.4.11. / página 1329 del documento, nota de redacción). Eso significa que tienen pensado acabarnos, destruir completamente nuestra cultura, y de eso nos estamos defendiendo.

¿Qué impacto tienen estos proyectos?
Hay una gran cantidad de impactos. Uno de los impactos sociales es la división, la polarización entre las mismas comunidades. Cuando llega FONATUR (Fondo Nacional de Fomento al Turismo, nota de la redacción) a las comunidades, enfrenta a las familias y a los ejidos (comunidades agrícolas que existen en México desde la reforma agraria de 1917, nota de redacción), los conflictúa prometiendo que la gente que ofrece su tierra para el tren tendrá una gran cantidad de beneficios. Por ejemplo, si no hay agua, si no hay corriente eléctrica, si hace falta carreteras, si hace falta luz, el tren los va a traer. Mucha gente dice que el gobierno no nos debe estar mintiendo, vamos a aceptar. Otros dudan y dicen, vamos a esperar, no podemos consentir en la entrega de nuestra tierra para esto. Cuando FONATUR encuentra alguna resistencia, corrompe a la gente, comienza a repartirles dinero a los comisarios ejidales, las autoridades de las asambleas. Y muchas veces falsificaron actas de asambleas que nunca se hicieron.

Otro impacto social es la inseguridad. Estamos acostumbrados a que en Cancún y toda la Riviera Maya haya asesinatos, asaltos, tortura de la policía o detenciones arbitrarias. Pero desde que el „Tren Maya“ empezó a fomentarse, hemos visto eso en nuestras comunidades también. De repente llegan grupos armados desde Cancún a ejecutar gente en los pueblos.

En lo económico, ahora hay mayor pobreza que antes porque la gente ha perdido sus tierras. Nos prometieron empleos a cambio de nuestra tierra, pero no han llegado. La gente empleada por el „Tren Maya“ son técnicos especializados en construcción que vienen de otros lugares. No podemos acceder a este tipo de empleos porque los comuneros Mayas no sabemos de construcción, somos campesinos.

Antes podíamos cosechar nuestro maíz en la milpa, molerlo, hacer nuestras tortillas y comer. Hoy ya no podemos y tenemos que comprar en la tortillería algo que es mas plástico que tortilla. Y vamos a tener que comprarlo a un precio muy elevado de hasta 25 pesos el kilo. Las familias Mayas son por lo general numerosas con 6 o 7 integrantes y necesitan comprar 4 o 5 kilos de tortilla para sobrevivir, es una cantidad que no ganan con uno o dos salarios mínimos. Entonces tendremos que buscar algún empleo en la ciudad donde seguramente vamos a engrosar esas franjas de miseria en la periferia. O lavamos los retretes de los restaurantes y de los hoteles. El director de FONATUR, Rogelio Jiménez Pons, dijo que los Maya vamos a tener la oportunidad de ir a las estaciones del tren a pie a pedir limosna.

¿En qué otros aspectos se ven afectadxs lxs Maya por estos proyectos?
Se comienza a combatir con mayor dureza a la lengua Maya. Quienes la hablamos sufrimos persecución por defender a nuestra cultura. Algunos dicen que la lengua Maya se está perdiendo. Nosotros afirmamos que no se pierde, sino que están matando a sus hablantes.

Muchos de los que hemos levantado la voz a defender nuestros territorios estamos siendo criminalizados. Jiménez Pons nos acaba de acusar en los medios de que somos de extrema derecha y que por culpa nuestra el tren ya no va a pasar ni en Campeche ni en Mérida. Señalarnos de esta manera nos está poniendo frente al crimen organizado que tiene interés en el „Tren Maya“ para que nos busque y nos elimine. Nos duele mucho que los líderes de las dependencias del gobierno sigan ejerciendo un racismo como el de Jiménez Pons y nos estén tratando con desprecio.

Respecto al impacto ambiental, el problema mayor es que además de la misma línea de tren, se trata de un programa de reordenamiento territorial capitalista, incluyendo la construcción de unas 20 ciudades de a 50.000 habitantes como polos de desarrollo. Entonces esto significa mucha destrucción de la selva, pero al destruir la selva, también se destruye el habitat de los animales que se van a morir, van a desaparecer. Además se destruye un patrimonio cultural intangible porque nuestra vida está en la selva junto a los animales, los aves, el viento, la lluvia y el agua. Allí es donde hacemos nuestros ritos como pueblo Maya, es parte de nuestra creencia y nuestra fé, nuestra práctica que tejemos con la naturaleza. Los ritos Mayas son agrícolas, mientras los performances folclorísticos para turistas solamente sirven al Estado y a las empresas turísticas. Eso no es nuestra vida, no somos nosotros.

La convención 169 de la OIT firmada por México obliga al Estado a garantizar una consulta previa, libre e informada a los pueblos indígenas cuando se realizan proyectos que les afecten. ¿Ha cumplido el Estado de México con esta obligación?
El tema de las consultas es por decir lo menos, un chiste. Nadie lo ha tomado en cuenta, nadie le ha dado seriedad. Yo creo que las consultas no sirven, por lo menos no han sido válidas. No sirven las leyes si el presidente siempre dice que tiene otros datos. Es lo que ha pasado frente a un gobierno tan fuerte que se impone al poder legislativo y al poder judicial. En su primer trienio, ha sido la costumbre del gobierno pedir al congreso que no le mueva ni una coma a sus iniciatitivas de ley y así ha sido. El poder judicial ha recibido nuestros amparos (recurso legal de cualquier ciudadano mexicano o persona jurídica para defenderse frente a abusos de poder o la violación de derechos constitucionales por parte del Estado, nota de redacción) y no ha contestado ninguno salvo dos. En dos ocasiones nos ha dado una suspensión temporal y definitiva que el gobierno no ha respetado, y el poder judicial no ha reclamado el respeto a sus sentencias, se ha agachado frente al poder ejecutivo.

Los organismos internacionales han sido cómplices en esto porque la ONU Habitat ha recibido 5 milliones de dólares de parte del Estado para que sea el garante del despojo en nuestra península. La UNESCO también es parte del proyecto Tren Maya. En el nombre de la ONU nos están despojando, y nosotros le pedimos una medida cautelar a la Corte Interamericana de Derechos Humanos hace casi dos años. Hasta la fecha no nos ha contestado.

¿Cómo se organiza la resistencia?
La mayoría de la gente tiene miedo, tiene muerta su esperanza y trata de buscar el pan de cada día para sobrevivir sin conflictuarse. Somos muy pocos en la Península de Yucatán quienes decidimos luchar porque no estamos dispuestos a entregar nuestra tierra y entendimos que no tenemos la opción de elegir entre la vida y la muerte. La elección que nos han puesto en frente es entre un tipo de muerte y otra: o nos matan de un balazo o morimos lentamente de hambre y de sed. Entonces en el 2018 acordamos organizarnos como una asamblea, venimos de alrededor de 25 comunidades de toda la península y fundamos el colectivo Múuch‘ Xíinbal (“Caminamos juntos”) para buscar algunos modos de defender nuestro territorio. Una primera cosa es informarnos bien porque hay una narrativa muy fuerte desde el gobierno que justifica estos proyectos que nos destruyen. Entonces buscamos la información que necesitamos para poder vivir, no la que nos ponen en la boca, en el oído. Para eso necesitamos hacer alianzas con quienes manejan esa informacion. Algunos académicos nos ayudan y la buscan, nos pasan la información. Nosotros la traducimos a la lengua Maya, al lenguaje de la gente y lo compartimos con las comunidades, via WhatsApp o para los que no tienen celular, se hace la transferencia de informacion de boca a boca.

En el ámbito jurídico decidimos seguir la cuestion del litigio, de poner los amparos. Para eso dependemos de abogados que nos apoyen de forma solidaria porque no tenemos dinero. A veces un abogado empieza con un proceso pero luego nos deja tirados. Cuando tenemos un buen abogado comprometido, podemos ganar un caso porque hay de repente ciertos recobecos que se pueden buscar en la ley. Pero cuando ganamos un caso reforman la ley para tapar ese recobeco, y se hace cada vez mas difícil.

No hemos salido a hacer marchas porque no tenemos miles de personas, y no queremos que la policía lastime a nuestros compañeros, infiltrando las marchas y rompiendo cristales y cosas como pretexto para llevarnos a la cárcel. Ya hemos sufrido amenazas de muerte en mi persona y de mi familia, y de otros compañeros de la asamblea, entonces acordamos que los que ya hemos sido amenazados y somos visibles, seamos los que demos la cara para que se pueda proteger a los demás.

Nuestro acuerdo fundamental es: „¡La tierra no se vende ni se renta!” Tampoco vamos a dialogar ni a sentarnos con ningún partido político porque nuestro lucha no es partidista. Y el que nos quiera acompañar que lo haga sin condiciones, tiene que entender nuestra problemática. Nosotros tenemos solamente un objetivo: cuidar nuestro territorio. Si los ejidatarios le dicen no a la renta y a la venta de la tierra, eso va a dificultar mucho que nos despojen. Entonces es importante hacer trabajo con la comunidad. A través de talleres hemos logrado formar asesores nativos de las propias comunidades para la defensa del territorio: Cuando los coyotes llegan a comprar o rentar las tierras ya no pueden engañar a los ejidatarios que solo hablan lengua Maya porque hay personas preparadas para discutir los argumentos que se plantean y explicar a las personas más adultas las implicaciones de la enajenación de la tierra. Para mejorar la difusión también hacemos unos pequeños podcasts en Maya y español una vez por semana.

Usted es escritor y escribe poesía en su lengua Maya. ¿Hay una relación entre su escritura y su activismo?
Yo creo que frente a la impotencia que tenemos en esta lucha por la defensa del territorio, vamos buscando diferentes formas de organizar la lucha, de compartir y denunciar. Comencé a escribir por la defensa de nuestro territorio. La poesía viene a llenar un vacío y todo lo que he escrito tiene que ver con nuestro llanto, nuestro dolor, con nuestra desesperanza, con la situación de la conquista, de la colonización, de la humillación a través del racismo, de la destrucción de nuestro medio ambiente y de la relación que tenemos los Maya con la naturaleza.

„WIR WERDEN NIE VERSCHWINDEN“

Zocalo, Mexiko-Stadt

Fotos: Johanna Shorack

Der Hauptplatz von Mexiko-Stadt, der Zócalo, war Schauplatz von zwei Veranstaltungen zum Gedenken an die Ankunft der spanischen Konquistadoren in Tenochtitlán. Während die mexikanische Regierung den Tag mit internationalen Gästen, aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit beging, feierten die mexikanischen Indigenen das Jubiläum des letzten Tages ihrer Souveränität, den 12. August 1521, und teilten ihre eigene Geschichte anlässlich des halben Jahrtausends Widerstand seit der Invasion.

„Wir wollen der Welt mitteilen, dass sie gekommen sind, um uns verschwinden zu lassen, aber dass unsere Traditionen dennoch weiterleben“, sagte Don German X, einer der wichtigsten Anführer der Xochimilca, auf der Veranstaltung. „Die indigenen Völker sind und waren immer da, sie werden nie verschwinden“, bekräftigte er. Für die Xochimilca und andere ist das Gedenken vor allem ein spirituelles und begann in der Nacht zum 13. August mit Mahnwachen und Zeremonien.

Frau Indigene protestiert in Mexiko

In Xochimilco, im Südosten der Stadt, standen die Tlahucas und Xochimilcas die ganze Nacht über auf dem Zócalo, dem Hauptplatz der Gemeinde, um sich auf den großen Tag vorzubereiten und Chinampero-Mais anzubieten (Mais, der von den prähispanischen Inseln in Xochimilco kommt, Anm. d. Red.). Am nächsten Morgen brachen sie auf, um an der großen Demonstration im Stadtzentrum teilzunehmen.

Am Morgen des 13. August marschierten Dutzende von Gruppen, insgesamt mehr als tausend Menschen, vom Monumento de la Reforma zum Zócalo, um dem Aufruf zum Gedenken an den Widerstand von Tenochtitlán zu folgen und ihre kulturellen und spirituellen Werte zu feiern. Unter den Anwesenden waren Gruppen aus der aztekischen, der Chichimeca- und der Conchero-Tanztradition, wie zum Beispiel Azteca Xochiquetzal, Azteca Conchera, Ameyaltonal, die indigenen Völker von Xochimilco und Morelos und viele mehr.

Auf dem Zócalo angekommen, umkreisten die Gruppen einen riesigen Blumenaltar, auf dem sie tanzten und Opfergaben darbrachten.

Die Xochimilca gehören zu den Indigenen, die sich jährlich am 13. August an der Maisaussaat auf den Chinampas beteiligen. Die Chinampas sind eine Gruppe prähispanischer Inseln, die wegen ihrer großen Bedeutung für die Landwirtschaft und die Artenvielfalt zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Während der Zeremonie wurde der Mais von der Darstellung eines großen Axolótl begleitet, einer besonderen Amphibienart, die in den Chinampas beheimatet ist und ein lebendiges Symbol für den Widerstand dieser Menschen darstellt. „Unser Volk, unser Mais und auch der Axolótl sind vom Aussterben bedroht“, sagte Don Germán. Er erklärte, dass immer weniger Menschen den lokalen Chinampero-Mais anbauten. Jedes Jahr nehmen die Xochimilca an der Zeremonie am 13. August teil, um an den indigenen Widerstand ihrer Vorfahren zu erinnern und mit der Ausübung ihrer eigenen Traditionen Widerstand zu leisten.

Don Germán stellte abschließend fest, dass sein Volk alles in seiner Macht Stehende tun würde, um kulturelle und ökologische Probleme zu lösen: „Der 13. August ist nicht nur ein Fest, das Wesentliche ist der spirituelle Teil. Mögen wir als Menschen die Spiritualität, gemeinsam mit der Verantwortung, welche wir tragen, weiter kultivieren.“