Zum Schweigen gebrachte Stimmen

Vermisste Journalisten: José Antonio García Apac und María Ester Aguilar (Foto;: Propuesta Cívica)

Am 20. November 2006 rief José Antonio García Apac, Gründer der Wochenzeitung Eco de la Cuenca del Tepalcatepec, sein Kind an, während er durch die Region Tierra Caliente (Gebiet im Südwesten Mexikos, Anm. d. Red.) fuhr. Während des Gesprächs hörte seine Familie, wie er an einem Kontrollpunkt angehalten wurde. „Buenas noches, jefe“, sagte Apac – so pflegte er Militärs anzusprechen. Danach waren Schläge und Lärm zu hören, dann Stille. Von ihm und dem von ihm gefahrenen Wagen fehlt seither jede Spur.


García Apac hatte in seinen Veröffentlichungen die Verstrickungen zwischen Polizei, Militär und Kartellen angeprangert und in der Zeitschrift Proceso über die Verbindungen von Behörden zum Kartell der Zetas und den entstehenden Selbstverteidigungsgruppen berichtet. Sein Verschwinden führte zu einer Untersuchung, die jedoch rasch zwischen Inkompetenz, Aktenverschiebungen und jahrelanger Untätigkeit versandete. Zeugenaussagen über Drohungen im Zusammenhang mit seiner journalistischen Arbeit wurden ignoriert. Fast zwei Jahrzehnte später wird die offizielle Suche noch immer blockiert.
Der Fall von María Esther Aguilar Cansimbre weist Parallelen auf: Am 11. November 2009 verließ die Journalistin ihr Haus in Zamora, Michoacán, nachdem sie einen Anruf erhalten hatte und kehrte nie wieder zurück. Die 34 Jahre alte Mutter von zwei kleinen Töchtern hatte eine 17-jährige Laufbahn in lokalen Medien hinter sich. In ihren Artikeln deckte sie Polizeigewalt und Verbindungen lokaler Autoritäten zur organisierten Kriminalität auf. Unter ihren Unterlagen fand sich ein Dokument, das den damaligen Polizeichef von Zamora, Jorge Arturo Cambroni, belastete, weil er sich mit Leibwächtern umgab, die zu den Kartellen Familia Michoacana und zu den Zetas gehörten. Ein anonymer Faxhinweis beschrieb ihre Entführung auf direkte Anordnung von Cambroni. Keiner dieser Beweise wurde jedoch ernsthaft untersucht. Die Staatsanwaltschaft stufte den Fall zunächst als „illegale Freiheitsberaubung“ ein, ohne dringende Suchprotokolle zu aktivieren. Über ein Jahrzehnt lang wurden die Hinweise auf ihre journalistische Tätigkeit systematisch ignoriert.
Beide Fälle spielten sich im selben Klima ab: Michoacán als Epizentrum der Militarisierung der Sicherheitspolitik in Mexiko. Mit dem Beginn des sogenannten Drogenkriegs in Mexiko im Jahr 2006 wurden 4.200 Soldat*innen, 1.000 Marineangehörige und 1.400 Bundespolizist*innen entsandt – mit dem Versprechen an die Bevölkerung, die Kontrolle zurückzugewinnen. Was folgte, war jedoch eine Spirale der Gewalt, in der unter anderem die Presse der Kriminalität und den staatlichen Verstrickungen zum Opfer fiel.
Die institutionelle Antwort war stets dieselbe: Gleichgültigkeit, Verzögerungen, verschwundene Beweise und Ermittlungen, die nie zur Wahrheit führten. Auch die Schaffung von Institutionen wie der FEADLE (Sonderstaatsanwaltschaft für Verbrechen gegen die Meinungsfreiheit) im Jahr 2010 durchbrach die Logik struktureller Straflosigkeit nicht: Geschlossene Akten ohne ausgeschöpfte Ermittlungsansätze und lange Phasen der Untätigkeit ließen die Straflosigkeit andauern. Die extreme Bedrohung zwang vor allem die besonders gefährdeten Lokaljournalist*innen zu immer mehr Selbstzensur.

Die Fälle des gewaltsamen Verschwindenlassens von García Apac und Aguilar Cansimbe sind mehr als nur individuelle Geschichten. Sie sind Teil einer Gewalt- und Straflosigkeitsmaschinerie, die Mexiko durchzieht. Sie sind Spiegelbilder dafür, dass der Staat nicht nur unfähig ist, die Presse zu schützen, sondern in vielen Fällen durch aktives Handeln oder aber unterlassene Strafverfolgung selbst Komplize ist. Die Namen der beiden Journalist*innen fügen sich in eine schmerzhafte Liste ein: In den letzten 20 Jahren wurden mindestens 28 Journalist*innen in Mexiko aufgrund ihrer Arbeit verschwinden gelassen.

Angesichts der fehlenden innerstaatlichen Antworten haben die Familien von García Apac und Aguilar Cansimbe, unterstützt von der mexikanischen Organisation Propuesta Cívica und Reporter ohne Grenzen, eine Klage beim UN-Menschenrechtsausschuss eingereicht. Die Klage macht den mexikanischen Staat für das Verschwinden der Journalist*innen verantwortlich. Solche internationalen Schritte sind nicht nur der letzte Weg, um Gerechtigkeit einzufordern, sondern machen auch die systemischen Defizite des mexikanischen Justizsystems sichtbar.


„Die gewaltsamen Verschleppungen der Journalistin María Esther Cansimbe und von José Antonio Apac sind Beispiele für die extreme Gewalt gegen die Presse in Mexiko“, betont Sara Menidiola, Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation Propuesta Cívica. Weiter erklärt sie: „Sie zeugen von der tief verwurzelten Straflosigkeit, vom Fehlen einer öffentlichen Strafrechtspolitik zur sorgfältigen Untersuchung schwerer Menschenrechtsverletzungen und vom mangelnden Willen des mexikanischen Staates, diese Verbrechen zu bestrafen und ihre Wiederholung zu verhindern. Der Zugang zur Justiz bleibt für die Opfer ein einsamer und mühsamer Weg.“


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„Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen“

Cristina Rivera Garza hat zahlreiche Literaturpreise erhalten. (Foto: Anette Hornischer)

Sie sind in diesem Jahr Kuratorin des ilb. Wie lief der Auswahlprozess der Schriftsteller*innen und der Themen?
Jede kuratorische Arbeit bedeutet zunächst einmal Teamarbeit. Ich bekam den Auftrag, gemeinsam mit einem sehr aktiven und dynamischen Team einen Teil des Festivals zu kuratieren. Mich interessiert und ich schreibe selbst Literatur, die in engem Kontakt mit den Gemeinschaften steht, aus denen sie hervorgeht. Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen und an die Fähigkeit der Literatur, Kräfte in der Sprache zu wecken und wiederzubeleben.
Aus diesem Grund war es mir wichtig, dass wir auf dem Festival einen Raum für Gespräche schaffen, die auch in den Büchern stattfinden. Eines der wichtigsten Themen dabei sind Migrationbewegungen. Ich selbst war fast mein ganzes Leben lang eine migrantische Schriftstellerin und bin der weltweiten Angriffe bewusst, unter denen migrantische Gemeinschaften heutzutage leiden. Ein Großteil der Eingeladenen dieses Festivals hat persönliche oder literarische Erfahrung mit diesem wichtigen und unvermeidlichen Thema.
Ein anderes wichtiges Thema sind für mich inter- und transdisziplinäre Übungen innerhalb der Texte, Mut und formale Kühnheit. Es gibt zum Beispiel eine Theatergruppe, die eine Performance mit Bezug auf das Buch der lateinamerikanischen Schriftstellerin Liliana Colancio aufführen wird. Dieses Spiel mit Genres ist mir wichtig. Ich glaube, dass es eine wesentliche Beziehung zwischen Literatur und Aktivismus gibt. Sie ist ein weiteres unumgängliches Element der Welt, in der wir leben.

Welche Rolle spielt die Literatur in der Politisierung des Erinnerns und des Schmerzes?
Ich bin der Überzeugung, dass ich beim Schreiben eine Sprache nutze, die nicht mir gehört. Es ist eine Sprache, die ganzen Gemeinschaften von Sprechern gehört. Eine Sprache, die bereits mit Geschichte behaftet ist. Ich ergänze meine eigene Geschichte mit ihren Konflikten, Hoffnungen und Visionen. Dort beginnt für mich die Beziehung zwischen dem Literarischen und dem Politischen. Ich sage „das Politische” statt „die Politik”, weil ich denke, dass es sich um zwei verschiedene Dinge handelt. In der Sprache werden verschiedene Formen der Hierarchie überprüft und bekämpft, es werden Gesprächs- und Handlungsfelder eingeschränkt oder erweitert. Deswegen denke ich, dass es eine Beziehung und eine Verantwortung derer gibt, die eng mit der Sprache arbeiten und den vielfältigen Realitäten, die wir mit ihr durchlaufen. Für mich ist es weniger eine Frage des Themas oder des Gegenstandes, sondern vielmehr eine Frage, die mit den Materialien selbst zu tun hat, die Teil der Handlung oder dieser Praxis sind.

Sehen Sie sich als Aktivistin?
Auf unterschiedliche Art: Ich bin zum Beispiel nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Professorin in den USA. Ich leite seit einigen Jahren ein Doktoratsstudium für kreatives Schreiben in spanischer Sprache. Das Programm wurde 2017 ins Leben gerufen, gerade als das Weiße Haus Spanisch von seiner Website entfernte. Der Höhepunkt war vor nicht allzu langer Zeit, nachdem Englisch zur offiziellen Sprache der Vereinigten Staaten erklärt wurde, was es zuvor noch nie gegeben hatte. Für mich ist die Leitung dieses Programms, in dem wir Schriftsteller, die in den USA auf Spanisch schreiben, beherbergen und eng mit ihnen arbeiten, ohne Zweifel eine Art von Aktivismus. Vielleicht ist der wichtigste davon ein linguistischer Aktivismus − nicht nur die Verteidigung der Sprache, sondern auch die Verteidigung der Gemeinschaften, die sich in dieser Sprache ausdrücken, leben, träumen und hoffen. Die USA sind nach Mexiko das zweitgrößte spanischsprachige Land der Welt. Das gibt uns eine Vorstellung, welche Bedeutung die Gemeinschaft und ihre Sprache in den Vereinigten Staaten heute haben.

Sie arbeiten viel mit dem Thema Grenzüber­schreitung und Migration. Wie überschreiten Sie Grenzen?
Ich wurde in Matamoros im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten geboren. Fast mein ganzes Leben lang habe ich an Grenzen gelebt. Ich war 20 Jahre in San Diego, wo ich oft die Grenze zur mexikanischen Stadt Tijuana überquert habe. Ich komme aus einer Tradition von Generationen von Grenzbewohnern. Ich habe dazu ein Buch geschrieben, Autobiografía del algodón (Autobiographie der Baumwolle), das hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt wird, in dem ich die Migrations- und Grenzerfahrungen meiner Großeltern mütterlicherseits untersuche. Das heißt, die Grenze hat mich in vielerlei Hinsicht durchquert, sie ist Teil meiner Familiengeschichte, meiner persönlichen Geschichte und meiner Arbeit. Es gibt ein Bestreben, Grenzen zu überschreiten, zum Beispiel formale Grenzen, Geschlechtergrenzen und litera­rische Genregrenzen. Es gibt ein Beharren, in den Bereichen und Kulturen zu arbeiten, in denen sich verschiedene Disziplinen berühren. Ich habe zum Beispiel gerade das studiert: erst Theologie, dann Geschichte. Aber ich lese viel zu Anthropologie, zu Philosophie und zu Literatur natürlich, und mich interessieren die bildenden Künste und zeitgenössische Kunst. Ich versuche diese Interessen in die Bücher, die ich schreibe, einfließen zu lassen. Ich bin also von Geburt an, aber auch aus eigener Entscheidung Grenzgängerin, und deswegen beleuchte ich die Problematik der Grenzen, ihre tödliche Macht und die Notwendigkeit, sie zu überschreiten.

Welche Grenze fällt schwer zu überschreiten?
Es gibt in Lilianas unvergänglicher Sommer eine letzte Grenze, die Grenze zwischen Leben und Tod. Ein Teil der Erfahrung beim Schreiben dieses Buches, das sich mit dem Femizid befasst, dem meine Schwester 1990 zum Opfer fiel, ist es festzustellen, wie durchlässig diese Grenze ist, wie viele Wege es hin und zurück gibt. Die Tatsache, dass die Toten bei uns bleiben − wie unsere Großeltern und Vorfahren wussten − dass sie die Grenze überschreiten, diese letzte Grenze, die zwischen Leben und Tod existiert.
Welche Hürden gab es beim Schreiben von Lilianas unvergänglicher Sommer?
Ich glaube in diesem Fall war ein ausschlaggebender Punkt die Sprache, die in den letzten zehn, 20, 30 Jahren eine sehr starke feministische Bewegung und machtvolle Frauen hervorgebracht hat. Ich glaube, dass wir jahrelang aufgrund der patriarchalen Narrative nicht über ausreichende Konzepte verfügten, um Geschichten der geschlechtsspezifischen Gewalt zu erzählen. Und zwar aus der Sicht der Frauen, ihrer Familien und ihrer Gemeinschaften. Ich glaube uns fehlte − mir persönlich fehlte − die Entwicklung einer Reihe von Begriffen und Konzepten, die uns jetzt ermöglichen, die patriarchalen Narrative zu untergraben, zu hinterfragen, zu kritisieren und die Stimme und die Erfahrung von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Um diese Geschichten kritisch zu erzählen, auf eine andere Art, auf eine Art, die sich den Krallen des Patriarchats entzieht.

Was muss in den heutigen Diskurs in Deutschland eingebracht werden?
Ich denke, mit den eingeladenen Schriftsteller*innen des Internationalen Literaturfestival Berlins machen wir einen guten Anfang. Es handelt sich um migrantische Schriftstellerinnen und Schriftsteller und engagierte Aktivisten. Sie sind Teil einer aktuellen zeitgenössischen Debatte. Sie sind vor allem unglaublich intelligent und verfügen über eine unerschütterliche Sensibilität. Leute wie Javier Zamora, der in seinem autobiografischen Buch Solito davon erzählt, haben persönliche Erfahrung damit, was es bedeutet, in sehr jungen Jahren ein ganzes Land zu durchqueren. Es war eine gefährliche Reise, dort hinzugelangen, wo er heute lebt. Ich beziehe mich hier auf Javier, aber Claudia Donosa und Roxana Crisólogo könnten das Gleiche erzählen, auch Gabriela Wiener, von Velia Vidal ganz zu schweigen. Ich denke hier haben wir Personen, mit einer tiefen persönlichen Erfahrung, die sie erforscht und zum Ausdruck gebracht haben, in einer sehr angespannten, dringlichen, aber auch freudigen Sprache. Ich vertraue also darauf, dass sie mit ihrer Intelligenz und Leidenschaft Gespräche anregen können, die für unsere Zeit von grundlegender Bedeutung sind.


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Würdiger Wohnraum

Gentrifizierung ist kein Fortschritt, sondern Verdrängung Spontaner Protest gegen Gentrifizierung in Mexiko-Stadt (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

Die erste Demonstration gegen Gentrifizierung in Mexiko-Stadt fand am 4. Juli statt – ein symbolträchtiges Datum, das mit dem Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten zusammenfällt. Diese „Gegenfeier“ hatte zum Ziel, das anzuprangern, was als eine US-amerikanische Besetzung wahrgenommen wird: Viele der verdrängten Einheimischen müssen der wachsenden Präsenz von digitalen Nomad*innen und Kreativen – überwiegend aus den USA – weichen. Während der Kundgebung beklagten die Demonstrierenden, dass der Anstieg der Wohnkosten zusammen mit der Zunahme von Immobilien, die über Plattformen wie Airbnb angeboten werden, die Bewohner*innen an den Stadtrand verdrängt habe. Zudem erklärte die Aktivist*innengruppe Frente Anti Gentrificación MX in einer Pressemitteilung vom 5. Juli, dass illegale Zwangsräumungen, organisierte Plünderungen von Wohnungen zur Einschüchterung der Bewohner*innen und nicht genehmigte Änderungen der Bodennutzung gängige Praktiken geworden seien, die darauf abzielen, Leerstand zu schaffen, damit neue Geschäfte oder wohlhabendere Bevölkerungs­gruppen einziehen können. Dies habe letztlich eine „Zerstörung des sozialen Gefüges von Städten, Vierteln, Dörfern und Nachbarschaften“ zur Folge und verwehre den Menschen den Zugang zu grundlegenden Menschenrechten. Angesichts dieser Situation hat die Stadtregierung Maßnahmen ergriffen, um die Folgen der Gentrifizierung abzumildern. Zugleich wurden die Proteste jedoch polizeilich gewaltvoll unterdrückt.

Die Wurzeln der starken Gentrifizierung liegen in politischen Maßnahmen von vor einem Jahrzehnt: Mit dem Ziel, die Stadt zu zentralisieren und zu verdichten, gewährte das Gesetz zur Stadtentwicklung des Bundesdistrikts von 2010, vorgeschlagen vom damaligen Regierenden Bürger­meister von Mexiko-Stadt, Marcelo Ebrard, großen privaten Immobilienprojekten bevorzugte Behandlung. Diese Politik wurde unter anderem im Rahmen der ab 2013 geförderten Zonen für wirtschaftliche und soziale Entwicklung (ZODES) umgesetzt, die darauf abzielten, zentrale Viertel wie die Colonia Doctores zu beleben. Die ZODES-Initiativen führten zum Bau von Bürokomplexen; Wohnungen zu Preisen, die für die lokale Bevölkerung unerschwinglich waren, sowie Kulturzentren.

Privatisierung verkleidet als „Aufwertung“

Ein deutliches Beispiel für die Unbeliebtheit der Projekte war der Kulturelle Korridor Chapultepec. Er sah den Bau eines Hochparks über der Avenida Chapultepec vor. Ziel war es, die Straße durch Fußgängerzonen und Grünflächen für Kultur- und Freizeitaktivitäten aufzuwerten. Ein breites Bündnis aus Anwohner*innengruppen und Stadtplaner*innen kritisierte jedoch, dass es sich dabei nicht um einen „kulturellen Korridor“ handele, sondern vielmehr um eine Privatisierung zugunsten der Finanzgruppe Invex. Diese hatte die Konzession für die Nutzung der Fläche ohne öffentliche Ausschreibung für 40 Jahre erhalten.

Der wachsende Druck eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses führte schließlich zu einer öffentlichen Befragung, in der sich 60 Prozent der Teilnehmenden für die Aufhebung des Projekts aussprachen. Infolgedessen wurde das Vorhaben endgültig gestoppt. Viele weitere Privati­sie­rungen durch ZODES-Projekte konnten jedoch nicht aufgehalten werden. Das Interesse an privaten Investitionen, verbunden mit einer regulatorischen Lücke in Bezug auf Kurzzeitvermietungen, legte die Grundlage für die schrittweise Umwandlung von Wohnraum für die lokale Bevölkerung in Ferienwohnungen für Tourist*innen. Immer mehr Wohnungen in attraktiven Wohnvierteln wie Roma, Condesa oder Juárez wurden dem langfristigen Mietmarkt entzogen, um über Plattformen wie Airbnb angeboten zu werden, was die Spekulation zusätzlich verschärft.

Transnationale Plattformunternehmen wie Airbnb profitieren während die Bewohner*innen von Mexiko-Stadt ihre Viertel verlassen müssen (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

In diesem Kontext kam es während der COVID-19-Pandemie zu einer großen Migration von Remote-Arbeiter*innen. Trotz der schon damals steigenden Kosten bot Mexiko-Stadt ein deutlich niedrigeres Lebenshaltungsniveau als die Technologie-Metropolen der USA und Kanadas. 2022 unterzeichnete die damalige Bürgermeisterin und heutige Präsidentin der Republik, Claudia Sheinbaum, ein Abkommen mit Airbnb und der UNESCO, das darauf abzielte, den Tourismus zu fördern und den Immobilienmarkt für digitale Nomad*innen zu öffnen. So erlebten von Gentrifizierung betroffene Viertel wie Roma und Condesa zwischen 2020 und 2023 einen Anstieg der Mieten um 50 bis 100 Prozent. Der somit entstehende demografische Wandel zwang traditionelle Geschäfte, sich anzupassen oder zu verschwinden: tortillerías (Geschäfte für frische Maistortillas), fondas (familiengeführte Restaurants) und Straßenstände wurden durch Spezialitäten-Cafés, Design-Boutiquen und Gourmet-Restaurants ersetzt. Infolgedessen bekamen neue Generationen von Familien, die seit Jahrzehnten in diesen Vierteln verwurzelt waren, Schwierigkeiten, sich dort niederzulassen, und verloren damit ihre familiären, beruflichen und gemeinschaftlichen Bindungen.

Vom System vernachlässigt Statt an menschlichen Grundbedürfnissen hat sich die Stadtpolitik lange an Kapitalinterssen orientiert (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

So riefen Nachbarschaftskollektive und Aktivistinnengruppen, darunter die Frente Anti Gentrificación MX und die Frente Nacional por las 40 Horas, am 4. Juli zu einer Kundgebung auf, bei der sich Hunderte von Menschen versammelten, um Erfahrungen auszutauschen und von der Regierung Maßnahmen gegen die Gentrifizierung zu fordern. Zu den zentralen Forderungen gehörten die Regulierung von Plattformen wie Airbnb, eine Politik für bezahlbaren Wohnraum, die Kontrolle von Immobilieninvestitionen sowie ein Ende der Verdrängung.

Der angestaute Unmut verwandelte die Kundgebung jedoch in einen Protestmarsch, der vom Monumento a la Revolución in symbolträchtige, von Gentrifizierung geprägte Viertel wie Roma und Condesa zog. Obwohl die Mobilisierung größtenteils friedlich verlief, kam es zu Vorfällen direkter Aktion, bei denen Geschäfte beschädigt wurden, die als Teil des Gentrifizierungsprozesses wahrgenommen werden. Diese Aktionen – darunter das Einschlagen von Fensterscheiben, das Besetzen von Läden und die Zerstörung von Cafés – wurden von nationalen und internationalen Medien breit aufgegriffen, um die Demonstration zu delegitimieren.

Nachbarschaftsorganisationen wehren sich

Konservative nationale Medien konzentrierten sich auf Vandalismus während der Demonstration. Zudem warfen sie den Demonstrierenden Fremdenfeindlichkeit vor und richteten besondere Aufmerksamkeit auf Parolen wie „Gringo, go home“ („Gringo, geh nach Hause“) oder „aquí se habla español“ („Hier wird spanisch gesprochen“). Die Demonstration wurde zum Ziel eines ideologischen Diskurses, der zivilen Ungehorsam häufig mit dem in Mexiko geläufigen Satz „esas no son las formas“ („nicht auf diese Art“) abwertet. Nach Einschätzung von Dinora Arceta, Expertin für Advocacy bei Amnesty International, dient dieser Ausdruck dazu, die öffentliche Debatte abzulenken. Sein eigentlicher Zweck besteht darin, die Demonstrierenden zu diskreditieren und zu stigmatisieren, um eine Auseinandersetzung mit den Ursachen ihrer Unzufriedenheit zu vermeiden.

Dieser mediale Fokus erwies sich als wirksam, um die Aufmerksamkeit von den Forderungen der Demonstrierenden abzulenken und dadurch den Protest zu diskreditieren. Am folgenden Tag betonte Präsidentin Claudia Sheinbaum, dass „Mexiko ein offenes, solidarisches und brüderliches Land“ sei und dass die „rassistischen Haltungen“, die sie den Demonstrierenden vorwarf, nicht zu rechtfertigen seien – auch wenn ihre Forderungen legitim wären. Nach einer weiteren Anti-Gentrifizierungs-Demo am 20. Juli, die direkte Aktionen in Museen und Buchhandlungen einschloss, warf Sheinbaum den Demonstrierenden unmissverständlich vor, sich wie „Faschist*innen und Intolerante“ zu verhalten, und bekräftigte ihre Haltung gegen vermeintliche Diskriminierung von Ausländer*­innen.

Wohnraum zum Leben statt zum Investieren! Statt an menschlichen Grundbedürfnissen hat sich die Stadtpolitik lange an Kapitalinterssen orientiert (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

Trotz der überwiegend negativen Medienberichterstattung ist es den Protesten gegen Gentrifizierung gelungen, breite Teile der Bevölkerung politisch zu mobilisieren. Neben der Demonstration vom 4. Juli in Mexiko-Stadt wurden bereits drei weitere Demonstrationen organisiert, die größtenteils friedlich verliefen. Ergänzend zu den seit langem bestehenden Kämpfen um die Verteidigung des Territoriums sind in verschiedenen Teilen der Republik eigene Initiativen gegen die Gentrifizierung entstanden. In Oaxaca fand beispielsweise am 16. Juli das „Nationale Treffen gegen die Gentrifizierung“ statt, an dem soziale Organisationen und Indigene Gemeinschaften beteiligt waren. Diese Bewegung verortet ihren Widerstand in einem breiteren Kampf gegen Extraktivismus, Ausbeutung und Massentourismus. Die Bewegung in Oaxaca fördert über die Organisierung von Protest hinaus die Schaffung von Reflexionsräumen und Workshops zur Entwicklung kollektiver Strategien. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel lässt sich in der Stadt Querétaro, im Zentrum von Mexiko finden, wo am 8. August eine Anti-Gentrifizierungs-Demo mit mehr als 200 Teilnehmenden stattfand.

Als Reaktion auf die Widerstandsbewegung stellte die Stadtregierung von Mexiko-Stadt unter der Leitung von Clara Brugada am 16. Juli den Plan „Einheit für eine lebenswerte und bezahlbare Stadt“ vor, dessen Ziel es ist, eine politische Strategie zur Regulierung des Immobilienmarktes zu etablieren. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen die Senkung der Mietpreise, die Schaffung von erschwinglichem Wohnraum, die Erhöhung von Steuern auf leerstehende Wohnungen, der Schutz lokaler Geschäfte sowie die Erklärung von Mexiko-Stadt zur „Sanctuary City“, in der die Menschenrechte ihrer Bewohner*innen geachtet und Express-Räumungen verboten werden. Die für die Demonstrationen verantwortlichen Aktivist*innengruppen betrachten diese Maßnahmen mit Misstrauen, da der Plan hastig ausgearbeitet wurde – und ohne Beteiligung oder Anhörung der betroffenen Gruppen. Gleichzeitig befindet sich die Anti-Gentrifizierungs-Bewegung in Mexiko-Stadt derzeit in einer Phase der Konsolidierung. Sie versucht, eine organisatorische Struktur aufzubauen, die in der Lage ist, durch Foren und Arbeitsgruppen wie jene in Oaxaca auf die öffentliche Politik einzuwirken.


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Justiz im Wandel

Vor der Reform, die von Andrés Manuel López Obrador in die Wege geleitet und von Claudia Sheinbaum durchgesetzt wurde, wurden die Richter*innen des Obersten Gerichtshofs aus einer vom Präsidenten vorgeschlagenen und vom Kongress bestätigten Liste ausgewählt. Dies führte zu einer undurchsichtigen Justiz mit exorbitanten Gehältern, geringer Rechenschaftspflicht und starken Verbindungen zur Oligarchie und den faktischen Machthaber*innen.
Darüber hinaus trug die Vetternwirtschaft der so genannten „Richterfamilien“ dazu bei, ein System mit einem hohen Maß an Straflosigkeit aufrechtzuerhalten. Nach Angaben von Organisationen wie dem Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie (IMDHD) gehen 90 Prozent der Justizverfahren in Mexiko straffrei aus.
Das neue Justizsystem ist aus einem intensiven Kampf zwischen zwei Blöcken hervorgegangen. Auf der einen Seite die ehemalige Regierung unter der Führung von Andrés Manuel López Obrador (AMLO) und seiner Morena-Partei, die im Rahmen der so genannten „Vierten Transformation“ eine Agenda progressiver Reformen verfolgte. Auf der anderen Seite die Opposition, die sich aus der Rechten und den traditionellen Parteien (PAN, PRI, PRD), dem Obersten Gerichtshof (SCJN) selbst – dem vorgeworfen wird, konservativ und elitär zu sein – und den Konzernmedien zusammensetzt, die als Verfechter*innen des Status quo angesehen werden.

Plan A bis C für die Justizreform

Um das Justizsystem umzugestalten, musste López Obrador drei verschiedene Strategien anwenden. Die erste war die wahlpolitische Reform, die dem Kongress 2022 vorgelegt wurde, um das Budget des Nationalen Wahlinstituts (INE) zu kürzen und die Mehrpersonenwahlkreise abzuschaffen, was mangels qualifizierter Mehrheit abgelehnt wurde. Es folgte zwischen 2022 und 2023 der sogenannte „Plan B“, der, der Änderungen des abgeleiteten Rechts vorsah, ohne dass die Verfassung geändert werden musste, der jedoch vom Obersten Gerichtshof für ungültig erklärt wurde. Und schließlich der „Plan C“ im Jahr 2023, der das letzte Wagnis darstellte: die Präsidentschaftswahlen 2024 zu gewinnen und eine qualifizierte Mehrheit im Kongress zu erreichen, um das Justizsystem durch die Wahl der Richter*innen durch das Volk zu erneuern.
Da es in Mexiko keine Wiederwahl gibt, machte die derzeitige Präsidentin, Claudia Sheinbaum, den Plan C und die Justizreform zu einem der zentralen Versprechen ihrer Wahlkampagne. Nach ihrem erdrutschartigen Sieg (mit fast 30 Millionen Stimmen – mehr als doppelt so vielen wie ihr Konkurrent) erreichte Morena eine qualifizierte Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses und erhielt so die notwendigen Stimmen für eine Verfassungsreform. Der politische Kalender Mexikos erlaubte es AMLO in einer seiner letzten Amtshandlungen als Präsident diese Mehrheit zu nutzen, um die lang ersehnte Justizreform in den Kongress einzubringen. Die Reaktion der Justiz ließ jedoch nicht lange auf sich warten: Viele ihrer Beschäftigten traten in den Streik und besetzten am Tag der Abstimmung aus Protest sogar gewaltsam den Senat.
Nach der beschlossenen Reform sollten die drei Gesetzgebungsorgane der Regierung nicht nur Kandidat*innen für die Wahl der Richter*innen des Obersten Gerichtshofs benennen, sondern auch für die Wahl der Magistrate, Richter*innen und Bezirksrichter*innen sowie der Mitglieder des neuen Disziplinargerichts aufstellen.
Das Wahlverfahren war umständlich und komplex. Das Nationale Wahlinstitut verfügte nur über ein begrenztes Budget für die Organisation der Wahlen, und die politischen Parteien waren von der Werbung für Kandidaturen und der Finanzierung von Kampagnen ausgeschlossen.
Der Prozess war zudem auch von Boykottaufrufen der Opposition und einiger Medien geprägt und durch die Mobilisierung der morenistischen Basis zur Stimmabgabe anhand von Orientierungslisten gekennzeichnet – bekannt als acordeones (Spickzettel) – mit den Namen der ihrer Partei nahestehenden Kandidat*innen.

Wahlbeteiligung nur bei 13 Prozent

In Mexiko besteht keine Wahlpflicht, und bei den Zwischenwahlen gehen in der Regel etwa 30 Prozent. Nach diesen Maßstäben könnte man sagen, dass die Wahlbeteiligung für die Richter*innenwahl am 1. Juni sehr niedrig war, da von den fast 100 Millionen Wahlberechtigten nur 13 Prozent zur Wahl gingen.
Die mexikanische Opposition hat die Wahl der Richter*innen durch das Volk als einen autoritären Akt bezeichnet, der die Justiz politisiert, die Unabhängigkeit der Justiz bedroht, die Rechtsstaatlichkeit schwächt und Morena eine noch größere Machtkonzentration ermöglicht. Die Regierung von Claudia Sheinbaum und ihre Partei verteidigen dies indes als Demokratisierung der Justiz, die notwendig sei, um den Interessen des Volkes und nicht einer wirtschaftlichen und politischen Minderheit gerecht zu werden. Im Zuge der Justizreform wurde die Zusammensetzung des SCJN von elf auf neun Richter*innen reduziert, so dass er nun aus fünf Frauen und vier Männern besteht, die ideologisch der Regierung Sheinbaum nahestehen.
Die Ernennung von Hugo Aguilar – nach Benito Juárez vor 160 Jahren die zweite Indigene Person, die den Vorsitz des Gerichtshofs übernimmt – stellt einen symbolischen Fortschritt für historisch marginalisierte Gemeinschaften dar. Sie hat einerseits Fragen über seine Unabhängigkeit von der Exekutive aufgeworfen und andererseits zu widerwärtigen, rassistischen Äußerungen gegen ihn geführt. Dieser neu aufgestellte Gerichtshof wird in den kommenden Jahren über entscheidende Fragen wie die Ausweitung der sozialen Rechte, die Autonomie der Indigenen Bevölkerung und die Rolle der Armee bei Sicherheitsaufgaben entscheiden. Seine Unabhängigkeit wird von entscheidender Bedeutung sein, um zu vermeiden, dass er als eine Erweiterung der politischen Macht wahrgenommen wird.


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Ein normales Leben, unvergänglich

Cover des Buchs "Lilianas unvergänglicher Sommer"

Mit Lilianas unvergänglicher Sommer erscheint erstmals ein Werk der renommierten mexikanischen Autorin Cristina Rivera Garza auf Deutsch – ein forderndes Buch, das mit gewohnten Leseerwartungen bricht.

Cristina erzählt die Geschichte ihrer zwanzigjährigen Schwester Liliana, 29 Jahre nachdem diese von ihrem Ex-Freund ermordet wurde. Sie beginnt das Buch mit einer Szene, die ihre jahrzehntelange Trauerarbeit hervorhebt und erklärt, wieso sie ihre Scham und Verzweiflung nun in andere Bahnen lenken kann. Die Frustration und Schwere will sie selbstbestimmt beenden, denn Scham macht uns ihrer Ansicht nach zu Kompliz*innen der Mörder. Ihr Ziel ist jetzt Gerechtigkeit. In erster Linie ist das Buch eine Biografie einer junger Frau, verfasst von ihrer einzigen Schwester, doch gleichzeitig ist es auch weitgehend eine Autobiografie. Denn was das Buch besonders macht, erscheint auf den ersten Blick paradox: Liliana und Cristina sind beide begnadete Schriftstellerinnen und Poetinnen, die Liliana in gemeinsamen Zeugnissen und einem steten Reigen zum Leben erwecken. Liliana hat ihrem Tod und dem Vergessen die meisten Hindernisse selbst in den Weg gelegt: in hunderten Zetteln, Briefen, Schreibmaschinennotizen. Cristina ergänzt beide Perspektiven mit den Erzählungen und Erinnerungen von Kommiliton*innen und der Eltern. Auch der Täter hat sich mit Gewalt in Lilianas Geschichte eingeschrieben, doch sein Platz ist trist und schmal. Er bleibt als Person eine verdiente Leerstelle: Eine Randnotiz, die erwähnt werden muss, mehr nicht.

Gleichzeitig sind die biografischen Daten an sich nicht außergewöhnlich. Lilianas Erfahrungen, ihr Erwachsenwerden, ihre Freundschaften und ihre Romanzen: Das alles ist „normal“ für eine junge Frau in Mexiko, in Lateinamerika, auf dieser Welt. Genau aus dieser scheinbaren Banalität erwächst das Einzigartige, das dieses Buch auszeichnet. Eine gewöhnliche Geschichte, erzählt, notiert und kuratiert von außergewöhnlichen Autorinnen.

Im Kontext des Femizides verweist Christina zwar auf Gerechtigkeit, aber sie wird nicht aktivistisch: Ihr Stil ist stellenweise sehr schmerzhaft, manchmal wünscht man sich als Leser*in mehr Distanz, mehr Abstand. Aber eine Schwester kann keinen Abstand kennen: Sie kennt nur Nähe, und dadurch lernen auch wir Liliana so kennen, wie Ihre Nächsten sie kannten. Die Schwester steht im Vordergrund, nicht verbunden mit einer Anklage oder mit Forderungen bedacht, sondern als Mensch Liliana. Und dass wir diesen Mensch an das Patriarchat verloren haben, sollte genug Symbolkraft haben, um uns alle zu Veränderungen aufzufordern. Sicherlich ist es kein Buch mit einfachen Antworten. Doch Christina hat zwei nachhaltige und prägende Entscheidungen getroffen: Mit dem Buch hat sie einen bleibenden Erinnerungsort geschaffen und den Nachlass ihrer Schwester hat sie einem Archiv in Texas übergeben. So bleibt die Autorin ihrer Schwester treu: Gemeinsam haben sie Lilianas Sommer für die Nachwelt unvergänglich gemacht.


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Zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit


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Zwischen Erwachen und Erwachsenwerden

Foto: Plan B Entertainment

Eines Nachmittags vertraut Cecilia (Andrea Suárez Paz) ihrem Sohn Olmo an, sich um seinen Vater Néstor (Gustavo Sánchez Parra) zu kümmern. Der ist mit Multipler Sklerose bettlägerig und zum Überleben auf seine Familienmitglieder angewiesen. Auch sonst geht es der Familie nicht wirklich gut: Sie sind drei Monatsmieten schuldig, es gibt weder Zeit noch Geld für selbstgekochtes Essen (außer der Tiefkühl-Lasagne, die der Vater nicht essen will) und die Stereoanlage ist kaputt. All das hält den 14-jährigen Olmo aber nicht davon ab, sich für seine Nachbarin Nina (Melanie Frometa) zu interessieren. Seiner älteren Schwester Ana (Rosa Armendáriz) geht es ähnlich wie ihm: Sie will ihre Jugend abseits von Verpflichtungen erleben. Währenddessen versucht ihre überforderte Mutter, ihren häuslichen und finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, indem sie Doppelschichten in einem Restaurant arbeitet.

Fernando Eimbckes Film Olmo wurde in der Sektion Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2025 uraufgeführt. Es ist Eimbckes vierter Film und das zweite Mal, dass der mexikanische Regisseur an der Berlinale teilnimmt. Das erste Mal war er 2008 mit Lake Tahoe vertreten, einem Film, der mit dem Silbernen Bären für den Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde. Sein Regiedebüt gab er 2004 mit Temporada de Patos, der in Cannes uraufgeführt wurde und in seinem Heimatland mehrere Preise gewann. Im Jahr 2013 präsentierte er Club Sandwich, seinen dritten Spielfilm, der beim 61. Internationalen Filmfestival von San Sebastian unter anderem mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Olmo spielt 1979 in New Mexico und schildert auf humorvolle Weise den komplexen Übergang vom Heranwachsen zum Erwachsenwerden in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld. Aivan Uttapa spielt darin den Protagonisten: Olmo ist ein junger Mann, der versucht, den Härten seines Zuhauses zu entkommen, indem er sich in seine Freundschaft mit Miguel (Diego Olmedo) und seine romantischen Träume zurückzieht.Sein Freund nimmt dabei im Laufe des Films die Rolle des treuen Helfers für ihn ein, fast wie Sam Gamdschie für den Helden Frodo in der Fantasy-Saga Herr der Ringe. Unter anderem unterstützt er ihn dabei, seinen Schwarm Nina dazu zu bringen, ihn zu einer Party einzuladen. Aber die Sache hat einen Haken: Die Eintrittskarte dafür ist, sich die Stereoanlage der Familie auszuleihen. So muss sich Olmo zwischen der Verantwortung für seine Angehörigen und dem Wunsch, seine Jugend zu leben, entscheiden. Auf diese Weise zeigt der Film eine unausweichliche Wahrheit: Erwachsenwerden bedeutet, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Doch Olmo ist mehr als nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch ein intimes Porträt einer Migrant*innenfamilie, in der die Eltern auf Spanisch kommunizieren und die Kinder auf Englisch antworten. Einer Familie, die durch die Krankheit von Néstor zerbrochen ist, der als Vater, obwohl körperlich eingeschränkt, immer noch versucht, seiner Rolle mit Anekdoten und Ratschlägen gerecht zu werden, auf die seine Kinder nicht immer hören wollen. Das fehlende Gleichgewicht in seiner Familie hinterlässt Olmo in einem großen Dilemma: Inwieweit soll er mit Aufgaben belastet werden, die seinem Alter nicht entsprechen? Während seine Mutter und seine Schwester versuchen, auf ihre Weise zu entkommen, sehnt auch er sich nach einer solchen Pause. So erinnert uns der Film daran, dass das Erwachsenwerden nicht nur ein Prozess der Selbstfindung ist, sondern auch ein Akzeptieren der familiären Bindungen, mit all der Last, die sie mit sich bringen.

Olmo ist kein effekthascherischer Film, aber wenn er erst einmal angefangen hat, überzeugt er mit seinen Charakteren, einer soliden Geschichte und einem sorgfältigen Setting. Er handelt vom Aufwachsen und von Beziehungen in einer unvollkommenen Familie und erinnert uns daran, dass das Leben wie ein Film sein kann. In dieser Geschichte ist die Familie kein idealisierter Zufluchtsort, sondern ein komplexes Band, das von Opfern und kleinen täglichen Kämpfen aufrechterhalten wird. Jede Figur geht auf ihre eigene Weise mit der Realität um, aber alle sind durch eine gemeinsame Wahrheit verbunden: Trotz ihrer Brüche bleiben sie ein Team, in dem Verantwortung und Zuneigung in einem fragilen Gleichgewicht koexistieren.



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Ein Kontinent
 unter Druck

Grafik: Melissa Medina-Márquez

MEXIKO
Nachbar im Visier

Mit seinem Amtsantritt als 47. Präsident der Vereinigten Staaten schlägt Donald Trump einen schärferen Ton gegenüber Lateinamerika, insbesondere Mexiko, an. Er droht mit Zöllen: 25 Prozent auf Importe aus Mexiko und Kanada sowie 10 Prozent auf Waren aus China, vermeintlich um Drogenhandel und illegale Einwanderung aus Mexiko zu bekämpfen.

Doch das Problem ist komplexer. Der Drogenschmuggel über Kanada hat in den letzten Jahren zugenommen, und viele chemische Vorprodukte für Fentanyl stammen aus China und gelangen über Mexiko in die USA. Raul Bringas Nostti, Experte für mexikanisch-US-amerikanische Beziehungen, hält Trumps Drohungen jedoch für unrealistisch: „Ich glaube nicht, dass Trump die Zölle tatsächlich erlassen wird, da sie die Lieferketten schwächen und besonders den Aluminium- und Stahlexport Mexikos treffen würden. Das würde auch die Preise in den USA steigen lassen”, so Bringas Nostti im Interview mit LN.
Zusätzlich zu wirtschaftlichen Spannungen gibt es diplomatische Signale. Der Golf von Mexiko wurde in Golf von Amerika umbenannt, und die Webseite des Weißen Hauses ist nicht mehr auf Spanisch verfügbar – ein symbolischer Schritt, der als Affront gegen die spanischsprachige Bevölkerung gewertet wird.

„Trumps Ton gegenüber Lateinamerika ist aggressiv“, kritisiert Bringas Nostti. Dennoch sollte Mexiko nicht mit Zöllen antworten. „Seine Strategie ist, andere einzuschüchtern, bis er bekommt, was er will.“ Über Trumps weitere Schritte herrscht Unsicherheit: „Alles ist unsicher mit Donald Trump”, so Bringas Nostti.

// Erik Ahlhorn

EL SALVADOR/GUATEMALA
Mit Mittelamerika gegen mittelamerikanische Migrant*innen

Die außenpolitischen Prioritäten der neuen Trump-Regierung stellte das erste Reiseziel des US-Staatssekretär Marco Rubio klar. Eines der wichtigsten Wahlkampfversprechen der republikanischen Partei war, neben massiven Abschiebungen, die Einreise neuer Migrant*innen, insbesondere aus und durch Mittelamerika, zu verhindern. Rubios erste Mission im Amt war es daher, unter diesen Regierungen neue Komplizen für die restriktive Migrationspolitik zu gewinnen.

El Salvador hatten sie schon auf ihrer Seite: Präsident Nayib Bukele nimmt ohne jeglichen Druck Abschiebungen in Kauf. Dazu machte er Trump ein beispielloses Angebot: in seinem Strafvollzug verurteilte Gefangene – sowohl migrantische, als auch US-amerikanische – in salvadorianischen Gefängnissen gegen Geld unterzubringen.

Bernardo Arévalo, Präsident Guatemalas, muss sich weiterhin gut mit der US-Regierung stellen: Die Rückendeckung des vorherigen Präsidenten Joe Biden war unerlässlich, um angesichts der ständigen Angriffe der kooptierten Justiz an der Macht zu bleiben. Beim Treffen vereinbarten er und Rubio Abschiebeflüge von Migrant*innen guatemaltekischer und weiterer Staatsbürgerschaften nach Guatemala um 40 Prozent zu erhöhen.

Honduras und Nicaragua waren nicht im Reiseprogramm vorgesehen. Sie werden nicht direkt erwähnt, aber Rubio droht darin indirekt: Länder, die kooperieren, sollen „enorm profitieren“; Länder, die es nicht tun, sollen „Amerikas erheblichem Druck“ ausgesetzt werden.

// Lya Cuéllar

NICARAGUA
Migrant*innen droht die Abschiebung ins Krisengebiet

Seitdem 2018 in Nicaragua die soziopolitische Krise ausgebrochen ist und Ortegas Regierung zunehmend autoritär und repressiv handelt, verschärft sich die Situation für die Einwohnerinnen immer weiter. Kritikerinnen und Oppositionelle werden inhaftiert oder aus dem Land vertrieben. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich und viele Nicaraguanerinnen verlassen das Land angesichts fehlender Perspektiven. Ein großer Teil von ihnen versucht in den USA Arbeit, Sicherheit und Freiheit zu finden.

Donald Trumps harte Migrationspolitik versetzt Hunderttausende nun in Ungewissheit und Angst. Bereits kurz nach seiner Amtseinführung setzt er diverse Einwanderungsprogramme seines Vorgängers aus. Die App CPB One, mit der man vor der Einreise in die USA Asyl beantragen konnte, wurde abgeschaltet. Außerdem wurde das humanitäre Aufnahmeprogramm, auch als Parole-Programm bezeichnet, für Venezuela, Nicaragua, Haiti und Kuba ausgesetzt. Es erlaubte seit Anfang 2023 Menschen aus diesen Krisenländern unter bestimmten Voraussetzungen regulär in die USA einzureisen. Sofern sie nachweisen konnten, dass sie einen Bürgen im Land mit legalem Status hatten, erhielten sie das Aufenthaltsrecht und eine Arbeitserlaubnis für zwei Jahre. Bis einschließlich September 2024 sind auf diese Weise rund 513.000 Menschen eingereist, davon 93.000 aus Nicaragua. Läuft ihr Aufenthaltsstatus aus und sie haben vorab kein Asyl oder eine anderweitige Genehmigung erhalten, droht ihnen bald die Abschiebung, die nach Nicaragua mit besonderen Risiken einhergeht. Laut Angaben des Nicaraguan American Legal Defense and Education Fund haben mehr als 300.000 nicaraguanische Migrant*innen einen unklaren Aufenthaltsstatus und befinden sich somit in einer kritischen Lage.

// Bella García

KUBA
Die diplomatischen Sanktionen kehren zurück

Die Insel, die es einst wagte, sich dem US-amerikanischen Riesen zu widersetzen, zahlt immer noch einen hohen Preis dafür. Die Rückkehr von Donald Trump an die Macht verschlimmert diese Situation um ein Vielfaches. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Regierung bestand darin, Kuba wieder auf die Liste terroristischer Staaten zu setzen. Die vorherigen Verhandlungen der Biden-Regierung mit der katholischen Kirche und dem kubanischen Staat waren mit der Ankündigung der Freilassung von 553 politischen Gefangenen durch den kubanischen Staat abgeschlossen. Unter den bereits Freigelassenen sind viele junge Menschen, die zu sehr langen Haftstrafen verurteilt worden waren, insbesondere wegen ihrer Teilnahme an den Anti-Regime-Demonstrationen im Juli 2021. Im Jahr 2024 zählte der World Prison Brief 794 Inhaftierte pro 100.000 Einwohner in Kuba.

Die für Kubanerinnen bereits seit Jahrzehnten krisenhaften Lebensbedingungen und der Verlust jeglicher Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft veranlassten 2022 und 2023 fast 425.000 Kubanerinnen zur Auswanderung in die USA. Die Machtübernahme von Trump bedeutet auch für sie die Gefahr, verhaftet und abgeschoben zu werden. Sollte Trump seine Ankündigungen umsetzen, 30.000 illegalisierte Einwandererinnen in Guantánamo in Gewahrsam zu nehmen, könnten bald ausgewanderte Kubanerinnen auf ihrer eigenen Insel von den USA ins Gefängnis gesteckt werden. Das Militärgefängnis auf dem US-amerikanischen Marinestützpunkt in Kuba ist schon lange ein Symbol dafür, wie die USA Menschenrechte mit Füßen treten.

// Margot Ravereau

PANAMA
Der Panama-Kanal und Trumps imperialistische Ambitionen

Die aktuelle Politik der USA lässt die interventionistische Knebeldoktrin des sogenannten Big Stick von Theodore Roosevelt vom Anfang des 20. Jahrhunderts wiederaufleben. Das Ziel: die Kontrolle über die lateinamerikanische Region wiedererlangen. Speak softly and carry a big stick, you will go far – „Sprich sanft und trage einen großen Knüppel, dann wirst du weit kommen“, so das Motto dieser Bedrohungspolitik. Panamas Regierung unter José Raúl Mulino ist in diesem Zuge mit einem der größten Angriffe auf die Unabhängigkeit und juristische Sicherheit des Landes in den vergangenen 30 Jahren konfrontiert. Trumps Lügen verkünden, dass der Panama-Kanal derzeit von der chinesischen Regierung betrieben werde und den US-amerikanischen Schiffen zu hohe Gebühren auferlegt würden. Angesichts dieser angeblichen Bedrohung will die Trump-Regierung die Wasserstraße um jeden Preis zurückerobern und gibt verschiedene Warnungen von sich, die in einer militärischen Intervention münden könnten.

Die Betreiber des Panamakanals haben inzwischen die Anwaltskanzleien Vinson & Elkins beauftragt, zu Beginn des Konflikts auch die BGR Group und VantageKnight. Einer der Vertreter*innen der BGR Group, David Urban, scheint jedoch eher Lobbyarbeit für die Trump-Regierung zu leisten als die Regierung Mulino gut zu beraten: In früheren Interviews mit US-Medien deutete er an, dass die USA Neutralität beanspruchen könnten, indem sie die „Just Cause“-Operation wiederholen. Das würde bedeuten, in Panama einzumarschieren oder dem Land „in den Arsch zu treten“, wie sie es bereits 1989 bei der Invasion Panamas getan hatten.

// Carlos Escudero-Nuñez

USAID
Die Problematik der Entwicklungshilfe (und ihrer plötzlichen Abschaffung)

Nach Trumps Dekret vom 20. Januar, Entwicklungshilfeaktivitäten für 90 Tage auszusetzen, fürchten nun viele Menschenrechts- und Medienorganisationen in Lateinamerika, die Unterstützung durch Stiftungen und Programme wie USAID erhielten, sowohl um ihre Existenz als auch um die Leben der Menschen, für die sie arbeiten.

Keine andere Organisation macht die Spannungen und Widersprüche von „Entwicklung“ so deutlich wie die United States Agency for International Development (USAID). Weltweit ist USAID mit einem Budget von 43,4 Milliarden Dollar der größte Geber von Entwicklungsgeldern. Damit betreibt sie zum Beispiel ein System zur Erkennung von Hungersnöten und verschiedene Gesundheitsprogramme, unter anderem zur Behandlung von HIV.

Gleichzeitig ist USAID eines der wichtigsten Instrumente strategischer Einflussnahme der USA. Durch die Lieferung von Nahrungsmitteln aus US-Produktion oder die Bezahlung von US-Vertragspartner*innen schafft sie dauerhafte Abhängigkeitsverhältnisse. Darüber hinaus spielt die „soft power“ von USAID eine wichtige Rolle bei der Unterwanderung nationaler Regierungen, die US-Interessen entgegenstehen. Zu diesem Zweck gibt USAID beispielsweise finanzielle Unterstützung an oppositionelle NGOs. Dies macht sich vor allem in Lateinamerika bemerkbar. Nicht ohne Grund wiesen Regierungen in Venezuela, Ecuador, und Bolivien USAID Anfang der 2000er aus ihren Ländern aus.

Die Entscheidung, USAID quasi über Nacht abzuschaffen, macht eine Aushandlung der heutigen Bedeutung von Entwicklungspolitik nicht einfacher, aber umso notwendiger. Dass es eine andere, solidarische Entwicklungspolitik braucht, ist unbestritten. Wie diese in Zukunft aussehen soll, darf aber nicht Donald Trump oder Elon Musk überlassen werden.

// Josefina Lehnen


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Toxische Träume

© Teorema

Man hat das Bild zu viele Male gesehen, um dabei nicht sofort ein übles Gefühl in der Magengrube zu spüren: Ein verlassener, verschlossener Lastwagen mitten in der Wüste ist die erste Einstellung in Michel Francos beeindruckendem mexikanischen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag Dreams. Und die Ahnung bestätigt sich: Der Truck ist voll mit lateinamerikanischen Migrant*innen, die die Grenze zu den USA auf der Suche nach einem besseren Leben überquert haben und denen nun langsam Luft und Wasser ausgehen. Erst kurz vor der Katastrophe öffnet sich doch noch die Tür zur Ladefläche. Doch die Retter sind keine Wohltäter, sondern Verbrecher: Das restliche Geld und die wenigen Dinge, die sie noch haben, werden denen, die knapp dem Tod entronnen sind, sofort von einer kriminellen Schieberbande entrissen. Wer noch kann, macht sich danach so schnell wie möglich davon auf den Weg ins Ungewisse.

Diese Auftaktsequenz dauert in Dreams nur wenige Minuten, zeigt aber gerade wegen ihrer Kürze die lebensgefährliche Realität der Migrant*innen in schockierender Klarheit. Es gelingt auch, weil der mexikanische Regisseur Michel Franco (u.a. New Order, Chronic, After Lucia) ein Meister seines Fachs ist und bei der Konstruktion seiner oft in Totalen gefilmten Bilder und Schnitte kein Detail dem Zufall überlässt. Im weiteren Verlauf folgt der Film dem jungen Balletttänzer Fernando (Isaac Hernández, auch in der Realität einer der besten Balletttänzer der Welt). Der erreicht zwar völlig ausgelaugt und mit nicht mehr als der Kleidung, die er am Leib trägt, sein Ziel San Francisco. Schon bald wird aber klar: Fernandos Motive, in die USA zu migrieren, waren nicht Armut und Chancenlosigkeit, sondern Ambition und Liebe. Auch in Mexiko hatte er ein gutes Leben in der Oberschicht – eine Ballettausbildung muss sich eine Familie erst einmal leisten können. Weil er aber exzellent in dem ist, was er tut, will er das auch auf dem höchstmöglichen Niveau weiterverfolgen. Dabei soll ihm seine Mäzenin Jennifer (Jessica Chastain) helfen, die in San Francisco eine Stiftung ihrer reichen Familie leitet und mit ihrem Geld eine Ballettschule in Mexiko-Stadt aufgebaut hat. Die Beziehung zwischen den beiden, auch das ist schnell kein Geheimnis mehr, geht weit über das Professionelle hinaus. Doch während Fernando sich bei Jennifer angekommen am Ziel seiner privaten Träume wähnt, will sie die Beziehung geheim halten. Die Dynamik von Macht und Privilegien, die die Lebensverhältnisse aller illegalen Migrant*innen durchdringt, beginnt sich unaufhaltsam zu entfalten.

Dreams ist ein hochrelevanter Beitrag zur Migrationsdebatte, vor allem weil Fernando nicht als hilfloses Objekt gezeigt wird. Für eine Rolle als Spielzeug im Goldenen Käfig ist er sich zu schade. Er weiß um seine exzellente Qualifikation und behält trotz seiner Rechtlosigkeit immer seine Würde und die Zügel seines eigenen Schicksals in der Hand. Jennifer verkörpert dagegen als seine Partnerin und Gegenspielern in einer Person, je länger der Film dauert, in immer unheimlicherer Weise das Phänomen des white privilege Bei ihr ist vieles gut gemeint, selbst ihre romantischen Gefühle für Fernando nimmt man ihr ab. Und doch ist sie blind für die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, die sie seit ihrer Geburt ausnutzt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Bei ihren Reisen per Privatjet nach Mexiko kann sie in ihrem eigenen Haus ein- und ausgehen wann und wie sie will. Die luxuriösen Auszeiten vom Familienclan in ihrer Heimat sprechen im Kontrast zur Lastwagenszene zu Beginn Bände. Spanisch zu lernen hat sie ebenfalls nicht nötig: In den Kreisen, in denen sie in Mexiko verkehrt, ist perfektes Englisch Standard.

Interessant wird es immer dann, wenn Fernando in irgendeiner Form zur Bedrohung für den Status quo der weißen Mehrheitsgesellschaft wird und deren tolerante Fassade innerhalb von Sekunden in sich zusammenfällt. Sei es durch den offenen Rassismus eines Kollegen in der Ballettgruppe in San Francisco oder die Ressentiments von Jennifers Familie gegen den jüngeren Partner aus Mexiko (hier spielt fast beiläufig auch noch sexistische Diskriminierung mit hinein – bei umgekehrten Geschlechterrollen wäre eine soziale Akzeptanz wahrscheinlicher). Diese toxische Mischung wartet nur darauf, zu explodieren, zumal Michel Franco bekannt dafür ist, mit provokanten oder gar tabubrechenden Plot-Twists sein Publikum zu verstören. Ohne zu viel zu verraten, wird er diesem Ruf auch in Dreams gerecht. Vor allem eine Szene gegen Ende des Films muss dabei als problematisch und gleichzeitig unnötig bezeichnet werden, da sie weder für die Botschaft noch für die Dramaturgie entscheidende Impulse liefert. Davon abgesehen ist Dreams aber eine ästhetisch und inhaltlich exzellente Parabel auf Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse in den Beziehungen USA/Mexiko geworden, die auch auf der Meta-Ebene funktioniert. Bei der Preisvergabe auf der Berlinale dürfte er deshalb und wegen des hochaktuellen Themas eine wichtige Rolle spielen.

Triggerwarnung: Darstellung von Gewalt


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Widerstandsfähige Kindheit unter dem Schutz des Teufels

© Odei Zabaleta

Bei der 75. Ausgabe der Berlinale feiert die mexikanische Filmproduktion El Diablo Fuma (y guarda las cabezas de los cerillos quemados en la misma caja) ihre Weltpremiere. Das Debüt des Regisseurs Ernesto Martínez Bucio ist der einzige lateinamerikanische Beitrag in der Sektion Perspectives, die interessante Erstlingsfilme vorstellt. 

Das Drehbuch, das der Regisseur gemeinsam mit Karen Plata verfasst hat, porträtiert das Leben von fünf mexikanischen Geschwistern, Kindern, die mit der Abwesenheit ihrer Eltern konfrontiert sind: Zuerst durch die plötzliche Flucht der Mutter und später auch durch die des Vaters, der sich auf die Suche nach ihr begibt. Die Kinder bleiben allein zu Hause zurück und übernehmen alle Verantwortlichkeiten, einschließlich der Pflege ihrer Großmutter, die an Schizophrenie leidet. 

El Diablo fuma ist ein hartes, aber gleichzeitig bewegendes Porträt, mit einer fragmentierten Erzählweise, die den Alltag in kleine Episoden unterteilt. Der Film taucht in die Welt der kindlichen Vorstellungskraft ein, was im Zusammenspiel mit der Schizophrenie der Großmutter Spannung erzeugt. Vor allem angesichts der Idee eines ungewöhnlichen Besuchers in diesem Zuhause: dem Teufel. 

Mit einem Stil, der dem des beobachtenden Dokumentarfilms nahekommt, richtet Martínez seinen Blick auf die Intimität des Zusammenlebens. Der Film spielt fast vollständig innerhalb des Hauses, vermittelt jedoch kein Gefühl von Klaustrophobie. Die Geschichte ist in den neunziger Jahren in Mexiko City angesiedelt und scheint von nostalgischen Elementen geprägt zu sein. Die Auswahl historischer Ereignisse ist sehr symbolträchtig. So wie der Besuch von Papst Johannes Paul II., einer umstrittenen Figur in der Geschichte Lateinamerikas aufgrund seiner politischen Einmischung, im Kontrast zu der Begeisterung, die er unter seinen Gläubigen auslöste. Insbesondere in Kulturen wie der mexikanischen, wo die katholische Religion eine starke Präsenz hat.  Auch die Kampagne gegen die Cholera-Epidemie, die in mehreren Szenen durch den eingeschalteten Fernseher zu hören ist, während die Kinder vertieft in ihrer Welt spielen, trägt zur Konstruktion dieser analogen Zeit bei, in der der Klang des Fernsehers ein charakteristisches Element vieler Haushalte war. 

Die visuelle Gestaltung unter der Leitung von Odei Zabaleta kombiniert Elemente wie Archivbilder und Handycam-Aufnahmen. In manchen Momenten scheint sie den Fotografien von Alex Webb und Rebecca Norris Webb Tribut zu zollen, die unter anderem in Mexiko das alltägliche Leben auf poetische Weise durch Schichten von Handlung und inneren Bewegungen innerhalb eines einzigen Bildes einfangen und ein breites Spektrum von Kindheitsdarstellungen aufweisen. Eindrücklich wird das Thema der Vernachlässigung in der Kindheit, dysfunktionaler Familien und Elternschaft in El Diablo Fuma dargestellt.  Mutterschaft und soziale Gewalt ziehen sich als übergreifende Motive durch das Werk von Ernesto Martínez Bucio. Mehrere Kurzfilme des Regisseurs wie Las razones del mundo (2018) und La madre (2012, beide auf Youtube verfügbar) befassen sich mit diesen Themen.

In seiner Gesamtheit ist El Diablo Fuma (y guarda las cabezas de los cerillos quemados en la misma caja) ein Film mit  konstruierten Details und Atmosphären geworden. Das übernatürliche Element, das in der Werbung für den Film beschrieben wird, bleibt fast unbemerkt, ist aber auch nicht unbedingt notwendig.


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In Vergessenheit geraten

Foto: Autor

Himmelblau glitzert das Wasser in der Bucht von Acapulco, die Strände sind in den Ferienzeiten und an den Wochenenden gut besucht und in den Restaurants wird der beste Fisch der Stadt angepriesen. Schaut man etwas genauer hin und hebt den Blick zu den unzähligen Bettenburgen, sieht man jedoch, dass der schöne Schein trügt. Vielen Häusern und Hotels fehlen Fenster oder sie sind mit Holz zugenagelt. Ganze Etagen scheinen aus Gebäuden herausgerissen und Klimaanlagen sowie Schilder hängen lose und verrostet in der Luft. Was sich langsam wieder zu einem Urlaubsort für den nationalen Tourismus entwickelt, glich vor gut acht Monaten einer Stadt, wie man sie eigentlich nur aus Kriegsberichterstattungen kennt.

Denn am 24. Oktober 2023 wuchs der Hurrikan Otis innerhalb von 12 Stunden rasend schnell von einem tropischen Wirbelsturm zu einem Kategorie-5-Hurrikan an – die stärkste Kategorie der Hurrikan-Skala. Die Bewohner*innen Acapulcos hatten kaum mehr Zeit sich in Sicherheit zu bringen. Auch wenn der noch amtierende Präsident López Obrador kurz nach der Katastrophe sagte, dass er in der Nacht, bevor Otis auf Acapulco traf, einen Tweet abgesetzt und so die Acapulqueñxs rechtzeitig gewarnt habe. In der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober verwüstete Otis binnen weniger Stunden einen der beliebtesten Urlaubsorte Mexikos an der Südpazifikküste.

Krankenhäuser, Wohnhäuser und Hotels, sowie die Strom- und Wasserversorgung und die Kanalisation waren zerstört. Laut Daten von Unicef waren etwa 274.000 Haushalte in ländlichen und städtischen Gebieten betroffen. Es wird geschätzt, dass 2.487 Hektar bebaute Fläche beschädigt wurden – circa dreieinhalb tausend Fußballfelder. Darüber hinaus führte Otis zu Überschwemmungen und Erdrutschen. Nach offiziellen Angaben forderte Otis das Leben von mindestens 50 Menschen. In den Wochen danach befanden sich die Küstenstadt und die umliegenden Gemeinden im Ausnahmezustand. Acapulco war für knapp einen Monat von der Außenwelt nahezu abgeschnitten, da es weder ein Strom- noch Telefonnetz und nur wenige freie Straßen gab, die eine Kommunikation und Grundversorgung gewährleisten konnten. „Viele Menschen mussten Acapulco und somit ihre Häuser verlassen“, sagt Elena Bello Corales, Lehrerin in Acapulco, die in einem Interview mit LN ihre Erlebnisse schildert. Sie selbst sei kurz nach Otis in den weiter nördlich gelegenen Bundesstaat Puebla gereist. „Dort blieben wir etwa einen Monat lang, bis zumindest die Stromversorgung wiederhergestellt war.“

Für die Acapulqueñxs, die nicht aus der Stadt flohen, folgte der Kampf um Trinkwasser und Grundnahrungsmittel. Im ganzen Land wurden sowohl materielle als auch monetäre Spenden gesammelt. Die Regierung und Armee, internationale Organisationen sowie Supermarktketten unterstützen die Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern wie Wasser, Grundnahrungsmitteln und Toilettenpapier. Jedoch gab es bei der Verteilung der Spenden große Probleme. „Bei den Lieferungen von Spenden gab es riesige Schlangen, man musste ganze Tage dort verbringen und schlafen, um die Waren in Empfang nehmen zu können“, erzählt Corales. Aufgrund der langsamen Verteilung von Spenden wurden Supermärkte und Läden geplündert. Es war der Anfang einer humanitären Krise, welche die Acapulqueñxs wochenlang durchleben müssen.

Der Wiederaufbau der zerstörten Häuser begann schleppend und konzentrierte sich auf einige wenige Gebiete der Stadt. „Vorrang hatten natürlich die Hotels, die an der Küste liegen. In den Randbezirken von Acapulco ist heute die Infrastruktur noch nicht wieder hergestellt. Das wissen wir, die wir leben“, so Corales. Die mexikanischen Behörden nahmen in den Wochen nach Otis eine großflächige Erfassung der entstandenen Schäden an Privathäusern und Infrastruktur vor, um den Bewohner*innen Acapulcos Material und Gelder für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen. Laut Corales sind bei jener Zählung jedoch viele Menschen aus den verschiedensten Gründen nicht berücksichtigt worden. „Es gibt Menschen, die wirklich vergessen wurden. Sie erhalten keine Aufmerksamkeit mehr, es gibt keine Hilfe, es gibt absolut nichts“, sagt sie. Deshalb hätte es Demonstrationen und Straßensperren gegeben, mit denen die Menschen Hilfe von der mexikanischen Regierung einforderten. „Die Regierung hat das Ausmaß der Katastrophe nicht verstanden“, so Corales.

Zuverdienst durch Plünderungen: Marke Otis

Inmitten des chaotischen Wiederaufbaus der Stadt kam es immer wieder zu Plünderungen von Geschäften. Ein Phänomen machte sich breit, welches als „Marke Otis“ bezeichnet wurde. Lebenswichtige Waren wie Nahrungsmittel und Trinkwasser aber auch hochprozentiger Alkohol oder wertvolle Gegenstände wie Fernseher und Autoteile wurden gestohlen, mithilfe von Autos und Motorrädern abtransportiert und dann später unter dem Namen „Marke Otis“ weiterverkauft. In einer Zeit, in der es weder Nahrungsmittel- noch Einkommenssicherheit gab, verdienten viele Menschen durch die „Marke Otis“ etwas dazu, um zu überleben. Die Rolle und Verantwortung der Politik wurden dabei sehr kontrovers diskutiert, wobei von der Opposition vor allem die Umsetzung des Wiederaufbaus kritisiert wurde.

Denn obwohl die mexikanischen Behörden Gelder und Baumaterial für den Wiederaufbau bereitstellten, wurden doch viele Maßnahmen nur inkonsequent umgesetzt. Félix Salgado Macedonio ist seit fast vier Jahrzehnten in der mexikanischen Politik aktiv und gehört wie López Obrador der aktuellen Regierungspartei Nationale Regenerations­bewegung (MORENA) an, die auch ab Oktober die kürzlich gewählte Präsidentin Claudia Sheinbaum stellen wird. Seit drei Jahren ist Macedonio Senator des Bundesstaates Guerrero, in dem sich Acapulco befindet. Zuvor war er von 2005-2008 Bürgermeister der Stadt. Im Interview mit den LN berichtet er, dass sich Acapulco in Anbetracht des Ausmaßes des Hurrikans sehr gut geschlagen habe. „Es gab keinen Verlust von Menschenleben zu beklagen. Wir hätten die Toten gesehen, ich wohne dort, und ich habe keine gesehen“, sagt Macedonio. Es liegen jedoch offizielle Zahlen aus verschiedenen Quellen, die mindestens 50 Toten und zahlreichen Vermisste feststellen.

„Die Preise werden sich langsam von allein erholen“, antwortet Macedonio zudem auf die Frage, wie man mit den immer noch überteuerten Preisen für Grundnahrungsmitteln in Acapulco umgehen will. Durch überschwemmte und zerstörte Felder und Pflanzungen haben die Acapulqueñxs auch fast ein Jahr nach Otis noch mit einer hohen Inflation bei Produkten aus der Landwirtschaft zu kämpfen.

Die Aussage Macedonios reiht sich in eine der vielen Durchhalteparolen ein, die in den Monaten nach Otis aus Politiker*innenkreisen Richtung Acapulco gesendet wurden. Aussagen, dass die Acapulqueñxs zähe Menschen seien, die den Wiederaufbau selbst schaffen würden, der Aufbau der Stadt in einem sehr guten Prozess wäre und der Massentourismus von allein wieder zurückkehren würde, sind nur einige Beispiele. Denn nachdem anfangs Hurrikan Otis die mexikanischen Medien dominierte, hörte man nach wenigen Monaten wenig bis gar nichts mehr aus dem bekannten Urlaubsort an der Südpazifikküste. Das Thema Otis scheint aus der Öffentlichkeit verschwunden zu sein. Wie viele andere hat Corales den Eindruck: „Das Thema Acapulco wurde schnell vergessen“.

Nicht für die Acapulqueñxs: Zu viel im alltäglichen Leben erinnert an die Katastrophe und es ist, als seien die Stadt und ihre Bewohner*innen noch immer gelähmt. Jeder Acapulqueñx hat eine eigene Geschichte zu Otis – ob das eigene Haus betroffen war, eine bekannte Person vermisst wurde oder die Kinder von den monatelangen Schulschließungen betroffen waren. Das Leben ist teurer geworden seit dem Hurrikan. Vor allem in den umliegenden Dörfern Acapulcos beklagen sich die Bewohner*innen über den nach wie vor stagnierenden Tourismus und dem fehlenden Einkommen. Acapulco hängt wirtschaftlich zum Großteil vom Tourismus ab.

Stärkere Hurrikans zu erwarten

Der Hurrikan Otis steht exemplarisch für ein Phänomen, das Mexikos Pazifikküste in der Zukunft immer mehr erwarten wird. Laut Expert*innen wird es zukünftig durch den Klimawandel zwar zahlenmäßig weniger Hurrikans geben, doch dafür sollen sie auf der Skala stärker werden und damit mehr Schaden anrichten. Dies erfordert präventive Maßnahmen seitens der Zivilbevölkerung, vor allem jedoch stellt es Handlungsbedarf für die mexikanischen Behörden und Regierung dar. Eine Maßnahme, um gegen Naturkatastrophen wie Hurrikans, Erdbeben und Überschwemmungen gewappnet zu sein, war der Nationale Fond für Naturkatastrophen (FONDEN). In den 1990er Jahren eingerichtet, sollte er die schnelle Wiederherstellung von Infrastruktur und den Wiederaufbau nach Naturkatastrophen in Mexiko finanzieren. Unter dem amtierenden Präsidenten López Obrador wurde dieser Fond jedoch im Jahr 2021 aufgrund von früheren Korruptionsfällen aufgelöst und konnte so im vergangenen Jahr in Acapulco und bei vielen anderen Naturkatastrophen in der jüngeren Vergangenheit nicht genutzt werden.

Dazu kommt, dass Acapulco bereits seit längerem wirtschaftliche Schwierigkeiten hat. Während die Stadt in den 1970ern und 80ern ein Anziehungspunkt vor allem für reiche Tourist*innen aus den USA war, hat der Urlaubsort längst seinen Zenit überschritten und musste in den letzten Jahrzehnten anderen Touristenmagneten wie Cancún Platz machen. Acapulco ist seit Jahren ein strategischer Standort für die organisierte Kriminalität, Umschlagplatz für Waffen, Drogen und im Menschenhandel bekannt. Laut Corales befand sich Acapulco aufgrund stark wachsender Kriminalität „schon vor langer Zeit in Trümmern“. Die Bewohner*innen fordern einen Plan, der die Stadt von Grund auf neu strukturiert und vor allem eines bewirkt – Acapulco so schnell wie möglich wieder für den Tourismus attraktiv werden zu lassen.

Otis verdeutlicht, welche Konsequenzen unzureichende politische Konzepte und Maßnahmen in der Reaktion auf Naturkatastrophen haben. Das wird insbesondere in einer Zeit, in der solche Ereignisse voraussichtlich extremer auftreten werden, zu einem wachsenden Problem. Auch jetzt ist wieder Hurrikansaison an der Pazifikküste Mexikos.


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Der Himmel über Mexiko

© Coproduction Office – Mantarraya – NoDream Cinema

Der mexikanische Film Batalla en el cielo wurde im Jahr 2023 in Mexiko restauriert und während der Berlinale erneut veröffentlicht. 2005 wurde der Film zum ersten Mal gezeigt und kontrovers diskutiert. Zu Beginn des Films werden die Hauptfiguren Ana (Anapola Mashkadiz) und Marcos (Marcos Hernandes) in einer expliziten Oral-Sex-Szene eingeführt. Für die Premiere in Mexiko wurden aufgrund der sehr freizügigen Darstellung von Sex Teile des Films herausgeschnitten.

Die Handlung folgt Marcos, der in Mexiko-Stadt lebt und als Fahrer für die Tochter eines Armee-Generals arbeitet. Nachdem er mit seiner Frau ein Baby entführt hat, stirbt dieses. Marcos ringt mit der Schuld des begangenen Verbrechens, während er gleichzeitig gegen seine Fantasien für Ana, die Tochter des Generals, kämpft. Nach einem sexuellen Zusammentreffen zwischen Ana und Marcos gesteht letzterer die Tat, und Ana überredet ihn, sich der Polizei zu stellen. Auf der Suche nach Erlösung begibt sich Marcos in die Basilika von Guadalupe, während die Polizei die begangenen Verbrechen aufdeckt.

Carlos Reygadas, geboren 1971 in Mexiko-Stadt, ist einer der bekanntesten mexikanischen Filmregisseure. Er wurde mit dem Jurypreis beim Cannes Film Festival 2007 und dem Preis für den besten Regisseur beim Cannes Film Festival 2012 ausgezeichnet. Im Jahr 2000 gründete er seine Produktionsfirma NoDream Cinema und debütierte mit seinem ersten Film Japón. Sein einzigartiger und kontemplativer filmischer Stil wurde international gelobt. Im Laufe seiner Karriere hat Reygadas soziale und existenzielle Themen erforscht und visuelle und narrative Elemente verwendet, um Filme zu schaffen, die über die einfache Handlung hinausgehen. Sein Fokus auf menschliche Intimität und seine Arbeit mit Nicht-Schauspielern waren Höhepunkte seines Werkes, das sich durch emotionale Tiefe und die Suche nach innerer Wahrheit auszeichnet.

Batalla en el cielo ist sicher nicht für alle Geschmäcker geeignet, da die Plansequenzen sehr lang sind und der Film generell im Tempo eher langsam ist. Viele Dinge bleiben ohne Erklärung und es mangelt an Kontext. Die Dialoge wirken zudem oft energielos. Dennoch gelingt es dem Regisseur, eine Atmosphäre der Fremdheit und Intrige zu schaffen. Aus einem Interview mit Reygadas ist bekannt, dass er bewusst Personen ohne Schauspielerfahrung einsetzte, um seine Protagonist*innen zu verkörpern. Zudem bekamen diese oft wenige Kontextinformationen zu ihren Szenen. Was damit geschaffen wird, ist diese Aura der Fremdheit, von Charakteren ohne Seele, die keine Vergangenheit oder Zukunft haben, und nur während des Films existieren. Insgesamt stellt sich Batalla en el cielo trotz der teils chaotischen Stimmung, die er transportiert, so doch als interessantes Kinoerlebnis dar.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas


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Nicht das Gelbe vom Ei

© Juan Pablo Ramírez / Filmadora

Der mexikanische Regisseur Alonso Ruizpalacios ist mittlerweile erfolgreicher Stammgast auf der Berlinale: 2018 gewann sein Film Museo einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch, die Doku-Fiktion A Cop Movie 2021 die gleiche Auszeichnung für den besten Schnitt. Nun verlässt Ruizpalacios mit dem auf einem Theaterstück basierenden La Cocina (dt.: Die Küche) erstmals Mexiko und betritt die Räume eines New Yorker Restaurants am Times Square. „The Grill“, so der Name des Etablissements, bietet nicht die ganz exklusiven Gaumenfreuden, sondern eher Massenkost für die touristische Durchgangskundschaft. Schnell und möglichst kosteneffizient soll serviert werden und eine der Zutaten dafür ist der illegale Aufenthaltsstatus des Großteils des Küchenpersonals. Den nutzt der schmierige Restaurantbesitzer Rashid auf ziemlich unappetitliche Weise zu seinem Vorteil aus. Denn Mitarbeiter*innen wie der Hallodri Pedro (Raúl Briones) stehen so nicht nur ständig mit einem Bein vor dem Rauswurf aus dem Restaurant, sondern gleich aus dem ganzen Land. Das hält die Motivation bei der Arbeit quasi von alleine hoch. Pedro hat zudem ein Verhältnis mit der abgebrühten Kellnerin Julia (Rooney Mara), deren Schwangerschaft schmeckt jedoch nicht beiden in gleicher Weise.

La Cocina (aus nicht näher definierten Gründen fast komplett in Schwarz-Weiß gefilmt) gelingt esgut, die quirlige, rastlose Atmosphäre in der im Akkord arbeitenden Restaurantküche einzufangen. Schon zu Beginn des Films verfestigt sich aber der Eindruck, als würde hier zu viel in einen Topf geworfen. Die so zahlreichen wie unterschiedlichen Charaktere sind zwar vordergründig sehr unterhaltsam, was vor allem an den schauspielerischen Leistungen (eine Entdeckung vor allem Anna Diaz als Küchen-Neuling Estela) liegt. Doch das allein macht den Kohl leider nicht fett. Denn das Drehbuch bekommt es nicht gebacken, auch nur einem von ihnen eine vernünftige Hintergrundgeschichte zuzubereiten. Dem Publikum wird so mit interessanten Subplots der Mund wässrig gemacht, nur um diese dann im Nichts verlaufen zu lassen. Ein hartes Brot sind auch die häufigen, unverhohlen sexistisch-anzüglichen Bemerkungen und Gesten der männlichen Mitarbeiter in Richtung der (ausschließlich weiblichen) Kellnerinnen. Da diese meist unwidersprochen bleiben, kommt La Cocina hier in Teufels Küche. Zudem finden sich auch bei der Montage und Erzählweise des Films einige Haare in der Suppe: Manche Szenen sind geradezu schmerzhaft lang ausgedehnt, andere wirken nicht richtig abgeschmeckt oder zum falschen Zeitpunkt in die Geschichte eingesetzt.

Das durchgeknallte Finale ist zwar noch einmal ein gefundenes Fressen für Freund*innen der gepflegten Eskalation. Aber im Prinzip ist die Suppe hier schon versalzen. Denn letztendlich wird in Bezug auf das entscheidende Thema des Films – Wie umgehen mit illegalisierter Migration und Beschäftigung? – nur um den heißen Brei herumgeredet. Den Appetit verdirbt auch so manches abgedroschene Klischee über Lateinamerikaner*innen. Insgesamt ist La Cocina damit sicher kein Gourmetbissen geworden. Was sich der Film in über 2 Stunden mit zu vielen Unausgegorenheiten einbrockt, können auch großartige Einzelleistungen von Kamera und Schauspieler*innen am Ende nicht mehr auslöffeln.

LN-Bewertung: 2/5 Lamas


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Die Pyramide umdrehen

25. Jahrestag des Aufstandes Aufmarsch der Milizen der EZLN im Caracol La Realidad (Foto: Anne Haas)

Die Silvesterfeier 23/24 ist Jubiläumsfeier der zapatistischen Aufstände in Chiapas. 30 Jahre ist es her, dass das Ejército Zapatista de Liberación Nacional (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung, EZLN) zu den Waffen griff und den „Krieg gegen das Vergessen“ begann. In den 90er Jahren wurden die autonom regierten Teile des südlichen Bundesstaats Mexikos zu Orten der Hoffnung und Inspiration für linke Bewegungen weltweit. Internationalistische Brigaden reisten nach Chiapas, bis heute ist die Solidaritätsarbeit mit organisierten Gruppen in der Region stark. Die „Reise für das Leben“ der zapatistischen Delegation durch Europa 2021 stärkte alte Strukturen und schuf neue Netzwerke.

Die fünf Caracoles (sp.: Schneckenhäuser; so werden die Verwaltungszentren der autonom verwalteten Gemeinden genannt), seit 2019 auf zwölf erweitert, waren als Sitze der Räte der Guten Regierungen stets Anlaufpunkt für die lokale Bevölkerung, mexikanische und internationale Solidarität sowie unterstützende NGOs. Mit der Pandemie, und zuletzt der steigenden Gewalt in Chiapas wurde es jedoch etwas ruhiger um die Caracoles. Schilder mit der Aufschrift „Caracol geschlossen“ hingen seit Anfang 2023 an den Eingängen. Folglich wuchsen im Laufe des Jahres Sorge als auch Neugierde in Chiapas, vorangetrieben durch kecke Kommentare einzelner compas, Mitglieder der Zapatistischen Bewegung: „Ihr wisst, wir können nichts verraten, aber es wird etwas Großes kommen.“

Die Aufregung war daher groß, als im Oktober die ersten Kommuniqués auf der Internetseite enlace zapatista erschienen. Gleich in der zweiten Meldung wurde der symbolische Tod von Subcomandante Galeano, der 2014 Subcomandante Marcos ersetzt hatte, verkündet. Statt ihm tritt nun Capitán Insurgente Marcos als neue Identität auf den Plan, nebst dem seit 2014 offiziellen Sprecher Subcomandante Moisés, auch freundschaftlich bekannt als Sub Moy. Bereits seit zehn Jahren stecken die Zapatistas in den Vorbereitungen für die nun angekündigten Veränderungen, so Sub Moy im dritten Kommuniqué. Diese seien notwendig im Angesicht der katastrophaler werdenden Bedingungen durch staatliche Aggressionen und Drogenkrieg, den Klimawandel, Migration sowie die Pandemie.

„Der Sturm ist schon da, die ersten Tropfen fallen“, schreibt der Subcomandante, er komme schneller als gedacht und die bisherigen Strukturen seien ihm nicht gewachsen. Die Analyse der Zapatist*innen ist nicht optimistisch, sie ist realistisch und praxisnah. Sie verfallen jedoch auch nicht in apokalyptische Lähmung, stattdessen denken sie langfristig. Die gesetzten Ziele sollen ein Leben in Freiheit und mit Verantwortung für diejenigen ermöglichen, die in 120 Jahren leben, die siebte Generation von Kindern. Im Kommuniqué werden sie durch die Ururururenkelin des jungen zapatistischen Mädchens Dení symbolisiert. „Leben zu vererben“, so dass kommende Generationen mit Eigenverantwortung Entscheidungen treffen können, soll die Perspektive sein. In der vierten, der neunten und der zehnten Meldung wird konkretisiert, wie genau die neuen Strukturen aussehen werden. Die Auflösung der Zapatistischen Rebellischen Autonomen Landkreise (Municipios Autónomos Rebeldes Zapatistas, MAREZ) und der Räte der Guten Regierung (Juntas de Buen Gobierno, JBG) sorgten zunächst für vorschnelle Gerüchte über das Ende der Zapatistas. Diese wurden jedoch schnell, in ironischem Ton und mit Seitenhieb auf schlecht recherchierte Pressearbeit von den Zapatistas selbst ausgeräumt: „Die jetzige Regierung sagt, genau wie die früheren Regierungen, wir seien verschwunden oder seien geflohen oder hätten große Niederlagen erlitten, oder es gäbe gar keine Zapatistas mehr und wir seien in die USA oder nach Guatemala abgehauen. Aber schau nur: Hier sind wir. In Widerstand und Rebellion.“

Nach wie vor lebendig, widerständig und rebellisch

Dafür sollen die MAREZ und die Räte der Guten Regierung durch Lokale Autonome Regierungen (Gobiernos Autónomos Locales, GAL) abgelöst und Macht und Verantwortung dadurch nach unten an die Basis zurückgeführt werden. Die Gemeinden sollen einerseits besser und schneller auf die steigende Anzahl von Aggressionen reagieren können, worauf sich insbesondere auch der bewaffnete Arm der Bewegung, die EZLN vorbereitet. Gleichzeitig soll jedoch die hierarchische, pyramidenhafte Machtverteilung in der zivilen Regierung, wo die Verantwortung bei einigen wenigen liege und Entscheidungsträger*innen von Gemeinden trenne, aufgelöst beziehungsweise umgedreht werden. Die alten MAREZ und JBG waren wichtig, um etwas über basisdemokratisches Regieren zu lernen, hätten über die Jahre aber ihre Schwachstellen gezeigt. Die Regierungsstrukturen werden durch die GAL, von denen eine in jeder zapatistischen Gemeinde existieren wird, dezentralisiert und vor allem entbürokratisiert, um schnelle Entscheidungsfindung zu ermöglichen, so Subcomandante Moíses. Für Anliegen, die in größeren Zusammenschlüssen organisiert werden müssen, wie beispielsweise die Wasser- oder Gesundheitsversorgung und Organisation von Bildung, können die GAL sich regional und gemeinsam in den Kollektiven der autonomen zapatistischen Regierungen (Colectivos de Gobiernos Autónomos Zapatistas, CGAZ) zusammen­schließen, welche sich wiederum in größeren Zonen in Vollversammlungen vereinen können (Asambleas de Colectivos de Gobiernos Autónomos Zapatistas, ACGAZ). Dabei werden die Entscheidungen von der Basis in die Regionen und Zonen getragen, anstatt umgekehrt, vor allem auf den oberen Ebenen zu entscheiden und die Basis nur zu informieren, wie es sich den selbstkritischen Meldungen Neun und Zehn zufolge eingebürgert hatte.

Die Kommuniqués Nummer 13 und 14 sind bei Redaktionsschluss die letzten Kommuniqués vor zwei als fünfzehnte und sechszehnte Meldung veröffentlichten Videos. Sie stellen die politischen Analysen der Zapatistas in Bezug darauf vor, was in den letzten Jahren in Chiapas, Mexiko und der Welt passiert ist. Dabei nehmen sie auch immer wieder Bezug auf andere Kämpfe, wie die unermüdliche Arbeit der Buscadoras (dt.: die Suchenden; gemeint sind die Mütter von Personen, die gewaltsam verschwinden gelassen wurden, Anm. d. Red.) in Mexiko, den Konflikt um Zypern oder den historischen und aktuellen Widerstand der palästinensischen Zivilbevölkerung. Die Rolle des neu auf den Spielplan gerufenen Capitán Insurgente Marcos sei, nach den abgelösten Subcomandantes Galeano und Marcos, die kritische, pessimistische Stimme des Zapatismus zu sein und immer das Schlimmste vorherzusagen, um es zu verhindern. Der aktuelle Horizont aus dieser Perspektive ist eine apokalyptische Hypothese – die Menschheit ist nicht mehr zu retten. Vernichtungskriege und die fortschreitende Zerstörung der Natur sind notwendig zur Erhaltung des Systems und daher mehr Normalzustand als Ausnahme. Der Capitán selbst widerlegt seine Hypothese nach eigenen Regeln jedoch sogleich wieder mit Beispielen für Gegenbewegung. Die Zapatistas lassen trotz deprimierendem Ausblick keinen Raum für Zynismus: „Die bloße Möglichkeit – minimal, winzig, unwahrscheinlich bis zu einem lächerlichen Prozentsatz –, dass Widerstand und Rebellion zusammenfallen, bringt die Maschine ins Straucheln. Das bedeutet noch nicht ihre Zerstörung. (…) Und doch muss eine neue Hypothese entworfen werden.“

Wenn keine Türen mehr da sind, braucht es Risse im System

Dazu müssen auch europäische und andere solidarische Bewegungen von unten und links, wie die Zapatistas sagen, ihren Beitrag leisten. Die kleinen Risse, die sie im System erzeugen, müssen ausgeweitet werden, Bewegungen kreativ bleiben und nicht nach den Regeln des Feindes spielen, um Kooptierungsversuchen durch den Staat und grünen Kapitalismus zu widerstehen. Aus Chiapas kommen dafür kreative, philosophische und, angesichts der prekären Lage, überraschend humorvolle Impulse und Analysen. Jahrhunderte des Widerstands härten ab. „Wir müssen weiterlaufen, inmitten des Sturms. Aber das kennen wir als (indigene) Völker schon, zu laufen, mit allem gegen uns.“ Und obwohl einschneidend, sei die Restrukturierung der Autonomie noch lange nicht alles, was die Zapatistas in den kommenden Wochen anzukündigen hätten. Mehr Neuigkeiten aus dem lakandonischen Urwald können also mit Spannung erwartet werden.


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Zauber im Alltäglichen

Ein Windstoß. Ein Regenschauer. Das Rascheln des Grases. Ein Geräusch, tausendmal gehört und doch vielleicht noch nie so bewusst und intensiv, wie in diesem Moment. Dieser Eindruck stellt sich oft ein beim Sehen der exzellent gedrehten Dokumentation El Eco, die einer ländlichen Familiengemeinschaft in einem entlegenen Dorf auf der Hochebene von Puebla, Mexiko, folgt.

© Radiola Films

Der unbestrittene Star ist in El Eco der Ton – aktuell ein kleiner Trend im lateinamerikanischen Film. Schon der letztjährige Gewinner des Silbernen Bären, Robe of Gems, vertraute stark auf das Auditive, um das Geschehen auf der Leinwand fühl- und erfahrbar zu machen. Und auch in El Eco scheinen Donnergrollen, Tiergeräusche oder die leisen und lauten Gespräche der Bewohner*innen oft schärfer, präsenter als in der Realität zu sein. Dadurch verleiht die mexikanisch-salvadorianische Regisseurin Tatiana Huezo (u.a. Tempestad) auch scheinbar alltäglichen Dingen einen magischen Touch. Die virtuose (Hand-)Kamera von Ernesto Pardo steht dem in nichts nach: Wenn ein Junge einem Huhn hinterherjagt oder eine Schafherde über die Wiese trampelt, folgt sie exakt den Bewegungen und man fühlt sich als Zuschauer*in mitten im Geschehen. Dazu hat Huezo ein Gespür für Momente, Blicke und Bewegungen, die Unausgesprochenes transportieren und so ein tieferes Verständnis für Situationen eröffnen.

Diese kleinen Tricks und genauen Beobachtungen sind auch notwendig, um dem Film Spannung zu geben. Denn viel Ungewöhnliches passiert nicht in der Siedlung El Eco (das namensgebende Echo gibt es dort wirklich). Frauen und Kinder bewirtschaften die Höfe, pflegen Tiere und die greise Großmutter, während die Männer weit weg auf Baustellen Geld verdienen. Der zugrunde liegende Machismus wird direkt und indirekt spürbar: Eine Mutter hat ihre Schulausbildung für die Familie abgebrochen, der toughen Jugendlichen Montse wird die Teilnahme an Pferderennen verboten und auch einige sexistische Sprüche gibt es zu hören. So wird ein Junge von seinem Vater am Abräumen des Tisches gehindert, denn dafür seien „die Frauen da“. Die Männer würden schon genug hart arbeiten müssen. Trotz allem gelingt es Tatiana Huezo aber auch, Momente einzufangen, in denen die Frauen und Mädchen versuchen, die patriarchalen Strukturen aufzubrechen und zu verändern.

Die Abgeschiedenheit von El Eco bietet den Kindern und Jugendlichen zwar eine geborgene Welt mit Naturerfahrungen, Freundschaft und unbeschwertem Spiel in Sicherheit, die nicht allen ihren Altersgenoss*innen in Mexiko vergönnt ist. Unter dem präzisen Blick, den der Film auf sie legt, wird aber auch schmerzlich deutlich, dass sich nicht alle ihre Träume und Wünsche  in El Eco verwirklichen lassen werden.

Tatiana Huezo zeigt mit El Eco erneut, warum sie momentan als eine der talentiertesten Dokumentarfilmer*innen Lateinamerikas gilt. Der Film ist eine beeindruckende Beobachtung der harten und entbehrungsreichen Lebensrealität in der mexikanischen Peripherie, der sie durch die Kunst des Filmemachens aber einen besonderen Zauber verleiht. Einziges kleines Manko: Am Ende wirken einige Alltagsszenen etwas repetitiv. Ein paar Minuten weniger hätten dem Film deshalb wahrscheinlich eher genutzt als geschadet.

LN-Bewertung: 4/5 Lamas


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