Im Stadion Jubel, draußen Massengräber

Evento global, Desalojo local! „Slogans sind Ausdruck des Protests gegen Gentrifizierung, gegen die Verdrängung von Straßenverkäufer*innen vor den Stadien, den Diebstahl von Wasser für Baustellen und die Militarisierung im Kontext der WM” (Foto von Regina López de Avispa Midia)

70 Tage vor der FIFA-Fußballweltmeisterschaft der Männer, die neben den USA und Kanada auch in Mexiko stattfindet, tauchen immer mehr Wandbilder in der Umgebung des renovierten, in Estadio Banorte umbenannten Azteken-Stadions in Mexiko-Stadt auf: „Ein Dach über dem Kopf ist ein Menschenrecht“, „Es gibt kein sauberes Spiel auf geraubtem Land“ oder „Nein zur Weltmeisterschaft der Ausbeutung“. Die Slogans sind Ausdruck des Protests gegen Gentrifizierung, gegen die Verdrängung von Straßenverkäufer*innen vor den Stadien, den Diebstahl von Wasser für Baustellen und die Militarisierung im Kontext der WM. Diverse Kollektive und Organisationen rufen zu der Kampagne ANTIfiFA auf: Anwohner*innen der betroffenen Stadtviertel, Indigene Komitees, Menschenrechtsorganisationen und Fußballbegeisterte. Denn auch das Spiel wird zum Widerstand: Auf dem zentralen Zócalo oder unter den Brücken vor dem Stadion wurden auf improvisierten Spielfeldern bereits Tore geschossen, unter anderem auch mit Plastikköpfen des US-Präsidenten Donald Trump gespielt. „Coapa resiste” (Coapa widersteht) steht auf dem improvisierten Ball. Das historische Stadtviertel Coapa, nahe dem Bezirk Tlalpan, liegt in der Nähe der Aztekenarena.

International wird wenig über die negativen Folgen des Turniers der FIFA für die lokale Bevölkerung berichtet, die in Mexiko keine Steuern auf die generierten Einnahmen zahlen wird. Bedenken hegte man eher bezüglich der angespannten Sicherheitslage für die Tourist*innen. Gerade im Chaos nach der Tötung des Chefs des Jalisco Nueva Generación-Kartells Ende Februar wurde auch hierzulande die Frage aufgeworfen, ob die WM planmäßig stattfinden könne. Dass die Menschen vor Ort seit Jahrzehnten unter der brutalen Gewalt der Organisierten Kriminalität leiden, die oftmals mit korrupten staatlichen Akteuren verstrickt ist, blieb höchstens eine Randnotiz.


Dabei ist die Gewalt nicht neu und wird durch den Tod eines Kartell-Vorsitzenden nicht beendet. Die Madres buscadoras (suchende Mütter) erheben innerhalb der Proteste gegen die WM einmal mehr ihre Stimme: „Spielt nicht mit unserem Schmerz“. Die Familienangehörigen der Verschwundenen suchen überall im Land nach über hunderttausend verschwunden gelassenen Menschen. Nur 20 Kilometer vom künftigen WM-Stadion in Guadalajara im Bundesstaat Jalisco entfernt, entdeckte ein Suchkollektiv Massengräber.

Hotels, auf Mangroven und Dschungeln gebaut


Parallel dazu stellte Mexiko vom 3. bis zum 5. März dieses Jahres auf dem Berliner Messegelände ausgerechnet den Bundesstaat Jalisco in den Mittelpunkt, als zum sechzigsten Mal die weltweit größte Internationale Tourismus-Börse (ITB) in der deutschen Hauptstadt gefeiert wurde. Das Design des mexikanischen Standes zierten bunte Fußbälle und große Tequila-Flaschen. Im November 2026 soll erstmals in Guadalajara ein offizieller Ableger der ITB auf dem amerikanischen Kontinent stattfinden. Längst geht es dann nicht mehr um die FIFA-WM, sondern um die Vermarktung weiterer (touristischer) Megaprojekte im ganzen Land. Überall bedeuten sie Ausbeutung und Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und die Vernichtung von Kulturen, Territorien und Geschichte(n).

Das Maya-Gemeinde­zentrum U kúuchil k Ch’i’ibalo’on aus Südmexiko veröffentlichte zum Start der ITB eine umfassende Erklärung: „Seit sechzig Jahren werden die Gebiete der Welt über die Tourismusmesse ITB Berlin vermarktet. Wieder einmal setzt sich der unersättliche Kapitalismus die Maske des Entdeckers, des Reisenden, des Besuchers, des Touristen auf. Der Kapitalismus, der in Privat­flugzeugen, auf Yachten und Kreuzfahrtschiffen reist, der in Hotels übernachtet, die auf Mangroven und Dschungeln gebaut sind; der Kapitalismus, der Euro- und Dollarkrümel dort verstreut, wo die Menschen Würde fordern. Der Kapitalismus, der sich an den Stränden sonnt, dort, wo die Fischer*innen früher gemeinsam arbeiteten und heute nur noch Diener*innen in einem System sind, das diese Menschen verachtet und sie als Clowns für diesen Tourismuskapitalismus benutzt; wo Trinkgelder verschenkt werden, als würde man Essensreste in den Müll werfen. Von dem Maya-Gebiet Mexikos aus verurteilen wir erneut die Gräueltaten, die im Namen des Tourismus und dieses Wirtschaftsmodells begangen werden. Wir verurteilen die Zerstörung unserer Wälder, die Militarisierung der Territorien, die Zunahme von Gewalt und Kriminalität, die Enteignung unserer Bevölkerung und die Durchsetzung von Megaprojekten.“

Protestschriften gegen die ITB Aktivist*innen protestieren vor der Messe in Berlin (Foto: Recherche AG)

Gazas „Riviera des Nahen Ostens“ der Höhepunkt des Zynismus der Reise­­industrie

Zu diesen Megaprojekten zählt in Südmexiko unter anderem der sogenannte Maya-Zug (siehe LN 608). Seit Jahren leistet das Gemeindezentrum mit vielen anderen, vor allem Indigenen Organisationen, Widerstand gegen die koloniale, neoliberale Neuordnung ihres Territoriums. Dem mit Energieanlagen, Straßen, (Flug-)Häfen und Immobilienkomplexen einhergehenden und stark militarisierten Infrastrukturnetz fallen Regenwälder und Mangroven zum Opfer. Die Rechte der Gemeinden werden verletzt, prekäre Lohnarbeits­verhältnisse nehmen zu und die Gewalt durch die Organisierte Kriminalität steigt an. Aus Deutschland hatte sich zuerst die Deutsche Bundesbahn (DB) an dem Vorhaben beteiligt, seit diesem Jahr verkauft der Konzern FLIX Tickets für den Maya-Zug. Auch auf der ITB in Berlin wird er beworben.


Doch am zweiten Tag der ITB hängt ein Banner im aufgestellten Foto-Rahmen, in dem Besucher­*innen sich für Selfies in Szene setzen können, vor dem Haupteingang der Messe Berlin: „ITB 60 ahre Komplizenschaft: Umweltzerstörung, Vertreibung, Gewalt und Mord in Mexiko und Überall“. In ausgelegten Flyern mit dem ANTIfiFA-Motiv der Fußball spielenden Schildkröte wird nicht allein auf die negativen Folgen der FIFA-WM oder des Maya-Zugs verwiesen: „Auf allen Kontinenten dient der Tourismus nicht nur den wirtschaftlichen Interessen der Airlines, Hotel­ketten, Baufirmen oder der Mafia, sondern auch der Regierungen. Autoritäre Staaten können sich im Tourismus und den Hochglanzprospekten voller Pools und Cocktails außerdem ihr Image reinwaschen. So etwa in El Salvador, wo der brutale und autoritäre Diktator trotz Menschenverachtung und Naturzerstörung dank neuer Megaprojekte – wie dem auf Mangroven errichteten Flughafen Aeropuerto del Pacífico – einen Höchststand an touristischen Besuchen feiern kann. Auch in der Dominikanischen Republik werden Rekordzahlen verzeichnet, während Indigene Gemeinschaften gegen die Angriffe auf ihr Land protestieren. Ein besonders perfider Ausdruck der kolonial-kapitalistischen Logiken ist dieser Tage der Plan einer „Riviera des Nahen Ostens“ im Gaza-Streifen, die zynische Vorstellung von Luxus-Ressorts auf den Trümmern des Genozids. Ein weiteres Beispiel unter vielen ist Marokko: Während die koloniale Besetzung der Westsahara anhält, kann man sich auf der ITB als „Königreich des Lichtes“ zelebrieren.“

A mi no me meten gol! „Es gibt kein sauberes Spiel auf geraubtem Land“ (Foto von Regina López de Avispa Midia)

Starke, solidarische Bewegung hält den Widerstand aufrecht


Eine Kundgebung der Solidarität gegen die Kolonialisierung der Westsahara stand am 4. März ebenfalls vor den Toren der ITB in Berlin. Schnell solidarisierte man sich hier mit den Stimmen gegen die FIFA-WM, den Maya-Zug und den neuen Ableger der Tourismusmesse in Mexiko. Denn der Ruf der Suchenden Mütter hallt weit über den Protest vor den mexikanischen Stadien hinaus, wo sich zum Testspiel im umgebauten Stadion in Mexiko-Stadt am 29. März ein Großaufgebot der Polizei protestierenden Fußball-Begeisterten außerhalb der Arena und ihrer Kundgebung gegen die FIFA entgegenstellte: „Während der Tourismus-, Besucher- und Reisekapitalismus Tor schreit, werden Tausende von Familien um ihre Verschwundenen weinen, denn hinter der Weltmeisterschaft stehen die Gräber unserer Toten“, hieß es auf der Demonstration.

Das internationale Netzwerk Permanecer en lTierra/ Stay Grounded (auf dem Boden bleiben) veröffentlichte am selben Tag ein Statement in Solidarität mit den Kundgebungen: „Was heute in Mexiko-Stadt geschieht, ist kein Einzelfall, sondern Teil eines umfassenderen Prozesses der Touristifizierung und Gentrifizierung, der Gebiete in Ware verwandelt. Unter dem Vorwand großer internationaler Veranstaltungen werden Städte für den Konsum umgestaltet, die Lebenshaltungskosten steigen, die angestammte Bevölkerung wird verdrängt und das soziale Gefüge, das das Gemeinschaftsleben stützt, zerbricht. Dieses Modell verwandelt ganze Stadtviertel in Investitionsgebiete, vertreibt ihre Bewohner*innen und definiert den öffentlichen Raum neu als Schaufenster im Dienste des Kapitals.“

Die Neuordnung ganzer Territorien im Dienste des Kapitals trifft dabei vor allem auch die ländlichen Regionen. Noch am 5. März, dem letzten Tag der ITB, wurden im südmexikanischen Guerrero zwei Mitglieder des Consejo Indígena y Popular de Guerrero-Emiliano Zapata (Indigener Volksrat von Guerrero-Emiliano-Zapata, CIPOG-EZ) von paramilitärischen Einheiten erschossen. Seit Jahren wird der CIPOG-EZ für seine Arbeit zur Verteidigung des Territoriums kleinbäuerlicher, Indigener Gemeinden angegriffen. Bereits im Januar dieses Jahres kündigten sie an, ihren Protest im Vorfeld der WM 2026 zu intensivieren. Denn nicht nur weinen werden die Verteidiger*innen des Lebens während der WM und überall auf der Welt, sondern auch Widerstand leisten, ob mit oder ohne Fußball


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Über Wasser bleiben

Ob die das wirklich sehen? Auf dem Dach ihres Hauses albern Paula (Darana Álvarez) und La Maestra (Rocio Guzmán) herum und diskutieren, ob man von einem Flugzeug aus die reflektierenden Signale erkennen kann, die sie mit einem Spiegel in den Himmel über Mexiko City schicken. Die beiden 16-Jährigen sind die Protagonistinnen des Films Chicas Tristes (Sad Girlz), der in der Jugendfilm-Sektion Generation 14plus zum großen Gewinner der 76. Berlinale wurde: Sowohl der Gläserne Bär, verliehen von einer Jugendjury, als auch der Große Preis der internationalen Fachjury gingen an das Spielfilmdebüt der mexikanischen Regisseurin Fernanda Tovar.

© Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmena

Der Film beginnt mit typischen Szenen aus einem Teenager*innen-Leben: Gespräche drehen sich um Schminktipps und Dating-Strategien, es wird gelacht und sich auf Social Media vergnügt. Doch auf die Unbekümmertheit der beiden fällt im Verlauf des Films ein Schatten, als Paula auf einer Party endlich mit ihrem Schwarm Daniel zusammenkommt. Was zunächst wie die Erfüllung eines Traums aussieht, endet in einem traumatischen Vorfall, der nicht nur die Freundschaft der beiden Jugendlichen schwer erschüttert.

Denn Paula gesteht nach längerem Bohren von La Maestra, dass es im abgeschlossenen Badezimmer zu einem sexuellen Übergriff von Daniel auf sie kam, dem sie zuvor klar widersprochen hatte. Was das bedeutet, wird den beiden spätestens nach einem Blick ins Internet klar: Es war eine Vergewaltigung. Doch über das weitere Vorgehen sind sich die Mädchen nicht einig. Während La Maestra darauf drängt, alles öffentlich zu machen, möchte Paula – obwohl sichtlich emotional angegriffen – den Vorfall auf sich beruhen lassen. Die Lage wird zusätzlich dadurch verkompliziert, dass beide mit Daniel zu den Topathlet*innen eines Schwimmteams gehören, das bald zusammen zu den panamerikanischen Jugendspielen nach Brasilien reisen soll. Vor allem die resolute La Maestra muss schon bald schmerzhaft erfahren, wie schwierig es für Missbrauchsopfer ist, Gehör zu finden.

© Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmena

Regisseurin Fernanda Tovar gehört zum Colectivo Colmena, einem Filmkollektiv aus Mexiko City, das sie vor zehn Jahren mitbegründet hat. Selbst etwa doppelt so alt wie die jugendlichen Figuren in ihrem Film, zeigt sie viel Gespür für deren Lebenswelt. Dazu gehört auch, bei Problemen erst mal Chat GPT zu fragen, bevor man sich an eine*n Erwachsene*n wendet. Befindlichkeiten, die viele Teenager*innen nur zu gut kennen, geraten miteinander in Konflikt: Paulas Sorge vor den Konsequenzen für ihr eigenes Leben trifft auf die Tatkraft ihrer Freundin La Maestra, die Unrecht mit aller Macht bekämpfen möchte. Eine zufriedenstellende Lösung für beide scheint schwer möglich. Schließlich müssen die Mädchen einen Weg finden, den unterschiedlichen Umgang mit der Situation zu akzeptieren, wenn ihre Freundschaft nicht daran zerbrechen soll.

Chicas Tristes diskutiert mutig und unkonventionell die heikle Thematik eines sexuellen Übergriffs im Teenager*innenalter. Dabei wird auch der soziale Druck spürbar, als Jugendliche*r möglichst früh sexuelle Erfahrungen zu machen. Durch die klare Fokussierung auf die Opferperspektive und die jugendlichen Gefühlswelten gerät allerdings der Täter im Laufe des Films etwas aus dem Fokus. Es wäre schön gewesen, die Diskussionen in Daniels (Jungen-)Gruppe zu verfolgen oder zu sehen, wie er einer ernsthaften verbalen Konfrontation ausgesetzt wird. Deshalb bleibt bei Chicas Tristes hier trotz aller atmosphärischen Stimmigkeit – die Unterwasser-Aufnahmen aus dem Schwimmbad sind wunderschön gefilmt – das Gefühl einer Leerstelle. Dennoch ist Fernanda Tovar ein relevanter Beitrag zu einem sensiblen Thema gelungen, der durch seine Nähe und Authentizität vor allem viele jugendliche Zuschauer*innen ins Herz treffen dürfte.


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Cowboys Electricos

Penjamillo, Michoacán: Eine ländliche Region in Zentralmexiko. Inmitten weiter, trockener Ebenen findet hier jährlich zu Weihnachten das traditionelle Rodeo Jaripeo statt. Ein Fest zur Schau gestellter Männlichkeit: Das Publikum feuert Wagemutige an, die auf Bullen reiten, und konsumiert dazu Alkohol in Strömen. Cowboytrachten soweit das Auge reicht. Eigentlich nicht der Ort, an dem man eine aktive queere Subkultur erwarten würde. Und doch ist sie kaum zu übersehen, wenn man weiß, wo man suchen muss. Der Dokumentarfilmer Efraín Mojica ist selbst ein Teil von ihr und hat zusammen mit seiner Regie-Kollegin Rebecca Zweig in Jaripeo einige überraschende Facetten dokumentiert.

Foto: Jaripeo

Mojica ist schwul, Rodeo-Fan und stammt aus der Region Penjamillo, doch einen Teil seines Lebens hat er auch in Kalifornien verbracht. Jaripeo ist einerseits ein Testimonial, in dem er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht, andererseits aber auch eine Vorstellung unterschiedlicher queerer Lebensentwürfe, die Eingang in die vordergründig machistische Rodeo-Kultur gefunden hat. Er selbst gibt sich sehr reflektiert, kleidet und schminkt sich gerne feminin. Der Cowboy Noé fährt dagegen voll auf das hypermaskuline Image des Rodeo ab und stilisiert sich selbst als Macho, wobei auch er schwul ist. Geoutet hat er sich aber nur gegenüber einzelnen Personen und lebt seine Identität nicht offen aus. Umso erstaunlicher sind seine offenen Bekenntnisse im Gespräch mit Efraín Mojica und stellt zum Beispiel an einer Stelle fest: „Ich habe öfter etwas mit Heteros als mit offen schwulen Männern“. Die dritte Persönlichkeit im Film ist der schillernde Joseph, der fast schon zum Maskottchen des Jaripeo geworden ist, und, man glaubt es kaum, trotz seiner offenen Homosexualität auch dem Komitee der örtlichen Kirche vorsteht. Die Message des Films könnte kaum klarer sein: Auch wenn es nach wie vor nicht immer einfach ist, ist die Akzeptanz queerer Lebensformen auch in einem konservativen, ruralen Umfeld möglich.

Foto: Jaripeo

Jaripeo wechselt zwischen den Interviewgesprächen der drei Cowboys, Rodeo-Szenen und stilisierten Aufnahmen, in denen die Protagonisten fast wie Disco-Stars hin und her tanzen. Eine wichtige Rolle spielt der gut ausgewählte Soundtrack, der von Rancheras bis zu Elektro-Klängen reicht und perfekt auf die Bilder abgestimmt ist. Die knackige Laufzeit von 70 Minuten, die charismatischen Protagonisten und die interessante Bildsprache sorgen dafür, dass Jaripeonie langweilig wird, obwohl der Film keine weitergehenden Narrative oder Spannungsbögen aufbaut. Die Dokumentation versucht nicht künstlich mehr vorzugeben als sie ist und sorgt so dafür, dass man gerne zuschaut, wenn die queeren Vaqueros über ihre Coming-Outs sprechen oder sich ins Festgetümmel stürzen. Efraín Mojica und Rebecca Zweig ist hier ein erfrischendes und unterhaltsames Spotlight auf eine Subkultur gelungen, deren Präsenz man an diesem Ort nicht unbedingt erwartet hätte.


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Zwei Schritte vor, einen zurück

“Las Jacarandas” Die Pflanze zum 8.März (Druck von Luisa Rojas Monroy)

Während des Wahlkampfs 2022 wurde der heutige kolumbianische Präsident Gustavo Petro zu einer Veranstaltung namens „Feministische Debatte Kolumbien 2022“ eingeladen. Mehr als 36 Organisationen und Medien richteten die Diskussion aus, auf der sich über die Rechte von Frauen und LGBTIQ+-Personen ausgetauscht wurde. Petro äußerte sich dort positiv zur Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, zum Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sowie zur Bedeutung von Bildungsarbeit mit Geschlechterperspektive. Er war der einzige Präsidentschaftskandidat, der an der Debatte teilnahm, da sein Kontrahent Rodolfo Hernández die Einladung ablehnte. Damit machte der progressive Politiker die Unterstützung feministischer Bewegungen durch sein linkes Bündnis Pacto Histórico stark.

Nach seiner Wahl begann Petro mit der Einbringung eines Gesetzesentwurfs zur Schaffung des Ministeriums für Gleichstellung und Gerechtigkeit, der im Januar 2023 verabschiedet wurde. Im Juli desselben Jahres trat Vizepräsidentin Francia Márquez ihr Amt als Ministerin für Gleichstellung und Gerechtigkeit an. Von der angekündigten legislativen Agenda mit Geschlechterperspektive wurden einige Maßnahmen umgesetzt, darunter die stärkere Einbindung dieser Perspektive in die Übergangsjustiz des Friedensprozesses mit der FARC-Guerilla. Dabei wurden die Ziele der UN-Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit mit konkreten Maßnahmen verbunden, etwa durch Schulungsprogramme für Frauen in politischen Führungspositionen, Konfliktlösung und technischen Kompetenzen für öffentliche Auftragsvergabe in verschiedenen Bereichen.

Darüber hinaus wurden Kampagnen zur Erkennung und Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt gestartet sowie technische Unterstützung zur Einrichtung des Bereichs Frauen, Frieden und Sicherheit in regionalen Gender-Beobachtungsstellen geleistet. Weitere konkrete Maßnahmen waren die Aufnahme eines landesweiten Systems zur Überwachung geschlechtsspezifischer Gewalt in den Nationalen Entwicklungsplan sowie die Verankerung einer Geschlechterperspektive in der Arbeitsmarktreform, die diskriminierende Praktiken gegenüber Frauen im Arbeitskontext sanktioniert. Diese Maßnahmen zeigen: Es gab konkrete Versuche der Regierung Petro, Wahlversprechen einzulösen und eine geschlechterpolitische Agenda umzusetzen, die die spezifischen Probleme von Frauen anerkennt und adressiert.

Feministischer Fortschritt oder Männerbünde?


Gleichzeitig haben regierungsinterne Spannungen das Bild des Präsidenten als feministischer Verbündeter geschwächt. Innerhalb des Ministerkabinetts des Pacto Histórico wächst die Unzufriedenheit über Petros Nähe zu Männern, denen geschlechtsspezifische Gewalt vorgeworfen wird, darunter Hollman Morris, Daniel Mendoza und Armando Benedetti. Letzterer wurde 2025 trotz vier Anzeigen wegen häuslicher Gewalt zum Stabschef ernannt. In Reaktion auf Fragen zu derlei Regierungsnominierungen erklärte Petro kürzlich in einem Interview, es gebe „Feminismen, die Männer zer­stören“, er glaube an zweite Chancen und könne eine Regierung nicht allein auf Überzeugungen aufbauen. Politikerinnen wie die frühere Umweltministerin Susana Muhamad, Francia Márquez und weitere Regierungsmitglieder wiesen diesen männerbünd­le­rischen Zusammenhalt zurück. Eine Regierung, die Geschlechtergerechtigkeit zur Priorität mache, dürfe Gewalt nicht verharmlosen. Darüber hinaus kritisieren Teile der feministischen Bewegung, dass die Initiativen der Regierung keinen echten inklusiven Ansatz und weder grundlegendes Umdenken noch systemischen Wandel erkennen ließen. Beatriz Quintero, Mitbegründerin des landesweiten Frauennetzwerks Red Nacional de Mujeres erklärte im Gespräch mit dem Onlinemedium Vorágine, es fehle im Regierungshandeln an politischem Willen zur Verteidigung der Frauenrechte. Dies zeige sich insbesondere darin, dass bei Haushaltskürzungen Programme für Frauen zuerst gekürzt würden, da sie nicht als grundlegend angesehen würden.

Auch die Zahlen trugen nicht dazu bei, Vertrauen in die Wirksamkeit der Maßnahmen zu schaffen: 2024 stieg die Zahl der Feminizide auf 872, und zwischen Januar und November 2025 wurden 62 Fälle registriert. Dies stellt sogar einen Rückschritt gegenüber dem Jahr vor Beginn von Petros Amtszeit dar, als 619 Fälle verzeichnet wurden. Zudem wurde für 2024 geschätzt, dass 78 Prozent der Fälle von sexualisierter Gewalt und häuslicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Ermittlungsphase verharren, während nur drei Prozent zu einer Verurteilung führen. Ergänzend dazu erklärte Francia Márquez nach Monaten der Arbeit selbst frustriert, dass das Ministerium für Gleichstellung und Gerechtigkeit keine reale Umsetzungskapazität besitze und daher nicht in der Lage sei, wirksame Lösungen für besonders ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen anzubieten, siehe LN 615/616 und LN 600.

Weniger kontrovers scheint es im Fall Mexikos zuzugehen. Die Wahl der ersten Präsidentin des Landes stellte an sich einen historischen Meilenstein für Inklusion und neue politische Praktiken dar. Doch das spiegelt sich nicht automatisch in der Stärkung der Repräsentation und des Schutzes der Rechte von Frauen wider. Eine der ersten Maßnahmen von Claudia Sheinbaum war im Jahr 2024 die Umwandlung des Nationalen Fraueninstituts in ein Ministerium. Dies bringt verstärkte Ressourcen und Autonomie bei der Entscheidungsfindung mit sich und verdeutlicht, dass Geschlechtergerechtigkeit durchaus ein Fokusthema der Präsidentin ist. Zu den Erfolgen der Umstrukturierung zählen landesweite Programme und Aktivitäten zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Zusammenarbeit mit den Frauenstellen der Bundesstaaten. Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt treibt das Frauenministerium im Parlament die Vereinheitlichung des Straftatbestands des sexuellen Missbrauchs voran, damit dieser in allen 32 Bundesstaaten einheitlich definiert und bestraft wird. Ein zusätzlicher Schwerpunkt liegt in der Prävention von Gewalt im schulischen Umfeld, unter anderem durch die Erklärung der Nulltoleranz gegenüber Gewalt sowie durch die Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium.

Solidaridad, Druck von Maja

Klarere Gesetze – unklare Maßnahmen


In Mexiko wurde in den vergangenen Jahren ein stärkeres institutionelles Instrumentarium geschaffen, das in der Lage ist, Initiativen und Programme zu entwerfen und umzusetzen, die zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen beitragen können. Doch eine Ausweitung institutioneller Kapazitäten führt nicht unmittelbar zu messbaren Ergebnissen. Die Verschiebung des politischen Diskurses erreicht häufig nicht die Bevölkerungsgruppen nicht, die am stärksten unter geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung leiden. So wird beispielsweise die Verteilung von 27 Millionen Broschüren zu Frauenrechten von Regierungsseite als Erfolg dargestellt. Ohne eine kontinuierliche und solide Bildungsarbeit, die zur Verinnerlichung dieser Rechte beiträgt, besteht jedoch die Gefahr, dass diese Maßnahme wirkungslos bleibt.

Entsprechende Kritik kam auch während der Anhörung Mexikos vor der Konvention für die Beendigung aller Formen der Diskriminierung gegen Frauen der Vereinten Nationen (CEDAW) im Juni 2025 in der Schweiz auf: Es gäbe nur wenig klar belegte Beweise dafür, dass die politische und soziale Transformation des Landes seit dem Amtsantritt der progressiven Regierung von Andrés Manuel López Obrador 2018 die Lebensqualität von Frauen konkret beeinflusst habe. Die Berichterstatterin der Sitzung forderte Nachweise über die Wirkung landesweiter Programme sowie konkrete Daten zu Koordination, Monitoring, Evaluation und interinstitutioneller Zusammenarbeit. Als Antwort erklärte die mexikanische Delegation, dass es an technischen, personellen und finanziellen Ressourcen mangele.
Auch wenn die progressiven Regierungen von Mexiko und Kolumbien guten Willen zeigen: Die strukturellen Probleme von Frauen und Mädchen konnten in beiden Ländern nicht innerhalb einer oder zweier Regierungsperioden gelöst werden. Dennoch gibt es durch die stärkere Orientierung an Frauenrechten und feministischen Initiativen durchaus Erfolge zu verzeichnen: Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, Diskriminierung am Arbeitsplatz und politische Teilhabe von Frauen wurden in den vergangenen Jahren sichtbarer und klarer priorisiert, was letztendlich vor allem dem Druck der feministischen Bewegungen auf den Straßen zu verdanken ist.

Neben dieser symbolischen Anerkennung, die in sich schon Wirkung entfaltet, indem sie patriarchale kulturelle Muster offen infragestellt, wurden die Institutionen erweitert und gestärkt. Gleichzeitig sind diese Institutionen mit operativen Problemen konfrontiert: In Kolumbien mit der komplexen Verwaltungsstruktur und Haushaltskürzungen, in Mexiko mit der Entwicklung ergebnisorientierter Maßnahmen. Die feministische Zivilgesellschaft muss daher die Regierungspolitik kontinuierlich begleiten und zielorientierte, effektive Maßnahmen einfordern. Dafür müssen Beteiligungskanäle geöffnet werden, die in konkrete Handlungswege münden.

In Kolumbien sind die Kontroversen um Petros Äußerungen bislang im Medienrummel verharrt. Es ist jedoch notwendig, solche Auseinandersetzungen zu nutzen, um staatliche Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Mädchen zu verbessern. Es bleibt ein weiter Weg zu gehen. Die Erfahrungen beider Regierungen zeigen vor allem die zentralen Herausforderungen auf dem Weg zu echter Geschlechtergerechtigkeit. Das bedeutet nicht, dass sie gescheitert sind: Stattdessen sollten sie einen offenen Prozess einläuten, in dem der Dialog eine zentrale Rolle spielt, um die gesteckten Ziele tatsächlich zu erreichen.


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Ausbruch aus dem Kokon

Da liegt sie nun auf dem Tisch, die Banane. Zerquetscht und braun, säuberlich auf einem Teller dekoriert. Und davor wie ein Häuflein Elend der neunjährige Cristian (Bastian Escobar), der weiß, dass er Mist gebaut hat. Denn der Rest der Banane befindet sich noch immer auf seinem Betttuch im gemieteten Zimmer und Schmutz und Unordnung kann die strenge Vermieterin Olga  
(Teresita Sánchez) nun einmal auf den Tod nicht ausstehen. Doch allzu schlimm fällt die Bestrafung nicht aus: Abspülen, Saubermachen und die Sache ist erledigt. Vielleicht ist Olga ja doch gar nicht so schlimm, wie es zu Anfang den Anschein hatte.

© Kinotitlán

Fernando Eimbcke (Club Sándwich, Olmo) ist bekannt für seine einfühlsamen, menschlichen Geschichten mit oft jungen Protagonist*innen. Und auch in seinem neuen Film Moscas (Fliegen)dem einzigen lateinamerikanischen Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale 2026, schafft er es wieder spielend, das Herz des Publikums zu gewinnen. 

Die Geschichte dreht sich um Cristian, der seine krebskranke Mutter gemeinsam mit seinem Vater Tulio (Hugo Ramírez) nach Mexico City begleitet. Dort liegt sie in einem Spezialkrankenhaus zur Behandlung, während Tulio und Cristian sich in der Nähe einquartieren. Da Tulio viel Geld für Medikamente benötigt, mietet er als kostengünstige Lösung ein Einbettzimmer in Olgas kleiner Wohnung direkt neben dem Krankenhaus. Dabei verschweigt er jedoch, dass er seinen kleinen Sohn dorthin mitbringt, und schnell ahnt man, dass das nicht lange unentdeckt bleiben wird. Denn Olga gibt sich zwar betont mürrisch („Ich will kein Wort über deine kranken Verwandten hören!“, herrscht sie Tulio gleich zu Beginn an), ist aber nicht auf den Kopf gefallen. Diese Eigenschaft teilt sie mit dem gleichermaßen cleveren wie unbekümmerten Cristian, und so ist es kein Wunder, dass sich die beiden annähern – anfangs zwar widerwillig, aber letztlich unvermeidlich. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Computerspiel Space Invaders (Im Film aus Copyright-Gründen umbenannt in Cosmic Defenders Pro), in dem Cristian seine Fähigkeiten bis zur Besessenheit auf einem Automaten vor dem Gebäude perfektioniert und mit dem auch Olga eine Geschichte verbindet.

Moscas ist kein Film, der das Kino neu erfindet. Die Geschichte über ein herzerwärmendes Kind, das das Leben einer älteren, verbitterten Person wieder öffnet und inspiriert ist so oder ähnlich schon viele Male auf der Leinwand erzählt worden. Was Fernando Eimbckes Tragikomödie dennoch absolut sehenswert macht, sind einerseits die mit vielen originellen Einfällen und interessanten Perspektiven gefilmten Schwarz-Weiß-Aufnahmen und auf der anderen Seite das berührende Spiel der Hauptdarsteller*innen. Vor allem Bastian Escobar schafft es mit Leichtigkeit, sowohl kindliche Verspielt- und Frechheit als auch eine verantwortungsbewusste, über sein Alter hinausgehende Reife so zusammenzubringen, dass ihn spätestens ab der Hälfte des Films einfach jede*r Zuschauer*in gern haben muss. „Eine Fliege ist ein Eindringling, den zunächst niemand gerne bei sich hat. Aber er zwingt uns, aufzustehen, das Fenster aufzumachen und frische Luft in unser Leben zu lassen“, erklärt Fernando Eimbcke den Titel seines Films. Und genau diese frische Luft könnten wie Olga auch all diejenigen spüren, die Moscas im Kino gesehen haben.


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Freiwillig komisch

© Nicolás Pereda

Manchmal ist ein Film wie ein Blick in ein anderes Leben, das einem absurd vorkommen kann. Wie im Film eben. Mit kleinen Tricks gelingt es dem Film Lo demás es ruido (internationaler Titel: Everything else is noise) von Nicolas Pereda die Zuschauer*innen direkt teilnehmen zu lassen an einem Moment des Lebens von drei mexikanischen Komponistinnen. Ein Film, der unfreiwillig Komisches ganz freiwillig rüberkommen lässt.

Wir werden mitgenommen in den chaotischen und lauten Alltag einer mexikanischen Nachbarschaft. Der Film lässt uns teilhaben an einem Tag im Leben von Teresa, ihrer Tochter Luisa und der Besucherin Rosa. Alle drei sind Komponistinnen und scheinen sich selbst zu spielen, dafür spricht zumindest die Verwendung  ihrer echten Vornamen für die Charaktere im Film. Rosa soll von einem Filmteam für eine Dokumentation interviewt werden. Das geht jedoch nicht bei sich zu Hause, weswegen sie ihre Bekannte Teresa darum bittet, das Interview in deren Wohnung aufzunehmen. Doch nichts funktioniert wie geplant: Überall lauert eine Unterbrechung, ein Missgeschick, störender Lärm oder unangenehme Nachbarn.  Besonderen Spaß macht es, Teresa während des Interviews mit dem männlichen Filmteam zuzuschauen. Mit Kollegin Rosa amüsiert sie sich mit Ausgeglichenheit und Ruhe auf eine Art, die niemanden verletzt, aber die teilweise absurden Situationen mit ironischem Humor würzt. Und das mit so großem Talent, dass die alleinerziehende Mutter und Komponistin Teresa selbst Teil des Interviews wird. Tauchen Männer im Film auf, versuchen sie die Situation zu kontrollieren und sich in das Bild zu drängen. Wobei die Kamera sich wie ein*e Zuschauer*in verhält, der*die nicht immer dem Geschehen folgt und ganz eigene Interessen hat.

© Nicolás Pereda

Ein Leben kann der Versuch sein, das Chaos um sich herum zu ordnen oder es zu akzeptieren und darin einen eigenen chaotischen Weg zu finden. Ähnlich kann sich Musik verhalten: Ein Unterschied zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik, die Harmonie und Ordnung entsprechen können. Teresa, Luisa und Rosa können darüber nur lachen. Und wir mit ihnen. Wozu braucht jemand Hollywood, wenn es solche Filme gibt?


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Gefangen im Wald

Dröhnende Motoren durchbrechen die Stille der Nacht. Ein Scheinwerfer zuckt durch die Dunkelheit. Er gehört zu einem LKW, der sich eine bewaldete Bergstraße hochwindet. Kurz hört man noch den Flügelschlag eines Vogels, der weghuscht. Dann hält der LKW, Arbeiter steigen aus und beginnen, eine notdürftige Schutzhütte aufzubauen. Am Ende bleiben vier Personen dort: Ein Mann, eine Frau und zwei Kleinkinder. Sie sind aus Haiti geflüchtet und auf dem Weg in die USA in Zentralmexiko gestrandet. Dort sollen sie einem zwielichtigen Unternehmer beim illegalen Holzschlag in einem Waldgebiet helfen.

© Amondo Cine

Es ist trotz des idyllischen Titels ein bedrückender Stoff, den der mexikanische Regisseur Joaquín del Paso mit seinem dritten Spielfilm El jardin que soñamos (Der Garten, von dem wir träumen) auf die Leinwand bringt. Mitten im Winterquartier der berühmten Monarchenfalter im Bundesstaat Morelia angesiedelt, verfolgt der Film die unbarmherzige Ausbeutung einer haitianischen Familie durch die Holzwirtschaft. Esther (Nehemie Bastien) versucht mit ihren beiden Töchtern Flor und Aisha, beide noch im Kindergartenalter, den Verhältnissen in ihrem Heimatland zu entkommen. Der Vater hat die Familie verlassen, ihren neuen Partner Junior (Faustin Pierre) hat sie auf der Reise kennengelernt. Nun versuchen die vier gemeinsam das Beste aus ihrer Lage zu machen. Bevor es weiter nach Norden geht, will Junior versuchen, mit der Holzfällerei die Kasse aufzubessern. Das klappt zu Beginn auch noch leidlich: Die erste Zahlung kommt an und die Familie richtet sich in der ärmlichen Behausung ohne Toilette und fließend Wasser so gut es geht ein. Doch schon bald beginnen die Probleme. Der skrupellose Holzunternehmer Toño (Carlos Esquivel), von dem Junior in der Waldeinsamkeit völlig abhängig ist, fordert immer längere Arbeitszeiten. Als dann auch noch Kämpfe mit einer rivalisierenden Gruppe um Profitanteile des illegalen Geschäfts ausbrechen, gerät die Familie unverschuldet in Lebensgefahr.

El jardin que soñamos ist ein realistisches Sozialdrama, das die Ausbeutung von Geflüchteten in Mexiko schonungslos offenlegt und dabei nur wenig Raum für Hoffnung lässt. Die Situation der Familienangehörigen, darunter zwei Kleinkinder, die medizinische Hilfe benötigen, ist den unbarmherzigen Geschäftemachern spätestens dann egal, wenn ihr Gewinn auf dem Spiel steht. Nebenbei wird durch die Abholzung im Naturschutzgebiet auch der Lebensraum der gefährdeten Monarchenfalter, ein Wahrzeichen der Region, zerstört. Es ist wichtig, dass Joaquín del Paso ein Schlaglicht auf die brutale Situation Geflüchteter in Mexiko wirft und dabei mafiöse Strukturen auch einmal jenseits des omnipräsenten Drogenhandels anspricht. Die Charaktere im Film wirken zwar etwas eindimensional – entweder sind die Figuren hilflose Opfer oder rassistische Ausbeuter – und die Hoffnungslosigkeit teilweise erdrückend. Aber die Situation der Geflüchteten in der Realität gibt leider keinen Anlass zu einem Feel-Good-Movie. Wenn El jardin que soñamos dazu beiträgt, den gezeigten Problemen internationale Beachtung zu verschaffen, hätte der Film ein großes Ziel erreicht.


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True Crime auf der Säuglingsstation

„Mein größter Wunsch ist es, Mutter zu werden, eine Familie zu haben“. Diesen Zukunftstraum teilen in dieser oder ähnlicher Form womöglich Millionen junger Frauen auf der ganzen Welt. Auch bei Alejandra Marín aus Mexiko-Stadt, die diesen Satz in der mexikanischen Dokumentation Un hijo propio (Ein eigenes Kind) in die Kamera spricht, ist das nicht anders. Und die Voraussetzungen sind nicht schlecht: Sie ist bereits schwanger und frisch verheiratet, die Familie erwartet sehnsüchtig das Baby. Doch Alejandra verliert das Kind. Auch weitere Schwangerschaften enden in Fehlgeburten. Was danach passiert, machte Schlagzeilen in ganz Lateinamerika und bot genug Material für die Netflix-Dokumentation Un hijo propio.

© Luis Antonio Rojas / Netflix

Regisseur*innen aus Lateinamerika haben in den vergangenen Jahren mit kreativen und erfrischenden Ansätzen dem Format Dokumentarfilm neues Leben eingehaucht. Teil dieser Entwicklung war die Chilenin Maite Alberdi, die mit Die unendliche Erinnerung eine berührende Studie über Demenz produziert hat und dafür mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde. In Un hijo propio versucht sie sich nun mit üppigem Netflix-Budget im Rücken an der Aufarbeitung eines echten Kriminalfalls aus dem Jahr 2009. Dabei greift sie auf das Mittel der Doku-Fiktion zurück: Große Teile des Films sind mit Schauspieler*innen nachgedreht, was die Regisseurin auch von Beginn des Films an transparent macht. So folgen wir der Protagonistin auf dem Weg zu einer fatalen Entscheidung: Denn ihr Kinderwunsch und auch der Druck ihrer Familie sind so groß, dass Alejandra die Realitäten ausblendet und ihrem kompletten sozialen Umfeld eine Schwangerschaft vorspielt. Ihr Arbeitsplatz auf der Säuglingsstation eines Krankenhauses gibt ihr sowohl Zugang zu gefälschten medizinischen Bescheiden, als auch zu Frauen, die mit dem Gedanken spielen, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Einer von ihnen möchte Alejandra das Kind abhandeln, um es dann als ihr eigenes auszugeben – was Un hijo propio unweigerlich zur Dokumentation ihres Weges in die Katastrophe im Stile eines Film Noir kippen lässt.

© Netflix

Maite Alberdi hat den Fall Alejandra Marín mit Empathie für die Protagonist*innen über 15 Jahre lang ausgewertet und dabei sowohl fiktionale Szenen im Stil einer Telenovela als auch echtes Archivmaterial sowie selbst gefilmte aktuelle Aufnahmen in ihren Film einfließen lassen. Dabei entsteht ein Porträt einer Frau, die für ihren Kinderwunsch bereit war, bis zum Äußersten zu gehen und den Preis dafür bezahlt hat.

© Netflix

Die Dokumentation ist in ihrem dramatisierenden Netflix-Stil unterhaltsam und es ist Alberdi anzurechnen, dass sie sich dennoch einer pauschalisierenden Wertung von Alejandra Marín entzieht. Was die sozialen Umstände, die zu den tragischen Ereignisse führten, angeht, bleibt Un hijo propio allerdings doch sehr an der Oberfläche. Der soziale Druck, unbedingt eigene Kinder zu bekommen, dem viele Frauen direkt oder indirekt ausgesetzt sind, wird nur ganz am Rande behandelt. Die extremen Handlungen, zu denen Alejandra sich hinreißen lässt, sind Resultat (oft männlich geprägter) Rollenerwartungen, in denen Kinderlosigkeit als Stigma angesehen wird. Für dezidierte Kritik daran ist in leider nur wenig Platz, Mutterglück erscheint in der Dokumentation als (einzig?) erstrebenswerte Variante weiblicher Lebensläufe.

So bleibt Un hijo propio ein handwerklich gut gemachter und bis zum Schluss interessanter Dokumentarfilm, der durch den (für Netflix-Produktionen nicht ungewöhnlichen) Verzicht auf eine tiefergehende kritische Diskussion aber auch eine große Chance verpasst.


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Zum Schweigen gebrachte Stimmen

Vermisste Journalisten: José Antonio García Apac und María Ester Aguilar (Foto;: Propuesta Cívica)

Am 20. November 2006 rief José Antonio García Apac, Gründer der Wochenzeitung Eco de la Cuenca del Tepalcatepec, sein Kind an, während er durch die Region Tierra Caliente (Gebiet im Südwesten Mexikos, Anm. d. Red.) fuhr. Während des Gesprächs hörte seine Familie, wie er an einem Kontrollpunkt angehalten wurde. „Buenas noches, jefe“, sagte Apac – so pflegte er Militärs anzusprechen. Danach waren Schläge und Lärm zu hören, dann Stille. Von ihm und dem von ihm gefahrenen Wagen fehlt seither jede Spur.


García Apac hatte in seinen Veröffentlichungen die Verstrickungen zwischen Polizei, Militär und Kartellen angeprangert und in der Zeitschrift Proceso über die Verbindungen von Behörden zum Kartell der Zetas und den entstehenden Selbstverteidigungsgruppen berichtet. Sein Verschwinden führte zu einer Untersuchung, die jedoch rasch zwischen Inkompetenz, Aktenverschiebungen und jahrelanger Untätigkeit versandete. Zeugenaussagen über Drohungen im Zusammenhang mit seiner journalistischen Arbeit wurden ignoriert. Fast zwei Jahrzehnte später wird die offizielle Suche noch immer blockiert.
Der Fall von María Esther Aguilar Cansimbre weist Parallelen auf: Am 11. November 2009 verließ die Journalistin ihr Haus in Zamora, Michoacán, nachdem sie einen Anruf erhalten hatte und kehrte nie wieder zurück. Die 34 Jahre alte Mutter von zwei kleinen Töchtern hatte eine 17-jährige Laufbahn in lokalen Medien hinter sich. In ihren Artikeln deckte sie Polizeigewalt und Verbindungen lokaler Autoritäten zur organisierten Kriminalität auf. Unter ihren Unterlagen fand sich ein Dokument, das den damaligen Polizeichef von Zamora, Jorge Arturo Cambroni, belastete, weil er sich mit Leibwächtern umgab, die zu den Kartellen Familia Michoacana und zu den Zetas gehörten. Ein anonymer Faxhinweis beschrieb ihre Entführung auf direkte Anordnung von Cambroni. Keiner dieser Beweise wurde jedoch ernsthaft untersucht. Die Staatsanwaltschaft stufte den Fall zunächst als „illegale Freiheitsberaubung“ ein, ohne dringende Suchprotokolle zu aktivieren. Über ein Jahrzehnt lang wurden die Hinweise auf ihre journalistische Tätigkeit systematisch ignoriert.
Beide Fälle spielten sich im selben Klima ab: Michoacán als Epizentrum der Militarisierung der Sicherheitspolitik in Mexiko. Mit dem Beginn des sogenannten Drogenkriegs in Mexiko im Jahr 2006 wurden 4.200 Soldat*innen, 1.000 Marineangehörige und 1.400 Bundespolizist*innen entsandt – mit dem Versprechen an die Bevölkerung, die Kontrolle zurückzugewinnen. Was folgte, war jedoch eine Spirale der Gewalt, in der unter anderem die Presse der Kriminalität und den staatlichen Verstrickungen zum Opfer fiel.
Die institutionelle Antwort war stets dieselbe: Gleichgültigkeit, Verzögerungen, verschwundene Beweise und Ermittlungen, die nie zur Wahrheit führten. Auch die Schaffung von Institutionen wie der FEADLE (Sonderstaatsanwaltschaft für Verbrechen gegen die Meinungsfreiheit) im Jahr 2010 durchbrach die Logik struktureller Straflosigkeit nicht: Geschlossene Akten ohne ausgeschöpfte Ermittlungsansätze und lange Phasen der Untätigkeit ließen die Straflosigkeit andauern. Die extreme Bedrohung zwang vor allem die besonders gefährdeten Lokaljournalist*innen zu immer mehr Selbstzensur.

Die Fälle des gewaltsamen Verschwindenlassens von García Apac und Aguilar Cansimbe sind mehr als nur individuelle Geschichten. Sie sind Teil einer Gewalt- und Straflosigkeitsmaschinerie, die Mexiko durchzieht. Sie sind Spiegelbilder dafür, dass der Staat nicht nur unfähig ist, die Presse zu schützen, sondern in vielen Fällen durch aktives Handeln oder aber unterlassene Strafverfolgung selbst Komplize ist. Die Namen der beiden Journalist*innen fügen sich in eine schmerzhafte Liste ein: In den letzten 20 Jahren wurden mindestens 28 Journalist*innen in Mexiko aufgrund ihrer Arbeit verschwinden gelassen.

Angesichts der fehlenden innerstaatlichen Antworten haben die Familien von García Apac und Aguilar Cansimbe, unterstützt von der mexikanischen Organisation Propuesta Cívica und Reporter ohne Grenzen, eine Klage beim UN-Menschenrechtsausschuss eingereicht. Die Klage macht den mexikanischen Staat für das Verschwinden der Journalist*innen verantwortlich. Solche internationalen Schritte sind nicht nur der letzte Weg, um Gerechtigkeit einzufordern, sondern machen auch die systemischen Defizite des mexikanischen Justizsystems sichtbar.


„Die gewaltsamen Verschleppungen der Journalistin María Esther Cansimbe und von José Antonio Apac sind Beispiele für die extreme Gewalt gegen die Presse in Mexiko“, betont Sara Menidiola, Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation Propuesta Cívica. Weiter erklärt sie: „Sie zeugen von der tief verwurzelten Straflosigkeit, vom Fehlen einer öffentlichen Strafrechtspolitik zur sorgfältigen Untersuchung schwerer Menschenrechtsverletzungen und vom mangelnden Willen des mexikanischen Staates, diese Verbrechen zu bestrafen und ihre Wiederholung zu verhindern. Der Zugang zur Justiz bleibt für die Opfer ein einsamer und mühsamer Weg.“


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„Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen“

Cristina Rivera Garza hat zahlreiche Literaturpreise erhalten. (Foto: Anette Hornischer)

Sie sind in diesem Jahr Kuratorin des ilb. Wie lief der Auswahlprozess der Schriftsteller*innen und der Themen?
Jede kuratorische Arbeit bedeutet zunächst einmal Teamarbeit. Ich bekam den Auftrag, gemeinsam mit einem sehr aktiven und dynamischen Team einen Teil des Festivals zu kuratieren. Mich interessiert und ich schreibe selbst Literatur, die in engem Kontakt mit den Gemeinschaften steht, aus denen sie hervorgeht. Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen und an die Fähigkeit der Literatur, Kräfte in der Sprache zu wecken und wiederzubeleben.
Aus diesem Grund war es mir wichtig, dass wir auf dem Festival einen Raum für Gespräche schaffen, die auch in den Büchern stattfinden. Eines der wichtigsten Themen dabei sind Migrationbewegungen. Ich selbst war fast mein ganzes Leben lang eine migrantische Schriftstellerin und bin der weltweiten Angriffe bewusst, unter denen migrantische Gemeinschaften heutzutage leiden. Ein Großteil der Eingeladenen dieses Festivals hat persönliche oder literarische Erfahrung mit diesem wichtigen und unvermeidlichen Thema.
Ein anderes wichtiges Thema sind für mich inter- und transdisziplinäre Übungen innerhalb der Texte, Mut und formale Kühnheit. Es gibt zum Beispiel eine Theatergruppe, die eine Performance mit Bezug auf das Buch der lateinamerikanischen Schriftstellerin Liliana Colancio aufführen wird. Dieses Spiel mit Genres ist mir wichtig. Ich glaube, dass es eine wesentliche Beziehung zwischen Literatur und Aktivismus gibt. Sie ist ein weiteres unumgängliches Element der Welt, in der wir leben.

Welche Rolle spielt die Literatur in der Politisierung des Erinnerns und des Schmerzes?
Ich bin der Überzeugung, dass ich beim Schreiben eine Sprache nutze, die nicht mir gehört. Es ist eine Sprache, die ganzen Gemeinschaften von Sprechern gehört. Eine Sprache, die bereits mit Geschichte behaftet ist. Ich ergänze meine eigene Geschichte mit ihren Konflikten, Hoffnungen und Visionen. Dort beginnt für mich die Beziehung zwischen dem Literarischen und dem Politischen. Ich sage „das Politische” statt „die Politik”, weil ich denke, dass es sich um zwei verschiedene Dinge handelt. In der Sprache werden verschiedene Formen der Hierarchie überprüft und bekämpft, es werden Gesprächs- und Handlungsfelder eingeschränkt oder erweitert. Deswegen denke ich, dass es eine Beziehung und eine Verantwortung derer gibt, die eng mit der Sprache arbeiten und den vielfältigen Realitäten, die wir mit ihr durchlaufen. Für mich ist es weniger eine Frage des Themas oder des Gegenstandes, sondern vielmehr eine Frage, die mit den Materialien selbst zu tun hat, die Teil der Handlung oder dieser Praxis sind.

Sehen Sie sich als Aktivistin?
Auf unterschiedliche Art: Ich bin zum Beispiel nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Professorin in den USA. Ich leite seit einigen Jahren ein Doktoratsstudium für kreatives Schreiben in spanischer Sprache. Das Programm wurde 2017 ins Leben gerufen, gerade als das Weiße Haus Spanisch von seiner Website entfernte. Der Höhepunkt war vor nicht allzu langer Zeit, nachdem Englisch zur offiziellen Sprache der Vereinigten Staaten erklärt wurde, was es zuvor noch nie gegeben hatte. Für mich ist die Leitung dieses Programms, in dem wir Schriftsteller, die in den USA auf Spanisch schreiben, beherbergen und eng mit ihnen arbeiten, ohne Zweifel eine Art von Aktivismus. Vielleicht ist der wichtigste davon ein linguistischer Aktivismus − nicht nur die Verteidigung der Sprache, sondern auch die Verteidigung der Gemeinschaften, die sich in dieser Sprache ausdrücken, leben, träumen und hoffen. Die USA sind nach Mexiko das zweitgrößte spanischsprachige Land der Welt. Das gibt uns eine Vorstellung, welche Bedeutung die Gemeinschaft und ihre Sprache in den Vereinigten Staaten heute haben.

Sie arbeiten viel mit dem Thema Grenzüber­schreitung und Migration. Wie überschreiten Sie Grenzen?
Ich wurde in Matamoros im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten geboren. Fast mein ganzes Leben lang habe ich an Grenzen gelebt. Ich war 20 Jahre in San Diego, wo ich oft die Grenze zur mexikanischen Stadt Tijuana überquert habe. Ich komme aus einer Tradition von Generationen von Grenzbewohnern. Ich habe dazu ein Buch geschrieben, Autobiografía del algodón (Autobiographie der Baumwolle), das hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt wird, in dem ich die Migrations- und Grenzerfahrungen meiner Großeltern mütterlicherseits untersuche. Das heißt, die Grenze hat mich in vielerlei Hinsicht durchquert, sie ist Teil meiner Familiengeschichte, meiner persönlichen Geschichte und meiner Arbeit. Es gibt ein Bestreben, Grenzen zu überschreiten, zum Beispiel formale Grenzen, Geschlechtergrenzen und litera­rische Genregrenzen. Es gibt ein Beharren, in den Bereichen und Kulturen zu arbeiten, in denen sich verschiedene Disziplinen berühren. Ich habe zum Beispiel gerade das studiert: erst Theologie, dann Geschichte. Aber ich lese viel zu Anthropologie, zu Philosophie und zu Literatur natürlich, und mich interessieren die bildenden Künste und zeitgenössische Kunst. Ich versuche diese Interessen in die Bücher, die ich schreibe, einfließen zu lassen. Ich bin also von Geburt an, aber auch aus eigener Entscheidung Grenzgängerin, und deswegen beleuchte ich die Problematik der Grenzen, ihre tödliche Macht und die Notwendigkeit, sie zu überschreiten.

Welche Grenze fällt schwer zu überschreiten?
Es gibt in Lilianas unvergänglicher Sommer eine letzte Grenze, die Grenze zwischen Leben und Tod. Ein Teil der Erfahrung beim Schreiben dieses Buches, das sich mit dem Femizid befasst, dem meine Schwester 1990 zum Opfer fiel, ist es festzustellen, wie durchlässig diese Grenze ist, wie viele Wege es hin und zurück gibt. Die Tatsache, dass die Toten bei uns bleiben − wie unsere Großeltern und Vorfahren wussten − dass sie die Grenze überschreiten, diese letzte Grenze, die zwischen Leben und Tod existiert.
Welche Hürden gab es beim Schreiben von Lilianas unvergänglicher Sommer?
Ich glaube in diesem Fall war ein ausschlaggebender Punkt die Sprache, die in den letzten zehn, 20, 30 Jahren eine sehr starke feministische Bewegung und machtvolle Frauen hervorgebracht hat. Ich glaube, dass wir jahrelang aufgrund der patriarchalen Narrative nicht über ausreichende Konzepte verfügten, um Geschichten der geschlechtsspezifischen Gewalt zu erzählen. Und zwar aus der Sicht der Frauen, ihrer Familien und ihrer Gemeinschaften. Ich glaube uns fehlte − mir persönlich fehlte − die Entwicklung einer Reihe von Begriffen und Konzepten, die uns jetzt ermöglichen, die patriarchalen Narrative zu untergraben, zu hinterfragen, zu kritisieren und die Stimme und die Erfahrung von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Um diese Geschichten kritisch zu erzählen, auf eine andere Art, auf eine Art, die sich den Krallen des Patriarchats entzieht.

Was muss in den heutigen Diskurs in Deutschland eingebracht werden?
Ich denke, mit den eingeladenen Schriftsteller*innen des Internationalen Literaturfestival Berlins machen wir einen guten Anfang. Es handelt sich um migrantische Schriftstellerinnen und Schriftsteller und engagierte Aktivisten. Sie sind Teil einer aktuellen zeitgenössischen Debatte. Sie sind vor allem unglaublich intelligent und verfügen über eine unerschütterliche Sensibilität. Leute wie Javier Zamora, der in seinem autobiografischen Buch Solito davon erzählt, haben persönliche Erfahrung damit, was es bedeutet, in sehr jungen Jahren ein ganzes Land zu durchqueren. Es war eine gefährliche Reise, dort hinzugelangen, wo er heute lebt. Ich beziehe mich hier auf Javier, aber Claudia Donosa und Roxana Crisólogo könnten das Gleiche erzählen, auch Gabriela Wiener, von Velia Vidal ganz zu schweigen. Ich denke hier haben wir Personen, mit einer tiefen persönlichen Erfahrung, die sie erforscht und zum Ausdruck gebracht haben, in einer sehr angespannten, dringlichen, aber auch freudigen Sprache. Ich vertraue also darauf, dass sie mit ihrer Intelligenz und Leidenschaft Gespräche anregen können, die für unsere Zeit von grundlegender Bedeutung sind.


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Würdiger Wohnraum

Gentrifizierung ist kein Fortschritt, sondern Verdrängung Spontaner Protest gegen Gentrifizierung in Mexiko-Stadt (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

Die erste Demonstration gegen Gentrifizierung in Mexiko-Stadt fand am 4. Juli statt – ein symbolträchtiges Datum, das mit dem Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten zusammenfällt. Diese „Gegenfeier“ hatte zum Ziel, das anzuprangern, was als eine US-amerikanische Besetzung wahrgenommen wird: Viele der verdrängten Einheimischen müssen der wachsenden Präsenz von digitalen Nomad*innen und Kreativen – überwiegend aus den USA – weichen. Während der Kundgebung beklagten die Demonstrierenden, dass der Anstieg der Wohnkosten zusammen mit der Zunahme von Immobilien, die über Plattformen wie Airbnb angeboten werden, die Bewohner*innen an den Stadtrand verdrängt habe. Zudem erklärte die Aktivist*innengruppe Frente Anti Gentrificación MX in einer Pressemitteilung vom 5. Juli, dass illegale Zwangsräumungen, organisierte Plünderungen von Wohnungen zur Einschüchterung der Bewohner*innen und nicht genehmigte Änderungen der Bodennutzung gängige Praktiken geworden seien, die darauf abzielen, Leerstand zu schaffen, damit neue Geschäfte oder wohlhabendere Bevölkerungs­gruppen einziehen können. Dies habe letztlich eine „Zerstörung des sozialen Gefüges von Städten, Vierteln, Dörfern und Nachbarschaften“ zur Folge und verwehre den Menschen den Zugang zu grundlegenden Menschenrechten. Angesichts dieser Situation hat die Stadtregierung Maßnahmen ergriffen, um die Folgen der Gentrifizierung abzumildern. Zugleich wurden die Proteste jedoch polizeilich gewaltvoll unterdrückt.

Die Wurzeln der starken Gentrifizierung liegen in politischen Maßnahmen von vor einem Jahrzehnt: Mit dem Ziel, die Stadt zu zentralisieren und zu verdichten, gewährte das Gesetz zur Stadtentwicklung des Bundesdistrikts von 2010, vorgeschlagen vom damaligen Regierenden Bürger­meister von Mexiko-Stadt, Marcelo Ebrard, großen privaten Immobilienprojekten bevorzugte Behandlung. Diese Politik wurde unter anderem im Rahmen der ab 2013 geförderten Zonen für wirtschaftliche und soziale Entwicklung (ZODES) umgesetzt, die darauf abzielten, zentrale Viertel wie die Colonia Doctores zu beleben. Die ZODES-Initiativen führten zum Bau von Bürokomplexen; Wohnungen zu Preisen, die für die lokale Bevölkerung unerschwinglich waren, sowie Kulturzentren.

Privatisierung verkleidet als „Aufwertung“

Ein deutliches Beispiel für die Unbeliebtheit der Projekte war der Kulturelle Korridor Chapultepec. Er sah den Bau eines Hochparks über der Avenida Chapultepec vor. Ziel war es, die Straße durch Fußgängerzonen und Grünflächen für Kultur- und Freizeitaktivitäten aufzuwerten. Ein breites Bündnis aus Anwohner*innengruppen und Stadtplaner*innen kritisierte jedoch, dass es sich dabei nicht um einen „kulturellen Korridor“ handele, sondern vielmehr um eine Privatisierung zugunsten der Finanzgruppe Invex. Diese hatte die Konzession für die Nutzung der Fläche ohne öffentliche Ausschreibung für 40 Jahre erhalten.

Der wachsende Druck eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses führte schließlich zu einer öffentlichen Befragung, in der sich 60 Prozent der Teilnehmenden für die Aufhebung des Projekts aussprachen. Infolgedessen wurde das Vorhaben endgültig gestoppt. Viele weitere Privati­sie­rungen durch ZODES-Projekte konnten jedoch nicht aufgehalten werden. Das Interesse an privaten Investitionen, verbunden mit einer regulatorischen Lücke in Bezug auf Kurzzeitvermietungen, legte die Grundlage für die schrittweise Umwandlung von Wohnraum für die lokale Bevölkerung in Ferienwohnungen für Tourist*innen. Immer mehr Wohnungen in attraktiven Wohnvierteln wie Roma, Condesa oder Juárez wurden dem langfristigen Mietmarkt entzogen, um über Plattformen wie Airbnb angeboten zu werden, was die Spekulation zusätzlich verschärft.

Transnationale Plattformunternehmen wie Airbnb profitieren während die Bewohner*innen von Mexiko-Stadt ihre Viertel verlassen müssen (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

In diesem Kontext kam es während der COVID-19-Pandemie zu einer großen Migration von Remote-Arbeiter*innen. Trotz der schon damals steigenden Kosten bot Mexiko-Stadt ein deutlich niedrigeres Lebenshaltungsniveau als die Technologie-Metropolen der USA und Kanadas. 2022 unterzeichnete die damalige Bürgermeisterin und heutige Präsidentin der Republik, Claudia Sheinbaum, ein Abkommen mit Airbnb und der UNESCO, das darauf abzielte, den Tourismus zu fördern und den Immobilienmarkt für digitale Nomad*innen zu öffnen. So erlebten von Gentrifizierung betroffene Viertel wie Roma und Condesa zwischen 2020 und 2023 einen Anstieg der Mieten um 50 bis 100 Prozent. Der somit entstehende demografische Wandel zwang traditionelle Geschäfte, sich anzupassen oder zu verschwinden: tortillerías (Geschäfte für frische Maistortillas), fondas (familiengeführte Restaurants) und Straßenstände wurden durch Spezialitäten-Cafés, Design-Boutiquen und Gourmet-Restaurants ersetzt. Infolgedessen bekamen neue Generationen von Familien, die seit Jahrzehnten in diesen Vierteln verwurzelt waren, Schwierigkeiten, sich dort niederzulassen, und verloren damit ihre familiären, beruflichen und gemeinschaftlichen Bindungen.

Vom System vernachlässigt Statt an menschlichen Grundbedürfnissen hat sich die Stadtpolitik lange an Kapitalinterssen orientiert (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

So riefen Nachbarschaftskollektive und Aktivistinnengruppen, darunter die Frente Anti Gentrificación MX und die Frente Nacional por las 40 Horas, am 4. Juli zu einer Kundgebung auf, bei der sich Hunderte von Menschen versammelten, um Erfahrungen auszutauschen und von der Regierung Maßnahmen gegen die Gentrifizierung zu fordern. Zu den zentralen Forderungen gehörten die Regulierung von Plattformen wie Airbnb, eine Politik für bezahlbaren Wohnraum, die Kontrolle von Immobilieninvestitionen sowie ein Ende der Verdrängung.

Der angestaute Unmut verwandelte die Kundgebung jedoch in einen Protestmarsch, der vom Monumento a la Revolución in symbolträchtige, von Gentrifizierung geprägte Viertel wie Roma und Condesa zog. Obwohl die Mobilisierung größtenteils friedlich verlief, kam es zu Vorfällen direkter Aktion, bei denen Geschäfte beschädigt wurden, die als Teil des Gentrifizierungsprozesses wahrgenommen werden. Diese Aktionen – darunter das Einschlagen von Fensterscheiben, das Besetzen von Läden und die Zerstörung von Cafés – wurden von nationalen und internationalen Medien breit aufgegriffen, um die Demonstration zu delegitimieren.

Nachbarschaftsorganisationen wehren sich

Konservative nationale Medien konzentrierten sich auf Vandalismus während der Demonstration. Zudem warfen sie den Demonstrierenden Fremdenfeindlichkeit vor und richteten besondere Aufmerksamkeit auf Parolen wie „Gringo, go home“ („Gringo, geh nach Hause“) oder „aquí se habla español“ („Hier wird spanisch gesprochen“). Die Demonstration wurde zum Ziel eines ideologischen Diskurses, der zivilen Ungehorsam häufig mit dem in Mexiko geläufigen Satz „esas no son las formas“ („nicht auf diese Art“) abwertet. Nach Einschätzung von Dinora Arceta, Expertin für Advocacy bei Amnesty International, dient dieser Ausdruck dazu, die öffentliche Debatte abzulenken. Sein eigentlicher Zweck besteht darin, die Demonstrierenden zu diskreditieren und zu stigmatisieren, um eine Auseinandersetzung mit den Ursachen ihrer Unzufriedenheit zu vermeiden.

Dieser mediale Fokus erwies sich als wirksam, um die Aufmerksamkeit von den Forderungen der Demonstrierenden abzulenken und dadurch den Protest zu diskreditieren. Am folgenden Tag betonte Präsidentin Claudia Sheinbaum, dass „Mexiko ein offenes, solidarisches und brüderliches Land“ sei und dass die „rassistischen Haltungen“, die sie den Demonstrierenden vorwarf, nicht zu rechtfertigen seien – auch wenn ihre Forderungen legitim wären. Nach einer weiteren Anti-Gentrifizierungs-Demo am 20. Juli, die direkte Aktionen in Museen und Buchhandlungen einschloss, warf Sheinbaum den Demonstrierenden unmissverständlich vor, sich wie „Faschist*innen und Intolerante“ zu verhalten, und bekräftigte ihre Haltung gegen vermeintliche Diskriminierung von Ausländer*­innen.

Wohnraum zum Leben statt zum Investieren! Statt an menschlichen Grundbedürfnissen hat sich die Stadtpolitik lange an Kapitalinterssen orientiert (Foto: Natalia Vanessa Díaz Matta)

Trotz der überwiegend negativen Medienberichterstattung ist es den Protesten gegen Gentrifizierung gelungen, breite Teile der Bevölkerung politisch zu mobilisieren. Neben der Demonstration vom 4. Juli in Mexiko-Stadt wurden bereits drei weitere Demonstrationen organisiert, die größtenteils friedlich verliefen. Ergänzend zu den seit langem bestehenden Kämpfen um die Verteidigung des Territoriums sind in verschiedenen Teilen der Republik eigene Initiativen gegen die Gentrifizierung entstanden. In Oaxaca fand beispielsweise am 16. Juli das „Nationale Treffen gegen die Gentrifizierung“ statt, an dem soziale Organisationen und Indigene Gemeinschaften beteiligt waren. Diese Bewegung verortet ihren Widerstand in einem breiteren Kampf gegen Extraktivismus, Ausbeutung und Massentourismus. Die Bewegung in Oaxaca fördert über die Organisierung von Protest hinaus die Schaffung von Reflexionsräumen und Workshops zur Entwicklung kollektiver Strategien. Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel lässt sich in der Stadt Querétaro, im Zentrum von Mexiko finden, wo am 8. August eine Anti-Gentrifizierungs-Demo mit mehr als 200 Teilnehmenden stattfand.

Als Reaktion auf die Widerstandsbewegung stellte die Stadtregierung von Mexiko-Stadt unter der Leitung von Clara Brugada am 16. Juli den Plan „Einheit für eine lebenswerte und bezahlbare Stadt“ vor, dessen Ziel es ist, eine politische Strategie zur Regulierung des Immobilienmarktes zu etablieren. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen die Senkung der Mietpreise, die Schaffung von erschwinglichem Wohnraum, die Erhöhung von Steuern auf leerstehende Wohnungen, der Schutz lokaler Geschäfte sowie die Erklärung von Mexiko-Stadt zur „Sanctuary City“, in der die Menschenrechte ihrer Bewohner*innen geachtet und Express-Räumungen verboten werden. Die für die Demonstrationen verantwortlichen Aktivist*innengruppen betrachten diese Maßnahmen mit Misstrauen, da der Plan hastig ausgearbeitet wurde – und ohne Beteiligung oder Anhörung der betroffenen Gruppen. Gleichzeitig befindet sich die Anti-Gentrifizierungs-Bewegung in Mexiko-Stadt derzeit in einer Phase der Konsolidierung. Sie versucht, eine organisatorische Struktur aufzubauen, die in der Lage ist, durch Foren und Arbeitsgruppen wie jene in Oaxaca auf die öffentliche Politik einzuwirken.


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Justiz im Wandel

Vor der Reform, die von Andrés Manuel López Obrador in die Wege geleitet und von Claudia Sheinbaum durchgesetzt wurde, wurden die Richter*innen des Obersten Gerichtshofs aus einer vom Präsidenten vorgeschlagenen und vom Kongress bestätigten Liste ausgewählt. Dies führte zu einer undurchsichtigen Justiz mit exorbitanten Gehältern, geringer Rechenschaftspflicht und starken Verbindungen zur Oligarchie und den faktischen Machthaber*innen.
Darüber hinaus trug die Vetternwirtschaft der so genannten „Richterfamilien“ dazu bei, ein System mit einem hohen Maß an Straflosigkeit aufrechtzuerhalten. Nach Angaben von Organisationen wie dem Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie (IMDHD) gehen 90 Prozent der Justizverfahren in Mexiko straffrei aus.
Das neue Justizsystem ist aus einem intensiven Kampf zwischen zwei Blöcken hervorgegangen. Auf der einen Seite die ehemalige Regierung unter der Führung von Andrés Manuel López Obrador (AMLO) und seiner Morena-Partei, die im Rahmen der so genannten „Vierten Transformation“ eine Agenda progressiver Reformen verfolgte. Auf der anderen Seite die Opposition, die sich aus der Rechten und den traditionellen Parteien (PAN, PRI, PRD), dem Obersten Gerichtshof (SCJN) selbst – dem vorgeworfen wird, konservativ und elitär zu sein – und den Konzernmedien zusammensetzt, die als Verfechter*innen des Status quo angesehen werden.

Plan A bis C für die Justizreform

Um das Justizsystem umzugestalten, musste López Obrador drei verschiedene Strategien anwenden. Die erste war die wahlpolitische Reform, die dem Kongress 2022 vorgelegt wurde, um das Budget des Nationalen Wahlinstituts (INE) zu kürzen und die Mehrpersonenwahlkreise abzuschaffen, was mangels qualifizierter Mehrheit abgelehnt wurde. Es folgte zwischen 2022 und 2023 der sogenannte „Plan B“, der, der Änderungen des abgeleiteten Rechts vorsah, ohne dass die Verfassung geändert werden musste, der jedoch vom Obersten Gerichtshof für ungültig erklärt wurde. Und schließlich der „Plan C“ im Jahr 2023, der das letzte Wagnis darstellte: die Präsidentschaftswahlen 2024 zu gewinnen und eine qualifizierte Mehrheit im Kongress zu erreichen, um das Justizsystem durch die Wahl der Richter*innen durch das Volk zu erneuern.
Da es in Mexiko keine Wiederwahl gibt, machte die derzeitige Präsidentin, Claudia Sheinbaum, den Plan C und die Justizreform zu einem der zentralen Versprechen ihrer Wahlkampagne. Nach ihrem erdrutschartigen Sieg (mit fast 30 Millionen Stimmen – mehr als doppelt so vielen wie ihr Konkurrent) erreichte Morena eine qualifizierte Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses und erhielt so die notwendigen Stimmen für eine Verfassungsreform. Der politische Kalender Mexikos erlaubte es AMLO in einer seiner letzten Amtshandlungen als Präsident diese Mehrheit zu nutzen, um die lang ersehnte Justizreform in den Kongress einzubringen. Die Reaktion der Justiz ließ jedoch nicht lange auf sich warten: Viele ihrer Beschäftigten traten in den Streik und besetzten am Tag der Abstimmung aus Protest sogar gewaltsam den Senat.
Nach der beschlossenen Reform sollten die drei Gesetzgebungsorgane der Regierung nicht nur Kandidat*innen für die Wahl der Richter*innen des Obersten Gerichtshofs benennen, sondern auch für die Wahl der Magistrate, Richter*innen und Bezirksrichter*innen sowie der Mitglieder des neuen Disziplinargerichts aufstellen.
Das Wahlverfahren war umständlich und komplex. Das Nationale Wahlinstitut verfügte nur über ein begrenztes Budget für die Organisation der Wahlen, und die politischen Parteien waren von der Werbung für Kandidaturen und der Finanzierung von Kampagnen ausgeschlossen.
Der Prozess war zudem auch von Boykottaufrufen der Opposition und einiger Medien geprägt und durch die Mobilisierung der morenistischen Basis zur Stimmabgabe anhand von Orientierungslisten gekennzeichnet – bekannt als acordeones (Spickzettel) – mit den Namen der ihrer Partei nahestehenden Kandidat*innen.

Wahlbeteiligung nur bei 13 Prozent

In Mexiko besteht keine Wahlpflicht, und bei den Zwischenwahlen gehen in der Regel etwa 30 Prozent. Nach diesen Maßstäben könnte man sagen, dass die Wahlbeteiligung für die Richter*innenwahl am 1. Juni sehr niedrig war, da von den fast 100 Millionen Wahlberechtigten nur 13 Prozent zur Wahl gingen.
Die mexikanische Opposition hat die Wahl der Richter*innen durch das Volk als einen autoritären Akt bezeichnet, der die Justiz politisiert, die Unabhängigkeit der Justiz bedroht, die Rechtsstaatlichkeit schwächt und Morena eine noch größere Machtkonzentration ermöglicht. Die Regierung von Claudia Sheinbaum und ihre Partei verteidigen dies indes als Demokratisierung der Justiz, die notwendig sei, um den Interessen des Volkes und nicht einer wirtschaftlichen und politischen Minderheit gerecht zu werden. Im Zuge der Justizreform wurde die Zusammensetzung des SCJN von elf auf neun Richter*innen reduziert, so dass er nun aus fünf Frauen und vier Männern besteht, die ideologisch der Regierung Sheinbaum nahestehen.
Die Ernennung von Hugo Aguilar – nach Benito Juárez vor 160 Jahren die zweite Indigene Person, die den Vorsitz des Gerichtshofs übernimmt – stellt einen symbolischen Fortschritt für historisch marginalisierte Gemeinschaften dar. Sie hat einerseits Fragen über seine Unabhängigkeit von der Exekutive aufgeworfen und andererseits zu widerwärtigen, rassistischen Äußerungen gegen ihn geführt. Dieser neu aufgestellte Gerichtshof wird in den kommenden Jahren über entscheidende Fragen wie die Ausweitung der sozialen Rechte, die Autonomie der Indigenen Bevölkerung und die Rolle der Armee bei Sicherheitsaufgaben entscheiden. Seine Unabhängigkeit wird von entscheidender Bedeutung sein, um zu vermeiden, dass er als eine Erweiterung der politischen Macht wahrgenommen wird.


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Ein normales Leben, unvergänglich

Cover des Buchs "Lilianas unvergänglicher Sommer"

Mit Lilianas unvergänglicher Sommer erscheint erstmals ein Werk der renommierten mexikanischen Autorin Cristina Rivera Garza auf Deutsch – ein forderndes Buch, das mit gewohnten Leseerwartungen bricht.

Cristina erzählt die Geschichte ihrer zwanzigjährigen Schwester Liliana, 29 Jahre nachdem diese von ihrem Ex-Freund ermordet wurde. Sie beginnt das Buch mit einer Szene, die ihre jahrzehntelange Trauerarbeit hervorhebt und erklärt, wieso sie ihre Scham und Verzweiflung nun in andere Bahnen lenken kann. Die Frustration und Schwere will sie selbstbestimmt beenden, denn Scham macht uns ihrer Ansicht nach zu Kompliz*innen der Mörder. Ihr Ziel ist jetzt Gerechtigkeit. In erster Linie ist das Buch eine Biografie einer junger Frau, verfasst von ihrer einzigen Schwester, doch gleichzeitig ist es auch weitgehend eine Autobiografie. Denn was das Buch besonders macht, erscheint auf den ersten Blick paradox: Liliana und Cristina sind beide begnadete Schriftstellerinnen und Poetinnen, die Liliana in gemeinsamen Zeugnissen und einem steten Reigen zum Leben erwecken. Liliana hat ihrem Tod und dem Vergessen die meisten Hindernisse selbst in den Weg gelegt: in hunderten Zetteln, Briefen, Schreibmaschinennotizen. Cristina ergänzt beide Perspektiven mit den Erzählungen und Erinnerungen von Kommiliton*innen und der Eltern. Auch der Täter hat sich mit Gewalt in Lilianas Geschichte eingeschrieben, doch sein Platz ist trist und schmal. Er bleibt als Person eine verdiente Leerstelle: Eine Randnotiz, die erwähnt werden muss, mehr nicht.

Gleichzeitig sind die biografischen Daten an sich nicht außergewöhnlich. Lilianas Erfahrungen, ihr Erwachsenwerden, ihre Freundschaften und ihre Romanzen: Das alles ist „normal“ für eine junge Frau in Mexiko, in Lateinamerika, auf dieser Welt. Genau aus dieser scheinbaren Banalität erwächst das Einzigartige, das dieses Buch auszeichnet. Eine gewöhnliche Geschichte, erzählt, notiert und kuratiert von außergewöhnlichen Autorinnen.

Im Kontext des Femizides verweist Christina zwar auf Gerechtigkeit, aber sie wird nicht aktivistisch: Ihr Stil ist stellenweise sehr schmerzhaft, manchmal wünscht man sich als Leser*in mehr Distanz, mehr Abstand. Aber eine Schwester kann keinen Abstand kennen: Sie kennt nur Nähe, und dadurch lernen auch wir Liliana so kennen, wie Ihre Nächsten sie kannten. Die Schwester steht im Vordergrund, nicht verbunden mit einer Anklage oder mit Forderungen bedacht, sondern als Mensch Liliana. Und dass wir diesen Mensch an das Patriarchat verloren haben, sollte genug Symbolkraft haben, um uns alle zu Veränderungen aufzufordern. Sicherlich ist es kein Buch mit einfachen Antworten. Doch Christina hat zwei nachhaltige und prägende Entscheidungen getroffen: Mit dem Buch hat sie einen bleibenden Erinnerungsort geschaffen und den Nachlass ihrer Schwester hat sie einem Archiv in Texas übergeben. So bleibt die Autorin ihrer Schwester treu: Gemeinsam haben sie Lilianas Sommer für die Nachwelt unvergänglich gemacht.


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Zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit


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Zwischen Erwachen und Erwachsenwerden

Foto: Plan B Entertainment

Eines Nachmittags vertraut Cecilia (Andrea Suárez Paz) ihrem Sohn Olmo an, sich um seinen Vater Néstor (Gustavo Sánchez Parra) zu kümmern. Der ist mit Multipler Sklerose bettlägerig und zum Überleben auf seine Familienmitglieder angewiesen. Auch sonst geht es der Familie nicht wirklich gut: Sie sind drei Monatsmieten schuldig, es gibt weder Zeit noch Geld für selbstgekochtes Essen (außer der Tiefkühl-Lasagne, die der Vater nicht essen will) und die Stereoanlage ist kaputt. All das hält den 14-jährigen Olmo aber nicht davon ab, sich für seine Nachbarin Nina (Melanie Frometa) zu interessieren. Seiner älteren Schwester Ana (Rosa Armendáriz) geht es ähnlich wie ihm: Sie will ihre Jugend abseits von Verpflichtungen erleben. Währenddessen versucht ihre überforderte Mutter, ihren häuslichen und finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, indem sie Doppelschichten in einem Restaurant arbeitet.

Fernando Eimbckes Film Olmo wurde in der Sektion Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2025 uraufgeführt. Es ist Eimbckes vierter Film und das zweite Mal, dass der mexikanische Regisseur an der Berlinale teilnimmt. Das erste Mal war er 2008 mit Lake Tahoe vertreten, einem Film, der mit dem Silbernen Bären für den Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet wurde. Sein Regiedebüt gab er 2004 mit Temporada de Patos, der in Cannes uraufgeführt wurde und in seinem Heimatland mehrere Preise gewann. Im Jahr 2013 präsentierte er Club Sandwich, seinen dritten Spielfilm, der beim 61. Internationalen Filmfestival von San Sebastian unter anderem mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Olmo spielt 1979 in New Mexico und schildert auf humorvolle Weise den komplexen Übergang vom Heranwachsen zum Erwachsenwerden in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld. Aivan Uttapa spielt darin den Protagonisten: Olmo ist ein junger Mann, der versucht, den Härten seines Zuhauses zu entkommen, indem er sich in seine Freundschaft mit Miguel (Diego Olmedo) und seine romantischen Träume zurückzieht.Sein Freund nimmt dabei im Laufe des Films die Rolle des treuen Helfers für ihn ein, fast wie Sam Gamdschie für den Helden Frodo in der Fantasy-Saga Herr der Ringe. Unter anderem unterstützt er ihn dabei, seinen Schwarm Nina dazu zu bringen, ihn zu einer Party einzuladen. Aber die Sache hat einen Haken: Die Eintrittskarte dafür ist, sich die Stereoanlage der Familie auszuleihen. So muss sich Olmo zwischen der Verantwortung für seine Angehörigen und dem Wunsch, seine Jugend zu leben, entscheiden. Auf diese Weise zeigt der Film eine unausweichliche Wahrheit: Erwachsenwerden bedeutet, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Doch Olmo ist mehr als nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch ein intimes Porträt einer Migrant*innenfamilie, in der die Eltern auf Spanisch kommunizieren und die Kinder auf Englisch antworten. Einer Familie, die durch die Krankheit von Néstor zerbrochen ist, der als Vater, obwohl körperlich eingeschränkt, immer noch versucht, seiner Rolle mit Anekdoten und Ratschlägen gerecht zu werden, auf die seine Kinder nicht immer hören wollen. Das fehlende Gleichgewicht in seiner Familie hinterlässt Olmo in einem großen Dilemma: Inwieweit soll er mit Aufgaben belastet werden, die seinem Alter nicht entsprechen? Während seine Mutter und seine Schwester versuchen, auf ihre Weise zu entkommen, sehnt auch er sich nach einer solchen Pause. So erinnert uns der Film daran, dass das Erwachsenwerden nicht nur ein Prozess der Selbstfindung ist, sondern auch ein Akzeptieren der familiären Bindungen, mit all der Last, die sie mit sich bringen.

Olmo ist kein effekthascherischer Film, aber wenn er erst einmal angefangen hat, überzeugt er mit seinen Charakteren, einer soliden Geschichte und einem sorgfältigen Setting. Er handelt vom Aufwachsen und von Beziehungen in einer unvollkommenen Familie und erinnert uns daran, dass das Leben wie ein Film sein kann. In dieser Geschichte ist die Familie kein idealisierter Zufluchtsort, sondern ein komplexes Band, das von Opfern und kleinen täglichen Kämpfen aufrechterhalten wird. Jede Figur geht auf ihre eigene Weise mit der Realität um, aber alle sind durch eine gemeinsame Wahrheit verbunden: Trotz ihrer Brüche bleiben sie ein Team, in dem Verantwortung und Zuneigung in einem fragilen Gleichgewicht koexistieren.



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