
Welche Erfolge konnte MAFAPO in den letzten zehn Jahren verzeichnen?
Einer der wichtigsten Erfolge des Kollektivs in diesem Kampf – und das verdanken wir unserer Widerstandsfähigkeit – war es, den Ruf unserer Angehörigen wiederherzustellen und nachzuweisen, dass sie keine Guerilleros waren. Außerdem haben wir erreicht, dass öffentliche Anhörungen stattfanden, bei denen mehrere Militärangehörige öffentlich zugaben, dass sie die Jugendlichen tatsächlich verschleppt, ermordet und als Guerilleros ausgegeben hatten. Wir konnten nachweisen, dass es sich um eine systematische Praxis im Rahmen staatlicher Politik gehandelt hat. Es ist uns gelungen, dass dieser öffentliche Akt der Vergebung unter der Regierung von Präsident Gustavo Petro stattfand und dass uns ein Grundstück für den Bau eines Gedenkparks zur Verfügung gestellt wurde.
Wie beurteilt ihr die Arbeit der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden?
Als das Friedensabkommen unterzeichnet und die JEP geschaffen wurde, wurde festgelegt, dass ehemalige Präsidenten nicht untersucht werden sollten. Das fanden wir schrecklich, denn wir wissen, dass der ehemalige Präsident Álvaro Uribe darin verwickelt ist. Zu der Zeit der Verbrechen war Juan Manuel Santos Verteidigungsminister (ehemaliger Präsident Kolumbiens während der Friedensverhandlungen, Anm. d. Red.). Es waren solche hochrangigen Politiker, die die Befehle zur Begehung dieser Verbrechen tatsächlich erteilt haben.
Aber trotzdem unterstützen wir, die Opfer, weiterhin den Prozess der JEP. Dank der JEP wurde bewiesen, dass die Soldaten, die unsere Kinder ermordet haben, nicht nur „ein paar schwarze Schafe“ waren. Gegen mehr als fünftausend Militärangehörige wird derzeit ermittelt. Anhand der Zahlen, die die JEP im Rahmen ihrer Arbeit herausgearbeitet hat (6.402 Opfer außergerichtlicher Hinrichtungen zwischen 2002 und 2010 sowie 7.837 zwischen 1990 und 2016, Anm. d Red.), konnte nachgewiesen werden, dass diese Praxis kein Einzelfall war.
Gab es bisher Fälle, in denen klar wurde, wer den Befehl gegeben hat?
Nein. Bei den Anhörungen haben die mittleren Befehlshaber und die Soldaten, also diejenigen, die geschossen haben, zugegeben, dass sie die Jugendlichen ermordet haben. Aber wir haben noch nicht herausgefunden, wer den Befehl gegeben hat.
Abelardo de la Espriella, der neue Präsident Kolumbiens, kündigte im Wahlkampf an, er werde versuchen, die JEP abzuschaffen. Wie sehen die Aussichten in naher Zukunft aus?
Ich glaube, das wird ihm ziemlich schwerfallen. Die JEP wurde bereits unterzeichnet und für eine Laufzeit von 20 Jahren angesetzt, daher glaube ich nicht, dass sie abgeschafft wird. Vielleicht wird er die Mittel dafür kürzen, aber wir wissen, dass viele Länder die JEP finanziell unterstützen. Das ist also alles noch ungewiss. Sie haben Angst, dass die Wahrheit ans Licht kommt, das ist der Grund, weshalb sie die JEP zerstören wollen.
Allerdings muss ich auch sagen, dass es seitens der JEP immer wieder Widerstände gegen die Verfahren gab, die umgesetzt werden sollten. Zum Beispiel in Bezug auf restaurative Maßnahmen haben wir bisher nicht viel erreicht. Den Opfern wird immer gesagt, dass kein Geld da ist. Wir wissen jedoch, dass es finanzielle Unterstützung aus anderen Ländern gibt und dass die vorherige Regierung unter Gustavo Petro die JEP unterstützt hat. Das können wir also nicht nachvollziehen.
Hast du das Gefühl, dass sich die Gesellschaft in Bezug auf das Thema außergerichtliche Hinrichtungen und Opfer von Verschwindenlassen in den letzten zehn Jahren verändert hat?
Wir stellen immer wieder fest, dass ein großer Teil der Gesellschaft die Geschehnisse nach wie vor leugnet. Genau aus diesem Grund engagieren wir uns an Schulen und Universitäten und erzählen jungen Menschen, die vor 18 Jahren noch nicht einmal geboren waren, immer wieder, was damals passiert ist. Es ist wichtig, dass sie lernen, dass es sich dabei um reale Ereignisse handelt,, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Denn sonst könnten sich solche Verbrechen in 20 oder 30 Jahren wiederholen.
Welche Risiken birgt die neue Regierung unter Abelardo de la Espriella für den Prozess der Wahrheit, Gerechtigkeit und Nichtwiederholung?
Das Risiko besteht gerade darin, dass diejenigen, die daran beteiligt waren, das Ziel erreichen, für das sie gekämpft haben. Sie wollen verhindern, dass die Wahrheit weiter ans Licht kommt, wie es in mehreren Verfahren vor der JEP geschehen ist. Dort wurden reale Fortschritte dabei erzielt, die Verantwortlichen zu identifizieren. Wir wissen, dass weit mehr Personen beteiligt waren, nicht nur Angehörige des Militärs.
Was sind eure Aussichten angesichts dieser neuen extrem rechten Regierung?
Naja, der Typ hat sein Amt jetzt angetreten. Es ist sehr traurig, wie er an die Macht gekommen ist, denn er hat bereits Bombenangriffe genehmigt, es sind bereits Kleinbauern und Zivilisten ums Leben gekommen. Das ist bedauerlich. Wir warten ab, wie wir ihm begegnen werden. Die Lage ist noch sehr ungewiss.
Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterhin darauf aufmerksam zu machen, dass das, was unseren Angehörigen widerfahren ist, reale Ereignisse waren, die sich nicht wiederholen und nicht in Vergessenheit geraten dürfen.











