
Die Reform lässt Umweltkontrollen für Bergbau und Energieprojekte formal bestehen, verändert jedoch ihre tatsächliche Funktionsweise. Zuvor galt eine präventive Logik: Auswirkungen wurden bewertet, bevor ein Projekt genehmigt wurde. Nun gilt das Prinzip des „positiven Verwaltungsschweigens“: Reagiert der Staat nicht innerhalb von 30 Tagen, wird angenommen, dass keine Einwände bestehen. In der Praxis bedeutet das, dass ein Projekt vorangebracht werden kann, auch wenn seine Risiken nicht geprüft wurden – eine Umkehr der bisherigen Kontrolllogik.
Das Problem ist gravierend. Viele Auswirkungen des Bergbaus, wie die Verschmutzung von Flüssen oder die Zerstörung von Ökosystemen, sind nicht rückgängig zu machen. Die Prävention, ein zentrales Prinzip des Umweltrechts, verliert an Bedeutung. Zudem verfügen Unternehmen über klare Fristen für ihr Voranschreiten, während dem Staat oft die technischen Kapazitäten fehlen, ebenso schnell zu kontrollieren, was den effektiven Schutz schwächt.
Bergbau-Cluster als Infrastruktur-Booster
Das Gesetz organisiert zudem das Territorium neu und schafft Bergbau-Cluster, also Zonen, in denen Infrastruktur wie Straßen, Energieversorgung und Dienstleistungen konzentriert wird, um den Bergbau zu erleichtern. Andere Aktivitäten wie Landwirtschaft, Tourismus oder gemeinschaftliches Leben werden dadurch verdrängt. Außerdem wird die Explorationsphase auf bis zu 15 Jahre verlängert, sodass Unternehmen ein Gebiet lange nutzen und verändern können, ohne dass neue tiefgehende Prüfungen erforderlich sind. Das Ergebnis ist eindeutig: längere Besetzungszeiten, mehr Kontrolle über Territorien und weniger reale Möglichkeiten für Gemeinschaften oder Behörden, um Projekte, die ihre Umwelt unumkehrbar verändern könnten, zu überprüfen oder zu stoppen.
Strategische Sicherheitszonen führen zur Militarisierung des Territoriums
Die Reform ermöglicht es zudem, bestimmte Gebiete als strategische Bergbausicherheitszonen auszuweisen, wodurch der Einsatz von Streitkräften ermöglicht wird. Obwohl dies als Maßnahme gegen illegalen Bergbau dargestellt wird, geht ihre Wirkung darüber hinaus. Die Erfahrung zeigt, dass Militarisierung in extraktiven Kontexten in Ecuador nicht im luftleeren Raum stattfindet. In Regionen wie Las Naves oder Tundayme ging die Ausweitung des Bergbaus mit der Räumung und Vertreibung der lokalen Gemeinschaften sowie der strafrechtlichen Verfolgung sozialer Führungspersonen einher. Diese Beispiele verdeutlichen, dass staatliche Eingriffe unter dem Argument der Sicherheit häufig mit ungelösten sozialen Konflikten überlagert sind.
Die vorherige Befragung: ein Recht, das in der Praxis kaum existiert
Die militärische Präsenz in von Indigenen und ländlichen Gemeinschaften bewohnten Gebieten kann die Ausübung grundlegender Rechte wie Protest, politischer Teilhabe und territorialer Verteidigung einschränken. Statt Konflikte zu lösen, verändert dieser Ansatz ihre Natur: Was ursprünglich ein sozialer, ökologischer und territorialer Konflikt ist, wird zu einem Sicherheitsproblem umgedeutet. In diesem Prozess verlieren Dialog und Partizipation zugunsten von Kontroll- und Eindämmungslogiken an Bedeutung. Die freie, vorherige und informierte Konsultation ist sowohl in der ecuadorianischen Verfassung als auch in internationalen Standards verankert. Theoretisch bedeutet sie, dass Indigene und lokale Gemeinschaften das Recht haben, informiert zu werden und an Entscheidungsprozessen teilzuhaben, bevor Projekte genehmigt werden, die ihre Territorien betreffen.
In der Praxis ist dieses Recht jedoch schwer durchzusetzen. In Ecuador gibt es keine klaren Fälle, in denen dies unter vollständiger Einhaltung der Standards umgesetzt wurde – aufgrund mangelnden politischen Willens und weil es den unternehmerischen und persönlichen Interessen amtierender politischer Akteure entgegensteht. Die sogenannten „Konsultationen ohne Konsultation“ erfolgen häufig mit unzureichendem Zugang zu vollständigen und verständlichen Informationen, unter ungeeigneten Zeitbedingungen, unter Druck und ohne reale Einflussmöglichkeiten, eine Ablehnung von Projekten ist kaum möglich. Was stattdessen existiert, ist eine lange Geschichte juristischer Auseinandersetzungen. Für viele Gemeinschaften bedeutet die Durchsetzung ihres Rechts auf Konsultation jahrelange Gerichtsverfahren. Urteile erfolgen oft erst, wenn Projekte bereits fortgeschritten oder umgesetzt sind, was ihre Wirksamkeit einschränkt. Selbst wenn Rechtsverletzungen anerkannt werden, bleiben Wiedergutmachungsmaßnahmen häufig unvollständig oder ganz aus.
In diesem Kontext erhöht das neue Gesetz den Druck zusätzlich: Durch verkürzte Fristen und beschleunigte administrative Verfahren werden die ohnehin eingegrenzten Bedingungen für echte Konsultationsprozesse weiter verschlechtert. Damit verschärft sich das Risiko dafür, dass die vorherige Konsultation zwar formale Pflicht bleibt, aber ihre reale Einflusskraft in Entscheidungen verloren geht. Das bedeutet, sie existiert auf dem Papier, aber nicht in der Praxis.
Das neue Gesetz enthält eine spezielle Regelung für die Galápagos-Inseln, wo die Bergbauaktivitäten erlaubt, aber auf die Gewinnung von Baumaterialien auf abgegrenzte Zonen und durch Nachhaltigkeitskriterien beschränkt werden. Auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Schutzmechanismus.
Doch die grundlegende Möglichkeit, Materialien auf Galápagos zu gewinnen, birgt Risiken: Selbst der Abbau von Sand und Gestein kann in einem so fragilen Ökosystem erhebliche Schäden verursachen, etwa Bodenveränderungen, Druck auf Wasserressourcen, die Beeinträchtigung von Lebensräumen und die Zunahme menschlicher Eingriffe in hochsensible Territorien. In einem Umfeld mit einem besonders empfindlichen ökologischen Gleichgewicht können selbst kleine Eingriffe verheerende Folgen haben. Daher geht es nicht nur darum, welche Art von Bergbau erlaubt ist, sondern ob irgendeine Form der Rohstoffgewinnung mit dem Schutz dieser einzigartigen Ökosysteme vereinbar ist.
Gleichzeitig macht diese Regelung eine weitergehende Spannung sichtbar. Der Staat erkennt ausdrücklich die Notwendigkeit an, in Galápagos aufgrund seiner Vulnerabilität strenge Grenzen zu setzen. Dieses Maß an Vorsicht wird jedoch weder im Amazonasgebiet noch im Andenhochland, der Sierra, angewendet, obwohl auch dort ökologisch fragile Territorien und stark von ihrer Umwelt abhängige Gemeinschaften existieren. Galápagos ist somit nicht nur eine Ausnahme, sondern auch ein Spiegel für Standards, die theoretisch möglich wären, aber im Rest des Landes nicht angewendet werden.
Der Streit verschiebt sich in die Gerichte und die Territorien
Die Verabschiedung des Gesetzes mit der minimal erforderlichen Stimmenzahl in der Nationalversammlung hat die Debatte nicht beendet, sondern ihre politische Fragilität offengelegt. Außerhalb institutioneller Räume äußert sich die gesellschaftliche Ablehnung in Protesten, Mobilisierungen und Stellungnahmen in verschiedenen Städten des Landes.
Die Indigene Dachorganisation CONAIE hat daher gemeinsam mit Organisationen wie ECUARUNARI und Yasunidos Verfassungsbeschwerden gegen das Gesetz eingereicht. Im Kern argumentieren sie, dass die Norm grundlegende Rechte verletzt, etwa den Zugang zu Wasser, die Ernährungssouveränität, die vorherige Befragung und die Rechte der Natur, da sie die Ausweitung des Bergbaus in ökologisch und sozial sensiblen Gebieten erleichtert.
Für die Organisationen handelt es sich nicht um eine technische Reform oder einen bloßen administrativen Anpassungsschritt. Zur Debatte steht vielmehr eine Änderung der Spielregeln, eine Neuausrichtung der Rolle des Staates, der sich vom Garant von Rechten zum Förderer extraktiver Investitionen wandelt. In einem Land, dessen Verfassung der Natur als Subjekt eigene Rechte zuschreibt, ist diese Transformation nicht unbedeutend, sondern grundlegend.
Es geht nicht mehr nur um die Reform, sondern das gesamte Entwicklungsmodell
Nun verlagert sich der Konflikt auf zwei entscheidende Ebenen. Einerseits auf das Verfassungsgericht Ecuadors, das prüfen muss, ob die Norm mit dem verfassungsmäßigen Rahmen vereinbar ist. Andererseits auf die Territorien, in denen das Gesetz angewendet wird. Dort sind seine Bestimmungen nicht mehr nur bloße Rechtsvorschriften, sondern haben reale Konsequenzen für das Leben Indigener und ländlicher Gemeinschaften.
Im Kern geht es bei der Auseinandersetzung nicht nur um eine Reform, sondern um das Entwicklungsmodell, das das Land verfolgen will: Einerseits soll der Bergbau wirtschaftlicher Motor sein und strategische Investitionen voranbringen. Andererseits setzt die ecuadorianische Verfassung, durch die Rechte der Natur und der Völker Grenzen für diese Expansion.
Die Distanz zwischen den Orten, an denen diese Entscheidungen getroffen werden, und den Territorien, in denen sie umgesetzt werden, ist nicht nur geografisch. Sie spiegelt eine tiefere politische und territoriale Kluft wider, die den gesamten Diskurs durchzieht und in hohem Maße erklärt, warum der Konflikt weiterhin offenbleibt.












