Lateinamerika und die Karibik: ein Territorium des Exotischen, des Kuriosen – und der Gewalt. Wer deutschsprachige Berichterstattung verfolgt, erkennt schnell ein wiederkehrendes Muster: Der Subkontinent wird selten als politischer Raum mit komplexen Gesellschaften dargestellt, sondern vielmehr als Bühne für Krisen, Kuriositäten und spektakuläre Schlagzeilen.
Schon ein Blick in die Auslandsrubriken großer Medien zeigt das Problem. In der Berichterstattung über „Amerika“ spiegelt sich die Hegemonie der Vereinigten Staaten bei Analyse des Landes als Zentrum politischen und wirtschaftlichen Einflusses wider. Die südliche Region hingegen erhält in der Regel nur dann Aufmerksamkeit, wenn es zu politischen Krisen wie Staatsstreichen, Schießereien oder Gewaltausbrüchen kommt. Die Medienagenda der Mainstream-Medien vor allem sensationslüstern: ein karikiertes, machtloses und überholtes Lateinamerika.
Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Kokain-Hippos. Die Geschichte vereint alles, was sich gut verkaufen lässt: Exotik, Absurdität, Gefahr und Pablo Escobar. Dagegen werden politische Zusammenhänge und vertiefende Analysen zum Drogenhandel nur sporadisch diskutiert, vor allem was die Rolle der USA oder die Folgen des „Kriegs gegen die Drogen“ betrifft, der bis heute als Rechtfertigung für geopolitische Interventionen dient.
Ähnlich funktioniert die Personalisierung politischer Entwicklungen. Jair Bolsonaro wird im Spiegel als „Tropen-Trump“ bezeichnet, wodurch autoritäre Politik wie eine folkloristische Kopie westlicher Verhältnisse erscheint. Auch die Berichterstattung der Tagesschau über El Salvador zeigt diese Tendenz: Die massenhafte Inhaftierung Tausender Menschen unter Präsident Nayib Bukele wird in einem am 24. April veröffentlichten Videobeitrag auf Instagram zwar erwähnt, betont wird aber der öffentliche Zuspruch für die Maßnahmen. Menschenrechtsverletzungen erscheinen so relativiert oder sprachlich abgeschwächt.
Dem gegenüber steht zum Beispiel eine Veröffentlichung der Berlin Review vom Februar. „Die Erfindung des Narkoterrorismus“ (sic) des brasilianischen Autors Evandro Cruz Silva betont die rechtspopulistische Funktion dieser Narrative und benennt die Gewalt, die sie rechtfertigen sollen. Genau dazu sollte ein solidarischer Journalismus bereit und in der Lage sein.
Die ehrliche Darstellung globaler Ungleichheiten sowie die Benennung von Errungenschaften und Fortschritten des Globalen Südens, statt ausschließlich von Problemen zeigen ein komplexeres Bild. Denn in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen in Europa und den Vereinigten Staaten meistern einige Länder in Lateinamerika und der Karibik ihre eigenen Herausforderungen und positionieren sich als Protagonisten innerhalb einer neuen globalen Machtdynamik. Der Rückgang der Abholzung in Kolumbien, Debatten über die Verkürzung der Arbeitszeit in Brasilien, Indigene Bewegungen, feministische Organisationen oder innovative Umweltpolitik haben das Potenzial, der Menschheit Kraft zu geben.
Diese Errungenschaften zu bekräftigen ist notwendig, um uns in unserer eigenen Zeit zu verorten und in der Realität zu verankern, denn diese ist niemals nur das, was geschieht. Die Realität ist auch das, was erzählt wird, und die Art und Weise, wie es erzählt wird.



















