// MEHR ALS HIPPOS, NARCOS UND GEWALT

Lateinamerika und die Karibik: ein Territorium des Exotischen, des Kuriosen – und der Gewalt. Wer deutschsprachige Berichterstattung verfolgt, erkennt schnell ein wiederkehrendes Muster: Der Subkontinent wird selten als politischer Raum mit komplexen Gesellschaften dargestellt, sondern vielmehr als Bühne für Krisen, Kuriositäten und spektakuläre Schlagzeilen.

Schon ein Blick in die Auslandsrubriken großer Medien zeigt das Problem. In der Berichterstattung über „Amerika“ spiegelt sich die Hegemonie der Vereinigten Staaten bei Analyse des Landes als Zentrum politischen und wirtschaftlichen Einflusses wider. Die südliche Region hingegen erhält in der Regel nur dann Aufmerksamkeit, wenn es zu politischen Krisen wie Staatsstreichen, Schießereien oder Gewaltausbrüchen kommt. Die Medienagenda der Mainstream-Medien vor allem sensationslüstern: ein karikiertes, machtloses und überholtes Lateinamerika.

Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Kokain-Hippos. Die Geschichte vereint alles, was sich gut verkaufen lässt: Exotik, Absurdität, Gefahr und Pablo Escobar. Dagegen werden politische Zusammenhänge und vertiefende Analysen zum Drogenhandel nur sporadisch diskutiert, vor allem was die Rolle der USA oder die Folgen des „Kriegs gegen die Drogen“ betrifft, der bis heute als Rechtfertigung für geopolitische Interventionen dient.

Ähnlich funktioniert die Personalisierung politischer Entwicklungen. Jair Bolsonaro wird im Spiegel als „Tropen-Trump“ bezeichnet, wodurch autoritäre Politik wie eine folkloristische Kopie westlicher Verhältnisse erscheint. Auch die Berichterstattung der Tagesschau über El Salvador zeigt diese Tendenz: Die massenhafte Inhaftierung Tausender Menschen unter Präsident Nayib Bukele wird in einem am 24. April veröffentlichten Videobeitrag auf Instagram zwar erwähnt, betont wird aber der öffentliche Zuspruch für die Maßnahmen. Menschenrechtsverletzungen erscheinen so relativiert oder sprachlich abgeschwächt.

Dem gegenüber steht zum Beispiel eine Veröffentlichung der Berlin Review vom Februar. „Die Erfindung des Narkoterrorismus“ (sic) des brasilianischen Autors Evandro Cruz Silva betont die rechtspopulistische Funktion dieser Narrative und benennt die Gewalt, die sie rechtfertigen sollen. Genau dazu sollte ein solidarischer Journalismus bereit und in der Lage sein.

Die ehrliche Darstellung globaler Ungleichheiten sowie die Benennung von Errungenschaften und Fortschritten des Globalen Südens, statt ausschließlich von Problemen zeigen ein komplexeres Bild. Denn in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen in Europa und den Vereinigten Staaten meistern einige Länder in Lateinamerika und der Karibik ihre eigenen Herausforderungen und positionieren sich als Protagonisten innerhalb einer neuen globalen Machtdynamik. Der Rückgang der Abholzung in Kolumbien, Debatten über die Verkürzung der Arbeitszeit in Brasilien, Indigene Bewegungen, feministische Organisationen oder innovative Umweltpolitik haben das Potenzial, der Menschheit Kraft zu geben.

Diese Errungenschaften zu bekräftigen ist notwendig, um uns in unserer eigenen Zeit zu verorten und in der Realität zu verankern, denn diese ist niemals nur das, was geschieht. Die Realität ist auch das, was erzählt wird, und die Art und Weise, wie es erzählt wird.


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WER IST HIER DER NARCO-TERRORIST?

Im 19. Jahrhundert baute die East India Company ein Monopol für die Opiumproduktion auf, das bis nach dem Ersten Weltkrieg in britischer Hand bleiben sollte. Ausbeutung indischer Bäuer*innen und Hungerkrisen standen enormen Profiten gegenüber. In zwei Kriegen erzwang England die Öffnung Chinas und flutete den chinesischen Markt mit Opium. Zu den Konsequenzen gehörten massive Abhängigkeit, die Annexion Hongkongs, der Raub von Kunstschätzen, die bis heute in Museen weltweit liegen, und vor allem die Beseitigung des britischen Handelsdefizits gegenüber China. Denn während die Engländer Seide, Tee und Porzellan aus China importiert hatten, war der chinesische Markt für englische Waren verschlossen geblieben.

Auch in der ersten Opium-Krise der USA, Ende des 19. Jahrhunderts, spielten chinesische Migrant*
innen eine Rolle. Während die medizinische Nutzung des Schlafmohns bis in die Antike reicht, wurde sie um die Jahrhundertwende zunehmendzum Problem. Die Nutzung von Morphin in den Lazaretten des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-65) trug vor allem in den Südstaaten zur großen Zahl an Abhängigen bei. Erste Gesetze kriminalisierten jedoch vor allem die chinesische Konsumform des Opiumrauchens. Dabei ging es von Anfang an um Rassentrennung, beispielsweise in Idaho wurde ausschließlich weißen das Führen und Betreten von Opiumhöhlen verboten, die mit Prostitution und Glücksspiel assoziiert wurden. Hierin fügt sich auch der Chinese Exclusion Act (1882), der die Migration aus China faktisch aussetzte und zur Marginalisierung der chinesischen communities beitrug.

Rassismus zieht sich durch die Drogenpolitik der USA

Mit der Anerkennung der Jim-Crow-Gesetze durch den Obersten Gerichtshof der USA (1896), die Rassentrennung rechtlich fixierten, und einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften in den Fabriken des Nordens und Mittleren Westens setzte die sogenannte Erste Große Migration (1910-40) ein. Es ist kein Zufall, dass zu dieser Zeit das Narrativ des kokainabhängigen Schwarzen aufkommt. 1914 veröffentlichte die New York Times einen vielzitierten Artikel, der von Übergriffen auf weiße Frauen in den Südstaaten fantasierte, die das direkte Resultat von Kokaineinfluss auf Schwarze Männer sei. Erneut ging es um Rassentrennung, Zugang zu Arbeitsmärkten und die Kontrolle rassifizierter Körper auch abseits einer juristisch expliziten Rassentrennung.

Mit dem Ende der Prohibition 1933 fokussierten sich die ehemaligen Alkohol-Fahnder vor allem auf Marihuana, das diskursiv zur „Killerdroge“ avancierte. Eine zentrale Figur hierbei war Harry Anslinger, der Leiter der 1930 gegründeten Bundesbehörde für Betäubungsmittel. In seiner Propaganda vermischen sich Rassismus und Sexismus mit christlichen Untertönen, die zum Fundament der US-amerikanischen Drogenpolitik wurden. Nixons politischer Berater und Watergate-Mitverschwörer John Ehrlichmann gab 1994 in einem Interview an, dass der Krieg gegen die Drogen auf die Kriminalisierung der Friedensbewegungen und der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung abzielte. Zeitgenössische Debatten der Black Panther zeigen, dass sie diese Strategie nur allzu gut verstanden hatten. Die Parteiregeln waren in Bezug auf Drogen strikt, und Michael Tabors formulierte die eingängige Formel „Kapitalismus plus Drogen gleich Völkermord“.

Der Kampf gegen die Drogen war Teil des Widerstands – für Gesundheit und in der Abwehr polizeilicher Übergriffe. In den 1980ern verschärfte Reagan den Krieg gegen die Drogen deutlich. Der Anti-Drug Abuse Act (1986) führte schwerste Strafen für den Besitz und Verkauf von Crack ein. Das Strafmaß lag bei 100:1 im Gegensatz zu herkömmlichem Kokain; später sollte Obamas Fair Sentencing Act das Verhältnis auf 18:1 reduzieren. Mit dem Anti-Drug Abuse ging auch die Einführung von Mindeststrafen
einher, 5 Jahre Knast für 5 Gramm Crack. Drogenpolitik und Masseninhaftierungen gehen Hand in Hand: Ab Ende der 80er Jahre und in den 90er Jahren hatte diese Politik verheerende Folgen für die Schwarze Bevölkerung.

Masseninhaftierung mit verheerenden Auswirkungen

Angesichts der Ausbreitung von Meth stiegen auch die Inhaftierungen weißer Unterschichten. Derweil zeigt die Opioid-Krise der letzten 20 Jahre eine klassistische Politik, gesponsert von der Pharmalobby, die traditionell zu den Top-Spendern der Parteien bei jedem Wahlkampf gehört. Anstatt Armut, krankmachende Arbeitsbedingungen, miserable Umweltfaktoren und die Ursachen für psychosoziale Belastungen anzugehen, verschreiben Ärzt*innen schwerste Schmerzmittel. Die Fentanyl-Krise ist das konsequente Resultat dieser Politik. Während Trump offen über Militäreinsätze gegen Kartelle in Mexiko nachdenkt, kommt der Großteil ihrer Waffen aus den USA.

Eine Recherche von The Intercept hat in Mexiko sichergestellte Patronenhülsen in eine Fabrik des US-Militärs zurückverfolgt. In der Vergangenheit waren auch Modelle von Heckler & Koch in den Händen bewaffneter Banden gelandet. Letztlich sind Widersprüche eine Konstante: Während in den 60ern die antikommunistische Kuomintang das sogenannte Goldene Dreieck, die Grenzregion zwischen Myanmar, Laos und Thailand, zum Zentrum der globalen Heroinproduktion machten, verkauften in den 80er Jahren Contras, eine antikommunistische Gruppierung in Nicaragua, während ihres schmutzigen Krieges gegen die sandinistische Regierung tonnenweise Kokain in den USA.

„Kartelle gibt es nicht“

Und so fließen Gelder nicht nur in die Waffenschmieden des globalen Nordens, die praktischerweise alle Beteiligten ausrüsten: In undurchsichtigen Finanzströmen verschränken sich Geheimdienste, Drogengelder und Hochfinanzen, wovon beispielsweise die Panama Papers zeugen. Eine transnationale Geldwaschmaschine für Profite aus vielfältigsten Schattenwirtschaften, nicht nur im Drogenhandel. Die enge Verzahnung der Akteure zeigt auch das Beispiel des mexikanischen Kartells Jalisco Nueva Generación, das illegale und semi-legale Quecksilberminen kontrolliert und dieses für den illegalen Goldabbau unter anderem nach Peru schmuggelt. Der Literaturwissenschaftler und Journalist Oswaldo Zavala stellte dazu die These auf, dass Kartelle nicht existieren. Was existiere, sei eine staatlich geschaffene Struktur, die die Bildung bewaffneter Gruppen und ökonomischer Ausbeutungsprozesse duldet. Narco-Femizide und die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen sind ebenso integraler
Bestandteil dieser zutiefst patriarchalen Struktur (siehe LN 618).

Und während die USA die größte Anzahl an Gefangenen weltweit hat, sind die Gefängnisse Lateinamerikas und der Karibik die Vollsten mit einer durchschnittlichen Belegungsrate von 160%. Die Region hat auch die höchste Rate inhaftierter Frauen. Im Kampf gegen die Drogen werden Frauen härter und im Verhältnis öfter bestraft, allem voran, wenn sie arm sind. Wer also über Ausbeutungsverhältnisse nicht reden will, sollte zu organisierter Kriminalität schweigen. Ob nun – laut UN Sonderberichterstatter – völkerrechtswidrige Tötungen im Pazifik, Noboa, der US-amerikanische Waffen und Söldner kauft, oder militarisierte Polizeirazzien in brasilianischen Favelas, die in einem Massakerenden – all das hat nichts mit Sicherheit zu tun. Wenn Menschen ohne rechtliche Grundlage und gegen Bezahlung in Bukeles Vorzeigeknast abgeschoben werden, dann ist das Menschenhandel.

Und wenn Frauen in Ciudad Juárez verschwinden? Das interessiert einen Trump, der auf Epsteins Insel verkehrt, nicht im Geringsten. Die Logik der zunehmenden Militarisierung, freundlich unterstützt von Big-Tech-Unternehmen, ist ein gutes Geschäft und Vehikel einer autoritären Wende. „Narcoterrorismus“ ist also vor allem nützlich und profitabel. Die tiefverankerten Kreisläufe aus Gewalt und Korruption sind real und komplex. Und wir sollten diese Komplexität nicht leugnen. Inzwischen hat die Logik des Krieges offensichtlich nur zur Zunahme an Tod, Inhaftierungen und einem wachsenden Fluss an Drogen geführt. Sie reduziert alle Komplexität in „Freund und Feind“. Und wer sind die Feinde gemessen an den Toten und Inhaftierten? Im Großen und Ganzen stets die Schwächsten und die Ränder der Gesellschaft. Und während alle paar Jahre ein „Drogenbaron“ medienwirksam aus seinem Unterschlupf gezogen wird, warte ich noch auf die spektakuläre Verhaftung eines weißen Anzugträgers auf der Wall Street.

Oder darauf, dass Politiker*innen bei einer Drogenrazzia mit nacktem Oberkörper vom Gelände des Bundestags abgeführt werden. Der Krieg gegen die Drogen ist ein Klassenkampf von oben. Er ist Ausdruck rassistischer sowie imperialistischer Politiken und tiefgreifender kolonialer Strukturen. Von Peru über Kolumbien nach Mexiko bis in die Bronx, ob in den Favelas in Rio, oder großen Umschlagplätzen wie Marseille oder Napoli, Widerstand ist immer Selbstbehauptung. Die Selbstbehauptung gegenüber Politiken, die anhand rassifizierter, vergeschlechtlicher, klassistischer Linien kriminalisieren und in letzter Instanz zwischen dem Recht auf Leben und Tod unterscheiden. Und deswegen frage ich erneut: wer sind nun die Terrorist*innen?


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Netzwerke gegen Gewalt

Migration nach Europa wird oft als Umzug an einen sicheren Ort wahrgenommen. Für tausende lateinamerikanische Frauen kann die Ankunft in Europa einen Schritt in Richtung wirtschaftlicher und persönlicher Freiheit bedeuten. Für viele Frauen führt Migration jedoch auch zu Verletzlichkeit und Isolation angesichts von Gewaltsituationen. In manchen Fällen nutzen Täter dies aus, um Frauen in einem Zustand des Ausgeliefertseins zu halten.
So war es bei Nadia (einige Namen wurden geändert, um die Identität und Sicherheit der befragten Frauen zu schützen, Anm. d. Autorin), die vor mehr als sieben Jahren nach Berlin auswanderte, um einen Deutschen zu heiraten, den sie übers Internet kennengelernt hatte. Sie verließ ihr Heimatland Peru in der Hoffnung, eine Familie zu gründen und kannte niemanden außer ihrem Partner. Kurz nach ihrer Ankunft begann sie zu arbeiten und Deutsch zu lernen. Für Freundschaften blieb nicht viel Zeit, und sie begann sich einsam zu fühlen. „Am Anfang war mein Partner sehr liebevoll, sehr aufmerksam, das war, was ich suchte”, erklärt Nadia. Aber bald zeigte ihr damaliger Mann ein Verhalten, das Nadia als aggressiv beschreibt. Er beschuldigte sie für alles Mögliche. Wenn sie diskutierten, schrie er sie an, entschuldigte sich dann und sagte, er würde sich ändern, aber nichts änderte sich. Der verbale Missbrauch verletzte Nadia so sehr, dass sie sich „dumm, unzulänglich und schuldig” für ihre Situation fühlte. Nach vier Jahren Ehe bekamen sie ihren Sohn. Obwohl Nadia in vielen Momenten überlegte, ihren Mann zu verlassen oder in ihr Land zurückzukehren, tat sie es nicht, aus Angst, dass er ihr den Sohn wegnehmen würde. Dies änderte sich erst, als die psychologische Gewalt in physischer Gewalt eskalierte.

“Verbundheit pflegen” Komplizinnen fand Nadia zunächst im Internet (Druck von Bianca @i_multipli)

Damals dachte Nadia, Grund seien ein kultureller Unterschied oder „Beziehungsprobleme”. Erst als sie professionelle Hilfe erhielt, verstand sie, dass das, was sie erlebte, Gewalt war. Laut Andrea Galán Santamarina, Gesundheitspsychologin spezialisiert auf geschlechtsspezifische Gewalt, „ist psychologische Gewalt sehr schwer zu erkennen, weil sie unsichtbare Spuren hinterlässt. Oftmals führt diese Unsichtbarkeit von psychologischer, emotionaler oder verbaler Gewalt dazu, dass man sich fragt, ob man sich wirklich so schlecht fühle oder ob man übertreibe”.
Für Frauen mit Migrationserfahrung kann es noch schwieriger sein, die Gewalttaten zu erkennen die sie erleben, weil sie in ihren Herkunftsländern teilweise als normal angesehen werden. „Von diesem Standpunkt aus sehen viele nicht, dass Gewalttaten zur Anzeige gebracht werden können, weil niemand – weder im Familien- noch im Gemeinschaftskontext – das so wahrgenommen hat. Und in einem Land mit einem anderen Kontext siehst du es oft auch nicht sofort” fügt Galán hinzu.


Nadia fand auf Facebook Gruppen wie HispaMamis Alemania oder Latinas en Alemania, wo sie sich mit anderen Frauen, Müttern, Migrantinnen und Lateinamerikanerinnen wie sie selbst austauschen konnte. Bei einem dieser persönlichen Treffen, die von diesen Gruppen organisiert wurden, erhielt sie den Kontakt einer kolumbianischen Psychologin, die ihr psychologische Hilfe auf Spanisch gab. Schließlich erhielt sie Beratung und Begleitung, die ihr die notwendigen Informationen gab, um die physische Gewalt, die sie von ihrem Ex-Partner erlitt, anzeigen zu können, und das Sorgerecht für ihren Sohn nach der Trennung zu behalten. „Dass ich da bin, wo ich bin, verdanke ich all den Menschen, die mir geholfen haben. Wenn es diese Organisationen nicht geben würde, wäre ich nicht aus diesem Haus gekommen”, bekräftigt Nadia. Sie baute sich ein Unterstützungsnetzwerk mit Menschen auf, das sie bei diesem Prozess begleitete und ihr half, aus dem Gewaltkreislauf auszubrechen, dem sie ihr Ex-Partner unterwarf.

Aus der Einsamkeit ausbrechen Gewalt geht oft mit Isolation einher (Druck von Silvana Hastamorir Torres, Colombia)

Facebookgruppen füllen die Lücken staatlicher Hilfsangebote


HispaMamis und Latinas en Alemania sind nur zwei der mehr als 130 Netzwerke, die in der grenzüberschreitenden Forschung „Bien Acompañadas” identifiziert wurden. Diese Netzwerke bieten Unterstützung für lateinamerikanische Frauen in fünf europäischen Ländern: Deutschland, Spanien, Frankreich, Belgien und dem Vereinigten Königreich. Darunter befinden sich Organisationen, Verbände, Frauenhäuser und Gruppen in sozialen Netzwerken für migrantische Frauen. Die meisten dieser Netzwerke wurden von lateinamerikanischen Frauen für Lateinamerikanerinnen gegründet, mit dem Ziel, die Gemeinschaft zu organisieren, ihr zu helfen und sie zu begleiten. Unter den Social-Media-Gruppen gibt es private Facebook-Gruppen, bei denen man einen strengen Fragebogen ausfüllen muss, um Mitglied zu sein. Dies geschieht, um die Sicherheit und Identität der Frauen, die diese Gruppen bilden, zu schützen. Dort werden nicht nur grundlegende Informationen geteilt, zum Beispiel, wie man eine*n spanischsprechenden Ärzt*in findet. Die Gruppen sind auch zu Räumen geworden, wo Frauen Fälle von Gewalt melden und ihre eigenen Erfahrungen teilen. Es wird nach Hilfe oder Informationen gesucht, wie man eine Anzeige erstattet, es werden Kontakte von Anwälti*nnen, Übersetzer*innen und sogar Frauenhäusern gesucht. Die Antworten kommen von den migrantischen Frauen selbst, die in vielen Fällen auch Gewalt erlebt haben. Diese Netzwerke bieten nicht nur emotionale Unterstützung.

In vielen Fällen sind sie die einzige Verbindung zu staatlicher Hilfe, besonders in Ländern, wo eine andere Sprache dominiert oder die Bürokratie schwer zu verstehen ist. Einige der Frauen, die heute diese Netzwerke leiten, brauchten selbst Hilfe, als sie in das Aufnahmeland kamen. Edith Espínola ist eine 46-jährige Paraguayerin, die vor etwa 16 Jahren nach Spanien auswanderte. In Paraguay hatte Edith ein eigenes Haus, ein Auto, Freund*innen und eine stabile Arbeit als Assistentin in einem Unternehmen, das mit Büromaterial handelte. Für ihre Migration musste sie ihren Sohn zurücklassen und begann als Hausangestellte zu arbeiten, da sie anfangs keine Alternative hatte. Die universitäre Ausbildung aus ihrem Land wurde in Spanien nicht anerkannt. Bis heute überrascht sie das. „Weil es diesen Rassismus gibt. Als ob Menschen, die in anderen Ländern studieren, nicht das gleiche Wissensniveau hätten”, sagt sie.

Prekarisierung bis in den Kleiderschrank


Die ersten vier Jahre im Land hatte sie keine Aufenthaltserlaubnis und verdiente unter dem Mindestlohn. Anfangs arbeitete sie für eine junge Familie, die freundlich zu sein schien, mit einem wenige Monate alten Baby und einem weiteren auf dem Weg. Ihr Vertrag war mündlich, es gab kein offizielles Dokument, das Arbeitszeiten oder Aufgaben festlegte. Ihre Arbeitsbelastung nahm zu, da sie Aufgaben übernahm, die sonst die Eltern tun würden. Sie hatte auch nicht viele freie Tage. Später arbeitete sie in einem großen Haus als Hausangestellte und lebte gleichzeitig dort. Sie schlief im Keller wie auch viele andere Hausangestellte. Sie hatte keinen eigenen Raum oder einen ihren Bedürfnissen angepassten Platz. Ihr Kleiderschrank war nicht nur klein, sondern sie teilte ihn auch mit der Sportkleidung der Familie.
Edith konnte eine formelle Aufenthaltserlaubnis erhalten, nachdem sie mehrere Jobs und die erforderliche Zeit angesammelt hatte. Nach Angaben von Intermón Oxfam arbeiten mindestens 38.143 Frauen in Spanien als Hausangestellte, und 69 % von ihnen haben eine ausländische oder eine doppelte Nationalität.

Die Arbeit als Hausangestellte versetzt Frauen oft in eine Situation der Verletzlichkeit. Hinter verschlossenen Türen gibt es keine Arbeitskontrollen, keinen Vertrag, keine Sozialversicherung oder Privatsphäre. Es gibt auch keine Zeug*innen. Dies führt dazu, dass psychologische, physische oder sexuelle Gewalt straffrei bleibt. „Es gibt Kolleginnen, die sich nachts mit Schloss in ihren Zimmern einsperren, weil ein Arbeitgeber sie sexuell belästigt. Aber da sie gerade versuchen, ihre Papiere zu bekommen, ertragen sie es, weil er ihnen versprochen hat, dass er dabei hilft”, sagt Edith. Trotz dieser Risiken entscheiden sich viele Frauen dafür, als Hausangestellte zu arbeiten, wenn sie keine sichereren Alternativen sehen. Heute arbeitet Edith als Direktorin des Zentrums zur Stärkung von Hausangestellten und Pflegekräften (CETHYC) und ist Sprecherin der Organisation Servicio Doméstico Activo (SEDOAC). In diesen Räumen helfen und begleiten sie migrantische Frauen, Lateinamerikanerinnen und Hausangestellte. Viele von ihnen haben kein Unterstützungsnetzwerk oder keine spanische Staatsbürgerschaft. Andere haben keinen Arbeitsvertrag, keine Arbeits­kolleg*innen und kennen die Stadt kaum. Organisationen wie CETHYC oder SEDOAC schaffen Räume, um Erfahrungen zu teilen und Fragen zu beantworten. Es wird psychologische und juristische Hilfe gewährt, Vorträge, Mobilisierungen und Workshops zu Arbeitsrechten und Ausländerrecht organisiert.

Die Gewalt, die sie und Nadia erlebt haben, ist kein Einzelfall. Zwischen 2022 und 2023 stieg die häusliche Gewalt laut Human Rights Watch in Deutschland um 6,5 Prozent. In Frankreich stieg sie laut dem Jahresbericht des Statistischen Ministerialdienstes für Innere Sicherheit (SSMSI) um 10 Prozent. In Spanien zeigen Daten der Statistik zu häuslicher Gewalt und Geschlechtergewalt (EVDVG) eine Zunahme um 12 Prozent. Die Dunkelziffer bei Übergriffen ist insbesondere bei migrantischen Betroffenen hoch: Viele Frauen wollen sich den Behörden nicht durch eine Anzeige sichtbar machen, aus Angst vor Abschiebung und fehlendem echten Schutz.

Gemeinsam kämpfen gegen Partnergewalt Lateinamerikanische Frauen stärken sich den Rücken (Druck von Anthea)

Europäische Statistiken und Gesetze völlig unzulänglich


Europäische Statistiken sind außerdem unvollständig, weil die Definition von geschlechtsspezifischer Gewalt nicht einheitlich ist. Dadurch, dass nicht zwischen häuslicher Gewalt und geschlechtsspezifischer Gewalt unterschieden wird, werden die Machtungleichgewichte, die speziell Frauen und Mädchen betreffen, unsichtbar gemacht. Die fehlende Definition und unzulängliche demografische Daten über Opfer und Täter machen geschlechtsspezifische Gewalt zu einem Phänomen, das schwer zu messen ist. Dies erschwert die Entwicklung echter öffentlicher Richtlinien und Präventionsprogramme, die diejenigen erreichen könnten, die sie am meisten brauchen.
Im Bereich der Migration verfehlen Länder wie Spanien, Belgien und Großbritannien die Anwendung des Istanbuler Protokolls, was Betroffene von Gewalt ohne Aufenthaltserlaubnis der Abschiebung aussetzt, wenn sie es wagen, Anzeige zu erstatten. Andererseits zeigen Deutschland und Frankreich fragmentierte Protokolle und Sprachbarrieren, die den Zugang zu Justiz blockieren.

Für Nadia waren die Unterstützungsnetzwerke, die sie auf ihrem Weg fand, der ausschlaggebende Faktor, der ihr dabei half zu erkennen, dass das, was sie erlebte, psychologische Gewalt war. Diese Gruppen ermutigten sie, Anzeige zu erstatten, als die Gewalt sich auf physische Gewalt ausweitete, und trugen dazu bei, dass sie aus der Situation ausbrechen konnte. In vielen Fällen sind die Frauen, die solche Räume ins Leben rufen und zentrale Rollen darin einnehmen, jene, die selbst Gewaltsituationen erlebt haben, wie es das Beispiel von Edith zeigt. Ihre Geschichten verdeutlichen, dass derartige Netzwerke oft eine wichtige Rolle für die Integration und vor allem für den Schutz der migrantischen Gemeinschaften spielen – auch, wenn es natürlich nicht ihr ursprüngliches Ziel war, die Versäumnisse staatlicher Institutionen auszugleichen. Sie zeigen auch: Unabhängig von den finanziellen Mitteln, dem Alter, der Sprache oder dem Land, entscheiden sich Migrantinnen dafür, sich gegenseitig zu unterstützen.


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„Ich singe nicht bloß, um zu singen“

Foto: Anastasia Coyto @anastasiacoytophoto

„Wir erleben Musik durch den Körper, in Begegnung mit anderen Körpern, und das hat eine ungeheure Kraft: die Kraft zu spüren, dass wir, die singen, und jene, die zuhören, unbesiegbar sind“, sagt Carolina Riaño an einem Donnerstag im Februar mit einem heiteren, einem unbesiegbaren Lächeln, im Interview. „Außerdem“, fügt sie hinzu, „hört das Publikum nicht nur zu, sondern wird auf gewisse Weise selbst Teil der musikalischen Erfahrung“. Zwei Tage später verstehe ich besser, was sie damit meint.

Der Club Lark in Berlin-Mitte ist am Abend des übernächsten Tages bis zum Rand mit Menschen voll. Ein dichtes Gewebe aus Gesprächen liegt über dem Raum, ein stetiges Murmeln. Doch von dem laut durcheinandersprechenden Stimmenmeer hebt sich etwas ab: Lärm verwandelt sich in Musik, der Chor erhebt sich und beginnt zu singen und tanzen. Die Stimmen von dreißig Frauen werden gemeinsam zu einer und durchdringen das Publikum mit den vollen Klängen ihres Gesangs. Der Raum füllt sich mit einer anderen Sprache, die zwar auch Wörter nutzt, aber doch auf einer anderen Ebene wirkt und Gemeinsamkeit schafft. Die Sängerinnen und Zuhörenden werden zu einer Einheit, getragen vom Rhythmus der Perkussionsinstrumente und der mal sanften und ruhigen, mal intensiven Klangfarben von Canto Diáspora. „Yo no sé si fue el destino, lo que me trajo hasta aquí; habitando mis mundos, resguardando la raíz (dt.: Ich weiß nicht, ob es das Schicksal war, das mich hierhergeführt hat, zwischen meinen beiden Welten lebend, die Wurzel behütend)“, singen die Frauen. Für ungefähr eine Stunde fühlen wir uns alle voller Freude und unbesiegbar, so, wie Carolina es einige Tage zuvor schilderte.

Ein Chor als Gemeinschaft, die trägt


Canto Diáspora wurde 2022 als Frauenchor in Berlin unter der Leitung der in Berlin lebenden kolumbianischen Musikerin, Komponistin und Sängerin Carolina Riaño gegründet. Was zunächst als Workshop begann, als Projekt für Frauen ohne musikalische Vorkenntnisse, wuchs mit der Zeit über sich hinaus und wurde zu einem migrantischen Empowerment-Projekt mit eigener Stimme. „Der Gedanke war zunächst, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen es wagen, ihre Stimme zu erheben. Denn singen heißt, die Stimme zu erheben und auszudrücken, was uns bewegt“, so Riaño. Nach den ersten Auftritten bemerkten sie jedoch, wie tief, intensiv und partizipativ die Verbindung zum Publikum war. Ihre Darbietungen waren nie als bloße unterhaltende Performance gedacht. Auf der Bühne weitet sich die Verbindung, die der Chor untereinander lebt, auf die Zuhörenden aus: als Frauen, als Migrantinnen, als Gemeinschaft.

Auch für die Sängerinnen geht das Singen weit über das Bühnengeschehen hinaus. „Canto Diáspora ist eine Oase, ein Ort der Freude und der Heiterkeit, an dem Schwesternsolidarität, Freiheit und Genuss gelebt werden“, sagt Ana María, Philosophin und Mitglied des Ensembles. „Es ist ein Raum der fürsorglichen Praktiken im kollektiven Arbeiten, für Kollegialität und Respekt in einem schönen und vielfältigen Netz von Frauen unterschiedlicher Herkunft, Lebensgeschichten und Altersgruppen“, ergänzt Betina, Musikpädagogin und Chormitglied. Im Projekt kreuzen sich Migrationsgeschichten. Die Mtiglieder treffen sich nicht nur zum Proben, sondern finden hier auch einen Ort des Austauschs und der kollektiven Katharsis.

Druck von Anna @anna-scine inspiriert von Tupoka Ogettes Exit Racism

Lieder aus dem Alltag


Das Kollektive zeigt sich nicht nur in den Auftritten, sondern auch in der Liedauswahl selbst. Die Interpretationen von Canto Diáspora – in Text wie Musik – basieren auf populären Versen der lateinamerikanischen mündlichen Tradition, auf sogenannten músicas de labor (dt.: Lieder des Alltagswerks), traditioneller Musik, die mit den alltäglichen Verrichtungen verbunden ist: Die Frauen singen Lieder, die in der Küche, auf dem Feld, in den elementarsten Tätigkeiten entstanden sind. Und gerade dort offenbart sich Entscheidendes: Das Repertoire ist eng mit jenen alltäglichen Aufgaben verbunden, die unser aller Lebensgrundlage darstellen. Die Werke kommen aus sozialen, historischen und kulturellen Kontexten, in denen Musik nicht als Darbietung von Expert*innen oder Konsumgut für ein elitäres Publikum verstanden wird. Die traditionellen Lieder sprechen vom Alltag, vom Leben, sie sind Teil gelebter Gemeinschaft. Das Gemeinschaftliche ist ihnen eingeschrieben.

Das spürt auch das Publikum bei den Konzerten des Chors. Es wird vom Herzschlag der Perkussion ergriffen, von dieser unerwarteten Einladung, Teil von etwas zu werden. Der Rhythmus trägt selbst jene Körper, die es nicht gewohnt sind, sich viel zu Musik zu bewegen. Alle fühlen die Musik bis in die Knochen und tanzen wie verrückt. Für ein paar Stunden drücken wir uns nur mit unseren Körpern aus, begegnen uns und verstehen uns auf einer Sprache, die alle sprechen. „Zu Canto Diáspora zu gehören heißt, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Teil eines Netzes der Unterstützung, in dem ich mich begleitet und gehalten fühle“, sagt Bea. Für die Zeit des Konzerts sind auch die Zuhörenden Teil dieser Gemeinschaft.
Die dreißig Frauen von Canto Diáspora erzählen mit ihrem Gesang poetische, manchmal harte, aber doch immer wahre Geschichten vom wirklichen Leben: “Brisa que lleva el viento, agua que no se deja coger. Riega todos los campos, y en mi casa no hay qué comer (dt.: Brise, die der Wind verweht, Wasser, das man nicht fassen kann. Es tränkt alle Felder, doch bei mir zu Hause gibt es nichts zu essen). Ein besonders prägender Aspekt der Auftritte von Canto Diáspora ist ihre Verbindung zum Politischen und zu feministischen Perspektiven. Für die Chorleiterin wie für die Chor-Sängerinnen ist dies von zentraler Bedeutung; es prägt ihre künstlerische Persönlichkeit ebenso wie ihr gesellschaftliches Engagement.

„Gemeinsam zu singen ist politisch“, sagt Ana María, „weil es uns daran erinnert, dass wir nicht allein sind. Die Kraft unserer Stimmen spiegelt die immense Macht wider, die entsteht, wenn wir uns vereinen. Wenn Canto Diáspora singt, hört man keinen Chor, man hört ein Kollektiv, das aus der Freude heraus Widerstand leistet: gegen kulturelle Homogenisierung, gegen soziale Fragmentierung“. Für viele migrantische Frauen in Deutschland ist das ein täglicher Kampf: gegen Stereotype, gegen das beharrliche Einordnen in dienende Rollen. Singen ist für sie ein politischer Akt, weil es bedeutet, einen Platz in der gesellschaftlichen Vorstellungskraft einzunehmen, der Frauen, und insbesondere migrantischen Frauen, lange verwehrt wurde. „Beim Singen werden wir von exotisierten Musen und Kunstkonsumentinnen zu Schöpferinnen. Wir beanspruchen unsere Stimme und gemeinschaftliche künstlerische Praktiken zurück“, sagt Rocío, Sozialpädagogin und Mitglied des Ensembles, mit Nachdruck.

Druck von Selin Belen @selinsubelen


„Die eigene Stimme erheben“


In einem der ausgewählten Lieder heißt es passend dazu: „Yo no canto por cantar, ni por tener buena voz. Canto porque no estoy sola, y así se siente mejor“ (dt.: Ich singe nicht, um bloß zu singen, nicht, weil ich eine schöne Stimme habe. Ich singe, weil ich nicht allein bin, und gemeinsam fühlt es sich besser an). Diese Haltung spiegelt sich auch in der Wahl ihrer Auftrittsorte wider.

Für die Chorleiterin ist es gleich bedeutsam, auf einer offiziellen Bühne zu stehen, in einem alternativen Kulturzentrum zu singen oder bei der Demo am 8. März, dem Internationalen Frauentag. Gerade auf politischen Veranstaltungen und Kundgebungen ist die Verbindung zum Gemeinschaftlichen unmittelbar. „Traditionelle Musik, und die Musik, die wir machen, lässt sich nicht von gesellschaftlichen Ereignissen trennen“, sagt Riaño. Ihre Musik drückt genau diese unauslöschliche Verbindung aus. Deshalb ist sie eine engagierte Kunst, eine Kunst des Widerstands von migrantischen Frauen, gegen den Strich dessen, was die deutsche Gesellschaft ihnen zuschreibt. Trotz aller strukturellen Ungerechtigkeiten, die sie als Frauen täglich am eigenen Leib spüren, wollen die Mitglieder ihren tiefen Wunsch zu lachen, zu singen und so alternative gemeinschaftliche Räume zu schaffen, nicht aufgeben.

Für Bea, Pädagogin und Chormitglied, speist sich das Politische aus ihrer eigenen Migrationserfahrung. Eine Familie außerhalb ihres Herkunftslandes zu gründen und Migrantin zu sein, hat sie für Themen sensibilisiert, die ihrer Meinung nach verteidigt und sichtbar gemacht werden müssen: den Aufstieg rechter Bewegungen und die direkten Angriffe auf FLINTA* (Akronym für Frauen, Lesben, inter* Personen, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender Personen). Sie ist stolz, in einem Raum zu singen, der eine politische Dimension hat, in dem Geschlechterfragen und Rassismus thematisiert werden. „Für mich“, sagt Bea, „ist das Singen in solchen Momenten eine Art, politisch Position zu beziehen.“ Canto Diáspora ist eine Einladung, zu entdecken, beziehungsweise nicht zu vergessen, dass Migration eine eigene Stimme hat, dass politischer Gesang ein Genuss sein kann, dass Freude revolutionär ist, und dass wir gemeinsam unbesiegbar sind.


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Politischer Druck statt Leistungsdruck

Druck “Wir sind viele” von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor

Die Frauen kommen nach und nach an und setzen sich an lange Tische, die so aufgebaut sind, dass sich immer mehrere Personen gegenübersitzen oder nebeneinander Platz nehmen können. Frauen, die sich bereits kennen, begrüßen einander, andere werden willkommen geheißen und kommen heute zum ersten Mal ins Gespräch. Während sich alle nach und nach einrichten, werden die Materialien verteilt. Einige beginnen ein Projekt von Grund auf neu, andere bringen bereits eine Idee mit und fangen an zu zeichnen, wieder andere beenden Arbeiten aus früheren Sitzungen. Es gibt keine festen Zeiten oder Regeln: Jede entscheidet selbst, wann sie beginnt, wann sie aufhört und in welchem Rhythmus sie zwischen Arbeit und Gesprächen wechselt.

„Herzlich Willkommen zu der offenen Werkstatt Frauen Machen Druck.“ Die Gründerin der Gruppe, Yili Rojas, eröffnet den Raum, nachdem sich alle eingerichtet haben. In einer Namensrunde stellen sich alle mit ihren Pronomen und den Sprachen, die sie sprechen, vor. „Sodass ihr wisst, mit wem ihr euch auf welcher Sprache unterhalten und wen ihr etwas fragen könnt“, erklärt Rojas.
Viele der Anwesenden sitzen heute zum ersten Mal vor einer Linolplatte. Doch es gibt keinen streng angeleiteten Workshop, nur eine allgemeine Einführung und später Hinweise, je nachdem, was die jeweils verantwortliche Person an diesem Tag in den Arbeiten beobachtet. Perfektion wird nicht erwartet. Fast alles wird sich angeeignet, indem man andere fragt, zuschaut und voneinander lernt. So entsteht nach und nach eine Gemeinschaft von Frauen, die sich wöchentlich zum Drucken treffen – und zugleich ein Raum, der die Möglichkeit bietet, sich anderen Lebensgeschichten anzunähern und sich als migrantische Frauen zu positionieren, die Druck machen: nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch.

„Ein Raum, wie ich ihn mir gewünscht hätte“


Yili Rojas, bildende Künstlerin und Wissensvermittlerin, die sich aufgrund ihrer Lebens- und Migrationsgeschichte keinem spezifischen Land zuordnet, sondern sich als „lateinamerikanisch“ versteht, rief die offene Werkstatt Frauen machen Druck 2021 ins Leben. Heute ist Frauen Machen Druck ein Netzwerk von etwa 190 Frauen, die meisten von ihnen Migrantinnen. Die Teilnahme ist kostenlos und offen für alle, die sich mit der Identität „Frauen“ in einem weiten Sinn identifizieren. Die Frauen im Raum sprechen unterschiedliche Sprachen, kommen aus verschiedenen sozioökonomischen Kontexten und gehören unterschiedlichen Altersgruppen an, etwas das Rojas besonders wichtig ist, wie sie im Interview bekräftigt. Über die Jahre ist eine diverse Gruppe entstanden, die Frauen über Kunst, Gemeinschaft und einen Raum zusammenbringt, um das auszudrücken, was sie persönlich und politisch bewegt. Yili Rojas selbst lebt seit 15 Jahren in Berlin. Ein Teil der Inspiration für Frauen Machen Druck entstand aus ihrer eigenen Migrationserfahrung: „Wie hätte der Raum ausgesehen, den ich mir gewünscht habe, als ich migriert bin – und den ich damals nicht gefunden habe?“, fragte sie sich und ergänzt: „Ich habe migrantische Räume erlebt, die manchmal sehr feindlich waren.“

In den Sitzungen sind Solidarität und Ruhe deutlich spürbar. Es ist, als wäre man allein und gleichzeitig begleitet: Jede kann konzentriert und in Ruhe an ihrem Projekt arbeiten und ist zugleich Teil einer Gemeinschaft, die politisch handelt. Es gibt keine Hierarchien, keinen Leistungsdruck und keine Konkurrenz – nur einen schönen Raum, um gemeinsam zu sein.
Im Gespräch erklärt die Gründerin, dass der Druck auch als Anlass dient, um Mobilisierung zu organisieren und soziale sowie politische Themen aufzugreifen. Der Raum verknüpft weitere Initiativen wie Soli-Events, Druckaktionen und andere Projekte mit kritischem Fokus und politischem Anspruch. Aus Frauen Machen Druck als Basisplattform sind mehrere Aktivitäten hervorgegangen: das Projekt Frauen portraitieren Frauen, bei dem Drucke von palästin­ensischen Frauen entstanden, das Buch Die Goldene Eiche mit sechzehn inspirierenden Geschichten, geschrieben von Migrantinnen und von ihnen selbst mit der Linolschnitt-Technik illustriert, verschiedene Fundraising-Aktionen, Einladungen internationaler Künstlerinnen so wie mehrere Reisen nach Ägypten, Frankreich, Belgien, Brasilien und Mexiko. Zudem gibt es Raum für politische Bildung, etwa durch Formate, in denen Rassismus und andere kulturelle Probleme thematisiert werden, wie beim jährlichen Antirassismus-Workshop für weiße Frauen.

Für Rojas und andere Frauen, die schon lange Teil dieses Raums sind, ist es wichtig darauf zu achten, dass Frauen Machen Druck sich nicht schleichend in einen akademischen oder gentrifizierten Raum verwandelt, der Frauen mit wenig Ressourcen, familiären Belastungen oder geringeren Privilegien ausschließt. Deshalb liegt ein besonderer Fokus darauf, diese Vielfalt zu bewahren und den Raum als sicheren Ort zu erhalten. Hier kann Deutsch gesprochen werden, ohne Angst vor Fehlern. Mutterschaft kann gelebt werden, indem Kinder beim künstlerischen Arbeiten dabei sind. Vor allem aber bleibt dieser Raum eines: menschlich.

Flinke Finger Verzieren die Linolplatten mit Gravuren und unterstützen sich gegenseitig; Frauen machen Druck

Keine Hierarchien, kein Leistungsdruck und keine Konkurrenz


Sandra aus Argentinien lernte Frauen Machen Druck 2024 kennen und besucht ihn seitdem regelmäßig. Ihre ursprüngliche Motivation war es, neben der Mutterschaft einen eigenen Raum für sich zu finden. Nach und nach legte sie Unsicherheiten ab, denn lange dachte sie, sie könne nicht zeichnen. Hier fand sie „einen Raum, der der Unvollkommenheit viel Platz gibt“. Das liegt unter anderem an dem Gemeinschaftsgefühl: Bei so vielen Frauen bringt jede Wissen mit, das für andere hilfreich sein kann. „Heute ist das mein Ort der Zugehörigkeit, und das macht den Migrationsprozess leichter und erträglicher.“

Catarina aus Portugal besucht Frauen Machen Druck seit zweieinhalb Jahren und sagt, sie habe immer das Gefühl, willkommen zu sein und auf herzliche Menschen zu treffen: „Hier finde ich diese besondere Sensibilität, die unter Frauen entstehen kann, die ähnliche Probleme und Lebensthemen teilen.“
Frauen Machen Druck ist ein offener und pluraler Raum. Einer von jenen Orten, zu denen man immer wieder zurückkehren möchte, weil er im herausfordernden Alltag eine Pause und neue Energie bietet. Es ist ein sicherer Raum, in dem Kunst und politische Mobilisierung auf organische Weise zusammenfinden – und eine Gemeinschaft von Frauen entsteht, die stärkt, motiviert und trägt.

Flinke Finger Verzieren die Linolplatten mit Gravuren und unterstützen sich gegenseitig; Frauen machen Druck

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Podcast

 

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Folge #14: Tourismus in Kuba: Wie verändert er die Gesellschaft?

Jedes Jahr reisen Millionen Menschen aus aller Welt nach Kuba. Sie bringen dringend benötigte Devisen ins Land – eine zentrale Einkommensquelle für die rund 10 Millionen Kubaner*innen und den Staat der Karibikinsel. Aber was bedeutet diese massive touristische Präsenz für die kubanische Bevölkerung? Wer profitiert und wer bleibt auf der Strecke? Um diese Fragen besser zu verstehen, haben wir mit dem Politikwissenschaftler Bert Hoffmann, den Journalist*innen Cynthia de la Cantera Toranzo und Marcel Kunzmann Toranzo sowie der Studentin Dayma Noa gesprochen. Viel Spaß mit der neuen Folge von „Ohren auf Lateinamerika“!

 

Folge #13: Warum hat es die Linke in Panama so schwer?

Viele Menschen verbinden Panama hauptsächlich mit dem Panama-Kanal, wie sich derzeit auch wieder an den Äußerungen von Donald Trump zeigt. Das Land ist politisch jedoch sehr interessant und lohnt eine nähere Beschäftigung. Wir ergründen, warum progressive Kräfte es dort so schwer haben. Dabei stellen wir fest, dass die Probleme der politischen Linken in Panama möglicherweise nur eine besonders extreme Kombination von Problemen sind, die die Linke überall in Lateinamerika, ja weltweit, plagen.

 

Folge #12: Ecuador: Militarisierung als Antwort auf die Gewalt?

In dieser Folge schauen wir uns den Anstieg der Gewalt in Ecuador und die Situation der betroffenen Bevölkerung genauer an. Um die Ursachen besser zu verstehen, haben wir mit Juana Francis gesprochen, eine afro-ecuadorianische Menschenrechtsaktivistin aus der Küstenprovinz Esmeraldas. Mit ihr und der Politikwissenschaftlerin Isabel Díaz haben wir uns auch darüber unterhalten, was dem Land aus der Krise helfen könnte.

 

 

Folge #11: Widerstand unter den Palmen: Guatemalas Palmölindustrie unter der Lupe

Palmöl steckt in etwa der Hälfte aller Produkte, die wir in deutschen Supermärkten finden. Ein Großteil dieses Palmöls stammt aus Guatemala – 2023 importierten deutsche Unternehmen von dort mehr Palmöl als aus jedem anderen Land. Die Produkte tragen häufig ein Siegel, das die nachhaltige Produktion des Palmöls kennzeichnet. Doch wie nachhaltig ist das Palmöl aus Guatemala wirklich? Wir folgen der Spur des bekanntesten Nachhaltigkeitssiegels des Runden Tisch für Nachhaltiges Palmöl (RSPO). Dafür sprechen wir mit Lourdes Gomez, Aktivistin des Volkes Maya Kekchí aus Guatemala und mit Dominik Groß, Referent bei der Menschenrechtsorganisation Romero Initiative aus Münster.

 

 

 

Folge #10: Kolumbien, Chile und Europa: Mit grünem Wasserstoff gegen Klimawandel?

Grüner Wasserstoff soll der Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel sein. Die Europäische Union und Deutschland investieren derzeit weltweit Millionen von Euro in die Entwicklung von diesem Energieträger, auch innerhalb Lateinamerikas.

Kolumbien und Chile arbeiten bereits an konkreten Projekten, um bald massiv produzieren zu können. Damit sollen einerseits die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika gestärkt und andererseits mit grüner Energie ein Beitrag zu Klimaneutralität geleistet werden.

Doch bedeutet “grün” auch gleichzeitig “gerecht”? Und wie “grün” sind die Projekte wirklich? Darüber sprechen wir mit zwei Expertinnen: Sophia Boddenberg ist freie Journalistin, lebt seit 2014 in Chile, arbeitet zu Umweltthemen, Rohstoffabbau und Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden. Kristina Dietz ist Professorin der Uni Kassel für Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Lateinamerika, Teil einer Forschungsgruppe zu Landkonflikten in Lateinamerika und Subsahara-Afrika.

 

 

Folge #9: Kohleabbau in Kolumbien: Welche Verantwortung trägt Deutschland?

 

 

#9: En español: Explotación de carbón en Colombia: Qué responsabilidad tiene Alemania?

 

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Folge #8: Gefängnisse in Ecuador: Gewalt wird zum Alltag

 

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Folge #7: Honduras – Zwischen Hoffnung und Korruption

 

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Folge #6: Der negierte Krieg in Kolumbien – Die Geschichte von Stella Castañeda

 

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Folge #5

 

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Folge #4

 

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Folge #3

 

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Folge #2

 

 

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Folge #1

 

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Wir starten unsere LN-Abokampagne!

Seit über 50 Jahren setzen wir unsere Energie dafür ein, unterrepräsentierte Narrative und Perspektiven aus Lateinamerika im deutschsprachigen Raum sichtbar zu machen – Perspektiven, die für die großen Medien oft unbequem sind oder hintenrunter fallen. Seit 1973 berichten wir über die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge zwischen Deutschland, EU und Lateinamerika, die Auswirkungen neoliberaler und extraktivistischer Entwicklungsmodelle auf die Menschen in Lateinamerika, ebenso wie die Kämpfe sozialer Bewegungen, Indigener Gemeinden, feministischer und queerer Organisationen, von denen wir oft viel lernen können, und viel mehr. 

Auf Grundlage dieser jahrzehntelangen Arbeit haben wir ein Netzwerk mit Hunderten unabhängigen (oft ehrenamtlichen) Journalist*innen aufgebaut, das Brücken zwischen Lateinamerika und Europa schlägt – für internationale Solidarität und den Austausch von Erfahrungen zwischen unseren Regionen. Diese Perspektiven wollen wir auch weiterhin und am liebsten immer mehr in Medien repräsentiert sehen, um die der einseitigen und katastrophistischen Erzählung über „den Globalen Süden“ etwas entgegensetzen. Deshalb wollen wir weiter wachsen und dich mitnehmen auf diesem Weg.

Journalismus scheint überall in der Krise zu stecken und wir geben zu – auch für uns sind es keine leichten Zeiten. Steigende Kosten betreffen auch die LN: Wir steuern auf ein Minus Ende des Jahres zu. Dabei ist unsere Arbeit wichtiger denn je: Gegen rechte Regierungen, autoritäre Angriffe auf Medien und einseitige Berichterstattung braucht es unabhängige Stimmen, die andere Geschichten erzählen.

Wir sind davon überzeugt, dass unabhängiger, unbequemer Journalismus wichtiger den je ist. Überall dort, wo autoritäre Regime an die Macht kommen, greifen sie in erster Linie unabhängige Medien an. Denn diese stören: Sie recherchieren, prangern an, decken Korruption und Menschenrechtsverletzungen auf. Um gut informiert und vernetzt zu beleiben, und als Individuen und Bewegungen voneinander lernen zu können, brauchen wir Zugang zu jenen anderen Geschichten: Geschichten wie die über eine Gruppe, die im ländlichen Peru ein antikoloniales Kulturzentrum aufbaut, Perspektiven von Feminist*innen wie Yuderkys Espinosa oder Rita Segato, Reportagen über Indigene Revolutionen wie die der Guna in Panama, erfolgreiche Kämpfe gegen Umweltzerstörung wie im Yasuní und gegen rechte Regierungen wie 2021 in Kolumbien oder über die kulturelle Vielfalt in Literatur, Musik und Film, die wir durch Rezensionen und Interviews begleiten.

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Lyrik aus Lateinamerika

Illustration: Victoria Rodriguez

Cuando saluda la muerte

Cuando saluda la muerte
Dedicado a quienes mueren, defendiendo los Derechos de la Madre Tierra

Arraigada la lucha, como palpitar comunitario…
la muerte viene, se lleva a varios
quedamos fríos, sorprendidos.
Pero no en silencio.
No sumisos.

La muerte viene, bate las alas…
¡Es un ángel!
Pensemos bonito, despidamos el cuerpo
porque el tejido de vida sigue
se queda…
¡perdura!

Se vuelve agua, lluvia
colores, armonía.

No alcanza a llevarse la muerte… La voz.
ella retumba en las calles: delante de quien marcha
Atrás, a los lados va
¡Canta!

Nunca podrá morir, quien nos deja el corazón…
Queda la palabra recorrida
el amor por la vida
un sol

Wenn der Tod grüßt
Denen gewidmet, die im Kampf für die Rechte von Mutter Erde sterben

Verwurzelt der Kampf, wie ein gemeinsamer Herzschlag…
der Tod kommt, nimmt viele mit
und lässt uns zurück, kalt, überrascht.
Doch nicht stumm.
Nicht unterwürfig.

Der Tod kommt, schlägt mit den Flügeln…
Es ist ein Engel!
Lasst uns in Schönheit denken, den Körper verabschieden
Denn das Gewebe des Lebens besteht fort
es bleibt…
Es währt!

Wird zu Wasser, zu Regen,
zu Farben, Harmonie

Eines vermag der Tod nicht mitzunehmen… Die Stimme.
sie hallt durch die Straßen: vor denen, die demonstrieren
Dahinter, an den Seiten
Sie singt!

Es kann niemals sterben, wer uns das Herz hinterlässt…
Es bleibt das weitergetragene Wort
die Liebe zum Leben
eine Sonne


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// Sichtbarkeit zu welchem Preis?

Dieses Jahr war im Pride-Month eine Veränderung spürbar: Im Gegensatz zu Vorjahren verzichteten viele Marken offen auf Pride-Kampagnen. Dass Großunternehmen wie Google, Meta oder McDonalds ihre Diversitätsprogramme und -gelder streichen, nachdem die Trump-Regierung allen DEI-Strukturen (Diversity, Equity and Inclusion) den Kampf angesagt hat, ist nicht verwunderlich. Doch auch die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat entschieden, die Regenbogenflagge auf dem Reichstagsgebäude künftig nicht mehr zum Berliner CSD zu hissen. Brandgefährlich im Kontext der Offenheit, mit der rechtes Gedankengut wieder ausgelebt wird.

Kampagnen um die Latinidad fangen dagegen gerade erst an. „Latine“ zu sein ist inzwischen nicht mehr nur mit einem negativen Stigma von „Unterentwicklung“ verbunden, sondern wird romantisiert – als exotisch, begehrenswert. Eine Marketing-Rhetorik, die westlichen Marken erlaubt, sich mit einem Anstrich von Inklusion zu schmücken. Dies geschieht zum Beispiel immer wieder, wenn sich der globale Fokus kurzzeitig auf den Amazonas richtet. Marken wie Zara, Anthropologie und Patowl nutzen die mediale Aufmerksamkeit, um traditionelle amazonische Muster zu verwenden – ohne Zustimmung oder Entlohnung von Indigenen Gemeinschaften. Sie eignen sich einmal mehr das „Exotische“ an.

Dieses Jahr ist klar geworden: Wenn sich Symbole der queeren Bewegung nicht mehr gut vermarkten lassen, ziehen sich die Unternehmen zurück – und mit der Latinidad wird es nicht anders sein. Sobald sie nicht mehr als exotisch und schön gilt, wird sie fallen gelassen wie all die anderen Bewegungen, die dem Markt nicht mehr nützen. Während die Rechte der LGBTQ+-Community zurückgedrängt werden und konservative Diskurse weltweit an Stärke gewinnen, schweigen die Unternehmen.

Bisher schienen marginalisierte Gruppen in ihren Kämpfen voranzukommen, weil sie plötzlich auf allen Bildschirmen und in der Werbung auftauchten – aber diese Form der Sichtbarkeit ist nicht mit echter Inklusion oder Unterstützung gleichzusetzen. Sie führt lediglich dazu, dass komplexe Identitäten ihren politischen Kern verlieren. Das Oberflächliche wird gefeiert, das Unbequeme verschwiegen.
Ein wesentlicher Teil der Kämpfe besteht nämlich im anstrengenden Beharren auf existenzielle Rechte, wenn diese zum Beispiel von Regierungen nicht geschützt werden. So müssen sich Indigene Gemeinschaften weiterhin gegen Extraktivismus im peruanischen Regenwald wehren, weil es sonst niemand tut (siehe Seite 28) und auf institutioneller Ebene werden in Peru Kämpfe gegen transfeindliche Politik lauter (siehe Seite 32). Auch in künstlerischen Formen lohnt sich die Auseinandersetzung mit komplexen Themen wie Femiziden, so dass die Menschen und Persönlichkeiten, um die es in diesen Kämpfen geht, in den Vordergrund der Debatten rücken (siehe Seite 50).

Eines darf aber nicht vergessen werden: Weder die queere noch die lateinamerikanische Erfahrung ist homogen. Ihre Kommerzialisierung löscht die Intersektionalität aus, die ihre Realität prägt. Hinter einer bunten Flagge oder einem Karol-G-Song – wie LATINA FOREVA, der als Versuch verstanden werden kann, die Identität der lateinamerikanischen Frau global zu repräsentieren – verbergen sich zutiefst unterschiedliche Geschichten, geprägt von Herkunft, Klasse, Rassifizierung, Geschlecht und Sprache. Doch welche Art von Latinidad wird da gefeiert? Wo bleiben die Afro-Latinidad, die Indigene Latinidad, das queere Landleben?
Diesen marginalisierten Kämpfen einen Sinn zurückzugeben, bedeutet, ihre Komplexität anzuerkennen. Es bedeutet auch, sich gegen ihre Ästhetisierung und performative Vermarktung zu stellen und beides entschieden abzulehnen.


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“Expulsaron a 300 policías”

Für die deutschsprachige Version hier klicken

Activistas en Los Angeles muestran fotos de sus familiares (Foto: Canek Hernández)

Las redadas ilegales de principios de junio en el Fashion District y Home Depot, así como las escenas de pobladores de Los Ángeles por centenas, haciendo retroceder policías y tanquetas, fueron para muchas personas sorprendentemente esperanzadoras. ¿En qué contexto sucedieron estas acciones?
[El movimiento] nos ha sorprendido a todos, pero no es nuevo. No es que la gente esté de la noche a la mañana saliendo a la calle. Hay una historia de autodefensa, de defensa de las mismas comunidades. De hecho, una de las organizaciones más potentes aquí en Los Ángeles es la Coalición Comunitaria de Autodefensa (Community Self Defence Coalition).
Hay capas, o diferentes dimensiones, en el movimiento: Por una parte están las organizaciones no gubernamentales, con una tarea de enlace y de cabildeo con el gobierno local o federal. Tenemos organizaciones civiles que hoy están jugando un papel muy importante con estrategias legales directas. Por ejemplo, la Coalición por los Derechos Humanos de los Inmigrantes (CHIRLA), que está abogando en términos formales y legales en diferentes casos por diferentes comunidades migrantes.
En otra capa están las organizaciones civiles que no necesariamente están registradas como organizaciones no gubernamentales. Por ejemplo, esta coalición que se formó, la Coalición Comunitaria de Autodefensa. En esta coalición están, por ejemplo, Homies Unidos, Unión del Barrio, juntos con aproximadamente 50 organizaciones de base de Los Ángeles. Son educadores, educadoras, que también han participado en el movimiento por el cese al fuego en Gaza. Este combo de organizaciones tienen una red de comunicación con las familias, con diferentes comunidades sobre todo en el este, sur y toda la periferia de Los Ángeles.

¿Cómo opera en campo esta articulación, por ejemplo, cuando se consigue impedir el secuestro de una persona migrante?
La coalición se formó tres meses antes del primer operativo [de deportación], entonces ya hay un antecedente. El primer día ocurrieron las redadas más grandes en el Fashion District, que son maquiladoras de ropa. En un principio se registraron alrededor de 60 federales, que rodearon varios edificios. Ahí había gente adentro que empieza a enviar mensajes de texto a familiares. Por ejemplo, un trabajador del pueblo zapoteca texteó a uno de sus familiares y esa persona, a una compañera, también zapoteca. Luego, estas personas se comunican con alguna de las organizaciones de la coalición, por ejemplo, con Homies Unidos con Unión del Barrio.
Eso no lo esperaban los federales: en un lapso más o menos de una hora ya había comunicación en primer lugar con familiares, amigos, vecinos y, en un segundo grado, con las organizaciones. Llegaron primero algunas como Unión del Barrio, pero también llegó gente del sindicato más importante de trabajadores quizá en todo California, y luego llegaron vecinos. Hay, más o menos, entre vecinos, activistas, defensores o incluso abogados o gente del sindicato, entre 300 y 500 personas que están como observadoras. Llevan megáfonos, están en la puerta, informando: “No den sus datos, tienen que permanecer en silencio, no pueden llevárselos de forma legal y formal sin una orden, no pueden entrar sin una orden de cateo”. Pero llegó un momento en el que no se respetó más ningún protocolo legal.
Entonces los vecinos se empezaron a colocar frente a las filas de coches de las seis agencias federales. No es una estrategia como las del sindicato, donde se sientan en filas de 5 a 8 personas, y las fuerzas federales los van retirando uno por uno, los llevan a detención y ya los está esperando ahí un abogado. No: esta fue resistencia civil espontánea. Los cerca de 300 elementos federales que iban con el objetivo de detener a alrededor de mil personas, fueron expulsados y obligados a irse con 43 detenciones. Estamos hablando de 43 familias que literalmente están destruidas por cinco, diez, quince años. Pero simultáneamente, si lo ves desde afuera, fracasaron. Es decir: 43 personas no es ni el 10 porciento de lo que ellos se habían propuesto, y de acuerdo con mi compañera Michelle, que estaba ahí, fueron los vecinos quienes “los corrieron”.

Parece que lo que describes es una victoria de la comunidad. Quizás parcial, pero sí muy importante ante las detenciones ¿Fue también significativa a nivel simbólico?
Sí, es muy importante. Yo no quiero hablar de modelos, pero creo que lo que se está replicando es llamar a los familiares, llamar a las organizaciones, ya sean no gubernamentales o civiles… Si se hace muy público, lo que pasa es que sí sale un combo de vecinos, de organizadores, de periodistas. Lo que se está diciendo en diferentes talleres que hemos participado es que tenemos que grabar todos. Esto es muy importante porque lo que estamos viendo en Gaza, respecto de cómo nos llega la información más importante, más cruel, más desgarradora, es a través de gente que tiene un celular. Por eso, la idea aquí es grabar, grabar, grabar.

¿Hay más elementos en la estrategia? ¿Se están replicando ya?
En cada lugar donde sucede un operativo, donde hay deportaciones, a la tarde ya están convocando formalmente rallies, manifestaciones, y después asambleas de las juntas de gobierno local.
Por ejemplo, hay un caso en Downey. Se detecta que hay federales, salen los vecinos, se comunican por SMS, sale en las redes sociales. Los vecinos los expulsan. No detienen las detenciones, valga la redundancia, pero lo que sí consiguen es detener ya el operativo. Luego, se convocan manifestaciones para hacer público que los vecinos no están de acuerdo, y ya hay varias en Santa Ana, en Downey, en diferentes ciudades. Después se convoca a juntas del concejo municipal, adonde van los vecinos y exponen. Allí, básicamente la solicitud es es que los concejales y jefes del gobierno local de estas ciudades tengan que, por lo menos, declarar que no están a favor y realizar alguna acción. Por ejemplo, se ha logrado en Pasadena aprobar el día de hoy (28 de junio) un lineamiento para que los agentes federales no puedan usar máscara, tienen que descubrirse el rostro.

Mencionaste que la solidaridad en el grupo zapoteco de Michelle es comunitaria, es de su pueblo, no institucional. Me interesa tu perspectiva sobre la articulación o desarticulación de distintas formas de lucha, por ejemplo la zapoteca pero también otra, como la lucha negra, que tiene sus propias particularidades.
Esta pregunta es muy importante. Te lo puedo decir de esta forma: hay diferentes bloques sociales que siempre han participado, que son por ejemplo las diversidades sexuales y un grupo muy grande que se fortalece después de Vietnam. Hay diferentes grupos, tanto civiles como organizaciones políticas, de afroamericanos, y también hay algunas organizaciones que tienen que ver con trabajadores donde confluyen todos los anteriores, los sindicatos. También hay organizaciones religiosas de diferentes denominaciones. Es muy importante saber que en este momento están confluyendo.
Históricamente ha habido diferencias, pero son diferencias construidas artificialmente. Yo te puedo decir dos cosas muy concretas: yo participo de una coalición que se llama Community Coalition, y literalmente somos Black and Brown Unity. Aquí en el sur de Los Ángeles hay muchos mexicanos, y dentro de los mexicanos hay nahuas, hay zapotecas, hay mixes. También hay gente de Belice, mucha gente de Belice que es afrodescendiente; mucha gente que yo pensaba que era de Belice, pero que son del Caribe, son mexicanos, afrodescendientes de El Salvador, de Guatemala. De México: de Nayarit, de Michoacán, de Jalisco, mixes, choles, gente que habla diferentes lenguas. Entonces esto de “latinos” también ya se ha convertido en un eufemismo cuando ves que son todos estos pueblos.
Pero pasa otra cosa muy relevante en términos antropológicos, y es que toda la ciudad de Los Angeles está siendo afectada por la filiación o parentesco. Aproximadamente la mitad de la población tenemos en primero o segundo grado un parentesco consanguíneo o político con alguien migrante.
Acabo de ir a dos reuniones familiares y resulta que en estas dos familias que son de güeros (nota de la redacción: estadounidenses blancos), como diríamos, ya tienen familiares, ya tienen nietos, ya tienen una esposa de Guerrero. La otra familia que también visité allá es judía, no es militante de nada pero que está muy afectada, porque las amigas de sus niñas de esta familia son mexicanas.
Toda esta gente diversa, sobre todo desde las organizaciones, ha empezado a ver como un problema fundamental del Estado. No es un problema que nace ahora con Trump. Desde los grandes medios de comunicación se intenta instigar lo que llaman una “guerra tribal” de diferencias, pero de nuestro lado tenemos la apuesta de disolver estas diferencias construidas.


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Zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit


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Ni una menos

Illustration: Maria Victoria Rodríguez García

Die Bewegung der letzten 10 Jahre hat Unmengen an Gesetzesveränderungen erreicht und eine starke Gemeinschaft aufgebaut. „Auch wenn die Bewegung in Argentinien begann, umfasst sie doch eine Problematik, die in ganz Lateinamerika existiert. Was diese Bewegung so besonders macht, ist, dass unsere Stimmen immer dann viel lauter sind, wenn sie geeint sind“, sagte Amy Ramirez, Demo-Teilnehmerin der ersten Stunde von Ni Una Menos, im Interview mit LN 2016.
Heute sehen sich Ni Una Menos und die breitere feministische Bewegung in vielen lateinamerikanischen Ländern und anderswo auf der Welt mit einem rechten Backlash konfrontiert. Errungenschaften wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder Selbstbestimmungsrechte für queere Personen werden wieder abgeschafft, Sozialkürzungen betreffen FLINTA* strukturell meist besonders stark.
Doch Feminist*innen sind geübt darin, Widerstand unter widrigsten Umständen zu leisten. Sie gehen nicht nur gegen patriarchale Gewalt auf die Straßen, sondern stehen auch in den vordersten Reihen der Kämpfe gegen Autokratisierung und Faschismus und schlagen Brücken zu anderen Kämpfen, wie zuletzt wieder zum Rentner*innen-Protest in Buenos Aires, bei dem die Aktivist*innen zusammen mit den protestierenden Rentner*innen und Pensionär*innen zur Mittwochsdemo aufriefen (siehe LN 608).
Bis die Angst wieder die Seiten wechselt!


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Momentaufnahme einer verstörenden Welt

Foto: Steve Jurveston via Flickr (CC BY-SA)

Menschliche Geschichten wollen erzählt werden, und zwar mit einer Perspektive, die nicht nur das versteinerte Bild eines Augenblicks einfängt, sondern sie in ihrer komplexen Tiefe wahrnimmt. Es ist diese Tiefe, die Sebastião Salgado (8. Februar 1944 – 23. Mai 2025) in seiner Arbeit als Fotograf anstrebte. Er ging über die Technik hinaus und fokussierte dabei nicht nur in Bezug auf das Objektiv, sondern auch in Bezug auf die in einem Moment und an einem Ort spezifisch dargestellte Kultur, um in seinen Werken zugleich das alle verbindende, menschliche *Element aufzuzeigen.
Salgado wurde in Aimorés, einer Gemeinde im brasiliniaschen Bundesstaat Minas Gerais, geboren. Vielleicht hat die Bedeutungsschwere dieser Gegend, die so reich und zentral für die Geschichte und die Widersprüche Lateinamerikas ist, die kritische Tendenz und Sensibilität geprägt, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in São Paulo schloss er sein Studium nach dem Militärputsch in Brasilien (1964) in den USA und Paris ab. Erst 1973 beschloss er, sich vollständig der Fotografie zu widmen.
Im Exil begann Salgado mit der Entwicklung seines ersten großen Werks: Otras Américas, das 1986 erstveröffentlicht wurde. Das Buch porträtiert in 46 Schwarzweißbildern bäuerliche und Indigene Kulturen anhand von Fotografien, die zwischen 1977 und 1984 in Mexiko und Brasilien entstanden sind. Der Bildband erforscht die lateinamerikanischen Ungleichheiten und Widerstände aus einer subalternen Perspektive; aus einer Position, die die Spannungen, die in der Gesellschaft herrschen, mit Rohheit und Schönheit darstellt.
Nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1979 kehrte er nach Brasilien zurück. Von jenem Zeitpunkt an begann er eine Arbeit, die Geschichten dokumentierte, die die Auswirkungen groß angelegter produktiver Aktivitäten und das Leid der am stärksten verdrängten Klassen der lateinamerikanischen Gesellschaft zeigen. Seine Fotografien hielten Momente wie die größte Besetzung der Landlosenbewegung in Rio Bonito do Iguaçu (Paraná) oder die Särge der Ermordeten in Eldorado do Carajás (Pará) fest. Mit seinem eigenen ästhetischen Stil und einer fotografischen Ethik in Schwarzweißbildern, die das hervorhebt, was das Auge oft nicht sehen will, konzentrierte er sich auf die Auswirkungen, die Arbeit und Vertrei­bung auf den menschlichen Körper haben.
Aus einer allgemeinen Perspektive kann sein gesamtes Werk als fotografisches Manifest gelesen werden, das zu einer politischen Ökologie aufruft, die den humanitären Anforderungen unserer Zeit entspricht. Salgados Werk hinterlässt uns ein bedeutsames Vermächtnis und den Anstoß, sowohl in ästhetischer als auch in ethischer Hinsicht, „zu begreifen was passiert und betroffen zu sein“, wie er selbst sagte, um eine Lebensweise zu wagen, die Werte wie Pluralität, eine respektvolle Koexistenz mit der Natur und die menschliche Würde anerkennt.


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Bücher wie Chop-Suey to go

Selbstveröffentlichung aus dem Gefängnis heraus Patio 6 von Lina Prieto (Foto: Gibran Mena Aguilar)

In Kolumbien ist es üblich, wenn man sich die Nase putzt, nach einem Kleenex zu fragen – also einem Taschentuch, jedoch einer ganz bestimmten Art oder Marke. Etwas Ähnliches ist mit dem Wort „Buch“ passiert: Die Verlagsindustrie hat einen perfekten linguistischen Taschenspielertrick angewandt, der die Idee verankert hat, die Bedeutung des Wortes „Buch” sei identisch mit den von der Industrie produzierten Formen. Doch dieses vereinheitlichte Verständnis war nicht immer das dominante. Wenn wir ältere Darstellungsformen miteinbeziehen, kann ein Buch auch offener definiert verstanden werden, als ein zusammenhängender Korpus von Ideen, die in verbaler Form festgehalten sind. Auch heute wird eine Debatte darüber, was als Buch gilt und was nicht, vielerorts hitzig geführt.

In Lateinamerika begann der Wunsch, sich von der tyrannischen Strenge der Verlagsindustrie zu befreien, in den Jahren der künstlerischen Avantgarde, die den Kontinent im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts im Sturm eroberte. Als Erben von europäischen Dichtern wie Mallarmé, Apollinaire und in stetigem Kontakt mit dem französischen Surrealismus zersprengten lateinamerikanische Poeten wie Vicente Huidobro und Carlos Oquendo de Amat die strenge Trennung der künstlerischen Disziplinen der Epoche. Schriftsteller*innen sollten nicht mehr gezwungen sein, sich ausschließlich mit Worten zu beschäftigen, sondern zugleich auch bildende Künstler*innen werden können. So schrieb Oquendo de Amat eine Gedichtsammlung mit dem Namen Cinco metros de poemas (1926), dessen Seiten sich wie ein Akkordeon zusammenfalten ließen, während sich Huidobro eine parisianische Galerie vornahm und zwölf Gedichte auf die Wände malte – seine berühmten Poemas pintados (1922).

Verengende Definitionen

Leider produzierten diese avantgardistischen Experimente nicht die ersehnte Revolution: Die auch heute noch anhaltende Prävalenz der Verlagsindustrie und ihrer homogenisierenden Praktiken, zeigen uns, wer der unbestreitbare Gewinner des damaligen Wettbewerbs war. Die Suche nach Veränderung der Verlagspraktiken Lateinamerikas ist schon lange vorhanden, blieb jedoch eine untergründige, eher marginale Strömung, die nur gelegentlich aus der Versenkung auftaucht, um dann wieder aus dem Blickwinkel zu verschwinden.

Wer näher hinschaut, findet dennoch viele kleine Beispiele selbstorganisierter, alternativer Veröffentlichungen: So erarbeiteten sich in Brasilien die Brüder Campos und Décio Pignatari in mühevoller Kleinarbeit die Grundlagen einer Kunstform, die sie „konkrete Poesie” nannten. Obwohl die materielle Gestalt des Buches als Gegenstand nicht im Fokus ihrer Interessen stand, führte ihr Wunsch, den grafischen Charakter von Schriften und Wörtern zu nutzen, nicht nur dazu, sich kommunikativen Formen zu nähern, die bisher nicht zur Buchwelt gehörten – wie etwa die Werbegrafik –, sondern auch dazu, die traditionelle Ordnung des Lesens einer Seite aufzuheben. Das klassische Lesen lateinischer Schrift von links nach rechts und von oben nach unten schafften sie ab, alle Richtungen standen dem Auge offen.

Rebellion gegen die Verlagsindustrie

Eine größere Rebellion gegen das Buch in seinem industrialisierten Sinne, formierte sich in Lateinamerika erst wieder in den 70er Jahren, als der damals recht traditionelle, mexikanische Schriftsteller Ulises Carrión sein Land verließ und beschloss, eine umfassende Kampagne gegen die Institutionen zu führen, die seine künstlerische Freiheit einschränkten. In Amsterdam lebend erkannte Carrión die Bedeutung der Komposition des Buchobjekts, um ein Kunstwerk zu schaffen, das Integrität besitzt und komplett ist – „das Medium ist die Botschaft” würde der kanadische Philosoph Marshall McLuhan sagen. Der Autor begann, das Buch nicht nur als leeres Objekt, welches seine Bedeutung aus dem darin abgedruckten Inhalt zieht, zu betrachten. Die künstlerische Gestaltung weitete sich für ihn auch auf die konkrete Darstellungsform des Geschriebenen aus. Carrión hinterließ mit diesen Gedanken in seinem Werk El nuevo arte de hacer libros (1975) ein Manifest, das zur Pflichtlektüre für selbstständige Verleger*innen im gegenwärtigen Lateinamerika geworden ist.

Eines der führenden Länder in der Bewegung des unabhängigen und alternativen Verlagswesens ist heutzutage Argentinien, wo beispielsweise die weltweit bekannten Cartonera Verlage ihren Ursprung haben. Mit der Absicht, Bücher für die marginalisierten Klassen zu verlegen, gründeten Washington Cucurto und Javier Barilaro 2003 den heute legendären Verlag Eloisa Cartonera. Ihre Veröffentlichungen zeichnen sich durch ihre kostengünstige und trotzdem sorgfältige Herstellung aus. Anstatt harter oder kartonierter Einbände nutzen sie handbemalte Pappeinbände, statt Druckpapier Fotokopien. Aus dem gleichen Land stammen auch Projekte wie der Barba de Abejas Verlag, sowie Künstler*innen wie Cristian Forte, dessen Projekt des handwerklichen Verlegens in Berlin angesiedelt ist.

Bücher für marginalisierte Klassen

In anderen Ländern des Kontinents sind die Bücher der mexikanischen Autorin und plastischen Künstlerin Verónica Gerber Bicecci, des chilenischen Yanko González und der brasilianischen Veronica Stigger Teil der Bewegung. Zu guter Letzt gibt es aktuell auch in Kolumbien eine lebendige alternative, handwerkliche Verlagsszene mit Projekten wie Tragaluz editores, La jaula editores und Cajón de sastre und mit Schriftsteller*innen wie María Paz Guerrero, Juan Afanador und der Dichterin Andrea Cote, deren Gedichtsammlung Chinatown a toda hora (2020) die ungewöhnliche Form einer Chop-Suey-Box hat. Obwohl niemand die zukünftigen Entwicklungswege dieser „neuen Kunst der Buchgestaltung“ festlegen kann, ist doch deutlich, dass sich die ehemalige Grenze zwischen den verschiedenen Kunstformen sowie unsere Vorstellungen von den Trägermaterialien der Literatur derzeit in einem Veränderungsprozess befinden, der niedrigschwellige Zugänglichkeit und Kreativität in den Fokus setzt.


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Sophia Boddenberg: Revolution der Frauen

Sophia Boddenberg lebt seit 2014 in Südamerika und berichtet von dort für verschiedene Medien, auch für die LN. Nach Revolte in Chile (siehe LN 559) ist Revolution der Frauen ihr zweites Buch. Es ist eine Sammlung von Eindrücken, Gesprächen und Geschichten feministischer Bewegungen, die Boddenberg in zehn Jahren kennengelernt hat. Sie beleuchtet ausführlich die Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt und Feminizide unter dem Stichwort Ni Una Menos (Nicht eine weniger) und erzählt vom Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, der sich von Argentinien aus mit seinen grünen Tüchern auf ganz Lateinamerika ausgeweitet hat. Indigenen und antirassistischen feministischen Kämpfen sind ebenso eigene Kapitel gewidmet wie der Verknüpfung von Umweltaktivismus und Feminismus.


Mit viel Augenmerk auf den regionalen und historischen Kontext zeigt die Autorin immer wieder auf, dass das Patriarchat nur verstanden und bekämpft werden kann, wenn auch Kolonialismus und Kapitalismus angegangen werden. Sie erzählt sehr persönlich von Begegnungen mit lateinamerikanischen Feminismen und ihren Praxen. Immer wieder kommen Aktivist*innen selbst zu Wort, was das Buch leicht lesbar macht. Zugleich gelingen der Autorin hier und da kurze Exkurse zu feministischen und dekolonialen Theoretikerinnen Lateinamerikas.
Hochaktuell ist ihr Blick auf einen „Feminismus gegen Rechts“. Wer wissen will, was wir dabei noch von lateinamerikanischen Feminist*innen lernen können, sollte das Buch unbedingt lesen.

Text entnommen aus der entsprechenden Rezensiondes Buches erschien in LN 621.

Sophia Boddenberg // Revolution der Frauen: Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen // mandelbaum Verlag // 2025 // 156 Seiten

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