LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

Fines del siglo XVI (1584), Pedro Sarmiento de Gamboa, a bordo del bajel «Nuestra Señora de la Esperanza», fundó la “Ciudad del Rey Don Felipe», hoy «Puerto del Hambre»: el sitio es testamento mudo del primer enclave español a orillas del Estrecho; murieron allí 300 colonos que quedaron esperando ese barco: “Nuestra Señora de la Esperanza”.

 

EN PUERTO DE HAMBRE UN NIÑO PIDE ENCONTRAR LA ESPERANZA

 

Detrás de la pared de la iglesia
yo pinté el ese barco que yo pido
para Navidad, yo pido cien barcos
entrando en el Puerto antes
que yo sea grande quiero
y también cien barcos de juguete
y un árbol lleno
de cosquillas, de terror.
Pero mejor los barcos y no
más lágrima para mi hermano, ni palabra
de mi madre, sino barcos
ese barco, uno, por favor
te prometo, portarme
bien yo quiero
que los barcos
me lleven hasta el sol.
Muchos más barcos quiero
cien más barcos, mejor
que sean mil.

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Ende des 16. Jahrhunderts (1584) gründete Pedro Sarmiento de Gamboa an Bord des Fregattenschiffs „Nuestra Señora de la Esperanza“ (Unsere Liebe Frau der Hoffnung) die „Ciudad del Rey Don Felipe“ (Stadt des Königs Don Felipe), heute „Puerto del Hambre“ (Hafen des Hungers): Der Ort ist stummer Zeuge der ersten spanischen Enklave an der Magellanstraße; 300 Siedler verhungerten dort, weil das Schiff „Unsere Liebe Frau der Hoffnung“ nie zurückkam.

 

IN PUERTO DEL HAMBRE WÜNSCHT SICH EIN KIND, DIE HOFFNUNG ZU TREFFEN

 

Hinten auf die Wand von der Kirche
hab ich das Schiff gemalt, was ich mir wünsche
zu Weihnachten, ich wünsch mir hundert Schiffe,
die in den Hafen laufen, bevor
ich groß bin, genau, und außerdem
hundert Spielzeugschiffe
und ein Baum voll mit
Kitzeln, mit Schreck.
Aber lieber Schiffe und keine
Tränen mehr für meinen Bruder oder Wörter
von meiner Mutter, einfach nur Schiffe,
dieses Schiff, nur eins, bitte bitte
ich versprech dir, ich bin auch
brav, ich will,
dass die Schiffe
mich mitnehmen zur Sonne.
Und noch mehr Schiffe will ich, noch
hundert Schiffe mehr, noch besser
wären tausend.

 

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Don Marcos
hace alarde de nunca haber cruzado la frontera de forma ilegal

con documentos falsos         sí

siempre por la garita
viendo al oficial de migración a los ojos

con nombre falso                  sí

nunca por el cerro
nunca por el desierto
nunca por el río

nunca crucé de forma ilegal nunca pues siendo yo.

// Aus Omar Pimienta, El álbum de las rejas (2016)

 

Don Marcos
prahlt damit, die Grenze nie illegal überquert zu haben

mit gefälschten Dokumenten          ja

immer durch die Passkontrolle
dem Grenzbeamten in die Augen blickend

unter falschem Namen                     ja

niemals durch die Berge
niemals durch die Wüste
niemals durch den Fluss

ich bin nie illegal rüber         also niemals         als ich selbst.

 

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GELIEBTE ERDE

Die Wege meiner geliebten Heimat Kolumbiens gehend

Lernte ich deine Geheimnisse kennen, dein Innerstes

Offene Arme eines weiten Berges, der meine Nächte beschützte und mir Erholung schenkte nach den langen Tagen

Grüner Umhang wie der Schoß der alten Mutter?

Wieviele Nächte warst du Zeuge meiner Ängste, Träume, Freuden und Unruhen?

Wie viele Nächte und Tage warst du in der Schlacht, in der der Krieg ohne Milde dir, mit Bomben, Raketen und Granaten, die ruhige Stille aus deinem Inneren stahl?

Und trotzdem warst du immer diese alte Mutter, die mit offenen Armen ihre Söhne und Töchter empfing, jene, die zwischen Helecho und Palmas geboren wurden

Geliebte Erde!

Heute bitte ich um Entschuldigung, dich verletzt zu haben

Als ich voller Ignoranz deine Kinder verstümmelte und tötete, jene die du in deinem Busen behalten hast, als jene Mutter, die sich voller Hingabe um ihre Kinder kümmert: sie vor dem Perversen zu schützen, der nicht zögert, sie zu misshandeln.

Ich umarme dich heute liebevoll und spreche aus, was mir auf der Seele liegt:

Dass ich aus dir einen großen grünen Berg machen werde

Ein warmes Nest für alle

Wie der Schoß der alten Mutter

 

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Ícaros

El olfato que era tan mío
que recorría las brasas del mar
y sus pliegues marinos.

Y, que de mis caras,
exhibía la de niño,
mostraba la mueca animal.

Ya no puedo asegurar o contradecir
el ensueño del destino
aquella fábula de vuelo dorado
hacia un eterno sol esquivo.

Así vuelan los ícaros sin suerte.

Y cuando llegue el retorno,
la caída al origen,
habrán plumas que arden en la sal.

¿Dónde estás? pregunta la furia de niño,
mi mejor máscara animal.

 

Ikarus

Der Geruchssinn, der mir so eigen war
der die Glut des Meeres
mit seinen Seefalten durchkämmte.

Und unter all meinen Gesichtern
offenbarte sich das des Kindes.
Es zog eine Tiergrimasse.

Ich kann dem Schicksalstraum
weder zusprechen noch widerstehen
dieser Fabel vom goldenen Flug
zu einer flüchtigen Sonne.

So fliegen die Ikarusse glücklos dahin.

Und wenn die Rückkehr ansteht,
der Fall in den Ursprung,
lassen sie Federn, die im Salz verbrennen.

Wo bist du? fragt die Kinderfurie,
meine liebste Tiermaske.

 

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os mecanismos de defesa

passo frio
na sua cama
de propósito
em sublimação
para desfilar
a carne
da qual não te serves
em negação.

 

die abwehrmechanismen

ich lasse mich unterkühlen
in deinem bett
mit voller absicht
sublimiere die kälte,
stelle das fleisch
zur schau,
das du nicht berührst,
in verneinung.

 

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un mal entendido lleno de encanto

nunca pensé
en las partículas que no provienen de las centrales eléctricas y nuestros automóviles

era un sitio sorprendente
lleno de encanto
magia y un exquisito estilo personal

me he quedado encantado con la decoración y
con el trato recibido
y a la gente con la que he viajado también le ha encantado

estaba usando mi crema hidratante normal

pero cuando empecé a volver a casa para las vacaciones y en el día de acción de gracias para visitar a mi familia
inmediatamente noté que mi piel empezaba a irritarse de nuevo

nunca antes pensé en la polución cosmética
en las partículas que no provienen de las centrales eléctricas y nuestros automóviles.

 

 

ein Missverständnis voller Zauber

ich habe nie
an jene Partikel gedacht die nicht von Kraftwerken und unseren Autos stammen

es war ein überraschender Ort
voller Reiz
Magie und einem exquisiten persönlichen Stil

die Dekoration hat mich verzaubert und
die Gastfreundlichkeit
und die Leute mit denen ich gereist bin waren ebenso verzaubert

ich benutzte zu der Zeit meine ganz normale Feuchtigkeitscreme

doch als ich anfing, über die Ferien oder zum Erntedankfest nach Hause zu reisen
um meine Familie zu besuchen
merkte ich sofort dass meine Haut sich wieder entzündete

ich habe vorher nie an kosmetische Verschmutzung gedacht
an die Partikel die nicht von Kraftwerken und unseren Autos stammen.

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Nulípara de hoy

Tiene diecisiete sobrinos de parte de hermanos y primos;
seis ahijadas de bautizo;
un par de bebés, que patrocina, en un orfanatorio;
un título universitario nacional;
dos títulos internacionales:
uno de doc y otro de post-doc;
tres libros bien publicitados;
algún piso, ganado o heredado, con vista al mar;
en fin,
maternidad holgada mas no vacía;
gracias a una madre que la parió
a un mundo, personalísimo y librepensante, que no le exige útero.

(Del libro inédito: De mujeres hembra)

Heutige Kinderlose

Siebzehn Familiensprosse durch ihre Geschwister, Cousins und Cousinen;
sechs getaufte Patenkinder;
ein paar Babys, die sie sponsert, in einem Waisenhaus;
ein Universitätsabschluss im eigenen Land,
zwei im Ausland:
durch ein Doc- und ein Postdoc-Programm;
drei gut beworbene Buchpublikationen;
eine Wohnung, gekauft oder geerbt, mit Meerblick;
kurzum,
Muttersein auf die bequeme Art und doch nicht leer;
dank einer Mutter, die sie verdammt nochmal in eine Welt gebar,
so selbstbestimmt und frei, dass frau ihren Uterus nicht einsetzen muss.

(Aus der unveröffentlichten Anthologie: Von weiblichen Frauen)

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Gramsci y Valéry en la biblioteca
del Círculo de Estudios Sociales
creado en Ingeniero White en 1899
por el grupo anarquista “Libres Pensadores”

Parte de lo que hay, en la estructura de los andamios
que sostiene a los pintores de los tanques de la ESSO,
es un problema de sintaxis: ni mucho más ni mucho menos.

 

Gramsci und Valéry in der Bibliothek
des Arbeitskreises für soziale Studien,
gegründet 1899 in Ingeniero White
von der Anarchistengruppe “Freidenker”

In der Struktur der Baugerüste, die die Anstreicher
der Esso-Tanks trägt, gibt es unter anderem
ein syntaktisches Problem; nicht mehr und nicht weniger.

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KATZEN
für mercedes
III
Die Katzen, Malú
sieh nur die Katzen
an den Gitterstäben der Fenster kleben
aufs Dach steigen, zurückkehren
im Versuch, andere Nächte zu erblicken.
Sieh sie an, Malú
wie sie sich die Krallen in die Augen hauen
dekadentes Gelb verschütten
sieh sie kämpfen, Katze in Katze verhakt
sieh sie sich an den Haaren zerren
sie sind irr
und wenn sie aus dem Fenster springen
scheint es als lachten und weinten sie
zur gleichen Zeit
dann ziehen sie sich zusammen
verwandeln sich in Superhelden
und verdienen Geld mit dem Filmen von Affen
und werden berühmt und legen Katzenpuppen
in die Schaufenster zum Verkauf
damit die Katzenkinder spielen, die da,
die verrückt sind
aber den Kätzchen muss man nicht sagen
dass ihre Eltern von Sinnen sind
wenn sie plötzlich nach oben sehen
wenn es scheint, ihre Augen
seien zwei rollige Sonnen
die nach ihren kleinen Monden auf dem Dach suchen
und dabei halb einschlafen
darauf wartend, dass die Nacht über sie hereinbreche
doch sie warten auf eine andere Nacht
nicht auf die immer selbe Nacht
und verharren auf dem Zinkdach
Pfoten leckend
bis es regnet
und das Wasser sie in die Regenrinnen spült
und sie auslöscht.

 

GATOS
a mercedes
III
Los gatos, malú
mira los gatos
aferrados a los barrotes de la ventana
saliendo al techo, regresando
tratan de entrever otras noches.
Míralos, malú
clavándose las garras en los ojos
vaciando un amarillo decadente
míralos pelear, incrustados gato con gato
míralos tirarse los pelos
están locos
y cuando saltan por la ventana
pareciera que ríen y lloran
al mismo tiempo
entonces se encrispan
se transforman en superhéroes
y ganan plata filmando monos
y son famosos y en las vitrinas
venden muñecos que son gatos
para que jueguen los hijos de los gatos estos
que están locos
pero no hay que decirles a los cuchitos
que a sus padres se les va de repente
cuando se quedan mirando para arriba
cuando pareciera que los ojos
son dos soles en celo
buscando sus lunitas por los techos
y se quedan medios dormidos
esperando que se les caiga la noche encima
pero esperan otra noche
no la misma de todas las noches
y se quedan sobre el zinc
lamiéndose las patitas
hasta que llueve
y el agua los arrastra por las canaletas
extinguiéndolos.

 

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Paseo del Prado

este país se nos fue de los pies
y tomó otro camino
con su densa rutina
que ni una rumba puede alebrestar

mulatas legendarias
abanican la espera maduras de calor
y chinos hacen cola sonrientes
a las puertas de nada

país de reggaetón doble moneda
estridencia ideológica
donde lo único decente es el sol

país alzado en ruinas triangulares
sin aire en la escalera
que ya no queda aquí ni regresa contigo

Aus: despegue (Madrid: Visor, 2016)

 

Paseo del Prado

dieses Land ist unsren Füßen entglitten
und nahm einen andren Weg
mit der dichten Routine
die auch eine Rumba nicht erschüttert

sagenhafte an Hitze
gereifte Mulattinnen fächeln dem Warten Luft zu
Chinesen stehen lächelnd in der Schlange
vor nichtigen Türen

Land des Reggaeton und der Doppelwährung
der ideologischen Schärfe
wo allein die Sonne anständig bleibt

Land gehisst mit dreieckigen Ruinen
ohne Luft im Treppenhaus
das weder hier bleibt noch mit dir zurückfliegt

 

Die Übersetzung entstand für das Poesiefestival Berlin 2016

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Investigación de mercado

UNA MONEDA, por el amor de Dios, una moneda,
que el dinero es el tema del mendigo y el mendigo
es el tema de esta investigación: ¿si el mendigo tuviese dinero
hablaría de asuntos menos mundanos? Pero he aquí
un tintinear de monedas en el interior de una lata
de sardinas sin sardinas. ¿Y las sardinas?
Baratas y nutritivas: ricas en hierro, vitamina A y fósforo.
Un paladar exquisito diría que la sardina tiene un ligero dejo a:
a) Metal sobado. b) Dinero rancio. c) Desayuno de mendigos.
¿Un mendigo es básicamente una alcancía?

 

Marktforschung

EIN WENIG KLEINGELD, und Gott hab’ dich selig, ein wenig Kleingeld,
ist doch das Geld Antrieb des Bettlers und der Bettler
Gegenstand dieser Untersuchung: Hätte der Bettler Geld,
spräche er von weniger weltlichen Themen? Hier
das Scheppern im Innern einer Büchse
Sardinen ohne Sardinen. Und die Sardinen?
Billig und nahrhaft: reich an Eisen, Vitamin A und Phosphor.
Ein feiner Gaumen fände heraus, dass die Sardine entfernt erinnert an:
a) Abgegriffenes Metall. b) Ranziges Geld. c) Bettler-Frühstück.
Ist der Bettler in erster Linie eine Spardose?

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Memento Mori

Erst suchte ich das Himmelreich.
Doch aus unerfindlichem Grund befreite mich die Chefetage der Vorsehung
vom Dienst im Reservistenheer der Industrie
und verschaffte mir einen Posten
in der Abteilung für Kapitalanhäufung.
Nun sehe ich den vorüberziehenden Vögeln zu, sitze
in der Firmenkantine vor meinem
Brathähnchen, das mir vom Lohn abgezogen wird.
Die Wege des Schicksals sind unergründlich.
Nicht einmal Salomon in all seinem Glanz
kleidete sich so prächtig wie die Plastiklilien,
die mir die Überstunden im Büro versüßen.

 

Memento Mori

Busqué primero el Reino de Dios.
Por alguna razón, los directivos de la Providencia
me redimieron del Ejército Industrial de Reserva
con un cargo activo
en la acumulación del capital.
Ahora miro las aves del cielo mientras como,
en el restaurante de la empresa,
un pollo frito que me descuentan de la nómina.
Los caminos de la Justicia Divina son misteriosos.
Ni Salomón con toda su gloria
se vistió como uno de estos lirios de plástico
que adornan mis horas extra en la oficina..

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Der Himmel von Vesterbro
für Felix

drei Mal baute der Pinguin das Iglu
trug die Jeans
lächelte und sang
drei Mal tanzte er auf Schlittschuhen durch den Schnee
drei Mal weinte sein schwarzes Knetauge mitten während des Abenteuers
es stimmt, manche Dinge sind nur Bilder, doch
hier hat ein Kuss eine Schule gesprengt
womöglich taucht eine andere Spezies auf vor dem bitteren
Hintergrund einer wiedereroberten Liebe – der Südpol wird
nie
mehr derselbe sein – jetzt ist es an der Zeit
sich den Kopf zu zerbrechen
ins Krankenhaus (oder zum Zahnarzt?) gebracht zu werden
wo der Arzt (oder Zahnarzt)
erfunden und schlimm
schlimm und krank nicht
auseinanderhalten kann

 

O céu de Vesterbro
para Felix

três vezes o pingüim construiu o iglu
vestiu os jeans
sorriu cantou
três vezes dançou na neve sobre patins
três vezes seu olho de massa negra chorou no centro da aventura
é verdade que há coisas que são só imagens mas
aqui um beijo explodiu uma escola
outra espécie talvez surja do fundo
amargo de um amor reconquistado – o Pólo Sul
nunca
mais será o mesmo – chegou a hora
de quebrar a cabeça ser
levado ao hospital (ou dentista)
onde o médico (ou dentista)
não sabe distinguir o falso
e o grave o grave e
o doente

Die zehnte Muse im 21. Jahrhundert

Den Anfang für die neue Kulturrubrik macht die „älteste“ Autorin unserer Liste lateinamerikanischer Literaturklassiker: die mexikanische Nonne Sor Juana Inés de la Cruz, erste bekannte Lyrikerin Amerikas, Zeitgenossin des 17. Jahrhunderts und somit des Vizekönigreichs Neuspanien. Auch bekannt unter den Namen „Der Phönix von Amerika“ und „Die zehnte Muse von Mexiko“, in Anlehnung an die antike griechische Dichterin Sappho, gilt sie seit Jahrzehnten als die wichtigste Wegbereiterin einer eigenständigen, lateinamerikanischen Lyrik. Obwohl stilistisch noch stark an ihren barocken spanischen Vorbildern orientiert, werden im Werk Sor Juanas bereits erste Aspekte einer lateinamerikanischen Philosophie sichtbar, die sich von europäischen Strömungen zumindest teilweise bereits losgelöst hatte. So war sie zwar Tochter von Eltern spanischer Herkunft, jedoch in Amerika aufgewachsen und geboren und so von Beginn an von einer spezifisch amerikanischen Lebenswelt umgeben, die sich in der Wirklichkeit all ihrer Werke widerspiegelt. Diese wiederum werden seit dem 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert ihrer erstmaligen Wiederentdeckung durch die Literaturwissenschaft, als textliche Vorboten einer zwiespältigen und widersprüchlichen Moderne angesehen, die Lateinamerika einige Jahrhunderte nach Sor Juanas Zeit wie ein Güterzug überrollen sollte.
Sie ist es auch, die von allen kolonialzeitlichen Schriftsteller*innen in Lateinamerika am meisten Einfluss auf moderne Lyriker wie Jorge Cuesta und Octavio Paz ausübte. Letzterer beschäftigte sich auch als Kritiker mit den Werken Sor Juanas und erkannte in diesen einen frühneuzeitlichen feministischen Drang, der ihr schon zu Lebzeiten Konflikte mit den mexikanischen Autoritäten, allen voran dem Erzbischof Neuspaniens einbrachte. Für Sor Juana stand die totale Befreiung der Frau, ihr Recht auf Kultur und Bildung, über allen religiösen und geschlechternormativen Richtlinien der Zeit. Auf diese Weise, so Paz, breche sie vollständig mit dem vorherrschenden Kanon weiblicher Literatur, auch da sie sich religiösen und erkenntnisorientierten Themen mit einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Sprachlichkeit annähere, die zu der Zeit ausschließlich männlichen Autoren vorbehalten war.
In Fachkreisen ist Sor Juana eine der am meisten besprochenen Lyrikerinnen des Kontinents, dies gilt auch für den deutschsprachigen Raum. Über akademische Kreise hinaus ist sie jedoch hierzulande nie wirklich bekannt geworden. Die geläufigste Übersetzung ihres zwischen 1685 und 1690 verfassten Hauptwerkes, Primero Sueño (dt. Erster Traum), stammt aus dem Jahr 1992 und wurde seither nicht neu aufgelegt. Das mag daran liegen, dass die am spanischen Dichter Luis de Góngora orientierte, extrem verschachtelte und metaphernüberladene barocke Lyrik Sor Juanas auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Lesevergnügen darstellt. Abgesehen davon, sind aus dem 17. Jahrhundert stammende Texte heutzutage meist keine Bestseller mehr. Dennoch lohnt es sich auch im 21. Jahrhundert noch einen Blick auf den Traum zu werfen. Den beiden Herausgebern und Übersetzern der im Verlag Neue Kritik erschienenen Ausgabe von 1992, Alberto Perez-Amador und Stephan Nowotnick, ist eine recht originalgetreue und gut lesbare Lyrikübersetzung geglückt, die, wenn auch natürlich nicht der sprachlichen Finesse Sor Juanas, zumindest Themen, Tonus und Stimmung des Originaltextes gerecht werden. Diese Themen – die Kreation eines eigenen, erträumten Universums, der Traum von einer offenbarungsgleichen Erkenntnis und gleichzeitig das Wissen um die Unmöglichkeit einer solchen – sind heute noch genau so aktuell wie vor 300 Jahren.
975 Verse führen durch ein wohlstrukturiertes Labyrinth aus verschwommenen Traumszenen, naturgewaltigen Bildern und Wunschlandschaften der vom Körper getrennten Seele, die am Ende die schmerzhafte Erfahrung macht, das absolut Nichts mit Sicherheit gewusst werden kann.
Auch wenn das Fachjargon Sor Juanas genügend Stoff für einen umfangreichen Einzelband voller Fußnoten geben würde, können die Leser*innen trotz einzelner schwer verständlicher Passagen mühelos in den Text hinein finden. Die Kernfragen des Gedichtes erschließen sich nämlich auch ohne weitreichende Kenntnisse von Astronomie und antiken Gottheiten und scheinen deutlich zwischen den Zeilen durch: Wie kann ich mich (vor allem als Frau, als die sich das lyrische Ich im letzten Teil des Gedichtes preisgibt) in diesem Universum verorten? Wer bin ich und was weiß ich? Bis zu welchem Punkt kann ich meinem Drang nach Erkenntnis und Gewissheit folgen, ohne enttäuscht zu werden oder gar den Verstand zu verlieren? Die Antwort auf diese Fragen kannte natürlich auch Sor Juana nicht. Aber sie führt uns so gekonnt durch die Wirrungen ihrer und unserer Traumwelten, dass man als Leser*in das Gefühl nicht loswird, das irgendetwas klarer geworden ist. Auch wenn Ort und Zeitpunkt dieser Einsicht über die Natur von Erkenntnis nicht genau zu benennen sind.
So beweist Sor Juana – und ebenso tun es Perez-Amador und Nowotnick in der deutschen Übersetzung – dass Barocklyrik nicht unlesbar und schwierig und ihre Bedeutung nicht zwangsweise auf vergangene Jahrhunderte beschränkt sein muss. Nicht zuletzt weil es sich eben um keine mystische, spirituelle, sondern um eine intellektuelle und praxisorientierte Suche nach Erkenntnis handelt. Im Gegenteil: wer sich einmal darauf einlässt, die 975 Verse ohne Zuhilfenahme von Fußnoten, Lexika und Sekundärliteratur am Stück durchzulesen, wird vielleicht merken, dass es sich um ein zeitloses Gedicht handelt. Eines, das die Macht besitzt, einen fremden Traum so lebendig erscheinen zu lassen, als sei es der eigene.