Aufwachen mitten in der Nacht

Das Unbehagen, das mit der Gewissheit einhergeht, das unter all dem, was wir Alltag nennen, etwas schlägt, hat Samanta Schweblin in ihren Erzählungen schon immer gut zu fassen gewusst. Ihr neues Buch Das gute Übel versammelt sechs Geschichten; jede eine faszinierende, unheimliche Welt für sich. Da ist etwa die Frau, die mit Gewichten beschwert zum Grund eines Sees sinkt, um dann doch wieder aufzutauchen und zu ihrer Familie zurückzukehren, als sei nichts gewesen. Oder ist sie unter Wasser geblieben?
Wie in den berühmten cuentos von Julio Cortázar sind auch hier oft die letzten Sätze wie Messer, die den Atem rauben. Sie lassen uns die Welt mit anderen Augen betrachten, in dem Bewusstsein um die Abgründe, die überall lauern – vor allem in uns selbst. Schweblin versteht es, ihre Figuren und Szenen derart lebendig und gleichzeitig düster zu zeichnen, dass sie bleiben, wenn die Erzählung vorbei ist; dass die Geschichte vielleicht erst anfängt, wenn sie zu Ende erzählt ist.
Besonders unmittelbar wird das durch die, außer bei der letzten Erzählung, konsequente Ich-Perspektive. Schweblin gelingt es, aus der Sicht eines zweijährigen Kindes zu erzählen, das – der Elternalbtraum schlechthin – eine Lithiumbatterie verschluckt und nach verzögerter Behandlung fortan mit einem Luftröhrenstoma lebt. Das Kind kann zwar sprechen, sich aber nicht artikulieren. Das überfordert besonders den Vater. Er weigert sich, Gebärdensprache zu lernen – im Buch fälschlicherweise als Zeichensprache übersetzt – und ist aus Sorge um sein Kind unfähig, es zu lieben. Gerade in diesen fein gezeichneten Familienkonstellationen und ihren Routinen liegt eine ganz eigene Art von Horror.
Großartig ist es auch, wenn Schweblin über Schriftsteller*innen schreibt. In „William am Fenster“, ihrer laut Nachwort „autobiographischsten Erzählung“, vernetzt sich die Erzählerin – eine argentinische Schriftstellerin auf Schreibaufenthalt in Schanghai – mit einer irischen Kollegin, deren über alles geliebte Katze in Irland vergiftet wird. In „Die Frau von Atlántida“ dringen zwei gelangweilte Mädchen im Sommerurlaub an der uruguayischen Atlantikküste in das Haus einer alkoholabhängigen und suizidären Dichterin ein. Sie wollen sie wieder zum Schreiben bringen, aber das kindliche Spiel findet ein abruptes Ende.
Die Erzählungen leben davon, dass Grenzen verschwimmen und überschritten werden. Oft wird nicht klar, was eigentlich alles passiert. Schwer zu lesen ist dabei das Übergriffige, die Figuren respektieren die Grenzen anderer nicht, dringen in geschützte Räume ein. Sie kommen den Erzählenden unerträglich nah.
Leider wirkt die Übertragung von Marianne Gareid stellenweise zu nah am spanischsprachigen Original übersetzt: etwa, wenn die Tochter „in einen anderen Kontinent zieht“ oder die Angehörigen im Pflegeheim „interniert“ sind. Das sind Details, die eine Form der Unschärfe in die präzise Sprache Schweblins bringen – eine Sprache, die trotzdem alle Möglichkeiten offen hält. Denn „das Seltsame ist immer wahrer“, zitiert Schweblin einleitend die argentinische Dichterin Silvina Ocampo. Und dem Seltsamen kommen wir in Das gute Übel ziemlich nah.


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Das Barrio liest

Bühne für Nachwunchs-Poet*innen. Yusa beim Open Mic in Berlin Neukölln (Foto: Barrio)

Das Literaturfestival „Barrio“ hat dieses Jahr aufgrund fehlender finanzieller Förderung zwar in etwas reduziertem Umfang stattgefunden, dennoch konnte es dank der vielen Freiwilligen auf die Beine gestellt werden. „Das Interesse für lateiname­rikanischen Autorinnen wurde früher wenig gesehen, aber wir wollten damit etwas machen“, so Timo Berger. Knapp 30 Veranstaltungen waren Teil des Festivals, das zwischen Lesungen, Podiumsdiskussionen, Open-Mic-Nach­mittagen und Performances für jeden Geschmack etwas bot.

So holte beispielsweise der Nachmittag des „encuentro hispanopoético“ („spanisch-poetisches Treffen“) am bedeutungsträchtigen 12. Oktober rund 20 Menschen nach Neukölln. Dort lauschten die Teilnehmenden zum Thema „territorio“ nostalgischen Texten zur zurückgelassenen Heimat in Argentinien, Spanien oder Peru. „Territorio“ verwandelte sich bei den spanischsprachigen Nachwuchs-Poetinnen aber auch in Körper, zur kleinen Truhe, in der Erinnerungen liegen, oder in die geliebte Person, die zurückgelassen wurde. „Ich bin sehr dankbar für diesen Raum, um meine Poesie vorzutragen“, erzählt Yusa aus Argentinien. Sie möchte ihre Gedichte veröffentlichen und freut sich über jede Möglichkeit, sie auf die Bühne bringen zu können.

Das „encuentro hispanopoético“ bietet aber nicht nur im Rahmen des Barrio-Festivals Künstlerinnen eine Bühne. Die Schriftstellerin Alicia Morán hat das Event 2018 ins Leben gerufen und seitdem findet es etwa einmal im Monat statt. Morán verfasst ebenfalls Gedichte und wollte „Leuten, die einen Raum suchen, sie vorzutragen“ diesen bieten. Als „underground, alltäglich und entspannt“ beschreibt sie die Atmosphäre.

Auf dem Literaturfestival sind auch Künstlerinnen wie Samanta Schweblin dabei. Die argentinische Autorin stellte am 21. Oktober im Litera­rischen Colloquium ihr neues Buch Das gute Übel vor. Im Gespräch mit FAZ-Kulturredakteur Paul Ingendaay spricht Schweblin über die Geschichten ihres neuen Erzählbandes. Zwischen vier und sechs Monate hat sie für das Verfassen der einzelnen Geschichten gebraucht, dabei sind von den ursprünglichen Manuskripten nur durchschnittlich 13 Prozent übriggeblieben (ja, sie hat nachgerechnet). Weniger konkret, aber umso faszinierender ist das Gespräch über das Unheimliche, das sich als Motiv durch all ihre Geschichten zieht – und die Gratwanderung, sich nicht zu sehr von Alltagssituationen zu entfernen, sondern vielmehr das eigentliche, abgründige Wesen dieser Situationen zu erforschen. Die Geschichten des Unheimlichen sind keine Horror­stories, eher suchen sie das Übernatürliche in kleinen Verschiebungen in der realen Welt.

Aus der Geschichte „Das Auge in der Kehle“ wurde ein langer Abschnitt vorgelesen. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines anfangs zweijährigen Kindes erzählt, das eine Lithiumbatterie verschluckt. Da die Behandlung verzögert erfolgt, sind die Schäden derart schwer­wiegend, dass das Kind auf ein Tracheostoma angewiesen ist, eine Öffnung der Luftröhre nach außen. Anstatt sprechen zu lernen wie andere Kinder in diesem Alter, lernt die Figur durch den Hals zu atmen. Schweblin erzählt begeistert von diesem Loch im Hals, das die Grenze zwischen innen und außen verschwimmen lässt.

Zwei Personen aus dem Publikum hingegen verließen die Lesung zeitweise, um die beklemmende Geschichte nicht erneut zu hören. Die Zuschauer*innen erfahren auch, dass Schweblin aus sehr praktischen Gründen nach Berlin gezogen ist – hier wird sie für die Workshops, die sie bereits in Buenos Aires gab, besser bezahlt. So hat sie außerdem nun mehr Zeit zum Schreiben. Ihr Publikum jedenfalls hat sie hier schon mal gefunden.

Berlin ist eine Bühne für Geschichten aus aller Welt. Kunst und Kultur – vor allem Multikultur – sind das, was die Stadt ausmacht. Umso verheerende ist die aktuelle Sparpolitik des Berliner Senats. 2025 wurde der Kulturhaushalt um 130 Millionen Euro gekürzt; 2026 soll er um weitere 110 Millionen abgespeckt werden – und Kulturstätten kämpfen um ihr Überleben.

Festivals wie „Barrio“, mit gefüllten Sälen und ge­­spitzten Ohren, zeigen, dass die diverse Kul­tur­szene nicht aufgegeben wird. Lateinamerika hat Stimmen – und Berlin schenkt ihnen Gehör.


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„Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen“

Cristina Rivera Garza hat zahlreiche Literaturpreise erhalten. (Foto: Anette Hornischer)

Sie sind in diesem Jahr Kuratorin des ilb. Wie lief der Auswahlprozess der Schriftsteller*innen und der Themen?
Jede kuratorische Arbeit bedeutet zunächst einmal Teamarbeit. Ich bekam den Auftrag, gemeinsam mit einem sehr aktiven und dynamischen Team einen Teil des Festivals zu kuratieren. Mich interessiert und ich schreibe selbst Literatur, die in engem Kontakt mit den Gemeinschaften steht, aus denen sie hervorgeht. Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen und an die Fähigkeit der Literatur, Kräfte in der Sprache zu wecken und wiederzubeleben.
Aus diesem Grund war es mir wichtig, dass wir auf dem Festival einen Raum für Gespräche schaffen, die auch in den Büchern stattfinden. Eines der wichtigsten Themen dabei sind Migrationbewegungen. Ich selbst war fast mein ganzes Leben lang eine migrantische Schriftstellerin und bin der weltweiten Angriffe bewusst, unter denen migrantische Gemeinschaften heutzutage leiden. Ein Großteil der Eingeladenen dieses Festivals hat persönliche oder literarische Erfahrung mit diesem wichtigen und unvermeidlichen Thema.
Ein anderes wichtiges Thema sind für mich inter- und transdisziplinäre Übungen innerhalb der Texte, Mut und formale Kühnheit. Es gibt zum Beispiel eine Theatergruppe, die eine Performance mit Bezug auf das Buch der lateinamerikanischen Schriftstellerin Liliana Colancio aufführen wird. Dieses Spiel mit Genres ist mir wichtig. Ich glaube, dass es eine wesentliche Beziehung zwischen Literatur und Aktivismus gibt. Sie ist ein weiteres unumgängliches Element der Welt, in der wir leben.

Welche Rolle spielt die Literatur in der Politisierung des Erinnerns und des Schmerzes?
Ich bin der Überzeugung, dass ich beim Schreiben eine Sprache nutze, die nicht mir gehört. Es ist eine Sprache, die ganzen Gemeinschaften von Sprechern gehört. Eine Sprache, die bereits mit Geschichte behaftet ist. Ich ergänze meine eigene Geschichte mit ihren Konflikten, Hoffnungen und Visionen. Dort beginnt für mich die Beziehung zwischen dem Literarischen und dem Politischen. Ich sage „das Politische” statt „die Politik”, weil ich denke, dass es sich um zwei verschiedene Dinge handelt. In der Sprache werden verschiedene Formen der Hierarchie überprüft und bekämpft, es werden Gesprächs- und Handlungsfelder eingeschränkt oder erweitert. Deswegen denke ich, dass es eine Beziehung und eine Verantwortung derer gibt, die eng mit der Sprache arbeiten und den vielfältigen Realitäten, die wir mit ihr durchlaufen. Für mich ist es weniger eine Frage des Themas oder des Gegenstandes, sondern vielmehr eine Frage, die mit den Materialien selbst zu tun hat, die Teil der Handlung oder dieser Praxis sind.

Sehen Sie sich als Aktivistin?
Auf unterschiedliche Art: Ich bin zum Beispiel nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Professorin in den USA. Ich leite seit einigen Jahren ein Doktoratsstudium für kreatives Schreiben in spanischer Sprache. Das Programm wurde 2017 ins Leben gerufen, gerade als das Weiße Haus Spanisch von seiner Website entfernte. Der Höhepunkt war vor nicht allzu langer Zeit, nachdem Englisch zur offiziellen Sprache der Vereinigten Staaten erklärt wurde, was es zuvor noch nie gegeben hatte. Für mich ist die Leitung dieses Programms, in dem wir Schriftsteller, die in den USA auf Spanisch schreiben, beherbergen und eng mit ihnen arbeiten, ohne Zweifel eine Art von Aktivismus. Vielleicht ist der wichtigste davon ein linguistischer Aktivismus − nicht nur die Verteidigung der Sprache, sondern auch die Verteidigung der Gemeinschaften, die sich in dieser Sprache ausdrücken, leben, träumen und hoffen. Die USA sind nach Mexiko das zweitgrößte spanischsprachige Land der Welt. Das gibt uns eine Vorstellung, welche Bedeutung die Gemeinschaft und ihre Sprache in den Vereinigten Staaten heute haben.

Sie arbeiten viel mit dem Thema Grenzüber­schreitung und Migration. Wie überschreiten Sie Grenzen?
Ich wurde in Matamoros im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten geboren. Fast mein ganzes Leben lang habe ich an Grenzen gelebt. Ich war 20 Jahre in San Diego, wo ich oft die Grenze zur mexikanischen Stadt Tijuana überquert habe. Ich komme aus einer Tradition von Generationen von Grenzbewohnern. Ich habe dazu ein Buch geschrieben, Autobiografía del algodón (Autobiographie der Baumwolle), das hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt wird, in dem ich die Migrations- und Grenzerfahrungen meiner Großeltern mütterlicherseits untersuche. Das heißt, die Grenze hat mich in vielerlei Hinsicht durchquert, sie ist Teil meiner Familiengeschichte, meiner persönlichen Geschichte und meiner Arbeit. Es gibt ein Bestreben, Grenzen zu überschreiten, zum Beispiel formale Grenzen, Geschlechtergrenzen und litera­rische Genregrenzen. Es gibt ein Beharren, in den Bereichen und Kulturen zu arbeiten, in denen sich verschiedene Disziplinen berühren. Ich habe zum Beispiel gerade das studiert: erst Theologie, dann Geschichte. Aber ich lese viel zu Anthropologie, zu Philosophie und zu Literatur natürlich, und mich interessieren die bildenden Künste und zeitgenössische Kunst. Ich versuche diese Interessen in die Bücher, die ich schreibe, einfließen zu lassen. Ich bin also von Geburt an, aber auch aus eigener Entscheidung Grenzgängerin, und deswegen beleuchte ich die Problematik der Grenzen, ihre tödliche Macht und die Notwendigkeit, sie zu überschreiten.

Welche Grenze fällt schwer zu überschreiten?
Es gibt in Lilianas unvergänglicher Sommer eine letzte Grenze, die Grenze zwischen Leben und Tod. Ein Teil der Erfahrung beim Schreiben dieses Buches, das sich mit dem Femizid befasst, dem meine Schwester 1990 zum Opfer fiel, ist es festzustellen, wie durchlässig diese Grenze ist, wie viele Wege es hin und zurück gibt. Die Tatsache, dass die Toten bei uns bleiben − wie unsere Großeltern und Vorfahren wussten − dass sie die Grenze überschreiten, diese letzte Grenze, die zwischen Leben und Tod existiert.
Welche Hürden gab es beim Schreiben von Lilianas unvergänglicher Sommer?
Ich glaube in diesem Fall war ein ausschlaggebender Punkt die Sprache, die in den letzten zehn, 20, 30 Jahren eine sehr starke feministische Bewegung und machtvolle Frauen hervorgebracht hat. Ich glaube, dass wir jahrelang aufgrund der patriarchalen Narrative nicht über ausreichende Konzepte verfügten, um Geschichten der geschlechtsspezifischen Gewalt zu erzählen. Und zwar aus der Sicht der Frauen, ihrer Familien und ihrer Gemeinschaften. Ich glaube uns fehlte − mir persönlich fehlte − die Entwicklung einer Reihe von Begriffen und Konzepten, die uns jetzt ermöglichen, die patriarchalen Narrative zu untergraben, zu hinterfragen, zu kritisieren und die Stimme und die Erfahrung von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Um diese Geschichten kritisch zu erzählen, auf eine andere Art, auf eine Art, die sich den Krallen des Patriarchats entzieht.

Was muss in den heutigen Diskurs in Deutschland eingebracht werden?
Ich denke, mit den eingeladenen Schriftsteller*innen des Internationalen Literaturfestival Berlins machen wir einen guten Anfang. Es handelt sich um migrantische Schriftstellerinnen und Schriftsteller und engagierte Aktivisten. Sie sind Teil einer aktuellen zeitgenössischen Debatte. Sie sind vor allem unglaublich intelligent und verfügen über eine unerschütterliche Sensibilität. Leute wie Javier Zamora, der in seinem autobiografischen Buch Solito davon erzählt, haben persönliche Erfahrung damit, was es bedeutet, in sehr jungen Jahren ein ganzes Land zu durchqueren. Es war eine gefährliche Reise, dort hinzugelangen, wo er heute lebt. Ich beziehe mich hier auf Javier, aber Claudia Donosa und Roxana Crisólogo könnten das Gleiche erzählen, auch Gabriela Wiener, von Velia Vidal ganz zu schweigen. Ich denke hier haben wir Personen, mit einer tiefen persönlichen Erfahrung, die sie erforscht und zum Ausdruck gebracht haben, in einer sehr angespannten, dringlichen, aber auch freudigen Sprache. Ich vertraue also darauf, dass sie mit ihrer Intelligenz und Leidenschaft Gespräche anregen können, die für unsere Zeit von grundlegender Bedeutung sind.


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„Koloniale Wunden heilen“

Portrait von Pancho Godoy mit seinem Buch

Woher stammt die Idee zu deinem Buch?
Ich zitiere gerne bell hooks, um zu erklären, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Sie sagt, dass sie zur Theorie kam, weil sie Schmerz empfand und die Theorie half ihr, einen Weg zu finden, um bestimmte Wunden zu heilen, die sie nicht verstand. Für mich war das Schreiben dieses Buches ein persönliches und kollektives Werkzeug, um zu überlegen, wie man das benennt, was einen verletzt. Wie man das benennt, was auf eine sehr subtile, alltägliche Weise unterdrückt. Indem man es benennt, entstehen auch Formen der Anerkennung, die es ermöglichen, sich eine gewisse Heilung vorzustellen. Für mich bedeutet Heilung, anzuerkennen, dass wir mit diesen Schmerzen, Wunden, Traumata leben. Wenn wir mit nicht-gemischten Gruppen arbeiten, zum Beispiel mit Migrantinnen oder Dissidentinnen, nenne ich diese gerne „Gemeinschaften des Schmerzes und der Freude“. Wir umarmen den Schmerz, aber entkommen ihm auch durch Freude: durch das Zusammensein, das gemeinsame Essen, Tanzen, Teilen.

Was ist die Blancografíe und wozu dient sie?
Die Blancografíe ist ein kritisches Werkzeug, das von Denkerinnen wie Michelle Mattiuzzi, Jota Mombaça und Jess Oliveira entwickelt wurde. Sie begannen, den Begriff – auf Englisch whitenography – zu verwenden, um zu analysieren, wie der dekoloniale Diskurs stark von weißen Männern dominiert wird. Aus dieser Kritik entstand eine Methode, um Weißsein als Machtsystem zu lesen. Ich habe sie als persönliche Methodologie übernommen, um meine Beziehung zu Europa zu verstehen: wie sich Gewalt wiederholt, wie weiße Körper nach sich wiederholenden, fast mechanischen Mustern handeln. Das ist nichts Neues. Schon Frantz Fanon, aber auch viele Indigene Völker haben das analysiert.

Du sprichst oft von „Weißsein“ – warum ist dieses Wort wichtig?
Weißsein zu benennen war sehr schwer. Die Spanier – spätestens seit Hegel sie als Teil Afrikas bezeichnete oder sie sich selbst in den 2000ern als Teil der „PIGS“ (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien) bezeichneten – glaubten an das Märchen, „Süden“ zu sein. Also hielten sie sich nicht für so europäisch, so westlich wie Nordeuropa. Es gibt viel Widerstand, wenn man sagt: „Seht her, es gibt eine koloniale Geschichte, eine koloniale Erinnerung.“ Alles, was im Prado oder im Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC) steht, basiert auf kolonialem Raub. Mein Buch enthält Texte, die ich vor über zehn Jahren begonnen habe zu schreiben. Damals war es extrem schwer, das Weißsein in Spanien überhaupt zu benennen. Jemandem zu sagen „Du hast weiße Privilegien“ oder „Du übst weiße Vorherrschaft aus“, stieß sofort auf Ablehnung. Im Vergleich dazu gibt es in Ländern wie Frankreich oder Großbritannien – trotz starkem strukturellem Rassismus – zumindest eine gewisse Anerkennung weißer Privilegien. Doch Spanien war und ist eine koloniale Macht und das wird selten kritisch reflektiert.

Wie zeigt sich diese Verleugnung der kolonialen Vergangenheit in den Kulturinstitutionen?
Man muss nur in den Prado oder ins MNAC schauen. Der Reichtum, der dort gezeigt wird, basiert auf kolonialer Ausbeutung. Es geht nicht nur um Objekte aus Lateinamerika, Afrika oder den Philippinen, sondern auch um Paläste, monumentale Architektur, ein ganzes weißes Wohlstandssystem, das auf kolonialer Gewalt basiert. Im Buch erwähne ich Potosí, eine Stadt in Bolivien, über die man sagte: mit all dem gestohlenen Silber könnte man eine Brücke bis nach Sevilla bauen. Dieses Bild sagt alles. Heute gibt es zwar ein gewisses Interesse, Museen zu „dekolonisieren“ oder Narrative zu überdenken, aber oft bleibt es bei oberflächlichen Gesten. Eine echte Anerkennung der kolonialen Erinnerung würde tiefgreifende politische, wirtschaftliche und rassistische Strukturen infrage stellen.

Welche Folgen hatten die Haitianische Revolution und andere Dekolonisierungsprozesse für Afrika und Lateinamerika?
Die Haitianische Revolution war ein Wendepunkt in der Kolonialgeschichte: eine radikale Revolution, später wiederholt in Algerien oder Äquatorialguinea, bei der versklavte und kolonialisierte Völker die Kolonisatoren vertrieben und in einigen Fällen töteten. Die Reaktion des Westens? Strafe. Politisch, wirtschaftlich, symbolisch – und diese Strafe dauert bis heute an. Afrikanische Geschichte ist kaum bekannt, und im globalen Vorstellungsraum ist Afrika fast unsichtbar. Das politische und wirtschaftliche System hat diese Gesellschaften an einen Ort der „Bestrafung“ verbannt und ihnen Strukturen wie den Nationalstaat auferlegt, die ihren kulturellen Realitäten nicht entsprechen. Gleiches gilt für Lateinamerika. In Argentinien etwa, das sich selbst als „weißestes“ Land der Region darstellt, existieren mindestens sechsunddreißig Indigene Nationen. Aber der Staat strebt eine homogene Nation an und verleugnet diese Vielfalt. Und mit „Vielfalt“ meine ich nicht oberflächliche Kulturfragen, sondern tiefgehende Unterschiede: wie man das Leben versteht, wie man mit Umwelt, Gemeinschaft, Erinnerung und Zukunft umgeht.

Was hat all das mit Kapitalismus in Afrika und Lateinamerika zu tun?
Es ist wichtig zu erkennen, dass die Migration rassifizierter Menschen nach Europa nicht erst mit der Europäischen Union begann, sondern schon 1492 – als Indigene und Afrikanerinnen versklavt und auf die iberische Halbinsel gebracht wurden, um weißen Menschen zu dienen. Der Kolonisator hatte eine rein extraktive Beziehung zur Natur – und diese steht im Zentrum kapitalistischer Entwicklung. Deshalb spreche ich im Sinne afroamerikanischer Theoretikerinnen von einem „rassistischen Kapitalismus“. Die Stellung eines weißen Körpers ist nicht dieselbe wie die eines rassifizierten Körpers. Ein prekarisierter Spanier, der nach Lateinamerika migriert, erlebt sofort sozialen Aufstieg, allein durch seine Hautfarbe. Die Kolonisierung suchte nicht nur nach Gold oder Silber, sondern auch nach Farben, Düften, Gewürzen. Produkte wie Zucker, Kaffee und Tabak, für deren Produktion Millionen versklavt wurden, waren nicht lebensnotwendig, sondern für das Vergnügen gedacht. Das zeigt: Das koloniale System war eine Extraktion – materiell und symbolisch – zugunsten der weißen Bevölkerung.

Wie unterscheidet sich das Indigene Verhältnis zur Natur vom europäischen?
Indigene Gemeinschaften haben eine Beziehung zur Natur, die nicht rein utilitaristisch ist, sondern auch affektiv. Wenn man zum Beispiel Farbe aus einer Pflanze nimmt, tut man das nicht einfach wie bei einem Rohstoff. Es gibt ein Band, eine Absicht. In der Kolonialgeschichte wurden Farben wie Rot oder Blau für Monarchien und Gemälde gestohlen. Hinter diesen Farben steckt Gewalt, Ausbeutung. Dasselbe gilt für Paläste und Denkmäler: Wer hat sie gebaut? Mit welchen Materialien? Welche Geschichten verbergen sich darin? Wenn man diese Schichten aufdeckt, versteht man, dass vieles, was in Europa als selbstverständlich gilt, auf verschwiegenen Ausbeu­tungs­­prozessen beruht.

Welche spirituellen Folgen hatte das koloniale Naturverständnis?
Die Indigene Beziehung zur Natur ist von Respekt und Spiritualität geprägt. Wenn ein Tier getötet wird, geschieht das mit Vorsicht und Ritual, als Teil eines besonderen Moments der Gemeinschaft. Dasselbe gilt für Flüsse, Pflanzen, Berge – es gibt Kommunikation und Gegenseitigkeit. Die Kolonisatoren nannten das „Ausrottung von Götzendienst“, weil sie diese Verbindung ablehnten. Deshalb wurde der Katholizismus als einzig legitimer spiritueller Weg aufgezwungen. Die Kolonialisierung zerstörte nicht nur diese Praktiken, sondern säte auch Scham. Indigene und afrodiasporische Menschen schämten sich ihrer Wissensformen, ihrer Naturbeziehungen. Das betraf nicht nur das Materielle, sondern auch das Symbolische, das Sexuelle. In vielen Indigenen Kulturen war Heterosexualität keine politische Norm. Der Kolonisator brachte sein Produktionsmodell zusammen mit seiner Moral, seinem Strafbegriff und seiner Vorstellung von Sünde.

Was bedeutet das Wort „indix“?
Indix entstand in Gesprächen zwischen migrantischen, rassifizierten Menschen – oft in Städten geboren, in Europa, aber nicht-weiß, nicht westlich gelesen. Es ist ein Weg, sich über Indigene Wurzeln zu definieren, ohne sich auf ein bestimmtes Volk festzulegen. Daraus entstand auch der Begriff indix-deszendent, ein Sammelbegriff ähnlich wie „rassifiziert“. Er ist konfliktiv – eine Maya-Abstammung ist nicht dasselbe wie eine andere –, aber hilfreich als kollektive Kategorie.

Ist es nicht widersprüchlich, ein kolonial belastetes Wort wie „indix“ zu benutzen?
Ja, indix war ein Begriff, der gewaltsam von Kolonisatoren auferlegt wurde. Kolumbus dachte, er sei in Indien – und so nannte er alle Völker Abya Yalas „Indios“. Diese Vereinheitlichung ist zutiefst gewalttätig. Aber sich diesen Begriff zurückzuerobern, kann auch ein Werkzeug sein: um gemeinsame Erinnerungen zu benennen, eine Sprache des Widerstands und der Aneignung zu finden.

Welche Auswirkungen hat dieser Anerkennungsprozess im Alltag?
Er ist sehr bedeutsam. Ich habe gesehen, wie Menschen sich westliche Namen abgelegt und Indigene Namen angenommen haben – als Verbindung zu den Wurzeln. Es sind mikropolitische Gesten, alltägliche Heilungen. In meiner queeren, geschlechtsdiversen Community gab es oft schwierige Situationen mit den Familien aufgrund von Homophobie. Aber die Rückbindung ans Indigene wurde auch ein Weg, wieder mit der Familie in Kontakt zu kommen, mit der Ahnen-Erinnerung – jenseits von Ablehnung und Schmerz. Es hilft uns, uns selbst vollständiger zu umarmen.


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Ein normales Leben, unvergänglich

Cover des Buchs "Lilianas unvergänglicher Sommer"

Mit Lilianas unvergänglicher Sommer erscheint erstmals ein Werk der renommierten mexikanischen Autorin Cristina Rivera Garza auf Deutsch – ein forderndes Buch, das mit gewohnten Leseerwartungen bricht.

Cristina erzählt die Geschichte ihrer zwanzigjährigen Schwester Liliana, 29 Jahre nachdem diese von ihrem Ex-Freund ermordet wurde. Sie beginnt das Buch mit einer Szene, die ihre jahrzehntelange Trauerarbeit hervorhebt und erklärt, wieso sie ihre Scham und Verzweiflung nun in andere Bahnen lenken kann. Die Frustration und Schwere will sie selbstbestimmt beenden, denn Scham macht uns ihrer Ansicht nach zu Kompliz*innen der Mörder. Ihr Ziel ist jetzt Gerechtigkeit. In erster Linie ist das Buch eine Biografie einer junger Frau, verfasst von ihrer einzigen Schwester, doch gleichzeitig ist es auch weitgehend eine Autobiografie. Denn was das Buch besonders macht, erscheint auf den ersten Blick paradox: Liliana und Cristina sind beide begnadete Schriftstellerinnen und Poetinnen, die Liliana in gemeinsamen Zeugnissen und einem steten Reigen zum Leben erwecken. Liliana hat ihrem Tod und dem Vergessen die meisten Hindernisse selbst in den Weg gelegt: in hunderten Zetteln, Briefen, Schreibmaschinennotizen. Cristina ergänzt beide Perspektiven mit den Erzählungen und Erinnerungen von Kommiliton*innen und der Eltern. Auch der Täter hat sich mit Gewalt in Lilianas Geschichte eingeschrieben, doch sein Platz ist trist und schmal. Er bleibt als Person eine verdiente Leerstelle: Eine Randnotiz, die erwähnt werden muss, mehr nicht.

Gleichzeitig sind die biografischen Daten an sich nicht außergewöhnlich. Lilianas Erfahrungen, ihr Erwachsenwerden, ihre Freundschaften und ihre Romanzen: Das alles ist „normal“ für eine junge Frau in Mexiko, in Lateinamerika, auf dieser Welt. Genau aus dieser scheinbaren Banalität erwächst das Einzigartige, das dieses Buch auszeichnet. Eine gewöhnliche Geschichte, erzählt, notiert und kuratiert von außergewöhnlichen Autorinnen.

Im Kontext des Femizides verweist Christina zwar auf Gerechtigkeit, aber sie wird nicht aktivistisch: Ihr Stil ist stellenweise sehr schmerzhaft, manchmal wünscht man sich als Leser*in mehr Distanz, mehr Abstand. Aber eine Schwester kann keinen Abstand kennen: Sie kennt nur Nähe, und dadurch lernen auch wir Liliana so kennen, wie Ihre Nächsten sie kannten. Die Schwester steht im Vordergrund, nicht verbunden mit einer Anklage oder mit Forderungen bedacht, sondern als Mensch Liliana. Und dass wir diesen Mensch an das Patriarchat verloren haben, sollte genug Symbolkraft haben, um uns alle zu Veränderungen aufzufordern. Sicherlich ist es kein Buch mit einfachen Antworten. Doch Christina hat zwei nachhaltige und prägende Entscheidungen getroffen: Mit dem Buch hat sie einen bleibenden Erinnerungsort geschaffen und den Nachlass ihrer Schwester hat sie einem Archiv in Texas übergeben. So bleibt die Autorin ihrer Schwester treu: Gemeinsam haben sie Lilianas Sommer für die Nachwelt unvergänglich gemacht.


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Lyrik aus Lateinamerika

Illustration: Universo / Susana Alavez

VEN A VIVIR
TODAS LAS POETAS CONMIGO

Hay un romance esdrújulo
de la bruja monja
dedicado a su virreina
donde le pasa la mirada
por toda la cuerpa.
Qué calor hace.
Estoy segura de que
la argentina suicida
solo dijo una vez
“ven a vivir conmigo”
y fue a puras mujeres.
Quiero creer que
los hongos de Marosa
son los pezones
de alguna íntima.
Amiga, siéntate a comer.
Cuando Tatiana dibujó en arcilla una sirena.
fue tu boca de guayaba la que habló.
Yo digo esto con aceite de coco,
sin barroco,
sin morir,
porque, Susana, tienes 26 años
y los ojos de felina,
el cabello de colores.
Cuando éramos niñas,
grafiteabamos nuestros respectivos cuartos,
tú patinabas en tu colonia,
pero yo atrapaba los insectos en la mía;
nunca nos vimos,
solo imagino ahora tus dientes de leche,
¿imaginas la ira de mi adolescencia?,
Tardé 7 años en huir.
tú también te fuiste sola:
el miedo es una tableta sucia,
un enjambre de pelos mojados en la coladera,
un escarabajo.
No importa.
Ven a vivir todas las poetas conmigo,
tendremos todas las fotografías que existen en la munda,
todos los chuchupastes que arden en la papaya
y nos corroen el odio de machos,
siempre embriagadas tú y yo y las amigas
nadando como seres en una materia fungi,
gritaremos tanto rehilete juntas
que nuestras rosas, risas, se harán lengua.

KOMM UND LEBE
ALLE DICHTERINNEN MIT MIR

Es gibt eine esdrújula Romanze
von der Hexennonne
gewidmet ihrer Vizekönigin
wo der Blick
über ihren gesamten Körper* wandert.
Wie heiß es ist.
Ich bin sicher, dass
die suizidale Argentinierin
nur einmal gesagt hatte
“komm und lebe mit mir”
und nur zu Frauen.
Ich möchte glauben, dass
Marosas Pilze die Nippel sind
einer Vertrauten.
Freundin, setz dich und iss.
Als Tatiana auf Ton eine Meerjungfrau zeichnete,
war es dein Guavenmund, der sprach.
Ich sage dies mit Kokosnussöl,
ohne Barock,
ohne zu sterben,
denn, Susana, du bist 26 Jahre alt
und hast Katzenaugen,
die Haare bunt.
Als wir Mädchen waren,
haben wir unsere jeweiligen Zimmer bekritzelt,
du fuhrst in deinem Viertel Rollschuhe,
aber ich habe Insekten in meinem gefangen;
wir haben uns nie gesehen,
ich stelle mir jetzt nur deine Milchzähne vor,
kannst du dir die Wut meiner Jugend vorstellen?
Ich habe 7 Jahre gebraucht, um zu fliehen.
Auch du bist allein gegangen:
Die Angst ist eine schmutzige Pille,
ein Knoten nasser Haare im Abfluss,
ein Käfer.
Es spielt keine Rolle.
Komm und lebe alle Dichterinnen mit mir,
wir werden alle Fotos haben, die es auf der Welt* gibt,
all die chuchupaste-Wurzeln, die in der Pflaume brennen
und macho-Hass zerfrisst uns,
immer berauscht, du und ich und die Freundinnen,
schwimmen wie Wesen in einem Pilzgewebe,
wir werden so viele Pfeile zusammen schreien,
dass unsere Rosen, unser Gelächter, zu Sprache werden.


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Zarte Poesie des Alltags

Auf einer mit Wasserfarben getupften Wiese, über der Libellen schweben, liegt ein Kind und schaut in den Himmel. Der Titel Als du Wolke warst verrät schon, dass dies ein Buch zum Träumen ist. Die chilenische Journalistin und Schriftstellerin María José Ferrada nimmt uns in 16 Gedichten auf vorsichtige, aber mutige Entdeckungsreisen mit. Mit ihren behutsam gesetzten Worten erforschen wir die kindlich-neugierige Poetik des Alltags. Da galoppieren kleine Pferde über den Frühstückstisch, Astronauten erzählen auf dem Spielplatz von ihrer letzten Reise zum Mond und das vielbeschworene Monster unter dem Bett ist eigentlich ganz umgänglich und hält sich an seinem Stück Dunkelheit fest. Die verträumte, verspielte Lyrik Ferradas hat Übersetzerin Silke Kleemann wundervoll ins Deutsche übertragen.

Ferradas feines Gespür für sprachliche Details spiegelt sich in den farbenprächtigen Bildern wider, mit denen Zeichner Andrés López jedes Gedicht ergänzt. In fantasievollen und detail- verliebten Zeichnungen, mal wie von Kinderhand mit dickem Buntstift gekritzelt, dann wieder in fein getupften Ölfarben, erzählt López eine Geschichte außerhalb der Worte und lädt zum Entdecken und Interpretieren ein. In der farbenfrohen Welt von López‘ Bildern gibt es außer dem Kind keine weiteren Menschen, dafür wimmelt sie von Tieren und Geistern und sogar Berge erwachen zum Leben.

Aus dem Kleinen entsteht das Große und so wie alles entsteht, vergeht es auch: In mehreren Gedichten wird ein abwesender Großvater angesprochen. Ferrada wiederum widmet den Lyrikband ihrem eigenen Opa.

Die Autorin, die laut Angaben gerne Bücher schreibt und liest, die sie an die Zeit erinnern als sie sieben Jahre alt war, schafft mit Als du Wolke warst eine zauberhafte Sprachlandschaft, die nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene voller Überraschungen steckt. In der wunderschönen deutschen Ausgabe, erschienen beim „winzigen“ Verlag Hagebutte in München, kommen die Bilder von López zudem hervorragend zur Geltung.


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Globale Schwesternschaft

Anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens hat das österreichische Zeitschriftenkollektiv frauen*solidarität einen Sammelband herausgebracht. In sechs Kapiteln werden zentrale Fragen der feministischen Bewegung verhandelt: (Anti-)Rassismus und Postkolonialismus, Gewalt, Reproduktion, Politik, Arbeit, Umwelt und Klima. Es begann mit Empörung. 1982 fand sich eine Gruppe feministischer Aktivistinnen in Wien zusammen, um gegen die Frauenfeindlichkeit in der sogenannten Entwicklungshilfe aufzubegehren. Ihre Anliegen waren vielfältig: Es ging um das Recht auf Selbstbestimmung, aber auch darum, eine kritische Gegenöffentlichkeit zu patriarchaler Gewalt, Rassismus und Diskriminierung zu schaffen. Das war die Geburtsstunde der Zeitschrift frauen*solidarität. Von Anfang an war ein reger Austausch mit Menschen aus dem Globalen Süden Teil ihrer aktivistischen Arbeit. In der Zeitschrift, wie auch in den anderen Projekten im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit, wurden fortan klassische Themen des feministischen Diskurses erörtert, wie etwa sexualisierte Gewalt und Reproduktion. Zu Zeiten der großen Friedensdemos der 1980er Jahre forderten Menschen atomare Abrüstung und „neben dem Recht auf Frieden“ auch ihr Recht auf Mitbestimmung. Daraus ergaben sich Fragen nach Herrschaftsansprüchen und Umverteilung. Wie für viele andere soziale Bewegungen und politische Organisationen dieser Zeit wurde die internationale Solidarität die Basis für alle folgenden Aktivitäten der frauen*solidarität.

Auf dieses solidaritätsbewegte Netzwerk konnten die Herausgeberinnen von Global Female Future nun zurückgreifen. Es ist ihnen gelungen, ein vielstimmiges Buch mit Texten aus aller Welt und „ohne Glättung des Sperrigen“ zusammenzustellen. Selbstermächtigung als Gegenentwurf zu kolonialen Kontinuitäten, Widerstand gegen patriarchale Gewalterfahrungen, feministische Ökonomie als Antwort auf kapitalistische (Selbst-)Ausbeutung sind nur einige der Schwerpunkte. Darunter finden sich namhafte Autorinnen, Politikerinnen, Forscherinnen und Aktivist*innen wie Elisa Loncón, Gloria E. Anzaldúa, Verónica Gago, LASTESIS und viele andere.

Die verschiedenen Formate wie Essay, Manifest, Interview, Lyrik, aber auch wissenschaftliche Analyse, Reportage und Erfahrungsbericht sind eine abwechslungsreiche Lektüre. Infokästen ergänzen die Texte mit einem umfassenden Überblick zu einzelnen Initiativen und der Bewegung. Damit leistet Global Female Future einen wertvollen Beitrag zur feministischen Debatte. Der intersektionale Blick aus den verschiedenen Kämpfen wirkt inspirierend und birgt zugleich wertvolle Erfahrungen für Konfliktbewältigungen und Strategien zur Überwindung globaler Ungerechtigkeiten. Denn, so beschreibt es die peruanische Schriftstellerin und ehemalige Kongressabgeordnete Rocío Silva Santisteban, „(…) ein auf Fürsorge ausgerichtetes Leben ist etwas, das wir als zivilisatorischen Paradigmenwechsel in Betracht ziehen müssen: Es ist ein konkretes Handeln, das wir Frauen uns, vereint, auf der ganzen Welt auf unsere Fahnen schreiben müssen.“


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„DEN ORT WIE EINE FLUSSMÜNDUNG GESTALTEN“

Im März findet zum sechsten Mal die „Fiesta de la lectura y de la escritura del Chocó“ (Fest des Lesens und des Schreibens des Chocó, FLECHO) statt. Worum geht es da?

Wir haben FLECHO 2018 ins Leben gerufen, weil wir eine Buchveranstaltung in Quibdó, der Hauptstadt des Chocó, haben wollten, die für alle offen ist. So etwas gab es vorher nicht. Wir wollten, dass der Chocó als Ort der Begegnung, des Wortes, der Kunst und der Kultur positiv wahrgenommen wird. Es geht dabei um das Recht auf Lesen. Auf dem Festival soll das Leben gefeiert werden, gemeinsam Gesellschaft geknüpft werden. Dieses Jahr werden wir uns mit Migration beschäftigen, einem Thema, das viel mit uns zu tun hat: mit den freiwilligen und unfreiwilligen Migrationsbewegungen, die wir erlebt haben, aber auch mit den biologischen Migrationen der Artenvielfalt, die uns umgibt und durchzieht.

In deinem Buch Aguas de Estuario (Mündungsgewässer), das 2020 erschienen ist, identifizierst du dich stark mit dem Pazifik. Du benutzt das Bild des Salzwassers, das gegen das Süßwasser drückt, um eine Art hybriden Raum zu schaffen. Wenn du der Pazifik bist, was sind dann diese Flüsse?

Davon gibt es sehr viele. Es gibt zum Beispiel einen sehr starken Fluss, der mit meiner Ausgrenzung und der kollektiven Ausgrenzung zu tun hat. Ich spreche kein Englisch. Und ich weiß, dass das daran liegt, dass ich als Afrofrau aus dem Chocó nie eine Schule besuchen konnte, in der ich Zugang zu einer guten Ausbildung gehabt hätte. Aber es gibt auch den Pazifik: Die Tatsache, dass mein Mann damit einverstanden ist, dass ich für ein halbes Jahr weggehe, um Englisch zu lernen, weil wir glauben, dass das für meine Arbeit als Schriftstellerin und Kulturmanagerin wichtig ist. Das ist der Pazifik, der gegen die Ausgrenzung anrollt. Ein anderes Beispiel ist unsere Arbeit mit MOTETE. Wir arbeiten mit Literatur, obwohl die Stereotypen uns auf die Arbeit mit Tanz und Musik reduzieren – auf die Körperlichkeit und die Mündlichkeit. Wenn man sich entscheidet, eine Kultur zu fördern, die normalerweise nicht mit der Afrobevölkerung in Verbindung gebracht wird, dann ist das der Pazifik, der gegen einen anderen Fluss ankämpft.

Was passiert, wenn der Pazifik auf diese Flüsse der Ausgrenzung trifft?

Wir werden von vielen Dingen erdrückt. Deshalb müssen wir versuchen, die Flüsse, die immer in diese Richtung geflossen sind, zurückzudrängen. Das bedeutet, dass wir diesen Ort wie eine Flussmündung gestalten: manchmal dunkel, manchmal transparent, manchmal schlammig, aber immer voller Leben. Hier wird viel Leben geboren. So wird dieser Ort, der so unbestimmt, so ungewiss, so gefährlich ist – denn er ist gefährlich und hat mit Strömungen zu kämpfen –, dieser Ort, von dem man nicht weiß, ob er süß oder salzig ist, zu einem fruchtbaren Ort.

Welche Autor*innen gibt es noch im Chocó, der für Literatur ja gar nicht bekannt ist?

Derzeit wird eine Bibliothek der kolumbianischen Literatur von Frauen erstellt, das ist sehr wichtig. Da wurden unter anderem Teresa Martínez de Varela mit Mi Cristo negro und meine Freundin Yihan Rentería Salazar aufgenommen. Sie erzählen von der Region Chocó aus. Ihre Stimmen sollten bekannter werden. Auch die Erzählungen von Carlos Arturo Truque, die in der Afrokolumbianischen Bibliothek erschienen, sind meiner Meinung nach nicht bekannt genug. Es gibt einen Roman mit dem Titel La hija del aguijón, geschrieben von Eyda María Caicedo, die jung verstarb. Es gibt noch andere Leute im Chocó, die im Selbstverlag publiziert haben. Ich schätze es sehr, dass César Rivas Lara oder Ana Gilba Ayala niemanden um Erlaubnis fragen, bevor sie veröffentlichen.

Woran liegt es, dass Literatur aus dem Chocó weniger bekannt ist?

Der kolumbianische Literaturbetrieb ist sehr geschlossen. Wir haben im Chocó mit großen Nachteilen zu kämpfen, zum Beispiel gibt es kein Literaturprogramm, es gibt keine Kunstfakultät, und das hat direkte Auswirkungen auf die Ausbildung neuer Autor*innen. Um gegen diese Strömungen anzukämpfen muss man so sein wie der Pazifik – sich einen Platz im Literaturbetrieb erkämpfen und die Entscheidung treffen, Schriftsteller zu werden. Es ist sehr schwer für uns, diesen Weg zu gehen, und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich es geschafft habe.

Vor Kurzem habe ich in der Zeitschrift 070 einen Artikel mit dem Titel „Racismo en Esta herida llena de peces“ („Rassismus in Esta herida llena de peces“, Anm. d. Red.) veröffentlicht. Über den Rassismus in einem Roman zu sprechen, der bei Angosta Editores, einem sehr wichtigen Verlag in Kolumbien, erschienen ist, bedeutet: Das zu riskieren, was man sich aufgebaut hat – ein weiterer mächtiger Fluss, gegen dessen Strömung man anschwimmen muss. Zu sagen: „Dieser Roman handelt vom Chocó, und ich muss es sagen: Er ist rassistisch“, ist ein Drahtseilakt. Ich muss abwägen: Welchen Weg will ich im Literaturbetrieb dieses Landes einschlagen, wie will ich mich positionieren. Schweigen und den Kopf einziehen, um nicht rausgeschmissen zu werden? Es war entlarvend für mich, dass ich den Artikel an ein sehr wichtiges Medium geschickt hatte, das zunächst zusagte, sich dann aber nicht mehr meldete und den Artikel nie veröffentlichte. Zum Glück waren die Leute von 070 absolut offen.

Manchen gilt der Pazifik als Symbol für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Was sagst du dazu?

In meiner vorherigen Antwort habe ich von Autoren aus dem Chocó gesprochen, weil ich glaube, dass diese Vorstellung vom Pazifik gefährlich ist. Sie verleitet uns dazu, eine Region über einen Kamm zu scheren, die sehr vielfältig ist. Das Cabo Corrientes als wichtiges geografisches Merkmal des Pazifiks zeigt, dass man nicht alles über einen Kamm scheren kann. Vom Cabo Corrientes aufwärts ist der Pazifik völlig anders als vom Cabo Corrientes abwärts. Das zeigt sich zum Beispiel in den gastronomischen Gepflogenheiten, in der Art zu sprechen, in der Musik und in vielen anderen Dingen. Die Menschen von der Pazifikküste sind ganz anders als die Menschen im Landesinneren, etwa am Fluss San Juan, am Fluss Atrato oder an der Karibik. Die Idee des Pazifiks ist eine weitere Vereinfachung aus dem Zentrum des Landes, eine so absurde Vereinfachung, dass sogar Cali darunter gefasst wird.

Was kann man dem entgegensetzen?

In einem Artikel der spanischen Tageszeitung El País werde ich als einzige lebende Afroschriftstellerin dargestellt, alle anderen seien Mestizos und Mestizas. Ich respektiere die dort Genannten sehr, einige von ihnen liebe ich von ganzem Herzen. Aber ja, sie sind zweifellos Mestizos und Mestizas. Ihre Romane sind sehr unterschiedlich, was den Sprechort der Protagonist*innen und die Figuren angeht. Ich finde, darin liegt ein Reichtum. Aber es sind ganz andere Stimmen als meine. Es geht mir nicht darum, die eine über die andere zu stellen. Ich glaube auch nicht, dass wir nur über uns selbst sprechen können. Aber es muss eine größere Vielfalt geben, das würde die Perspektiven bereichern. Ich versuche, Verallgemeinerungen über den Pazifik zu vermeiden, weil sie ein großes Risiko bergen. Zwar gibt es auch ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass dieses Gebiet, das nicht erzählt wurde, erzählt werden muss. Und es gibt einen Markt dafür. Und deshalb entstehen Dinge wie Esta herida llena de peces. Dabei ignorieren wir unsere Unfähigkeit, die Art und Weise zu hinterfragen, wie wir die anderen erzählen. Ich glaube nicht, dass man nur über sich selbst schreiben kann, man kann auch von anderen erzählen. Aber man muss in der Lage sein, sich zu fragen, wie man von diesem Anderen erzählt, und das ist vielleicht das Wichtigste bei dieser Übung, vom Pazifik zu erzählen. Wer schreiben will, soll es tun! Darum geht es in der Literatur, um Freiheit, aber es ist wichtig, dass wir uns fragen, wie wir vom Anderen erzählen, insbesondere von einem rassifizierten Anderen und einem ausgeschlossenen Anderen.

In deinem Buch benutzt du oft den Begriff des Glücks. Wie steht es heute um das Glück der Flussmündung?

Vergangene Woche bin ich aufgestanden und das erste, was ich las, war, dass zwei junge Frauen in Quibdó ermordet worden waren, ganz in der Nähe unserer Bibliothek. In meinem Dorf ermordeten Paramilitärs einen Schizophrenen, weil sie beschlossen, dass sie keine „Verrückten“ im Dorf haben wollten. In demselben Park, in dem wir das FLECHO-Festival veranstalten, haben sie um sechs Uhr abends zehn Mal auf ihn geschossen.

Gleichzeitig ist MOTETE größer geworden, hat ein wunderbares Arbeitsteam, Pläne und Verbündete. Alles, was wir tun, tun wir inmitten eines Departamento, das von der verstärkten paramilitärischen Gewalt zerrissen wird. Und man fragt sich: Was mache ich? Gebe ich mich der Trauer und dem Schmerz hin oder gebe ich mich dem Leben in einer Blase hin, um diesem Schmerz nicht begegnen zu müssen? Der Weg ist die Flussmündung. Oder, wie eine mit mir befreundete Lesefördererin sagte: „Ich habe verstanden, dass es kein Paradies ohne Schlangen gibt.“


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HEILIGENVEREHRUNG UND AUFSTIEGSHOFFNUNG

„Reynosa die Böse, die Straße ist gefährlich …“, rappt das Duo Cano & Blunt über seine Heimatstadt Reynosa im Bundesstaat Tamaulipas an der Nordgrenze Mexikos. Der sogenannte Drogenkrieg in Mexikos Grenzregionen zu den USA hat sich längst in der Popkultur niedergeschlagen. Narco-Rap, also Rap, der im Zusammenhang mit dem narcotráfico, dem Drogenhandel, steht, ist eine relativ neue Ausdrucksform. Künstler*innen wie Cano & Blunt, Lirik Dog, Big Los und andere rappen in teilweise gewaltverherrlichender Weise über die Aktivitäten der Drogenkartelle und insbesondere die „Heldentaten“ einzelner Kartellmitglieder, aber auch über das Leben in den barrios, den urbanen Peripherien, der Großstädte Reynosa und Matamoros. Oft handelt es sich dabei um Auftragsarbeiten für hochrangige Kartellmitglieder, die sich damit Respekt verschaffen oder ein Denkmal nach dem Tod setzen wollen. Dieser Thematik widmet sich Christiane Goßen in einem auf ihrer Dissertation beruhenden Buch. In Narco-Rap untersucht die Kulturwissenschaftlerin den Narco-Rap als ein Musikgenre, das vom organisierten Verbrechen instrumentalisiert wird. Denn auch wenn die Narco-Rapper sich nicht als Mitglieder der Kartelle verstehen, so sind sie durch Auftragsarbeiten mit ihnen verbandelt und nehmen deren Perspektive ein. Goßen möchte herausfinden, zu welcher Darstellung der marginalisierten Bevölkerungsschichten und der barrios das führt. Dazu analysiert sie Songtexte und ergänzt die Ergebnisse durch Interviews, die sie mit Narco-Rappern geführt hat. Die Songs nehmen eine alternative Kartierung vor, denn im Narco-Rap steht das barrio im Fokus, während es meistens in mehrfacher Hinsicht am Rande liegt. Die besungenen Städte sind weit weg von der Hauptstadt und orientieren sich stattdessen zur Grenze mit den USA. Die barrios liegen wiederum in der Peripherie dieser Grenzstädte. Dort, so suggerieren die Texte laut Goßen, sei der soziale Aufstieg und damit ein Ausweg aus dem harten Leben nur durch das organisierte Verbrechen möglich. Folgerichtig werden Drogen in den Songtexten als allgegenwärtiger und hochprofitabler Wirtschaftsfaktor dargestellt.
Einnahmequelle der barrios zu erhalten, erscheint die gewaltsame Auseinandersetzung mit der Staatsmacht unvermeidlich und die Kartellmitglieder werden in den Status heldenhafter Soldaten erhoben. Ein Bindeglied zwischen den kriminellen Aktivitäten und dem Alltag der barrio-Bewohner*innen ist die Verehrung von Heiligenfiguren wie der Santa Muerte oder San Judas Tadeo, die als Beschützer*innen krimineller und marginalisierter Menschen gleichermaßen gelten. Dem immer wieder aufscheinenden Spannungsfeld zwischen einem legalen, aber mühsamen Leben und der Arbeit für das Kartell wird zudem durch einen hypermaskulinen Ehrbegriff begegnet. Demzufolge sind die männlichen Bewohner des barrio mit Stärke und Heldenmut gesegnet – und dadurch prädestiniert dafür, sich in der organisierten Kriminalität zu beweisen. Der konservative und patriarchale Ehrbegriff, den die Kartelle hochhalten, dient dabei als Aufwertung der eigenen, kriminellen Gruppe gegen den Staat. Die Schlussfolgerung, dass es sich bei der im Narco-Rap präsenten Kontrakultur um ein Versprechen nach Aufwertung und Anerkennung marginalisierter Gebiete und ihrer Bewohner*innen handelt, das letztlich unerfüllt bleibt und nur den Kartellen selbst nutzt, ist überzeugend. Gut gelungen sind auch die Stellen, an denen die Autorin eine innere Logik des Narco-Raps herausarbeiten kann, die sich zwischen Heiligenverehrung, Aufstiegshoffnung und patriarchalen Männlichkeitsfantasien aufspannt. Auch das Dilemma der Rapper, die eigentlich keine Kriminellen sein wollen, wird eindrucksvoll dargestellt. Leider wird der Gesamteindruck des Buches durch die eingenommene Perspektive getrübt.

Goßen schreibt mit der Stimme der unsichtbaren und vermeintlich immer objektiven Wissenschaftlerin. Ihre eigene Position und Perspektive benennt sie nicht. Das hat in der Wissensproduktion von Menschen aus dem Globalen Norden über den Globalen Süden Tradition und mag in dem akademischen Feld, an das sich das Buch primär richtet, Standard sein. Dennoch steht diese Praxis zu Recht in der Kritik, da sie das Machtgefälle zwischen den Forschenden aus dem Norden und den Erforschten im Süden reproduziert. In dem Buch lässt diese Perspektive den Narco-Rap und die barrios der beschriebenen Grenzstädte als eine fremde Welt erscheinen, die von, wie es wörtlich heißt, „archaischen Strukturen“ und ständiger Gefahr geprägt ist. Die Beschreibung von brenzlichen Erfahrungen aus ihrer Feldforschung, mit denen Goßen das Buch einleitet und abschließt, lassen an eine Abenteuererzählung denken und verstärken diesen Eindruck weiter. Die Protagonist*innen werden teilweise klischeehaft beschrieben, etwa wenn es über einen interviewten Rapper heißt, „der Geruch seines Aftershaves ist so aufdringlich wie es die Ketten und Armbänder aus Gold sind“. Wenn Widersprüchliches zu mehr Komplexität hätte beitragen können, finden sich Leerstellen. So wird etwa die Existenz von Frauen wie Blue Fronteraz, die als Narco-Rapperinnen aktiv sind, ausgeklammert. Bei den Interpretationen werden oft implizit eurozentrische Maßstäbe angelegt. So scheint die Autorin anzunehmen, dass Sozialkritik im Rap nur das sein könne, was aus dem US-amerikanischen Hip-Hop bekannt ist. Im Narco-Rap findet sie im Vergleich lediglich „trotzige Auflehnung“. Hier verschenkt die Autorin Potenzial für Erkenntnisse, die ihre Untersuchung aus einer gesellschaftspolitischen Perspektive noch interessanter gemacht hätten.

Dasselbe gilt für den Umgang mit bestehenden Diskursen und Machtverhältnissen. So wird beispielsweise ohne Quellenangaben erklärt, dass „besonders die unteren Gesellschaftsschichten anfällig für die Infiltration durch das organisierte Verbrechen sind“, ohne etwa die Verstrickung staatlicher Akteur*innen zu thematisieren. Insgesamt limitieren diese blinden Flecken den Erkenntnisgewinn der Analyse. Das Buch besticht dennoch durch die reichhaltigen Beschreibungen auf Basis der Songtexte und die vorsichtigen Schlussfolgerungen, die das zweifellos spannende und relevante Thema für eine weitere Auseinandersetzung öffnen. Um über eine Leser*innenschaft eher konservativer Kulturwissenschaftler*innen hinaus vollends empfehlenswert zu sein, hätte es jedoch einer stärkeren Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse bedurft.


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KEINE THEORIE OHNE PRAXIS

Das zapatistische Segelboot auf dem Weg nach Europa, indigene Vertreter*innen im chilenischen Verfassungskonvent, das gestürzte Kolumbusdenkmal im kolumbianischen Barranquilla – lateinamerikanische Kämpfe gegen den Kolonialismus und seine fortwährenden Unterdrückungsformen haben in den vergangenen Jahren viel Aufwind erhalten. Die dahinterliegenden Ideen sind aus vielen wissenschaftlichen Disziplinen nicht mehr wegzudenken.

Mit Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika hat der Soziologe und Kunsthistoriker Jens Kastner nun ein gelungenes Einführungswerk vorgelegt. Das Besondere an der Theorie ist, dass sie sich, anders als die post- oder antikoloniale Theorie, als ein transversaler Ansatz mit normativem Anspruch versteht, der über einen akademischen Rahmen hinausgeht. Dabei greift sie Annahmen etwa des Marxismus und Anarchismus, der Dependenztheorie oder der Befreiungstheologie kritisch auf, um sie zu erweitern oder zu verwerfen.

Eigenes Kapitel zu dekolonialistischem Feminismus

Kastner behandelt hier viele Aspekte einer Theorie und Praxis, deren Ziel ist, die Folgen des Kolonialismus zu schwächen oder abzuschaffen. Bemerkenswert, dass er dabei einem lange unbeachteten Aspekt ein eigenes Kapitel widmet: der Verschränkung von Diskriminierungsformen nach race und gender und deren Wurzeln im Kolonialismus. Einschlägige Autor*innen wie Rita Segato finden hier ebenso Platz wie die Anarchafeministin María Galindo oder María Lugones, die Quijanos Konzept von der Kolonialität der Macht auf Geschlechterverhältnisse erweitert hat. Ebenso stellt Kastner dekolonialistisch-feministische Konzepte wie den feminismo comunitario vor.

Das Herzstück des Werks ist das Verhältnis von dekolonialistischer Theorie und Praxis. Eine spannungsreiche Beziehung, die ausführlich betrachtet und kritisch analysiert wird. Soziale Bewegungen als Wissensproduzent*innen anzusehen, ist eine der zentralen Errungenschaften dekolonialistischer Ansätze. Doch die Frage, was heute als dekolonialistische Praxis definiert werden kann, lässt sich nicht so einfach beantworten. Ob auch linke Regierungsprojekte zu ihren Akteur*innen zählen, ist umstritten.
Aber auch davor, jede Mobilisierung von „unten“ als dekolonialistisch zu feiern, warnt Kaster und kritisiert Verallgemeinerungen dieser Theorie. Zudem wird die Kritik an der positiven Konnotation des Volksbegriffs mit einem „Exkurs zum pueblo“ (siehe S. 65) herausgearbeitet. Auch wenn der Autor hier keine perfekte Übersetzung liefern kann (Wie auch?), ist der vierseitige Exkurs auch und gerade für Übersetzer*innen, die sich schon einmal an diesem Begriff abgearbeitet haben, eine Bereicherung.

Jens Kastner ist ein spannender Überblick zur dekolonialistischen Theorie gelungen, der insbesondere Einsteiger*innen motivieren kann, sich weiter mit dem Theoriefeld zu befassen. Dabei stehen gut ausgewählte Zitate lateinamerikanischer Autor*innen immer im Mittelpunkt. Und auch die Legitimation seiner eigenen Sprecherposition als weißer, europäischer Mann beleuchtet der Autor bereits in der Einleitung kritisch. Sein Ziel ist, die dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika für deutschsprachige Leser*innen zugänglich und bekannter zu machen. Schade, dass das Buch kein Personen- oder Stichwortverzeichnis mitliefert. Aber der gut 200-seitige Band ist eben nicht als Nachschlagewerk gedacht, sondern als Einladung, sich immer mal wieder in die unterschiedlichen Kapitel zu vertiefen – denn das lohnt sich.


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ZWISCHEN FIKTION UND WIRKLICHKEIT

„Wer auch immer an einem schlechten Tag die Hölle erfunden hat, muss im Kopf eine genaue Vorstellung von Poso Wells gehabt haben“. So wird der Schauplatz des gleichnamigen Romans der ecuadorianischen Autorin Gabriela Alemán in dessen erstem Kapitel beschrieben. Poso Wells ist ein fiktiver Stadtteil der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil.

Eine entsprechend düstere Stimmung zieht sich durch den Roman. Gleich zu Beginn kommt der verheißungsvollste Kandidat der anstehenden Präsidentschaftswahlen auf groteske Art und Weise ums Leben. Während einer Podiumsveranstaltung kann der Politiker seinen Harndrang nicht zurückhalten und da sein Mikrofonkabel mit einem Starkstrommast verbunden ist, kommt es zu einem Kurzschluss, und er und einige seiner Parteikollegen erliegen einem Stromschlag. Der einzige potenzielle Nachfolger verschwindet spurlos.

Der Journalist Gonzalo Varas nimmt sich des Falles an, doch schnell geht es um weit mehr als um den verschwundenen Kandidaten. Varas unterhält sich mit den Menschen im Stadtteil und findet heraus, dass seit Jahren immer wieder Frauen verschwinden, ohne dass irgendjemand Genaueres darüber zu wissen scheint. Schnell stellt er Verbindungen zum Verschwinden des Präsidentschaftskandidaten her und beschließt, eine Weile in Poso Wells zu bleiben. Doch die Geschichte wird nicht nur aus Varas’ Sicht erzählt.

Korruption, geschlechtsspezifische Gewalt, illegaler Raubbau an der Natur, all diese Thematiken verstricken sich in Gabriela Alemáns Roman ineinander. Es passiert viel in kurzer Zeit. Und so absurd der Roman doch an einigen Stellen anmuten lässt, so realistisch wirkt er auch an anderen. Während einige Charaktere – so wie der besagte Präsidentschaftskandidat oder der kanadische Investor Holmes, der auf der Jagd nach neuen Bergbauberechtigungen nach Ecuador gekommen ist – überspitzt, satirisch und unsympathisch dargestellt werden, so nahbar wiederum wirken zum Beispiel Varas und sein Freund Benito. Und so hoffnungslos und düster Poso Wells auch anmutet, so finden nicht nur die Figuren des Buches auch Schönheit darin.

Realität und Fantasie vermischen sich im Laufe des Romans besonders durch die eingebundenen Elemente aus der Erzählung Das Land der Blinden des Science-Fiction Autors H.G. Wells, dessen Name der Autorin wiederum zur Schöpfung des Romantitels diente.

Gabriela Alemán war 2007 Teil von Bogotá 39, einer Gruppe von 39 bedeutenden lateinamerikanischen Autor*innen unter 39 Jahren. Der Roman, der in Ecuador bereits 2006 erschien, ist das erste Werk der Autorin, das ins Deutsche übersetzt wurde. Der Maro-Verlag wurde für die Übersetzung mit der „Verlagsprämie 2021 des Freistaats Bayern“ ausgezeichnet. Wie die Autorin selbst im Nachwort zur deutschen Ausgabe schildert, ist der Roman inspiriert von politischen Entwicklungen rund um die Präsidentschaftswahlen 2006.

15 Jahre sind seit Erscheinen der Originalversion vergangen, dennoch lassen sich nach wie vor erschreckend viele Parallelen zum lateinamerikanischen Gegenwartsgeschehen ziehen.


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„LITERATUR IST EINE POLITISCHE BOTSCHAFT“

DANIELA CATRILEO

ist geboren 1987 in Santiago de Chile, ist Schriftstellerin, Künstlerin und Philosophie-Dozentin und vor allem für ihr lyrisches Schaffen bekannt. Ihr erster Gedichtband Río herido, auf den weitere folgten, erschien 2016. Im Jahr 2019 veröffentlichte sie mit Piñen ihren ersten Prosaband. Als Schriftstellerin und Aktivistin setzt sich Catrileo für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein und thematisiert die Gewalt, die den Mapuche in Chile widerfährt. Für ihr Schaffen ist sie 2019 mit dem Literaturpreis der Stadt Santiago de Chile in der Kategorie Lyrik ausgezeichnet worden.
(Foto: Raúl Goycoolea)


 

Sie sind vor Kurzem beim internationalen literaturfestival berlin aufgetreten. Wie war es, sich nach anderthalb Jahren Pandemie wieder mit einem Publikum und anderen Autor*innen austauschen zu können?
Es war intensiv. Ich glaube, das ist der richtige Begriff, da es erst die zweite Veranstaltung mit größerem Publikum war, an der ich seitdem teilgenommen habe. In Chile war ich zuvor erst bei einem Event in Präsenz. Nach einer so langen Zeit der Onlineveranstaltungen war es eine intensive Erfahrung, sich mit anderen in der Öffentlichkeit auszutauschen. Insbesondere war es interessant, mit Autor*innen aus unterschiedlichen Kontexten in Dialog zu treten und über verschiedene Perspektiven und Erfahrungen ins Gespräch zu kommen; vor allem, weil es bei der Veranstaltung, an der ich teilgenommen habe, um den Austausch indigener Stimmen ging. Es hat Spaß gemacht und natürlich war ich auch sehr aufgeregt, erneut mit so vielen Menschen auf engem Raum zu sein.

Sie sind vor allem für Ihre Lyrik bekannt. Ihr erster Prosaband Piñen erschien 2019. Was macht Ihrer Meinung nach den Unterschied zwischen diesen beiden literarischen Gattungen aus? Wodurch zeichnen sie sich jeweils aus?
In letzter Zeit habe ich viel über die Unterschiede zwischen diesen Gattungen nachgedacht und ich muss sagen: Ich finde, sie sind nicht so groß. Ich fasse es mal so zusammen: Für mich ist das Schreiben transversal und ich habe mich schon immer mit verschiedenen Formaten auseinandergesetzt. Da ich zuvor keine Prosa veröffentlicht hatte, haben sich die Leute gewundert, wie das geht, wenn man bislang nur Poesie verfasst hat. Aber für mich ist daran nichts komisch, da das Schreiben mir die Möglichkeit bietet, mich zu entfalten, Denk- und Reflexionsräume zu schaffen. Die Grenzen einzelner Gattungen zu betonen, interessierte mich mit den Jahren immer weniger; im Gegenteil. Ich finde es spannend, diese starren Vorstellungen aufzubrechen. Für mich ist es interessant, mit den Buchstaben, mit den Worten zu experimentieren, mich reizen neue Formate und Darstellungsformen, zum Beispiel audiovisuelle Techniken.
Deshalb spreche ich mit Blick auf diese Schaffensräume von transversalem Schreiben. Aber natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Formaten: Prosa oder Lyrik zu lesen ist nicht das Gleiche. Vielleicht liegt einer dieser Unterschiede in der Verbreitung und Vermarktung eines Buches. Lyrik wird generell weniger gelesen, weil die Menschen gewisse Vorurteile bezüglich ihrer Undurchsichtigkeit und Komplexität haben. Dass viele Menschen sich an Lyrik nicht herantrauen, steht vielleicht auch mit Fragen von Bildung oder Zugänglichkeit in Verbindung. Prosa ist vielleicht leichter verdaulich, aber wie gesagt, ich finde, diese beiden Welten liegen nicht so weit auseinander.

Sie thematisieren in Ihrem Werk unter anderem koloniale Kontinuitäten und die Verdrängung der Mapuche in Chile. Bis zu welchem Grad kann und sollte Ihre Literatur als politische Botschaft verstanden werden?
Meiner Meinung nach ist Literatur immer eine politische Botschaft, unabhängig von ihren konkreten Inhalten. Es gibt gewisse Anzeichen der politischen Gesinnung der Autor*innen und schon das Schreiben als solches ist politisch. Es ist unmöglich, sich davon zu lösen, denn wir sind alle innerhalb eines bestimmten territorialen Kontextes verortet. Ich schreibe von meinem Ort aus, ich habe eine spezielle Geschichte mit einem kollektiven Gedächtnis, das eine bestimmte Erfahrung impliziert. Die Bücher, die ich bisher veröffentlich habe, weisen Spuren dieses kollektiven Gedächtnisses auf. Es setzt sich aus den Bruchstücken vieler Geschichten zusammen, die von kolonialen Kontinuitäten durchzogen sind. Ich glaube, es ist unmöglich, Kunst oder Literatur von politischer Aktion zu trennen, da sie Orte des Schaffens und auch des Widerstands sind – allein durch die bloße Tatsache, dass sie die Gestaltung neuer Utopien ermöglichen. Ich denke, es ist politisch, dass die Gruppen, die sich über einen langen Zeitraum dem Kolonialismus widersetzt haben, nun neue Handlungs- und Vorstellungsräume entwickeln können. Für mich ist das etwas Neues und in diesem Sinne politisch. Es ist eine Geste.

Sie haben das kollektive Gedächtnis erwähnt. In Interviews, aber auch in Ihrem Werk, hat dieser Punkt einen wichtigen Stellenwert. In welcher Beziehung stehen für Sie Literatur und kollektives Gedächtnis?
Das kollektive Gedächtnis ist zentral, weil es ein Bündel an Erfahrungen ist, ein Archiv, ein Zeugnis. Ich denke es ist wichtig, weil in diesen Archiven eine Spur zurückbleibt. Ein Buch, ein künstlerisches Werk erzeugt diese Spuren, diese Gesten, die in einem Artefakt eingeschrieben sind. Sie vergehen nicht mit dem Artefakt, sondern sie werden weitergegeben. Das ist sozusagen das Ansteckende am kollektiven Gedächtnis. Das kollektive Gedächtnis sammelt Dinge, es nimmt verschiedene Geschichten auf. In meinem Fall ist das kollektive Gedächtnis nicht nur Teil des Schreibens, sondern auch Teil anderer politischer Gesten. Ich mag es, das kollektive Gedächtnis in der literarischen Bildung einzusetzen und sein Fortbestehen durch Gespräche zu sichern. Für die Mapuche ist das kollektive Gedächtnis sehr wichtig. Als Möglichkeit der Gestaltung, der Restitution, der Wiederherstellung. Es wird am Leben gehalten, solange wir Utopien gestalten.

Im Gespräch mit der Moderatorin des ilb haben Sie die neue Verfassung, die gerade in Chile ausgearbeitet wird, als literarisches Werk bezeichnet. Was macht die neue „carta magna“ für Sie literarisch?
Ja, ich meinte damit vor allem eine bestimmte Art des Schreibens. Eine Verfassung symbolisiert eine Art des Schreibens und in gewisser Weise ist diese Verfassung, die – in Anführungsstrichen – demokratischste Art des Schreibens, die dieses Land bisher kennengelernt hat. Denn sie stammt aus der Feder unterschiedlichster Menschen. Sie wurde nicht im stillen Kämmerlein, nicht in einer Diktatur verfasst. Im Gegenteil: Sie wird von Menschen ausgearbeitet, die marginalisierte Gruppen der Zivilgesellschaft repräsentieren. Diese Gruppen sind sehr heterogen und ich denke, das ist das Pluralistischste, was je in diesem Land geschehen ist. Und das ist der Revolte und anderen sozialen Bewegungen, die in Chile schon seit langer Zeit bestehen, zu verdanken. In diesem Sinne sehe ich die Verfassung als ein literarisches Mittel. Eine symbolische Art des Schreibens, derer man sich nicht entziehen kann. Ich denke, man muss die Prozesse aufmerksam beobachten und die demokratischen Errungenschaften verteidigen. Wir glauben zwar, dass dieses literarische und politische Mittel Dinge verändern kann, aber es entsteht zu Teilen auch unter repressiven Bedingungen und vor allem innerhalb der Eliten wird es schwierig sein, für seine Akzeptanz zu werben. Das erwähne ich vor allem vor dem Hintergrund der rassistischen Anfeindungen gegenüber manchen Mitgliedern des Verfassungs­konvents. Auch wurden von verschiedenen Seiten Falschmeldungen verbreitet. Die Rechte initiiert politische Kampagnen, um der neuen Verfassung und dem politischen Prozess zu schaden .

Wie Sie bereits erwähnt haben, entstammt ein großer Teil der Mitglieder des Verfassungskonvents sozialen Bewegungen. Wie stehen Sie den Prognosen einer ökologischen und feministischen Verfassung gegenüber?
Ich finde interessant, dass verschiedene Vorstellungen von Ökologie eingebunden werden. Warum? Weil viele der Mitglieder des Verfassungskonvents aus Regionen stammen, die vom Extraktivismus gebeutelt sind. Es handelt sich also nicht um einen Diskurs, der von einer bestimmten Erfahrung entkoppelt ist. Es handelt sich vielmehr um einen verkörperten Diskurs: Es gibt einen Körper, der die Unterdrückung in seinem Territorium erfährt. Auf der anderen Seite gibt es die Vertreter*innen verschiedener indigener Gruppen, die die territoriale Zerstörung in ihren Gemeinden erlebt haben, und natürlich gibt es eine große Zahl feministischer Protagonist*innen, und all das ist Zeugnis der sozialen Revolte in Chile. Diese repräsentierte nicht nur eine politische Position, sondern eine politische Verflechtung vieler Sektoren, die in ihrer Heterogenität Kräfte freisetzten. Das heißt, wir hatten zum einen die starke Studierendenbewegung, aber auch all die anderen sozialen Mobilisierungen, die seit Jahren gegen die AFP (Private Rentenfonds, Anm. d. Red.), gegen den Extraktivismus in den Territorien, gegen die Ausbeutung des Wassers und mehr kämpfen. Dazu kommt die feministische Bewegung, die in den letzten Jahren erstarkt ist. Ich denke, das Wichtigste ist, diese Pluralität, diese Heterogenität der Verfassung zu verteidigen, die uns das Gefühl gibt, dass wir gemeinsame Brücken bauen können, weil wir in unserer Diversität in diesen Territorien zusammenleben. In gewisser Weise geht es darum, ein Gewebe zu flechten. Ja, das ist es: Die neue Verfassung ist ein Geflecht, in dem mehrere Stimmen existieren können.


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DIE WILDEN SIEBZIGERJAHRE

Zonästhetisch, eidoi, Inkuben, puella bondinis? Solcherlei Wörter sind keine extravaganten Seltenheiten in der mit Fremdworten und erotischen Anspielungen überladenen, technisch-akademischen Sprache Pola Oloixaracs in Wilde Theorien. Matthias Strobel ist es nun erstaunlich gut gelungen, die „mysteriöse Syntax“, wie es im Buch heißt, für die deutsche Ausgabe zu übersetzen.

Dieser latente Größenwahnsinn spiegelt sich auch in den Charakteren des Buches. Zuerst wäre da die sehr unterhaltsame Geschichte des holländischen Anthropologen Johan van Vliet, der 1917 bei einer Forschungsreise im heutigen Benin, am Rande des Wahnsinns, die „Egomanische Theorie“ entwickelt: Die Erzählung der Menschheitsgeschichte dürfe nicht mit den jagenden und sammelnden Gemeinschaften beginnen, denn der Teil, der bis heute all unsere Motivationen und Triebe präge, sei die kaum beachtete Zeit davor. Die Zeit, in der unsere Spezies noch in der ständigen Angst leben musste, Beute für andere Tiere zu werden. Verstreut im Buch erscheinen daher immer wieder kurze Kapitel mit Ritualen aus aller Welt, bei denen Jugendliche in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. Dabei hallt besagte Beute-Vergangenheit deutlich nach: Tierverkleidungen, Jagdspiele, Geisterrituale, Verletzungen, Überleben im Wald …

In der Welt der eigentlichen Hauptcharaktere des Buches scheint dieser Initiationsritus aus „sexuellen Rangeleien“, Partys, Drogen, vornehmlich jedoch aus einem intellektuellen Kräftemessen zu bestehen: Die zwei jungen Nerds Kamtchowsky und Pablo, alias Pabst, bewegen sich Anfang der 2000er Jahre durch die „urbanen Stämme“, wie Kamtchowsky es einmal bezeichnenderweise nennt. Das heißt, die Kunst- und (Sub-)Kulturszene von Buenos Aires. Dass die beiden das waren, „was man politisch inkorrekt nennt“, wie es im Buch heißt, wird schnell offensichtlich: Boshaft lästern und bloggen sie über die Szene und entwickeln einige wilde Theorien zu Sex, Masturbation und sozialen Hierarchien, die manchmal an den Sexualfrust in Houellebecq-Romanen denken lassen. Genial sind Einfälle wie ihr selbst-entwickeltes Spiel Dirty War 1976, das die zeitgeschichtlichen Konflikte Argentiniens, das im selben Jahr in eine Militärdiktatur (1976-1983) überging, in ein Computer-Rollenspiel verwandelt.

Ein weiterer Erzählstrang – oder Initiationsritus – des Romans ist eine bildhübsche und wie alle Charaktere etwas überhebliche Ich-Erzählerin. Sie ist, ebenfalls Anfang der Nullerjahre, Studentin bei einem verstaubten Philosophieprofessor, der van Vliets „Egomanische Theorie“ wieder ausgegraben hat und diese nun groß herausbringen will. Die junge Überfliegerin ist ihrem Professor jedoch schon einen Schritt voraus. Sie sucht den Ex-Guerillero Collazo auf, nun ebenfalls Professor und gefeierter Schriftsteller, um van Vliets Theorie an ihm in die Praxis umzusetzen: Sie provoziert „dunkle Triebe“ bei dem Mann, den sie heimlich ihr „Opfer“ nennt, um ihn dann jedoch genüsslich immer wieder auflaufen und abblitzen zu lassen. Hier beginnt der sicherlich umstrittenste Teil von Oloixaracs Werk. Mit der Figur des Ex-Guerilleros Collazo als einem eingebildeten, ungepflegten und notgeilen Macho, der der Ich-Erzählerin stolz von seiner kämpferischen Vergangenheit berichtet und alte Kampfeslieder anstimmt, wird nicht nur linker Machismo, sondern auch eine Verklärung der 1970er Jahre in Teilen der argentinischen Linken bloßgestellt.

Diese Kritik zieht sich auch durch die Geschichte Kamtchowskys, die selbst aus einem linken Umfeld stammt: Sie liest das Tagebuch ihrer in den Siebzigerjahren gewaltsam verschwundengelassenen Guerillera-Tante, das ihre begeisterte Mutter unbedingt zu einem Verlag bringen möchte. Das Tagebuch, dessen Einträge an Mao Tse-tung – nur liebevoll „Moo“ genannt – adressiert sind, liest sich wie die schlechten Herzschmerzgeschichten eines Teenagers. Dies könnte auch als bewusster Seitenhieb Oloixaracs auf die nach den Militärdiktaturen vor allem in südamerikanischen Ländern populäre testimonio-Literatur gelesen werden. Es offenbaren sich in diesem Tagebuch jedoch nicht nur Jugend und Naivität, sondern auch einige Widersprüchlichkeiten der vermeintlich sexuell-befreiten, für klare Ideale einstehenden Kämpfer*innen der Guerilla-Bewegungen der 1970er Jahre, vor allem beim Stichwort Machismo.

International erntete Oloixarac für Wilde Theorien viel Lob. Doch in Argentinien, wo der Roman schon 2008 erschien, wurde er in Feuilletons kaum positiv besprochen und die Autorin zum Teil sogar als „verkappte Faschistin“ diffamiert. Auch wenn diese Reaktionen etwas überzogen erscheinen, sind einzelne Ausschnitte – allerdings abseits der wilden Siebziger – mindestens ärgerlich. Hierzu gehört die Darstellung Miguels, einem Liebhaber Kamtchowskys mit Trisomie 21, der von ihr ständig abgewertet und als natürlicherweise triebgesteuert beschrieben wird, was bestehende Vorurteile zementiert. Oloixarac scheinen einzelne ihrer vielen Provokationen entglitten zu sein. Trotzdem ist der Roman insgesamt sehr lesenswert, humorvoll und sprachlich originell. Er demaskiert den allgegenwärtigen Machismo und die Tendenz zur Verklärung der Vergangenheit – was nicht nur für eine linke Selbstkritik sicherlich von Bedeutung ist.


Hola!

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