Eine Revolution für alle

Cover: Sandinistische Revolution und internationale Solidarität

Sandinistische Revolution und internationale Solidarität – Kontinuitäten und Brüche einer fünfzigjährigen Beziehung ist die vielstimmige Erzählung einer aufrührenden Epoche. Der als Nahua Script 20 vom Informationsbüro Nicaragua e.V. herausgegebene Band beginnt mit der Entstehung der Solidaritätsbewegung in den 1970er Jahren über die Dekade der 1980er bis hin zur Etablierung der Diktatur durch die ehemalige Befreiungsbewegung FSLN seit 2007. In einem Prozess kollektiven Erinnerns reflektieren nicaraguanische und deutsche Zeitzeug*innen aus unterschiedlichen, sich gleichwohl überschneidenden Perspektiven jene ereignisreiche Periode, die in der alten BRD in den 1980er Jahren nicht nur Linke, sondern Menschen aus verschiedenen Zusammenhängen mobilisierte: Christ*innen, Parlamentarier­i*nnen, Umwelt- und Friedensaktivist*innen und das gesamte Spektrum linker Aktivist*innen sozialer Bewegungen. Die Texte lassen die enorme Faszination nachspüren, die die sandinistische Revolution als soziales und kollektives Experiment auf viele Menschen ausübte: Solidaritätsgruppen vermehr­ten sich rasant und gingen vielfältige Beziehungen mit dem Land und seinen Bewohner*innen ein. Der Band lässt uns daran teilhaben, wie dieser intensive Kontakt zu einer tiefgreifenden Erfahrung vieler Aktivist*innen wurde. Illustriert wird das Buch mit Fotos, die den damaligen Zeitgeist gelungen einfangen. Ab Mitte der 1980er Jahre überschattete der von den USA gesteuerte Contrakrieg das Szenario, bewaffnete Angriffe auf die Zivilbevölkerung gehörten zur Kriegsstrategie. Das traf auch die Internationalist*innen: Eine Brigade wurde entführt und mehrere Wochen lang festgehalten.

Sandinistische Revolution und internationale Solidarität beschränkt sich nicht darauf, die einstige revolutionäre Euphorie zu feiern. Das Buch zeichnet Hindernisse und Fehlentwicklungen nach und das zunehmend konfliktreiche Verhältnis zwischen der FSLN und der feministischen Bewegung sowie Nicaraguas Indigenen und Schwarzen Bevölkerungsgruppen bis heute.

Im Beitrag „Nur wenn wir das Zentrum verschieben, können wir den Horizont erweitern“ umkreist Lucila Campbell das ideologische Klima, in dem vor allem junge Menschen nach der Rückkehr der FSLN 2007 aufwuchsen. Die revolutionären Konzepte mit ihrer „allgegenwärtigen aber hohlen Prä­senz” dienen dem Bedürfnis dieser Generation nicht mehr „das Neue” zu sagen. Gesellschaftliche Veränderungen verlangten auch von der Solidarität eine Neuorientierung.

Die Chronist*innen tragen zur Bewahrung des historischen Gedächtnisses bei – und das ist der Wert dieses Buches. In weiterem Sinne richtet es sich an „politisch aktive Menschen” außerhalb der Solidaritätsszene, so die Herausgeber*innen. Ob der besondere Kontext – die Revolution – heute noch trägt, Menschen zur Solidarität mit Nicaragua zu bewegen, ist dabei vielleicht nicht entscheidend. Immerhin zeugen 50 Jahre Nicaragua-Solidarität von einem politischen Phänomen, das sich über zwei Generationen bis heute am Leben erhalten hat.


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Lyrik aus Lateinamerika

NUTZLOS

Die wichtigsten Dinge
nützen nichts
in der Welt.

Weder das Gedicht
noch das Lied,
noch die Liebe,
noch die Hände
die dich sanft
durch die Nacht tragen.

Denn nichts davon
lässt sich kaufen.
Denn nichts davon
lässt sich verkaufen.

Denn was zählt
ist das Geld.
Denn dort draußen,
im Reich der Notwendigkeiten
sind wir nichts als Waren,
nützliche, veräußerbare, abstoßende
Dinge.

Also,
nutzlos
müssen wir uns hergeben.

Die eigenen Verse schenken,
und seine Stimme,
und seine Liebe,
und seine Nacht,
und sein Alles,
im Tausch für nichts.

Hier drinnen,
im Reich der Menschlichkeit,
beginnt
die Gabe des Lebens,
wo es kein Geld mehr gibt.

Und so, unveräußerlich,
unermüdlich,
geben wir uns nutzlos her

Marx is sad, Zeichnung von Jara Frey-Schaaber

INÚTIL

En el mundo
las cosas más importantes
no sirven para nada.

No sirve el poema,
ni la canción,
ni el amor,
ni las manos
que dulcemente te sostienen
durante la noche.
Porque nada de eso
se puede comprar.

Porque nada de eso
se puede vender.
Porque el dinero
es lo que sirve.

Porque allá afuera,
en el reino de la necesidad,
no somos sino mercancías,
cosas útiles, alienables,
repugnantes.

Entonces,
inútilmente
uno tiene que regalarse.

Entregar sus versos,
y su voz,
y su amor,
y su noche,
y su todo,
a cambio de nada.

Acá adentro,
en el reino de la humanidad,
el don de la vida
comienza,
donde ya no hay dinero.

Y así, inalienables,
incansables,
nos regalamos
inútilmente


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Lyrik aus Lateinamerika

Die schlafenden Giganten

Die Berge haben mich dazu eingeladen, über Kraft und Langlebigkeit nachzudenken.
Wenn ich sie sehe, denke ich an all die Zeit, die während ihrer Entstehung vergangen ist.
An das feste Fundament, das sie gegenüber den Schwankungen des Klimas darstellen.
An die Lebewesen, die sie durchwandern und auf ihnen wachsen. An die Ökosysteme, die sich unter ihren Bedingungen entfalten und sie als Zeug*innen haben.

Wenn die Stürme kommen, möchte ich an die Berge denken, die im Unwetter standhaft bleiben.
Wenn sich Steine in den Weg legen, möchte ich an die Anatomie eines Berges denken, die aus Millionen von Gesteinen aller Größen, Arten und Formen besteht.
Wenn ich ungeduldig werde, möchte ich an all die Zeit denken, die es die Berge gekostet hat, ihre majestätischen Körper zu formen.

Ich denke gern, dass Berge schlafende Giganten sind und dass deshalb auch Stille und Ruhe wichtig sind, um das Leben zu tragen.
Wie viele Organismen profitieren von dieser Ruhe?
Wie viele gewaltige Bäume graben tiefe Wurzeln in diese unbeweglichen Körper?

Wenn ich etwas von den schlafenden Giganten lernen kann, dann ist es der Wert und die Kraft der Ruhe inmitten einer beschleunigten Welt.
Vielleicht finde ich deshalb Zufriedenheit darin, sie aus dem Fenster eines fahrenden Fahrzeugs zu betrachten,
auf den Straßen
oder auf den Flugrouten.

Jede Begegnung mit der Vielfalt der Berge, die uns umgeben,
ist eine Gelegenheit, Botschaften von Ruhe, Vertrauen und Weisheit zu finden.
Ich stimme einem Fragment zu, das ich einmal gelesen habe:

Ich würde gern, wenn ich sterbe, zu einem Gipfel werden, eine schöne purpurne Berggestalt, die über Jahrhunderte hinweg den müden und traurigen Augen der Menschen gefällt.
Denn es stimmt, dass die menschliche Erfahrung ermüdend ist
und dass beim Sterben
zu einem Berg zu werden, der würdevollste Ruheort wäre.

// Übersetzung: Aurelia Tens

Los Gigantes Dormidos

Las montañas me han invitado a pensar en la fuerza y la longevidad.
Cuando las veo pienso en todo el tiempo transcurrido para su formación
En la base sólida que representan ante las variaciones del clima. 
Los seres que las recorren y crecen sobre ellas
Los ecosistemas que se tejen generan bajo sus condiciones como testigos 

Cuando vengan las tormentas 
Quiero pensar en las montañas que se mantienen firmes en la tempestad
Cuando se pongan las piedras en el camino
Quiero pensar en la anatomía de una montaña compuesta por millones de rocas de todos los tamaños, tipos y formas
Cuando me impaciente quiero pensar en todo el tiempo que les tomó a las montañas formar sus cuerpos majestuosos

Me gusta pensar que las montañas son gigantes que duermen y que entonces la quietud y la calma también son importantes para sostener la vida
¿Cuántos organismos se benefician de este reposo?
¿Cuántos árboles inmensos excavan profundas raíces sobre estos cuerpos estáticos?

Si algo puedo aprender sobre los gigantes dormidos
Es el valor y la fuerza del reposo en medio de un mundo acelerado
Quizá por eso encuentro satisfacción al contemplarlas por la ventana del vehículo en movimiento
Sobre las carreteras
O sobre las rutas aéreas

Cualquier encuentro con la diversidad de montañas que nos rodean
Son oportunidades para encontrar mensajes de calma, confianza y sabiduría
Yo concuerdo con algún fragmento que leí:
Me gustaría convertirme en un pico cuando muera, ser una bella montaña púrpura que guste por siglos a los ojos cansados y tristes de los seres humanos
Porque es cierto que es cansada la experiencia humana
Y que al morir
Convertirse en una montaña sería el descanso más digno.


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Von der Macht der Küche und anderen Lektionen

Sophia Boddenberg // Revolution der Frauen. Von Feministinnen in Lateinamerika lernen // mandelbaum verlag // 2025 // 20 Euro // 156 Seiten

Aufmerksamen Leser*innen des LN-Editorials wird die Phrase, dass wir von lateinamerikanischen Feminist*innen viel lernen können, wohl bald zum Halse heraushängen – bleibt sie im kurzen Editorial doch oft wenig konkret. Wie schön, dass dem Thema nun nicht nur eine Seite, sondern ein ganzes Buch gewidmet ist: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen von Sophia Boddenberg erschien bereits 2025 im mandelbaum verlag.

Die Journalistin und Autorin lebt seit 2014 auf dem Subkontinent und berichtet von dort für verschiedene Medien, auch für die LN. Nach Revolte in Chile ,siehe LN 559, ist Revolution der Frauen ihr zweites Buch. Es ist eine Sammlung von Eindrücken, Gesprächen und Geschichten feministischer Bewegungen, die Boddenberg in zehn Jahren kennengelernt hat. Sie beleuchtet ausführlich die Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt und Feminizide unter dem Stichwort Ni Una Menos (Nicht eine weniger) und erzählt vom Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, der sich von Argentinien aus mit seinen grünen Tüchern auf ganz Lateinamerika ausgeweitet hat. Indigenen und antirassistischen feministischen Kämpfen sind ebenso eigene Kapitel gewidmet wie der Verknüpfung von Umweltaktivismus und Feminismus. Was es da zu lernen gibt? Vieles. Zum Beispiel, dass die Küche im Feminismus der Indigenen Mapuche eine entscheidende Rolle spielt.

Revolution der Frauen dürfte vor allem für Leser*innen interessant sein, die sich mit dem Thema noch nicht so viel beschäftigt haben. Doch auch alle anderen finden darin sicher noch etwas Neues: Boddenbergs Bericht aus der Ciudad de las Mujeres (Die Stadt der Frauen) etwa, einer Stadt in Kolumbien, die von durch den bewaffneten Konflikt vertriebenen Frauen aufgebaut wurde. Mit viel Augenmerk auf den regionalen und historischen Kontext zeigt die Autorin immer wieder auf, dass das Patriarchat nur verstanden und bekämpft werden kann, wenn auch Kolonialismus und Kapitalismus angegangen werden.

Boddenberg hat aber nicht die Absicht, eine akademische Abhandlung vorzulegen. Stattdessen erzählt sie sehr persönlich von Begegnungen mit lateinamerikanischen Feminismen und ihren Praxen. Immer wieder kommen Aktivist*innen selbst zu Wort, was das Buch leicht lesbar macht. Zugleich gelingen der Autorin hier und da kurze Exkurse zu feministischen und dekolonialen Theoretikerinnen Lateinamerikas. Dass es einen starken Fokus auf Chile und Argentinien gibt und andere Regionen eher zu kurz kommen, gibt die Autorin im Vorwort gern selbst zu. Hochaktuell ist ihr Blick auf einen „Feminismus gegen Rechts“. Das Kapitel macht klar: Feministische Kämpfe müssen von unten kommen, verbinden statt spalten und Unterschiede anerkennen. Nur so können wir tatsächlich „alles verändern“. Wer wissen will, was wir dabei noch von lateinamerikanischen Feminist*innen lernen können, sollte das Buch unbedingt lesen.


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Das „Juwel“ der
 Colonia Dignidad

Fundierte Recherchen sind der Schlüssel zur Aufarbeitung – auch im Fall der Colonia Dignidad. Wer verstehen will, wie diese trotz Zwangsarbeit, sexualisierter Gewalt, Folter und Verschwindenlassens über Jahrzehnte bestehen konnte, findet Antworten in Das Krankenhaus der Colonia Dignidad von Evelyn Hevia Jordán. Die chilenische Historikerin und Psychologin untersucht in dem auf ihrer Dissertation beruhenden Buch die komplexe Rolle des Krankenhauses der deutschen Siedlung und schafft auf beeindruckende Weise, es mit dem nötigen Tiefgang einerseits als medizinische Einrichtung und andererseits als Ort der Repression zu betrachten.

Sie beleuchtet die Geschichte von der Gründung 1963 als kleines „Gesundheitszentrum am Fuße der Anden in Parral, das seinen Betrieb ohne die entsprechenden Genehmigungen“ aufnahm, bis zur Schließung 2005. In der ländlichen Region in Zentralchile mit einer mangelhaften Gesundheitsversorgung hatte das Krankenhaus eine bedeutende Funktion der medizinischen Versorgung. Das „Modellkrankenhaus“, das ein deutscher Konsularbeamter 1977 als das „Juwel“ der Siedlung bezeichnete, stand somit für die scheinbar karitative Arbeit der damals offiziell als Wohltätigkeitseinrichtung registrierten Colonia Dignidad. Tatsächlich wurden Angehörige der Sied­lungs­gemeinschaft und Chileninnen aus der Umgebung im Krankenhaus behandelt – finanziert allerdings durch das staatliche Gesundheitssystem. Gleichzeitig, so Hevia Jordán, wurde das Krankenhaus „zum wichtigsten Faktor, um kriminelle Tätigkeiten zu verschleiern und das System von Kontrolle und Repression zu verfeinern“. Sie beschreibt systematische Misshandlungen von Bewohnerinnen der Siedlung, sogar Kindern, mit Psychopharmaka und Elektroschocks. Auch geht sie auf die betrügerischen Zwangsadoptionen von chilenischen Kindern durch deutsche Eltern ein.

In einem eigenen Kapitel untersucht die Autorin die Rolle des Krankenhauses im Kontext der chilenischen Diktatur (1973–1990). So wurden Schusswaffen aus Deutschland in Sauerstoffflaschen versteckt, als medizinische Lieferungen und Spende für das Krankenhaus deklariert an die Colonia Dignidad geliefert. Laut Aussagen von Zeuginnen wurden politische Gefangene, als Patientinnen getarnt, klandestin im Krankenwagen transportiert. Prominente Persönlichkeiten der Diktatur wurden im Krankenhaus behandelt.

Diese an Fakten, Fotos und Quellen reiche und gleichzeitig gut lesbare Analyse ist ein Eye-Opener für geschichtlich interessierte Leserinnen und erklärt, wie Menschen terrorisiert und gleichzeitig Narrative der Wohltätigkeit konstruiert wurden. Abschließend geht die Autorin auf die heutige Situation ein. Nach der Einstellung des Krankenhausbetriebs 2005 wird das Gebäude heute als Pflegestation für ältere Bewohnerinnen der Siedlung benutzt, die sich inzwischen Villa Baviera nennt. Bis heute gibt es dort keine Gedenkstätte und kein Dokumentationszentrum. Doch die inhaltliche Basis dafür liefern Forschungen und Bücher wie das von Evelyn Hevia Jordán, das auf Deutsch bei Herder und auf Spanisch zusammen mit Büchern von Jan Stehle und Meike Dreckmann-Nielen in einer Reihe des chilenischen LOM-Verlags erschienen ist.


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Die Macht der unheimlichen Schwestern

Sole Otero // Hexenkunst // Aus dem argentinischen Spanisch von Lea Hübner

„So läuft es jedes Mal. Immer zuerst die Katzen“, stellt María Fátima fest. Nach einem Angriff wütender Anwohner des nahegelegenen Dorfes hängen ihre Katzen tot am Zaun. María wohnt mit ihren gleichnamigen Schwestern und dutzenden herumhuschenden Katzen in einem unheimlichen Anwesen. Viel wichtiger als die Katzen ist für die drei Marías aber ein obskurer Ziegenbock. Mit diesem erreichen sie 1768 das heutige Buenos Aires. Mehrere Jahrhunderte später geht es der Ziege nicht gut. Voller Sorge versuchen sie, das mysteriöse Tier am Leben zu halten.
In neun Geschichten erzählt Sole Otero in Hexenkunst aus der Perspektive von Menschen, deren Leben sich durch den Einfluss der drei Schwestern entscheidend verändert. Es sind finstere Fantasien und fantastische Traumwelten über in Trance versetzte Männer, die jegliche Kontrolle über ihren Sexualtrieb und später ihre Potenz verlieren, verschwindende Waisenkinder und drei Frauen mit unheimlichen Mächten.
Im Original heißt der neue Comic der argentinischen Zeichnerin und Autorin Walicho, ein Begriff aus dem Mapudungun, der einen Dämon bezeichnet. „Im argentinischen Lunfardo-Jargon wird der Begriff als Fluch oder Verwünschung durch schwarze Magie oder dunkle Mächte verwendet“, heißt es in einer vorangestellten Erläuterung. Nach dem autofiktionalen Naphtalin ist dies der zweite Comic von Sole Otero, der übersetzt von Lea Hübner im Reprodukt Verlag erscheint.
Die drei Marías legen sich mit den Bollwerken patriachaler Mächte an. Sie geben der Machi Ailín, einer Heilerin der Indigenen Mapuche, die mit ihrem Kleinkind fliehen musste, Zuflucht. Gemeinsam unterstützen sie bei Geburten und Abtreibungen – und erleben den Hass der mächtigen Männer der Umgebung. Dabei bleibt ihre Rolle ambivalent. Denn unter den Jungen, die sie um sich scharen, sind nicht nur Waisenkinder, manche sind auch geraubt. Und wehe denen, die zu neugierig sind.
Im Buenos Aires der Gegenwart spielt die Geschichte von Belén, die seit drei Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat. Der freundliche Tierarzt, der für ihre Katze da war, schreibt immer zudringlicher von seinen seltsamen Adoptivtanten, die ihn bedrohen und einer kranken Ziege. Wirken diese Geschichten zunächst unzusammenhängend, werden doch Fäden in anderen Geschichten immer wieder aufgenommen.
Sole Otero begann ihre zeichnerische Karriere zunächst mit der Illustration von Kinderbüchern. Das meint man in ihrem Stil wiederzuerkennen: ihre Figuren ähneln, auf das Wesentliche reduziert, manchmal Marionetten – und trotzdem beunruhigend, keinesfalls kindlich. Ein Spiel mit Größenverhältnissen verbildlicht das Machtgefälle in all den Beziehungen, deren Fragilität der Einbruch der „Hexen“ oft deutlich macht. In meist finsteren Farben und verschiedenen Rottönen, baut sich eine Spannung auf, die die verschiedenen Erzählformen zu halten vermögen: eine Geschichte spielt sich überwiegend in Messen­ger-Nachrichten ab, eine andere ist dem kindlich gezeichneten Tagebuch einer 13-Jährigen entnommen. Hexenkunst ist ein rätselhafter Comic, spannend wie ein Thriller, der trotz seines gewaltigen Umfangs von 376 Seiten zum Verschlingen einlädt.


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Aufwachen mitten in der Nacht

Das Unbehagen, das mit der Gewissheit einhergeht, das unter all dem, was wir Alltag nennen, etwas schlägt, hat Samanta Schweblin in ihren Erzählungen schon immer gut zu fassen gewusst. Ihr neues Buch Das gute Übel versammelt sechs Geschichten; jede eine faszinierende, unheimliche Welt für sich. Da ist etwa die Frau, die mit Gewichten beschwert zum Grund eines Sees sinkt, um dann doch wieder aufzutauchen und zu ihrer Familie zurückzukehren, als sei nichts gewesen. Oder ist sie unter Wasser geblieben?
Wie in den berühmten cuentos von Julio Cortázar sind auch hier oft die letzten Sätze wie Messer, die den Atem rauben. Sie lassen uns die Welt mit anderen Augen betrachten, in dem Bewusstsein um die Abgründe, die überall lauern – vor allem in uns selbst. Schweblin versteht es, ihre Figuren und Szenen derart lebendig und gleichzeitig düster zu zeichnen, dass sie bleiben, wenn die Erzählung vorbei ist; dass die Geschichte vielleicht erst anfängt, wenn sie zu Ende erzählt ist.
Besonders unmittelbar wird das durch die, außer bei der letzten Erzählung, konsequente Ich-Perspektive. Schweblin gelingt es, aus der Sicht eines zweijährigen Kindes zu erzählen, das – der Elternalbtraum schlechthin – eine Lithiumbatterie verschluckt und nach verzögerter Behandlung fortan mit einem Luftröhrenstoma lebt. Das Kind kann zwar sprechen, sich aber nicht artikulieren. Das überfordert besonders den Vater. Er weigert sich, Gebärdensprache zu lernen – im Buch fälschlicherweise als Zeichensprache übersetzt – und ist aus Sorge um sein Kind unfähig, es zu lieben. Gerade in diesen fein gezeichneten Familienkonstellationen und ihren Routinen liegt eine ganz eigene Art von Horror.
Großartig ist es auch, wenn Schweblin über Schriftsteller*innen schreibt. In „William am Fenster“, ihrer laut Nachwort „autobiographischsten Erzählung“, vernetzt sich die Erzählerin – eine argentinische Schriftstellerin auf Schreibaufenthalt in Schanghai – mit einer irischen Kollegin, deren über alles geliebte Katze in Irland vergiftet wird. In „Die Frau von Atlántida“ dringen zwei gelangweilte Mädchen im Sommerurlaub an der uruguayischen Atlantikküste in das Haus einer alkoholabhängigen und suizidären Dichterin ein. Sie wollen sie wieder zum Schreiben bringen, aber das kindliche Spiel findet ein abruptes Ende.
Die Erzählungen leben davon, dass Grenzen verschwimmen und überschritten werden. Oft wird nicht klar, was eigentlich alles passiert. Schwer zu lesen ist dabei das Übergriffige, die Figuren respektieren die Grenzen anderer nicht, dringen in geschützte Räume ein. Sie kommen den Erzählenden unerträglich nah.
Leider wirkt die Übertragung von Marianne Gareid stellenweise zu nah am spanischsprachigen Original übersetzt: etwa, wenn die Tochter „in einen anderen Kontinent zieht“ oder die Angehörigen im Pflegeheim „interniert“ sind. Das sind Details, die eine Form der Unschärfe in die präzise Sprache Schweblins bringen – eine Sprache, die trotzdem alle Möglichkeiten offen hält. Denn „das Seltsame ist immer wahrer“, zitiert Schweblin einleitend die argentinische Dichterin Silvina Ocampo. Und dem Seltsamen kommen wir in Das gute Übel ziemlich nah.


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Das Barrio liest

Bühne für Nachwunchs-Poet*innen. Yusa beim Open Mic in Berlin Neukölln (Foto: Barrio)

Das Literaturfestival „Barrio“ hat dieses Jahr aufgrund fehlender finanzieller Förderung zwar in etwas reduziertem Umfang stattgefunden, dennoch konnte es dank der vielen Freiwilligen auf die Beine gestellt werden. „Das Interesse für lateiname­rikanischen Autorinnen wurde früher wenig gesehen, aber wir wollten damit etwas machen“, so Timo Berger. Knapp 30 Veranstaltungen waren Teil des Festivals, das zwischen Lesungen, Podiumsdiskussionen, Open-Mic-Nach­mittagen und Performances für jeden Geschmack etwas bot.

So holte beispielsweise der Nachmittag des „encuentro hispanopoético“ („spanisch-poetisches Treffen“) am bedeutungsträchtigen 12. Oktober rund 20 Menschen nach Neukölln. Dort lauschten die Teilnehmenden zum Thema „territorio“ nostalgischen Texten zur zurückgelassenen Heimat in Argentinien, Spanien oder Peru. „Territorio“ verwandelte sich bei den spanischsprachigen Nachwuchs-Poetinnen aber auch in Körper, zur kleinen Truhe, in der Erinnerungen liegen, oder in die geliebte Person, die zurückgelassen wurde. „Ich bin sehr dankbar für diesen Raum, um meine Poesie vorzutragen“, erzählt Yusa aus Argentinien. Sie möchte ihre Gedichte veröffentlichen und freut sich über jede Möglichkeit, sie auf die Bühne bringen zu können.

Das „encuentro hispanopoético“ bietet aber nicht nur im Rahmen des Barrio-Festivals Künstlerinnen eine Bühne. Die Schriftstellerin Alicia Morán hat das Event 2018 ins Leben gerufen und seitdem findet es etwa einmal im Monat statt. Morán verfasst ebenfalls Gedichte und wollte „Leuten, die einen Raum suchen, sie vorzutragen“ diesen bieten. Als „underground, alltäglich und entspannt“ beschreibt sie die Atmosphäre.

Auf dem Literaturfestival sind auch Künstlerinnen wie Samanta Schweblin dabei. Die argentinische Autorin stellte am 21. Oktober im Litera­rischen Colloquium ihr neues Buch Das gute Übel vor. Im Gespräch mit FAZ-Kulturredakteur Paul Ingendaay spricht Schweblin über die Geschichten ihres neuen Erzählbandes. Zwischen vier und sechs Monate hat sie für das Verfassen der einzelnen Geschichten gebraucht, dabei sind von den ursprünglichen Manuskripten nur durchschnittlich 13 Prozent übriggeblieben (ja, sie hat nachgerechnet). Weniger konkret, aber umso faszinierender ist das Gespräch über das Unheimliche, das sich als Motiv durch all ihre Geschichten zieht – und die Gratwanderung, sich nicht zu sehr von Alltagssituationen zu entfernen, sondern vielmehr das eigentliche, abgründige Wesen dieser Situationen zu erforschen. Die Geschichten des Unheimlichen sind keine Horror­stories, eher suchen sie das Übernatürliche in kleinen Verschiebungen in der realen Welt.

Aus der Geschichte „Das Auge in der Kehle“ wurde ein langer Abschnitt vorgelesen. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines anfangs zweijährigen Kindes erzählt, das eine Lithiumbatterie verschluckt. Da die Behandlung verzögert erfolgt, sind die Schäden derart schwer­wiegend, dass das Kind auf ein Tracheostoma angewiesen ist, eine Öffnung der Luftröhre nach außen. Anstatt sprechen zu lernen wie andere Kinder in diesem Alter, lernt die Figur durch den Hals zu atmen. Schweblin erzählt begeistert von diesem Loch im Hals, das die Grenze zwischen innen und außen verschwimmen lässt.

Zwei Personen aus dem Publikum hingegen verließen die Lesung zeitweise, um die beklemmende Geschichte nicht erneut zu hören. Die Zuschauer*innen erfahren auch, dass Schweblin aus sehr praktischen Gründen nach Berlin gezogen ist – hier wird sie für die Workshops, die sie bereits in Buenos Aires gab, besser bezahlt. So hat sie außerdem nun mehr Zeit zum Schreiben. Ihr Publikum jedenfalls hat sie hier schon mal gefunden.

Berlin ist eine Bühne für Geschichten aus aller Welt. Kunst und Kultur – vor allem Multikultur – sind das, was die Stadt ausmacht. Umso verheerende ist die aktuelle Sparpolitik des Berliner Senats. 2025 wurde der Kulturhaushalt um 130 Millionen Euro gekürzt; 2026 soll er um weitere 110 Millionen abgespeckt werden – und Kulturstätten kämpfen um ihr Überleben.

Festivals wie „Barrio“, mit gefüllten Sälen und ge­­spitzten Ohren, zeigen, dass die diverse Kul­tur­szene nicht aufgegeben wird. Lateinamerika hat Stimmen – und Berlin schenkt ihnen Gehör.


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„Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen“

Cristina Rivera Garza hat zahlreiche Literaturpreise erhalten. (Foto: Anette Hornischer)

Sie sind in diesem Jahr Kuratorin des ilb. Wie lief der Auswahlprozess der Schriftsteller*innen und der Themen?
Jede kuratorische Arbeit bedeutet zunächst einmal Teamarbeit. Ich bekam den Auftrag, gemeinsam mit einem sehr aktiven und dynamischen Team einen Teil des Festivals zu kuratieren. Mich interessiert und ich schreibe selbst Literatur, die in engem Kontakt mit den Gemeinschaften steht, aus denen sie hervorgeht. Ich glaube an die Fähigkeit der Sprache, Realität zu schaffen und an die Fähigkeit der Literatur, Kräfte in der Sprache zu wecken und wiederzubeleben.
Aus diesem Grund war es mir wichtig, dass wir auf dem Festival einen Raum für Gespräche schaffen, die auch in den Büchern stattfinden. Eines der wichtigsten Themen dabei sind Migrationbewegungen. Ich selbst war fast mein ganzes Leben lang eine migrantische Schriftstellerin und bin der weltweiten Angriffe bewusst, unter denen migrantische Gemeinschaften heutzutage leiden. Ein Großteil der Eingeladenen dieses Festivals hat persönliche oder literarische Erfahrung mit diesem wichtigen und unvermeidlichen Thema.
Ein anderes wichtiges Thema sind für mich inter- und transdisziplinäre Übungen innerhalb der Texte, Mut und formale Kühnheit. Es gibt zum Beispiel eine Theatergruppe, die eine Performance mit Bezug auf das Buch der lateinamerikanischen Schriftstellerin Liliana Colancio aufführen wird. Dieses Spiel mit Genres ist mir wichtig. Ich glaube, dass es eine wesentliche Beziehung zwischen Literatur und Aktivismus gibt. Sie ist ein weiteres unumgängliches Element der Welt, in der wir leben.

Welche Rolle spielt die Literatur in der Politisierung des Erinnerns und des Schmerzes?
Ich bin der Überzeugung, dass ich beim Schreiben eine Sprache nutze, die nicht mir gehört. Es ist eine Sprache, die ganzen Gemeinschaften von Sprechern gehört. Eine Sprache, die bereits mit Geschichte behaftet ist. Ich ergänze meine eigene Geschichte mit ihren Konflikten, Hoffnungen und Visionen. Dort beginnt für mich die Beziehung zwischen dem Literarischen und dem Politischen. Ich sage „das Politische” statt „die Politik”, weil ich denke, dass es sich um zwei verschiedene Dinge handelt. In der Sprache werden verschiedene Formen der Hierarchie überprüft und bekämpft, es werden Gesprächs- und Handlungsfelder eingeschränkt oder erweitert. Deswegen denke ich, dass es eine Beziehung und eine Verantwortung derer gibt, die eng mit der Sprache arbeiten und den vielfältigen Realitäten, die wir mit ihr durchlaufen. Für mich ist es weniger eine Frage des Themas oder des Gegenstandes, sondern vielmehr eine Frage, die mit den Materialien selbst zu tun hat, die Teil der Handlung oder dieser Praxis sind.

Sehen Sie sich als Aktivistin?
Auf unterschiedliche Art: Ich bin zum Beispiel nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Professorin in den USA. Ich leite seit einigen Jahren ein Doktoratsstudium für kreatives Schreiben in spanischer Sprache. Das Programm wurde 2017 ins Leben gerufen, gerade als das Weiße Haus Spanisch von seiner Website entfernte. Der Höhepunkt war vor nicht allzu langer Zeit, nachdem Englisch zur offiziellen Sprache der Vereinigten Staaten erklärt wurde, was es zuvor noch nie gegeben hatte. Für mich ist die Leitung dieses Programms, in dem wir Schriftsteller, die in den USA auf Spanisch schreiben, beherbergen und eng mit ihnen arbeiten, ohne Zweifel eine Art von Aktivismus. Vielleicht ist der wichtigste davon ein linguistischer Aktivismus − nicht nur die Verteidigung der Sprache, sondern auch die Verteidigung der Gemeinschaften, die sich in dieser Sprache ausdrücken, leben, träumen und hoffen. Die USA sind nach Mexiko das zweitgrößte spanischsprachige Land der Welt. Das gibt uns eine Vorstellung, welche Bedeutung die Gemeinschaft und ihre Sprache in den Vereinigten Staaten heute haben.

Sie arbeiten viel mit dem Thema Grenzüber­schreitung und Migration. Wie überschreiten Sie Grenzen?
Ich wurde in Matamoros im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten geboren. Fast mein ganzes Leben lang habe ich an Grenzen gelebt. Ich war 20 Jahre in San Diego, wo ich oft die Grenze zur mexikanischen Stadt Tijuana überquert habe. Ich komme aus einer Tradition von Generationen von Grenzbewohnern. Ich habe dazu ein Buch geschrieben, Autobiografía del algodón (Autobiographie der Baumwolle), das hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt wird, in dem ich die Migrations- und Grenzerfahrungen meiner Großeltern mütterlicherseits untersuche. Das heißt, die Grenze hat mich in vielerlei Hinsicht durchquert, sie ist Teil meiner Familiengeschichte, meiner persönlichen Geschichte und meiner Arbeit. Es gibt ein Bestreben, Grenzen zu überschreiten, zum Beispiel formale Grenzen, Geschlechtergrenzen und litera­rische Genregrenzen. Es gibt ein Beharren, in den Bereichen und Kulturen zu arbeiten, in denen sich verschiedene Disziplinen berühren. Ich habe zum Beispiel gerade das studiert: erst Theologie, dann Geschichte. Aber ich lese viel zu Anthropologie, zu Philosophie und zu Literatur natürlich, und mich interessieren die bildenden Künste und zeitgenössische Kunst. Ich versuche diese Interessen in die Bücher, die ich schreibe, einfließen zu lassen. Ich bin also von Geburt an, aber auch aus eigener Entscheidung Grenzgängerin, und deswegen beleuchte ich die Problematik der Grenzen, ihre tödliche Macht und die Notwendigkeit, sie zu überschreiten.

Welche Grenze fällt schwer zu überschreiten?
Es gibt in Lilianas unvergänglicher Sommer eine letzte Grenze, die Grenze zwischen Leben und Tod. Ein Teil der Erfahrung beim Schreiben dieses Buches, das sich mit dem Femizid befasst, dem meine Schwester 1990 zum Opfer fiel, ist es festzustellen, wie durchlässig diese Grenze ist, wie viele Wege es hin und zurück gibt. Die Tatsache, dass die Toten bei uns bleiben − wie unsere Großeltern und Vorfahren wussten − dass sie die Grenze überschreiten, diese letzte Grenze, die zwischen Leben und Tod existiert.
Welche Hürden gab es beim Schreiben von Lilianas unvergänglicher Sommer?
Ich glaube in diesem Fall war ein ausschlaggebender Punkt die Sprache, die in den letzten zehn, 20, 30 Jahren eine sehr starke feministische Bewegung und machtvolle Frauen hervorgebracht hat. Ich glaube, dass wir jahrelang aufgrund der patriarchalen Narrative nicht über ausreichende Konzepte verfügten, um Geschichten der geschlechtsspezifischen Gewalt zu erzählen. Und zwar aus der Sicht der Frauen, ihrer Familien und ihrer Gemeinschaften. Ich glaube uns fehlte − mir persönlich fehlte − die Entwicklung einer Reihe von Begriffen und Konzepten, die uns jetzt ermöglichen, die patriarchalen Narrative zu untergraben, zu hinterfragen, zu kritisieren und die Stimme und die Erfahrung von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Um diese Geschichten kritisch zu erzählen, auf eine andere Art, auf eine Art, die sich den Krallen des Patriarchats entzieht.

Was muss in den heutigen Diskurs in Deutschland eingebracht werden?
Ich denke, mit den eingeladenen Schriftsteller*innen des Internationalen Literaturfestival Berlins machen wir einen guten Anfang. Es handelt sich um migrantische Schriftstellerinnen und Schriftsteller und engagierte Aktivisten. Sie sind Teil einer aktuellen zeitgenössischen Debatte. Sie sind vor allem unglaublich intelligent und verfügen über eine unerschütterliche Sensibilität. Leute wie Javier Zamora, der in seinem autobiografischen Buch Solito davon erzählt, haben persönliche Erfahrung damit, was es bedeutet, in sehr jungen Jahren ein ganzes Land zu durchqueren. Es war eine gefährliche Reise, dort hinzugelangen, wo er heute lebt. Ich beziehe mich hier auf Javier, aber Claudia Donosa und Roxana Crisólogo könnten das Gleiche erzählen, auch Gabriela Wiener, von Velia Vidal ganz zu schweigen. Ich denke hier haben wir Personen, mit einer tiefen persönlichen Erfahrung, die sie erforscht und zum Ausdruck gebracht haben, in einer sehr angespannten, dringlichen, aber auch freudigen Sprache. Ich vertraue also darauf, dass sie mit ihrer Intelligenz und Leidenschaft Gespräche anregen können, die für unsere Zeit von grundlegender Bedeutung sind.


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„Koloniale Wunden heilen“

Portrait von Pancho Godoy mit seinem Buch

Woher stammt die Idee zu deinem Buch?
Ich zitiere gerne bell hooks, um zu erklären, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Sie sagt, dass sie zur Theorie kam, weil sie Schmerz empfand und die Theorie half ihr, einen Weg zu finden, um bestimmte Wunden zu heilen, die sie nicht verstand. Für mich war das Schreiben dieses Buches ein persönliches und kollektives Werkzeug, um zu überlegen, wie man das benennt, was einen verletzt. Wie man das benennt, was auf eine sehr subtile, alltägliche Weise unterdrückt. Indem man es benennt, entstehen auch Formen der Anerkennung, die es ermöglichen, sich eine gewisse Heilung vorzustellen. Für mich bedeutet Heilung, anzuerkennen, dass wir mit diesen Schmerzen, Wunden, Traumata leben. Wenn wir mit nicht-gemischten Gruppen arbeiten, zum Beispiel mit Migrantinnen oder Dissidentinnen, nenne ich diese gerne „Gemeinschaften des Schmerzes und der Freude“. Wir umarmen den Schmerz, aber entkommen ihm auch durch Freude: durch das Zusammensein, das gemeinsame Essen, Tanzen, Teilen.

Was ist die Blancografíe und wozu dient sie?
Die Blancografíe ist ein kritisches Werkzeug, das von Denkerinnen wie Michelle Mattiuzzi, Jota Mombaça und Jess Oliveira entwickelt wurde. Sie begannen, den Begriff – auf Englisch whitenography – zu verwenden, um zu analysieren, wie der dekoloniale Diskurs stark von weißen Männern dominiert wird. Aus dieser Kritik entstand eine Methode, um Weißsein als Machtsystem zu lesen. Ich habe sie als persönliche Methodologie übernommen, um meine Beziehung zu Europa zu verstehen: wie sich Gewalt wiederholt, wie weiße Körper nach sich wiederholenden, fast mechanischen Mustern handeln. Das ist nichts Neues. Schon Frantz Fanon, aber auch viele Indigene Völker haben das analysiert.

Du sprichst oft von „Weißsein“ – warum ist dieses Wort wichtig?
Weißsein zu benennen war sehr schwer. Die Spanier – spätestens seit Hegel sie als Teil Afrikas bezeichnete oder sie sich selbst in den 2000ern als Teil der „PIGS“ (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien) bezeichneten – glaubten an das Märchen, „Süden“ zu sein. Also hielten sie sich nicht für so europäisch, so westlich wie Nordeuropa. Es gibt viel Widerstand, wenn man sagt: „Seht her, es gibt eine koloniale Geschichte, eine koloniale Erinnerung.“ Alles, was im Prado oder im Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC) steht, basiert auf kolonialem Raub. Mein Buch enthält Texte, die ich vor über zehn Jahren begonnen habe zu schreiben. Damals war es extrem schwer, das Weißsein in Spanien überhaupt zu benennen. Jemandem zu sagen „Du hast weiße Privilegien“ oder „Du übst weiße Vorherrschaft aus“, stieß sofort auf Ablehnung. Im Vergleich dazu gibt es in Ländern wie Frankreich oder Großbritannien – trotz starkem strukturellem Rassismus – zumindest eine gewisse Anerkennung weißer Privilegien. Doch Spanien war und ist eine koloniale Macht und das wird selten kritisch reflektiert.

Wie zeigt sich diese Verleugnung der kolonialen Vergangenheit in den Kulturinstitutionen?
Man muss nur in den Prado oder ins MNAC schauen. Der Reichtum, der dort gezeigt wird, basiert auf kolonialer Ausbeutung. Es geht nicht nur um Objekte aus Lateinamerika, Afrika oder den Philippinen, sondern auch um Paläste, monumentale Architektur, ein ganzes weißes Wohlstandssystem, das auf kolonialer Gewalt basiert. Im Buch erwähne ich Potosí, eine Stadt in Bolivien, über die man sagte: mit all dem gestohlenen Silber könnte man eine Brücke bis nach Sevilla bauen. Dieses Bild sagt alles. Heute gibt es zwar ein gewisses Interesse, Museen zu „dekolonisieren“ oder Narrative zu überdenken, aber oft bleibt es bei oberflächlichen Gesten. Eine echte Anerkennung der kolonialen Erinnerung würde tiefgreifende politische, wirtschaftliche und rassistische Strukturen infrage stellen.

Welche Folgen hatten die Haitianische Revolution und andere Dekolonisierungsprozesse für Afrika und Lateinamerika?
Die Haitianische Revolution war ein Wendepunkt in der Kolonialgeschichte: eine radikale Revolution, später wiederholt in Algerien oder Äquatorialguinea, bei der versklavte und kolonialisierte Völker die Kolonisatoren vertrieben und in einigen Fällen töteten. Die Reaktion des Westens? Strafe. Politisch, wirtschaftlich, symbolisch – und diese Strafe dauert bis heute an. Afrikanische Geschichte ist kaum bekannt, und im globalen Vorstellungsraum ist Afrika fast unsichtbar. Das politische und wirtschaftliche System hat diese Gesellschaften an einen Ort der „Bestrafung“ verbannt und ihnen Strukturen wie den Nationalstaat auferlegt, die ihren kulturellen Realitäten nicht entsprechen. Gleiches gilt für Lateinamerika. In Argentinien etwa, das sich selbst als „weißestes“ Land der Region darstellt, existieren mindestens sechsunddreißig Indigene Nationen. Aber der Staat strebt eine homogene Nation an und verleugnet diese Vielfalt. Und mit „Vielfalt“ meine ich nicht oberflächliche Kulturfragen, sondern tiefgehende Unterschiede: wie man das Leben versteht, wie man mit Umwelt, Gemeinschaft, Erinnerung und Zukunft umgeht.

Was hat all das mit Kapitalismus in Afrika und Lateinamerika zu tun?
Es ist wichtig zu erkennen, dass die Migration rassifizierter Menschen nach Europa nicht erst mit der Europäischen Union begann, sondern schon 1492 – als Indigene und Afrikanerinnen versklavt und auf die iberische Halbinsel gebracht wurden, um weißen Menschen zu dienen. Der Kolonisator hatte eine rein extraktive Beziehung zur Natur – und diese steht im Zentrum kapitalistischer Entwicklung. Deshalb spreche ich im Sinne afroamerikanischer Theoretikerinnen von einem „rassistischen Kapitalismus“. Die Stellung eines weißen Körpers ist nicht dieselbe wie die eines rassifizierten Körpers. Ein prekarisierter Spanier, der nach Lateinamerika migriert, erlebt sofort sozialen Aufstieg, allein durch seine Hautfarbe. Die Kolonisierung suchte nicht nur nach Gold oder Silber, sondern auch nach Farben, Düften, Gewürzen. Produkte wie Zucker, Kaffee und Tabak, für deren Produktion Millionen versklavt wurden, waren nicht lebensnotwendig, sondern für das Vergnügen gedacht. Das zeigt: Das koloniale System war eine Extraktion – materiell und symbolisch – zugunsten der weißen Bevölkerung.

Wie unterscheidet sich das Indigene Verhältnis zur Natur vom europäischen?
Indigene Gemeinschaften haben eine Beziehung zur Natur, die nicht rein utilitaristisch ist, sondern auch affektiv. Wenn man zum Beispiel Farbe aus einer Pflanze nimmt, tut man das nicht einfach wie bei einem Rohstoff. Es gibt ein Band, eine Absicht. In der Kolonialgeschichte wurden Farben wie Rot oder Blau für Monarchien und Gemälde gestohlen. Hinter diesen Farben steckt Gewalt, Ausbeutung. Dasselbe gilt für Paläste und Denkmäler: Wer hat sie gebaut? Mit welchen Materialien? Welche Geschichten verbergen sich darin? Wenn man diese Schichten aufdeckt, versteht man, dass vieles, was in Europa als selbstverständlich gilt, auf verschwiegenen Ausbeu­tungs­­prozessen beruht.

Welche spirituellen Folgen hatte das koloniale Naturverständnis?
Die Indigene Beziehung zur Natur ist von Respekt und Spiritualität geprägt. Wenn ein Tier getötet wird, geschieht das mit Vorsicht und Ritual, als Teil eines besonderen Moments der Gemeinschaft. Dasselbe gilt für Flüsse, Pflanzen, Berge – es gibt Kommunikation und Gegenseitigkeit. Die Kolonisatoren nannten das „Ausrottung von Götzendienst“, weil sie diese Verbindung ablehnten. Deshalb wurde der Katholizismus als einzig legitimer spiritueller Weg aufgezwungen. Die Kolonialisierung zerstörte nicht nur diese Praktiken, sondern säte auch Scham. Indigene und afrodiasporische Menschen schämten sich ihrer Wissensformen, ihrer Naturbeziehungen. Das betraf nicht nur das Materielle, sondern auch das Symbolische, das Sexuelle. In vielen Indigenen Kulturen war Heterosexualität keine politische Norm. Der Kolonisator brachte sein Produktionsmodell zusammen mit seiner Moral, seinem Strafbegriff und seiner Vorstellung von Sünde.

Was bedeutet das Wort „indix“?
Indix entstand in Gesprächen zwischen migrantischen, rassifizierten Menschen – oft in Städten geboren, in Europa, aber nicht-weiß, nicht westlich gelesen. Es ist ein Weg, sich über Indigene Wurzeln zu definieren, ohne sich auf ein bestimmtes Volk festzulegen. Daraus entstand auch der Begriff indix-deszendent, ein Sammelbegriff ähnlich wie „rassifiziert“. Er ist konfliktiv – eine Maya-Abstammung ist nicht dasselbe wie eine andere –, aber hilfreich als kollektive Kategorie.

Ist es nicht widersprüchlich, ein kolonial belastetes Wort wie „indix“ zu benutzen?
Ja, indix war ein Begriff, der gewaltsam von Kolonisatoren auferlegt wurde. Kolumbus dachte, er sei in Indien – und so nannte er alle Völker Abya Yalas „Indios“. Diese Vereinheitlichung ist zutiefst gewalttätig. Aber sich diesen Begriff zurückzuerobern, kann auch ein Werkzeug sein: um gemeinsame Erinnerungen zu benennen, eine Sprache des Widerstands und der Aneignung zu finden.

Welche Auswirkungen hat dieser Anerkennungsprozess im Alltag?
Er ist sehr bedeutsam. Ich habe gesehen, wie Menschen sich westliche Namen abgelegt und Indigene Namen angenommen haben – als Verbindung zu den Wurzeln. Es sind mikropolitische Gesten, alltägliche Heilungen. In meiner queeren, geschlechtsdiversen Community gab es oft schwierige Situationen mit den Familien aufgrund von Homophobie. Aber die Rückbindung ans Indigene wurde auch ein Weg, wieder mit der Familie in Kontakt zu kommen, mit der Ahnen-Erinnerung – jenseits von Ablehnung und Schmerz. Es hilft uns, uns selbst vollständiger zu umarmen.


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Ein normales Leben, unvergänglich

Cover des Buchs "Lilianas unvergänglicher Sommer"

Mit Lilianas unvergänglicher Sommer erscheint erstmals ein Werk der renommierten mexikanischen Autorin Cristina Rivera Garza auf Deutsch – ein forderndes Buch, das mit gewohnten Leseerwartungen bricht.

Cristina erzählt die Geschichte ihrer zwanzigjährigen Schwester Liliana, 29 Jahre nachdem diese von ihrem Ex-Freund ermordet wurde. Sie beginnt das Buch mit einer Szene, die ihre jahrzehntelange Trauerarbeit hervorhebt und erklärt, wieso sie ihre Scham und Verzweiflung nun in andere Bahnen lenken kann. Die Frustration und Schwere will sie selbstbestimmt beenden, denn Scham macht uns ihrer Ansicht nach zu Kompliz*innen der Mörder. Ihr Ziel ist jetzt Gerechtigkeit. In erster Linie ist das Buch eine Biografie einer junger Frau, verfasst von ihrer einzigen Schwester, doch gleichzeitig ist es auch weitgehend eine Autobiografie. Denn was das Buch besonders macht, erscheint auf den ersten Blick paradox: Liliana und Cristina sind beide begnadete Schriftstellerinnen und Poetinnen, die Liliana in gemeinsamen Zeugnissen und einem steten Reigen zum Leben erwecken. Liliana hat ihrem Tod und dem Vergessen die meisten Hindernisse selbst in den Weg gelegt: in hunderten Zetteln, Briefen, Schreibmaschinennotizen. Cristina ergänzt beide Perspektiven mit den Erzählungen und Erinnerungen von Kommiliton*innen und der Eltern. Auch der Täter hat sich mit Gewalt in Lilianas Geschichte eingeschrieben, doch sein Platz ist trist und schmal. Er bleibt als Person eine verdiente Leerstelle: Eine Randnotiz, die erwähnt werden muss, mehr nicht.

Gleichzeitig sind die biografischen Daten an sich nicht außergewöhnlich. Lilianas Erfahrungen, ihr Erwachsenwerden, ihre Freundschaften und ihre Romanzen: Das alles ist „normal“ für eine junge Frau in Mexiko, in Lateinamerika, auf dieser Welt. Genau aus dieser scheinbaren Banalität erwächst das Einzigartige, das dieses Buch auszeichnet. Eine gewöhnliche Geschichte, erzählt, notiert und kuratiert von außergewöhnlichen Autorinnen.

Im Kontext des Femizides verweist Christina zwar auf Gerechtigkeit, aber sie wird nicht aktivistisch: Ihr Stil ist stellenweise sehr schmerzhaft, manchmal wünscht man sich als Leser*in mehr Distanz, mehr Abstand. Aber eine Schwester kann keinen Abstand kennen: Sie kennt nur Nähe, und dadurch lernen auch wir Liliana so kennen, wie Ihre Nächsten sie kannten. Die Schwester steht im Vordergrund, nicht verbunden mit einer Anklage oder mit Forderungen bedacht, sondern als Mensch Liliana. Und dass wir diesen Mensch an das Patriarchat verloren haben, sollte genug Symbolkraft haben, um uns alle zu Veränderungen aufzufordern. Sicherlich ist es kein Buch mit einfachen Antworten. Doch Christina hat zwei nachhaltige und prägende Entscheidungen getroffen: Mit dem Buch hat sie einen bleibenden Erinnerungsort geschaffen und den Nachlass ihrer Schwester hat sie einem Archiv in Texas übergeben. So bleibt die Autorin ihrer Schwester treu: Gemeinsam haben sie Lilianas Sommer für die Nachwelt unvergänglich gemacht.


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Lyrik aus Lateinamerika

Illustration: Universo / Susana Alavez

VEN A VIVIR
TODAS LAS POETAS CONMIGO

Hay un romance esdrújulo
de la bruja monja
dedicado a su virreina
donde le pasa la mirada
por toda la cuerpa.
Qué calor hace.
Estoy segura de que
la argentina suicida
solo dijo una vez
“ven a vivir conmigo”
y fue a puras mujeres.
Quiero creer que
los hongos de Marosa
son los pezones
de alguna íntima.
Amiga, siéntate a comer.
Cuando Tatiana dibujó en arcilla una sirena.
fue tu boca de guayaba la que habló.
Yo digo esto con aceite de coco,
sin barroco,
sin morir,
porque, Susana, tienes 26 años
y los ojos de felina,
el cabello de colores.
Cuando éramos niñas,
grafiteabamos nuestros respectivos cuartos,
tú patinabas en tu colonia,
pero yo atrapaba los insectos en la mía;
nunca nos vimos,
solo imagino ahora tus dientes de leche,
¿imaginas la ira de mi adolescencia?,
Tardé 7 años en huir.
tú también te fuiste sola:
el miedo es una tableta sucia,
un enjambre de pelos mojados en la coladera,
un escarabajo.
No importa.
Ven a vivir todas las poetas conmigo,
tendremos todas las fotografías que existen en la munda,
todos los chuchupastes que arden en la papaya
y nos corroen el odio de machos,
siempre embriagadas tú y yo y las amigas
nadando como seres en una materia fungi,
gritaremos tanto rehilete juntas
que nuestras rosas, risas, se harán lengua.

KOMM UND LEBE
ALLE DICHTERINNEN MIT MIR

Es gibt eine esdrújula Romanze
von der Hexennonne
gewidmet ihrer Vizekönigin
wo der Blick
über ihren gesamten Körper* wandert.
Wie heiß es ist.
Ich bin sicher, dass
die suizidale Argentinierin
nur einmal gesagt hatte
“komm und lebe mit mir”
und nur zu Frauen.
Ich möchte glauben, dass
Marosas Pilze die Nippel sind
einer Vertrauten.
Freundin, setz dich und iss.
Als Tatiana auf Ton eine Meerjungfrau zeichnete,
war es dein Guavenmund, der sprach.
Ich sage dies mit Kokosnussöl,
ohne Barock,
ohne zu sterben,
denn, Susana, du bist 26 Jahre alt
und hast Katzenaugen,
die Haare bunt.
Als wir Mädchen waren,
haben wir unsere jeweiligen Zimmer bekritzelt,
du fuhrst in deinem Viertel Rollschuhe,
aber ich habe Insekten in meinem gefangen;
wir haben uns nie gesehen,
ich stelle mir jetzt nur deine Milchzähne vor,
kannst du dir die Wut meiner Jugend vorstellen?
Ich habe 7 Jahre gebraucht, um zu fliehen.
Auch du bist allein gegangen:
Die Angst ist eine schmutzige Pille,
ein Knoten nasser Haare im Abfluss,
ein Käfer.
Es spielt keine Rolle.
Komm und lebe alle Dichterinnen mit mir,
wir werden alle Fotos haben, die es auf der Welt* gibt,
all die chuchupaste-Wurzeln, die in der Pflaume brennen
und macho-Hass zerfrisst uns,
immer berauscht, du und ich und die Freundinnen,
schwimmen wie Wesen in einem Pilzgewebe,
wir werden so viele Pfeile zusammen schreien,
dass unsere Rosen, unser Gelächter, zu Sprache werden.


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Zarte Poesie des Alltags

Auf einer mit Wasserfarben getupften Wiese, über der Libellen schweben, liegt ein Kind und schaut in den Himmel. Der Titel Als du Wolke warst verrät schon, dass dies ein Buch zum Träumen ist. Die chilenische Journalistin und Schriftstellerin María José Ferrada nimmt uns in 16 Gedichten auf vorsichtige, aber mutige Entdeckungsreisen mit. Mit ihren behutsam gesetzten Worten erforschen wir die kindlich-neugierige Poetik des Alltags. Da galoppieren kleine Pferde über den Frühstückstisch, Astronauten erzählen auf dem Spielplatz von ihrer letzten Reise zum Mond und das vielbeschworene Monster unter dem Bett ist eigentlich ganz umgänglich und hält sich an seinem Stück Dunkelheit fest. Die verträumte, verspielte Lyrik Ferradas hat Übersetzerin Silke Kleemann wundervoll ins Deutsche übertragen.

Ferradas feines Gespür für sprachliche Details spiegelt sich in den farbenprächtigen Bildern wider, mit denen Zeichner Andrés López jedes Gedicht ergänzt. In fantasievollen und detail- verliebten Zeichnungen, mal wie von Kinderhand mit dickem Buntstift gekritzelt, dann wieder in fein getupften Ölfarben, erzählt López eine Geschichte außerhalb der Worte und lädt zum Entdecken und Interpretieren ein. In der farbenfrohen Welt von López‘ Bildern gibt es außer dem Kind keine weiteren Menschen, dafür wimmelt sie von Tieren und Geistern und sogar Berge erwachen zum Leben.

Aus dem Kleinen entsteht das Große und so wie alles entsteht, vergeht es auch: In mehreren Gedichten wird ein abwesender Großvater angesprochen. Ferrada wiederum widmet den Lyrikband ihrem eigenen Opa.

Die Autorin, die laut Angaben gerne Bücher schreibt und liest, die sie an die Zeit erinnern als sie sieben Jahre alt war, schafft mit Als du Wolke warst eine zauberhafte Sprachlandschaft, die nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene voller Überraschungen steckt. In der wunderschönen deutschen Ausgabe, erschienen beim „winzigen“ Verlag Hagebutte in München, kommen die Bilder von López zudem hervorragend zur Geltung.


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Globale Schwesternschaft

Anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens hat das österreichische Zeitschriftenkollektiv frauen*solidarität einen Sammelband herausgebracht. In sechs Kapiteln werden zentrale Fragen der feministischen Bewegung verhandelt: (Anti-)Rassismus und Postkolonialismus, Gewalt, Reproduktion, Politik, Arbeit, Umwelt und Klima. Es begann mit Empörung. 1982 fand sich eine Gruppe feministischer Aktivistinnen in Wien zusammen, um gegen die Frauenfeindlichkeit in der sogenannten Entwicklungshilfe aufzubegehren. Ihre Anliegen waren vielfältig: Es ging um das Recht auf Selbstbestimmung, aber auch darum, eine kritische Gegenöffentlichkeit zu patriarchaler Gewalt, Rassismus und Diskriminierung zu schaffen. Das war die Geburtsstunde der Zeitschrift frauen*solidarität. Von Anfang an war ein reger Austausch mit Menschen aus dem Globalen Süden Teil ihrer aktivistischen Arbeit. In der Zeitschrift, wie auch in den anderen Projekten im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit, wurden fortan klassische Themen des feministischen Diskurses erörtert, wie etwa sexualisierte Gewalt und Reproduktion. Zu Zeiten der großen Friedensdemos der 1980er Jahre forderten Menschen atomare Abrüstung und „neben dem Recht auf Frieden“ auch ihr Recht auf Mitbestimmung. Daraus ergaben sich Fragen nach Herrschaftsansprüchen und Umverteilung. Wie für viele andere soziale Bewegungen und politische Organisationen dieser Zeit wurde die internationale Solidarität die Basis für alle folgenden Aktivitäten der frauen*solidarität.

Auf dieses solidaritätsbewegte Netzwerk konnten die Herausgeberinnen von Global Female Future nun zurückgreifen. Es ist ihnen gelungen, ein vielstimmiges Buch mit Texten aus aller Welt und „ohne Glättung des Sperrigen“ zusammenzustellen. Selbstermächtigung als Gegenentwurf zu kolonialen Kontinuitäten, Widerstand gegen patriarchale Gewalterfahrungen, feministische Ökonomie als Antwort auf kapitalistische (Selbst-)Ausbeutung sind nur einige der Schwerpunkte. Darunter finden sich namhafte Autorinnen, Politikerinnen, Forscherinnen und Aktivist*innen wie Elisa Loncón, Gloria E. Anzaldúa, Verónica Gago, LASTESIS und viele andere.

Die verschiedenen Formate wie Essay, Manifest, Interview, Lyrik, aber auch wissenschaftliche Analyse, Reportage und Erfahrungsbericht sind eine abwechslungsreiche Lektüre. Infokästen ergänzen die Texte mit einem umfassenden Überblick zu einzelnen Initiativen und der Bewegung. Damit leistet Global Female Future einen wertvollen Beitrag zur feministischen Debatte. Der intersektionale Blick aus den verschiedenen Kämpfen wirkt inspirierend und birgt zugleich wertvolle Erfahrungen für Konfliktbewältigungen und Strategien zur Überwindung globaler Ungerechtigkeiten. Denn, so beschreibt es die peruanische Schriftstellerin und ehemalige Kongressabgeordnete Rocío Silva Santisteban, „(…) ein auf Fürsorge ausgerichtetes Leben ist etwas, das wir als zivilisatorischen Paradigmenwechsel in Betracht ziehen müssen: Es ist ein konkretes Handeln, das wir Frauen uns, vereint, auf der ganzen Welt auf unsere Fahnen schreiben müssen.“


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