DIE WILDEN SIEBZIGERJAHRE

Zonästhetisch, eidoi, Inkuben, puella bondinis? Solcherlei Wörter sind keine extravaganten Seltenheiten in der mit Fremdworten und erotischen Anspielungen überladenen, technisch-akademischen Sprache Pola Oloixaracs in Wilde Theorien. Matthias Strobel ist es nun erstaunlich gut gelungen, die „mysteriöse Syntax“, wie es im Buch heißt, für die deutsche Ausgabe zu übersetzen.

Dieser latente Größenwahnsinn spiegelt sich auch in den Charakteren des Buches. Zuerst wäre da die sehr unterhaltsame Geschichte des holländischen Anthropologen Johan van Vliet, der 1917 bei einer Forschungsreise im heutigen Benin, am Rande des Wahnsinns, die „Egomanische Theorie“ entwickelt: Die Erzählung der Menschheitsgeschichte dürfe nicht mit den jagenden und sammelnden Gemeinschaften beginnen, denn der Teil, der bis heute all unsere Motivationen und Triebe präge, sei die kaum beachtete Zeit davor. Die Zeit, in der unsere Spezies noch in der ständigen Angst leben musste, Beute für andere Tiere zu werden. Verstreut im Buch erscheinen daher immer wieder kurze Kapitel mit Ritualen aus aller Welt, bei denen Jugendliche in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. Dabei hallt besagte Beute-Vergangenheit deutlich nach: Tierverkleidungen, Jagdspiele, Geisterrituale, Verletzungen, Überleben im Wald …

In der Welt der eigentlichen Hauptcharaktere des Buches scheint dieser Initiationsritus aus „sexuellen Rangeleien“, Partys, Drogen, vornehmlich jedoch aus einem intellektuellen Kräftemessen zu bestehen: Die zwei jungen Nerds Kamtchowsky und Pablo, alias Pabst, bewegen sich Anfang der 2000er Jahre durch die „urbanen Stämme“, wie Kamtchowsky es einmal bezeichnenderweise nennt. Das heißt, die Kunst- und (Sub-)Kulturszene von Buenos Aires. Dass die beiden das waren, „was man politisch inkorrekt nennt“, wie es im Buch heißt, wird schnell offensichtlich: Boshaft lästern und bloggen sie über die Szene und entwickeln einige wilde Theorien zu Sex, Masturbation und sozialen Hierarchien, die manchmal an den Sexualfrust in Houellebecq-Romanen denken lassen. Genial sind Einfälle wie ihr selbst-entwickeltes Spiel Dirty War 1976, das die zeitgeschichtlichen Konflikte Argentiniens, das im selben Jahr in eine Militärdiktatur (1976-1983) überging, in ein Computer-Rollenspiel verwandelt.

Ein weiterer Erzählstrang – oder Initiationsritus – des Romans ist eine bildhübsche und wie alle Charaktere etwas überhebliche Ich-Erzählerin. Sie ist, ebenfalls Anfang der Nullerjahre, Studentin bei einem verstaubten Philosophieprofessor, der van Vliets „Egomanische Theorie“ wieder ausgegraben hat und diese nun groß herausbringen will. Die junge Überfliegerin ist ihrem Professor jedoch schon einen Schritt voraus. Sie sucht den Ex-Guerillero Collazo auf, nun ebenfalls Professor und gefeierter Schriftsteller, um van Vliets Theorie an ihm in die Praxis umzusetzen: Sie provoziert „dunkle Triebe“ bei dem Mann, den sie heimlich ihr „Opfer“ nennt, um ihn dann jedoch genüsslich immer wieder auflaufen und abblitzen zu lassen. Hier beginnt der sicherlich umstrittenste Teil von Oloixaracs Werk. Mit der Figur des Ex-Guerilleros Collazo als einem eingebildeten, ungepflegten und notgeilen Macho, der der Ich-Erzählerin stolz von seiner kämpferischen Vergangenheit berichtet und alte Kampfeslieder anstimmt, wird nicht nur linker Machismo, sondern auch eine Verklärung der 1970er Jahre in Teilen der argentinischen Linken bloßgestellt.

Diese Kritik zieht sich auch durch die Geschichte Kamtchowskys, die selbst aus einem linken Umfeld stammt: Sie liest das Tagebuch ihrer in den Siebzigerjahren gewaltsam verschwundengelassenen Guerillera-Tante, das ihre begeisterte Mutter unbedingt zu einem Verlag bringen möchte. Das Tagebuch, dessen Einträge an Mao Tse-tung – nur liebevoll „Moo“ genannt – adressiert sind, liest sich wie die schlechten Herzschmerzgeschichten eines Teenagers. Dies könnte auch als bewusster Seitenhieb Oloixaracs auf die nach den Militärdiktaturen vor allem in südamerikanischen Ländern populäre testimonio-Literatur gelesen werden. Es offenbaren sich in diesem Tagebuch jedoch nicht nur Jugend und Naivität, sondern auch einige Widersprüchlichkeiten der vermeintlich sexuell-befreiten, für klare Ideale einstehenden Kämpfer*innen der Guerilla-Bewegungen der 1970er Jahre, vor allem beim Stichwort Machismo.

International erntete Oloixarac für Wilde Theorien viel Lob. Doch in Argentinien, wo der Roman schon 2008 erschien, wurde er in Feuilletons kaum positiv besprochen und die Autorin zum Teil sogar als „verkappte Faschistin“ diffamiert. Auch wenn diese Reaktionen etwas überzogen erscheinen, sind einzelne Ausschnitte – allerdings abseits der wilden Siebziger – mindestens ärgerlich. Hierzu gehört die Darstellung Miguels, einem Liebhaber Kamtchowskys mit Trisomie 21, der von ihr ständig abgewertet und als natürlicherweise triebgesteuert beschrieben wird, was bestehende Vorurteile zementiert. Oloixarac scheinen einzelne ihrer vielen Provokationen entglitten zu sein. Trotzdem ist der Roman insgesamt sehr lesenswert, humorvoll und sprachlich originell. Er demaskiert den allgegenwärtigen Machismo und die Tendenz zur Verklärung der Vergangenheit – was nicht nur für eine linke Selbstkritik sicherlich von Bedeutung ist.

WAHLVERWANDTSCHAFTEN

Cover: Suhrkamp

In der Mitte des Romans steht der Schlüsselsatz: „Wir sind da, damit wir geschrieben werden. Damit wir verewigt sind.“ Und genau das macht Camila Sosa Villada. Wir, das sind die trans Prostituierten im Sarmiento-Park im Herzen der argentinischen Stadt Córdoba, von deren Leben die Autorin in Im Park der prächtigen Schwestern erzählt. Es ist ein autobiografischer Roman, denn Camila Sosa Villada, die in Argentinien vor allem als Theater- und Filmschauspielerin bekannt ist, hat selbst als trans Prostituierte in Córdoba gearbeitet. Und so trägt die Ich-Erzählerin auch ihren Namen.

Die Gruppe der prächtigen Schwestern dieses Parks – der Originaltitel des Romans hat übrigens eine andere Perspektive, nämlich die der Gesellschaft: Las Malas, „Die Schlechten“ – wird zusammengehalten von Tía Encarna, der Inkarnierten, der Tante, die das Oberhaupt dieser Wahlfamilie ist. Sie ist nicht nur der Mutterersatz für die „Waisenmädchen“, die trans Prostituierten, sondern auch für einen drei Monate alten Säugling, den sie im Park findet und dem sie den Namen Glanz in den Augen gibt. Von ihnen erzählt die junge Camila, kaum volljährig, und von den vielen anderen Frauen und Freiern, denen sie täglich begegnet.

Und von ihrer eigenen Kindheit: Aufgewachsen in dem „beschissenen Kaff“ Mina Clavero mit einer passiven Mutter und einem brutalen Vater, der seinem femininen Sohn prophezeite, er würde eines Tages tot im Straßengraben landen, floh Camila nach Córdoba, um dort frei zu sein. Doch diese Freiheit ist trügerisch. Die trans Prostituierten leben in den Schatten der Stadt, haben als Sicherheitsnetz nur sich, und auch diese gegenseitige Unterstützung zerfällt schnell.

Im Park der prächtigen Schwestern ist ein rauer Roman, der von Brutalität und Einsamkeit, von Misshandlungen und Schmerz berichtet. Vom eigenen Groll, der, wie Camila erzählt, alles verwandelt, „Erleichterung in Anspannung, Höflichkeit in Grobheit, Offenheit in Heuchelei, Kummer in Zorn“. Doch die Geschichte der Frauen handelt auch von zarter Schönheit, vor allem in der Liebe, die sie für Glanz in den Augen empfinden. Den Festen, die gefeiert werden, der Hoffnung, die immer wieder aufkeimt.

Zudem weiß Camila Sosa Villada um die Tradition, in der sie steht, und webt dezente märchenhafte Elemente in die Geschichte ein, ohne dabei den Magischen Realismus früherer Generationen von lateinamerikanischen Autor*innen zu kopieren. Im Park der prächtigen Schwestern war in Argentinien ein großer Erfolg und wurde 2020 mit dem Premio Sor Juana Inés de la Cruz ausgezeichnet, der jährlich den besten Roman der auf Spanisch schreibenden Schriftstellerinnen prämiert. Gekonnt übersetzt von Svenja Becker entwickelt der Roman auch auf Deutsch seine ungezügelte wie poetische Wucht und Direktheit. Das Leben der prächtigen Schwestern verdient es, aufgeschrieben und verewigt zu werden. Ein Glück, dass Sosa Villada der Forderung ihrer Figur gefolgt ist. Und ein Glück, dass dieser Roman jetzt seinen Weg zum deutschsprachigen Publikum gefunden hat.

MEXIKANISCHE HYBRIS

Auch jenseits der nackten Zahlen der Ermordeten und Verschwundenen – 2019 wurden mehr Morde registriert als jemals zuvor – sprengt die Gewalt in Mexiko jede Vorstellungskraft. Denn die Opfer werden häufig erniedrigt, verstümmelt und anschließend öffentlich ausgestellt. Gewalt als demonstrativer Akt, als „Botschaft”, ist längst zur Normalität geworden. Aber wie passt dies zur Solidarität innerhalb der mexikanischen Zivilgesellschaft, als beispielsweise nach dem großen Erdbeben 2017 Tausende tagelang gemeinsam um jedes einzelne verschüttete Menschenleben rangen? Wie ist die Untätigkeit des Staates gegenüber fast 35.000 Morden im Jahr zu erklären, eines Staates, der in anderen gesellschaftlichen Bereichen – von der Regelung des Verkehrs über die Kontrolle von Lebensmitteln bis zur Organisation internationaler Ausstellungen – sehr wohl aktiv ist?

Diesen und anderen Fragen stellt sich Timo Dorsch in seiner Ende 2020 im Mandelbaum-Verlag erschienenen Analyse Nekropolitik. Neoliberalismus, Staat und organisiertes Verbrechen in Mexiko. Ausgangspunkt war die „scheinbar banale Frage, die die militante Akademikerin Raquel Gutiérrez-Aguilar” 2019 auf dem Frankfurter Kongress Geographien der Gewalt stellte: „Was ist das, was sich in Mexiko abspielt?”

Dorsch definiert Nekropolitik als Ausdruck der strukturellen Gewalt des Kapitalismus

Bereits in der Einleitung räumt er mit der Kategorie des „Krieges gegen den Drogenhandel” auf, mit der die Situation in Mexiko meist beschrieben wird: „… allein der Begriff des Krieges (ist) bereits irreführend, setzt er doch zwei klar voneinander trennbare bewaffnete Akteure voraus, die einander in einem klar abgrenzbaren Raum und Verhältnis bekriegen. Vielmehr existiert in Mexiko eine Parallelität chaotischer Abläufe (…). Während der Staat einen Teil des organisierten Verbrechens aufreibt und militärisch bekämpft, nimmt der Wettbewerb zwischen bewaffneten kriminellen Organisationen genauso zu wie die Verschmelzung staatlicher Strukturen mit jenen der organisierten Kriminalität.”

„In Mexiko existiert eine Parallelität chaotischer Abläufe“

Das Resultat dieses Verschmelzungsprozesses bezeichnet Dorsch als „Hybris”, als neue gesellschaftliche Struktur jenseits der Gegensätze Rechtsstaat/Gesetzlosigkeit oder Normalzustand/Ausnahmezustand. Dabei sei der mexikanische Staat nicht mit der organisierten Kriminalität deckungsgleich, auch wenn „Gewaltexzesse (…) in Mexiko gleichermaßen von staatlichen wie kriminellen Akteuren – von dieser Hybris – begangen” werden. Nekropolitik, also die „Souveränität” darüber zu entscheiden, „wer leben darf und wer sterben muss”, sei Ausdruck dieser Hybris. Den Begriff Nekropolitik und seine Definition übernimmt er von dem postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe, der diesen 2003 in seinem Aufsatz Necropolitics geprägt und 2019 weiterentwickelt hat. Mbembe geht es dabei nicht nur um den Tötungsakt an sich, sondern auch um die Omnipräsenz der Drohung, das Recht, Andere zu versklaven und Formen politischer Gewalt.

Timo Dorsch definiert Nekropolitik aber nicht als Ausdruck einer völlig neuen Machtkonstellation, sondern der strukturellen Gewalt des Kapitalismus: „Diese Macht wird uns abstoßend vorkommen im Verhältnis zur uns bekannten westeuropäischen Realität. Und doch ist sie nur die konsequenteste Zuspitzung der auch bei uns vorherrschenden Gesellschaftsverhältnisse.” Und an anderer Stelle heißt es im einleitenden Kapitel: „Demokratie, Kapitalismus und Gewalt sind zwei Seiten einer Medaille. Die mexikanische Wirklichkeit legt dieses Verhältnis offen. Sie demaskiert.”

Als Ausgangsbedingungen für die Entstehung der „Hybris” und der daraus folgenden Nekropolitik benennt der Autor drei strukturelle Veränderungen in Mexiko: Die Fragmentierung staatlicher Macht in den 1990er Jahren (als die Macht der PRI, der Revolutionären Institutionellen Partei, nach 60 Jahren ununterbrochener Herrschaft auf der Ebene der Bundesstaaten und später auf nationaler Ebene zu bröckeln begann), die Neoliberalisierung der Gesellschaft seit den 1980er Jahren sowie das veränderte Verhältnis zwischen Staat und organisierter Kriminalität seit den 2000er Jahren. Im weiteren Verlauf seiner Analyse betrachtet er diese Bedingungen auf der nationalen Ebene und anschließend im Bundesstaat Michoacán.

In Mexiko ist Gewalt als demonstrativer Akt längst zur Normalität geworden


Doch während Dorsch recht schlüssig die Folgen des faktischen „Einparteiensystems” auf der politischen Ebene sowie die historisch gewachsene Allianz zwischen Staat und organisierter Kriminalität darstellt, bietet seine ökonomische Analyse wenig Erkenntnisgewinn in Bezug auf die Entstehung der „Hybris”. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Zahlenfülle zur Neoliberalisierung, gelingt es ihm nicht, die ökonomischen Entwicklungen in einer Form zu systematisieren, die seine These zur „Hybris” untermauern würde.

Es ist daher gut, dass auf die makroökonomische Analyse die „Fallstudie” des Bundesstaates Michoacán folgt. Nach einer kurzen Einführung in die politische und ökonomische Geschichte Michoacáns und seiner strategischen Bedeutung sowie einen Überblick über Teile des organisierten Verbrechens wird überdeutlich, um wie viele verschiedene Akteure es sich in diesem Bereich handelt. Akteure, die Bündnisse schließen – auch mit größeren Einheiten wie dem Sinaloa-Kartell, diese wieder auflösen, Unterorganisationen bilden und dabei auf verschiedenste Art und Weise mit politischen Kräften und der legalen wirtschaftlichen Sphäre verbunden sind.

Timo Dorsch verfolgt dies anhand zweier Wirtschaftsbereiche in Michoacán: Bergbau und Avocado-Produktion. Hier kann er die Gleichzeitigkeit von legalem und illegalem Abbau im Bereich Bergbau belegen, bei der die illegale Mine La Nuez im Windschatten des internationalen Unternehmens Ternium segelt. Aus dem illegalen Abbau werden 300 Tonnen Erz und Gestein pro Tag, vermutlich als Eigentum von Ternium deklariert, im Hafen von Manzanilla gelagert, ohne dass Ternium protestiert hätte. Auch Zahlungen an die sogenannten Tempelritter (Los Caballeros Templarios), die von 2011 bis 2015 die organisierte Kriminalität in Michoacán dominierten, wurden von Ternium geleistet, ihr Repräsentant von den Tempelrittern zeitweise entführt. Der Transport des Erzes fand laut Augenzeugen unter Beobachtung von Soldaten von Armee und Marine statt, auch das Dynamit soll von Soldaten geliefert worden sein. Dem Gewaltregime der Tempelritter setzten Polizei und Militär kaum etwas entgegen, währendessen eine Bewegung der Selbstverteidigung der Bevölkerung (autodefensa) 2013 kurzfristig erfolgreich war. Ihre Protagonisten wurden anschließend juristisch verfolgt, während Beweise gegen die Tempelritter für Ermittlungen nicht genutzt wurden. Die Avocado-Produktion wurde von den Tempelrittern wcaeitgehend unter Mithilfe staatlicher Strukturen übernommen „… indem über einen amtlich beglaubigten Notar Avocadogärten lokaler Produzierender unter Gewaltandrohung auf Mitglieder der organisierten Kriminalität übertragen wurden.“

So aufschlussreich das Beispiel von Michoacán auch ist – der Autor verliert sich hier leider in der „Parallelität chaotischer Abläufe”, seine Darstellung ist weder chronologisch noch geographisch stringent, oft journalistisch statt analytisch. Am Ende ist Nekropolitik weitestgehend so, wie Timo Dorsch die Analyse selbst verstanden wissen wollte: „… als Versuch und als Suche, als mögliche Deutung der Gewalt, als Beitrag zur Debatte.”

EXPLOSION IM LABOR DES NEOLIBERALISMUS

Foto: UNRAST Verlag

„Der Neoliberalismus wurde in Chile geboren und hier wird er sterben“, so lautet schon lange die Hoffnung vieler, die in Chile auf die Straßen gehen. Was genau sich hinter dieser Losung verbirgt, die auf Banner geschrieben und an Wände gesprüht steht, wird selten ausführlich erklärt. Die Autorin Sophia Boddenberg, die seit einigen Jahren vor Ort lebt, betont bereits im Vorwort, dass Revolte in Chile Informationen aus Jahren journalistischer Recherche versammelt. So schafft sie es, treffende Analyse mit ausdrucksstarken Zitaten von Protestierenden unterschiedlichster Strömungen zu verbinden.

Insbesondere die Kapitel zur jüngeren wirtschaftlichen Geschichte des Landes erweisen sich als wertvoll. Gründlich wird erklärt, wie Chile zum „Musterland des Neoliberalismus“ wurde und welche Probleme dieses „Laborexperiment“ seit der Diktatur aufgeworfen hat. Dazu gehören auch bisher spärlicher beleuchtete, aber strukturelle Probleme sozialer Ungleichheit wie die massive Verschuldung junger Menschen oder die hohen Depressions- und Suizidraten. Der zweite Teil des Buches betrachtet die einzelnen sozialen Kämpfe, die sich gegen dieses System gebildet und seit der „sozialen Explosion“ (estallido social) im Oktober 2019 vereint entladen haben.

Statt diese Ereignisse in detaillierter Chronik und Einzelheit dokumentieren zu wollen, berichtet Revolte in Chile von der Vielfältigkeit des Protests und seiner Hintergründe – seien es die Schüler*innen, feministische Asambleas in der Hauptstadt Santiago, die bedrohte Kleinfischerei auf der südchilenischen Insel Chiloé oder die indigenen Mapuche, die für das Recht auf das ihnen zustehende Land kämpfen.

Zahlreiche Aktivist*innen kommen selbst zu Wort. Sie dokumentieren die Brutalität, mit der der Staat auf die Proteste reagiert hat – so etwa die zahlreichen Fotos von Menschen mit Augenverletzungen nach dem Beschuss mit „Gummigeschossen“ oder Tränengasgranaten der Carabineros (siehe LN 547). Ihnen hat Boddenberg ihr Buch gewidmet.

So ist Revolte in Chile eine wertvolle Sammlung von Informationen, Eindrücken und Analysen. An manchen Stellen werden Leser*innen klarere thematische Überleitungen oder Ausdifferenzierungen vermissen. Doch die Autorin erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Buch wird klar: Die Ereignisse rund um die neue Verfassung stehen in einer einzigartigen historischen Kontinuität gesellschaftlicher Mobilisierung gegen Ungerechtigkeit und fehlende Mitbestimmung, die auch nach dem Referendum nicht vorbei ist.

Boddenbergs entschlossenes antikapitalistisches Fazit zeigt sich damit als einzig logische Konsequenz der aufregenden Geschichte Chiles. Und wer weiß: Vielleicht wird ja „aus dem Labor des Neoliberalismus das Labor seines Umsturzes“, wie schon der Klappentext vermeldet.

GUERILLERO DES STILS

Er ist vermutlich eines der letzten unentdeckten Genies der chilenischen Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum. Pablo de Rokha – legendärer Erzfeind seines Namensvetters Neruda und Wegbereiter der literarischen Moderne Chiles – erlebt mehr als ein halbes Jahrzehnt nach seinem Suizid eine verdiente Renaissance. Einen wichtigen Beitrag zu diesem späten Comeback leistet nicht zuletzt die junge Generation Latein-amerikas, welche de Rokhas zutiefst sozialkritischen Gedichten eine neue Plattform bietet. Trotz seiner enormen Wichtigkeit als Begründer des Avantgardismus in Chile und seiner Nähe zu literarischen Größen wie Pablo Neruda und Vicente Huidobro verwundert es, dass sein Werk bisher nicht in deutscher Sprache zu lesen war. Mit der zweisprachigen Anthologie „Mein Herz brüllt wie ein rotes Tier. Gedichte 1916 – 1966“ eröffnet Reiner Kornberger durch seine hingebungsvolle Übersetzung der deutschsprachigen Leserschaft das Universum der Zerrissenheit de Rokhas.

Wichtigste Konstante im Leben und Inspirationsquelle für sein Schaffen stellte seine Frau, die Dichterin Winétt de Rokha dar. Die gegenseitige künstlerische Bezugnahme der beiden aufeinander ist so stark, dass das Werk Pablos in seinem Ganzen nur in Zusammenhang mit Winétts Lyrik zu erfahren ist. So enthält diese Gesamtschau eine bezeichnende Auswahl an Gedichten von Winétt und kommt damit einem Willen Pablos nach. Die Anthologie stellt den literarischen Dialog zwischen den beiden Liebenden wieder her. Sie liest sich wie ein offenes Buch ihrer innigen Verbindung, aber auch ihrer geteilten Erschütterung über die menschliche Existenz – geprägt von Ausbeutung und Fremdbestimmung.

Ungeachtet dieser besonderen Verbindung zeigen die Texte eine intensive Auseinandersetzung mit dem Selbst. Die Suche nach Identität und der Ausdruck des persönlichen Schmerzes ist jedoch niemals losgelöst von der Außenwelt, sondern offenbart sich als Spiegel, welcher die desolaten sozialen und psychischen Zustände des modernen Menschen reflektiert. Tragische Übertreibung und radikaler Expressionismus durchziehen das Werk. Dabei bleibt de Rokha auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen für den zerrissenen Menschen der Moderne stets seinen linken politischen Überzeugungen treu. Stilistisch sprengt er dabei jeden Rahmen, bedient sich einerseits volkstümlicher Kunstformen, wie dem Canto oder der Satire und begründet andererseits eine eigene metasprachliche Ästhetik. Als einen „Guerillero des Stils“ tauft ihn sein Übersetzer daher zu Recht. Zerfall, Verwesung und Widersprüchlichkeit prägen die sprachlichen Bilder, welche eine von den Schrecken des Krieges geläuterte Menschheit abbilden.

Die Verzweiflung der Zeit äußert sich in Winétts Werk weniger gewaltig, doch sie spielt bewusst mit der Sprache und stellt eine explosive Diskrepanz zwischen Form und Inhalt her. Das Entsetzen über den Kapitalismus, psychische Zerrüttung und scharfe Kritik am Faschismus drücken sich in frommer Form und sanften Versen aus.

De Rokha ist nicht einfach zu fassen, weshalb die detaillierte Übersicht über Leben und Schaffen des Dichterpaars eine hilfreiche Einführung des Übersetzers darstellt. Die Anthologie ist ein energiegeladenes Werk, das mal erschüttert, mal erzürnt, Abgründe eröffnet und dann wieder tief berührt. Vor allem aber revolutioniert es das ästhetische Empfinden.

BIOGRAFIE EINES CHILENISCHEN ARBEITERS

Es ist ein kurzer schöner Moment mitten in einer schrecklichen Zeit, in dem der titelgebende Satz für dieses Buch fällt: Wenige Wochen nach dem Militärputsch im Jahr 1973 wird Orlando Mardones – chilenischer Gewerkschaftsführer, Mitglied der Kommunistischen Partei und nun politischer Gefangener – aus seiner Zelle geholt und glaubt, dem Tod entgegenzugehen. Doch stattdessen erwarten ihn hinter der entsprechenden Tür andere Gefangene, darunter viele Bekannte. Einer kommt zu ihm, muss ihn anfassen, um es glauben zu können: „Mensch, du lebst noch? Du lebst ja – du bist es?“.

Orlando Mardones schildert diese wie andere Szenen bewundernswert nüchtern und ohne dramatische Überspitzungen. In kurzen Kapiteln hangelt sich der heute 74-Jährige chronologisch durch seine eigene Biografie. Bereits mit 14 Jahren muss er lernen, sich selbst durchzuschlagen: erst als Aushilfe in einem Kaufladen, dann in einer Bäckerei. Nach einem freiwilligen Jahr beim Militär steigt er bei der chilenischen Elektrizitätsgesellschaft ENDESA ein und arbeitet sich bis zum Gewerk- schaftsvorsitzenden hoch. Die gesellschaftliche Politisierung der 60er-Jahre ergreift auch Mardones. 1966 tritt er in die Kommunistische Partei ein, später unterstützt er Salvador Allende im Wahlkampf.

Mardones‘ Erzählungen ergänzen bisher Bekanntes über diese hochpolitische Zeit mit lebensnahen Schilderungen aus der Perspektive eines chilenischen Arbeiters und Gewerkschafters. Besonders eindrucksvoll sind seine Berichte vom Gemeinschaftsgefühl unter den Arbeiter*innen und den großen arbeitsrechtlichen Errungenschaften dieser Jahre. Doch die Euphorie legt sich bald. „Wir, die Gewerkschaften, die Linke, waren nicht genügend darauf vorbereitet, eines Tages die politische Macht in unsere Hände zu nehmen“, analysiert Mardones und spricht von der Wahl Allendes zum Präsidenten als „verlorenen Sieg“. Und dann kommt der Putsch. Bereits am Tag darauf wird Orlando Mardones festgenommen, entführt und gefoltert. Insgesamt drei Jahre verbringt er in verschiedenen Gefängnissen und Lagern des Landes. Danach findet er in Chile weder genügend Arbeit noch familiären Halt. 1978 emigriert er nach Deutschland, wo er bis heute lebt.

Der Text, der 1989 bereits in kürzerer Form auf Deutsch erschienen war, wurde nun bei Edition AV neu herausgebracht. Mardones Erzählungen, durch geschichtliche Ausführungen vom Journalisten Winfried Roth ergänzt und übersetzt, werden von Fotografien und sogenannten arpilleras (Stoffbildern) aus der Sammlung des Museo de la Memoria y Derechos Humanos illustriert.

So dokumentiert „Mensch, du lebst noch?“ Mardones‘ Leben auf ehrliche Art und Weise. Seien es die Jahre der Gefangenschaft und Folter oder das Leben zu Hause und der schlechte Umgang mit seiner ersten Ehefrau: Mardones reflektiert vieles aus seiner Biografie, auch den eigenen Machismus, offen. Gerade das macht seine Erzählungen so echt. Der chilenische Journalist Antonio Skármeta schreibt dazu im Vorwort: „Er [Mardones] stellt sich in seiner Unvollkommenheit dar“. Nur schade, dass seine Erzählung 1978 endet. Mardones‘ Perspektive auf aktuelle politische Entwicklungen in Chile wäre sicherlich auch sehr lesenswert.

DAS BESSERE GESCHICHTSBUCH

Wer an Salvador Allende denkt, kommt wahrscheinlich bald bei dessen Sturz am 11. September 1973 an. Seine letzte Rede, im Angesicht des Putsches und des Beginns einer Militärdiktatur, machte Allende zur Ikone: „Ich werde nicht zurücktreten! In eine historische Situation gestellt, werde ich meine Loyalität gegenüber dem Volk mit dem Leben bezahlen.“

Diese Sätze stehen in Die Jahre von Allende erst auf den letzten Seiten. Die Graphic Novel rollt die komplexen Ereignisse der 1.000 Tage andauernden Allende-Regierung ab seiner Wahl im September 1970 auf. Die drei Kalenderjahre bilden Kapitel und strukturieren die sich überschlagenden Entwicklungen: vom Amtsantritt und der Regierungsbildung unter Allendes Unidad Popular über die Rolle der sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, den Einfluss der USA und extrem rechter Organisationen bis hin zu politischen Attentaten und den bis heute umstrittenen Todesumständen Allendes.

Zwischen den Geschehnissen auf der Straße und im Parlament – etwa Allendes Erfolge, wie die Verstaatlichung der Kupfervorkommen – fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Hierfür haben die Autoren eine Rahmenhandlung um den US-amerikanischen Journalisten John Nitsch entworfen. Dieser Schachzug mag zunächst verwundern, beim Lesen leuchtet er ein: Nitschs Außenperspektive macht das komplexe Geschehen auch für nicht-chilenische Leser*innen verständlich und verdeutlicht die Rolle der USA an den Ereignissen.

Die Zeichnungen von Rodrigo Elgueta lockern die manchmal überfordernd detaillierte Chronik in Die Jahre von Allende auf. Trotz der schlichten Gestaltung lassen die Bilder bei längerer Betrachtung interessante Details zum Vorschein kommen. Hierfür lohnt es sich sehr, auch den ausführlichen Anhang zu lesen: Die Autoren erläutern dort die popkulturellen Anspielungen, die sie überall auf den Seiten versteckt haben, zum Beispiel Plakate und Comics der frühen 70er Jahre.

Es ist eine Bereicherung, dass die Graphic Novel nach fünf Jahren nun für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich ist. Die Übersetzung von Lea Hübner überzeugt auch bei der Vermittlung des besonderen Pathos, das bei Salvador Allendes Reden stets mitschwang. Einige Fußnoten helfen bei der Einordnung politischer Organisationen oder Personen.

Der Szenerist Carlos Reyes und der Zeichner Rodrigo Elgueta, beide in den Jahren Allendes noch Kleinkinder, haben somit eine Graphic Novel für ein breites Publikum geschaffen. Diese zeigt, beinahe wie ein spannendes Geschichtsbuch, auch pädagogisches Potenzial. Beide Autoren sind übrigens Lehrer. Die kritische und detaillierte Auseinandersetzung mit der Geschichte wird sowohl jüngeren Leser*innen als auch Kenner*innen neue Erkenntnisse über Salvador Allende bringen. Dessen letzte Worte behalten angesichts der Massenproteste für eine neue Verfassung seit Oktober 2019 wohl bis heute Gültigkeit: „Ich glaube an Chile und sein Schicksal. Es werden andere Chilenen kommen. In diesen düsteren und bitteren Augenblicken […] sollt ihr wissen, dass ihr früher oder später, sehr bald, erneut die großen Alleen aufstoßen werdet, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht.“

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

Enfance (Extrait)

Tandis que l’aïeule égrène ses prophéties
les étoiles se posent sur les lèvres
de la petite fille
celle qui refuse les tutus l’organdi
le marché aux illusions des marionnettistes
À la tombée de la nuit
elle dérobe les masques confondus
les fait voler en éclats au bas des falaises
Comme chaque animal
elle fait confiance à ses antennes
à ses côtés nul corps céleste
nul ange gardien
Elle va dans l’espérance de ses semelles
et dans la lumière de l’instant

 

Kindheit (Auszug)

Während die Ahnin ihre Prophezeiung aufsagt
legen sich die Sterne auf die Lippen
des kleinen Mädchens
das Tutus und Batist verweigert
den Trugbildermarkt der Marionettenspieler
Bei Einbruch der Nacht
stiehlt sie die vertauschten Masken
zerschmettert sie am Fuß der Klippen
Wie jedes Tier
vertraut sie auf ihre Fühler
an ihrer Seite kein Himmelskörper
kein Schutzengel
Sie geht in der Hoffnung ihrer Schritte
und im Licht des Augenblicks

 

VERRATEN, VERSCHWINDEN, VERLIEREN, VERGESSEN

„Aber dann war da noch irgendetwas, das nicht dazu passte“, erzählt Manuel Gluckstein über seine Eltern. „Nichts Konkretes. Mehr ein Gefühl. Es war mir immer als ob es unter dieser Oberfläche der normalen Familie eine versteckte Wahrheit gäbe, die ich nicht kannte“. Wenn sie auf Treffen mit anderen Familien aus Ungarn gingen, war von den gemeinsamen Bekanntschaften immer in der Vergangenheitsform die Rede. Und sie erzählten von ihnen „ohne ein Lächeln, ohne eine lustige Anekdote, immer mit diesen ausdruckslosen Gesichtern, in die sich in manchen Momenten ein Anflug von Trauer mischte“.

Erst später versteht Manuel, dass „Mautauzen“, dieses unverständliche Wort, welches seine Erinnerung prägt und wie ein Fluch über diesen Treffen hing, das KZ Mauthausen meint, aus dem seine Eltern befreit wurden, bevor sie nach Argentinien auswanderten. Manuel war damals drei Jahre alt, geboren im Flüchtlingslager Bindemichel bei Linz.

Mauthausen und andere eingebrannte Worte und Orte aus der Vergangenheit tauchen immer wieder wie Versatzstücke der Erinnerung in der Geschichte auf. In Manuels wiederkehrenden Träumen ebenso wie auf Fotos aus der Kindheit, in Dokumenten der Eltern, Gesprächsprotokollen nach der Befreiung aus dem KZ, ärztlichen Gutachten oder behördlicher Vernehmungen. Und so verwebt sich auch die Geschichte von Manuels Eltern irgendwann mit seiner eigenen, dieses diffuse Gefühl dieser versteckten Wahrheit legt sich wie ein Schleier über die gesamte Erzählung nach seiner eigenen „Befreiung“ aus dem Pozo, einem argentinischen Folterzentrum während der Militärdiktatur.

Die Befreiung oder Marcelos Ende erzählt die Geschichte ihres Protagonisten Manuel Gluckstein, wechselt zwischen Ich-Erzähler und Beobachter, Träumen und Dokumenten, springt zwischen Zeiten und Erinnerungen. Es wirkt wie ein Puzzle, das sich erst langsam zusammensetzt, dabei schwingt stets eine dunkle Vorahnung mit. Die erzählten Passagen sind dabei eine Aneinanderreihung von kurzen, nüchternen Sätzen, schlicht aber präzise, so dass Ereignisse beim Lesen fast wie ein Film vor dem Auge vorüberziehen.

Manuel, der Sohn nach Argentinien eingewanderter KZ-Überlebender aus Ungarn, politisiert sich an der Uni im Argentinien der 70er Jahre, tritt einer peronistischen Studierendenvereinigung bei, emanzipiert sich aus seinem tristen Elternhaus und unterhält Kontakte zu den Montoneros, dem bewaffnetem Widerstand gegen die Militärdiktatur. Eines Tages wird er entführt und landet im berüchtigten Folterlager Olimpo. Nach Wochen, die auch Monate oder Jahre sein konnten, wird Manuel plötzlich freigelassen, hinausgespuckt in ein Leben, das keine Möglichkeit für ein Zurück mehr bereithält. Er gehört zu den „wiederaufgetauchten Verschwundenen“, denen, die nicht wie 30.000 andere ermordet oder lebend ins Meer geworfen wurden, sondern denen, die überleben sollten, um ein Beweis des Terrors und zugleich eine Warnung zu sein. Die ihr Leben lang leiden unter der quälenden Frage, warum gerade sie überlebt haben, unter der Schuld des Verrats, unter dem Schweigen, unter dem Vergessen, unter dem Erinnern.

Es wird klar, dass es keine Befreiung nach der Freilassung gibt

Die Zeit im Folterschacht nimmt nur zwei der dreißig nummerierten Abschnitte ein, ist aber darüber hinaus omnipräsent. Man spürt die Enge zwischen den Zeilen, die Unmöglichkeit des Verstandes, zu begreifen. Melancholisch, grau und schwer lastet die Zeit auf dem Protagonisten und überträgt sich auf die Lesenden. Es wird klar, dass es keine Befreiung nach der Freilassung gibt. Die psychische Folter, der perfide Terror der Folterer geht weiter. Nicht selten suchten sie wie alte Freunde ihre Opfer auch nach der Freilassung auf, unterhielten Beziehungen zu deren Familien, kontrollierten sie weiter. So auch Marcelo, Manuels Folterer. Auf einmal sitzt er mit Kaffee am Küchentisch des Vaters und sagt: „Hallo Manuel, lange her.“

Manuel selbst löst sich nach seiner Freilassung fast auf, er verliert sich selbst und es wird klar, wie das systematische Auslöschen von Subjektivität durch die Gewalt der Folter in Manuels Körper ihr Ziel erreicht hat. Er vereinzelt, er redet nicht. Wenn Marcelo ruft, gehorcht er. Die Szenen, in denen Marcelo Manuel gönnerhaft zum Essen einladen will, gehören zu den Schlimmsten des Buches. Auch dreißig Jahre später, als unter der Kirchner-Regierung die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der Militärdiktatur beginnt, übt Manuels ehemaliger Folterer Macht über ihn aus. Manuel wirkt wie sein eigener Zuschauer: tatenlos, lethargisch, ergeben. Der Schleier der Passivität steht im Kontrast zur gefühlten Abscheu und Wut gegenüber einem reuelosen Militär, der noch stolz ist, sich für die Verteidigung des Vaterlandes „aufgeopfert“ zu haben, aus der man sich am liebsten mit einem Befreiungsschlag des Protagonisten befreien würde. Dieser kommt dann umso überraschender und lässt uns mit vielen Fragen zurück.

Melancholisch, grau und schwer lastet die Zeit auf dem Protagonisten

 Die Befreiung oder Marcelos Ende ist die fiktionale Version von Christian Dürrs Buch Verschwunden (Metropol, 2016), in dem er Verfolgung und Folter unter der argentinischen Militärdiktatur untersucht und das Foltersystem der Junta in Bezug zum System nationalsozialistischer Konzentrationslager setzt. Auch hier widmet er sich dem Verschwinden- und Wiederauftauchenlassen als Teil des Machtkalküls der Folterer, durch die Überlebenden die Logik der Gewalt nach außen zu tragen – und sie durch ihre Erzählungen oder durch ihre Körper selbst in den gesellschaftlichen Diskurs zu übertragen. Aus den Erzählungen von Überlebenden analysiert der Kurator der Gedenkstätte Mauthausen die Folter, das Dispositiv des Verschwindenlassens, die Kontrolle und das Weiterleben und bringt es in seinem beim feinen bahoe books erschienen Erstlingsroman sehr eindrucksvoll und auf schlichte Weise tief berührend in eine literarische Form.

AUF TAUCHGANG

Das Meer, auf das Única blickt, ist nichts anderes als ein Müllmeer. Seit 20 Jahren schon lebt sie in Río Azul am Fuße von Costa Ricas Hauptstadt San José und in ebendieser Zeit hat sich der einst kleine Müllhügel in ein alles verschlingendes Meer gewandelt. Alles verschlingend im wahrsten Sinne: Als eine Mutter kurz ihr Baby außer Acht lässt, verschwindet dieses für immer in den giftigen, nie ruhenden Müllschichten. Nicht ohne Grund werden die rund 400 Bewohner*innen der Deponie „Taucher“ genannt. Sie verbringen den Großteil ihres Tages damit, im Müll nach Essbarem und Dingen zu suchen, die sie gegen kleines Geld auf dem Markt von Río Azul verkaufen können.

Trotz dieses Lebens voller Widrigkeiten bemüht sich Única um ein wenig Normalität. Sie sorgt für einen Zusammenhalt zwischen den Bewohner*innen der Mülldeponie, kreiert aus den ertauchten Essensresten neue Mahlzeiten und adoptiert ein Findelkind. Ihre aus Müll zusammengeschusterte Baracke ziert eine Fernsehantenne – auch ohne Fernsehgerät, versteht sich. Neuzugang auf der Müllkippe ist Mondolfo, genannt Moboñombo Moñagallo, der sich, nachdem er auf kriminelle Machenschaften in seinem alten Job aufmerksam und gefeuert wurde, in seiner Depression das Leben nehmen möchte. Única rettet ihn vor dem Tod und nimmt ihn in ihre Wahlfamilie auf. Doch schon bald steht die Zukunft aller Taucher*innen auf dem Spiel: Die Nachbar*innen von Río Azul wollen die toxische und immer wachsende Mülldeponie nicht länger dulden.

Fast drei Jahrzehnte sind seit der Erstpublikation von Única blickt aufs Meer in Costa Rica vergangen, die Übersetzung ins Deutsche basiert auf der 2010 vom Autor aktualisierten Ausgabe. Thematisch könnte der Roman von Fernando Contreras Castro kaum aktueller sein. Umweltverschmutzung und die konkreten Auswirkungen auf die Menschen vor Ort sind das zentrale Motiv. Anhand des Alltags auf der Müllkippe erzählt Contreras Castro von Armut und sozialen Differenzen sowie von korrupten Politikern, die keinerlei Bestrebung haben, etwas zu verbessern. Dabei spart er nicht mit Seitenhieben auf konkrete Personen der costa-ricanischen Geschichte: So heißt der Präsident, der sich mehr für die Konzerne, die ungeachtet der Umweltbedingungen eine neue Mülldeponie errichten wollen als für die Menschen interessiert, Caldagueres – ein Name, der nicht zufällig an die Präsidentenfamilien Calderón und Figueres erinnert. Daran, Müll zu vermeiden, denkt kaum jemand. Denn wo dieser landet, bekommt außer den Taucher*innen kaum jemand mit.

Única blickt aufs Meer ist weniger ein literarischer Text – stilistisch ragt er nicht heraus – aber doch eine kluge Analyse sozialer Realität und scharfer Kommentar eines Autors, der das neoliberale System seines Landes unter die Lupe nimmt; eine Situation, die sich problemlos von Costa Rica auf die anderer armen und von der Klimakrise sowie Massenkonsum betroffenen Menschen in vielen Regionen der Welt übertragen lässt.

SCHEITERNDES GENIE


So schlecht wie er in der Schule ist, muss er einfach, davon sind Rafael und seine Familie überzeugt, ein Genie sein; der unerschütterliche Glaube daran macht dieses Scheitern weniger schmerzhaft. Rafael versagt nicht nur in sämtlichen Unterrichtsfächern, auch sonst will ihm herzlich wenig gelingen. Die Entwurzelung nagt an ihm, selbst nach Jahren im Exil hat er immer noch keine Freund*innen gefunden. Nach Augusto Pinochets Putsch 1973 flohen die Gumucios nach Paris, wo Rafael seinen Alltag im Jardin du Luxembourg zwischen den Statuen von Baudelaire, Beethoven und Verlaine – wie es sich für ein Genie gehört –, seiner frisch erwachten Liebe zu Gott und, im Schlepptau seiner Eltern, dem Europakomitee der Partei Izquierda Cristiana („Christliche Linke (IC)“) verbringt. Seine Genialität findet er dabei allerdings nicht.

Als die Familie in den achtziger Jahren nach Santiago de Chile zurückkehrt (nicht ohne Probleme; Rafael und sein Bruder landen kurzerhand auf einer speziellen Liste unerwünschter Exilant*innen, „zwei gefährliche Terroristen im Untergrund“, wie er ironisch beschreibt), wird der jugendliche Rafael erstmals mit der Realität in seinem Heimatland konfrontiert, die sich unter anderem durch mehrere Tote im Bekanntenkreis äußert. „Es war meine erste Beerdigung und ich fühlte, dass ich in Chile angekommen war“, kommentiert er einen dieser Tode nüchtern. Doch das Ankommen ist so eine Sache, nicht nur wird Rafael wegen seines Akzents ausgelacht, die vergebliche Suche nach seiner genialen Ader und die vielen Ängste, die ihn plagen, verschwinden auch in Chile nicht, sie bekommen durch den drohenden Militärdienst vielmehr neue Facetten. Im Alltag beschäftigt Rafael auch sein erwachtes Interesse an Frauen, das auf herzlich wenig Gegenliebe stößt – obwohl er sich bei Treffen von Linksaktivist*innen um Anerkennung und Aufmerksamkeit bemüht.

In vielen kurzen, episodenhaften Kapiteln erinnert sich Rafael Gumucio an seine Kindheit und Jugend zurück. 1999 unter dem Titel Memorias prematuras erschienen, wurde der autofiktive Roman jetzt als Transitkind erstmals auf Deutsch übersetzt – in Schweizer Orthografie allerdings, die das „ß“ nicht kennt. Gumucios Familie ist in Chile nicht unbekannt; sein Onkel etwa war Gründer von Izquierda Cristiana, die zur Regierungskoalition Allendes gehörte. Zum Verständnis von Transitkind hilft es, sich gut mit der chilenischen Geschichte auszukennen.

Rafael Gumucio bleibt sehr nahe bei seinem Alter Ego Rafael und erzählt dadurch eine subjektive, persönliche Geschichte, bei der politische und gesellschaftliche Ereignisse nur angedeutet werden. Transitkind ist somit weniger der Roman über ein Land im Umbruch, auch wenn die Militärdiktatur als Fundament fungiert. Vielmehr ist es die Geschichte eines jungen Menschen, der Scheitern als Antrieb, Trauma als Motivation hat und auch der Gesellschaft, in die er einst geboren wurde, immer ein wenig entrückt bleibt. Mit leiser Ironie geschildert ist Transitkind somit eine erstaunlich universelle Geschichte von einem Menschen, der versucht, über das Schreiben sein eigenes Leben zu begreifen – und der erkennen muss, dass er zwar kein Genie, das aber vollkommen okay ist.

VERDAMMT REAL

„Dies ist ein Werk der Fiktion”, ist fett gedruckt im Impressum zu lesen. Tatsächlich ist im Fall von Die Korrupten damit gemeint, dass die Geschichte von Jorge Zepeda Patterson „weit hinter dem zurückbleibt, was in Wirklichkeit in den obersten Kreisen der Macht geschieht”. So beschreibt es der mexikanische Autor in seinen Anmerkungen am Ende des aufrüttelnden Thrillers.

Jorge Zepeda Patterson arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist in Mexiko. Im Roman wird die Figur von Tomás zu seinem beruflichen Alter Ego, dem die zugespielte Information über den Fundort der Leiche einer bekannten mexikanischen Schauspielerin zum Verhängnis wird. Er übernimmt die brisante Nachricht über die Nähe des Fundorts zum Wohnhaus des amtierenden Innenministers in eine seiner Kolumnen. Weil ihn das sogar in Lebensgefahr bringt, kommen ihm seine drei besten Freund*innen zu Hilfe: die Vorsitzende der linksgerichteten Partei PRD, ein ehemaliger Leiter des mexikanischen Geheimdienstes CISEN sowie ein Hochschullehrer.

Gemeinsam finden sie Wege, um sich gegen die Gefahr für Tomás zu wehren: Sie nehmen die Ermittlungen in dem Mordfall selbst in die Hand und holen sogar zum Schlag gegen die autoritäre Regierung der ins Präsidentenamt zurückgekehrten ehemaligen Staatspartei PRI aus.
Im Laufe der Ermittlungen der alten Bekannten werden den Leser*innen sowohl die Machenschaften als auch die politische Mentalität der Einflussreichen und des organisierten Verbrechens vor Augen geführt. Patterson nimmt dabei auf tatsächliche Ereignisse der jüngeren Geschichte Mexikos Bezug, die zeigen, in welch hohem Maße Korruption und Gewalt normal geworden sind.

Was in einem Krimi sonst als Stilmittel gebraucht wird, um die Protagonist*innen ohne die Polizei auskommen zu lassen, ist in Mexiko Normalität: 98 Prozent aller Verbrechen im Land bleiben straflos, weil die Polizei oder Staatsanwaltschaft nicht ermittelt. Zöge man einmal die ungewöhnlichen Fähigkeiten der drei Freunde von Tomás ab, wäre er in einer ähnlichen Situation unter realen Bedingungen machtlos.

Überraschen dürften die detaillierten Schilderungen der ausufernden Korruption – vor allem in Mexiko – niemanden. Doch Patterson bietet darüber hinaus eine psychologische Perspektive an, die den moralischen Perversionen der politischen Klasse und der extremen Gewalt des organisierten Verbrechens einen erkenntnisreichen Kontext gibt. Nicht zuletzt werden auch die Herausforderungen eines zivilen Lebens angesichts der Normalität von Mord und dem gleichbedeutenden Verschwindenlassen thematisiert.

Die szenenhaften Kapitel laufen wie ein Film vor dem inneren Auge ab – da ist es nicht verwunderlich, dass Netflix gerade eine Serie auf der Grundlage von Die Korrupten produziert. Das Ergebnis kann sich hoffentlich genauso sehen lassen wie die ebenfalls in Mexiko spielende Serie Tijuana, die sich mit den Herausforderungen des Journalismus angesichts der systematischen Gewalt auseinandersetzt.

Zweifellos tragen Pattersons scharfsinnige Beobachtungen dazu bei, den Wahnsinn der Gewalt und Korruption zu entlarven, doch das ist eine Geschichte mit Fortsetzung: Die Korrupten ist der erste Teil einer Romantrilogie, auch der zweite Teil Milena ist inzwischen auf Deutsch erschienen. Die Übersetzung des letzten Bands Los Usurpadores (Die Thronräuber) kann also mit Spannung erwartet werden.

DIE STIMME DER VERGESSENEN IST VERSTUMMT

Illustration: Joan Farías Luan (http://cuadernoimaginario.cl/)

Schriftsteller, Regisseur, Journalist, politischer und Umweltaktivist, Revolutionär, Guerrillero, Fernfahrer, Küchengehilfe – Luis Sepúlveda, von seinen zahlreichen Freund*innen liebevoll „Lucho“ genannt, war so vieles in seinem Leben. Nun ist der vielseitige chilenische Autor im Alter von 70 Jahren in Folge seiner COVID-19-Erkrankung gestorben. Er und seine Frau, die Dichterin Carmen Yañez, gehörten im Februar zu den ersten Chilen*innen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Während sie jedoch nach kurzer Zeit wieder genesen war, erlag Sepúlveda am 16. April nach mehreren Wochen der Beatmung im künstlichen Koma der Krankheit.

Sepúlveda war seinen Idealen zeitlebens treu geblieben: „Ich dachte immer, es gibt bereits Leute, deren Aufgabe es ist, die Geschichte der Gewinner zu schreiben. Ich habe mich immer den Verlierern näher gefühlt. Unsere Aufgabe als Schriftsteller ist es, die Stimme der Vergessenen zu sein“, sagte er, „der Schriftsteller ist das Sprachrohr derjenigen, die keine Stimme haben.“ So verfuhr er nicht nur in seiner Literatur, sondern auch im Leben. Trotz großen Erfolgs bescheiden geblieben, behielt er diesen nicht für sich, sondern teilte ihn, nutzte ihn, um zu helfen. Junge Autor*innen, kulturelle oder soziale Projekte und Bewegungen unterstützte er mit seinem Namen, mit Kontakten und zum Teil auch finanziell.

Der Durchbruch als Autor kam für Luis Sepúlveda 1989 mit dem später in über 50 Sprachen übersetzten Kurzroman Der Alte, der Liebesromane las, der einem breiten Publikum den vom Extraktivismus – hier in Gestalt von Goldsuchern und Ölfirmen – bedrohten Amazonas-Regenwald nahe brachte. Die titelgebende Hauptperson Antonio José Bolívar Proaño ist wie Sepúlveda selbst ein Exilant im doppelten Sinne: Ohne Möglichkeit, in sein Dorf in den Anden oder in die Gemeinschaft der Shuar im Urwaldgebiet Ecuadors zurückzukehren, die ihm eine zweite Heimat geworden war, blieben ihm am Ende nur die Bücher. Auch Sepúlveda blieben nur seine Bücher und das Schreiben, nur dass die Welten, in die er nicht zurückkehren konnte, Chile und die Revolution waren.

Nach eigenen Angaben „tiefrot geboren“, begann er sein politisches Engagement bereits mit 15 Jahren bei der Kommunistischen Jugend, wechselte dann zu den Sozialist*innen und reiste nach Bolivien, um die ELN-Guerrilla zu unterstützen. Er gehörte zur Leibgarde von Salvador Allende, war nach dem Militärputsch erst im Untergrund und später über zwei Jahre lang im Gefängnis, wo er gefoltert wurde. Auf Druck von Amnesty International wurde seine lange Haftstrafe schließlich in Exil umgewandelt, worauf er sich nacheinander in Uruguay, Brasilien, Paraguay und schließlich in Ecuador aufhielt, wo er auch die Kultur der Shuar kennenlernte. Als Brigadist kämpfte er in Nicaragua für die Sandinistische Revolution. Anschließend ließ er sich für mehr als 10 Jahre in Hamburg nieder. Während dieser Zeit fuhr er als Besatzungsmitglied auf einem Schiff von Greenpeace über die Weltmeere, um gegen den Walfang zu kämpfen. Er könne sich nicht vorstellen, vom Meer entfernt zu leben, meinte er später einmal.

Sepúlveda wollte „eine gute Geschichte gut erzählen, ohne die Wirklichkeit zu verändern“

Reisen und Abenteuer waren überhaupt ein wichtiger Teil seines Lebens – kein Zufall also, dass er auch über die Reise- und Abenteuerliteratur zum Schriftsteller wurde. „Irgendwann sind mir die Bücher der Autoren ausgegangen, die ich liebte: Jules Vernes, Emilio Salgari, Robert Louis Stevenson oder Francisco Coloane hatten nichts Neues mehr für mich. Da habe ich angefangen, selbst Geschichten zu schreiben von der Art, wie ich sie gerne las.“ Patagonien war dabei ein Ort, der seine Phantasie im besonderen Maße beflügelt hat, erst in den Büchern des von ihm bewunderten Coloane und später auf eigenen Reisen. So spielt es auch in mehreren seiner Werke eine Rolle, wie etwa in seinem Reisebuch Patagonia Express.

Sein Schreibstil war schnörkellos und konzentrierte sich darauf, „eine gute Geschichte gut zu erzählen, ohne die Wirklichkeit zu verändern, denn die Bücher verändern die Welt nicht, das machen die Bürger.“ Antonio José Bolívar Proaño blieb dabei nicht seine einzige Hauptperson mit autobiografischen Elementen, mit dem desillusionierten ehemaligen Guerillero und Allende-Leibwächter Juan Belmonte aus Sepúlvedas Krimis kam ein weiteres Alter Ego hinzu.

Sepúlveda schrieb außerdem Kinderbücher, in denen es oft um ungewöhnliche Freundschaften (Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte, Wie der Kater und die Maus trotzdem Freunde wurden) und Werte wie Respekt und Toleranz geht. Durchdrungen ist sein ganzes Werk von der Solidarität, die Sepúlveda auch selbst lebte, sowie einer starken Sensibilität für die Bedrohung der Natur.

Neben dem Schreiben wirkte Sepúlveda zuweilen auch im Film, so drehte er selbst Nowhere, einen den Opfern der chilenischen Diktatur gewidmeten Spielfilm mit Harvey Keitel in einer der Hauptrollen. Als Sepúlveda im Jahr 2002 hörte, dass in Patagonien ein großes Aluminiumwerk gebaut werden sollte, das ganze Ökosysteme zu vernichten drohte und die chilenische Regierung so tat, als gäbe es die Menschen vor Ort und ihre Proteste nicht, kam er mit einem Filmteam und drehte die Reportage Corazón Verde darüber, die später sogar den Preis für den besten Dokumentarfilm auf dem Filmfestival von Venedig gewann.

Eine neue Verfassung hätte ihn zur Rückkehr nach Chile veranlassen können

In seinen Jahren in Deutschland als Reporter etwa für den Spiegel tätig, wirkte Sepúlveda bis zuletzt auch journalistisch und äußerste sich insbesondere in seiner Kolumne für die chilenische Ausgabe der Le Monde Diplomatique immer wieder politisch, manchmal zu seiner Wahlheimat Spanien, oft zu Chile. Dort hatte ihn die Zerstörung des Sozialgefüges durch die Diktatur einst sehr betroffen gemacht, entsprechend engagiert verfolgte und unterstützte er dessen Wiederbelebung in den Protesten der letzten Jahre und insbesondere der letzten Monate. Als er, längst in Europa verwurzelt, einmal gefragt wurde, was sich ändern müsste, damit eine Rückkehr nach Chile für ihn infrage käme, sagte er: „die Verfassung“. Noch Ende 2019 schrieb er, der ehemalige Revolutionär: „Es gibt keine Rebellion, die gerechter und demokratischer sein könnte als die Rebellion heute in Chile. Und es gibt keine Unterdrückung, so hart und verbrecherisch sie auch sein mag, die ein Volk im Aufbruch aufzuhalten vermag.“

NICHT EINMAL DER TOD

Aufmerksame Kritikerin Echeverría verstarb am 03. Januar 2020 (Foto: Gilberto Robles)

Ich kam im Jahr 1920 zur Welt, zu einer Zeit, als die Frauen in Chile weder das Recht hatten zu wählen, noch die Möglichkeit an einer Universität zu studieren. Chile war als Land damals absolut abhängig von Europa und den USA. Es verkaufte Salpeter, später Kupfer. Es war eine koloniale Realität. Mir war väterlicherseits ein oligarchisches Erbe in die Wiege gelegt worden, mütterlicherseits gab es Facharbeiter und Intellektuelle.

Ihr Großvater, Eliodoro Yáñez, erlangt in den 1920er Jahren einen Ruf als fortschrittlicher Senatspräsident, wird Ende der 1930er jedoch ins europäische Exil gezwungen. Echeverría verbringt große Teile ihrer Kindheit in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Ihre Mutter erinnert sich ihrer in Tagebüchern als anstrengendes Kind: „Sie ist ein unausstehlicher Schreihals, so intelligent und stolz sie auch sein mag.“ Die Mutter müht sich, dieses Temperament unter Kontrolle zu bekommen und sie auf den „gesellschaftlichen Einstand“ in Chile vorzubereiten.

Natürlich fügte ich mich erstmal den Normen meiner sozialen Klasse. Ich heiratete und bekam Kinder. Und dennoch zeigte ich immer auch Symptome einer Rebellion gegen all die Vorschriften, denen ich unterworfen war.

1950 reicht es Echeverría. Sie stellt ihren Ehemann und die drei gemeinsamen Kinder vor vollendete Tatsachen und geht als Stipendiatin für ein Jahr nach Spanien. Ihre Rolle als Ehefrau und Mutter interpretiert sie fortan selbstbestimmter, arbeitet als Lehrerin und gründet ein Theater. Nach dem Wahlsieg Salvador Allendes 1970 steigert Echeverría ihr künstlerisches Engagement weiter.

In diesen Jahren blühte die Kultur hundertprozentig auf. Es ging darum, die gesamte Bevölkerung zu erreichen und einzubeziehen. Überall waren für wenig Geld gute Bücher des staatlichen Verlags Quimantú zu kaufen. Überall wurde eifrig produziert. Folklore. Theaterstücke. Eine Explosion. Die Wände Santiagos waren voller Wandbilder, auch die Mauern entlang des Flussbettes des Rio Mapocho, der durch die Stadt fließt. Ich glaube, das war intellektuell die wachste Zeit Chiles, nie zuvor oder danach wurde so viel gelesen. Es war ein kreatives Fieber das sehr abrupt und tragisch endete.
Richard Nixon begriff schnell, dass er den sozialen Wandel in Chile aufhalten musste, denn sonst hätte dieser Weg in Lateinamerika weitere Nachahmer finden können. Sie begannen mit einem Embargo und organisierten viele weitere verdeckte Aktionen in Chile, an denen sich alle Kapitalisten der chilenischen Rechten beteiligten, besonders auch der Herausgeber der Tageszeitung El Mercurio, Augustín Edwards. Unglaublich, was für eine Hommage nach seinem Tod inszeniert wurde, und das für eine der unheilvollsten Gestalten der chilenischen Geschichte.

Unheilvoll ist auch der Putsch 1973. Echeverría nutzt den relativen Schutz ihrer privilegierten Herkunft und engagiert sich in der Fluchthilfe verfolgter Personen. Ihre Bemühungen, auch einflussreiche Frauen der deutsch-chilenischen Community für diese Aktionen zu gewinnen, schlagen fehl. In einem geheimen Treffen…
entgegneten die ehrenwerten Damen auf meinen Vorschlag, international Hilfe zu organisieren: ‚Weiß denn Lucía Pinochet [die Ehefrau des Diktators] von dieser Idee?‘ und ich sagte nur: ‚Na hoffentlich nicht! Auch die deutschen Nonnen aus der Oberschule Colegio Santa Ursula [wo Echeverría bis 1973 unterrichtete] hatten, gebildet wie sie waren, nichts verstanden. Ich wollte, dass sie eine ehemalige Schülerin verstecken, doch sie ließen mich abblitzen. Im Philosophieren waren sie stark, aber politisch gesehen absolute Faschistinnen.
Aus Sorge um zwei meiner eigenen Kinder, die nach dem Putsch im Untergrund weiterhin bei der MIR
[Bewegungen der Revolutionären Linken] aktiv waren, suchte ich Hilfe bei einem deutschen Bischof [eigentlich Probst] der Lutherischen Kirche, Helmut Frenz. Ich war kurz davor, ins Exil zu gehen und meine Kinder mussten auch aus Chile raus. Noch von Cambridge aus [wo Echeverría und ihr Mann von 1974 bis 1979 lebten] hielten wir Kontakt mit ihm. Er hat so vielen geholfen und es war sicher nicht leicht für ihn, mit all den Nazis in Chile.

Ende der 1970er kehrt Echeverría nach Chile zurück. Gemeinsam mit einigen Eingeweihten gründet sie die Gruppe Mujeres por la vida (Frauen für das Leben).

Während der Diktatur begannen wir Dinge zu tun, die die Männer nicht zu tun wagten. Die hatte man nach dem Putsch zum Schweigen gebracht.

Echeverría und ihre Mitstreiterinnen zetteln mal szenische Tumulte in Supermärkten an, mal werfen sie Fußbälle mit der Aufschrift „Tretet Pinochet“ von den Dächern Santiagos. Oder sie protestieren gegen die unerträgliche parteiische Justiz.

Zu fünft schlichen wir uns in den Gerichtshof. Fünf Frauen, die Taschen gefüllt mit verfaultem Fisch und Muscheln. Mit eleganten Schritten liefen wir in den zweiten Stock und warfen von dort auf ein Kommando alle Fische und Muscheln in den Innenhof, wo die Richter herumliefen. Dann entrollten wir ein Transparent auf dem stand ‚In Chile ist die Gerechtigkeit verboten‘. Wir wurden alle festgenommen, aber was sollten sie machen? Wir hatten ja niemanden umgebracht. Also kamen wir nach zwei Tagen wieder frei. Und den Gerichtshof, den konnten sie zwei Wochen lang nicht benutzen, weil es so stank.

Auch nach dem Ende der Diktatur bleibt Echeverría eine wache Kritikerin der unvollendeten Redemokratisierung Chiles. So verfolgt sie die Lebensläufe prominenter Parteigänger Allendes, die sich nach der Diktatur als wirtschaftliche Berater, Geschäftsmänner und Politiker auf obszöne Weise bereicherten.

Diese unverschämten Scheißtypen, wie konnten sie, intelligent und gebildet wie sie sind, sich so einer perversen Mission verschreiben? Warum verlief mein Leben so anders? Ich, aus aristokratischen Kreisen, geprägt von einer elitären Bildung, ich machte mich zu einer Anderen, abseits des Wohlstands der für mich in einer glorreichen oligarchischen Zukunft reserviert war. Denn die Utopie einer anderen möglichen Welt, von einer menschlichen Gesellschaft, mit Würde und Solidarität, das ist die meine.

DAS LEBEN IM FLUSS

Bild: Klak Verlag

Bild: Klak Verlag

Manche Bücher ziehen uns durch Erzählungen von einer unbekannten Welt in den Bann. Nie derselbe Horizont, das Romandebüt von Bettina Bremme, zieht dagegen seinen Reiz auch daraus, dass trotz einer Vielzahl an Perspektiven so viel Vertrautes in den hier erzählten neun Monaten aus dem Leben zweier Menschen steckt.

Die deutsche Fotoreporterin Andrea, lateinamerikabegeisterte Tochter aus wohlbehütetem Haus, ist der Enge der elterlichen Provinz bei erster Gelegenheit entflohen und irgendwann in Berlins linksalternativer und polyglotter Szene gelandet, in Kreisen, in denen „man sich meistens entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Flugzeug fortbewegt“ und sich immer irgend jemand im Bekanntenkreis gerade nach Übersee aufmacht – für die neue Beziehung, für ein Projekt, zum Reisen.

Der argentinische Psychologe Daniel, im Buenos Aires der Militärdiktatur mit schwierigen familiären, finanziellen und politischen Verhältnissen aufgewachsen, ist für eine verflossene Beziehung nach Berlin gekommen, was für ihn bedeutete, quasi bei Null anzufangen.

In Nie derselbe Horizont erzählt Bremme die Liebesgeschichte der beiden entlang der Frage: Wo wollen wir zusammen leben? In Berlin, wo zwar die ganze Welt zuhause ist, Daniel aber das Winterwetter und mitunter sprachliche Hindernisse zu schaffen machen? Oder im krisengeschüttelten Buenos Aires (die Handlung spielt während der Finanzkrise von 2001)? Das Buch beginnt mit der Idee, ein Kompromiss sei vielleicht das Beste: Barcelona, die mediterrane Metropole am Meer.

Die Handlung wechselt – oft in Rückblenden – zwischen allen drei Städten hin und her, die Suche nach dem richtigen Ort steht dabei symbolhaft auch für weitere Aspekte der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft in einer in mehrfacher Hinsicht interkulturellen Beziehung: Frau und Mann, Deutschland und Argentinien, gehobene und krisengeschüttelte Mittelschicht. Hier treffen verschiedene Sozialisationen, Kommunikationsstile und Temperamente aufeinander. Was einerseits einen großen Reiz ausmacht, kann auch herausfordernd sein bei Fragen, die es in jeder Beziehung zu klären gibt wie: Wie stark kommt man den Bedürfnissen des anderen entgegen? Zu welchen Abstrichen ist man bereit, wenn das Geld knapp wird? Wie bedingungslos hilft man, wenn die (Schwieger-)mutter in Not ist?

Es fällt einem kaum auf, dass sich in manchen Aspekten der Figuren auch das eine oder andere Klischee spiegelt. Vielmehr vermittelt sich mit großer Lebendigkeit und Leichtigkeit ein Lebensgefühl in den drei Metropolen. Das hat vielleicht auch mit autobiografischen Aspekten des Buches zu tun: Bettina Bremme zog selbst Anfang des Jahrtausends – und in ähnlichem Alter wie im Buch Andrea – von Berlin nach Barcelona. Ob optische und atmosphärische Details der Schauplätze, ob Gedanken, Seelennöte oder Lebensfreuden Andreas und Daniels sowie einer ganzen Reihe ihrer für verschiedenste Lebens- und Beziehungsentwürfe stehenden Bezugspersonen – die Autorin, Freund*innen lateinamerikanischer Filme durch ihre Sachbücher zum Thema bekannt, erweist sich stets als unterhaltsame und gleichzeitig feinfühlige, genaue Beobachterin und Erzählerin.