
Härte und Gewalt sowie Nähe und Sanftmut finden sich in den Erzählungen von Sergio Ramírez, die im Band Jetzt bist du nicht mehr bei mir zusammengetragen sind, wieder. Mal gehen diese Eindrücke ineinander über und vereinen sich, mal treten sie als Kontrast gegeneinander auf. Da ist die verarmte Zirkusgruppe, die von einem nicaraguanischen Dorf zum nächsten zieht und deren größte und eleganteste Künstlerin, die unvergleichliche Mireya, durch Prostitution den Laden am Laufen hält. Oder Lady Di, benannt nach ihrem Pixie-Haarschnitt, die nach einer qualvollen Zeit in einem brutalen Foltergefängnis im Krankenhauszimmer in Costa Rica mit ihrer humorvollen Krankenpflegerin zu Despacito tanzt.
„Jetzt sind es zwei, die lachen, eine mit tiefer Stimme, die andere mit hellem Timbre, einem Singsang, der fast fröhlich klingt. Aber alles ist so trügerisch“, schreibt Ramírez.
Damit schafft er eine Stimmung, die sowohl aufregend als auch bedrohlich ist. Jederzeit kann die Erzählung umschlagen und sich das Gute zum Schlechten wenden – eine Eigenschaft, die der Autor auch seinen Figuren verleiht. Jede der kurzen Geschichten konzentriert sich auf einige wenige Charaktere, denen die völlige Aufmerksamkeit gilt und die dabei in all ihren Facetten gezeichnet werden. So könnte der Comandante Lagarto, der in der Revolution gegen die Somoza-Diktatur kämpfte und später Lady Di folterte, am Wochenende auch ein liebevoller Opa sein, der Zuckerwatte für seine Enkelkinder kauft und sie auf seinen Pferden reiten lässt. Ramírez zeigt vielfältige Figuren, ohne sie zu verklären.
Verbindungen zu seinen persönlichen Erfahrungen lassen sich in dem Werk immer wieder finden: etwa die als Mitglied der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) und die als Vizepräsident Nicaraguas zwischen 1984 und 1990 in der Regierung des Nationalen Wiederaufbaus nach dem Sturz des Diktators Anastasio Somoza Debayle. Auch der Bruch mit seinem ehemaligen Kollegen und dem heutigen Co-Präsidenten Nicaraguas, Daniel Ortega, wird deutlich. Unter dessen Regime findet in Jetzt bist du nicht mehr bei mir die Folter von Lady Di durch Comandante Lagarto statt, die in ihrer vollen Brutalität beschrieben wird.
Der erzählende Schreibstil kommt ohne Metaphern, fantasievolle Ausschweifungen oder Träumereien aus. Das wirft die Frage auf, wie viel davon tatsächlich genau so passiert ist. Der nicaraguanische Schriftsteller und Menschenrechtler, der 2023 aufgrund seiner Regimekritik die Staatsbürgerschaft verlor, springt in seinen Erzählungen von einer zeitlichen Ebene in die andere oder wechselt zwischen den Perspektiven der verschiedenen Charaktere; dennoch sind die Geschichten nachvollziehbar.
Und obwohl die zwölf Kapitel, die ursprünglich zur Hälfte aus dem Band Flores oscuras (Dunkle Blumen) und zur anderen Hälfte aus dem Band Ese día cayó en domingo (Dieser Tag fiel auf einen Sonntag) stammen, nicht zusammenhängen, ist ein roter Faden zu erkennen, der sie verbindet. Das Buch, aus dem Spanischen übersetzt von Lutz Kilche, enthält verschiedene Geschichten von Menschen, deren Leben von Gewalt und Zärtlichkeit sowie von Leid und Lachen durchzogen ist.
















