Linker Lichtblick in Lateinamerika

Kandidat des Pacto Histórico Iván Cepeda beim kolumbianischen Treffen in Madrid am 7. Januar 2026 ( Foto: Diana Sepúlveda)

Kolumbien hob sich in letzter Zeit immer wieder von der voranschreitenden Faschisierung der Gesellschaft (nicht nur) in Lateinamerika ab und stellte sich wiederholt der Einflussnahme von US-Präsident Trump auf die Region entgegen. Anfang des Jahres, nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Venezuela und der Entführung des venezolanischen Präsidenten und seiner Frau durch US-Streitkräfte, verurteilte Kolumbiens Präsident Petro dies scharf. Obwohl den anfänglichen Spannungen zwischen den USA und Kolumbien versöhnlichere Töne folgten, ist Gustavo Petro einer der wenigen Staatsoberhäupter, die Trump diskursiv Einhalt gebieten und ihm widersprechen.

Ein Lichtblick in der aktuellen politischen Landschaft. Auch deshalb sind die Hoffnungen auf den Wahlsieg des linken Präsidentschaftskandidaten Iván Cepeda groß, um die progressive Politik der letzten Jahre fortzuführen. Am 8. März fanden in Kolumbien Parlamentswahlen sowie Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl statt. Über 20 Millionen Kolumbianer*innen nahmen daran teil, mehr als bei den Parlamentswahlen 2022. Die eindeutige Gewinnerin ist das linke Regierungsbündnis Pacto Histórico. Damit stellt eine linke Partei erstmals in der Geschichte des Landes die stärkste Fraktion im Parlament. Allerdings verfügt keine der Parteien über die Mehrheit im Senat, die für die Regierungsfähigkeit notwendig ist. Daher werden auch in dieser Legislaturperiode wieder Allianzen und Koalitionen mit den traditionellen Parteien notwendig sein.

In den Umfragen zur Präsidentschaftswahl am 31.Mai liegt der linke Kandidat Iván Cepeda klar vorne. Der nationale Wahlrat, die oberste Wahlbehörde Kolumbiens, hatte Cepeda kurzfristig aus den Mitte-links Vorwahlen ausgeschlossen. Dies führte zu heftiger Kritik linker Organisationen, die daraufhin als Zeichen der Unterstützung einzelner Kandidat*innen die Vorwahl boykottierten. Lediglich 595.000 Personen nahmen daraufhin an diesen Vorwahlen teil, aus denen Roy Barreras mit 257.000 Wahlstimmen als Sieger hervorging. Cepeda geht nun direkt als Kandidat in den ersten Wahlgang, muss dort aber auch gegen Barreras antreten. Die Folge ist eine Schwächung des linken Lagers im ersten Wahlgang.

Linker Kandidat Cepeda führt in den Umfragen

Aber auch die Rechte erlangte am 8. März wichtige Wahlsiege. Die Partei Centro Democrático ist nach dem Pacto Histórico die zweitstärkste Kraft im Parlament. Zeitgleich fanden auch die Vorwahlen der Rechten statt. Daran nahmen viele gemäßigte bis extrem rechte Kandidat*innen teil, darunter Paloma Valencia vom Centro Democrático, die politische Favoritin von Ex-Präsident Álvaro Uribe, die über drei Millionen Stimmen bekam. Sie geht als Frontfrau der Rechten in die erste Wahlrunde.

Ihr folgte in den Vorwahlen auf Platz zwei der Mitte-rechts Kandidat Juan Daniel Oviedo. Oviedo punktete mit seinen vermeintlich gemäßigten Positionen aus der „Mitte der Gesellschaft“. In Fernsehdebatten zwischen den verschiedenen Präkandidat*innen vertrat er gemäßigtere Positionen als seine Kontrahent*innen. So beschrieb er etwa als Einziger Israels Vorgehen in Gaza als Genozid und erkannte „gewisse Errungenschaften der Petro-Regierung“ an. Dennoch wurde er vielfach für seine Teilnahme an der Vorwahl der Rechten kritisiert, behauptet er doch von sich selbst, ein Teil der Mitte zu sein. Oviedo erlebte in der letzten Woche vor den Wahlen einen großen Aufschwung, nachdem er von Abelardo de la Espriella, Kandidat der extremen Rechten, öffentlich homophob beleidigt wurde. Nun tritt Oviedo als Vizepräsidentschaftskandidat von Valencia an. Das Duo inszeniert sich als progressive Rechte und Vertretung der politischen Mitte. „Ein Witz“, nannte das Kandidat Cepeda in einem Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell: „Dass Paloma Valencia von einem Tag auf den anderen Teil der Mitte geworden sein soll, ist ein politischer Betrug. Sie steht für Álvaro Uribe“.

Im Interview mit der Journalistin Maria Jimena Duzán sagte Juan Daniel Oviedo, er wolle „die Unterschiede in eine Strategie umwandeln“. Und die Unterschiede stechen ins Auge: Oviedo ist schwul, Valencia greift seit Jahren die vermeintliche „Genderideologie“ an. Auch in Bezug auf andere Themen, wie die Umsetzung des Friedensabkommens von 2016, Reformen der Sonderjustiz für den Frieden, die Legalisierung von Marihuana, gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption, sind sie gespalten. Dabei stilisiert sich Oviedo progressiver, als er tatsächlich ist. Seit Jahren arbeitet er mit verschiedenen rechten Regierungen des Landes zusammen. Auch ist fraglich, inwiefern er seine Ansichten im Fall einer Regierungsbildung überhaupt durchsetzen könnte.

Deutlich wird, dass die Rechte eine zweigleisige Strategie fährt: Auf der einen Seite versucht sie den rhetorischen und bisher erfolgreichen Spagat, die rechte Paloma Valencia als gemäßigte Kandidatin zu inszenieren, um so die Stimmen des weniger konservativen Teils des Mitte-rechts Lagers für sich zu gewinnen. Zumindest einige rechte Gruppen wird sie dadurch aber nicht erreichen: Kolumbien ist weiterhin ein sehr religiös-konservatives und machistisches Land, und es ist fraglich, ob die rechte Wähler*innenschaft eine Frau als Präsidentin und einen schwulen Mann als Vizepräsidenten wählen würde. Für diesen Fall steht auf der anderen Seite der Anwalt Abelardo de la Espriella bereit. Dieser äußerte 2025 in einem Radiointerview, er würde im Fall seines Wahlsiegs „die Linke ausweiden“. In den letzten Monaten stand der offen rechtsextreme Kandidat in Umfragen stabil an zweiter Stelle hinter Cepeda. Nach Valencias vorübergehendem Aufschwung in den letzten Wochen kämpfen de la Espriella und Valencia nun um Platz zwei in den Umfragen. Dies wird die Rechte voraussichtlich im ersten Wahlgang spalten. Dennoch: Iván Cepeda muss nun gegen zwei starke (extrem) rechte Kandidat*innen antreten. „Wir werden im ersten Wahlgang siegen!“ ist deshalb der viel beschworene Wahlkampfaufruf von Cepeda – wenig realistisch, doch notwendig, denn im zweiten Wahlgang wird das rechte Lager geschlossen hinter einer Kandidatur stehen. Dies würde dann einen linken Wahlsieg erheblich erschweren.

Rechtes Lager gespalten, aber weiterhin stark

Dennoch steht fest: Die Rechte im Land ist besorgt. Der kontinuierliche Aufstieg der Linken seit der Wahl von Gustavo Petro im Jahr 2022 zeugt von einem gesellschaftlichen Wandel. Diese Sorgen der Rechten erkennt man an den Schmierkampagnen gegen Cepeda. Er wird von Valencia und dem Centro Democrático als Guerillero dargestellt, als „Architekt des gescheiterten totalen Friedens“, als Kommunist – eine Bezeichnung, die historisch in Kolumbien einem Todesurteil gleichkommt. Tatsächlich kommt Cepeda aus einer kommunistischen Tradition. Seine Mutter Yira Castro gehörte der kommunistischen Partei an, und sein Vater Manuel Cepeda war Senator der linken Partei Unión Patriótica und wurde 1994 im Rahmen der Ausrottung der Partei von Seiten des Paramilitarismus ermordet. Seitdem kämpft Iván Cepeda für Frieden, Gerechtigkeit und für die Opfer des Konflikts. Er ist Mitgründer des MOVICE, der Bewegung für Opfer von Staatsverbrechen. In seiner langjährigen Laufbahn als Senator hat er stets Menschenrechtsverbrechen und den Paramilitarismus angeprangert – sowie die Verstrickungen Álvaro Uribes mit Paramilitärs. Cepeda macht aus seiner linken Gesinnung keinen Hehl, spart aber auch nicht an Kritik an den Verbrechen der ehemaligen FARC-Guerilla.

Im Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell sagte er kürzlich, er arbeite seit Jahren „dezidiert für den Frieden“, und das sei „ein Recht und eine Pflicht, aber keine kriminelle Handlung, wie Álvaro Uribe und seine Kandidat*innen es darstellen“. Auch prangerte er die Doppelmoral der Rechten an: „Die extreme Rechte wirft uns vor, das venezolanische, kubanische oder nicaraguanische Modell in Kolumbien einführen zu wollen“. Dabei seien es „die Sprecher*innen der extremen Rechten, die ins Ausland reisen und in Washington oder Miami versuchen, ausländische Einflüsse in unseren Wahlkampf einzubringen. Sie sind es, die eine ausländische Intervention anstreben“, präzisiert Cepeda. Die Vizepräsidentschaftskandidatin von Iván Cepeda ist die indigene Politikerin Aída Quilcué. Quilcué ist Teil des Nasa-Volkes und führt den Vorsitz im Regionalen Indigenenrat des Cauca (CRIC). Sie ist eine der bekanntesten Indigenen Führungspersönlichkeiten des Landes. Ihre Kandidatur steht, so Cepeda, für „das Beste aus Traditionen, Widerstand, sozialem Kampf und dem Aufbau eines gerechten und demokratischen Landes“. Mit ihrer Nominierung setzt Cepeda ein wichtiges Signal und würdigt den jahrhundertelangen Kampf Indigener Bewegungen in Kolumbien. Im Fall eines Wahlsiegs wäre Quilcué die erste Indigene Vizepräsidentin des Landes.

Die Senatorinnen Quilcué und Valencia kommen beide aus der Region Cauca, könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Valencia kommt aus einer aristokratischen weißen Familie von Großgrundbesitzern aus Popayán. 2015 äußerte sie den rassistischen Vorschlag, den Bundesstaat Cauca wegen „ethnischer Konflikte“ in zwei zu teilen: ein Indigenes Gebiet und ein Gebiet für die mestizische Bevölkerung. Auch danach äußerte sie sich immer wieder in rassistischer Manier über die Indigenen des Cauca und ihre Kämpfe um den Schutz ihrer Territorien. 2025 schlug sie vor, den Indigenen Reservaten, deren Mitglieder sich an Straßenblockaden beteiligen, die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln sowie staatliche Transferzahlungen zu entziehen. Auch die Indigenen Völker seien Teil Kolumbiens, konterte Quilcué Mitte März in einer Plenarsitzung des Senats. Valencia solle die Indigenen nicht für den Wahlkampf instrumentalisieren und dürfe nicht „die jahrtausendealte Präsenz unserer Indigenen Völker in Frage stellen. Historisch von der Rechten regiert und mit den USA alliiert, könnte Kolumbien nun auch in den kommenden vier Jahren für eine starke linke Bewegung in Lateinamerika stehen.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Zwei Schritte vor, einen zurück

“Las Jacarandas” Die Pflanze zum 8.März (Druck von Luisa Rojas Monroy)

Während des Wahlkampfs 2022 wurde der heutige kolumbianische Präsident Gustavo Petro zu einer Veranstaltung namens „Feministische Debatte Kolumbien 2022“ eingeladen. Mehr als 36 Organisationen und Medien richteten die Diskussion aus, auf der sich über die Rechte von Frauen und LGBTIQ+-Personen ausgetauscht wurde. Petro äußerte sich dort positiv zur Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, zum Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sowie zur Bedeutung von Bildungsarbeit mit Geschlechterperspektive. Er war der einzige Präsidentschaftskandidat, der an der Debatte teilnahm, da sein Kontrahent Rodolfo Hernández die Einladung ablehnte. Damit machte der progressive Politiker die Unterstützung feministischer Bewegungen durch sein linkes Bündnis Pacto Histórico stark.

Nach seiner Wahl begann Petro mit der Einbringung eines Gesetzesentwurfs zur Schaffung des Ministeriums für Gleichstellung und Gerechtigkeit, der im Januar 2023 verabschiedet wurde. Im Juli desselben Jahres trat Vizepräsidentin Francia Márquez ihr Amt als Ministerin für Gleichstellung und Gerechtigkeit an. Von der angekündigten legislativen Agenda mit Geschlechterperspektive wurden einige Maßnahmen umgesetzt, darunter die stärkere Einbindung dieser Perspektive in die Übergangsjustiz des Friedensprozesses mit der FARC-Guerilla. Dabei wurden die Ziele der UN-Agenda Frauen, Frieden und Sicherheit mit konkreten Maßnahmen verbunden, etwa durch Schulungsprogramme für Frauen in politischen Führungspositionen, Konfliktlösung und technischen Kompetenzen für öffentliche Auftragsvergabe in verschiedenen Bereichen.

Darüber hinaus wurden Kampagnen zur Erkennung und Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt gestartet sowie technische Unterstützung zur Einrichtung des Bereichs Frauen, Frieden und Sicherheit in regionalen Gender-Beobachtungsstellen geleistet. Weitere konkrete Maßnahmen waren die Aufnahme eines landesweiten Systems zur Überwachung geschlechtsspezifischer Gewalt in den Nationalen Entwicklungsplan sowie die Verankerung einer Geschlechterperspektive in der Arbeitsmarktreform, die diskriminierende Praktiken gegenüber Frauen im Arbeitskontext sanktioniert. Diese Maßnahmen zeigen: Es gab konkrete Versuche der Regierung Petro, Wahlversprechen einzulösen und eine geschlechterpolitische Agenda umzusetzen, die die spezifischen Probleme von Frauen anerkennt und adressiert.

Feministischer Fortschritt oder Männerbünde?


Gleichzeitig haben regierungsinterne Spannungen das Bild des Präsidenten als feministischer Verbündeter geschwächt. Innerhalb des Ministerkabinetts des Pacto Histórico wächst die Unzufriedenheit über Petros Nähe zu Männern, denen geschlechtsspezifische Gewalt vorgeworfen wird, darunter Hollman Morris, Daniel Mendoza und Armando Benedetti. Letzterer wurde 2025 trotz vier Anzeigen wegen häuslicher Gewalt zum Stabschef ernannt. In Reaktion auf Fragen zu derlei Regierungsnominierungen erklärte Petro kürzlich in einem Interview, es gebe „Feminismen, die Männer zer­stören“, er glaube an zweite Chancen und könne eine Regierung nicht allein auf Überzeugungen aufbauen. Politikerinnen wie die frühere Umweltministerin Susana Muhamad, Francia Márquez und weitere Regierungsmitglieder wiesen diesen männerbünd­le­rischen Zusammenhalt zurück. Eine Regierung, die Geschlechtergerechtigkeit zur Priorität mache, dürfe Gewalt nicht verharmlosen. Darüber hinaus kritisieren Teile der feministischen Bewegung, dass die Initiativen der Regierung keinen echten inklusiven Ansatz und weder grundlegendes Umdenken noch systemischen Wandel erkennen ließen. Beatriz Quintero, Mitbegründerin des landesweiten Frauennetzwerks Red Nacional de Mujeres erklärte im Gespräch mit dem Onlinemedium Vorágine, es fehle im Regierungshandeln an politischem Willen zur Verteidigung der Frauenrechte. Dies zeige sich insbesondere darin, dass bei Haushaltskürzungen Programme für Frauen zuerst gekürzt würden, da sie nicht als grundlegend angesehen würden.

Auch die Zahlen trugen nicht dazu bei, Vertrauen in die Wirksamkeit der Maßnahmen zu schaffen: 2024 stieg die Zahl der Feminizide auf 872, und zwischen Januar und November 2025 wurden 62 Fälle registriert. Dies stellt sogar einen Rückschritt gegenüber dem Jahr vor Beginn von Petros Amtszeit dar, als 619 Fälle verzeichnet wurden. Zudem wurde für 2024 geschätzt, dass 78 Prozent der Fälle von sexualisierter Gewalt und häuslicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Ermittlungsphase verharren, während nur drei Prozent zu einer Verurteilung führen. Ergänzend dazu erklärte Francia Márquez nach Monaten der Arbeit selbst frustriert, dass das Ministerium für Gleichstellung und Gerechtigkeit keine reale Umsetzungskapazität besitze und daher nicht in der Lage sei, wirksame Lösungen für besonders ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen anzubieten, siehe LN 615/616 und LN 600.

Weniger kontrovers scheint es im Fall Mexikos zuzugehen. Die Wahl der ersten Präsidentin des Landes stellte an sich einen historischen Meilenstein für Inklusion und neue politische Praktiken dar. Doch das spiegelt sich nicht automatisch in der Stärkung der Repräsentation und des Schutzes der Rechte von Frauen wider. Eine der ersten Maßnahmen von Claudia Sheinbaum war im Jahr 2024 die Umwandlung des Nationalen Fraueninstituts in ein Ministerium. Dies bringt verstärkte Ressourcen und Autonomie bei der Entscheidungsfindung mit sich und verdeutlicht, dass Geschlechtergerechtigkeit durchaus ein Fokusthema der Präsidentin ist. Zu den Erfolgen der Umstrukturierung zählen landesweite Programme und Aktivitäten zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Zusammenarbeit mit den Frauenstellen der Bundesstaaten. Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt treibt das Frauenministerium im Parlament die Vereinheitlichung des Straftatbestands des sexuellen Missbrauchs voran, damit dieser in allen 32 Bundesstaaten einheitlich definiert und bestraft wird. Ein zusätzlicher Schwerpunkt liegt in der Prävention von Gewalt im schulischen Umfeld, unter anderem durch die Erklärung der Nulltoleranz gegenüber Gewalt sowie durch die Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium.

Solidaridad, Druck von Maja

Klarere Gesetze – unklare Maßnahmen


In Mexiko wurde in den vergangenen Jahren ein stärkeres institutionelles Instrumentarium geschaffen, das in der Lage ist, Initiativen und Programme zu entwerfen und umzusetzen, die zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen beitragen können. Doch eine Ausweitung institutioneller Kapazitäten führt nicht unmittelbar zu messbaren Ergebnissen. Die Verschiebung des politischen Diskurses erreicht häufig nicht die Bevölkerungsgruppen nicht, die am stärksten unter geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung leiden. So wird beispielsweise die Verteilung von 27 Millionen Broschüren zu Frauenrechten von Regierungsseite als Erfolg dargestellt. Ohne eine kontinuierliche und solide Bildungsarbeit, die zur Verinnerlichung dieser Rechte beiträgt, besteht jedoch die Gefahr, dass diese Maßnahme wirkungslos bleibt.

Entsprechende Kritik kam auch während der Anhörung Mexikos vor der Konvention für die Beendigung aller Formen der Diskriminierung gegen Frauen der Vereinten Nationen (CEDAW) im Juni 2025 in der Schweiz auf: Es gäbe nur wenig klar belegte Beweise dafür, dass die politische und soziale Transformation des Landes seit dem Amtsantritt der progressiven Regierung von Andrés Manuel López Obrador 2018 die Lebensqualität von Frauen konkret beeinflusst habe. Die Berichterstatterin der Sitzung forderte Nachweise über die Wirkung landesweiter Programme sowie konkrete Daten zu Koordination, Monitoring, Evaluation und interinstitutioneller Zusammenarbeit. Als Antwort erklärte die mexikanische Delegation, dass es an technischen, personellen und finanziellen Ressourcen mangele.
Auch wenn die progressiven Regierungen von Mexiko und Kolumbien guten Willen zeigen: Die strukturellen Probleme von Frauen und Mädchen konnten in beiden Ländern nicht innerhalb einer oder zweier Regierungsperioden gelöst werden. Dennoch gibt es durch die stärkere Orientierung an Frauenrechten und feministischen Initiativen durchaus Erfolge zu verzeichnen: Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, Diskriminierung am Arbeitsplatz und politische Teilhabe von Frauen wurden in den vergangenen Jahren sichtbarer und klarer priorisiert, was letztendlich vor allem dem Druck der feministischen Bewegungen auf den Straßen zu verdanken ist.

Neben dieser symbolischen Anerkennung, die in sich schon Wirkung entfaltet, indem sie patriarchale kulturelle Muster offen infragestellt, wurden die Institutionen erweitert und gestärkt. Gleichzeitig sind diese Institutionen mit operativen Problemen konfrontiert: In Kolumbien mit der komplexen Verwaltungsstruktur und Haushaltskürzungen, in Mexiko mit der Entwicklung ergebnisorientierter Maßnahmen. Die feministische Zivilgesellschaft muss daher die Regierungspolitik kontinuierlich begleiten und zielorientierte, effektive Maßnahmen einfordern. Dafür müssen Beteiligungskanäle geöffnet werden, die in konkrete Handlungswege münden.

In Kolumbien sind die Kontroversen um Petros Äußerungen bislang im Medienrummel verharrt. Es ist jedoch notwendig, solche Auseinandersetzungen zu nutzen, um staatliche Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Mädchen zu verbessern. Es bleibt ein weiter Weg zu gehen. Die Erfahrungen beider Regierungen zeigen vor allem die zentralen Herausforderungen auf dem Weg zu echter Geschlechtergerechtigkeit. Das bedeutet nicht, dass sie gescheitert sind: Stattdessen sollten sie einen offenen Prozess einläuten, in dem der Dialog eine zentrale Rolle spielt, um die gesteckten Ziele tatsächlich zu erreichen.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

„Ich musste von innen heraus handeln“

Was hat Sie dazu bewogen, die Unregelmäßigkeiten, die Sie innerhalb von Ecopetrol sahen, anzuzeigen?
Schon in meinen ersten Tagen bei Ecopetrol bemerkte ich Missstände und die Verschleierung von Informationen. Ich war gerade von meinem Masterstudium in Umweltpolitik in Cambridge zurückgekehrt und hatte bereits bei der Autonomen Regionalen Körperschaft von Santander gearbeitet, die die ältesten Bohrlöcher des Landes überwacht. Drei Monate später wurde ich von Ecopetrol als Berater des Präsidenten rekrutiert und durch meine Arbeit mit Betriebsabläufen und Umweltfragen bekam ich Zugang zu umfangreichen Datenbanken und Analysen. Diese zeigten zum Teil Muster der Nichteinhaltung von Vorschriften bei Wassereinleitungen.
Meine eigentliche Motivation entstand jedoch, als ich sah, wie sich die Aktivitäten von Ecopetrol direkt auf mein Land, auf Freunde und Familienangehörige auswirkten. Zu sehen, dass das Unternehmen über Menschen hinweggehen konnte, ohne Wiedergutmachung zu leisten, weckte in mir das ethische Bedürfnis, zu handeln. Ich erkannte auch, dass diejenigen, die sich Projekten widersetzten, als technische Probleme behandelt und zum Schweigen oder sogar in Gefahr gebracht werden konnten. Das verstärkte meine Überzeugung, dass ich von innen heraus handeln musste.

Wie verlief die Recherche innerhalb des Unternehmens und welchen Herausforderungen standen Sie gegenüber?
Meine Position bei Ecopetrol ermöglichte mir den Zugriff auf fragmentierte Datenbanken und intelligente Tools zur Analyse von Wassereinleitungen, Methanemissionen und der Einhaltung von Vorschriften. Ich trug Informationen zusammen, dokumentierte Unstimmigkeiten und sammelte Beweise, darunter auch Daten, die nicht offiziell gemeldet worden waren. Der Umgang mit diesen Informationen war mit erheblichen Risiken verbunden: Ich erhielt direkte Drohungen und die Situation wurde für meine Familie untragbar, was uns dazu brachte, das Land zu verlassen. Aus dem Ausland schickte ich die Daten an regionale, nationale und internationale Behörden und wandte mich an Transparency International, um die Informationen zu schützen. Journalisten überprüften die Daten und erstellten einen Bericht, der als Vorlage für einen BBC-Dokumentarfilm diente. Außerdem reichte ich bei der SEC (US-amerikanische Bundesbehörde, die die Finanzmärkte überwacht, Anm. d. Red.) eine Anzeige wegen irreführender Informationen gegenüber Investoren ein. Damit wurde ich offiziell zum „Whistleblower“.

Was waren die größten persönlichen und beruflichen Opfer, die Sie bringen mussten, als Sie beschlossen, die Informationen weiter­zugeben?
Die Kosten waren enorm. Es gab eine finanzielle Belastung, weil wir umziehen mussten, eine berufliche, weil meine Karriere in der Branche erheblich beeinträchtigt wurde, und eine enorme emotionale Belastung durch posttraumatischen Stress und familiäre Konflikte. All das passierte, als ich gerade einmal 24 oder 25 war, und es wirkte sich auch direkt auf das Leben meiner Schwester und meiner Eltern aus, die mich bedingungslos unterstützten.
Gleichzeitig sind meine Opfer im Vergleich zu den allermeisten Aktivist*innen in Kolumbien, deren Arbeit vor Ort und deren Lebensgefahr viel größer sind, gering. Ihr Mut und die Kosten, die sie zum Schutz ihrer Gemeinschaften auf sich nehmen, zeigen, dass mein Weg, so schmerzhaft er auch war, dank Ressourcen und Bildung möglich war. Das verpflichtet mich, ihren Kampf zu würdigen, während ich mich weiterhin mit den persönlichen Auswirkungen meiner Entscheidung auseinandersetzen muss.

Welche konkreten Folgen haben Sie für die betroffenen Gemeinschaften gesehen oder befürchten Sie?
Die Art und Weise, wie Ecopetrol operiert, ist tief in seinem Geschäftsmodell verankert, und das hat schwerwiegende Folgen. Während meiner Zeit im Unternehmen konnte ich anhand von Daten beobachten, wie bestimmte Personen um den Schutz ihrer Umwelt kämpften, doch in vielen Gemeinschaften herrscht Resignation: Nach Jahren des Kampfes gegen einen Giganten fühlen sich die Aktivist*innen machtlos und viele junge Menschen verlassen ihre Heimat und verlieren ihre kulturelle Identität. Obwohl ich meine Erfahrungen hauptsächlich vom Bildschirm aus machte, konnte ich mich in die Fälle in meiner Nähe, wie etwa in Santander, hineinversetzen und das historische Leid an anderen Orten wie Putumayo, Meta oder Arauca gut nachvollziehen. Dank des Berichts und der Dokumentation der BBC glaube ich, wurde ein wichtiger Präzedenzfall geschaffen: Jetzt können sich Aktivist*innen und Gemeinschaften auf solide und überprüfbare Beweise stützen, nicht nur auf einzelne Anzeigen. Das stärkt ihren Kampf und bietet einen Hoffnungsschimmer angesichts der Machtstrukturen, die Ecopetrol nach wie vor schützen.

Gab es nach der Veröffentlichung des Berichts und der Dokumentation irgendeine Reaktion von Seiten des kolumbianischen Staates oder der Medien?
Bislang haben weder die kolumbianische Regierung noch Ecopetrol offizielle Stellungnahmen abgegeben. Die Berichterstattung in den kolumbianischen Medien war so gut wie nicht existent. Die Fernsehsender Caracol und RCN berichteten nicht über das Thema, während die Zeitschrift Semana einen Artikel veröffentlichte, in dem das Unternehmen verteidigt und die Richtigkeit des Dokumentarfilms infrage gestellt wurde.

Welche strukturellen Risiken birgt der Fall Ecopetrol für Kolumbien als Land?
Das größte strukturelle Risiko ist der Interessenkonflikt, der entsteht, wenn ein privates Unternehmen das Militär finanziert und eng mit ihm verbunden ist. Denn die Aufgabe des Militärs sollte ja eigentlich sein, die Interessen aller Kolumbianer*innen zu schützen. Aber es kann dann passieren, dass das Militär die Ziele des Unternehmens über das Wohl der lokalen Gemeinschaften stellt. In einem zentralisierten Land, in dem Entscheidungen in Bogotá getroffen werden und die Kontrolle über natürliche Ressourcen konzentriert ist, wirft diese Beziehung tiefgreifende Fragen zur Qualität der Demokratie auf. Zudem verstärkt die in Kolumbien historische Verbindung zwischen illegalen bewaffneten Akteuren und dem Schutz strategischer Infrastrukturen diese strukturellen Konflikte, sodass bestimmte fragwürdige Praktiken fortbestehen und sich im Laufe der Zeit reproduzieren können. Dadurch kann sich ein Modell verfestigen, in dem sich wirtschaftliche und politische Macht gegen die Rechte und die Stimme der lokalen Gemeinden richtet.

Sie leben jetzt im Exil. Wie hat sich diese Situation auf Ihr persönliches Leben und Ihr Verständnis für den Preis der Wahrheit ausgewirkt?
Das plötzliche Verlassen Kolumbiens und das Leben im Exil waren eine enorme Herausforderung. Ich musste das Leben meiner Schwester und meiner Eltern neu organisieren, mich an ein fremdes Land anpassen und mit gesundheitlichen Problemen und Stress fertig werden, ganz zu schweigen von der beruflichen Unsicherheit, die mit dem Dasein als Whistleblower einhergeht. Diese Erfahrung hat mir noch deutlicher vor Augen geführt, welchen Preis es hat, die Wahrheit zu sagen und wie viel Widerstandskraft solche Entscheidungen erfordern. Nach einiger Zeit nach Kolumbien zurückzukehren, war zutiefst heilsam. Mit meiner Familie zusammen zu sein, mich wieder mit meinen Wurzeln und den Orten mener Kindheit zu verbinden, hat mich daran erinnert, warum ich getan habe, was ich getan habe, und erlaubte mir, mich mit dem Verlust eines Lebensplans zu versöhnen, den ich nie freiwillig aufgegeben hätte.

Welche Botschaft würden Sie gerne anderen Umweltaktivist*innen in Kolumbien mitgeben, die sich in ähnlichen Situationen befinden?

Ich möchte meine tiefe Bewunderung und meinen Respekt für die Umweltaktivist*innen ausdrücken, die ihr Leben und ihr Wohlbefinden riskieren, um ihr Land, ihr Zuhause und ihre Familie zu schützen. Ich bedauere zutiefst all das Leid und möchte, dass sie wissen, dass mein Handeln darauf abzielt, ihren Kampf zu würdigen. Es ist essenziell, vorsichtig, klug und strategisch vorzugehen, die verfügbaren Ressourcen zum Schutz zu nutzen und bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, wie weit man gehen kann, ohne das eigene Leben oder das von Angehörigen zu gefährden. Ich respektiere auch diejenigen, die sich aus Sicherheitsgründen entscheiden, zu schweigen oder sich zurückziehen, denn es ist völlig legitim, angesichts mächtiger Gegner seine persönlichen Grenzen einzugestehen. Vor allem aber möchte ich diejenigen ehren und ihnen danken, die ihr Leben für die Verteidigung ihres Lands gegeben haben. Ihr Mut ist der wahre Motor der Hoffnung in Kolumbien.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Authentisch Deprimiert

Un poeta // Kolumbien 2026 // 123 Minuten // Regie: Simón Mesa Soto // Spanisch mit englischen und deutschen Untertiteln

Wenn Erfolg und Scheitern danach gemessen würden, wie treu wir unseren eigenen Prinzipien sind – hätten wir dann noch dieselben Held*innen? Oscar ist die Hauptfigur einer Geschichte, die in Medellín, Kolumbien, angesiedelt ist. Zu Beginn des Films erscheint er fast wie die Karikatur eines Mannes in seinen Vierzigern, der in seinem Leben nichts erreicht hat: weder den Ruhm oder die Anerkennung, die seine frühe Karriere als Dichter versprach, noch die wirtschaftliche und persönliche Stabilität, die seine Familie von ihm erwartet. Nichts in seinem Leben scheint zu funktionieren.

Er hat ein schlechtes Verhältnis zu seiner pubertierenden Tochter, lebt bei seiner Mutter, wird von seiner Familie unter Druck gesetzt, eine ungeliebte Stelle als Lehrer an einer Schule anzunehmen und hat keine Freund*innen. Immer wieder wacht er betrunken schlafend auf der Straße auf, nachdem er hitzige Diskussionen mit anderen Trinkern über die Bedeutung seines Lieblingsdichters José Asunción Silva geführt hat, dessen Porträt an der Wand seines Zimmers hängt. Oscar bewegt sich zwischen Selbstzerstörung und der Melancholie unerfüllter Träume. Seine fatalistische Sicht auf das Leben lässt ihn sich stark mit dem tragischen Leben und dem selbst herbeigeführten Tod des Dichters identifizieren, den er bewundert. Doch dann lernt Oscar eine junge Frau kennen, die er für ein großes poetisches Talent hält. Ihr dabei zu helfen, ihr Leben zu verändern und bessere Chancen zu bekommen, gibt ihm wieder Sinn und eine Verbindung zur Welt.

Die Geschichte wird aus der abwertenden Perspektive erzählt, aus der die Gesellschaft einen Mann wie Oscar betrachtet. Trotz seines Selbsthasses ist er ein sensibler und respektvoller Mensch, der sich in einer Umgebung wiederfindet, die von Opportunismus geprägt ist – von Menschen, die jemand anderes werden, um dazuzugehören, und die von dem Bild leben, das sie nach außen zeigen. Der Film untersucht mit Spannung und Humor die Heuchelei jener, die gesellschaftliche Anerkennung genießen, deren Leben jedoch auf Manipulation und Lügen aufgebaut ist. Oscars frühere Kolleg*innen, die größere Erfolge in der Poesie vorweisen können, führen ihm vor Augen, dass der Preis des Erfolgs oft darin besteht, sich selbst zu verraten. Vielleicht ist das der Grund, warum er nie Teil dieser Welt war.

Un poeta erzählt mitreißend von den inneren Kämpfe jener, die bereit sind, etablierte Formen und sich selbst zu hinterfragen, um Aufrichtigkeit und Authentizität ins Zentrum zu setzen. Zugleich zeigt die Geschichte Alltagsbilder aus Medellín in unterschiedlichen sozioökonomischen Kontexten und hebt die moralischen Gegensätze hervor, die die Figuren je nach Umfeld durchleben. Die Tragikomödie macht deutlich, dass Kunst je nach Lebensbedingungen ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. Damit bietet der Film eine hervorragende Gelegenheit, die Idealisierung von Kunst angesichts konkreter Realitäten zu hinterfragen – durch eine ebenso unterhaltsame wie tiefgründige Geschichte.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Die Melancholie des Verbrechens

© Triángulo

Machado (Juan Lugo) arbeitet nahe Toulouse in der Weinlese, als er von einer alten Bekannten den Auftrag erhält, einen Edelstein aus der Krone einer Marienstatue in einer Kirche in Medellín zu rauben. Nach kurzem Zögern reist der wortkarge Machado in die lange nicht mehr besuchte Heimat. Am Flughafen erwartet ihn eine Frau, die ihm direkt einen Revolver überreicht. Denn vor dem Diebstahl gilt es, einen unbeliebten und als gefährlich geltenden Pfarrer aus dem Weg zu räumen. Die Information, dass sein Auftrag einen Mord beinhaltet, nimmt Machado ebenso ungerührt zur Kenntnis, wie er vorher seiner Freundin in Frankreich von dem Job erzählt hat. Der Coup läuft so glatt, dass jegliche Spannung, die sich aufbaut, schnell wieder abflacht.

© Triángulo

Piedras Preciosas, der erste Langfilm des kolumbianischen Regisseurs Simón Veléz, ist kein Gangsterfilm, sondern ein nachdenklicher Streifen, der den Bildern mehr Raum gibt als der Handlung. Ob das Riesenrad am Ufer der Garonne in Toulouse, die Seilbahn über Medellín oder bunte Vögel in einem Park, die Machado gedankenverloren im Gras hockend zeichnet: es ist diese Aneinanderreihung gelungen komponierter Bilder und ungewöhnlicher Perspektiven, die die Stimmung des Films prägt, aber auch ratlos zurücklasst.  Die Absurdität der Inszenierung scheint den manchmal wahllos auftauchenden Charakteren dabei bewusst zu sein: Machado wird, selbst als Priester mit dem charakteristischen weißen Collar (Kragen) verkleidet, stets als Padre – Vater – angesprochen und um Rat gefragt – auch von einer Frau, die ihrem Sohn ausreden möchte, selbst Pfarrer zu werden. Klar, er solle lieber Schauspieler werden, erwidert Machado. Diesen lakonischen Dialogen wohnt ein eigener Witz inne, sie stellen Sehgewohnheiten auf die Probe: die Erwartung, die Zuschauer*innen an diesen Film haben könnten, werden stets unterlaufen. Neben dem wachen Auge für Stimmungen und dem funkelnden Glanz der Diamanten – immer wieder werden in langen Einstellungen Hände gezeigt, die langsam und genüsslich in verschiedenen Edelsteinen wühlen – bleibt der Film zurückhaltend.  

© Triángulo

Am Ende liegen Machado und seine Freundin in ihrem Zimmer in Toulouse und überlegen, was sie nun mit ihrem Reichtum anfangen können – als sei es nichts weiter Besonderes. Über die fehlende Spannung und die inhaltlichen Lücken können die schönen Bilder dabei nur bedingt hinwegtrösten.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

„Das ist ein Problem der ganzen Welt”

In Mocoa gibt es seit vielen Jahren massiven Widerstand gegen die Eröffnung einer Kupfermine durch den kanadischen Rohstoffkonzern Copper Giant. Wie versucht die Firma diesen Widerstand zu brechen?

Sie verfolgen eine sogenannte „Good-neighbour“-Strategie, verknüpft mit dem Versprechen „Fortschritt“ in die Region zu bringen. Sie gehen in die Gemeinden und fragen: „Was braucht ihr? Einen Sportplatz? Einen Anschluss ans Abwassersystem?” Weil die Gemeinden viele dieser grundlegenden Dinge nicht haben, nutzt die Firma das aus und baut dann einen Sportplatz. Beim Fußballturnier sponsert die Firma die Trikots und schießt am Ende des Spiels Fotos, die sie danach zusammen mit Videos in den sozialen Medien hochlädt. Sie kaufen mit Geld das Gewissen der Leute und plötzlich merken wir, die den Widerstand gegen die Mine organisieren, dass Nachbar*innen anfangen, uns abzulehnen, weil sie „den Fortschritt“ wollen. So entsteht ein sozio-ökologischer Konflikt, der sich immer weiter vertieft mit Unterstützung von lokalen und nationalen Medien. Auch viele, die für die Firma arbeiten, sehen uns skeptisch. Dabei haben wir nichts gegen die Arbeiter*innen oder dagegen , dass jemand Fußballtrikots und einen Ball bekommt. Wir sind gegen dieses Monster – die Kupfermine.

Pueblo Viejo ist eines der Viertel von Mocoa, in denen viele Bewohner*innen für die Mine arbeiten und die Eröffnung der Mine unterstützten. Doch dann kippte die Stimmung und jetzt ist dort eines der Zentren des Widerstands. Wie kam es dazu?

Die Firma hatte dem Viertel viel versprochen – ein neues Abwassersystem und eine Verbesserung der Straßen. Doch dann passierte lange nichts und es kam zu Protesten. Zunächst einmal, um einzufordern, dass die Firma ihre Versprechen einhält. Dann wurden wir als Gruppe sogar zum Jubiläumsfest des Stadtviertels eingeladen. In den letzten Jahren hatte das die Bergbaufirma organisiert. Als wir die Einladung erhielten, waren wir erst skeptisch. Bei unserer letzten Aktion in Pueblo Viejo kam ein Nachbar, riss eines unserer Schilder ab und warf es auf den Boden. Aber dieses Mal war alles anders. Es war sehr schön und liebevoll. Wir kamen mit Jugendlichen, Müttern und Organisationen aus Pueblo Viejo zusammen. Die mayores, die Älteren, erzählten davon, wie sie ins Viertel gekommen sind, wie der Fluss früher aussah, wie sie dort fischten, dass sie beim Bau der ersten Häuser Spuren von früheren Dörfern unserer Vorfahren gefunden haben. Sie brachten Fotos von früher mit, aus denen wir dann eine Ausstellung gestalteten. Viele Familien erinnerten sich gemeinsam, umarmten sich, weinten und vergaben sich. Das Viertel wirkte wieder vereint. Es war wunderbar, das Lächeln der Menschen zu sehen, wenn sie von den Bergen und dem Fluss im Dorf sprachen. So ist dann auch das „Zelt des Widerstands“ in Pueblo Viejo entstanden, ein Camp, in dem viele gemeinsame Aktivitäten stattfinden, zum Beispiel gibt es eine Gruppe von Graffiti-Künstler*innen, die Wände im Dorf bemalen Diskussionsveranstaltungen und wir als guardianes de la Andinoamazonía (dt.: Wächter der Anden-Amazonas­-Region) haben dort das Festival der Berge, des Wassers und des Lebens veranstaltet.
Die Bewohner*innen von Pueblo Viejo sagen mittlerweile „Nein“ zur Bergbaufirma, unabhängig davon, ob die Firma ihre Versprechen noch einlöst oder nicht. Denen glauben sie nicht mehr.

Wie positioniert sich die Regierung zum Widerstand gegen die Mine und zum Kupferbergbau in Mocoa insgesamt?
Der aktuelle Bürgermeister von Mocoa sagt im Prinzip gar nichts. Auch viele weitere Aufforderungen von uns an die lokalen, regionalen und nationalen Regierungen, die Mine zu stoppen, verhallen. Es gibt ständig Sitzungen, Gespräche, Berichte, aber nichts passiert. Weder die Umweltschutzbehörden noch das Umweltministerium werden wirklich aktiv. Ich finde, das müsste mittlerweile zur Chefsache werden und der Präsident müsste den Schutz unseres Territoriums durchsetzen. Aber man hat nicht das Gefühl, dass es ihn besonders interessiert. Ich weiß nicht, worauf da noch gewartet wird. Einer der vier Bergbautitel, die das Unternehmen hält, ist bereits in die erste Abbauphase übergegangen.

Könnte internationaler Druck helfen, damit der Kupferbergbau in Mocoa gestoppt wird?
Das war für mich der Grund, jetzt nach Europa zu reisen, um hier Unterstützung zu finden. Damit die Menschen hier verstehen, dass das, was in unseren Bergen im Putumayo in der Amazonasregion passiert, auch in Europa negative Auswirkungen haben wird. Und dass man versteht, dass wir als Menschen körperlich eng mit der Natur verbunden sind. Was wird aus unseren Kindern und Enkeln werden? Ich habe hier eine Kita besucht und mich gefragt: Was machen die Eltern dieser Kinder gegen die Klimakrise? Was tun sie dafür, damit ihre Kinder die Chance haben, gute Luft zu atmen, sauberes Wasser zu trinken?

Wie könnte so eine Unterstützung des Kampfs gegen die Mine in Mocoa aussehen?
Mein Anliegen hier war, dass zum Beispiel Universitäten oder Forschungsinstitute etwas für den Umweltschutz tun, mit uns zusammenarbeiten und den Kontakt zu den kolumbianischen Umweltbehörden suchen. Studien, Wasser- oder Bodenuntersuchungen über die Umweltauswir­kungen einer solchen Mine könnten sehr hilfreich dabei sein, unsere heiligen Berge zu verteidigen. Wir haben die Worte unserer Alten, die sagen, dass das ein heiliges Land ist, das man nicht zerstören darf. Wir wissen, dass der Andenbär leidet, dass die Berge mit uns reden, wir verstehen diese Sprache. Aber sie – die Institutionen – verstehen das nicht. Deswegen brauchen wir das Wissen von Wissenschaftler*innen und ihre Studien, um unseren Kampf zu unterstützen.

Die Pläne zur Kupfermine wirken wie ein neues Kapitel einer langen Geschichte der kolonialen, extraktivistischen Ausbeutung im Putu­mayo und der ganzen Amazonasregion. Wiederholt sich die Geschichte jetzt?
Wer die Geschichte vergisst, ist dazu verurteilt, sie noch einmal zu erleben. Wir dürfen nicht vergessen, was im Putumayo passiert ist. Erst kamen sie wegen des Kautschuks, dann wegen des Erdöls, jetzt ist es Kupfer. Wir als Bewohner*innen von Mocoa dürfen nicht zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt. Aber das ist nicht nur ein Problem von Mocoa, nicht nur des Putumayo, nicht nur Kolumbiens, sondern der ganzen Welt. Wie lange noch werden diese extraktivistischen Firmen so viel menschliches Leid verursachen? Wir dürfen nicht nur an uns selbst denken, egoistisch sein. Wir müssen an die denken, die nach uns kommen.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Podcast

 

Powered by RedCircle

Folge #14: Tourismus in Kuba: Wie verändert er die Gesellschaft?

Jedes Jahr reisen Millionen Menschen aus aller Welt nach Kuba. Sie bringen dringend benötigte Devisen ins Land – eine zentrale Einkommensquelle für die rund 10 Millionen Kubaner*innen und den Staat der Karibikinsel. Aber was bedeutet diese massive touristische Präsenz für die kubanische Bevölkerung? Wer profitiert und wer bleibt auf der Strecke? Um diese Fragen besser zu verstehen, haben wir mit dem Politikwissenschaftler Bert Hoffmann, den Journalist*innen Cynthia de la Cantera Toranzo und Marcel Kunzmann Toranzo sowie der Studentin Dayma Noa gesprochen. Viel Spaß mit der neuen Folge von „Ohren auf Lateinamerika“!

 

Folge #13: Warum hat es die Linke in Panama so schwer?

Viele Menschen verbinden Panama hauptsächlich mit dem Panama-Kanal, wie sich derzeit auch wieder an den Äußerungen von Donald Trump zeigt. Das Land ist politisch jedoch sehr interessant und lohnt eine nähere Beschäftigung. Wir ergründen, warum progressive Kräfte es dort so schwer haben. Dabei stellen wir fest, dass die Probleme der politischen Linken in Panama möglicherweise nur eine besonders extreme Kombination von Problemen sind, die die Linke überall in Lateinamerika, ja weltweit, plagen.

 

Folge #12: Ecuador: Militarisierung als Antwort auf die Gewalt?

In dieser Folge schauen wir uns den Anstieg der Gewalt in Ecuador und die Situation der betroffenen Bevölkerung genauer an. Um die Ursachen besser zu verstehen, haben wir mit Juana Francis gesprochen, eine afro-ecuadorianische Menschenrechtsaktivistin aus der Küstenprovinz Esmeraldas. Mit ihr und der Politikwissenschaftlerin Isabel Díaz haben wir uns auch darüber unterhalten, was dem Land aus der Krise helfen könnte.

 

 

Folge #11: Widerstand unter den Palmen: Guatemalas Palmölindustrie unter der Lupe

Palmöl steckt in etwa der Hälfte aller Produkte, die wir in deutschen Supermärkten finden. Ein Großteil dieses Palmöls stammt aus Guatemala – 2023 importierten deutsche Unternehmen von dort mehr Palmöl als aus jedem anderen Land. Die Produkte tragen häufig ein Siegel, das die nachhaltige Produktion des Palmöls kennzeichnet. Doch wie nachhaltig ist das Palmöl aus Guatemala wirklich? Wir folgen der Spur des bekanntesten Nachhaltigkeitssiegels des Runden Tisch für Nachhaltiges Palmöl (RSPO). Dafür sprechen wir mit Lourdes Gomez, Aktivistin des Volkes Maya Kekchí aus Guatemala und mit Dominik Groß, Referent bei der Menschenrechtsorganisation Romero Initiative aus Münster.

 

 

 

Folge #10: Kolumbien, Chile und Europa: Mit grünem Wasserstoff gegen Klimawandel?

Grüner Wasserstoff soll der Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel sein. Die Europäische Union und Deutschland investieren derzeit weltweit Millionen von Euro in die Entwicklung von diesem Energieträger, auch innerhalb Lateinamerikas.

Kolumbien und Chile arbeiten bereits an konkreten Projekten, um bald massiv produzieren zu können. Damit sollen einerseits die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika gestärkt und andererseits mit grüner Energie ein Beitrag zu Klimaneutralität geleistet werden.

Doch bedeutet “grün” auch gleichzeitig “gerecht”? Und wie “grün” sind die Projekte wirklich? Darüber sprechen wir mit zwei Expertinnen: Sophia Boddenberg ist freie Journalistin, lebt seit 2014 in Chile, arbeitet zu Umweltthemen, Rohstoffabbau und Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden. Kristina Dietz ist Professorin der Uni Kassel für Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Lateinamerika, Teil einer Forschungsgruppe zu Landkonflikten in Lateinamerika und Subsahara-Afrika.

 

 

Folge #9: Kohleabbau in Kolumbien: Welche Verantwortung trägt Deutschland?

 

 

#9: En español: Explotación de carbón en Colombia: Qué responsabilidad tiene Alemania?

 

Powered by RedCircle

 

Folge #8: Gefängnisse in Ecuador: Gewalt wird zum Alltag

 

Powered by RedCircle

Folge #7: Honduras – Zwischen Hoffnung und Korruption

 

Powered by RedCircle

 

 

Folge #6: Der negierte Krieg in Kolumbien – Die Geschichte von Stella Castañeda

 

Powered by RedCircle

 

Folge #5

 

Powered by RedCircle

 

 

Folge #4

 

Powered by RedCircle

 

 

Folge #3

 

Powered by RedCircle

 

Folge #2

 

 

Powered by RedCircle

 

Folge #1

 

Powered by RedCircle


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Der Hinterhof der USA rebelliert

Keine Angst vor Imperialisten: Ob in Kuba – wie hier auf dem Foto – oder in Kolumbien (Foto: Kida.kida via flickr (CC BY-NC-SA 2.0))

Para la versión en español, haz clic aquí

Über Jahrzehnte hinweg pflegten die Vereinigten Staaten und Kolumbien eine enge strategische Partnerschaft, getragen vom gemeinsamen Kampf gegen den Drogenhandel, von Wirtschafts- und von Sicherheitsinteressen. Zu Beginn der 2000er Jahre wurde Washington mit dem Plan Colombia zum Hauptfinanzier des Krieges gegen Drogen und bewaffnete Gruppen in Kolumbien – mit militärischer Unterstützung in Milliardenhöhe. Im Jahr 2012 wurde ein Freihandelsabkommen unterzeichnet, das die wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter vertiefte und im Jahr 2024 war Kolumbien das südamerikanische Land, das am meisten finanzielle Hilfe aus den USA erhielt. Obwohl der Plan Colombia von vielen Seiten kritisiert wurde, wurde er weitgehend unter den Richtlinien Washingtons ausgeführt und festigte eine strukturelle Abhängigkeit, die Kolumbien in den „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten verwandelte – in einen politischen, strategischen und wirtschaftlichen Schlüsselverbündeten amerikanischer Interessen in der Region.


Dieses Szenario wirft eine entscheidende Frage auf: Was geschieht, wenn der treueste Verbündete Washingtons in Südamerika beschließt, seinen einstigen Patron herauszufordern? Trumps Außenpolitik hat wiederholt seine Bereitschaft gezeigt, Regierungen zu bestrafen, die sich nicht seinen Interessen unterordnen. Die Haltung von Petro, der kritisch zur US-Hegemonie steht und dem lateinamerikanischen progressiven Block nahesteht, stellt eine historische und riskante Wende dar. Petro verteidigt die Souveränität und hinterfragt den von Trump angeführten neoliberalen Interventionismus, sieht sich jedoch interner Kritik ausgesetzt, weil er „nach außen hin regiert“, während der Friedensprozess schwächelt und der Kampf gegen den Drogenhandel im Land keine Fortschritte macht. Die Spannungen zwischen beiden Staatschefs sind längst nicht mehr nur persönliche Beschimpfungen: Sie drohen, eine über fünf Jahrzehnte alte Allianz zu zerbrechen und bestehende Abkommen zur Zusammenarbeit und Drogenbekämpfung aufzulösen. Kolumbien, das bis vor Kurzem als verlässlicher Partner der USA angesehen wurde, scheint sich nun in einen unberechenbaren Partner verwandelt zu haben – und aus Washingtons Sicht in einen unbequemen Nachbarn.


Von Beginn an war das Verhältnis zwischen Petro und Trump von Spannungen geprägt. Im September 2024 bezeichnete Petro Trump als „Terroristen“ und verglich dessen Rhetorik mit der Adolf Hitlers – ein diplomatischer Eklat, der sich nach Trumps Wiederwahl weiter zuspitzte. Im Januar 2025 blockierte Petro US-amerikanische Militärmaschinen mit abgeschobenen Migrantinnen – eine symbolische Geste des Respekts gegenüber den Migrantinnen und der nationale Souveränität. Die Reaktion Trump folgte sofort: 25 Prozent Strafzölle auf kolumbianische Exporte, Visasperren und Einreisebeschränkungen für Regierungsbeamte. Obwohl die Flüge schließlich doch landeten, zeigte der Vorfall die zunehmende Verschlechterung der einst engen Allianz.


Ein weiterer Wendepunkt war Petros Rede vor den Vereinten Nationen am 26. September 2025. Darin warf er den USA vor, Migrationspolitik und den „Krieg gegen die Drogen“ als Instrumente zur Beherrschung des Globalen Südens zu benutzen. Er warnte, das Schicksal Palästinas könne sich „im kolumbianischen Karibikraum wiederholen“, und bezeichnete US-Angriffe auf mutmaßliche Drogenschiffe als „Akte der Tyrannei“. In New York organisierte er eine pro-palästinensische Demonstration und rief US-Soldat*innen dazu auf, „ihre Waffen gegen die Tyrannen zu richten“, was zur sofortigen Aufhebung seines Visums führte. Gleichzeitig setzte Kolumbien den Kauf von Waffen aus den USA und Israel aus und kündigte an, den Status eines globalen NATO-Partners aufzugeben – ein deutliches Signal einer zunehmend rebellischen Außenpolitik gegenüber Washington.

Distanzierung und Spannung im Karibikraum

Die Spannungen verlagerten sich schließlich aufs Karibische Meer. Dort intensivierten die USA ihre Militäroperationen gegen venezolanische Schiffe, die mit dem Drogenhandel in Verbindung stehen sollen – Einsätze, bei denen laut Berichten über 30 Menschen ums Leben kamen. Petro verurteilte diese Operationen als Verletzung der nationalen Souveränität, bekundete Solidarität mit Caracas und schlug eine koordinierte lateinamerikanische Antwort auf eine mögliche US-Intervention vor.

Trumps Reaktion fiel scharf und persönlich aus: Am 19. Oktober beschuldigte er Petro öffentlich, ein „Anführer des Drogenhandels“ zu sein – ein Wendepunkt in der Krise. Zugleich verkündete er nicht nur die Aussetzung der Gelder für den Kampf gegen die Drogen, sondern auch das Ende aller finanziellen Unterstützungszahlungen an Kolumbien. In einer über Truth Social verbreiteten Erklärung beschrieb Trump Petro als „Anführer des Drogenhandels, der die massive Drogenproduktion in ganz Kolumbien fördert, sowohl auf großen wie kleinen Feldern“. Er behauptete, dass der Drogenhandel zum größten Geschäft des Landes geworden sei und dass Petro nichts dagegen unternehme, trotz der von den USA bereitgestellten Subventionen. Schließlich warnte er, dass, falls der kolumbianische Präsident nicht das schließe, was Trump als „Vernichtungslager“ bezeichnet, seine Regierung selbst eingreifen werde.

Petro reagierte, indem er betonte, er habe während seines gesamten öffentlichen Lebens versucht, die Verbindungen zwischen Macht und illegalen Organisationen aufzudecken. Seine Regierung habe die USA stets respektvoll behandelt, während Trumps Administration „respektlos und ignorant gegenüber Kolumbien“ agiere. Von Bogotá aus wies das kolumbianische Außenministerium die Äußerungen von Trump als „beleidigend und eine direkte Bedrohung der nationalen Souveränität“ zurück und kündigte an, „alle internationalen Instanzen“ anzurufen, um die Anschuldigungen anzuzeigen. Der Generalstaatsanwalt Gregorio Eljach forderte die US-Regierung zudem auf, konkrete Beweise für ihre Behauptungen vorzulegen und warnte, dass ihre Anschuldigungen andernfalls einen Mangel an Respekt gegenüber den demokratischen Institutionen Kolumbiens darstellen würden.

Der Bruch mit Washington bedeutet zweifellos einen schweren wirtschaftlichen Schlag. Analyst*innen und Politolog*innen wie Alejandro Echeverry Gómez schrieben in El País jedoch, dass er vorhersehbar war. Bereits Monate zuvor habe die ausgesetzte militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit einen fortschreitenden Verfall der bilateralen Beziehungen signalisiert. Die politischen Folgen waren nichtsdestotrotz gravierender: Die kolumbianische Opposition nutzte den Konflikt mit Trump, um Petro weiter unter Druck zu setzen. Führungsfiguren der rechtskonservativen Partei Centro Democrático und konservative Politikerinnen stellten sich offen hinter Trump und gaben Petro die Schuld an der internationalen Isolation des Landes. Die Journalistin und Präsidentschaftskandidatin Vicky Dávila erklärte, Trumps Anschuldigungen spiegelten „die weltweite Wahrnehmung einer Regierung wider, die den Drogenhandel duldet“. Senatorin María Fernanda Cabal, ebenfalls Anwärterin auf die Präsidentschaft, sprach von einem „aufsteigenden Narco-Staat“ und versprach, im Falle eines Wahlsiegs 2026 die aktuelle Anti-Drogenpolitik abzuschaffen. Ex-Präsident Álvaro Uribe forderte seinerseits die „Wiederherstellung der Allianzen mit den USA, Israel und England, um den Terrorismus zu besiegen“ – ein klarer Gegensatz zur Außenpolitik Petros.


Petro rechtfertigt seine Außenpolitik als einen Versuch, die Allianzen Kolumbiens zu diversifizieren und die Unabhängigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten zu stärken. Doch viele Beobachterinnen sind der Ansicht, er habe die strategische Bedeutung der Beziehung mit den USA unterschätzt, die über ein halbes Jahrhundert lang der wichtigste Garant und Finanzierer der politischen und wirtschaftlichen Stabilität des Landes war. Petros intensive internationale Agenda – mit mehr als 70 Auslandsreisen in gut zwei Jahren – steht sinnbildlich für eine rebellische, mutige, aber zugleich riskante Haltung. Er betont, Trumps Angriffe richteten sich nicht gegen Kolumbien, sondern gegen ihn persönlich und spricht von einer „medialen und politischen Offensive“, die darauf abziele, seine Amtszeit zu schwächen. Wie der ehemalige Außenminister Luis Gilberto Murillo mahnt: „Unser Volk verliert, wenn wir so weitermachen. Der Ausweg liegt nicht in gegenseitiger Herabsetzung, sondern in Diplomatie.“

Die Krise mit Trump ist kein vorübergehendes Ereignis mehr, sondern ein Symptom einer tieferliegenden strukturellen Spaltung. Die Aussetzung der Antidrogenhilfe und die Wirtschaftssanktionen sind kein plötzlicher Bruch, sondern ein Ausdruck der globalen Zwangspolitik der USA gegenüber Ländern, die sie nicht als ideologische Verbündete betrachten. Kolumbien steht nun auf der Liste jener Staaten, mit denen Washington seine Beziehungen „neu aushandeln“ will – unter härteren Bedingungen. Hinter den gegenseitigen Beleidigungen und Provokationen in sozialen Netzwerken verbirgt sich ein tiefergehender Streit über Kolumbiens Rolle in der neuen hemisphärischen Ordnung.

Kolumbiens geopolitische Neuorientierung

In diesem Kontext hat Kolumbien seine Beziehungen zu China durch den Beitritt zur „Neuen Seidenstraße“ vertieft und sucht verstärkt Annäherungen an Afrika, der arabischen Welt und Venezuela. Für einige Beobachter*innen markiert diese Diversifizierung das Ende der historischen Abhängigkeit von Washington; für andere stellt sie ein riskantes Unterfangen dar, dass das Land in einer polarisierten Welt ohne festen Anker zurücklassen könnte. Die Krise, verstärkt durch die sozialen Medien und persönliche Egos, treibt beide Seiten an einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Weder Trump noch Petro scheinen zum Einlenken bereit und beide nutzen die Konfrontation, um ihre innenpolitische Position zu stärken. Hinter den hitzigen Worten steht jedoch eine einfache Wahrheit: Keines der beiden Länder gewinnt durch diese Krise. Unabhängig von politischen Differenzen betreffen die Angriffe Trumps auf Petro und umgekehrt die Institutionen, die Souveränität und die Würde Kolumbiens und verstärken historische Stigmas, unter denen das Land seit Jahrzehnten leidet.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Schutzmaßnahmen auf dem Papier

Palmira, Kolumbien Unterwegs im Naturschutzgebiet, um Kohle-Messungen zu machen (Foto: 2011CIAT/Neil Palmer, CC BY-SA 2.0))

In Peru, Kolumbien, Brasilien, Honduras, Panama und anderen Ländern wurden Projekte für freiwillige Kohlenstoffmärkte, vor allem REDD+-Projekte (siehe S.22 und S.25), die in ländlichen Gebieten durchgeführt werden, praktisch ohne Beteiligung der dort lebenden Gemeinden formuliert und umgesetzt. Dies belegen zahlreiche journalistische Recherchen, darunter die in der Reihe Carbono Opaco (Undurchsichtiger Kohlenstoff des Lateinamerikanischen Zentrums für journalistische Recherche (CLIP) veröffentlichten Beiträge.

Das Landproblem in Lateinamerika – eines der konfliktreichsten sozialen und ökologischen Probleme – taucht auch im Zusammenhang mit den politischen Maßnahmen und Mechanismen zum Klimawandel auf, die die Natur monetarisieren und ihre Bewohner*innen, größtenteils gefährdete ländliche Gemeinschaften, ausschließen. „Das System der ‚Kohlenstoffmärkte‘ hat eine enorme Schwäche, zum Teil aufgrund der mangelnden Fähigkeit des Staates, alle Prozesse dieser Märkte zu registrieren, zu überwachen und zu kontrollieren, insbesondere im Hinblick auf Indigene Völker“, erklärt Rodrigo Botero, Direktor der Stiftung für Naturschutz und nachhaltige Entwicklung in Kolumbien (FCDS) im Interview. In Lateinamerika, einer Region, die Kohlenstoffgutschriften bereitstellt, gibt es nur wenige Länder, die Fortschritte bei der Entwicklung regulierter Märkte erzielt haben. Zugleich wächst die Zahl der freiwilligen Marktinitiativen in der Region, die flexibler sind, aber auch enorme soziale Kosten mit sich bringen.

In Peru wurde die Kichwa-Gemeinschaft im Departement San Martín weder zur Schaffung des Nationalparks Cordillera Azul (2001) noch zur Entwicklung und Umsetzung des gleichnamigen REDD+-Projekts angemessen konsultiert, wie ein Bericht von Miguel Valderrama aufzeigt. Das Projekt wurde 2008 ins Leben gerufen. Die ansässigen Kichwas fordern seit mehreren Jahren die offizielle Abgrenzung ihrer Gebiete. Im vergangenen August wurde jedoch eine gerichtliche Entscheidung, die die lang ersehnte Abgrenzung anordnete, aufgehoben. Die Kichwas profitieren auch nicht von dem REDD+-Projekt, das in den Gebieten umgesetzt wird, die sie traditionell bewirtschaftet haben.

Streit um Landtitel In Kolumbien

haben mehrere Bäuer*innen in der Gemeinde Villarrica, Tolima, durch ihr Engagement für den Naturschutz und gegen die Ölförderung in ihrem Gebiet die Möglichkeit gefährdet, Eigentumsrechte an den Ländereien zu erhalten, von denen ihre Vorfahren vertrieben worden waren. Dort wurde 2018 der Regionalpark „Bosques de Galilea” gegründet. Das kolumbianische Recht verhindert aufgrund des Umweltstatus dieser Gebiete die Vergabe von Landtiteln. Die Bäuer*innen erfuhren von dem Redd+-Projekt Conservación del Bosque Galilea – Amé (Erhaltung des Waldes Galilea – Amé), wie es in einem der Presseberichte der Reihe Carbono Opaco von CLIP beschrieben wird, erst nachdem das Projekt vorgestellt worden war. Weder ihre Bemühungen um den Erhalt des Waldes noch die Unterstützung und Informationen, die sie den Initiatorinnen des Projekts zur Verfügung gestellt hatten, wurden berücksichtigt. Bis heute kämpfen zwanzig organisierte Bäuer*innen um Rechte und Beteiligung für die Gemeinschaft. Sowohl in diesem Fall wie auch bei dem Projekt „Cordillera Azul“ lieferten die betroffenen Gemeinden Informationen, die zur Formulierung der REDD+-Initiativen dienten. In der Umsetzung wurden ihre Interessen und Bedarfe jedoch ignoriert.

Stiftungen, Institutionen und Unternehmen profitieren


Es profitieren vor allem die formulierenden und entwickelnden Einrichtungen finanziell: In Peru das Zentrum für Naturschutz und Management von Naturgebieten (CIMA) und die Stiftung Amé zusammen mit der Universität Tolima in Kolumbien.
Doch auch der Kauf von Emissionszertifikaten in diesem Rahmen kommt vor allem Dritten zugute. Die über das REDD+-Projekt „Cordillera Azul“ erworbenen Zertifikate kompensieren die CO2-Emissionen von Unternehmen wie Total Energies oder Shell. „Immer mehr Unternehmen nutzen Kompensationsinstrumente nur, um ihre Aktivitäten grün zu färben“, sagt Thomas Brose, Geschäftsführer der Climate Alliance in Europa. Die Emissionszertifikate des REDD+-Projekts Bosques de Galilea, die von mehr als 50 Unternehmen des kolumbianischen Produktionssektors, Pensionsfonds, Banken, Ölvertriebsgesellschaften und sogar multinationalen Unternehmen wie Delta Airlines erworben wurden, ermöglichen es ihnen, ihre Emissionen zu kompensieren und zusätzlich die in diesem Land geltenden Steueranreize für Investitionen in Klimainitiativen zu erhalten.

Die Kichwas in Peru, die in diesem Gebiet leben oder es nutzen, dürfen dort nicht mehr wie bisher jagen und das Gebiet traditionell verwalten. In Kolumbien wurden die Bäuer*innen, die sich gemeinsam mit der regionalen Umweltbehörde für den Schutz des Hochanden-Ökosystems einsetzten, nicht zur Einweihung des Schutzgebiets eingeladen. Niemand informierte sie, dass diese Umweltmaßnahme die Vergabe von Eigentumsrechten verhindern würde. Plötzlich sahen sie sich mit einer REDD+-Initiative konfrontiert, von der sie nicht profitieren, obwohl sie seit Jahrzehnten in diesem Gebiet leben und es schützen. „In einigen konkreten Fällen dienten die von uns durchgeführten journalistischen Untersuchungen den Gemeinden als Grundlage für die Geltendmachung des Problems vor Gericht”, erklärt Andrés Bermúdez, Koordinator der investigativen Artikelreihe Carbono Opaco. „Wir sehen eine Vielzahl von Fällen, in denen die Gemeinden nicht wussten, worum es bei den Verhandlungen ging“, moniert Rodrigo Botero und fügt hinzu: „Ohne einen Plan zur Einbindung in die Gemeinden kommt es zu einem enormen Prozess der Korruption und zu riesigen internen Konflikten auf Gemeindeebene.“ Aufgrund der Neuartigkeit des Themas beschloss das Verfassungsgericht Kolumbiens, sich mit einem der Fälle zu befassen: der REDD+-Initiative Baka Rokaire. In diesem Fall beklagten Indigene aus dem Gebiet Pirá Paraná im kolumbianischen Amazonasgebiet, dass der Vertrag, auf dem die Initiative basiert, von einer Indigenen Führungsperson unterzeichnet wurde, die bereits aus der Vertretung des Gebiets ausgeschieden war, und dass das Projekt nie die höchste Regierungsinstanz von Pirá Paraná durchlaufen hatte. „Da keine Klarheit darüber herrscht und nicht verstanden wird, welche Indigenen Autoritäten Verhandlungsprozesse durchführen können, bietet dies Raum für jegliche Art von Manipulation“, kritisiert Rodrigo Botero weiter.

Überschneidungen mit Bergbau und Entwaldung

Aufgrund rechtlicher Probleme wurde das öffentliche Register für Kohlenstoffmarktprojekte in Kolumbien, RENARE, für mehrere Jahre bis Juli 2025 deaktiviert. „In diesem Zeitraum gab es keine anderen Informationsquellen als die Zertifizierungsstellen selbst. Das heißt, die Transparenz in diesem Markt hing weitgehend davon ab, was einer der Akteure in dieser Wertschöpfungskette meldete. Es gibt zudem Zertifizierungsstellen, die unvollständige Informa­tionen liefern“, sagt Andrés Bermudez.
Ende Juli 2025 wurde RENARE langsam wieder aktiviert. Besorgniserregend bleibt, dass Unternehmen und multinationale Konzerne wie Delta Airlines und Chevron in einem offensichtlichen Verstoß gegen die Sorgfaltspflicht weiterhin Kohlenstoffzertifikate von denselben Projektentwickler*innen mit schwerwiegenden rechtlichen Problemen in Kolumbien gekauft haben.

Die mangelnde Sorgfaltspflicht zeigt sich auch bei Unternehmen wie Google, Uber, Spotify, iFood und sogar Bergbauunternehmen wie Vale und Sigma, die versucht haben, ihre CO2-Emissionen zu kompensieren, indem sie Emissionszertifikate aus REDD+-Projekten in Brasilien gekauft haben. Kohlenstoffhändler hatten sie widerrechtlich für Regenwaldflächen verkauft, die im staatlichen Besitz sind und von lokalen Gemeinschaften bewohnt werden.
Die jüngste journalistische Recherche von Infoamazonia, die in der Reihe Carbono Opaco enthalten ist, hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Emissionszertifikate in Brasilien mit dem Bergbau in Verbindung stehen. Die Recherche berichtet von 114 REDD+-Projekten im Land, von denen 73 teilweise oder vollständig mit Bergbaukonzessionen übereinstimmen und 31 Emissionszertifikate verkauft haben.
Teil des Problems liegt in der Zertifizierung der Projekte: Untersuchungen von Expertinnen, Journalistinnen und Justizbehörden haben gezeigt, dass selbst bei den renommiertesten Unternehmen schwerwiegende Verfahrensfehler und in einigen Fällen Korruptionsprobleme in den Prozessen der Prüfung und Zertifizierung der Projekte vorliegen.

Die Sinnhaftigkeit der REDD+-Projekte ist mehr als zweifelhaft, denn die Probleme sind strukturell, wie Rodrigo Botero schließt: „Es gibt Leute, die sagen, dass es Projekte gibt, die in bestimmten Bereichen funktionieren können. Ich kenne sie nicht, aber man müsste erfolgreiche Fälle untersuchen. Was ich sehe, ist, dass es nicht nur zu Greenwashing kommen kann, sondern auch zur Geldwäsche illegaler Wirtschaftszweige, zu Piratenunternehmen und natürlich zu einer enormen Schwäche bei der Überwachung und Gewährleistung der Rechte der Bevölkerung, die oft nicht einmal die Mittel hat, sich über diese Angelegenheiten in ihrem Gebiet zu informieren.“


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Die Gerechtigkeit ist eingekehrt

Lee el articulo aquí en español!

Uribe der erste Expräsident, der von der kolumbianischen Justiz verurteilt wurde (Foto: Centro Democrático via Flickr (CC BY-SA 2.0))

Álvaro Uribe Vélez ist seit den 1980er Jahren die politische Persönlichkeit, die die Rechte in Kolumbien angeführt hat. Er war Stadtrat, Senator, Gouverneur von Antioquia, zweimal Präsident der Republik (2002-2010), erneut Senator und wurde nun von einem kolumbianischen Gericht verurteilt.
Alles geht auf den September 2012 zurück. Der Kongressabgeordnete und Menschenrechtsverteidiger Iván Cepeda beschuldigte Álvaro Uribe Vélez im Kongress, Verbindungen zur paramilitärischen Gruppe Bloque Metro zu haben. Er stützte sich dabei auf Aussagen ehemaliger Paramilitärs. Uribe Vélez und sein Bruder hätten, so die Aussagen, den Bloque Metro gegründet, finanziert und kontrolliert. Daraufhin erhob Uribe Anklage gegen Iván Cepeda wegen Zeugenmanipulation. Dies führte zu einem jahrelangen Gerichtsverfahren.
Der Bloque Metro wurde in den 1990er Jahren auf einem Landgut der Familie des ehemaligen Präsidenten gegründet. Der Gruppe werden unter anderem tausende Morde an Zivilist*innen und andere grausame Verbrechen zugeschrieben. Der Sohn des Vorarbeiters dieses Landguts, Juan Guillermo Monsalve, war ein wichtiger Zeuge im Prozess und den folgenden Verfahren. Auch Monsalve, selbst ehemaliger Paramilitär, der eine 44-jährige Haftstrafe wegen erpresserischer Entführung verbüßt, bestätigte in seinen Aussagen die Vorwürfe gegen die Geschwister Uribe.

Uribe ist in seine eigene 
Falle getappt

2018 kam der Oberste Gerichtshof jedoch zu dem Schluss, dass nicht Cepeda sondern Uribe Zeugen manipuliert habe. Der Fall gegen Cepeda wurde zu den Akten gelegt und der Oberste Gerichtshof erhob Anklage gegen Uribe wegen Zeugenmanipulation. Laut dem Gerichtshof war „die Realität genau andersherum als behauptet” und Uribe sei derjenige, der Zeugen bestochen habe, um Falschaussagen gegen Cepeda zu tätigen. Ohne es zu merken, war Uribe in seine eigene Falle getappt.
Von diesem Zeitpunkt an bis zur Urteilsverkündung Anfang August entspann sich eine Art „gerichtliches Labyrinth“. Gegen Álvaro Uribe Vélez wurde wegen Zeugenbestechung (Bestechung in einem Strafverfahren), einfacher Bestechung und Prozessbetrug ermittelt. Währenddessen versuchte die Verteidigung mehrfach, eine Aufhebung des Verfahrens zu erreichen, was jedoch immer wieder abgelehnt wurde. Uribe und seine Anwält*innen ließen keine Manipulationsstrategie zur Torpedierung und Verzögerung des Verfahrens unversucht.
2020 trat der ehemalige Präsident von seinem Amt im Senat zurück, um dem Prozess zu entgehen. Nach seinem Rücktritt übernahm die von Francisco Barbosa geleitete Generalstaatsanwaltschaft das Verfahren. Barbosa gilt als Verbündeter Uribes und seiner rechten Partei Centro Democrático. Bei der Staatsanwaltschaft wurde der Fall fast zu den Akten gelegt, was jedoch von den zuständigen Richterinnen abgelehnt wurde. Mit dem Amtsantritt der neuen Staatsanwältin Luz Adriana Camargo, die Barbosa 2024 ablöste, kam endlich Schwung in das Verfahren.

„Die Justiz kniet nicht vor 
der Macht nieder“

Die Richterin Sandra Heredia leitete eines der komplexesten Gerichtsverfahren in der jüngeren Geschichte Kolumbiens. Am 28. Juli 2025 war es dann so weit. Zu Beginn ihrer fast zehnstündigen Urteilsverkündung zeigte sie sich professionell und klar: „Das Recht darf nicht vor dem Lärm erzittern und die Justiz kniet nicht vor der Macht nieder. Die Gerechtigkeit sieht weder Namen noch Ämter noch Stände, denn ihr Blick ist ausschließlich auf die juristische Wahrheit und die ethische Pflicht gerichtet, gemäß dem Gesetz und dem Vertrauen zu entscheiden.“
In den letzten Worten ihrer Verkündung erklärte Heredia den Angeklagten Uribe Vélez wegen Zeugenbestechung und Prozessbetrug für schuldig. Sie verurteilte ihn zu zwölf Jahren Hausarrest mit sofortiger Vollstreckung. Der ehemalige Präsident legte daraufhin Berufung gegen das Urteil ein und der Fall wurde nun an den Obersten Gerichtshof von Bogotá weitergeleitet. Dieser setzte den Hausarrest bis zum Urteil in zweiter Instanz vorübergehend aus. Nun steht noch die Entscheidung aus, ob das Verfahren eingestellt wird oder die Verurteilung aufrecht erhalten bleibt. Dennoch ist das, was bereits geschehen ist, beispiellos: Zum ersten Mal in der Geschichte Kolumbiens wurde ein ehemaliger Präsident von der Justiz verurteilt.

Ein Erfolg für das Justizsystem

Unabhängig vom Urteil und dem weiteren Verlauf des Verfahrens war der Prozess selbst ein Erfolg für das kolumbianische Justizsystem. Richterin Heredia leitete das Verfahren in einem zutiefst polarisierten Land, in dem die Verteidigung zahlreiche Manöver unternahm, um das Verfahren zu verzögern. In einem Interview erklärte die ehemalige Justizministerin Ángela María Buitrago: „Man kann mit dem Urteil einverstanden sein oder nicht, aber dieser Prozess war schon lange entschieden.“ Die ehemalige Ministerin machte deutlich, dass dies kein gewöhnlicher Prozess war und dass dieses Urteil nicht nur ein Vorstoß gegen die Straflosigkeit ist, sondern ein entschiedener Schritt hin zu einer Justiz, die keine Angst vor den Mächtigen hat. Dieser juristische Meilenstein, angeführt von hochqualifizierten Juristinnen, stellt einen symbolischen Fortschritt in einer Gesellschaft dar, die historisch von Männern regiert wurde. Dass ein Prozess dieser Größenordnung in einem Land mit tief verwurzelten machistischen Strukturen von Frauen geführt wurde, ist an sich schon ein Zeichen des Wandels.

Juristischer Meilenstein

Der Fall Uribe dreht sich nur formell um Bestechung und Prozessbetrug. Er öffnet auch eine Tür, um über Uribes Verbindungen zum Paramilitarismus; über die falsos positivos (außergerichtlicher Hinrichtungen, die das Militär während des bewaffneten Konflikts in Kolumbien an Zivilisten vorgenommen hat, Anm. d. Red.), die von Organisationen wie den Madres de Soacha seit Jahrzehnten angeklagt werden, sowie über die anderen zahlreichen Verbrechen zu sprechen, die noch immer aufgeklärt werden müssen. Dieser Prozess markiert den Beginn von etwas, das man für unmöglich hielt: Gerechtigkeit und Wahrheit.
Der ehemalige Präsident wurde weniger als ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen zu einem Zeitpunkt verurteilt, der politisch von entscheidender Bedeutung ist. Wie wird sich dieses Urteil auf die von ihm gegründete und geführte Partei Centro Democrático auswirken? Wie wird sich die kolumbianische Rechte ohne ihre einflussreichste Persönlichkeit in der politischen Öffentlichkeit neu formieren?
„Wir wollen Kolumbien sagen, die Gerechtigkeit ist eingekehrt“
Darüber hinaus könnte die Verurteilung auch die Lage für andere Parteien verändern. „Während die Verurteilung von Álvaro Uribe eine Erschütterung für die nationale Politik bedeutet, stellt sie für das Centro Democrático ein Erdbeben mit unvorhersehbaren Folgen dar. Die rechte politische Formation befindet sich in einer schwierigen Lage”, so die Tageszeitung El País.
Unabhängig davon, ob der Berufung stattgegeben wird oder nicht, beweist dieses Urteil, dass Uribes Nähe zum Paramilitarismus ein ständiger Schatten auf seiner politischen Karriere war und immer sein wird. „Wir wollen Kolumbien sagen, die Gerechtigkeit ist eingekehrt.“ Die Worte, mit denen die Richterin Heredia ihr Urteil beginnt, hallen laut, obgleich diese nur ein Schritt auf dem langen, mit Straflosigkeit gepflasterten Weg sind, der noch kein Licht am Ende des Tunnels durchscheinen lässt. Dennoch gibt dieses Urteil der kolumbianischen Bevölkerung Hoffnung, indem es zeigt, dass letztendlich auch die Personen verurteilt werden können, die bislang unantastbar zu sein schienen.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Risse in der Regierung des Wandels

Gescheiterte Symbolpolitik? Francia Márquez mobiliserte im Wahlkampf Stimmen der Schwarzen Bevölkerung (Foto: Wikimedia Commons (CC BY 2.0))

Als Schwarze, alleinerziehende Frau, Umweltaktivistin und studierte Juristin aus armen Verhältnissen war Vizepräsidentin Francia Márquez das Symbol für Klassenkampf, Feminismus und Antirassismus der 2022 angetretenen „Regierung des Wandels“ – und somit für viele Kolumbianer*innen der ausschlaggebende Faktor in der Präsidentschaftswahl, die Gustavo Petro ins Amt beförderte. Während des Wahlkampfs mobilisierte sie unter anderem Stimmen der Schwarzen Bevölkerung für ihn. Zu Beginn weckte die Zusammenarbeit des ersten linken Präsidenten Kolumbiens mit Márquez viele Hoffnungen für die marginalisiertesten Bevölkerungsgruppen. Seit Monaten zeigen sich jedoch deutliche Risse zwischen Petro und seiner Vizepräsidentin.

„Man will uns als Symbol, aber nicht als Volk mit einer Stimme”

Obwohl Petros Regierung wichtige Erfolge zu verzeichnen hat – die Erhöhung des Mindestlohns sowie eine Gesundheits-, Agrar- und Rentenreform –, zeigen sich immer wieder Probleme und Komplikationen. Ein Beispiel dafür ist die fehlgeschlagene Gründung des angekündigten Ministeriums für Gleichstellung zur Förderung von Inklusion und sozialer Gerechtigkeit. Die Verantwortung für dieses Unterfangen fiel Márquez zu. Seine Umsetzung schlug jedoch fehl, nachdem bürokratische Vorgaben nicht eingehalten wurden. Dies befähigte die Opposition, gegen das Ministerium zu klagen und das Projekt zu blockieren – der Plan hängt also weiterhin in der Luft.
Die Vizepräsidentin selbst äußerte sich frustriert über Hürden, die ihr von Kollegin Laura Sarabia der Verwaltungsabteilung der Präsidentschaft der Republik (DAPRE) in den Weg gestellt wurden. Als weiteren Grund für das Scheitern nannte sie gegenüber Caracol Televisión das ambivalente Konzept der finanziellen Durchführbarkeit des Ministeriums, das das Finanzministerium im Kongress vorgelegt hatte. Wer auch immer für die bürokratischen Abläufe verantwortlich war – Petro entließ Márquez als Ministerin für Gleichstellung.
Die Entlassung erfolgte jedoch unmittelbar, nachdem Márquez der Regierung Korruption vorgeworfen hatte, ohne spezifische Namen zu nennen. In einer Rede am 4. Februar erklärte sie: „Ich habe dazu beigetragen, dass diese Regierung gewählt wird, und es schmerzt mich, dass es zu Korruptionsfällen kommt. Das müssen wir offen sagen.“ Mit dem abschließenden Satz: „Vielleicht wird mich das wer weiß was kosten“, deutete sie möglicherweise bereits ihren Rücktritt an.
Petros Amtszeit ist durch interne Streitigkeiten gezeichnet. Im selben Monat forderte Petro sämtliche Mitglieder seines Kabinetts zum Rücktritt auf und formierte es neu. Als Grund nannte er Frustration darüber, dass von den 195 gesteckten Regierungszielen 146 nicht erfüllt worden waren. Auch hier kritisierte die Vizepräsidentin die Ernennung des neuen Stabchefs Armando Benedetti, dem Korruption und Gewalt gegen Frauen vorgeworfen werden.
Nach mehreren Monaten der Stille äußerte Márquez am 25. Juni ihre bisher schärfsten Vorwürfe. In einer Rede zum Internationalen Tag Afro-stämmiger Frauen und Mädchen sagte sie: „Man will uns für Fotos, aber nicht für die Entscheidungsfindung. Man will uns als Symbol, aber nicht als Volk mit einer Stimme. Man will, dass wir gehorsam sind, und wenn wir nicht gehorchen, folgen Bestrafung, politische Gewalt, Ausgrenzung und öffentliche Entmenschlichung.“

„Meine Hautfarbe macht mich für viele leider schuldig”


Bezüglich des Ministeriums für Gleichstellung äußerte sie außerdem, dass man ihr die Mission aufgetragen hatte, die Institution ohne Struktur, ohne Ressourcen und ohne Unterstützung aufzubauen. „Mir wurde vorgeworfen, [die Mission] nicht durchgesetzt zu haben, obwohl man mir nie das Werkzeug dafür gegeben hatte.“ Auch machte sie auf rassistische Vorurteile aufmerksam: „Es wurde die Vorstellung verbreitet, dass ich, weil ich Schwarz bin, sicher stehle, ohne einen Peso angefasst zu haben. Man behandelte mich wie eine Kriminelle, weil meine Hautfarbe mich für viele leider schuldig macht.“
Während die Vizepräsidentin 2022 noch die progressive Haltung der Petro-Regierung untermauerte, scheint sie heute entmachtet und enttäuscht. „Heute verstehe ich, warum so viele Menschen afrikanischer Herkunft, die an die Macht gekommen sind, schweigen. Und es liegt nicht daran, dass sie keine Ideen oder Fähigkeiten zum Regieren hätten.“ Berichte über Todesdrohungen gegen Márquez und ihre Familie verstärken diese Frustrationen. Es sind Drohungen, die nach dem Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Miguel Uribe umso schwerer wiegen.
Die Wahl des ersten linken Präsidenten war ein wichtiger Schritt für ein Land, das nach wie vor stark von Ungleichheit geprägt ist. Dennoch scheint die Regierung sich oft selbst zu sabotieren und bietet der rechten Opposition eine ideale Angriffsfläche. Das Abstoßen einer so bedeutenden Repräsentantin des sozialen Fortschritts wie Francia Márquez verdeutlicht erneut die Instabilität der Petro-Regierung und könnte bei Wähler*innen Zweifel an den Werten des Präsidenten wecken. Laut dem Invamer-Institut ist seine Zustimmungsrate von 56 Punkten zu Amtsantritt inzwischen auf 29 Punkte im Juni 2025 gefallen, was die erneute Wahl eine*r linke*n Präsidentschaftskandidat*in im nächsten Jahr unwahrscheinlich scheinen lässt.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

„Totaler Frieden“ – nur ein leeres Versprechen?

Am 29. Juni veröffentlichte die spanische Zeitung El País eine Tonaufnahme eines Plans zum Sturz von Präsident Gustavo Petro. In dem Audio ist die Stimme von Álvaro Leyva zu hören, die heimlich aufgenommen wurde. Der bis 2024 amtierende Außenminister unter Petro soll kürzlich in die Vereinigten Staaten gereist sein, um sich mit Beratern zu treffen, die dem US=Außenminister Marco Rubio nahestehen. Leyva erklärt in der Aufnahme, sein Ziel sei es, Petro zu stürzen. Als Begründung führt er die Eskalation der Gewalt an und klagt: „Die öffentliche Ordnung ist aus dem Ruder gelaufen … der Typ (Petro) muss gehen.“

Leyva schlägt ein Bündnis mit Oppositionskandidaten und bewaffneten Gruppen wie der ELN und dem Clan del Golfo vor und sagt, Petro solle durch Vizepräsidentin Francia Márquez ersetzt werden. El País berichtet, dass Petro bereits vor mehreren Wochen Márquez zur Rede stellte, nachdem sie von Leyva als seine mögliche Nachfolgerin ins Spiel gebracht worden war. Petro soll von Márquez verlangt haben, öffentlich zu bestreiten, von Leyvas Plan gewusst zu haben. Francia Márquez habe sich geweigert, was der Präsident als Verrat empfunden habe. Nachdem El País die Audios veröffentlicht hatte, bestritten alle Genannten – einschließlich Márquez – ihre Beteiligung. Der Vorfall könnte das Verhältnis zwischen Präsidenten und Vizepräsidentin dennoch nachhaltig geschädigt haben.

Eskalierende Gewalt und der Zusammenbruch
der öffentlichen Ordnung

Es ist noch nicht lange her, dass die „öffentliche Ordnung“ die kolumbianische Politik erschütterte. Der im Juni verübte Anschlag auf den konservativen Senator Miguel Uribe hallt noch immer nach. Uribe, der 2026 als Präsidentschaftskandidat der rechten Partei Centro Democrático antreten wollte, wurde bei einer öffentlichen Veranstaltung in Bogotá von einem 14-jährigen Auftragsmörder mit mindestens sechs Schüssen attackiert. Drei Kugeln trafen ihn – zwei davon am Kopf – und brachten ihn in akute Lebensgefahr. Die Drahtzieher*innen hinter dem Verbrechen sind bislang nicht identifiziert worden, und viele schließen nicht aus, dass die Tat ungeklärt bleiben könnte. Präsidentschaftsinteressierte wie die Journalistin Vicky Dávila sowie rechtskonservative und rechtsliberale Parteien nutzten den Vorfall, um die Friedenspolitik der Regierung und Petros aggressive Kommunikation in den sozialen Netzwerken zu kritisieren und diesen Mordversuch mit seiner Politik in Verbindung zu bringen. In Abwesenheit jeglicher Beweise für eine tatsächliche Beteiligung des Präsidenten an dem Anschlag wird seine scharfe Rhetorik auf X (ehem. Twitter) als möglicher Brandbeschleuniger politischer Gewalt dargestellt. Ob Ablenkung oder indirekte Ursache – Analyst*innen und Medien diskutieren seither breit über die Verwendung gewaltgeladener Sprache in den sozialen Medien. Petro bedauerte das Attentat und versprach, seinen Ton in den sozialen Medien zu mäßigen. Innenminister Benedetti bezeichnete das Attentat als Zäsur im jüngsten Konflikt Kolumbiens.

Politische Machtkämpfe,
Polarisierung und ein
neuer Zyklus bewaffneter Gewalt



Jenseits dieser einzigartigen Ereignisse lohnt sich ein tieferer Blick auf die bewaffnete Gewalt in Kolumbien – und dieser zeigt, dass sich die Lage tatsächlich verschlechtert hat. Anerkannte Konfliktforscher wie Francisco Gutiérrez Sanín warnen sogar davor, dass das Land in einen dritten Zyklus bewaffneter Gewalt verfällt. Dieser neue Zyklus unterscheidet sich laut Sanin von dem als La Violencia bekannten Bürgerkrieg (1948-1958) und dem bewaffneten Konflikt (1964–2016) und ist durch neue Akteure gekennzeichnet – Splittergruppen der Paramilitärs, wie der Clan del Golfo, sowie der Guerilla, wie der Estado Mayor und die Segunda Marquetalia. In diesem Szenario erscheint die ELN einerseits als Überbleibsel des vorherigen Zyklus und andererseits als mafiöse Gruppe, die kaum noch politische Motivation erkennen lässt. Die neuen Gruppen sind lose organisiert und alliiert, weitgehend entideologisiert und haben wenig Interesse an einer Änderung des politischen Regimes in Kolumbien, wohl aber daran, ihre Einnahmen aus illegalen Wirtschaftszweigen wie Kokainhandel, Goldabbau und Erpressung zu sichern und zu steigern – unter anderem durch die Ermordung politischer Gegnerinnen und Einschüchterung. Laut Gutiérrez Sanín folgt die aktuelle Ermordung sozialer Anführerinnen, ehemaliger FARC-Kämpfer*innen und lokaler politischer Führungspersonen einer anderen Logik als in früheren Phasen des Konflikts: Die Opfer heute sind vor allem diejenigen Menschen, die Hindernisse für den Profit der bewaffneten Gruppen aus ihren illegalen Geschäften darstellen. Diese aktuelle Gewalt unterscheidet sich somit von der Ermordungswelle der 1980er und 1990er Jahre, die einen klar politischen Charakter hatte. Heute töten die bewaffneten Akteure in erster Linie, um ihre wirtschaftliche Stellung zu bewahren, während sie früher töteten, um politische Gegner*innen einzuschüchtern oder auszuschalten.

“Totaler Frieden” – eine gescheiterte Vision

Dieses komplexe Panorama ist der Regierung nicht unbekannt. Die 2022 gestartete Friedenspolitik unter Präsident Petro verfolgt das Ziel, mit bewaffneten Gruppen wie der ELN politische Verhandlungen zu führen und gleichzeitig Gespräche mit kriminellen Organisationen aufzunehmen – mit dem übergeordneten Ziel eines „totalen Friedens“. Nach mehr als zehn parallelen Gesprächsprozessen haben jedoch bislang nur zwei kleinere Gruppierungen im Departement Cauca spürbare Fortschritte erzielt. Im Mai 2025 passte die Regierung ihre Strategie an: Mit dem Frente 33 und der Coordinadora Nacional Ejército Bolivariano (CNEB) – beides FARC-Splittergruppen – wurden Abkommen über drei temporäre Aufenthaltszonen (Zonas de Ubicación Temporal, ZUT) in Tibú (Norte de Santander), Roberto Payán (Nariño) und Putumayo unterzeichnet.
Im Gesamtbild hat Petros Friedenspolitik jedoch bislang keine nennenswerten Fortschritte im Umgang mit den großen bewaffneten Akteuren erzielt. Das ELN hat deutlich gemacht, dass für die Organisation die Kontrolle über Territorien – und damit die Einnahmen aus illegalen Wirtschaftszweigen – Vorrang vor einem politischen Dialog mit der Regierung hat. Dies wurde Anfang 2025 offensichtlich, als das ELN bei einem massiven Angriff auf die Zivilbevölkerung in Catatumbo mehr als 50 000 Menschen in die Flucht trieb und Dutzende Zivilist*innen ums Leben kamen.
Auch die Gespräche mit der derzeit größten bewaffneten Gruppierung mit weitreichender territorialer Kontrolle, dem Clan del Golfo – der in einem Drittel der kolumbianischen Departments präsent ist – haben keinerlei Fortschritte gebracht. Der Trend wachsender Gewalt und einer zunehmenden Verschlechterung der Sicherheitslage war bereits unter der Regierung von Iván Duque erkennbar, der auf eine Politik der harten Hand gegenüber bewaffneten Gruppen setzte.
Laut einem Bericht des Internationalen Roten Kreuzes erreichte die humanitäre Krise 2024 ihren Höhepunkt seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit den FARC im Jahr 2016: Es wurden 382 mutmaßliche Verstöße gegen das Völkerrecht registriert. Auch Human Rights Watch meldete eine stärkere Präsenz bewaffneter Gruppen: Bis Mitte 2024 breitete sich der paramilitärähnliche Clan del Golfo im Vergleich zu 2022 um 55 % aus, das ELN um 23 % und die Segunda Marquetalia sowie das Comando Central – zwei Abspaltungen der aufgelösten FARC – jeweils um 30 %.
Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass Petros Plan eines „totalen Friedens“ drei Jahre nach seinem Start enttäuschend bleibt. Nun ist es Aufgabe des neuen Justizministers Eduardo Montealegre, ein umfassendes Statut für den totalen Frieden zu entwerfen – ein Instrument, mit dem er der Friedenspolitik im letzten Jahr der Amtszeit neuen Schwung verleihen will. Montealegre betont, es werde keine Straffreiheit für irgendeine Gruppe geben; dies werde kein Prozess der blinden Vergebung, sondern ein Ausgleich zwischen Frieden und Gerechtigkeit. Ob es dem neuen Minister gelingt, drei Jahre festgefahrener Verhandlungen wiederzubeleben, bleibt abzuwarten.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

China führt 2 zu 1

„Wäre der Kampf um Einfluss in Lateinamerika ein Fußballspiel, läge China gegen die Vereinigten Staaten zur Halbzeit mit 2 zu 1 in Führung“, heißt es in einem Meinungsbeitrag der US-Nachrichtenseite Bloomberg Línea von Ende Mai. Das liege, so der Autor, insbesondere an einem anderen, ja gegensätzlichen Herangehen der chinesischen im Vergleich zur US-amerikanischen Regierung: Während Donald Trump eine „besonders strenge Version der Monroe-Doktrin“ wiederbelebe, entscheide sich die Volksrepublik „für eine langfristige Strategie, die auf Partnerschaft und Solidarität beruht“.
„Washington sollte genau mitschreiben: Drohungen erzeugen keine Loyalität.“ Diese Schlussfolgerung zeigt: Der Autor des Meinungsbeitrags hegt keine Sympathien für die chinesische Staatsführung. Ebensowenig dürfte er die ökonomischen Interessen der USA in Lateinamerika per se kritisch sehen. Der Beitrag bringt vielmehr die Meinung kapitalfreundlicher Kreise in den Vereinigten Staaten zum Ausdruck, die den Kurs der Trump-Regierung als für ihre Interessen schädlich einschätzen – und die in Lateinamerika und der Karibik, also in einer traditionell als US-Hinterhof angesehenen Region, die eigenen Felle davonschwimmen sehen.
Der Anlass für den Beitrag: Mitte Mai fand in Peking zum vierten Mal das China-CELAC-Forum statt. Während normalerweise Ministerinnen zusammenkommen, nahmen in diesem Jahr gleich drei der 33 Staatsoberhäupter der Mitgliedsländer der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) teil: Brasiliens Luiz Inácio Lula da Silva, Kolumbiens Gustavo Petro und Chiles Gabriel Boric. Auch Gastgeber Xi Jinping war persönlich bei dem Treffen anwesend.

Allein die anwesende Prominenz zeigt, welche Bedeutung die Regierungen vieler lateinamerikanischer Staaten dem Forum beimessen. Für China stellt das einen Erfolg dar, besonders in Zeiten der sich zuspitzenden Rivalität um Handelsmärkte und Einfluss mit den USA. Das Signal, das von dem Treffen ausgeht: Die Volksrepublik ist keineswegs isoliert, vielmehr ist das Interesse an einer Vertiefung der Beziehungen zu China in vielen Teilen der Welt groß – auch als Alternative zu den Vereinigten Staaten.

„Xi verkündete neue Kreditlinien in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro”

Die Funktion, die Abhängigkeit vom „großen Nachbarn“ im Norden zu schmälern, hat China für viele Länder Lateinamerikas bereits heute. Auch wenn in der Region insgesamt weiter die USA der wichtigste Handelspartner sind, konnte die Volksrepublik in den vergangenen Jahrzehnten aufholen. Laut der chinesischen Regierung betrug das Handelsvolumen mit den CELAC-Staaten im vergangenen Jahr 518,4 Milliarden US-Dollar. Das ist rund 40 Mal mehr als noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Für die Volkswirtschaften von Brasilien, Chile, Uruguay oder Peru ist China schon jetzt wichtigster Handelspartner. Es ist wahrscheinlich, dass das Volumen auch in diesem Jahr ansteigen wird. In seiner Eröffnungsrede bot Xi den CELAC-Vertreterinnen an, „im Angesicht der geopolitischen Turbulenzen“ und des „zunehmenden Gegenwinds aus Unilateralismus und Protektionismus“ noch enger zusammenzuarbeiten. Zugleich verkündete er neue Kreditlinien in Höhe von umgerechnet rund 8,25 Milliarden Euro. Die Volksrepublik wolle außerdem die Importe aus der Region erhöhen und chinesische Unternehmen zu mehr Investitionen ermutigen, so Xi weiter.
Das kommt vor allem bei den als progressiv geltenden Regierungen der Region gut an. So erklärte der kolumbianische Präsident Petro, der derzeit den Vorsitz der CELAC-Staatengemeinschaft innehat, die Menschheit stehe vor dem Dilemma „kooperieren oder untergehen“. Die Welt sei von „Fragmentierung, geopolitischen Spannungen, Kriegen, Umweltzerstörung und Ungleichheit geprägt“. Daher müsse die CELAC mit allen sprechen, „horizontal, nicht vertikal“, und „frei von Autoritarismus und Imperialismus“. Sein chilenischer Amtskollege Boric sagte, es sei „jetzt an der Zeit, einen qualitativen Sprung in den Wirtschaftsbeziehungen mit China zu machen“. Gleichzeitig betonte er: „Wir wollen uns nicht für den einen oder anderen (Handelspartner) entscheiden müssen.“
Ein wichtiges Instrument für die Integration lateinamerikanischer Länder in die Handelsbeziehungen ist für China auch die sogenannte Neue Seidenstraße. Das Megainfrastrukturprojekt, das offiziell „One Belt, One Road Initiative“ heißt, war 2013 von Xi ins Leben gerufen worden. Heute sind mehr als 150 Länder Teil der Initiative, in deren Rahmen China weltweit in Infrastrukturprojekte wie Häfen, Bahnlinien und Flughäfen investiert, 20 allein in Lateinamerika und der Karibik. Ziel ist eine Förderung von Handel und Austausch zwischen den verschiedenen Weltregionen. Kritiker*innen monieren so entstehende Abhängigkeiten und warnen davor, China sei insbesondere an Rohstoffen und weniger an verarbeiteten Produkten interessiert.
Andere sehen das offensichtlich anders: Am Rande des China-CELAC-Treffens unterzeichnete Petro gemeinsam mit seiner Außenministerin Laura Sarabia ein Abkommen, das den Beitritt Kolumbiens zur „Neuen Seidenstraße“ vorsieht. Das Ministerium erklärte im Anschluss auf X, der Schritt sei „historisch“, da er „neue Möglichkeiten für Investitionen, technologische Zusammenarbeit und nachhaltige Entwicklung“ eröffne. Der kolumbianische Präsident erklärte: „Von nun an geht Kolumbien mit der gesamten Welt Beziehungen auf Basis der Gleichheit und Freiheit ein.“


Die US-Regierung zeigt sich über Kolumbiens Kurswechsel nicht erfreut”


Die US-Regierung hingegen zeigte sich nicht erfreut. So bezeichnete ein Sprecher des Außenministeriums in Washington die Entscheidung gegenüber der kolumbianischen Tageszeitung El Tiempo als „enttäuschend und kontraproduktiv“. Weiter hieß es: „Petro läuft mit dieser Maßnahme Gefahr, Kolumbien noch weiter von unseren Partnern in Lateinamerika zu entfernen, die sich aus den Fesseln der Kommunistischen Partei Chinas befreien.“ Bereits zuvor hatte der Sondergesandte für Lateinamerika von Trump, Mauricio Claver Carone gedroht, den Import von Kaffee und Blumen – zwei der wichtigsten Exportprodukte des Landes – einzustellen, falls sich Bogotá der Neuen Seidenstraße anschließen sollte.
Solche Töne sind es, die manche lateinamerikanische Regierung – so der Meinungsbeitrag in Bloomberg Línea – eher von den USA weg als zu ihnen hintreiben. Sie können als Zeichen dafür verstanden werden, dass Trump und Co. eine verschärfte Form der Monroe-Doktrin verfolgen. Vor mehr als 200 Jahren hatte der damalige US-Präsident James Monroe die Parole „Amerika den Amerikanern“ ausgegeben. Der Doppelkontinent sollte alleinige Einflusssphäre der USA sein – ohne die europäischen Kolonialmächte.
Heute richtet sich die Monroe-Doktrin hingegen in erster Linie gegen die Aktivitäten Chinas in Lateinamerika. Dass es die Trump-Regierung ernst meint, hat sie bereits in den ersten Monaten im Amt gezeigt – so mit den Invasionsdrohungen gegen Kanada, der Verhängung hoher Zölle gegen lateinamerikanische Staaten oder dem Eskalationskurs gegen unliebsame Regierungen wie die Kubas oder Venezuelas. Trotzdem ist mindestens fraglich, ob sie mit dem Kurs erfolgreich sein wird.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Schreiben als Heilung

Wie ist das Kollektiv „Nacen Voces” und die Idee für das Buch entstanden?
Edwin: Ich war auf der Suche nach Dichter*innen, um für Leukemia Literaria ein Interview zu führen. Das ist eine kolumbianische Zeitschrift über Literatur, Gedichte, Essays und Kurzgeschichten. So habe ich Diana und Catalina kennengelernt. Dann begann 2021 die soziale Revolte in Kolumbien (siehe LN 563; 564; 568; Dossier 19) und wir fingen an, uns über die Situation auszutauschen. Bekannte in Kolumbien schickten uns Videos von dem, was geschah, und baten uns um Hilfe. Das schmerzte uns sehr und wir überlegten, was wir tun können, obwohl wir so weit weg sind: Abgesehen davon, die Videos zu teilen, sie an die internationale Presse zu schicken und sie auf der Website der Zeitschrift zu veröffentlichen. Da kam uns der Gedanke, über die Geschehnisse zu schreiben, denn Schreiben hilft manchmal, den Schmerz zu lindern und wir begannen mit dem Projekt.

Catalina: Davor hatten wir eine Facebook-Seite mit dem Namen „Verschwundene aus Kolumbien“ eingerichtet, in die viele Menschen eingetreten sind. Dort prangerten wir an, was während der Proteste geschah. Wir fingen auch an, eine Liste mit allen Personen zu erstellen, von denen uns mitgeteilt wurde, dass sie vermisst wurden. Aber wir hatten das Gefühl, dass man uns nicht beachten würde, weil wir nicht in Kolumbien waren und weil der kolumbianische Staat schon in so vielen Jahren des Verschwindenlassens und der Gewalt seine Bevölkerung nicht beachtet hatte. Es war eine sehr angespannte Lage. Es gab Sabotagen gegen unsere Facebook-Gruppe mit falschen Nachrichten, die versuchten, unsere Arbeit zu diskreditieren. Also beschlossen wir, dass wir mehr tun mussten als nur die Verbrechen anzuprangern. Und da unsere Stärken die Literatur ist, entschieden wir, dass wir eben auf diesem Gebiet einen Beitrag leisten könnten. Da wir nicht nur für uns selbst sprechen wollten, haben wir einen internationalen Aufruf gestartet. Wir wollten den Menschen, die unter staatlicher Gewalt gelitten haben und Opfer waren, eine Stimme geben und Prozesse der Erinnerung unterstützen. So begann der Prozess, uns als Kollektiv zu konsolidieren.

Manche Texte handeln von Kolumbien, manche von anderen Ländern Lateinamerikas, es gibt neuere und ältere Texte… Wie habt ihr diese ausgewählt?
Edwin: Ein Kriterium war, dass es sich um Texte über das gewaltsame Verschwindenlassen, staatliche Gewalt, geschlechtsspezifische Gewalt, willkürliche Verhaftungen und die Opfer all der Jahre des bewaffneten Konflikts handeln sollte. Diese Themen sind nicht nur in Kolumbien präsent, sie vereinen uns leider auch mit anderen Ländern Lateinamerikas.

Catalina: Wir haben ein breites Spektrum eröffnet, das all diese Verbrechen einschließt und natürlich auch das, was genau zu diesem Zeitpunkt geschah, nämlich die soziale Revolte. Da wir Kolumbianer sind, haben wir natürlich an Kolumbien gedacht, aber durch den internationalen Aufruf kamen auch Texte, die von der Diktatur in Venezuela sprachen, ein Gedicht erwähnt Chile, ein anderes das Verschwindenlassen in Mexiko. Lateinamerika ist nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch sozioökonomische Probleme und Gewalt miteinander verbunden

Besteht das Kollektiv auch nach der Veröffentli­chung des Buches weiter?
Edwin: Sagen wir es mal so: das Kollektiv tut, was das Buch tut. Das Buch geht seinen eigenen Weg und das Kollektiv lebt von der Kraft des Buches selbst. Außerdem sind daraus Freundschaften entstanden. Nach der Buchvorstellung in Bogotá sind wir jetzt dabei, es zu verbreiten. Wir wollen es an alle Personen und Institutionen verteilen, die sich für das Thema des gewaltsamen Verschwindenlassens engagieren.

Catalina: Wir befinden uns jetzt in einem Prozess mit der Casa de la Memoria in Medellín und anderen Institutionen, um eine Ausstellung mit den Illustrationen und einigen Fragmenten des Buches zu gestalten. Davon ausgehend wollen wir auch andere Räume schaffen, etwa für Konferenzen und Vorträge. Das Kollektiv arbeitet also weiter und eins führt zum anderen. Und wir haben sehr interessierte Menschen in Kolumbien gefunden, die aktiv mithelfen und sich nach und nach dem Projekt anschließen.

In der Einleitung erwähnt ihr nicht die Soziale Revolte, obwohl diese der Entstehungsgrund für die Veröffentlichung war…
Edwin: Der Zweck des Buches ist ein Projekt des Schreibens als Heilung, die Idee, dass durch Worte Schmerz geheilt und transformiert werden kann. Wir wollten keine voyeuristischen Texte, deshalb haben wir sehr sorgfältig recherchiert. Das Ergebnis ist ein gewaltfreies Buch, obwohl es all den Terror und das Leid der Opfer anprangert. Es ist nicht voller Blut, nirgendwo fliegen Bomben, sondern es ist ein hoffnungsvolles Buch. Wir wollten vermeiden, wie die Boulevardnachrichten zu schreiben, die die Gewalt während der Soziale Revolte auf die Titelseite setzten.

Welche Rolle spielt für euch Kunst in Kontexten von politischer Gewalt?
Catalina: Wenn man dir eine Boulevardnachricht zeigt, siehst du den explodierenden Schädel, das Hirn, das Blut und die Eingeweide. Dann werden die Nachrichten mehr zu einem Spektakel als zu einer Möglichkeit, sie mit Bewusstsein zu verarbeiten. Die Kunst hilft einem, ein wenig vom Blut wegzukommen. Sie hat die Fähigkeit, das Grauen und die Tragödie durch einen Filter der „Schönheit“ zu zeigen. Obwohl es nicht schön ist, es ist unangenehm. Aber die Funktion der Kunst ist es, dir etwas zu vermitteln, ein friedliches Gefühl und zugleich dieses Unbehagen, sowie Traurigkeit und Freude. Das ist auch die Funktion des Wortes für uns. Es soll wie ein Filter sein, damit wir nicht im Spektakel verharren.

Präsident Petro hat sich im Wahlkampf dazu verpflichtet, sich für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Opfer der Proteste und allgemein des Konflikts einzusetzen. Seht ihr da Fortschritte?
Catalina: Was getan wird, um die Verschwundenen zu finden, gibt mir Hoffnung. Einige Akteure des Konflikts liefern Informationen über Massengräber. Ich habe auch gehört, dass forensische Teams aus Guatemala mit Experten in Kolumbien zusammenarbeiten, um Leichen aus Brunnen zu bergen, in die Menschen geworfen wurden. Für mich ist diese Suche der Verschwundenen und die Tatsache, dass sich eine Regierung dafür einsetzt, bereits ein großer erster Schritt. In Europa gibt es Regierungen, die dies nicht getan haben. Ich lebe im Baskenland und im spanischen Bürgerkrieg gab es viele Verschwundene, die bis heute nicht wiedergefunden wurden. Es gibt viele Menschen, die immer noch nicht wissen, wo ihre Großeltern und Eltern sind. Das ist ein ständiger Schmerz und ich denke, dass die Arbeit an der Suche der Verschwundenen ein großer Schritt zur Wiedergutmachung ist. Nach so vielen Jahren der Gewalt und angesichts der Schwierigkeiten, mit denen diese Regierung konfrontiert ist, ist das nicht einfach. Aber im Gegensatz zu früheren Regierungen versucht sie es zumindest.

Edwin: Ich komme aus Jamundí im Valle del Cauca, eine Region, die stark von Gewalt betroffen ist. Meine Familie lebt im Herzen der Gewalt. Dort können die Kinder nicht zur Schule gehen, weil sie Angst vor Bomben haben. Wir müssen natürlich alle Prozesse, die gerade stattfinden, anerkennen. Aber in der Gegend, aus der ich komme, geht der Krieg weiter, und zwar auf sehr gewaltvolle Art und Weise. Das alles macht es schwierig, die Dinge hoffnungsvoll zu sehen. Wenn die Kinder deiner Geschwister nicht zur Schule gehen können und deine eigene Familie mitten im Krieg steht, ist das Problem sehr komplex. Natürlich sind dies Prozesse, die unter anderen Regierungen nicht stattgefunden hätten, wir sehen also Fortschritte, aber es ist nur ein Anfang und wir stehen vor einer jahrelangen Arbeit.

Natürlich, es ist sehr schwierig eine Übergangs­justiz umzusetzen, während der Gewaltkontext weiterhin besteht. Aber ist es nicht auch wichtig, Räume zu finden, um mit den Tätern zu sprechen? Denn sie sind diejenigen, die wissen, was sie getan haben und wo die Massengräber und die Leichen der Verschwundenen sind…
Edwin: Gerade mit diesen Menschen ist der Dialog notwendig, aber er ist wirklich schwierig. Ich hatte die „Möglichkeit“, in einem Kriegsgebiet zu leben und nicht nur mit den Akteuren zu sprechen, sondern mit ihnen aufzuwachsen. Viele meiner Schulkameraden haben sich am Ende für eine Seite entschieden, einige sind mit den Versprechungen der Guerilla gegangen, andere mit denen der Paramilitärs. Und leider mussten die wenigen von uns, die sich nicht für eine Seite entschieden haben, den Ort verlassen. Wenn man also mit ansehen musste, wie sein Freund zerstückelt wurde, was kein Mensch mit ansehen sollte, ist es ziemlich kompliziert, sich mit diesen Akteuren zu unterhalten.

Verfolgt ihr weiterhin die Fälle von Personen, die während der Proteste verschwunden sind?
Edwin: Wir haben irgendwann damit aufgehört, zum einen, weil die Sabotage und die Drohungen begannen. Andererseits, weil es eine unheimliche Last war. Das war sehr schwer zu ertragen und wir haben uns dazu entschieden, das Projekt der Heilung durch Schreiben fortzusetzen, und haben uns ein wenig von der Dokumentation der Fälle entfernt. Es wäre interessant, das wieder aufzugreifen, aber es ging damals wirklich zu Lasten unserer psychischen Gesundheit.

LA VOZ DIGNA – EIN AUSZUG

NO SIGUIERON EL JUEGO

Los niños dejaron
de jugar a las pistolas.
Temían disparar de verdad,
temían matar a los vecinos
o a los muchachos que iban pasando,
temían los cargos de conciencia,
las pesadillas de rostros y gritos,
temían decepcionar a la mamá
o la abuela,
temían ir a la cárcel,
temían no poder aprender más
en la escuela,
temían dormir solos
en un lugar lejano —y oscuro—,
temían ser juzgados de asesinos,
temían parecerse a los policías.

Julio César Plata Rueda
Colombia, 2021

Sie spielten das Spiel nicht mehr mit

Die Kinder haben aufgehört
mit Pistolen zu spielen.
Sie hatten Angst davor tatsächlich zu schießen,
sie hatten Angst die Nachbarn zu töten
oder die vorbeilaufenden Jungs,
sie hatten Angst vor der Last auf dem Gewissen,
vor den Albträumen von Gesichtern und Schreien,
sie hatten Angst ihre Mutter zu enttäuschen
oder ihre Großmutter,
sie hatten Angst im Gefängnis zu landen,
sie hatten Angst nichts mehr lernen zu können
in der Schule,
sie hatten Angst davor alleine zu schlafen
an einem weit entfernten – und dunklen – Ort,
sie hatten Angst davor als Mörder verurteilt zu werden,
sie hatten Angst, den Polizisten zu ähneln.

Julio César Plata Rueda
Kolumbien, 2021


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

“Necesitamos ponernos en el radar del mundo”

Für die deutschsprachige Version hier klicken

„No dejen de bailar.“ El proyecto Yo Me Entacono de Miguel Ferrerossa da visibilidad a los cuerpos queers y feminizados en el mundo de la salsa. (Foto: Miguel Ferrerossa)

¿Cuándo empezaste a bailar profesionalmente y qué te llevó a fundar Yo me Entacono?
Yo comencé a bailar en una escuela de baile en el año 2013. Inicié en un barrio, el Distrito de Aguablanca, que es un sector donde salimos casi todos los bailarines del oriente de la ciudad. Es lindo porque el baile es un proceso social para arrebatarle los jóvenes a la violencia, a tantos problemas que tenemos quienes vivimos en la periferia de Cali.

Desde que yo inicié, yo ya tenía un estilo personal femenino, muy feminizado, y eso no encajaba mucho con los cánones de la danza dentro de las escuelas de Cali. Siempre me decían: “Eres muy bueno bailando como mujer, pero tienes que aprender a bailar como hombre”. Había una lucha constante entre qué significa ser hombre y qué significa ser mujer a través del cuerpo, a través de la danza. Yo tenía que personificar lo masculino. Tuve que hacer constantemente ese ejercicio porque era lo que la escuela me exigía. Fue un poco de crisis psicológica. Porque hay un proceso de identidad con 17 años: estás todavía intentando encontrarte. Una de las cosas que más me he cuestionado y que todavía sigo intentando entender era cómo yo tenía que personificar esa masculinidad y cómo personificaba esa feminidad, porque para mí eso nunca significó ser femenino si no ser yo, esa era mi energía, lo que yo sentía.

Desde esa experiencia tan personal se crea Yo Me Entacono en el 2019. Cuando empecé a bailar, yo veía a las chicas bailando en tacones, y dije: “Quiero bailar en tacones, me encantaría ver mi cuerpo en tacones, no sé por qué.”

¿Podrías contarnos más sobre tu proyecto con el que estás de gira por Europa?
El proyecto da visibilidad a cuerpos feminizados a través de la salsa, a través del tacón. La idea siempre inicia conmigo, con mi cuerpo. Estoy exponiendo mi cuerpo en espacios totalmente machistas, porque como sabemos, la salsa tiene unos valores demasiado fuertes y unas estructuras sociales muy marcadas sobre lo que significa ser hombre y ser mujer. Cuando te sales un poco de esta regla, hay una lucha constante.

La creación de Yo Me Entacono ha sido un proceso con mi propio cuerpo, pero también se está creando una comunidad. Crear una comunidad y una red de apoyo, no solamente entre personas queers, ha sido el proyecto desde el inicio. Cuando hablo de cuerpos feminizados, hablo de cuerpos que no representan lo masculino. Entonces somos todos los que simplemente no representamos el blanco y el masculino siempre vamos a tener una lucha constante. Y creo que la salsa puede estar involucrada en este proceso. El proyecto ha tenido muchos desafíos porque el hecho de ser algo tan nuevo y tan innovador tiende a ser también demasiado transgresor para la misma industria de la salsa, pero aquí estamos todavía.

Letztes Jahr hast du Yo Me Entacono auf einem Wettkampf in Medellín repräsentiert und den zweiten Platz belegt. Wie kam es dazu und was hat dieses Erlebnis für dich und das Projekt bedeutet?El año pasado representaste a Yo me Entacono en un concurso en Medellín y quedaste en segundo lugar. ¿Qué significó esta experiencia para ti y para el proyecto?
En el 2022 tuve una crisis de salud y dije: “Si no bailo ahora, mis planes nunca van a suceder”. Entonces quería competir. Dije: “Voy a hacer lo posible para bailar en una categoría masculina como solista. Al que le guste, bien, y al que no, también”. Fui un poco rebelde. Encontré la tutoría de Xiomar Rivas. Y ella me dijo: “Lo podemos hacer, vamos a hacerlo”. Obviamente había dudas.

En la salsa siempre hay formas de hacer el paso masculino y formas de hacerlo femenino; formas de describir lo que es lo uno y lo otro. Y yo estaba ahí, en una categoría masculina, en tacones, con un vestuario que tampoco representaba lo masculino. Y pues claro, todo eso es un reto. Algo que fue lindo y que va a ser muy duradero es que pude competir dentro de mi país y haber quedado en el segundo lugar de un pódium masculino estando en tacones, después de tantas dudas. No tengo ningún tipo de ejemplos en la salsa, ¿me entiendes? Es que, tenemos muchos chicos que están haciendo sus propuestas con tacones alrededor del mundo y los veo también como inspiración. Pero no había nadie que estuviera compitiendo, nadie que se lanzara a hacer tal exposición de tal grado. Eso también va a ser histórico para una población LGTBI en Colombia que ha luchado mucho por ese tipo de espacios. Creo que los jurados vieron el valor de la propuesta. Entendían un poco más lo que yo estaba intentando transmitir. Y creo que la experiencia llevó a otro nivel el proyecto.

¿Quién le ha apoyado a lo largo del camino? ¿De dónde saca la energía para que el proyecto siga adelante?
Era un proceso de vínculos, pero el común denominador siempre han sido las mujeres. Las mujeres son las que siempre me han dado apoyo. Las mujeres son las que han podido empatizar con lo que yo estoy viviendo, porque saben lo duro que es no representar lo masculino. Las mujeres te cobijan: a mí siempre me han hecho sentir que pertenezco. Eso es algo que tiene mucho valor en momentos fuertes que uno puede vivir dentro de la población LGTBI. Yo nunca siento que puedo pertenecer a la población LGTBI por ser tan femenino. Eso significa una lucha constante dónde estás intentando encontrarte en el proceso. Y cuando llegan estas mujeres y te cobijan, te abrazan, te dan casa, te dan comida, te dan un espacio, te permite ver lo bonito y bello que ha pasado durante el proceso.

Llevas desde abril viajando por Europa con Yo Me Entacono, en Berlín, Londres y París. ¿Qué experiencias has vivido aquí, qué significa para ti viajar con tu proyecto?
Lo que está buscando el proyecto es que se visibilice la situación de las personas LGTBI en el mundo. Los retos siempre se están presentando. Lo más difícil de todo es lidiar con la ignorancia de la gente. A veces no me cabe en la cabeza cómo te quieren atacar por simplemente existir. Me he encontrado con ataques homofóbicos en Berlín y en otros lugares de este viaje. Para mí es un reto salir a la calle porque me encuentro con la violencia. Yo llegué a Francia justamente cuando ha ganado la extrema derecha en las elecciones. Al final nunca estamos protegidos, al final nunca estamos seguros en la población LGTBI. En cualquier parte, en cualquier momento, algo puede cambiar de manera legislativa, pues eso también va a afectar directamente a nuestra salud mental y física. A través del arte y la danza se está buscando visibilizar todas estas historias porque es lo único que nos queda. O sea, si no nos mostramos, pues mucho más difícil va a ser que nos abran espacios. Necesitamos ponernos en el radar del mundo. Justamente eso.

¿Cómo ha influido el proyecto a su desarrollo personal como bailarín y como artista en general?
Todo ha sido un proceso muy personal. A través del proyecto puedo liberar un poco más mi cuerpo. Hasta el momento la transición es muy coherente con lo que ha pasado con mi cuerpo y con mi mentalidad. En el inicio mi outfit era un sombrero con una camisa blanca y un pantalón negro. Todo lo que representa como el vestuario masculino de la salsa. Ahora creo que es exactamente la forma contraria. Ahora muestra partes del cuerpo que no se deberían de mostrar ni para una mujer ni para nadie, porque seguramente es considerado vulgar o lo que sea. El proyecto hizo que yo haya tenido que romper muchos estigmas conmigo mismo. Tenía una idea masculinizada de mí, que me tocó también ir deconstruyendo porque no me sentía cómodo con ello. Y al final, los tacones. A pesar de que era un trabajo técnico porque había que trabajar la técnica, es una evolución personal a través de eso. Siempre que llevaba el cuerpo a un límite me he sentido mucho más cómodo con lo que puedo expresar entonces.

¿Qué planes tienes con Yo me Entacono? ¿Qué consejo te gustaría dar a las mujeres, a las personas queer y a cualquiera que sienta pasión por la danza?

Bailar fue lo que me sacó del barrio. Quiero seguir llevando el proyecto a otras partes del mundo. Yo siempre he planeado esto como mi forma de crear una comunidad para poder hacer arte de manera más completa, poder hacer música, poder actuar, poder hacer otras cosas.

Así que esa es la idea y la invitación a los que están viendo el proceso del baile y que se apasionan por esto: nunca lo dejen de hacer, más que todo a las mujeres que ven en esto un espacio para ser ellas mismas. De verdad me siento muy orgulloso de poder también tocar en algún momento su proceso. Siempre hemos hablado de la danza como algo que nos funciona a nivel social, pero creo que tiene mucho más trasfondo metafísico. De ahí es donde se unen las almas y se une todo lo que nos representa como humanidad para celebrar la vida. Sigan bailando. En este momento, para mí, la danza es mantenerse vivo.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren