Gewalt und Staat | Kolumbien | Nummer 567 – September 2021

„WIR WOLLEN DIE WAHRHEIT WISSEN“

Interview mit Luz Marina Hache Contreras, Sprecherin der Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen

Vor fast 35 Jahren verschwand der Lebenspartner von Luz Marina Hache Contreras spurlos. Seitdem versucht die aus Bogotá stammende 65-Jährige herauszufinden was mit ihm passiert ist. Mit LN sprach sie über die Ziele der Nationalen Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen (Movice), über Lösungen, um die Straflosigkeit zu durchbrechen und ein Wandgemälde, das aktuell für Ärger sorgt.

Interview: Darius Ossami

LUZ MARINA HACHE CONTRERAS
ist Sprecherin für den Bereich gewaltsames Verschwindenlassen in der Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen Movice (Movimiento Nacional de Víctimas de Crímenes de Estado). Aufgrund von Morddrohungen musste sie Kolumbien verlassen. (Foto: privat)

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Warum wurde Movice gegründet?
Die Nationale Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen wurde im Jahr 2004 gegründet. Damals war unser Motto: Für Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Später kam die Forderung nach Garantien dafür hinzu, dass sich die Taten der Vergangenheit nicht wiederholen. Wie die Mitglieder der sozialistischen Partei Unión Patriótica und anderer politischer Gruppen, die in Kolumbien ausgelöscht wurden, waren wir Opfer von Massenmorden, gewaltsamer Vertreibung in einem Land, in dem es über acht Millionen Binnenflüchtlinge gibt, Opfer von selektiven Morden, außergerichtlichen Hinrichtungen und des gewaltsamen Verschwindenlassens. Unsere Bewegung fordert die kolumbianische Regierung auf, dafür Verantwortung zu übernehmen. Und wir fordern eine Garantie der Nicht-Wiederholung. Niemand – weder in Kolumbien noch weltweit – sollte das erleiden, was wir Opfer in Kolumbien erleiden mussten. Damit meine ich Opfer verschiedenster Verbrechen, die dazu geführt haben, dass Kolumbien jetzt ein Land mit über zehn Millionen Opfern ist.

Welchen Erfolg hat die Bewegung seit ihrer Gründung gehabt?
Ein Erfolg unserer Bewegung ist, dass wir heute ein politischer Akteur und eine moralische Stimme in der kolumbianischen Gesellschaft geworden sind. Die Bewegung der Opfer findet Gehör! Fast alle NGOs im Menschenrechtsbereich gehören zu unserer Bewegung, weil wir für die Wahrheit und gegen die Straflosigkeit kämpfen. Es kann nicht sein, dass in einem Land, das von sich behauptet, die Menschenrechte zu wahren, 99 Prozent der Verbrechen straflos bleiben. Die Wahrheit ist umkämpft. Es gibt die Wahrheit der Sieger und die Wahrheit der Opfer. Aber die Wahrheit der Opfer und das, was wirklich in diesem Land passiert ist, muss bekannt gemacht werden!

Aber die Straflosigkeit gibt es doch weiterhin?
Die Straflosigkeit existiert weiter. Nach dem Friedensschluss haben wir Opfer große Hoffnungen in das System von Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Garantie der Nicht-Wiederholung gesetzt, das mit dem Friedensvertrag geschaffen wurde. In Bezug auf die Straflosigkeit gibt es jetzt die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden JEP (Jurisdicción Especial para la Paz). Die JEP hat mehrere große Verfahren eröffnet, in denen nun ermittelt wird, was passiert ist und die auf ihre Weise für Gerechtigkeit sorgen wollen. Wir Opfer fordern keine Haftstrafen. Es nützt uns nichts, wenn ein Täter im Knast vergammelt, wenn wir nicht genau wissen, welche Gründe zu den ganzen Verbrechen geführt haben, durch die in Kolumbien so viel Blut vergossen wurde.

Wie ließe sich die Straflosigkeit durchbrechen?
Dieser Weg beginnt damit, die Wahrheit zu kennen. Wir müssen wissen wer die Befehle für diese Taten gegeben hat und den Tätern wiederum die Möglichkeit geben, uns die Wahrheit zu sagen. Dafür wurde die Wahrheitskommission gegründet, die aber nicht ausreichend Zeit bekommen hat, um durch das ganze Land zu reisen und alle Zeugenaussagen der Opfer und Täter zu sammeln. Drei Jahre sind nicht genug Zeit, denn die Wahrheit gibt es auf beiden Seiten: Es gibt die Wahrheit der Täter und das, was wir Opfer für die Wahrheit halten.

Inzwischen wurde viel aufgeklärt, aber die Menschenrechtsverbrechen gehen weiter. Wie sollte es jetzt weitergehen?
Solange die kolumbianische Regierung nicht das Problem der sozialen Ungleichheit im Land löst, wird es sehr schwer, die Verbrechen zu stoppen. Die Agrarreform war einer der Punkte der Friedensvereinbarung, aber die Regierung hat sie nicht umgesetzt. Probleme wie den Mangel an Land, oder Drogenhandel gibt es weiterhin. Der Staat profitiert vom Reichtum, den der Drogenhandel bringt und verfolgt nur den kleinen Erzeuger, während die großen Profiteure des Drogenhandels in Ruhe gelassen werden. Gleichzeitig haben nicht alle einen Zugang zu Bildung. Es ist also notwendig die staatlichen Strukturen grundlegend zu verändern, um diesen bereits seit über 60 Jahren anhaltenden Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Wir wollen ein anderes Land, ein Land voller Hoffnungen, Liebe und Freude; ein Land mit der Möglichkeit, ohne Angst zu leben.

Und wenn Gustavo Petro die Wahl gewonnen hätte?
Das hätte nichts gebracht. Was gewinnen wir denn mit einem Präsidenten, der sein Amt nicht wirklich ausüben kann, weil es im Kongress eine rechte Mehrheit gibt? Die Wahlen sind nur ein Teilaspekt des Konflikts in Kolumbien und werden nicht die Probleme der Bevölkerung lösen. Es kann nicht angehen, dass der Reichtum eines Landes in den Händen von 58 Familien liegt. Wir brauchen unbedingt Reformen, die wirklich die Sozialstruktur in Kolumbien verändern.

Wie sehen Sie den landesweiten Streik und dessen Forderungen?
Die Forderungen des Streiks gibt es bereits seit den 1970er Jahren, aber was in Bezug auf Gesundheit, Arbeit und Bildung gefordert wurde, hat man nie erfüllt. Dieses Mal haben die sozialen Netzwerke dazu geführt, dass die internationale Gemeinschaft aus erster Hand mitkriegt, dass der Staat mit Repression reagiert. Die Toten, die Verschwundenen, die gewalttätige Antwort auf die soziale Mobilisierung – das ist die Gewalt, die seit 60 Jahren auf dem Land angewendet wird. Niemand wollte wahrhaben, dass so etwas passiert. Aber jetzt hat die Weltöffentlichkeit darauf geblickt, weil es in den größten Städten Kolumbiens stattfand.

Geht der Streik denn noch weiter?
Der Streik hat inzwischen an Kraft verloren, aber er setzt sich in den großen Städten fort. Es gibt keine Blockaden mehr, aber die Leute leisten weiter Widerstand und fordern, gehört zu werden.

Sieht die Bevölkerung die Rolle des Staates und der Polizei jetzt mit anderen Augen?
Viele stellen langsam fest, dass Uribe nicht der Retter des Volkes ist, sondern eine neue Form des Faschismus in Kolumbien anstrebt. Durch den Streik wacht ein Teil der Leute auf. Der Streik hat gezeigt, was wir schon immer gesagt haben: Mit Repression lässt sich keiner der Konflikte in Kolumbien lösen. Man merkt, dass die Leute die Angst vor der Repression verloren haben. Dass Menschen mit Steinen gegen Gewehrkugeln kämpfen, zeigt deutlich: Wir haben nichts zu verlieren!

Wie sieht diese neue Form des Faschismus aus?
Uribe will, dass wir alle gleich denken. Seit dem Jahr 2000 setzt er auf die Politik der harten Hand. Ich habe das nie verstanden. Eine harte Hand, um uns zu bestrafen, zu verprügeln, zu unterdrücken? Wenn in Kolumbien behauptet wird, dass es nur eine Lösung für den Konflikt geben darf, dann ist das Faschismus. Man kann nicht erwarten, dass die ganze Bevölkerung dieselbe Lösung will. Anders zu denken, darf uns nicht das Leben kosten! Außerdem ist es auch eine politische Frage, wie man die Ungleichheit in Kolumbien löst. Das Konzept, das gerade vorherrscht, ist der neue Faschismus, den Uribe und der Centro Democrático errichten wollen.

Welche Rolle spielt Iván Duque?
Iván Duque ist eine Marionette. Er folgt den Vorgaben der Partei Centro Democrático, dessen Vorsitzender Álvaro Uribe ist.

Sie sind aktuell nicht in Kolumbien. Warum?
Ich habe Morddrohungen bekommen, sodass Movice veranlasst hat, dass ich in einem Schutzprogramm für Menschenrechtsverteidiger*innen aufgenommen werde. Mehrere Mitglieder von Movice sind ermordet worden, andere mussten das Land verlassen und konnten nicht zurückkehren. Und mit dem Wandbild „Wer gab den Befehl?“ sind wir jetzt auch noch in eine juristische Auseinandersetzung verwickelt.

Worum geht es bei diesem Wandbild?
Im Oktober 2019 haben wir mit anderen Organisationen eine Kampagne für die Wahrheit gestartet und zusammen mit Künstlern in Bogotá ein Wandbild erstellt, gegenüber einer Militärkaserne. Unter der Aufschrift „Wer gab den Befehl?“ sind mehrere Militärkommandanten gezeichnet, zusammen mit der Anzahl an außergerichtlichen Hinrichtungen, die unter ihrem Befehl begangen wurden. Seitdem ist diese Parole Teil der Forderungen der sozialen Bewegung, denn die Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Verantwortlichen den Befehl gegeben haben. Aber sie haben einen Oberbefehlshaber und das ist der Präsident.

Sind das alles außergerichtliche Hinrichtungen?
Es geht vor allem um 6.402 Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen (falsos positivos) seit dem Jahr 2000.Wir gehen allerdings von über 10.000 Fällen aus. Falsos positivos gab es in Kolumbien schon vor Álvaro Uribe, aber während seiner Amtszeit von 2002 bis 2010 sind die Zahlen explodiert. Alle Fälle haben bestimmte Eigenschaften. Deshalb weiß man auch, wer dafür verantwortlich ist. Es gibt auch Verurteilungen von Militärs unterer Ränge, aber es gab nie einen Befehlshaber, der verantwortlich gemacht wurde.

Was wissen Sie über den Verbleib ihres Partners?
Er ist noch immer verschwunden. Ich weiß nicht, ob er erschossen wurde. Er war Gewerkschaftsführer, aktiv in der Guerilla M-19 und politischer Gefangener. Als er nach zwei langen Jahren wieder freikam, hat man ihn verschwinden lassen. Wer es getan hat? Ich weiß es nicht. Aber die Art seines Verschwindenlassens passt zu den Taten, die Mitglieder der 20. Brigade in Bogotá – die Aufklärungseinheit der kolumbianischen Armee – begangen haben. Aber man kann erst dann beweisen, dass diese Brigade mit dem Verschwindenlassen meines Partners zu tun hat, wenn einer von diesen Leuten eines Tages sagt: Ja, wir hatten etwas mit dem Verschwindenlassen zu tun. Das ist jetzt fast 35 Jahre her.

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