
Du gehörst zu einer kleinen Gruppe von zentralamerikanischen Forschenden, die das Leben der LGBTIQ*-Bevölkerung in den vergangenen Jahrhunderten, während Diktaturen und Revolutionen, untersuchen. Warum ist es wichtig, diese Erinnerungen wieder ans Licht zu bringen?
Ich wollte ein Bild von meiner Vergangenheit, das näher an mir selbst dran war. Ich kannte nur die Geschichten von Schwulen aus Filmen, alles sehr gringo. Als Student in Havanna, mit 19, 20 Jahren, fragte ich mich: Was ist in Nicaragua passiert, wo sind diese Menschen? Ich wollte, dass andere Generationen Bezugspunkte haben, die ihnen geografisch näher stehen. Abgesehen vom Persönlichen: Warum über die Vergangenheit nachdenken? Weil die kulturellen Grundlagen, die diese Gegenwart stützen, in der Vergangenheit verankert sind. Es gibt Dinge, die nicht erst heute entstanden sind, sondern ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben, und aus all dem muss man Lehren ziehen, um weitermachen und einen breiteren Horizont schaffen zu können.
Wie können wir uns vorstellen, als LGBTIQ*-Person unter der Somoza-Diktatur zu leben?
Unter den Menschen im Viertel, Heterosexuellen wie Homosexuellen, herrschte Verständnis und Respekt. Es gab eine positive Einstellung gegenüber homosexuellen Menschen, den sogenannten cochones. Ich habe keine abwertenden Verhaltensweisen festgestellt: Sie waren Menschen, die ihren Platz hatten, sei es als Koch, als Verkäufer oder als Friseur. Auf dieser alltäglichen Ebene gab es eine Art Bewunderung unter den Menschen im Viertel. Aber seitens des Somoza-Regimes gab es eine Politik der Verfolgung. Die Guardia Nacional verfolgte Männer, die offen feminin auftraten, und sperrte sie ein. Das Gesetz gegen Sodomie wurde 1972 verabschiedet. Dieses Gesetz geriet für eine Weile in Vergessenheit und wurde in der Zeit der „Demokratie“ in der Zeit von Doña Violeta (de Chamorro, Anm. d. Red.) wieder aktiviert.
Was bedeuteten die revolutionären Prozesse für die LGBTIQ*-Bevölkerung in Mittelamerika? Revolutionäre LGBT-Personen wurden, wie alle Bürger*innen, nicht als Individuen betrachtet, sondern als kollektive Gemeinschaft. Ihre eigenen Bestrebungen traten in den Hintergrund: Das Wichtigste war, die Revolution zu vollziehen. Später, zumindest im Fall Nicaraguas, war es das Auftreten von HIV und AIDS im Jahr 1987, das den Konflikt auslöste. Dies war ein Meilenstein, der dazu führte, dass sich die LGBT-Personen endgültig als Gemeinschaft organisierten. Nicaragua ist der erste Ort in Mittelamerika, an dem eine Gruppe sexuell dissidenter Menschen im Rahmen des zehnten Jahrestags der sandinistischen Volksrevolution 1989 öffentlich demonstrierte. Aber wir LGBT-Personen waren schon immer überall präsent, sogar unter dem Somocismo. Wir standen weder außerhalb des Staates noch außerhalb der Machtzentren. Viele LGBT-Personen besetzten auch Positionen innerhalb des revolutionären Regierungssystems.
Du machst Theater und forschst zum Thema Theater. Welche historische Rolle spielte diese Kunstform während der Diktaturen?
Das kommt darauf an, denn es gab ein institutionelles Theater, das enger mit dem System verbunden war und in den wichtigsten Bühnen der diktatorischen Regime vertreten war. Aber natürlich gab es ein anderes Theater, das unbequemer und kritischer war und sich außerhalb dieses Systems bewegt hat. Das ist eine Eigenschaft des Theaters an sich, so war seine Geschichte schon immer. Zensur führt oft dazu, dass neue Formen des künstlerischen Schaffens entstehen, neue Wege, sich auszudrücken.
Waren diese kritischen kulturellen Räume inmitten autoritärer Kontexte damals auch Freiräume für die LGBTIQ*-Bevölkerung?
Die Kunstszene in Mittelamerika war schon immer von maricones (Schimpfwort für Schwule, welches als Selbstbezeichnung angeeignet wurde, Anm. d. Red.) geprägt, voller LGBT-Menschen. Damit beschäftige ich mich seit einigen Jahren. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 60er und 70er Jahre gab es eine ganze Generation von Homosexuellen, die schrieben, malten und Theater machten; offen homosexuelle Menschen, die in diesen militärischen, autoritären Systemen auch Machtpositionen innehatten. Ihre Werke sind voller verschlüsselter Sprache und heute lesen wir sie, rezitieren sie und lernen in der Schule davon. Arturo Ambrogi aus El Salvador hat ein Stück von fantastischer, fabelhafter homoerotischer Vielschichtigkeit geschaffen. Oder Walter Beneke, ein sehr berühmter Politiker aus der Zeit der Militärregierungen, schrieb Theaterstücke, die klar zeigen, dass er homosexuell oder bisexuell war. In Nicaragua gab es auch Rolando Steiner (nicaraguanischer Dramatiker, Anm. der Red.) oder den großen Maler und Schriftsteller Alberto Ycaza, der homosexuell war.
Nach allem, was die zentralamerikanischen Gesellschaften durchgemacht haben, befinden sie sich nun in einer neuen Ära des autoritären Rückschritts. Wie können wir in diesem Kontext weitermachen?
Gerade jetzt muss man Licht, Frieden und Zuneigung im Alltag finden: Einen kleinen Raum, in dem man einfach sein kann, in dem man tun kann, was man will, in dem man sagen kann, was man denkt. Diese leuchtenden, tröstenden Räume muss man pflegen, Netzwerke, Freunde, Freundinnen, gewählte oder nicht gewählte Familien, Umarmungen. Die Welt ist scheiße, alles wird den Bach runtergehen. Aber was ist mit meinem Leben? Ich will nicht, dass es so endet. Ich hasse das Wort „Widerstand“. Wir widerstehen nicht, sondern wir untergraben weiterhin das Bestehende und arbeiten daran, einen weiteren Horizont zu eröffnen, um ein mehr oder weniger würdiges Leben führen zu können.























