Der Wald ist nicht käuflich

Widerstand gegen REDD+-Projekte Hier auf einer Demonstration in San Francisco 2018 (Foto: Peg Hunter (CC BY-NC 2.0))

REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation, „Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung reduzieren“) ist als Idee bestechend: Wer Wälder schützt, soll belohnt werden. Mitte der 2000er Jahre, als klar wurde, dass bis zu 20 Prozent der globalen Emissionen durch Entwaldung entstehen – so viel wie der gesamte Verkehrssektor –, wurde der Ansatz unter dem Namen „Reducing Emissions from Deforestation in Developing Countries: Approaches to Stimulate Action“ („Emission aus Entwaldung in Entwicklungsländern reduzieren: Ansätze zur Anregung von Maßnahmen“) ins UN-Klimaregime eingebracht: Auf der COP11 in Montreal (2005) legten Papua-Neuguinea und Costa Rica einen Vorschlag vor, der die Anerkennung von vermiedener Entwaldung als Klimaschutzmaßnahme verlangte. Bald darauf erweiterte man das Konzept zu REDD+, das auch nachhaltige Waldbewirtschaftung und Aufforstung einschloss.
Auf der COP16 in Cancún (2010) einigte man sich auf sogenannte Safeguards („Leitplanken“), die verhindern sollen, dass Waldschutz soziale und ökologische Schäden anrichtet. Sie verlangten die Achtung der Rechte Indigener Völker und lokaler Gemeinschaften, die Sicherung traditioneller Wissenssysteme und eine breite Partizipation. Beispielsweise dürfen Naturwälder nicht in Plantagen umgewandelt werden, und Abholzung darf nicht in andere Gebiete verlagert werden. Diese „Cancún-Safeguards“ sind zwar politisch relevante Mindeststandards, aber völkerrechtlich weniger bindend als etwa die ILO-Konvention 169 zum Schutz Indigener Rechte.


Der entscheidende institutionelle Durchbruch erfolgte dann 2013 auf der COP19 in Warschau: Das Warsaw Framework for REDD+ („Warschauer Rahmenwerk für REDD+“) machte den Mechanismus sozusagen „geschäftsfähig”. Es legte fest, dass Länder nationale Strategien entwickeln, robuste Monitoring-Systeme aufbauen und sogenannte Referenzniveaus (Forest Reference Emission Levels, FREL) festlegen müssen. Diese Basislinien definieren, wie hoch die Emissionen ohne Gegenmaßnahmen wären. Erst wenn die Erfolge nachweislich über diesen Basislinien liegen, können Zahlungen erfolgen. Zudem wurde ein Safeguards Information System (SIS) verpflichtend, über das die Einhaltung der Schutzvorkehrungen transparent gemacht werden muss. Damit war REDD+ ein fester Bestandteil des Klimaregimes – technisch ausgearbeitet, aber politisch höchst umstritten.
Von Beginn an war REDD+ von Spannungen geprägt. Wälder wurden in erster Linie als Kohlenstoffspeicher behandelt. Vor allem für Indigene Völker aber sind sie kulturelle Territorien, spirituelle Räume und physische Lebensgrundlagen. Die Reduktion auf „Carbon Credits („Kohlenstoffkredite“) entwertet und verkürzt diese Vielfalt.


Ein wichtiger Punkt ist das Problem unklarer Landrechte. Viele Indigene Gebiete sind rechtlich nur unzureichend anerkannt. Oft sind die Landrechtssysteme ineffektiv bei der Sicherung von Außengrenzen – noch dazu ein Konzept, das Indigenen Gemeinschaften traditionell oft fremd ist. Wenn REDD+-Projekte auf Flächen unklarer Zugehörigkeit umgesetzt werden, kommt es zu Konflikten. Dokumentiert sind Fälle von „grünem Landraub“ – Landentziehungen im Namen des Klimaschutzes. Im brasilianischen Bundesstaat Pará etwa wurden großflächige REDD+-Projekte gestartet, bei denen Kohlenstoffkredite auf internationalen Märkten verkauft wurden, ohne die lokalen Gemeinschaften angemessen einzubeziehen oder ihnen eine faire Teilhabe zu sichern. Berichte sprechen von Landaneignung und der Verletzung traditioneller Nutzungsrechte.


Auch die technische Dimension sorgt für Misstrauen. REDD+ beruht auf komplexen MRV-Systemen (Monitoring, Reporting, Verification; „Überwachung, Berichterstattung, Prüfung“). Das begünstigt Regierungen, Beratungsfirmen und internationale Institutionen, während lokale Gemeinschaften (neben Indigenen Völkern beispielsweise auch afroamerikanische Gemeinschaften – in Brasilien Quilombolas genannt – oder Ribeirinhos, traditionelle Flussgemeinschaften) am Rand stehen. Kritiker*innen sprechen von Expertokratie – ein System, in dem diejenigen, die den Wald tatsächlich schützen, kaum mitentscheiden können. Schließlich stellt sich die Frage der Verteilung. Die Logik der Kohlenstoffmärkte erlaubt es Industriestaaten und Konzernen, sich durch Zertifikate von eigenen Reduktionsverpflichtungen freizukaufen. Doch die Einnahmen landen häufig nicht bei den Indigenen Wächtern, sondern bei Zwischeninstitutionen. So entsteht das Gefühl, dass Verantwortung externalisiert wird: Der Norden zahlt, der Süden trägt die sozialen Kosten.

Indigene Stimmen zwischen Ablehnung und Pragmatismus

„Man verkauft nicht die Luft, die man atmet, und man verkauft nicht seine Mutter“, bringen viele Aktivist*innen ihr Misstrauen gegenüber REDD+ auf den Punkt. Für sie ist der Wald kein Supermarkt, in dem Kohlenstoff als Ware in Regalen bereitliegt. Sie fürchten, dass mit jedem Vertrag ein Stück Souveränität verloren geht und, dass Versprechen nicht eingehalten werden.
Warum fordern Indigene Organisationen trotzdem finanzielle Unterstützung? Sie verweisen auf die Erbringung einer seit Jahrtausenden erbrachten und oftmals unterschätzten Leistung: den Schutz der artenreichsten Wälder der Erde. Dieser Schutz ist heute riskant und gefährlich. Indigene Wächter riskieren ihr Leben gegenüber Holzfäller*innen und Goldsucher*innen und sie verzichten auf kurzfristigen Profit durch Abholzung. Kompensation ist daher weniger Bezahlung für eine Ware als vielmehr Anerkennung einer globalen Dienstleistung – und eine Investition in ihre Kapazitäten, weiterzumachen.
Doch diese Spannung spaltet. Große Dachverbände der Indigenen Völker wie die APIB (Articulação dos Povos Indígenas do Brasil, „Vereinigung der Indigenen Völker Brasiliens“) lehnen REDD+ und andere marktbasierten Mechanismen weitgehend ab. In manchen Gemeinschaften klingt es pragmatischer: Wenn Geld für Patrouillenfahrzeuge oder Funkgeräte fehlt, erscheint manchen ein REDD+-Projekt, bei dem Mitsprache gesichert ist, als das kleinere Übel. Entscheidend ist die Kontrolle: Volle Einbeziehung von Anfang an, transparente Verträge, direkte Geldflüsse – und die strikte Einhaltung von FPIC (Free, Prior and Informed Consent), dem Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung, wie es auch beim Konsultationsrecht in der ILO Konvention 169 der Fall ist.
Ein ungelöstes Problem bleibt die Haftung. In klassischen Projekten kaufen Unternehmen Zertifikate, die aber wertlos werden, wenn ein Brand – ob durch Dürre oder Brandstiftung – den Wald vernichtet. Wer trägt dann die Verantwortung? Viele Indigene Gemeinschaften lehnen es ab, für Risiken einzustehen, die sie nicht kontrollieren können.

Brasilien als Prüfstein

Die Ausgangslage für COP30 ist widersprüchlich. Brasilien hat unter Präsident Lula den Kurs gewechselt: Nach den Jahren der Entwaldung unter Bolsonaro sank der Waldverlust 2024 auf rund 6.300 km – über 30 Prozent weniger als im Vorjahr. Mit dem PPCDAm (2023-2027), einem laufenden Aktionsplan zur Bekämpfung der Entwaldung im Amazonas, bündelt die Regierung Maßnahmen für Überwachung, Territorialschutz und nachhaltige Entwicklung. Der Fundo Amazônia (Amazonien-Fonds), der durch Zuschüsse statt durch Zertifikate finanziert wird, zeigt, dass auch andere Wege möglich sind. Er wird seit 2008 mit Mitteln aus Norwegen und Deutschland gespeist und finanziert direkt Waldschutzprojekte.


Doch die Realität bleibt hart: Illegale Invasionen dauern an, die Agrar- und Bergbaulobby ist stark. Im Cerrado, im Herzen Brasiliens, der die artenreichsten tropischen Baum-Savannen der Welt beherbergt, steigt die Abholzung weiter. Rechtlich gibt es Fortschritte – etwa das Urteil des Obersten Gerichtshofs, welches 2023 die umstrittene Marco Temporal-These („Zeitrahmen-These“) verwarf und damit die Landrechte Indigener Völker stärkte. Trotzdem bleibt die Durchsetzung lückenhaft.
Auch geopolitisch ist das Bild zwiespältig. Die Amazonas-Staaten wollen internationale Verantwortung übernehmen, gleichzeitig aber Entwicklungsoptionen nicht aufgeben. Die Belém- Erklärung des Amazonas-Gipfels 2023 blieb mit vagen Bekenntnissen hinter den Erwartungen zurück und vermied Ziele wie ein Enddatum für Abholzung. Länder wie Guyana und Surinam erleben einen Ölboom, der Einnahmen und sozialen Fortschritt bringt. Dass ausgerechnet dort die Forderung nach einem fossilen Moratorium auf Widerstand stößt, überrascht nicht. Die COP30 wird daran gemessen werden, ob sie diesen Widerspruch produktiv adressieren kann.


Belém wird also zum Prüfstein: Gelingt es, REDD+ so zu gestalten, dass nicht nur Emissionen gezählt, sondern auch kulturelle Rechte respektiert, historische Leistungen gewürdigt und Gewinne fair verteilt werden? Oder bleibt es beim alten Muster, in dem Industriestaaten ihre Klimabilanz aufpolieren, während die wahren Kosten bei den Indigenen Wächtern des Waldes landen und der Mechanismus als „Kohlenstoff-Kolonialismus“ endet?
Ohne den Erhalt des amazonischen Regenwaldes schwinden die Chancen, die Folgen der globalen Klimakrise eindämmen zu können. Und ohne das Wissen und den Einsatz sowie den Schutz der (territorialen) Rechte Indigener Völker, steht es schlecht um die Zukunft des Regenwaldes. Die COP30 in Belém wird zeigen, ob die globale Gemeinschaft bereit ist, ihnen nicht als Käufer einer Ware, sondern als Partner auf Augenhöhe zu begegnen. Der Fremde im Wohnzimmer muss lernen zuzuhören, bevor er anfängt, es zu vermessen.


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Ein Schwamm, der droht auszutrocknen

Proteste in Quimsacocha Hunderttausende gehen für den Schutz der Hochebene auf die Straße. (Foto: Javier Morales)

Quimsacocha hat begonnen, Grenzen zu durchbrechen: Was ein Anliegen von Umweltschützer*innen, Führungskräften und Politiker*innen war, wurde zu einem gemeinsamen, zutiefst menschlichen Anliegen. Nachbarschaftskomitees nahmen Punkte in ihre Tagesordnungen auf, die zuvor nicht darin enthalten waren: „Über Auswirkungen auf das Wasser diskutieren“, „über den Bergbau im Hochland sprechen“. Und es war diese langsame, aber kraftvolle 30-jährige Gemeinschaftsarbeit, die am 16. September 2025 etwa hunderttausend Menschen anspornte, durch die Straßen von Cuenca zu marschieren, um für Wasser und Leben zu demonstrieren.

Quimsacocha, was in Quechua drei Seen bedeutet, sind tatsächlich mehr als 30 große Seen und dutzende kleine Feuchtgebiete, die sich im Süden der Provinz Azuay erstrecken. Hier entspringen die Flüsse Tarqui, Yanuncay und Rircay, die für das Leben und die Wasserversorgung von Cuenca und anderen Gebieten in Azuay und El Oro in Ecuador von grundlegender Bedeutung sind. Die Hochebene von Quimsacocha speichert Wasser auf eine einzigartige Weise. Ihr Boden besteht aus Pflanzengewebe, das wie ein Schwamm bis zum Vierfachen seines Gewichts an Wasser speichern kann. Dadurch reguliert das Gewebe den Wasserfluss in Trockenperioden und trägt zur Kohlenstoffbindung bei, was den Klimawandel abmildert. Aufgrund dieser Eigenschaft wurde Quimsacocha 2012 als nationales Erholungsgebiet anerkannt. Dennoch ist dessen Ökosystem gefährdet.

Nach Angaben der Ärztekammer von Azuay könnte der geplante Bergbau in diesem Gebiet die Wasserqualität beeinträchtigen und mehr als 800.000 Menschen Schadstoffen wie Schwermetallen und giftigen Substanzen aussetzen. Diese Bedrohung ist nicht abstrakt. Sie ist konkret, gesundheitsschädlich, sozial und sie hat einen Namen: Dundee Precious Metals. Das kanadische Unternehmen Dundee Precious Metals leitet derzeit das Bergbauprojekt Loma Larga. Dieses Projekt befindet sich ebenfalls in Azuay und umfasst die Gemeinden Victoria del Portete, San Gerardo, Chumblín und Girón. Es erstreckt sich über eine Fläche von etwa 8.000 Hektar und besteht aus drei Konzessionen: Cerro Casco, Cristal und Río Falso.

Zwischen 2001 und 2003 vergab der ecuadorianische Staat mehr als 11.000 Hektar an ein anderes kanadisches Unternehmen, IAMGOLD, um mit Explorationsaktivitäten zu beginnen. Die Ergebnisse der ersten Bohrungen zeigten ein hohes Potenzial an Gold-, Silber- und Kupfervorkommen. 2007 wurde dank einer Kommission aus Vertreter*innen des Bergbauministeriums und der Zivilgesellschaft die Vorgehensweise der Unter­suchung öffentlich bekannt. Die Kommission stellte fest, dass weder vorherige Konsultationen mit den Gemeinden noch Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt worden waren. Infolgedessen und mit der Verabschiedung des Bergbaugesetzes Nr. 6 im Jahr 2007 wurde die Konzession aufgehoben. Obwohl IAMGOLD das Projekt aufgab, war der Grundstein für den Bergbau gelegt.

Widerstand aus Körper und Territorium

Seit 2008 erkennt die Verfassung Ecuadors die Natur als Rechtssubjekt an. Es ist das erste Land weltweit, das ihr diesen Rechtsstatus gewährt, was bedeutet, dass Ökosysteme wie Quimsacocha ein Recht auf Existenz, Fortbestand und Regeneration haben. Dieser biozentrische Ansatz – verankert in Artikel 71 der Verfassung – stellt einen Paradigmenwechsel dar: Es geht nicht mehr nur darum, die Umwelt wegen ihres Nutzens für den Menschen zu schützen, sondern ihr einen intrinsischen Wert zuzuschreiben. Wasser ist so auch Identität, Kultur und Existenz.

In manchen der vom Bergbau betroffenen Gemeinden, wird beanstandet, dass die vom Unternehmen geforderte sogenannte „vorherige, freie und informierte Konsultation“ nicht stattgefunden habe. Anstatt die Beteiligung zu gewährleisten, wurde sie als ein parteiischer Sozialisierungs­prozess erlebt, der nur auf drei Gemeinden beschränkt war. Im Einflussbereich des Tarqui-Flussbeckens gibt es aber mehr als achthundert Wassernutzungen. Hinzu kommt die Anwesenheit von Polizei und Militär bei der angeblichen Konsultation. Der Dialog wird dadurch nicht erleichtert, sondern verstärkt Ängste. Der gesetzlich vorgeschriebenen Bedingung der „freien“ Konsultation entspricht das nicht. Die Gemeinden beklagen außerdem ihre systematische Ausgrenzung als Rechtssubjekte, während sie in offiziellen und unternehmerischen Diskursen ignoriert oder delegitimiert werden. Dennoch waren sie bei Demonstrationen, Versammlungen und rechtlichen Schritten stets präsent. Die Ausübung des Menschenrechts auf Wasser in Azuay ist eine gemeinschaftliche und soziale Angelegenheit. Hier gibt es mehr als 300 kommunale Wasserverbände und autonome Strukturen, die oft aus der Not heraus entstanden sind – weil der Staat nicht da war, und die Verwaltung dieser Ressource stattdessen durch die Gemeinden geschah. Dieses Gemeinschaftsmodell ist weder neu noch improvisiert. Die Wasserverbände und -systeme sind das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe um einen gerechten Zugang zu Wasser, insbesondere in ländlichen Gebieten, wo das Leben vom Páramo abhängt und der Páramo (kalte, andine Hochfläche, Anm.d.Red.) von der Pflege seiner Bewohnerinnen.

So kam es, dass im August 2011 die Versammlung der Nutzerinnen des kommunalen Wasserversorgungssystems von Tarqui und Victoria del Portete eine Art selbst einberufene Volksbefragung durchführte, um ihr Recht auf Selbstbestimmung und Entscheidung über ihre Gebiete auszuüben. Obwohl dies von der Provinzregierung von Azuay verurteilt wurde, stellt es einen Präzedenzfall für künftige Volksbefragungen dar. In Girón wurde am 24. März 2019 ein nationaler und internationaler Präzedenzfall geschaffen, als die Bürger*innen zum ersten Mal einen Mechanismus der direkten Demokratie nutzten, um über die Zukunft des Wassers in ihrem Gebiet zu entscheiden: die Volksbefragung. Das Ergebnis: 86,79 Prozent der Bevölkerung stimmten gegen den Bergbau. Anschließend wurde 2020 in Cuenca eine Volksbefragung durchgeführt, bei der 80 Prozent den Bergbau in Wassereinzugsgebieten ablehnten.

Ein ignoriertes, aber*nicht vergessenes Urteil


Im Jahr 2022 fällte das Provinzgericht von Azuay ein historisches Urteil, in dem es die Verletzung von Verfassungsrechten im Zusammenhang mit dem Bergbauprojekt Loma Larga in der Region Quimsacocha anerkannte. Als Wiedergutmachungsmaßnahme wurde das Umweltministerium angewiesen, technische Berichte über den Zustand des Nationalen Erholungsgebiets Quimsacocha und die Nachhaltigkeit seines Wasserökosystems vorzulegen. Darüber hinaus wurde eine vorherige, freie und informierte Konsultation in der Gemeinde Escaleras sowie eine Umweltkonsultation im gesamten Einflussbereich des Projekts gefordert. Diese Maßnahmen sollten von der Ombudsstelle überwacht werden, die verpflichtet ist, regelmäßig Berichte über deren Einhaltung vorzulegen.

Trotz der Eindeutigkeit des Urteils wurde bis heute nicht öffentlich bekannt gegeben, ob die Maßnahmen umgesetzt wurden. Andererseits hat Dundee Precious Metals Ecuador S.A. im Juni 2025 die Erteilung der Umweltgenehmigung für die Abbau- und Verarbeitungsphasen des Projekts Loma Larga erhalten, das sich in den Gemeinden Cuenca, Girón und San Fernando befindet. Die Regierung argumentiert, dass die Bergbaukonzessionen vor den Konsultationen erteilt wurden und daher weiterhin rechtsgültig sind.


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Ein Fluss wird Rechtssubjekt

Am Marañón (Foto: ODECOFROC)

Die Frauenvereinigung des Indigenen Volkes der Kukama, Huaynakana Kamatahuara Kana, machte im April international Schlagzeilen, als ihre Präsidentin, Mari Luz Canaquiri Murayari, für ihren besonderen Einsatz für den Umweltschutz mit dem renommierten internationalen Goldman-Preis ausgezeichnet wurde. Die Frauenvereinigung der Kukama hatte im März 2024 in zweiter Instanz am Provinzgericht in Nauta, Loreto, erfolgreich die Anerkennung des Flusses Marañón und seiner Zuflüsse als Rechteinhaber eingeklagt. Aktivist*innen der Kukama hatten zuvor seit Langem auf die andauernden Ölverschmutzungen aufmerksam gemacht, welche durch die dort befindlichen Ölpipelines des Oleoducto Norperuano verursacht werden. Das Urteil besagt unter anderem, dass der Fluss das Recht habe, frei von Umweltverschmutzung zu fließen und ein gesundes Ökosystem aufrechtzuerhalten. Außerdem setzt das Urteil fest, dass Petroperú als Betreiber der Ölpipelines nun einen neuen Umweltplan vorlegen muss, um in Zukunft Ölunfällen vorzubeugen. Celia Fasabi, Vizepräsidentin der Organisation, war als Klägerin auf dem langen Weg zum Urteil dabei und beschreibt, was nun bevorsteht: „Der Fluss Marañón wurde als Rechteinhaber anerkannt, aber es bleibt noch viel zu tun, um diesen Sieg auch zu implementieren. Trotzdem ist dies bereits ein Fortschritt für uns, nicht nur für die Menschen hier. Es sollten überall Nachahmungen der Klage geben, damit die Flüsse das Recht haben, frei zu fließen, zu nähren und ernährt zu werden. Auf dass sie von allen respektiert werden, auch von Unternehmen – und auch vom Bergbau.“ Das Urteil legt zudem die Pflicht des Staates fest, den Fluss als Garant des Rechts auf Leben und Gesundheit rechtlich zu schützen. Der Marañón soll als Rechteinhaber künftig von Indigenen Organisationen repräsentiert werden. Der Fluss nimmt eine wichtige Rolle im alltäglichen Leben der Kukama ein, aber auch in ihrer Kosmovision, wie Celia erklärt: „Wir Indigenen Völker haben diese Beziehung zum Wasser und zu den Wäldern. Der Fluss spricht durch uns, die ihn spüren, die ihn durch diese Beziehung leben und ihn repräsentieren. In ihm sind lebende Wesen, das ist unsere Kosmovision und wir spüren die Verbindung zu ihnen. Das gleiche gilt für die Wälder, die Bäume, die Pflanzen. Sie haben ihre Seele, man geht nicht einfach in den Wald und pflückt eine Pflanze als Heilmittel – man muss erst mit ihrer Seele in Kontakt treten.“

Bolivien und Ecuador machen es vor

Aus dem Naturverständnis der Kukama lässt sich leicht ableiten, dass die Natur selbst Rechte innehaben sollte, doch wie das in bestehende Rechtssysteme übersetzen? In Peru ist die Natur als Rechtssubjekt nicht in der Verfassung verankert, im Gegensatz zu den Verfassungen von Bolivien und Ecuador, auf die sich die Klägerinnen bezogen. Daher die Lösung: den Fluss zum Rechteinhaber erklären, der das Recht auf Repräsentation hat. Nun muss die Umsetzung des Urteils beginnen. Dazu soll die Regionalregierung von Loreto Wasserräte einberufen, über welche die rechtlich als Repräsentant*innen des Flusses anerkannten Indigenen Organisation an Entscheidungen, die den Fluss betreffen oder Auswirkungen auf ihn haben, beteiligt werden. Eine Hürde für die Anwendung besteht darin, dass sich die Interessen der Verteidiger*innen des Flusses und die aggressive Intensivierung des extraktiven Sektors gegenüberstehen. Laut Perupetro liegt die Erdölförderung mit 17 Prozent höher als im Vorjahr. 60 Prozent der peruanischen Erdölreserven liegen im Marañón-Becken. Neben der Erdölförderung wird intensiv Bergbau betrieben, welcher nicht minder schädlich ist und durch hohe Mineralienpreise angetrieben wird. Laut der Umweltorganisation CooperAcción sind 15,5 Prozent des Landes für den Bergbau konzessioniert, zudem breitet sich der illegale Bergbau vor allem auch im Amazonas rasant aus. Zwischen 2005 und 2023 stieg die Menge illegal geförderten Goldes von 12 auf 77 Tonnen. Die permissive Haltung der peruanischen Regierung gegenüber dem illegalen Bergbau steht in direktem Zusammenhang mit einer eskalierenden Vereinnahmung des Staates durch private Interessen. Im peruanischen Kongress werden Gesetzesprojekte verabschiedet, von welchen Akteure des illegalen Bergbaus direkt profitieren (siehe Dossier 21). „Es handelt sich um einen Sektor, der über Kontakte und politische Beziehungen im Kongress verfügt, und alles deutet darauf hin, dass er noch stärker werden wird“, erklärte José de Echave von CooperAcción bei der Vorstellung des 35. Berichts der peruanischen Beobachtungsstelle für Bergbaukonflikte, Observatorio de Conflictos Mineros. Gleichzeitig stünde dieser in Verbindung mit einem hohen Maß an sozialer Konfliktivität und der Ermordung mehrerer Aktivist*innen.
Von einem anderen Ort, vom Fluss Cenepa in der Amazonas-Region, berichtet Dante Sejekam von der Organisation für die Entwicklung der Grenzgemeinden des Cenepa (ODECOFROC) des Indigenen Volks der Awajún vom immer aggressiveren Eindringen des illegalen Goldabbaus, gegen den sich die Menschen am Cenepa wehren.

Kämpferinnen fü die Rechte des Flusses Frauen der Indigenen Vereinigung der Kukama (Foto: ODECOFROC)

Die Indigenen Aktivist*innen fühlen sich allein gelassen in ihrem Kampf gegen die Umweltzerstörung und die Gefährdung der Sicherheit der Gemeinschaften. Dante Sejekam erzählt, dass die Situation bereits mehrere Eskalationsstufen überschritten hat. Illegal agierende mineros, also Bergleute, schürfen dort mit Schwimmbaggern nach Gold. Anfänglich machten sie Indigene Anführer*innen mit einer Geldsumme gefügig, um so die Gemeinden zu unterwandern und dort ihre Interessen durchzusetzen. Nun sei die Situation noch zugespitzter: „Diejenigen, die den illegalen Bergbau betreiben, haben die absolute Kontrolle über Gemeinschaften und selbst über kommunale Autoritäten übernommen – ein minero ermordet einen Indigenen und es passiert überhaupt nichts.“
Gruppen der Indigenen Völker der Awajún und Wampis organisieren sich, um den Cenepa, den Santiago und andere Flüsse zu überwachen und vor Invasionen durch illegale mineros zu schützen. So führte der ODECOFROC auch Flussblockaden des Cenepa durch, um den Vormarsch des illegalen Goldabbaus zu stoppen. Seit 2023 versucht ODECOFROC durch Selbstorganisation die zerstörenden Aktivitäten einzudämmen. Jedoch sind ihre Mittel zur Durchführung von Patrouillen begrenzt, sodass illegale mineros immer wiederkommen. Bereits im Juni 2024 hatte ODECOFROC einen öffentlichen Notfallappell an mehrere nationale Ministerien gerichtet, um auf die ernste Situation hinzuweisen, in der sich die Menschen am Cenepa in der Amazonas-Region aufgrund illegaler Aktivitäten, der Zerstörung des Ökosystems und der sozialen Auswirkungen durch diese in den Awajún-Gemeinden befinden.
„Wir sind sehr besorgt“, führt Dante Sejekam fort, „denn während die mineros immer weiter vordringen, kommt von der Regierung keine Reaktion. Also machen wir weiter und leisten Widerstand aus unserer Kultur heraus. Vor allem, damit der Bergbau nicht in weitere Gemeinschaften vordringt“.

Widerstand bedeutet, alternative Einkommensquellen zu finden, den Anbau lokaler Produkte zu fördern


Der Bergbau übe auch ökonomischen Druck aus, während soziale Investitionen fehlten, so Dante: „Projektvorschläge aus den Gemeinschaften werden abgelehnt, während es hier viele junge Menschen gibt, die andere Arbeitsmöglichkeiten suchen oder selbst ein Kleinunternehmen gründen wollen. Es gibt junge Fachleute am Cenepa, die die Lebensmittelverarbeitung einheimischer Produkte entwickeln könnten, aber die Regierung setzt nicht auf solche Maßnahmen.“ In der Region ist das Level an Mangelernährung hoch, während es an Gesundheitszentren fehlt. Auch gibt es zu wenig zweisprachige Lehrer*innen für Indigene Kinder. Und der Mineralienabbau ist nicht die einzige illegale Aktivität; Drogenproduktion, Banden und Menschenhandel breiten sich aus.


Trotz allem und gerade deshalb setzen Indigene Organisationen wie ODECOFROC den zerstörerischen Aktivitäten eigene Visionen entgegen. So gibt es Fortbildungen mit dem Ziel der Selbstermächtigung von Frauen in der Gemeinschaft, um Führungsrollen zu übernehmen. Ebenso bedeutet Widerstand, alternative Einkommensquellen zu finden: Sie fördern den Anbau lokaler Produkte und entwickeln Fischzuchtanlagen, denn im verschmutzten Fluss kann nicht gefischt werden. Diese Initiativen können auch zur Aufforstung beitragen und sind ein Weg, die Mangelernährung, worunter vor allem Kinder leiden, zu bekämpfen.


So zeigt sich, dass die Rechte der Natur eng verbunden sind mit den Rechten der Menschen, die mit ihr leben. Das Thema Ernährungssouveränität ist auch für die Kukama zentral. Celia erzählt von der besonderen Beziehung zu den Pflanzen, die ihre Ernährungsgrundlage sind und Fürsorge brauchen, wie ein Mensch. Sie sieht die Vielfalt der lokalen Anbauprodukte als wichtigen Teil des Kampfes gegen Mangelernährung.


Würde auch am Cenepa ein Rechtsentscheid für die Rechte des Flusses helfen, ein intaktes Ökosystem zu gewährleisten und von den umgebenden Indigenen Gemeinschaften repräsentiert zu werden? „Das von den Kukama Frauen gewonnene Urteil ist schon eine Inspiration“, sagt Dante Sejekam, „aber viele Gemeinschaften kennen das Urteil nicht, es braucht eine Sensibilisierungskampagne. Es ist schwer, aber natürlich muss darauf aufgebaut werden. Dafür kämpfen wir gegen die mineros. Wenn der Kampf nicht so wichtig wäre, hätten wir ihnen längst die Konzessionen überlassen, hätten wir die Kokaanbauer eindringen lassen. Aber weil der Marañón so wichtig ist, dessen Nebenfluss der Cenepa ist, haben wir Widerstand geleistet – und tun es weiter, bestärkt durch das Urteil“.


Der Erfolg der Kukama ist ein Hoffnungszeichen – auch für weit entfernte Regionen wie den Cenepa. Doch es braucht mehr Sichtbarkeit, Unterstützung und politischen Willen, um ähnliche Wege zu gehen. Die Vereinigung Frauen der Kukama und ODECOFROC kämpfen wie andere Indigene Organisationen an verschiedenen Orten Tag für Tag gegen Gewalt, gegen die Verschmutzung von Flüssen und Wäldern und für ein Leben, welches mehr im Gleichgewicht mit der Natur steht. Die Verteidigung der Natur und des Klimas ist dort immer auch eine Verteidigung der Menschenrechte. Dafür braucht es auch die Verringerung des globalen Konsums der dort abgebauten und geförderten Rohstoffe, sowie strenge menschenrechtliche Sorgfaltspflichten, zum Beispiel durch ein starkes EU-Lieferkettengesetz. Denn der Marañón mag nun Rechte haben – doch solange Rohstoffe aus gewaltvollen Kontexten global konsumiert werden, bleibt die Natur dort bedroht. Und damit jene, die sie verteidigen.


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„Ich rappe nicht nur, sondern kämpfe“

Ganzkörper Portrait des Rappers Portavoz, wie er vor einer Mauer sitzt
(Foto: Victor Varela Millanao)

Wann hast angefangen zu rappen?

Ich habe den Rap dank meines großen Bruders kennengelernt. Er hatte angefangen, die Musik zu hören, die damals im Radio und auf Kassetten lief. Ich erinnere mich an MC Hammer, Cypress Hill, die Beastie Boys oder House of Pain. All das war im Kommen und mein Bruder zeigte es mir, als ich acht oder neun Jahre alt war. Später, als ich 14 war, sind wir nach Conchalí gezogen, eine der ärmeren Kommunen von Santiago. Dort habe ich Leute kennengelernt, die Rap machten, ihre eigenen Lieder schrieben, Freestyle auf den Plazas rappten. Es war Underground-Rap. Ein paar Freunde nahmen ihre Songs in improvisierten Studios zu Hause auf und ich begann, eigene Lieder zu schreiben. So fand ich heraus, dass ich gerne einen Beat mochte, der mir sagte, was ich darauf schreiben würde. Seitdem schreibe ich so: Bei melancholischer Klaviermusik schreibe ich einen eher melancholischen Text. Wenn das Sample eher funky, partymäßig ist, schreibe ich einen fröhlicheren Text. Und natürlich war ich schon in jungen Jahren in einem politischen Hip-Hop-Kollektiv und anderen Organisationen aktiv, immer rot und schwarz, das ist meine Welt. Dort habe ich gelernt zu kämpfen, an Versammlungen teilzunehmen, zu argumentieren, meine Ideen zu verteidigen und zuzuhören. Wie ich aus einem der unteren Viertel zu kommen und zu diesen Räumen Zugang zu haben, das war unglaublich.

Wie bist du von deiner Liebe zum Rap zur Politik gekommen?

Die Politik ist aus vielen Ecken zu mir gekommen. Zuerst durch meine Familie: Mein Vater war in der Kommunistischen Jugend aktiv und wurde während der Pinochet-Diktatur als politischer Gefangener gefoltert, als er 18 und 19 Jahre alt war. Auch meine Mutter sympathisierte mit der Kommunistischen Jugend, wurde aber zum Glück nicht gefangengenommen. Beide haben mit der Zeit an ihrer Mentalität festgehalten. Das hat auf meinen Bruder und mich abgefärbt. Ich sage abgefärbt, weil es nicht durch eine direkte oder absichtliche Erziehung passiert ist. Denn natürlich war das für meine Eltern traumatisch und sie hatten Angst, uns diese schmerzhaften Dinge weiterzugeben. Weil ich als Jugendlicher sehr neugierig war, fing ich an, die Geschichte meiner Familie zu erforschen und Fragen zu stellen. Erst dann begannen sie zu erzählen. Aber meine Eltern sprachen nicht theoretisch oder akademisch über den Marxismus oder Sozialismus, man sah es mehr an ihrer Art, zu sein. Sie dachten kollektiv und standen dem Individualismus, der in diesen Jahren gelebt wurde, sehr kritisch gegenüber. In der Schule kam ich in ein politisches Kollektiv und fing auch dort an, mich zu bilden. Außerdem politisierten mich die Hip-Hop-Jugendclubs, die in der Peripherie Santiagos entstanden. Das waren Nachbarschaftszentren, in denen nicht nur Hip-Hop-Workshops angeboten wurden, mit Rap oder Graffiti, sondern auch viel über Paulo Freire gesprochen wurde, von der Bildung von unten, vom Marxismus und Anarchismus. So kam es dazu, dass viele verschiedene Künstler mein linkes Denken geformt haben.

Wann ist dir bewusst geworden, dass deine Lieder den Zahn deiner Zeit treffen?

Wir erlebten die schwierigen Jahre der Post-Diktatur und des Übergangs zur Demokratie – oder das, was man so nennen kann. Aber wann ich mich wie eine Stimme dieser Zeit gefühlt habe, weiß ich nicht… Es war nicht geplant oder beabsichtigt, sondern geschah sehr spontan und natürlich. Klar gab es Bands, die den Rap als Kommunikationstool nutzten, als Werkzeug. Sie klagten an und erzählten, was politisch im Land oder international passierte. Für mich war zum Beispiel Ana Tijoux mit der Gruppe Makiza immer ein Beispiel dafür, wie man die eigenen Leute mit Rap informieren kann. Oder auch die Musik von SubVerso, der für mich wie ein Rap-Bruder war und ganz gezielt inhaltsvolle Lieder machte. Das habe ich von ihnen gelernt. In Lateinamerika gibt es viele solcher Beispiele, in Chile zum Beispiel schon vorher die nueva canción popular. Ich denke an Víctor Jara, Inti-Illimani, Quilapayún oder Patricio Manns. Und vor ihnen internationale Musiker wie Violeta Parra oder Atahualpa Yupanqui, Daniel Viglietti oder Silvio Rodriguez. Sie alle wurden bei mir zu Hause gehört. Auch daran orientierte ich mich. Als ich aufwuchs, war Rap wichtig um zu kommunizieren, wie es ist, in den Vierteln aufzuwachsen, und wie die Menschen leben und kämpfen. Aktuell bin ich an einer musikalischen oder vielleicht auch kulturellen Front, von der aus ich etwas zur Selbstverwaltung einer sozialen und politischen Bewegung von unten beitragen möchte. Spätestens, seit ich bei Salvaje Decibel war oder als wir das Album Rap con R de Revolución produziert haben, bin ich nicht nur Rapper, sondern kämpfe auch. In diesem Prozess bin ich stark gewachsen. Wenn man anfängt, in Organisationen aktiv zu sein, wächst man wirklich. Ich habe drei Jahre lang Geschichtspädagogik studiert, aber für mich war die politische Organisation wie eine andere Universität.

Politische und persönliche Botschaften Im Juni ist der Rapper Portavoz im Kreuzberger Reset Club aufgetreten (Foto: Montecruz Foto)

Du hast vom Widerstand der Mapuche als Inhalt deiner Musik gesprochen. Wie siehst du den Stand des Konflikts im Territorium der Mapuche heute?

Meine Familie ist chilenisch und Mapuche. Ich identifiziere mich mit beidem, weil ich Mapuche bin, aber auch chilenische Verwandte aus der Arbeiterklasse habe. Und weil ich in beiden Welten mit viel Respekt aufgewachsen bin, habe ich großen Respekt sowohl für die kleinen Leute als auch für die Würde des Mapuche-Widerstands. Leider nimmt die Regierung von Boric, die oft als progressiv bezeichnet wird, viele peñis (Mapuche-Führungspersönlichkeiten, Anm. d. Red.) fest. Sie werden zu politischen Gefangenen, weil sie sich der immensen Invasion der Wälder widersetzen, die die Erde zerstört und durch die Monokulturen der Kiefern und Eukalyptusbäume kontaminiert. Es sind vor allem drei Monster aus der Forstwirtschaft, die Unternehmen Arauco, Minico und Volterra, die in Mapuche-Gebiete eindringen, sie austrocknen und den einheimischen Wald in seiner Biodiversität nach und nach verschwinden lassen. Diese drei Monster sind es, die das Modell des Extraktivismus aufrechterhalten. Meine Leute kämpfen dagegen an und verteidigen die ñuque mapu (Mutter Erde), damit unsere Kinder einmal besser leben können.

Vor einem Jahr hast du ein Album herausge­bracht, das andere Töne anschlägt. Was beschäftigt dich heute?

Das stimmt, mein letztes Album SHAKA ZOO ist anders. Ich spreche darin Dimensionen meines Lebens an, von denen ich vorher nichts erzählt habe, Dinge aus meinem Privatleben. Ich wollte, dass die Leute ein menschlicheres Bild von mir haben. Es stört mich, idealisiert zu werden. Also wollte ich mit diesem Album vermitteln, dass ich auch nur ein Mensch bin. Ich habe mein politisches Denken und bin natürlich ein politisches Subjekt, wie jede Person. Aber ich habe auch mein alltägliches Leben mit meinen Freunden, mit meiner Partnerin, meiner Familie – wie jeder andere. Jemanden zu vergöttern ist nicht gut, weder für den Hörer noch für den, der zum Idol gemacht wird. Aktuell beschäftigt mich, dass der Faschismus leider wieder auflebt. Die Art und Weise, auf die die extreme Rechte auf der ganzen Welt an Macht gewinnt, besorgt mich sehr. Bei der letzten Präsidentschaftswahl in Chile hätte fast José Antonio Kast gewonnen, ein Vertreter der extremen Rechten in Chile. Für alle, die mir nahestehen, war es unglaublich zu sehen, wie viele Stimmen dieser Faschist bekommen hat. Weil dieses Jahr wieder Wahlen sind, müssen wir uns vorbereiten und alle antifaschistischen Fronten unterstützen.

Was willst du LN-Leser*innen noch mitgeben?

Ich hoffe, dass der Faschismus hier nicht mit der gleichen Stärke auflebt, die er einmal hatte. Denn der deutsche Faschismus mit seinem ganzen Gedankengut, so rückständig, so konservativ, so beschissen, war eine Bedrohung nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Ich würde auch sagen, dass in Chile und in Lateinamerika viel dagegen angekämpft wird. Es gibt überall Antifaschisten – und Angriffe auf sie. Wir müssen uns zusammenschließen, wo auch immer wir sind.

// Max Telias*(Übersetzung: Kori Mamani Hoppe)


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El Salvador kehrt zum Goldschürfen zurück

Widerstand gegen Bergbau Trotz der Einschüchterungspolitik geht die Zivilgesellschaft aud die Straße (Foto: Kellys Portillo / Alharaca)

Alles wirkt wie ein Praxisbeispiel aus einem Handbuch für autoritäre Regierungspolitik. Schritt eins: Vor zwei Jahren hat die vom autoritären Präsidenten Nayib Bukele kontrollierte Staatsanwaltschaft begonnen, Bergbaugegner*innen zu kriminalisieren. Sie wirft – ohne Beweise – fünf Aktivisten der Asociación de Desarrollo Económico Social de Santa Marta (ADES) vor, während des Bürgerkriegs in den 1980ern eine Frau ermordet zu haben. Nachdem ein Gericht einen Freispruch aufgehoben hat, müssen sie sich demnächst wieder vor Gericht verteidigen.

Schritt zwei: Am 10. Dezember 2024 postet der Präsident massiv auf X und wirbt dafür, das Land wieder für den Goldbergbau zu öffnen. Er veröffentlicht Karten, die zeigen, wie durch vermeintlich göttliche Fügung sich eine vulkanische Ader mit hohem Goldgehalt ausgerechnet durch das schmale mittelamerikanische Land zieht. Er argumentiert dann auch mit Gottes Willen: „Gott hat uns einen Schatz unter unsere Füße gelegt.“ Es sei absurd, dass El Salvador als einziges Land weltweit Bergbau verbiete.

Wenige Wochen darauf folgt Schritt drei: Am 23. Dezember, als sich die Bevölkerung bereits den Weihnachtsvorbereitungen widmet, verabschiedet das Parlament ein neues Gesetz, das Bergbau in dem ökologisch fragilen Land wieder zulässt. Es ist offensichtlich, dass hier die Unterdrückung der Zivilgesellschaft, eine strategische Nutzung der Sozialen Medien und intransparente Parlamentsarbeit ineinandergreifen.

El  Salvadors Umweltbewegung war stolz auf das gesetzliche Bergbauverbot, das 2017 verabschiedet wurde. In den Jahren zuvor waren drei Bergbaugegner*innen ermordet worden. Ein australischer Bergbaukonzern hatte El Salvador auf Schadensersatz von über 300 Millionen US-Dollar verklagt, weil die damals linke Regierung dem Unternehmen nach einer Erkundungsphase keine Abbaulizenz erteilte. Eine breite Umweltbewegung, der Nationale Tisch gegen den Bergbau, antwortete mit Protestaktionen. Die Organisation CRIPDES  führte lokale Volksbefragungen über Bergbau durch und verschaffte sich so nationale und internationale Aufmerksamkeit. Die Mehrheit der Bevölkerung schätzte laut Umfragen die ökologischen Risiken des hochgiftigen Goldbergbaus für die Gewässer als zu hoch ein. Im März 2017 stimmte die linke Regierungspartei FMLN gemeinsam mit der rechtskonservativen Partei ARENA für das Bergbauverbot.

Seitdem hat sich vieles verändert. 2019 kam Präsident Bukele als Antipolitiker an die Macht. Seine Partei Nuevas Ideas hat das politische System umgekrempelt und kontrolliert das Parlament. Mit dem Versprechen, die Bandenkriminalität zu bekämpfen, hat Bukele einen dauerhaften Ausnahmezustand verhängt und um die 80.000 Menschen ins Gefängnis gesteckt. Jetzt nimmt er sich die Wirtschaft vor. Bukeles Versuch, den Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel einzuführen, war ein Desaster. Die Staatsverschuldung ist hoch, das Wirtschaftswachstum niedrig.

Jetzt soll also der Goldbergbau zurückkehren. Der Rekordpreis für eine Unze Gold (1.800 US-Dollar) scheint ihm Recht zu geben. Messianisch verspricht er, dass er die Wirtschaft von heute auf morgen ändern könne. Das Kalkül des enorm populären Präsidenten ist, dass die Bevölkerung ihm die neu gewonnen Sicherheit vor Bandenkriminalität so sehr dankt, dass sie die ökologischen Folgen von Gold-Megaminen in Kauf nimmt. Eine Umfrage der Zentralamerikanischen Universität vom Dezember 2024 zeigt jedoch, dass fast 60 Prozent der Bevölkerung nach wie vor gegen Bergbau ist.

Einschüchterungs-
politik geht nicht auf

Laut Bukele könnten in El Salvador 50 Millionen Unzen Gold abgebaut werden. Belege gibt er dafür nicht. In Zukunft sollen dem Gesetzestext zufolge entweder der Staat oder Gesellschaften, an denen der Staat als Aktionär beteiligt ist, die Bergbauaktivitäten durchführen. Da die Staatsbeteiligung auch gering sein kann, werden transnationale Konzerne eine wichtige Rolle spielen.

Im Gesetzestext heißt es, es sei unbedingt nötig, dass der Staat die Reichtümer auf seinem Territorium auf rationale Weise nutze und damit die Lebensqualität der Bevölkerung verbessere und die Natur respektiere. Die betroffenen Gemeinden in El Salvador wissen jedoch aus eigener Erfahrung und dem Austausch mit Organisationen aus den Nachbarländern, dass die Funktionsweise des Extraktivismus, also die Ausbeutung der Natur zu Exportzwecken, in den seltensten Fällen dem Gemeinwohl zugutekommt und schon gar nicht die Natur schützt.

„Viele Menschen stellen sich vor, dass es hier große Goldadern wie in den Western-Filmen gibt. Aber in Wirklichkeit ist das Gold nur in winzigen Partikel vorhanden und man muss große Mengen an Wasser und Chemikalien wie Zyanid benutzen, um es zu extrahieren“, erklärt Pedro Cabezas, Koordinator von der Mittelamerikanische Allianz gegen den Bergbau. Auch Antonio Pacheco, einer der fünf kriminalisierten Aktivisten, fürchtet gravierende Umweltauswirkungen für den ohnehin schon stark kontaminierten Lempa-Fluss.

Die Einschüchterungstaktik der Regierung gegen die Zivilgesellschaft geht bisher nicht auf. Bereits am 10. Dezember 2024 demonstrierten über 300 Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher und kirchlicher Organisationen vor dem Parlamentsgebäude gegen das „Attentat gegen das Leben, die Gesundheit und die Biodiversität“. Sie zeigen auf mutige Weise, dass die Umweltbewegung bereit ist, ihre Erfolge zu verteidigen. Es ist ein lokaler Kampf gegen die globale Tendenz, mit autoritär-populistischen Mitteln Wirtschaftswachstum auf Kosten der Natur zu erzielen.


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Das politische Testament

(Foto: Privat)

Ich gehörte zu den Ersten, die aus der Frente Sandinista (FSLN) austraten, indem ich sagte: „Dies ist nicht mehr die Frente Sandinista, der wir uns einmal angeschlossen haben.“ Und ich machte deutlich, dass ich zwar aus der Partei austrat, doch weiter Sandinist und Revolutionär blieb. Fast alle anständigen Mitglieder traten gleichfalls aus der FSLN aus, die unter Führung von Daniel Ortega die Revolution verriet.

Überall befindet sich die politische Linke in der Krise. Nach der verlorenen nicaraguanischen Revolution kam es zum Zusammenbruch des Sozialismus im Ostblock, zum Scheitern von Guerillagruppen und revolutionären Bewegungen und zum Sieg volksfeindlicher, wenn auch vom Volk gewählter Regierungen, die in einigen Fällen sogar vom Volk wiedergewählt wurden.

Die Demokratie kann nicht ohne Wahlen existieren, doch sind Wahlen keine Garantie dafür, dass Wahrheit und Gerechtigkeit siegen. Denn Völker können manipuliert werden. Wie viele Tyrannen und Despoten auf der Welt sind nicht schon durch Wahlen an die Macht gekommen!

Gibt es einen Ausweg? Die Evolution findet immer einen Ausweg. Wie nie zuvor bringt die Evolution überall auf der Welt Menschen hervor, die eine Veränderung wollen und erklären, dass eine andere Welt möglich ist; Männer und Frauen, die Vorboten dieser Evolution sind, die sich mehr und mehr ihrer selbst bewusst wird. Können wir uns vorstellen, wie die Menschheit in Tausenden von Jahren sein wird? Wie können wir sagen, dass das Ende der Utopien erreicht ist?

In Nicaragua ging die Revolution verloren, doch wir Christen müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass wir der Gefahr der Niederlage ausgesetzt sind, genauso wie Jesus. Und dass wir, genauso wie er, kämpfen müssen, ohne uns eines baldigen Sieges gewiss zu sein.

Wir glauben, dass das Himmelreich auf dieser Erde sein wird, aber auch im Himmel. Man braucht nur nachts nach oben zu blicken, um es zu sehen. Es sind diese Millionen und Abermillionen von Sternen mit bewohnten Planeten, auf denen Evolutionen und Revolutionen stattfinden wie auf dem unseren. Das „Himmelreich“ – das ist die Erde und der gesamte Kosmos, die Gesellschaft der bewohnten Planeten. Es wird weitere, neue Revolutionen geben. Lasst uns Gott darum bitten, dass seine Revolution geschehe wie im Himmel so auf Erden!


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Gegen die Monokulturen des Agrobusiness

Damit Mato Grosso leben kann Kultivieren gegen die tödliche Leere der Monokultur (Foto: Anuk Polnik)

Es ist heiß und trocken. Drei Stunden fährt man über die Verbindungsstraße von Cuiabá, Hauptstadt des Bundesstaats Mato Grosso in die 100.000 Einwohner*innen zählende Kleinstadt Cáceres, die an der Schnittstelle von drei Ökosystemen liegt: dem Sumpfgebiet Pantanal, der Savanne des Cerrado und dem Amazonas-Regenwald. Dem Blick aus dem Fenster offenbart sich eine monotone Landschaft mit steppenartigem Bewuchs. Auf einer Seite erstreckt sich weites Land mit Rinderweiden, auf der anderen undurchdringlicher Sumpf, der sich an die Windungen des Flusses Río Paraguay schmiegt. Seit Ende Mai, also schon fast vier Monate lang, hat es nicht mehr geregnet. Dabei beginnt die Trockenzeit gerade erst. Vegetationsbrände gibt es hier jedes Jahr, aber im Vergleich zu 2023 verzeichnet die Region eine Zunahme der Brände um rekordverdächtige 1024 Prozent. Drei Mal größer als Deutschland ist der Bundesstaat, in dem mehr als 20 Millionen Hektar land- und viehwirtschaftlich genutzt werden. Damit wird eine Bruttowertschöpfung von jährlich über 50 Milliarden Euro erzielt. Mit 16,4 Prozent des gesamten brasilianischen BIP ist Mato Grosso damit Spitzenreiter im nationalen Vergleich. 2022 wurden 51 Prozent der produktiven Fläche für Sojaanbau genutzt. Auf weiteren 10 Prozent wurden gleichzeitig Mais- und Zuckerrohr für die Herstellung von 5,7 Milliarden Liter Kraftstoff angebaut. Und mit 34 Millionen geschlachteten Rindern pro Jahr ist der Staat auch hier brasilienweit führend.

Der Großteil des Fleisches werden nach Europa und China exportiert, genauso wie das Soja-Kraftfutter als Nahrung für das „zukünftige Fleisch“ von Schweinen, Hühnern und Rindern. Nur auf einem verschwindend geringen Anteil, nämlich 2,5 Prozent der gesamtbrasilianischen Fläche werden mit Reis und Bohnen alltägliche Grundnahrungsmittel der Menschen im Land angebaut. Dieser Anbau in Monokultur funktioniert nur mit intensivem Einsatz von transgenem Saatgut, chemischen Düngemitteln und Agrargiften, allen voran das in Deutschland streng beschränkte Glyphosat. In Brasilien gibt es pro Jahr eine durchschnittliche Neuzulassungsquote von 545 Agrarchemikalien. Allein während der Amtszeit Bolsonaros verzeichnete Brasilien einen Rekord von 2.182 Zulassungen. Bei den Herstellern dieser Pestizide stehen auch die Namen der deutschen Unternehmen Bayer und BASF weit oben auf der Liste. Flugzeugen versprühen das Gift über den Plantagen und treffen auch anliegende Gebiete, die Chemikalien fließen in Flüsse und Grundwasser und tötet Bodenlebewesen.

Das trifft vor allem vier Gemeinschaften in Mato Grosso, die ihre Lebensweise trotz der überwältigenden Dominanz des Agrobusiness nach dem Bestellen ihres Landes oder dem Fischfang ausrichten: die kleinbäuerlichen Camponêses, die indigenen Gemeinschaften der Chiquitanos, Riberinhos, die Bewohner*innen der Flussufer des Rio Paraguay und Quilombolas (siehe Kasten auf Seite 45). Ihren Widerstand gegen das Agrobusiness organisieren sie mal aktiv durch Vernetzung mit anderen politischen Bewegungen, mal durch ihre bloße Existenz auf umstrittenem Land.

Nicht nur die Marktmacht des Agrobusiness ist immens, auch die politischen und sozialen Strukturen sind davon durchzogen. Sogar der Kultursektor spiegelt das wider: Die Country-­Musik-Stars besingen romantisierte Bilder des Landlebens. In Musikvideos wird die Monokultur als ästhetisch und fortschrittlich dargestellt, traditionelle, kleinbäuerliche Landwirtschaft dagegen als dreckig, rückschrittlich und sogar kriminell. Diese manipulierenden hat großen Einfluss auf das Konsumverhalten. Im Gegensatz zu Deutschland sehen sich Biobäuer*innen sogar gezwungen, ihre Produkte billiger zu verkaufen als konventionelle, um Konsument*innen damit zum Kauf zu „überreden“. Nur ein Beispiel von vielen, inwiefern die Macht des Agrobusiness das Überleben der Kleinbauern und -bäuerinnen gefährdet.

Camponêses

Dona Miraçi und Seu Luiz sind Kleinbäuer*innen, sogenannte camponêses. Auf ihrem Feld, etwa eine Stunde von Cáceres entfernt, wächst Maniok, Sesam, Mais und verschiedene Bohnenarten. Fünf Reihen die eine Kultur, danach die nächste. Dazwischen Bananenbäume als Windbrecher und höhere Obstbäume als Schattenspender. An den Rändern zieht sich ein Band von stachligen Ananaspflanzen entlang, die als natürlicher Zaun gegen Ameisenbären, Wildschweine und andere die Ernte gefährdenden Tiere dient. Nahe beim Haus dann Süßkartoffel, Kräuter, Zitronengras, Heilpflanzen. Die Blätter des Ora-pro-nobis-Strauchs haben dreimal so viel Protein wie ein Steak und Miraçi kann noch 50 weitere Pflanzen nennen, die eine entzündungshemmende Wirkung haben, gut gegen Magenschmerzen oder Schlafprobleme sind. Das Ehepaar, das in der Landlosenbewegung MST organisiert ist, hat sich das Land vor 22 Jahren über die in der Verfassung verankerte Agrarreform erstritten. Beide haben die fortschreitende Invasion des Agrobusiness mitverfolgt und leisten mit ihrer naturnahen Form der Bewirtschaftung Widerstand. „Jedes Jahr werden die Niederschläge rarer und die Hitzetage mehr“, beklagt Miraçi. Der ohnehin schon große Arbeitsaufwand wird durch den trockenen Boden und die brennende Sonne nicht weniger. Die Zukunft sieht Miraçi mit Sorgen: Ohne Kinder und Enkel*innen ist das Paar abhängig von ihrer körperlichen Verfassung. Ein Teil von dem, was die zwei jetzt schon nicht stemmen können, wird in Kollektivarbeit geschafft. In der Regionalen Vereinigung der agrarökologisch Produzierenden (ARPA) sind sie mit 70 weiteren Familien genossenschaftlich organisiert. Gelder aus dem „Amazonienfonds“, an dem auch Deutschland und Norwegen finanziell beteiligt sind, wurden in Bewässerungs- oder Biogasanlagen und eine Fruchtsaftkeltereig. Das System des „produktiven Waldes“ ist Grundpfeiler von ARPA und den Camponêses. Die Flugzeuge mit Pestiziden sollen eigentlich nur über die Zuckerrohrfelder der anliegenden Großgrundbesitzer*innen fliegen, aber auch über den Feldern von Luiz und Miraçi drehen sie hin und wieder ihre Schleifen. Erst kürzlich brach Feuer auf der benachbarten Zuckerrohrplantage aus, das auch auf dem Gebiet der ARPA große Zerstörung hinterließ. „Die fazendeiros (Großgrundbesitzer, Anm. d. Red.) legen Feuer, aber wir werden weiter pflanzen!“, sagt Miraçi. Jetzt ziehen sie vor Gericht.

Chiquitanos

Die Chiquitanos sind eine von knapp 300 indigenen Gemeinschaften Brasiliens. Die Dorfgemeinschaft Acorizal in Mato Grosso ist eine der wenigen Chiquitano-Gemeiden, die sich auf brasilianischer Seite befinden. Als die bolivianisch-brasilianische Grenze gezogen wurde, durchschnitt sie das Gebiet der Chiquitanos. 5000 Hektar Land umfasst Acorizal mit anliegendem Feld und Wald im Moment. Knapp 40.000 stünden den Chiquitanos laut der indigenen Behörde FUNAI zu Seit den 1960er-Jahren ist der Großteil dieses Landes von Großgrundbesitzer*innen mit ihren Rinderfarmen besetzt worden. Seit 1988 kämpfen die Indigenen Brasiliens um die damals in der Verfassung festgelegte „Demarkation“ ihres Gebiets. 14 Demarkierungen wurden letztes Jahr in ganz Brasilien realisiert, sieben sollen es 2024 sein, darunter auch, wenn alles gut läuft, das Land der Chiquitanos. „All das hat keine Bedeutung, wenn der Fluss austrocknet“, sagt Alexandra, eine der Wortführerinnen des Dorfes, im Gespräch mit LN. Frustration liegt in ihrer Stimme. All die Konflikte über Land und Kulturverlust rücken in den Hintergrund, sollte der Fluss Rio Tarumã, der durch Acorizal fließt, vollends austrocknen. Verantwortlich dafür sind laut Alexandra die großen Höfe flussaufwärts. Sie leiten das Wasser teils in künstliche Fischbecken, teils in die riesigen Rinderweiden oder nutzen es zur Bewässerung von Zuckerrohr- oder Sojafelden. Durch Abholzung oder Brandrodung des Waldes für die endlosen Weideflächen wird der Boden weniger von Wurzelwerk zusammengehalten. Sand wird in den Fluss geschwemmt und der Wasserfluss verhindert. „Wenn er austrocknet, dann trocknet alles aus“ sagt Alexandra mit bitterer Stimme. Der Rio Tarumã sei nicht nur Lebensgrundlage für die vielfältige Flora und Fauna vor Ort. Für die Chiquitano ist der Fluss Nahrungsgrundlage, ein Ort zum Baden, Waschen und nicht zuletzt Teil ihrer Spiritualität. Ribeirinhos „Baixinho“, „der Kleine“, wird Carlos von allen gerufen. Er ist im Pantanal aufgewachsen. Eine Fläche von circa 50 mal 50 Metern ist sein Territorium, direkt am Flussufer des Río Paraguay unter lichten Bäumen. Dahinter beginnt das dichte Sumpfgebiet. Baixinho lebt genauso wie die anderen Bewohner*innen des Flusses, Ribeirinhos genannt, mit dem Rhythmus des Pantanals: Abhängig von Trocken- und Regenzeit, von Wasserständen und Regenfällen. Baixinho spürt Veränderungen in diesem komplexen Ökosystem: Die jährlichen Brände hätten überproportional stark zugenommen, die Fischbestände seien dominiert von Piranhas, der beliebte Fisch Pacú werde immer seltener und das Wasser immer weniger. Das Sumpfgebiet, das mit der stetigen Dynamik aus Überschwemmung und Trockenheit lebt, sei aus dem Gleichgewicht. Ziel der großen Agro-Unternehmen ist die Umgestaltung des Río Paraguay zu einer Wasserstraße für Frachtschiffe. Die Erträge der Monokulturen aus Soja, Mais und Rohrzucker könnten so direkt durch das Pantanal zum Atlantischen Ozean bei Buenos Aires verschifft werden und von dort aus zu den Haupt-Absatzmärkten in Europa, Asien und den USA gelangen. Vierzig unabhängige wissenschaftliche Studien bestätigen, dass der Bau einer solchen Wasserstraße die vollkommene Zerstörung des Pantanals bedeuten würde. Jedes Jahr am 14. November nimmt Baixinho mit anderen Fischern deshalb an einer Bootsdemonstration teil. Über den Río Paraguay fahren sie mit Transparenten und Plakaten in die Stadt Cáceres, Darauf ist zu lesen „Die traditionellen Gemeinschaften verteidigen das Pantanal“ oder: „Sagt nein zum Hunger, sagt nein zur Cota Zero“. Das 2023 verabschiedete Gesetz mit dem Namen „Cota Zero“ soll die private Fischerei verbieten, die die Regierung dafür verantwortlich macht, dass die Fischbestände so stark zurückgehen – den Studien zum Trotz, die zeigen, dass die eigentlichen Verursacher Agrarchemikalien und Wasserwerke sind.

Quilombolas

Am Geburtstag des Flusses Jauquara kommen viele Menschen zusammen im Quilombo Vão Grande, drei Stunden von Cáceres entfernt. Der Kampf um den Rio Jauquara hat eine besondere Geschichte: 2018 wurde das Land, auf dem das Quilombo Vão Grande seit über 100 Jahren liegt, als unbewohnt ausgeschrieben und damit potenzielles Gebiet für eine Wasserkraftanlage. Ihr Bau würde das Ende des Fischreichtums bedeuten. Mit Hilfe der „Escola de Ativismo“ haben die Bewohner*innen des Tals gegen dieses Vorhaben ihren Widerstand organisiert. Drei wichtige Instrumente des Protests haben sich dabei herauskristallisiert: Eine sehr große Menge an gesammelten Unterschriften und ein Video beweisen, dass im Gegensatz zur Ausschreibung von 2018 über tausend Menschen in Vão Grande leben, traditionell an diesen Ort gebunden sind und dort ihre Kultur bewahren. Entscheidend war die Veröffentlichung eines protocolo popular: Eines kleinen Buchs, in dem Struktur, Geschichte und Widerstand der Gemeinschaft dokumentiert werden. Sie waren erfolgreich damit: das Land ist unter offiziellem Schutz und die Wasserkraftanlage am Río Jauquara das erste erfolgreich verhinderte Großbauprojekt in ganz Mato Grosso.

Die Hoffnung in Mato Grosso war groß, als im Oktober 2022 Luiz Inácio Lula da Silva (Lula), die neue Regierungsperiode in Brasilien einläutete. Doch im Nationalkongress ist das Mitte-Rechts-Lager in der Mehrheit, es fehlt an Unterstützung der Senator*innen für die Regierung. Viele öffentliche Ämter besetzen noch immer Personen aus dem Bolsonaro-Lager. In Mato Grosso schaffen die andauernden Konflikte und die fortschreitende Monokultur – landwirtschaftlich wie gesellschaftlich – einen Nährboden für Rechtes Denken und Autoritarismus. Aber im Gegenzug auch für eine Intensivierung des selbstorganisierten Widerstands.


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“Unsere Leben implodieren”

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In 20 Jahren stark gewachsen Das Kollektiv YoNoFui begann mit einem Poesieworkshop und bietet heute Unterstützung in zahlreichen Bereichen an (Foto: YoNoFui)

Wir treffen uns einen Tag nach dem brutalen Anschlag auf vier Lesben – Pamela, Roxana, Andrea und Sofía – im Stadtteil Barracas von Buenos Aires. Wie lässt sich dieser Anschlag in der gegenwärtigen politischen Situation erklären?

Dieser spezifische Fall zeigt, wie die Hassreden der Regierung von Milei später konkrete praktische Auswirkungen haben. Wir halten es für wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Reden nicht erst von dieser Regierung stammen. Sie brodelten schon länger unter der allgemeinen Oberfläche, aber jetzt gibt es eine Legitimation von höchster institutioneller Ebene, diese expliziten Grausamkeiten auch auszuüben. Und das ist definitiv gefährlich. Die derzeitige Regierung ist erklärtermaßen antifeministisch und gegen dissidente Körper. Letzte Woche hat einer von Mileis Biografen gesagt, dass Homosexualität von linken Parteien finanziert sei.
Aber wir leisten auch Widerstand: Gestern gab es eine Versammlung von etwa 400 Lesben aus verschiedenen Teilen des Landes, um zu besprechen, was zu tun ist. Die Situation ist sehr kompliziert, aber sie hat gerade erst begonnen. Unsere Leben implodieren. Jeden Tag gibt es Nachrichten aus dem nahen Umfeld, die uns umhauen. Die Krise der mentalen Gesundheit, in der wir uns aktuell wiederfinden, wirft viele Fragen auf, etwa wie wir gegen diesen Krieg ankämpfen können, der nicht nur kulturell und ökonomisch, sondern auch emotional geführt wird.

Aber mit diesen Hassreden hat Milei doch Wahlkampf gemacht. Wie erklärt ihr euch, dass ihn so viele Menschen gewählt haben?

Es gibt nicht eine einzige Antwort, sondern viele Gründe. Wir beobachten eine Veränderung in den Subjektivierungsprozessen, die sich nach der Pandemie verstärkt haben. Dabei gehen historische, geteilte Erfahrungen verloren, die dazu geführt haben, dass wir heute stehen, wo wir stehen. Zum Beispiel, dass wir ein Land sind, das Prozesse der Bildung und des Kampfes um eine historische Erinnerung hat oder hatte. Wir dachten, dies sei eine feste Säule der Gesellschaft, aber uns wurde klar, dass sie sehr fragil ist.
Als Teil einer Selbstkritik glauben wir, dass dies mit einer Omnipotenz der Menschenrechtsbewegungen und der linken Bewegungen zu tun hat, die einige Diskussionen bereits für erledigt hielten, anstatt sie zu radikalisieren. Ökonomisch hat der Kirchnerismus einen großen Teil der Bevölkerung über Konsum integriert – mit dem ganzen neoliberalen Ballast. Letztlich war es aber kein „wir konsumieren alle“ als Modus einer Umverteilung von Reichtum, denn es gab gleichzeitig viele Menschen in sehr prekären Situationen, denen es schlecht ging. Die Kluft hat sich weiter vergrößert. Jetzt ist es offensichtlich schlimmer. Die Mittelschicht hat noch nie derartige Verluste erlebt.

Bevor wir zu dieser Selbstkritik kommen: Könnt ihr uns mehr über YoNoFui erzählen?

YoNoFui entstand im Jahr 2002 aus einem Poesieworkshop, den María Medrano, eine unserer Genoss*innen, im Gefängnis von Ezeiza gegeben hat. Dort sind wir auf die Schwierigkeiten gestoßen, die jemand hat, der*die die Freiheit wiedererlangt. Es gab keine öffentliche Politik für die Zeit nach der Inhaftierung. Also begannen wir, uns zu treffen und Workshops an verschiedenen Orten zu veranstalten. Das Kollektiv wurde größer, es vergingen mehr als 20 Jahre. Heute sind wir ein Kollektiv mit verschiedenen Bereichen. In unserem Gemeinschaftshaus befindet sich die Kooperative mit verschiedenen Produktionseinheiten: Textil, Buchbinderei und Siebdruck. Dann gibt es noch die neuste Produktionseinheit für Ästhetik und Körperpflege mit dem Namen „Bell, jede Schönheit ist Politik“, die sich in unseren anderen Räumlichkeiten im Stadtteil Palermo befindet. Hier im Gemeinschaftshaus in Flores hast du die Anti-Knast-Bibliothek. Wir machen auch Bücher, wir haben einen Verlag. Unser Kollektiv ist ja aus einem Poesieworkshop hervorgegangen – es gibt also etwas an der Sprache, das uns stetig herausfordert zu hinterfragen.
Ein weiterer Bereich des Kollektivs ist der Segundeo. Das ist ein bisschen schwierig zu erklären. Hier auf der Straße sagt man primerear, um sich vor jemanden zu stellen, als ob man konkurrieren würde – ohne, dass dir der*die andere etwas ausmacht. Stattdessen meint segundear zusammen gehen. Es ist sozusagen das Gegenteil von primerear. Segundeo zeigt auch die Art, wie wir uns im Laufe der Zeit umbenannt haben: Am Anfang haben wir „soziale Unterstützung“ gesagt, dann „Begleitung“ und heute macht der Begriff Segundeo für uns mehr Sinn, denn Segundeo ist eine Praktik der Gegenseitigkeit, zu zweit, des gemeinsamen Werdens darin, es ist eine ganz bestimmte Haltung, die wir sehr schätzen.

Was heißt das in der konkreten Praxis?
Segundeo hat mehrere Instanzen. Im juristischen Segundeo haben wir aktuell Genoss*innen, die aus ihrer Zeit im Gefängnis viel juristische Erfahrung haben, und vier antikarzerale und abolitionistische (Strömungen, die sich für die Überwin­dung von Institutionen staatlicher Gewalt wie Gefängnissen einsetzen, Anm. d. Red.) Anwält­*innen. Gemeinsam verfolgen wir die Fälle der Genoss­*innen. Wir haben auch Ansätze der kollektiven Mediation. Wir sind ein Kollektiv und auch hier gibt es Konflikte. Mit dem Segundeo versuchen wir dafür Lösungen zu finden, die weder strafend noch sanktionierend sind. Einen anderen Segundeo nennen wir „Autonomie und Selbstverwaltung des Alltagslebens“: staatliche Beihilfen beantragen, einen Lebenslauf erstellen, Orte zum Wohnen suchen und das Alltagsgeschäft des Gemeinschaftshauses verwalten. Nach der Pandemie haben wir gesehen, dass es einen großen Bedarf an Raum für psychische Gesundheit gab. Deshalb haben wir auch noch den Segundeo für mentale Gesundheit eröffnet. Hier haben wir Raum für Gruppen- und individuelle Betreuung. Wir arbeiten ausgehend von einer Idee, die sich vielleicht gegen die hegemoniale Vorstellung richtet, die Gesundheit nur im Sinne von individuellem Wohlbefinden und Glück versteht.
Obwohl wir seit sehr vielen Jahren Erfahrungen mit Kunst- und Handwerksworkshops sammeln, haben wir erst dieses Jahr unsere Schule für Kunst, Handwerk und politisches Experimentieren eröffnet. Wir sind sehr verliebt in dieses pädagogische und politische Projekt, weil wir unseren Raum für die Community öffnen und etwas sehr Lebendiges entsteht, ein Zufluchtsort in einem so komplexen Moment. Es sind 70 Personen eingeschrieben und fast alle sind queer.

Ihr habt die Selbstkritik in diesen Zeiten schon angesprochen. Vielleicht etwas allgemeiner: Mit welchen Problemen seid ihr heute konfrontiert?

Wir sind der Meinung, dass wir immer noch nicht genügend berücksichtigen, welche Auswirkungen das Gefängnis auf jegliche Bindungen in unserem täglichen Leben hat. Nicht nur, ob du im Gefängnis warst oder nicht. Da gibt es etwas, das gesellschaftlich geleugnet wird, etwas in den prak­tischen und alltäglichen Auswirkungen unseres Umgangs miteinander, das als ständige Bedrohung mit uns lebt wie ein Gerücht, das nicht verstummt.
Eine weitere Herausforderung, der wir uns zu stellen versuchen, ist die Notwendigkeit, eine Sprache zur Abschaffung der Gefängnisse aus südamerikanischer Perspektive oder aus dem Globalen Süden zu schaffen. Denn alle Vorstellungen, die wir haben, kommen aus dem Globalen Norden mit der Entstehung der kritischen Kriminologie oder Angela Davis. Das ist alles brillant und hilfreich, aber wir wollen auch in einem regionalen Kontext denken: Was ist hier ein Gefängnis? Was ist hier Bestrafung? Welche ist hier die Ökonomie der Bestrafung? Wie denkt man Gerechtigkeit? Die Konzepte aus dem Globalen Norden kommen wie eine verschlossene Kiste bei uns an. Also haben wir angefangen, ein Mapping von alternativen Gerechtigkeiten anzulegen, zum Beispiel indigene Gerechtigkeiten oder die Art, wie wir im Alltag Konflikte lösen, die auch Teil einer anderen Art von Gerechtigkeit ist. Das Gleiche gilt auch für innerhalb des Gefängnisses: Was bedeutet es, Gerechtigkeit innerhalb des Gefängnisses herzustellen? Was bedeutet es, Gemeinschaft innerhalb des Gefängnisses aufzubauen? In einer Welt, die zur Hyperindividualisierung neigt, kann der Aufbau von Gemeinschaft ein Weg sein, Gerechtigkeit zu schaffen.
Und gleichzeitig ist es jetzt sehr schwierig. Jetzt haben wir zum Beispiel das Problem, dass sie mit einer Justizreform das Alter der Strafmündigkeit auf 12 Jahre senken wollen. Aber was machst du da? Plötzlich vertrittst du eine konservative Position und sagst: „Nein, halt! Lasst uns nicht auf die 12, lasst uns auf die 18 zurückgehen.” Aber auch das funktioniert für uns nicht. In einem Punkt ist es zwar weniger schlimm, aber als Kollektiv sind wir nicht einverstanden mit diesem strafenden System. Vielleicht wäre jetzt ein guter Moment, uns zu fragen: Was wird kriminalisiert?

Wie arbeitet ihr in dieser Situation mit anderen, vielleicht transfeministischen oder auch anarchistischen Bewegungen zusammen?

Im Allgemeinen sind wir wenige Kollektive aus unabhängigen Aktivist*innen, die keine Parteifahnen hinter sich haben. Und wir halten diesen autonomen Raum aufrecht. Uns erscheint es sehr wichtig aus der Autonomie heraus zu sprechen. Eine Autonomie, die immer in wechselseitiger Abhängigkeit steht. Dieses Jahr haben wir für den 8. März zusammen mit transfeministischen und queeren Aktivist*innen den Mostri-Block gebildet. Das hat uns sehr begeistert, denn die Idee dieses Blocks war es, über die Diskussion um Identität hinauszugehen. Mostri kann jemand sein, der*die im Knast war, Mostri kann eine Person mit Behinderung sein, Mostri können wir antipunitivistischen Kollektive sein, Mostri kann die queere Community sein. Und dann begannen wir uns mit travesti-trans, schwulen, lesbischen Kollektiven, dem gesamten LGBT-Kollektiv und anderen Mostri-Aktivist*innen zu versammeln. Im Alltag kooperieren wir mit dem Kollektiv der Sexarbeiterinnen und mit No Tan Distintes („Nicht so verschieden”), ein Kollektiv, das mit Menschen auf der Straße arbeitet. Aber mit manchen Feminismen ist es kompliziert, vor allem wenn sie sehr frauenzentriert, akademisch und punitivistisch sind. Als antipunitivistisches Kollektiv zur Abschaffung von Strafen beharren wir darauf, dass das Gefängnis keine Lösung ist. Deshalb sagt eine Genossin, Eva Reinoso, immer: „Wir sind unbequem für den Feminismus, aber die Betten in den Gefängniszellen sind viel unbequemer.”
Und mit anarchistischen Bewegungen gibt es eine Nähe zu bestimmten Ideen, sofern wir Anarchismus als Praxis gegen Autorität verstehen. Außerdem stehen die Bündnisse in einer historischen Tradition: Die Anfänge der Kriminalisierung sexuell dissidenter Menschen und Sexarbeiterinnen fallen mit der Kriminalisierung von anarchistischen und kommunistischen Bewegungen zusammen.

Vielleicht hilft das auch die Beziehungen innerhalb des Kollektivs, aber auch nach außen zu stärken. Wie blickt ihr auf die nächsten Wochen?

Uff, schwierig. Wir glauben, dass die nächsten Wochen immer komplexer werden, aber gleichzeitig ist es auch wichtig, dass wir uns weiter verbünden. Mit der Erfahrung des Macrismo, der nicht mal ein Zehntel so schlimm, aber dennoch schrecklich war, können wir vielleicht eine Haltung weder der Hoffnung noch des Optimismus haben. Denn das war auch ein großer Moment der Alternativen: Wir waren so erstickt, so unterdrückt, so unfähig gemacht zu leben, dass wir Leben schaffen mussten. Und die einzige Möglich­keit war, sich zusammenzuschließen und zu mobilisieren. Das Gleiche tun wir jetzt. Aber die Aussicht ist ziemlich entmutigend und eine große Herausforderung. Es ist sehr traurig und schmerz­haft. Gleichzeitig war zum Beispiel der Mostri-Block auf der Demo vom 8M ein Fest und hat uns eine Lebendigkeit wiedergegeben. Deshalb beharren wir, ohne Hoffnung und ohne Optimismus, auf die Traditionen des Kampfes in un­seren Territorien, die sehr mächtig sind und die in uns wohnen.


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Prämien statt Lohn sind 
ein Problem

Demonstration am 1. Mai Mobilisierung mit der CUTV und dem Frente Nacional de Lucha de la Clase Trabajadora, Foto: Camilo Arias, @kmilo100fuegoss

Wie ist die aktuelle Situation der Arbeiter*innen in Venezuela?

Schlecht. Das monatliche Mindesteinkommen fiel von 283 US-Dollar im Jahr 2009 auf 18,77 US-Dollar pro Monat im Jahr 2015. Außerdem gibt es seit 2014 ein Lohnprämiensystem, das heißt, es werden immer weniger Lohn und immer mehr Prämien gezahlt. Heute liegt der Mindestlohn in Venezuela bei 3,50 US-Dollar monatlich, dazu kommen noch einige Prämien. Zusammen ergibt das etwa 130 US-Dollar im Monat, während die Kosten zur Deckung der Grundbedürfnisse moderat geschätzt bei 500 US-Dollar im Monat liegen. Das Leben der Arbeiter*innen in Venezuela ist von extremer Prekarität geprägt. Hauptsächlich durch den Lohnverfall.

Warum sind die Prämien ein Problem?
Weil nur 2,62 Prozent der gesamten Vergütung als Lohn betrachtet werden, was für die Berechnung aller Ausgleichszahlungen für Überstunden, Nachtzuschläge und Abfindungen bei Entlassung, Ruhestand oder Pensionierung relevant ist.

Abgesehen vom Lohn: Wie wirkt sich die neue Wirtschaftspolitik sonst aus?
Die Einkommensverteilung in Venezuela ist extrem ungleich. Der letzte offizielle Stand von 2017 zeigt eine Verteilung des Einkommens mit 75 Prozent für Unternehmensgewinne und 25 Prozent für Löhne. Heute ist es vermutlich noch extremer. Zudem sind Tarifverträge im öffentlichen wie auch im privaten Sektor praktisch abgeschafft, es gibt keine Verhandlungen mehr. Und die geltenden Tarifverträge werden kaum durchgesetzt.

Warum werden die geltenden Tarifverträge nicht durchgesetzt?
Erstens wegen des extremen Lohnverfalls und zweitens hat die Regierung Maßnahmen ergriffen, um Tarifverträge außer Kraft zu setzen. 2018 hat das Arbeitsministerium eine Richtlinie erlassen, die die Kürzung und Nichtanwendung von Gehaltsklauseln in Tarifverträgen ermöglichte, wenn Arbeitgeber diese als zu kostspielig erachteten. Dies wurde sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor umgesetzt.

Wie konnte es zu solch nachteiligen Vereinbarungen kommen?
Die Arbeitgeber forderten die Arbeitsinspektion in jeder Region auf, Gewerkschafts- und Arbeitgebervertreter zusammenzubringen, um auf Basis der neuen Richtlinie neu zu verhandeln. Dagegen gab es kein Entkommen. Die Gewerkschaften waren nicht bereit, Widerstand zu leisten.

Wie ist die Passivität der Gewerkschaften zu erklären?
Die Regierung schuf ihre eigene Gewerkschaftsbewegung, die Central Bolivariana Socialista de Trabajadores. Sie ist ein Instrument der Regierungspolitik. Dadurch wurden die Bedingungen, die vom Staat vorgegeben wurden, auch von großen staatlichen Unternehmen wie PDVSA, CORPOELEC, und der öffentlichen Verwaltung problemlos umgesetzt. Dies geschah auch im privaten Sektor. Nun erleben wir die Konsequenzen.

Gibt es andere Beispiele für die nachteilige Arbeitsmarktpolitik der Regierung?
Mitte 2022 erließ die Regierung ein Verwaltungsinstrument für den öffentlichen Sektor, dass die Zahlung der Gehälter nach einer von der Exekutive festgelegten Tabelle vorsah, ohne die Errungenschaften der Tarifverträge zu berücksichtigen. Viele Arbeiter*innen wurden davon schwer getroffen. Bereiche wie Bildung, Gesundheit und öffentliche Verwaltung verloren bis zu 75 Prozent ihrer durch Tarifverträge erreichten Vorteile.

Gab es Widerstand gegen diese Politik?
Im Juni 2023 legten die Arbeiter im Unternehmen Siderúrgica del Orinoco (SIDOR) die Arbeit nieder und stoppten eine Anlage vorübergehend, nachdem ihre Forderungen nicht gehört wurden. Aber die Regierung ging den Konflikt juristisch an. Ein Gericht erließ eine einstweilige Verfügung, um die Protestaktion unter Androhung der Verhaftung aller Beteiligten zu stoppen. Alle führenden Aktivisten durften das Werk nicht betreten und ihnen wurde verboten, das Vorgehen in den sozialen Medien anzuprangern. Zwei von ihnen, Leonardo Azócar und Daniel Romero, sind seit fast einem Jahr in Haft.

Mobilisieren Arbeiter*innen noch zum 1. Mai?
Dieses Jahr haben wir in einem breiten Bündnis aus unabhängigen Gewerkschaften, verschiedenen Berufsverbänden und rechten Gewerkschaften eine nationale Protestaktion durchgeführt. Wir planten eine Kundgebung auf der Plaza Venezuela in Caracas und eine anschließende Demonstration. Am Anfang der Demo stürmten Motorrad­fahrer, die der Regierung angehörten, auf die Anwesenden zu, insbesondere auf ältere Menschen und Frauen. Dies haben wir scharf verurteilt. Die Polizei stellte Barrikaden auf, um uns am Weitergehen zu hindern. Wir konnten nur die Kundgebung abhalten. Es scheint, als wolle die Regierung ein Klima politischer Gewalt schaffen, um die Wahlen am 28. Juli zu verhindern oder um die Menschen von Protesten abzuhalten.

Wie ist der Zustand der Gewerkschaften heute?
Unsere Freiheit ist stark eingeschränkt. Viele Gewerkschaften werden nicht zugelassen, wenn sie nicht von der offiziellen Gewerkschaftszentrale anerkannt sind. Zudem werden gewählte Gewerkschaftsführungen von der Regierung nicht anerkannt. Das Schlimmste ist, dass Gewerkschafts­führer jederzeit verhaftet werden können. Die Regierung übt fast absolute Kontrolle aus, vor allem im öffentlichen Sektor: administrative, politische, polizeiliche und militärische Kontrolle, um zu verhindern, dass aus dem Widerstand gegen die Wirtschaftspolitik eine Arbeiterbewegung entsteht.

Wie sehen Sie die Situation im Hinblick auf die Wahlen im Juli?
Der Trend geht zum Rechtsextremismus. Wir werden in der gleichen Situation leben wie jetzt. Wir wollen weder die einen noch die anderen. Man muss sich auf den Kampf gegen beide vorbereiten. Aber diese Regierung richtet mehr Schaden an: Historisch gesehen ist es schlimmer, im Namen des „Sozialismus” Einkommen zu vernichten, Gewerkschaftsführer zu inhaftieren, unab­hängige Gewerkschaften einzuschränken und das Streikrecht zu unterdrücken.

Was halten Sie von der Haltung der internationalen Linken zu Venezuela?
Leider glauben viele linke Aktivist*innen im Ausland, dass die Regierung von Nicolás Maduro eine linke, sozialistische, progressive Regierung ist. Ihre Propaganda vermittelt ein Bild, das durch ihre Praxis völlig widerlegt wird, die darauf abzielt, die Bedingungen für maximale Gewinne des Kapitals zu fördern und den Staat zu reduzieren.


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„Jeden Morgen bin ich erleichtert, dass er noch da ist!“

Über den Dächern von Ciudad Bolívar Der Eukalyptusbaum als Hoffnungssymbol (Foto: Ingolf Bruckner)

Don Héctor, Leiter der Gemeindebibliothek Senderos de Progreso, nennt ihn nuestro abuelo sabedor („unseren weisen Großvater“), Andere bezeichnen ihn als „Baum des Gehenkten“ oder auch als „Lebensbaum“. Wieder Andere behaupten, es gäbe keinen geeigneteren Ort auf der Welt, um fliegende Untertassen zu beobachten; auch würden hier Hexen und Zauberer ihr Unwesen treiben.

Der Cerro Seco ist ein kahler, narbiger Hügelrücken voll blonden Grases, geschwürartiger Kiesgruben und Steinbrüche. Man sagt dem Taxifahrer im Stadtzentrum von Bogotá, man wolle zu den Canchas Dobles im Barrio Potosí. Der Taxifahrer wird dort nicht gern warten oder sein Fahrzeug zumindest zwischen den Mauern der niedrigen, selbst gezimmerten Behausungen verbergen wollen, damit es keine Aufmerksamkeit erregt. Das Viertel liegt im fernen Süden der Neun-Millionen-Metropole Bogotá, in der Zone der riesigen, zum großen Teil ungeplant errichteten, Ciudad Bolívar, die von Opfern des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts in Kolumbien besiedelt wird. Paramilitärs, korrupte Unternehmen und Banden halten hier viele der Entrechteten und Geflohenen in einem Würgegriff aus Angst, ökonomischer Abhängigkeit und sozialer Isolation wie in der Schlinge eines Galgens. Die Menschen aber haben nie aufgegeben. Sie haben in der Schlinge gestrampelt und sich herausgekämpft: Im Dezember 2023 konnten sie mit der Ernennung zum Kulturerbe durch das IDPC einen wichtigen Schritt auf dem Weg ins Licht der Öffentlichkeit feiern.

Im Umkreis von Kilometern scheint es in diesem Teil der Stadt nur einen einzigen Baum zu geben: Jenen alten Eukalyptusbaum mit charakteristischer, dreieckiger Silhouette vor einem wolkenzerfetzten Himmelszelt, welches sich unglaublich weit zu spannen scheint, von blauer Ferne links in blaue Ferne rechts, hier, mehr als 2.500 Meter über dem Meeresspiegel. Keine*r der entwurzelten Bewohner*innen unterhalb seiner Äste hat je einen Tag im Leben verbracht, ohne dass es diesen Baum gab. Keine*r einen Tag, ohne ihn bewusst oder unbewusst gesehen zu haben, versichert mir Lorena Montes, die gerade mit anderen Sozialarbeiter*innen in der Nachbarschafts­hilfe im Barrio Potosí ein Dach neu errichtet hat. Als Fixpunkt ist der Baum „allgegenwärtig wie der Geist von Großeltern. Er mahnt und erdet, als wolle er in Erinnerung rufen, dass alles aus der Natur kommt und dahin strebt”, erklärt Lorena. Nachdenklich fügt sie hinzu: „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, geht mein Blick als erstes zu ihm und ich bin erleichtert, wenn er noch da ist – das war zuletzt keine Selbstverständlichkeit!“ Diese unmittelbare Zuneigung zu dem Baum, so als sei er ein Mitmensch, mag Uneingeweihte zunächst verwundern. Denn die Geschichten, die über den gespenstisch hageren, schwarzbelaubten Baum auf dem Cerro Seco kursieren, sind oft düster, geheimnisvoll, schrecklich.

Der wohl mindestens hundertjährige Baum mit dem Namen Palo del Ahorcado soll seit 1938 Pilgerstätte von Selbstmörder*innen, Verzweifelten, vom Teufel Besessenen und Verfolgten gewesen sein. „Höllenhunde“ – in Wahrheit dürften es ganz gewöhnliche streunende Hunde gewesen sein, die nachts aufgeschreckt wurden – kündigten etwa den Tod des exkommunizierten Ehebrechers Pablo an und einige Zeit später baumelte seine Geliebte Ernestina leblos an einem Ast. Mit der Ausdehnung der Stadt folgten weitere Todesfälle. Zuletzt, im Februar 2023, fand man nahebei die zerstückelte Leiche eines Jugendlichen namens Brayner Stiven Asprilla.

Das „Trotzdem“ vereint

Als Lorenas Mutter Blanca Luz Rosas de Montes in den 1980ern, vertrieben aus dem gewaltgeschüttelten Departamento Caquetá nach Ciudad Bolívar kam, war sie wie so viele Andere auf der Suche nach einem Leben in Frieden. Viele der Anwohner*innen kamen zu dem Baum, um Drachen steigen zu lassen oder einfach frische Luft zu atmen.

Mit der Zeit entwickelte sich der Brauch einer Karfreitagsprozession, die jährlich anwachsend und inzwischen viele Tausend Menschen zählend, hinaufführt zum Eukalyptus. Es ist der Glaube, es ist auch ein „Trotzdem“, dass die Pilgernden auf ihrem Weg vereint. Direkt am Fuße des Baumes legen sie Kreuze, Rosenkränze, Amulette, Bittgesuche ab, beten und errichten unweit ein großes Holzkreuz. Man spricht miteinander, plant die Zukunft und es entsteht eine Gemeinschaft, in der sich gegenseitig hilft, wer kurz zuvor noch fremd war.

Zerzaust, angegriffen und hager Der Eukalyptusbaum Palo del Ahorcado blickt vom Cerro Seco aus über Ciudad Bolívar (Foto: Ingolf Bruckner)

Ein Baum aber, der sein dämonisches Image verliert und stattdessen Menschen in ihrer Hoffnung und ihren Zielen vereint, ist ein Stachel. Ein Stachel für Immobilien-, Sand- und Kiesgruben­-unternehmen, die den Cerro Seco jahrzehntelang ausgebeutet haben und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ohne Rücksicht auf die Natur illegal weiter ausbeuten möchten; für Politiker*innen, die die Nöte der unterprivilegierten Stadtviertel und deren Bedarf an Infrastruktur und Daseinsvorsorge ignorieren, und für Drogenbanden, denen das Vergessen, das Schweigen und die Unter- und Fehlentwicklung in die Hand spielt.

„Unsere Gegner denken, mit dem Symbol würde auch unsere *Solidarität enden“


Lorena erklärt, man habe versucht, den Baum zu verbrennen, abzusägen, umzuhauen und zuletzt sogar, ihn zu vergiften. Sie zeigt auf die Wurzeln des Baumes – eine musste sogar entfernt werden, um ihn zu retten. „Unsere Gegner denken, wenn dieses Symbol der Gemeinschaft, des Umweltschutzes und des Widerstandes erst weg wäre, dann würde auch unsere Solidarität enden, dann könnten sie weiter das Ökosystem, die natürlichen Wasserläufe, die Orchideen und anderen Pflanzen zerstören, mühsam gebaute Wege und Straßen mit ihren volquetas (Schwertransportern) zerfurchen und unser letztes Erholungsgebiet zunichtemachen.“

Sie berichtet von Kämpfen und Erfolgen. 2015 etwa kam es zum offenen Konflikt, weil Sicherheitsleute der Kiesgrubenfirma die Karfreitagsprozession nicht durchlassen wollten. Als eine volqueta die Nachbarin Doña Yineth, eine mehrfache Mutter, überfuhr, errichteten Anwohner*innen Blockaden an den Zufahrtswegen der Sand- und Kiesunternehmen. Waren Bittgesuche an die Politik zunächst ungehört geblieben, schwoll die Stimme der Menschen aus dem Viertel immer mehr an und schließlich stieß man den Prozess an, den Cerro Seco mit dem Palo del Ahorcado zum Kulturerbe der Stadt Bogotá zu erklären.

Im Dezember 2023 kam schließlich der Durchbruch! Mit dem frisch errungenen Status des kulturellen Erbes ist der Weg zum Schutz des Symbols der Gemeinschaft und der Umwelt gestärkt. Das Erbe von Lorenas Mutter und anderen Aktivist*innen aus der Nachbarschaft, die längst nicht mehr leben, ist gesichert.

Lorena zeigt Mappen mit Fotos aus vier Jahrzehnten. Vergilbte und neue. Schwierige Anfänge. Gemeinsame Arbeit. Gemeinsame Proteste. Gemeinsame Feste. Organisationen wie die Fundación Blanca Luz, die nach Lorenas Mutter benannt ist, widmen sich der Verbesserung der Gemeindeinstitutionen. Heute gibt es Kindergärten, eine Volkshochschule, in der Erwachsene Lesen und Schreiben lernen können, einen Abendabiturkurs, eine Schneiderei, eine Tanzschule, die von Don Héctor betreute Gemeindebibliothek, eine Schule für Gründerinnen von Kleinunternehmen, Lehrgänge zur Selbstfürsorge und Selbsthilfe, Stadtgärten zur Selbstversorgung mit Gemüse und ein Kollektiv für humane Stadtentwicklung, Zivilschutz und Schutz des Cerro Seco. Aus seinem dürren Boden sprießen Ideen und Projekte wie frische Blumen. Keine Erosion mehr. Und keine Illusion. Die Wurzeln des Palo del Ahorcado halten fest.


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Indigene Völker 
unter Beschuss

“Empörung ohne Handeln bringt nichts”: Politisches Symbol des regionalen Widerstands des CRIC (Fotos: Consejo Regional Indigena del Cauca (CRIC))

El Palo ist ein kleines Dorf in der Gemeinde Caloto im Norden des kolumbianischen Departamentos Cauca. Es ist aber nicht einfach irgendein Dorf. El Palo ist eine unsichtbare Grenze und ein Gebiet von großer geostrategischer Bedeutung, da es direkt an der Kreuzung der Straßen nach Toribío, Corinto und Santander de Quilichao liegt. Gleichzeitig ist El Palo geschichtlich relevant. Um das Dorf zu erreichen, muss man zwei historische Schauplätze von Gewalt und Widerstand durchqueren.

Der erste ist die Farm El Nilo, auf der am 16. Dezember 1991 paramilitärische Gruppen 21 Menschen der Nasa, einer indigenen Gruppe, folterten und ermordeten – nur wenige Monate nach der Verkündung der neuen kolumbianischen Verfassung, durch welche indigene Völker wie die Nasa ihr Land zurückerhalten sollten. Ermittlungen des Gerichts für öffentliche Ordnung in Cali ergaben, dass das Massaker in Zusammenarbeit mit staatlichen Sicherheitskräften verübt worden war. Der Fall wurde vor die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) gebracht, welche die kolumbianische Regierung aufforderte, das Volk der Nasa durch die Übergabe von 15.000 Hektar Land zu entschädigen. Der zweite bedeutsame Ort ist die Farm La Emperatriz. Hier haben die Nasa 2014 im Rahmen des „Prozesses der Befreiung der Mutter Erde (uma kiwe)“ Zuckerrohrmonokulturen angepflanzt – ein Protest gegen die Nichteinhaltung der Versprechen und Verpflichtungen des Staats.

Vorbei am Dorf El Palo steigt die Straße bis zum Rand eines Tals an, von dem aus man in etwas über einer Stunde das indigene Reservat Toribío erreicht. Hier sind die cabildos (indigene Räte, Anm. d. Red.) von Toribío, Tacueyó und San Francisco im plan de vida des Nasa-Projekts vereinigt. (Dabei handelt es sich um einen Ansatz zur Stärkung der Autonomie, Gemeinschaft, Lebensqualität und kulturellen Identität der indigenen Bevölkerung, Anm. d. Red.)

Trotz der Schönheit seiner Landschaft ist das Gebiet stark von wirtschaftlicher und soziopolitischer Gewalt betroffen: Der Drogenhandel hat einen Großteil der lokalen Wirtschaft übernommen und bei Auseinandersetzungen um die Kontrolle der Drogenhandelswege werden täglich Menschen ermordet. Gemeinsam mit den Gemeinden Corinto und Miranda ist Toribío Teil des „Marihuana-Dreiecks“. Dazu gehören auch Gebiete, in denen sich der illegale Koka-Anbau konzentriert (Argelia, El Tambo, López de Micay), denen Drogenhandelswege entspringen (Río Naya) und in denen bewaffnete Akteure besonders präsent sind (Buenos Aires, Suárez, Santander de Quilichao, Caloto, Caldono, Morales und Silvia). Das Dreieck stellt einen der Brennpunkte des bewaffneten Konflikts im Departamento Cauca dar.

Entschlossen trotz Bedrohung Jugendliche geraten besonders ins Visier bewaffneter Gruppen

Am Nachmittag des 16. März 2024 entführte die in der Gegend agierende bewaffnete Gruppe Front Dagoberto Ramos einen Jugendlichen aus der Gemeinde Toribío zur Zwangsrekrutierung. Bei der Front handelt es sich um Dissident*innen der FARC-EP, welche sich zum selbsternannten Zentralen Generalstab (EMC) zusammengeschlossen haben. Aufgrund der Entführung versammelte sich die Gemeinde im Ortsteil La Bodega, um die Befreiung des Jugendlichen zu fordern. Dort schoss die Front auf die indigene Garde und die Teilnehmenden und verletzte mehrere Personen. Francia Liliana Pequi berichtete später erschüttert: „Dann drehte ich mich um und die ganze Gemeinde lief verängstigt rückwärts, rannte weg (…), denn sie schossen. Sie waren schwer bewaffnet. Zuerst schossen sie in die Luft, und als wir sie nicht gehen ließen, fingen sie an, auf alle Leute zu schießen, die da waren.“

Unter den Verletzten befand sich auch die 62-jährige mayora (indigene Autorität, Anm. d. Red.) Carmelina Yule Pavi, Mitglied der Garde und indigene Anführerin. Sie starb am Sonntag, den 18. März, an ihren Verletzungen.

Angesichts dieser Ereignisse reagierten die indigenen Gemeinden und der Regionale Indigene Rat im Cauca (CRIC) mit Nachdruck und auf verschiedenen Ebenen. Die traditionellen Autoritäten erließen mit Hilfe der indigenen Sondergerichts­barkeit Haftbefehle gegen die Anführer der bewaffneten Gruppe, während die indigene Garde Streifzüge durchführte, um die illegale bewaffnete Gruppe aus dem Gebiet zu vertreiben. Der schwere Angriff auf die indigene Gemeinde war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und die nationale Regierung dazu veranlasste, den mit der EMC bestehenden bilateralen Waffenstillstand auszusetzen.

Widerstand gegen die Gewalt bewaffneter Gruppen CRIC und weitere indigene Gemeinden schließen sich zusammen

Obwohl dieser Waffenstillstand schon vorher nicht eingehalten worden war und die indigenen Gemeinden und Gebiete von Gewalt betroffen sind, hat sich die Situation seit dem 17. März deutlich verschlechtert. Die Militarisierung des Territoriums und die Offensiven der Nationalen Armee gegen die illegalen bewaffneten Gruppen führen zu fast täglichen Kämpfen, bei denen die Zivilbevölkerung häufig Opfer von Übergriffen wird. Auch die Angriffe von FARC-EP-Dissident*innen auf indigene Gemeinschaften haben zugenommen: Drohungen, Angriffe mit Sprengkörpern, Zwangsrekrutierungen und illegale Straßensperren sind an der Tagesordnung. Außerdem haben die Dissident*innen den Plan bekanntgegeben, jede*n Vertreter*in des CRIC als militärisches Ziel einzustufen.

Marisol Peña, indigene Autorität von Tacueyó, einer Gemeinde von Toribío, klagt: „Wir sind militärische Ziele, weil wir immer deutlich gemacht haben, dass unsere Autoritäten im Gebiet bleiben werden, um das Leben zu verteidigen.“ Der Tod der mayora Carmelina letzten Monat sei für die Gemeinden der Auslöser gewesen, auf die Straße zu gehen, Druck auszuüben und zu sagen: Wir werden nicht mehr zulassen, dass sie uns ermorden, dass sie unsere Jugendlichen mitnehmen und töten. Die Gemeinden sind fest entschlossen, die Kontrolle über ihr Gebiet zurückzuholen.

Heute befinden sich die indigenen Gemeinden und Gebiete von Cauca in einer ähnlichen humanitären Notlage wie in den dunkelsten Jahren des bewaffneten Konflikts. Wie Francia Liliana Pequi berichtet, hört man Schüsse, es gibt Konfrontationen und ständige Drohungen, weil sie sich nicht zum Schweigen bringen lassen. „Wir sind nicht wie die, die meine Großmutter ermordet haben – wir werden uns nicht verstecken.“

¡Guardía guardía, fuerza fuerza! Die Guardía Indígena kämpft für ein Leben in Frieden

Als Folge der Schießerei wurden in dem Gebiet Kontrollpunkte eingerichtet. Francia Liliana Pequi erklärt dazu: „Hier, wo wir sind, ist ein strategischer Punkt, weil sie sich vorher hier aufhielten. (…) Jetzt sind wir diejenigen, die diesen Kontrollpunkt haben.“

Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens von La Habana im Jahr 2016 gab es eine kurze Phase relativer Ruhe im Land. So auch im Departamento Cauca, welches eine lange Geschichte mit der sechsten Front der FARC-EP hat. Es gehört zu den am stärksten vom bewaffneten Konflikt betroffenen Gebieten, insbesondere nach dem Auftauchen paramilitärischer Gruppen in den 1990er und 2000er Jahren.

Doch bereits 2018 wurde die Situation in den Gebieten wieder kritischer. Dies geschah zeitgleich mit dem ersten Jahr der friedensfeindlichen Regierung von Iván Duque, dem politischen Ziehsohn des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe. Die Ursachen für diese Verschlechterung waren Versäumnisse des Staates in Bezug auf die Landreform, Landrückgabe, den Ersatz illegaler Anbaukulturen und die territoriale Entwicklung. Darüber hinaus bot die Regierung den indigenen Gemeinschaften keinen Schutz und weigerte sich das Wirtschafts- und „Entwicklungs“-Modell in Frage zu stellen, womit die historischen und strukturellen Ursachen der Gewalt intakt blieben. Infolgedessen haben sich neue bewaffnete Gruppen schnell die nach der Demobilisierung der FARC-EP „freigewordenen“ Gebiete einverleibt, die der Staat noch immer nicht mit an die Grundversorgung angeschlossen hatte. Neben den schon länger existierenden, bewaffneten Gruppen wie der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) haben sich neue bewaffnete Akteure organisiert. Insbesondere Dissident*innen der FARC-EP, die sich vom Friedensprozess losgesagt haben und heute unter dem Kommando von Iván Mordisco stehen. Diese bewaffnete Gruppe ist im ganzen Land mit Einheiten präsent und ihr Interesse gilt dem Drogenhandel sowie der sozialen und territorialen Gebietskontrolle. Obwohl sie sich auf den politischen Diskurs und die Erinnerung der FARC-EP beziehen, haben diese Gruppen keinen wirklichen ideologischen Gehalt.

Dies spiegelt gut das neugestaltete Szenario des bewaffneten Konflikts wider: Es geht nicht um den Kampf bewaffneter Gruppen mit einem sozialen Bezug, die die Macht ergreifen wollen um die Politik und das Modell des Landes grundlegend zu verändern. Vielmehr handelt es sich um verschiedene Konflikte mit territorialem Fokus auf geostrategische Gebiete mit illegalen Wirtschaftszweigen. Natürlich geht das Ausmaß der Gewalt viel weiter und überschneidet sich mit historischen Konflikten um Landbesitz, sowie mit Interessen transnationaler Akteure an der Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Auch Faktoren der historischen Ausgrenzung von indigenen Völkern, Afroamerikaner*innen und Bäuer*innen bleiben bestehen.

Übergriffe im Cauca 800 Opfer im Jahr 2023 (Statistik: Consejo Regional Indigena del Cauca (CRIC))

Fest steht, dass die Zivilbevölkerung am meisten leidet. Insbesondere die indigenen Gemeinden und Gebiete sind dem Konflikt stark ausgesetzt. Im Jahr 2023 zählte der CRIC 800 indigene Opfer der verschiedenen Übergriffe in den traditionell indigenen Gebieten. Die Zwangsrekrutierung von Minderjährigen, Ermordungen, Drohungen und Zwangsvertreibungen stellten hierbei die häufigsten Menschenrechtsverletzungen dar. Für das aktuelle Jahr wurden bereits 320 Opfer gezählt. Die am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen sind Jugendliche und diejenigen, die eine Führungsrolle ausüben und das Gebiet verteidigen, weil sie ein Hindernis für die Interessen der bewaffneten Gruppen darstellen.

Die Auswirkungen sind jedoch viel weitreichender und von struktureller Natur. Sie beschränken sich nicht auf die humanitäre Notlage, die die indigenen Völker im Cauca erleben und die sich seit Mitte März 2024 verschlimmert hat. Die grundlegende Auswirkung ist ein andauernder Völkermord. Durch den Einsatz von physischer Gewalt, Rekrutierungsstrategien und sozialer Kontrolle können die indigenen Gemeinden ihre Autonomie und ihre eigene Regierung nicht voll entfalten, was den möglichen Verlust ihrer Identität mit sich zieht. Auch wenn die verschiedenen bewaffneten Akteure in den Gebieten diejenigen sind, die die Gewalt ausüben, so sind die Hauptverantwortlichen doch die Feinde des Friedens, der Autonomie der indigenen Völker und des strukturellen Wandels des sozioökonomischen Modells unseres Landes.

Eigene Bildung von unten Aus dem Herzen von Abya Yala

Aus dem Südwesten Kolumbiens kommt deshalb der Weckruf an die Welt: Die indigenen Völker des CRIC stehen unter Beschuss. Der 53-jährige Organisationsprozess, der auf dem Widerstand der Indigenen Garde unter der Führung der 139 traditionellen Autoritäten beruht, wurde zum militärischen Ziel erklärt. Es ist trotzdem wichtig, weiterhin auf den Frieden zu setzen und Mechanismen für multilaterale Waffenstillstände zu schaffen. Die indigenen Territorien und Gemeinden müssen dabei aktive Akteure beim Aufbau einer echten Alternative zu Krieg und Ausbeutung sein.

Auch Francia Liliana Pequi teilt diese Meinung. In Gedanken an ihre Großmutter betont sie, dass sie eine große Anführerin war und sich sehr für die Rechte der Frauen eingesetzte. In Bezug auf den sehnlichst erwünschten Frieden in der Region fügt sie hinzu: „Sie hat viel für den Prozess getan. Auch wenn sie nicht mehr bei uns ist, weiß sie, dass wir ihr unendlich dankbar sind, dass sie uns den Weg für diesen wunderschönen Prozess geebnet hat.“


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Theater der Widerstands

Kunst und Protest Eine Straßentheatergruppe setzt sich in Szene (Fotos: Josue Guerra Alvarado)

Am 18. und 19. Oktober 2019 wehte in Chile ein Frühlingswind. Er brachte widersprüchliche Nachrichten über eine „soziale Explosion”, die sich an verschiedenen Stellen des U-Bahn-Netzes von Santiago entzündet und mit ihren Barrikaden schnell auf die Straßen der ganzen Stadt und aller Regionen des Landes ausgebreitet hatte. Nach zwei rätselhaften Tagen war der schmale Landstreifen Chiles mit Transparenten übersät, die zahlreiche historische soziale Forderungen verkündeten, im Mittelpunkt jene nach einer verfassunggebenden Versammlung. Die Chilen*innen forderten ein Ende des neoliberalen Modells, das von der Diktatur Augusto Pinochets in der noch heute gültigen Verfassung von 1980 festgeschrieben wurde.

Die Diktatur (1973 bis 1990) war eine Abfolge grausamer Jahre, denn für die Einführung dieses sozioökonomischen Modells brauchte man ein hohes Maß an Gewalt. Hierfür sorgten die Militärinstitutionen des chilenischen Staates in Ab- stimmung mit der US-Regierung im Rahmen des Kalten Krieges und der sogenannten Operation Condor. Ihr Experiment führte zur Einführung einer Weltanschauung, die sich wie eine Epidemie ausbreitete und jede Art von Beziehung zwischen dem Sein und dem Leben nur noch auf seine Wirtschaftlichkeit bezog.

Dazu gehörten jahrelang Hausdurchsuchungen bei allen, die auch nur ansatzweise mit indigenen, anarchistischen oder marxistischen Idealen in Verbindung gebracht wurden; die Anwendung systematischer Foltermethoden, die an der Escuela de las Américas erlernt wurden; der Zwang ins Exil und die Errichtung von Konzentrationslagern im ganzen Land. Mehr als 3.000 Menschen wurden ermordet, weitere 1.000 gewaltsam verschwunden gelassen. Die überwiegende Mehrheit dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit blieb in den folgenden 33 Jahren ungestraft – und die, die sie ausführten, in Machtpositionen.

Wie ein donnerndes Echo der dunklen Vergangenheit dieser 17 Jahre Staatsterrorismus waren die Gesichter der Menschen in Chile im Oktober 2019 erneut von großer Angst und Wut erfüllt. Die Geschichte unseres Landes nahm eine neue Wendung. Wieder waren wir im Abgrund einer ungeheuren Unterdrückung gefangen. Die Regierung von Sebastián Piñera trat im Fernsehen auf und erklärte den Krieg. Sie setzte die Militärs auf den Straßen ein und verkündete den Ausnahmezustand. Ausgangssperre und Augenverstümmelungen begannen. Die altbekannte Figur des „Feindes im Inneren“ erwachte wieder zum Leben.

Das politische Straßentheater als widerständige Erinnerungsstrategie

Wenige Tage nach Beginn der „sozialen Explosion“ im Oktober 2019 haben wir das Kunstkollektiv Ejercicio Libertario Almado del Sur (E.L.A.S.) gegründet. Zusammen mit einem sehr gemischten Grüppchen von Theaterkünstler*innen aus Valparaíso wollten wir auf den Demonstrationen die Erinnerungen wachhalten. Erinnerungen daran, was die Diktatur, ihr neoliberales und neokoloniales Erbe sowie die Revolte verbindet. Seitdem sind wir auf der Straße geblieben, haben das Theater als Protestform und sozialen Kitt genutzt. Wir sind Teil einer großen Bewegung, die das Straßentheater und seine Sprache in Chile spätestens seit den 1970er Jahren weiterentwickelt hat. Wir haben dabei viel von den großen Straßentheaterkompanien der Diktatur- und Nachdiktaturzeit gelernt und ihre Methoden an unsere Zeit und Produktionsmittel angepasst.

Über unsere Geschichte haben wir nicht aus Schulbüchern gelernt, denn die große Tragödien sind bei uns in Chile noch immer ein Tabu. Diejenigen von uns, die zuhören wollten, haben aus den Geschichten der Überlebenden gelernt, von unseren Familien, Freund*innen und Lehrer*innen, aus Gedichten und Musik, aus Filmen und Theaterstücken. So sind auch städtische Theaterbewegungen gemeinschaftliche Strategien des Widerstands und der Erinnerung. „Ich möchte unsere ermordeten, verschwundenen und gefolterten Menschen ehren. Ich denke, man muss den 50. Jahrestag des Putschs unbedingt nutzen, um ihre Geschichte zu erzählen, sie aufzuschreiben, Filme zu drehen. Alles, was man sich als eine Form der Didaktik vorstellen kann, damit wir nie wieder vergessen”, sagt mir Myriam Espinoza, als ich sie besuche, um mich mit ihr über die Visionen des politischen Theaters in Chile auszutauschen.

Myriam ist Professorin, Forscherin, Schauspielerin und Theaterregisseurin und arbeitet derzeit als Wissenschaftlerin an der Theaterfakultät der Universität von Valparaíso. Bekannt ist sie vor allem als Aktivistin in politischen Theatergruppen, darunter die Gruppe Cristal für soziale Wiedereingliederung, die sich aus Insass*innen des Hochsicherheitsgefängnisses von Valparaíso zusammensetzt. Während der Militärdiktatur rettete Myriam mithilfe der Theaterkunst mehreren ihrer verfolgten Kamerad*innen das Leben, zum Beispiel, indem sie mit Verkleidungen und gefälschten Pässen ihre Flucht nach Argentinien ermöglichte. Die Lebensgeschichten dieser Menschen sind schockierend, denn mit dem Straßentheater riskierten sie damals buchstäblich ihr Leben. „Ich stehe voll und ganz hinter dem Straßentheater. Denn es ist eine Art der Unterhaltung, die die Dinge beim Namen nennt”, sagt Myriam heute.

Das Straßentheater ist in Chile als Ausdrucksform der untersten sozialen Schichten entstanden, als Waffe des Widerstands und des gemeinschaftlichen Ausdrucks. Und der gewalttätige Kontext, als dessen Produkt es entsteht, kehrt immer wieder. So wird das Straßentheater damals wie heute praktiziert, indem es die Kunst mit der großen Kraft eines drängenden gesellschaftlichen Sinnes in die Prekarität des Verborgenen spinnt. Es geht um den hartnäckigen Widerstand der Gemeinschaften von Bürger*innen, die versuchen, ihre Geschichte und ihre grundlegende Identität am Leben zu erhalten.

„Die Wahrheit muss heute nicht auf der Bühne, sondern auf der Straße gesucht werden. Und wenn man dem Publikum auf der Straße die Möglichkeit gibt, seine Menschenwürde zu zeigen, wird es das immer tun“, sagte der französische Dramatiker Antonin Artaud in Das Theater und sein Doppelgänger. Und wenn der Zugang zur Theaterbühne aus politischen Gründen versperrt ist, nutzen die Theaterleute eben die Straße als Bühne.

Es gibt große Vertreter*innen des Straßentheaters, darunter Regisseur*innen und Theatergruppen, die einen wertvollen Beitrag dazu geleistet haben, Chiles Geschichte auf volkstümliche Weise zu erzählen und den Menschen näher zu bringen. Dazu gehören, um nur einige zu nennen, Mauricio Celedón mit dem Teatro del Silencio, Arturo Rossel mit der Kompanie Equilibrio Precario oder Andrés Perez mit dem Gran Circo Teatro und den Yeguas del Apocalipsis. Natürlich gibt es auch in anderen Ländern Südamerikas große Vertreter*innen ähnlicher Ausdrucksformen. Wir erkennen sie alle als Früchte einer großen historischen Entwicklung an, die uns vereint.

Die eigentliche Bedeutung dieses politischen Theaters liegt jedoch nicht so sehr im Genius einzelner Autor*innen, sondern in der Zusammenarbeit und darin, die einzelnen Zuschauenden einzubeziehen und zu einer rituellen Durchquerung des öffentlichen Raums einzuladen. So wird die von den Autoritäten aufgestellte Ordnung und Erzählung hinterfragt.

Normalerweise inszeniert eine Gruppe von Bühnenkünstler*innen die Aktionen, wählt die geeigneten szenischen Mittel für jeden Anlass aus, entwickelt eine Dramaturgie, verwaltet die Proberäume und die technischen Bedingungen sowie den Entwurf von Kostümen, Kulissen, Pyrotechnik und Requisiten. Vervollständigt wird jede öffentliche Inszenierung aber erst durch die Teilnahme von Lai*innen. Das sind Teilnehmende ohne professionelle Ausbildung, die diese Art des szenischen Ausdrucks lieben und ihre Energie einbringen.

Unsere Ästhetik ruft zum Mitmachen auf. Wir wollen, dass die Menschen aus ihrem alltäglichen Individualismus heraustreten und interagieren, indem sie öffentliche Räume einnehmen – und das entgegen der Aufforderung der staatlichen Sicherheitskräfte, die uns einsperren wollen. Zu diesem Zweck schaffen wir attraktive, nicht alltägliche Bilder, die zum Nachdenken und zur Teilnahme an unseren Aktionen einladen. Wenigstens für einen Moment befreien sich die Teilnehmenden damit von der Unterdrückung. Zusammen schaffen wir eine kollektive Katharsis, die auf Zuschauer*innen und Vorbeigehende überspringt.

Diese performativen Akte sind Formen des Widerstands gegen neoliberale Logiken. Sie sind ein kollektives Angebot von uns Theaterleuten und allen, die sich dazu berufen fühlen. Ich wage zu behaupten, dass das Straßentheater für uns, die wir an diesem südamerikanischen Erbe teilhaben, eine warme Zuflucht und auch unser Schutzschild ist.

Eine der stärksten Strategien, die wir in unseren Straßentheatergruppen anwenden, ist die Konstruktion von allegorischen Figuren. Diese sind so entworfen, dass sie über das Menschliche hinausgehen, da ihre Aufgabe darin besteht, übergeordnete Konzepte darzustellen. Außerdem gibt es oft einen großen Chor, der aus einer Masse von Darsteller*innen besteht, die von diesen allegorischen Figuren bewegt werden. Anstelle von Worten sprechen Material, Musik, Farben, Zeichen, Gesten und Bewegungen. Bei den vielen Ablenkungen auf der Straße bleibt für ausführliche Dialoge ohnehin kein Platz. Visualität und Silhouette müssen attraktiv genug sein, um die Reizüberflutung in den heutigen Städten zu überwinden. Wir arbeiten mit Abfall oder recycelten Materialien, es gibt keine kommerziellen Beziehungen zu unserem Theater oder seinen Objekten. Stattdessen ist der Charakter unseres Strassentheaters flüchtig, er erfüllt die Funktion des jeweiligen Ereignisses.

Wir verwenden Zeichen, die an historische Kämpfe erinnern und mischen sie mit aktuellen Symbolen. So entsteht ein verschlüsseltes Potpourri, das historische Verbindungen zwischen den Gemeinschaften der jeweiligen Zeiten webt. So passt sich unser Erbe, das Straßentheater, mit der Zeit immer wieder an. Es stirbt nie, denn auch die Unterdrückung ist nicht tot.


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Was sind zwei Monate gegen 500 Jahre?

Straßenblockade Protestcamp bei Salinas Grandes (Foto: Lisa Pausch)

Es ist Winter in Argentinien. In Buenos Aires berichteten Protestierende, dass die Polizei es ihnen nicht erlaubte, Chemietoiletten aufzustellen oder Zelte zum Schutz gegen Kälte, Wind und Regen zu nutzen. In Jujuy hatten sich seit Mitte Juni teilweise bis zu 20 Protestcamps gebildet, der jüngste Teilnehmer war nicht einmal ein Jahr alt, die ältesten über 80. „Was sind zwei Monate auf der Straße gegen 500 Jahre Widerstand?“, sagte eine Frau in ihren 30ern an einem der Lagerfeuer.

Die Proteste in Jujuy finden unter dem Motto El Tercer Malón de la Paz statt. Malón kommt aus dem Mapudungun und bedeutet „Invasion”. Der Name knüpft an die beiden historischen Protestzüge der indigenen Völker im Norden Argentiniens an. Die Malones 1946 und 2006 versuchte die Politik mit der Aussicht auf Landtitel zu beruhigen, auf die warten die allermeisten Gemeinden bis heute.

17 Jahre später protestiert nun eine neue Generation. Die Geschichte wiederholt sich, und die Reaktionen sind immer die Gleichen. „Das ist doch alles politisch”, sagen viele und winken sogleich ab. Die Proteste seien finanziert von der Regierung in Buenos Aires. Dieses Narrativ nähren auch Medien, die der konservativ-bürgerlichen Regierung in Jujuy nahestehen. Der Gouverneur der Provinz, Gerardo Morales, spricht von einem „versuchten Staatsstreich”. Noch während der Proteste wurde bekannt, dass Morales als Vize hinter dem Bürgermeister der Hauptstadt Buenos Aires, Horacio Larreta, bei den Vorwahlen im August antreten würde. Es brauchte also ein gutes Bild aus Jujuy – und so entstanden, während die indigenen Gemeinden in den Anden protestierten, im Tal der Hauptstadt San Salvador de Jujuy Pressebilder von Handschlägen mit chinesischen Investoren. Am Tag nach den Vorwahlen und nach einem ernüchternden Ergebnis für Jujuys Gouverneur Morales, begann die Polizei, gegen das Protestcamp in Purmamarca vorzugehen. „Unser Zelt wurde zerstört, unsere Decken und Vorräte verbrannt“, berichten mehrere Teilnehmer*innen.

Am 29. August schuf die Regierung in Buenos Aires nun per Dekret eine Kommission, die innerhalb von 60 Tagen Beschwerden zu institutioneller Gewalt im Zusammenhang mit den Protesten untersuchen soll. Für die Demonstrierenden ist das ein kleiner Fortschritt, doch längst nicht genug. „Wir werden weiter protestieren, bis die Verfassungsreform fällt”, sagte Geronimo. Er ist um die 40 und gehört dem Volk der Kolla an. Geronimo heißt eigentlich anders. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in den Medien sehen, aus Angst vor Verfolgung. Straßensperren sind als Protestform laut der neuen Verfassung verboten, um – so steht es in dem Text – das „Recht auf sozialen Frieden“ zu schützen. Geronimo befürchtet, dass die Regierung mit der Verfassungsreform eine Art Blankoscheck für Bergbauprojekte über die Köpfe der indigenen Gemeinden hinweg schafft.

„Die meisten Verfassungsartikel richten sich gegen die indigene Bevölkerung”, sagt er, „sie richten sich gegen die Mutter Erde, die Pachamama, gegen unseren Lebensraum.” Mit der Reform verändert sich an vielen Stellen der Ton der Verfassung. Mehrere Sätze zur zur Verhinderung von Umweltschäden wurden gestrichen. Prominent steht in dem Text nun insbesondere der Teil, der bei schon entstandenen Umweltschäden Entschädigungen garantiert. Besonders problematisch ist ein Artikel, der sich auf staatliche Grundstücke bezieht. Viele indigene Gemeinschaften haben nach wie vor keine Landtitel und leben damit offiziell auf staatlichen Grundstücken. Die alte Verfassung garantierte die Vergabe von Landtiteln bevorzugt an Anwohner*innen und Kooperativen, die darauf arbeiten und heimisch sind. Dieser Teil wurde gestrichen.

„Lithium ist Brot für heute und Hunger für morgen”

An den Salinas Grandes kämpfen mehr als 30 Gemeinden seit 2010 auch mithilfe von Anwält*innen gegen den Lithiumabbau. Damals hatten ausländische Unternehmen Testbohrungen durchgeführt. Das ILO-Übereinkommen über indigene Völker (ILO-Konvention 169) sieht zwar vor, dass indigene Gemeinschaften konsultiert werden müssen, „wann immer gesetzgeberische oder administrative Maßnahmen, die sie unmittelbar berühren können, erwogen werden”. Die Befragungen müssen frei und unabhängig stattfinden. Doch die Unternehmen versuchen immer wieder die ILO-Konvention 169 zu umgehen, sagt die Politikwissenschaftlerin Melisa Argento. Argento forscht zu Nachhaltigkeit von Lithiumprojekten in der Region. „Die Unternehmen werben um die Zustimmung dieser vulnerablen Gruppen“ mittels Jobangeboten. Gemeinden, die sich im Widerstand gegen die Lithiumprojekte organisiert haben, lehnten solche Angebote pauschal ab, sagt Geronimo. „Es geht um unsere Zukunft, denn wenn unser Ökosystem zerstört wird, dann können wir hier nicht mehr leben.”

Nach den Zahlen zu urteilen, werden dabei kaum neue Arbeitsplätze geschaffen, meint Argento, „vor allem in der ersten Projektphase, beim Bau wird lokale Arbeitskraft gebraucht. Danach läuft das Projekt vielleicht vierzig Jahre, zerstört die Umwelt und vertreibt die lokale Wirtschaft.” Viele Gemeinschaften sagen: Lithium ist Brot für heute und Hunger für morgen.

Inzwischen hat Lipán, eine der Gemeinschaften an den Salinas Grandes, ein Abkommen mit der Regierung unterschrieben. Wenig später veröffentlichte die Pressestelle ein Foto von Kindern mit Laptops in der Hand, gespendet von einem Lithiumunternehmen. Berichten aus Lipán zufolge ist die Gemeinde inzwischen gespalten: Die Entscheidung hätten einige wenige Personen um die Gemeindevorsteherin getroffen.

Nachrichten wie diese versetzen Geronimo in Alarmbereitschaft. Denn das Grundstück, auf dem Lipán liegt, ist Teil der Salzwüste und damit Teil des Ökosystems, in dem auch Geronimo lebt. Schon in der Vergangenheit gab es Bergbauprojekte in der Region, die Mensch und Umwelt belastet haben. „Die Minen haben besser bezahlt und eine Unterkunft gestellt“, erzählt Geronimo. Eine weiterführende Schule gab es damals – anders als heute – nicht in seinem Dorf. „In der Schule haben wir nichts über unser kulturelles Erbe gelernt“, kritisiert er. „Ich habe mich erst nach der Schule mit meiner Herkunft beschäftigt. Ich habe in San Salvador gearbeitet als Bäcker, als fliegender Händler.” Auf den Straßen der Hauptstadt habe er zwar einiges gelernt, doch Diskriminierung war Teil des Alltags. Geronimo ist nach Quebraleña zurückgegangen. Heute engagiert er sich als Teil des Dorfvostands. Er möchte für die Jugendlichen Perspektiven schaffen. „Vielleicht können wir auch mit dem Tourismus beginnen. Wenn wir im Dorf noch mehr Leute sind, dann haben wir auch mehr Gewicht. Und wenn es Arbeit gibt, finden die jungen Leute hier ihre Zukunft.”


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KOLONIALISMUS, GENOZID UND PALMÖL

Niedergerissen und abgebrannt
 Die Bewohner*innen des Dorfes Chinebal mussten fliehen (Foto: Prensa Comunitaria)

„Dieser Räumungsbefehl, war eine illegale Anordnung. Der Richter Anibal Arteaga stempelte und unterschrieb lediglich ein Blatt Papier ohne Ortsangabe, auf dessen Basis die Räumung angeordnet wurde.“ So äußerte sich ein Gemeindemitglied, das aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will, gegenüber dem Radiosender America Rompe El Cerco. Im Zuge der Räumung, ging die Polizei gewaltsam gegen die Bewohner*innen vor, die sich weigerten ihre Häuser zu verlassen, insbesondere gegen Frauen und Kinder. Nur eine Stunde nach der Räumung wurden die Häuser der Gemeindemitglieder von Beauftragten des Unternehmens NaturAceites angezündet, wie die guatemaltekische Tageszeitung Prensa Comunitaria berichtet.

Tatsächlich ist die Anordnung, die im Juni ausgestellt wurde, unvollständig und enthält keine Details zum Datum oder Motiv der Räumung. Darüber hinaus sind laut Prensa Comunitaria zahlreiche Verbindungen des genannten Richters zu Korruptionsfällen, Drogengeschäften und der Kriminalisierung von Menschenrechtsverteidiger*innen bekannt.

Die Quiché Aktivistin Lucia Ixchíu begleitet das Gebiet rund um El Estor, in dem Chinebal liegt, seit 2016 im Rahmen der Solidaritätsfestivals, einem Kollektiv von Künstlern, Korrespondent*innen und indigenen/mestizischen Forscher*innen, die sich mit historischer Erinnerung, territorialer Verteidigung und politisch motivierter Inhaftierung beschäftigen.

Im Interview mit LN bestätigt Lucía Ixchíu: „Was in El Estor geschah war buchstäblich eine Strategie des Staatsterrorismus, eine Schock-Strategie und die Fortsetzung des rassistischen und kolonialen Genozids.” Über Prensa Comunitaria erkärt sie: „Die indigenen Q’eqchi’ Gemeinden kämpfen seit etlichen Jahren darum, dass ihr Landbesitz anerkannt wird. Sie bewohnten dieses Land als Erste.”

Seit der liberalen Landreform von 1871 andauernde Repression

Um die Ereignisse und die Kämpfe der indigenen Gemeinden in El Estor zu verstehen, ist es laut Lucía Ixchíu notwendig, zu begreifen, dass die Repression gegen das Volk Q’eqchi’ in dieser Region bereits seit der liberalen Landreform von 1871 und der Präsenz der Bananengesellschaft United Fruit Company in der Region andauert. „Es ist von fundamentaler Bedeutung, die Geschichte der indigenen Bevölkerung, des Genozids und der permanenten kolonialen Plünderung zu verstehen, in der sich Guatemala aktuell befindet; es handelt sich nicht um einen Diskurs der Vergangenheit, sondern um eine aktuelle Erfahrung in Chinebal, wo die Vertreibungen stattfinden.” Lucía Ixchíu verweist auf den Genozid, der während des internen bewaffneten Konflikts an der indigenen Bevölkerung begangen wurde, der sich über drei Jahrzehnte erstreckte und formell in den Friedensverträgen von 1996 sein Ende fand. Heute setze sich die Politik der Vernichtung durch den Extraktivismus fort, so Lucía Ixchíu.

Die vertriebenen Familien sind Nachkommen derer, die 1978 flohen, als 57 Bauern der Q’eqchi’ während des Massakers von Panzós von der guatemaltekischen Armee ermordet wurden. Großgrundbesitzer benutzten daraufhin die Ländereien für Viehhaltung und später für den industriellen Anbau der afrikanischen Palme. Zur Zeit der Unterzeichnung der Friedensverträge kehrten die Gemeinden auf ihr Land zurück und bauten ihre Häuser in demselben Gebiet wieder auf. Die Räumung im November 2021 war innerhalb der vergangenen zwei Jahre der elfte Versuch die Gemeinschaft zu vertreiben.

Guatemala ist nach Kolumbien in Lateinamerika das zweitgrößte Erzeugerland von Palmöl und das sechste weltweit. Palmöl wird genutzt für verarbeitete Lebensmittel, Kosmetik und Reinigungsprodukte. Zu den Auswirkungen dieser Industrie gehören die Umweltzerstörung, wie der Ökozid am Fluss La Pasión in Guatemala, sowie Hunderte von Landkonflikten und die Verletzung der Menschenrechte der indigenen und bäuerlichen Bevölkerung.

Juan Maegli Müller ist der Eigentümer der Palmölfirma NaturAceites. Er stammt aus einer Familie deutscher und schweizerischer Herkunft, die während der Liberalen Reform 1871 nach Guatemala kam.

Er beteiligte sich an der rechtsextremen Partei Nationale Befreiungsbewegung (MLN), finanzierte während des Bürgerkriegs 1970 und 1980 Paramilitärs und die repressive Aufstandsbekämpfungskampagne. Seine Familie gehört nach wie vor zu den reichsten der wirtschaftlichen und politischen Oligarchie des Landes sowie zu den größten Großgrundbesitzerfamilien in der Region. Sein Unternehmen NaturAceites exportiert in verschiedene Länder der Welt, darunter auch Deutschland. Es verfügt über das Zertifikat für Nachhaltigkeit RSPO, welches Kriterien der umweltbezogenen, sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit fördert, wie die Webseite des Unternehmens mitteilt.

Lucía Ixchíu stellt im Interview mit der Prensa Comunitaria fest, dass die Region rund um El Estor zusätzlich zu seiner jüngeren Geschichte des Genozids eines der komplexesten Gebiete in Guatemala ist. Es ist die Region Guatemalas, in der gerade ein starker Widerstand gegen den Bergbau stattfindet, und in der wo seit dem 25. Oktober 2021 ein Belagerungszustand herrscht, der auch die gewaltsame Räumung von Chinebal und die Straflosigkeit erleichterte. Im Gespräch mit LN sagte Lucía Ixchíu: „Der Widerstand gegen den Bergbau in El Estor besteht aus indigenen Autoritäten aus der gesamten Region, 97 indigenen Gemeinden, und einigen der Sprecher*innen von El Estor. In Anbetracht der Art und Weise wie die Aktion durchgeführt worden ist, glauben wir, dass die Räumung ein Racheakt gegen den Widerstand ist.“


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WIDERSTAND IN EINER DIGITALISIERTEN WELT

Protestaktion kolumbianischer Migrant*innen auf dem Tempelhofer Feld in Berlin am 24. Mai 2021 (Foto: Juan Camilo Alfonso)

Können Sie uns ein wenig über die digitalen Protestformen in Lateinamerika erzählen, die Sie kennen und zu denen Sie forschen?
Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, ich glaube, ich würde nicht fertig werden, wenn ich hier alle Proteste nennen würde. Wenn wir andersherum fragen, wäre die Antwort, dass es sehr wenige Proteste gibt, die nicht zumindest für einen Teil ihrer Interventionen oder Partizipationsformen das Internet einbeziehen. Da ist immer irgendeine Person, die ein Foto oder Video aufnimmt und dieses dann viral gehen lässt. Das Internet stellt eine Kontinuität des uns bekannten sozialen Raums dar und eine politische Arena; in dem Sinne, dass Personen sagen: Ich werde mir diesen Raum aneignen, um meine Forderungen zu artikulieren, um zu demonstrieren, dass ich mit etwas nicht einverstanden bin und gleichzeitig möchte ich ein bestimmtes Thema mithilfe diverser Strategien sichtbar machen.

In meiner Forschung beobachte ich, wie feministische Kollektive derzeit gegen geschlechtsspezifische Gewalt auf die Straße gehen. Zum einen ist in aller Munde, dass der Körper immer mehr politisiert wird, da der Protest sich so sehr gegen den Zustand der Gewalt wendet. Zum anderen politisieren sich die sozialen Netzwerke, da wir uns diese Räume für unsere Ziele aneignen, um das Ende der Gewalt und konkrete Aktionen einzufordern.

Welche digitalen Räume und Kanäle sind bisher über die sozialen Medien hinaus genutzt und sich in den Protesten angeeignet worden?
Es stimmt, dass es sich beim Internet als sozialem Raum nicht nur um die sozialen Medien handelt. Wir wissen, dass es darüber hinaus alternative Netzwerke gibt, die von Communities geschaffen werden. In Lateinamerika weitet sich die Schaffung dieser Räume gerade aus. Vor allem wird eigene Infrastruktur genutzt, zum Beispiel Server, die nicht oder in ihrer Verkettung nur teilweise mit den großen Unternehmen verknüpft sind. Außerdem wird sehr darauf gesetzt, Inhalte mit alternativen Narrativen zu schaffen, Narrative von Personen, Geschichten und Standpunkte, die nicht die hegemonialen sind. Die Mehrheit dieser Räume sind Blogs, Webseiten oder Wikis, die den sozialen Bewegungen als Archive für alle ihre Aktivitäten dienen. Die Schaffung von Inhalten hat sehr innovative Züge, hier wird das Digitale mit dem Analogen verknüpft: Die Kreation von Pamphleten wie PDF-Dokumenten, die auf den Straßen und auch auf Webseiten zirkulieren. Danach ist die große Herausforderung, all diese Inhalte archivieren zu können, weil diese oft verschwinden.

Trotzdem spielen die sozialen Netzwerke eine sehr wichtige Rolle in der Organisation der Proteste. Ich gehe hier von zwei strategischen Formen aus, die sich das Internet zum Protestieren aneignet: Einerseits sagen Aktivist*innen: „Wir wollen uns nicht die kommerziellen Räume aneignen, denn im Grunde sind Facebook, Twitter, Instagram und TikTok Unternehmen. Es ist wie in ein Einkaufszentrum zu gehen, um zu protestieren, damit füttern wir nur die Firmen und garantieren ihnen Profite.“ Denn jeder Like, auch wenn dieser im Protest gegeben wurde, bedeutet Profit für diese Unternehmen. Dagegen steht eine zweite Position, die mit dem Dilemma der Aneignung der sozialen Medien zur Organisation zu tun hat. Diese zweite Gruppe sagt: „Wir müssen uns diese Räume aneignen, weil wir so die Leute erreichen, die ihre Beziehung zu Technik politisieren müssen und auf die Straße gehen müssen.“ Das ist das doppelte Spiel des Systems.

Können Sie uns Beispiele zu weiteren Technologien geben, die sich soziale Bewe-gungen aneignen?
Es gibt eine große Diskussion darum, was wir überhaupt als Technologie verstehen können. Es geht nicht nur um diese Geräte, sondern auch darum, die Machtverhältnisse zu hinterfragen, die bestimmen, was als Technologie kategorisiert wird und was nicht. Außerdem ist die Beziehung zwischen Mensch und Maschine sehr dynamisch. Es gibt keine Trennung zwischen der Maschine und mir.

Eine dieser weiteren Technologien sind die Drohnen. Drohnen sind sich in Lateinamerika von Aktivist*innen als gegenkulturelle Objekte angeeignet worden, um Technologien mit einer militärischen und patriarchalen Genealogie zu kritisieren und um das Stereotyp der Maschine als Mann oder eines männlichen Experten hinter der Maschine zu beseitigen. In Mexiko zum Beispiel brechen feministische Kollektive genau diese Idee auf und führen eine Gegen-Überwachung des Staates als Protest durch.

Das Interessante daran ist, dass sich feministische Kollektive Drohnen nicht nur als ein Objekt der Gegenkultur aneignen, sondern eine fiktionale feminine Figur schaffen: Droncita. Diese Drohne hat ihren eigenen Twitteraccount und setzt sehr polemische Kommentare zur Politik ab. Es gibt ein Video, in dem sie eine Abbildung des damaligen Präsidenten Peña Nieto mit Graffiti besprüht, wegen des Konfliktes um Ayotzinapa und die 43 verschwundenen Studierenden, in dem der Staat verantwortlich war. Droncita besprüht ihn, um auszudrücken: Alles was du fabriziert hast, ist eine Lüge. Du bist verantwortlich.

In Brasilien gibt es beispielsweise auch ein Kollektiv, das Fones konstruiert. Fones sind Telefone, die wie eine Drohne fliegen und dabei DIY-Technologien nutzen. Diese Fones wurden in Hacktivist*innen-Schulen in lokalen Gemeinschaften kreiert, um die Gewalt der Bauunternehmen während der Arbeiten für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro offenzulegen. Diese Fotos wurden sogar in einem Prozess eingesetzt, um diese Gemeinschaften vor Raub durch Baufirmen zu schützen.

Also werden die sozialen Netzwerke und die digitalen Räume zusammen mit den Protesten auf der Straße genutzt. Wie wirkten sich diese Verbindungen im Fall von Droncita aus?
Droncita war während verschiedener sozialer Konflikte in Mexiko aktiv, besonders im Fall der 43 verschwundengelassenen Studierenden von Ayotzinapa. Droncita wurde 2015 geboren und hat seitdem die Proteste dokumentiert, um dem Diskurs der Polizei etwas entgegenzusetzten, der betroffene Familien und Protestierende revikti- misiert. Vor allem wollte sie Beweise dafür liefern, dass alles, was die Polizei gesagt hat, um die Proteste zu kriminalisieren, eine Lüge war.

Heute werden viel mehr Drohnen in Protesten eingesetzt. So viele, dass ihr Einsatz während Protesten in Mexiko sowie in ganz Lateinamerika verboten wurde. Wo sich mehr als 50 Personen versammeln, dürfen keine Drohnen fliegen. Tatsächlich gab es während der zwei letzten feministischen Proteste schon Polizist*innen die von ganz oben den Regierungspalast in Mexiko-Stadt mit Geräten, die Waffen zu sein schienen, schützten. Danach wurde in der Zeitung bekannt, dass es sich nicht um Waffen handelte, sondern um Geräte, die das Signal der fliegenden Drohnen unterbrechen konnten. Die Regierung hat wirklich Angst. Droncita missfällt ihnen.

Was tun die sozialen Bewegungen, um digitale Räume für den Protest und auch für User*innen im Allgemeinen sicher zu machen?
Das ist eine große Herausforderung, die viel Kampf und Widerstand erfordert. Der Punkt ist, dass die Gewalt während und nach einer Demonstration anhält. Es handelt sich um einen Kreislauf der Gewalt und des Widerstandes: Die Frauen gehen wegen der Gewalt protestieren, aber trotzdem sind sie am Ende des Widerstands der Gewalt ausgesetzt. Das liegt daran, dass die Plattformen zwar bei der kollektiven Organisation helfen, aber auch zu Räumen geworden sind, in denen sich die Gewalt fortsetzt. Beispielsweise gab es im Jahr 2019 zwei Proteste in Mexiko-Stadt. Vier Polizisten hatten eine Minderjährige vergewaltigt. Nach zwei Wochen hat ein in einem Museum angestellter Polizist eine weitere Minderjährige vergewaltigt (siehe LN 543/ 544). Die Straflosigkeit, besonders bei geschlechtsspezifischer Gewalt in Mexiko und Lateinamerika, ist bereits bekannt. Damals wurde zunächst eine Kundgebung mit Performances vor der Generalstaatsanwaltschaft und vor der Polizeistation von Mexiko-Stadt organisiert. Das reichte nicht aus, weshalb zu einer weiteren Demonstration am 16. August 2019 aufgerufen wurde. Diese war nicht die erste feministische Demonstration, aber sie war insofern besonders, dass die Frauen ihren Frust an strategischen Orten ausließen, wie vor der Polizeistation und an Denkmälern, auf die sie feministische Slogans oder Hashtags wie #EstadoFeminicida malten. Sie brachen mit allen Stereotypen davon, wie Frauen protestieren. Als Reaktion gab es einen Shitstorm in den sozialen Medien, der forderte, dass die Frauen an in ihren Platz, also die Küche, zurück gehen sollten. Es zirkulierten Drohungen und Aufrufe zu digitaler und sexualisierter Gewalt gegen die Aktivist*innen. Außerdem erhielten Kollektive, die zur Demonstration aufgerufen hatten, Nachrichten mit Fotos von verstümmelten und enthaupteten Körpern.

Sie haben erklärt, dass der Staat Räume reguliert, wenn soziale Bewegungen neue Technologien nutzen, wie zum Beispiel beim Verbot des Einsatzes von Drohnen. Gibt es andere Technologien oder Geräte, die genutzt werden, weil Drohnen verboten wurden?
Mir fällt nicht so ein klares Beispiel ein wie die Drohnen. Ich denke, der Staat erkennt, dass er alles, was das Internet und Apps betrifft, derzeit nicht komplett kontrollieren kann. Also wurde die Cyberpolizei verstärkt. Hier wurde viel Geld investiert, um Hacker auszubilden und generell in allen Bereichen, die etwas mit der Kontrolle von Applikationen und der Überwachung von Menschenrechtsverteidiger*innen zu tun haben. Dieses Konfliktfeld wird in den kommenden Jahren immer weiter reguliert werden.

Ich glaube, dass der Kampf in den nächsten Jahren über die Regulation des Internets ausgetragen werden wird, es wird mit dem Urheber*innenrecht anfangen und der Kontrolle der Apps, die nicht kommerziell sind. Die Mobilisierung und Proteste sind dem Staat ein Dorn im Auge und er versucht jetzt den Zugang zu Daten zu erhalten, um die Rechte im Internet weiter zu beschneiden. Das wird der nächste Kampf sein, in bestimmten Bereichen wird er schon ausgetragen und er wird sich ausweiten.


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