Was bedeutet die Sammlung von San Agustín für Kolumbien?
Sie stammt aus dem Siedlungsgebiet des Alto Magdalena, aus dem Kolumbianischen Massiv und dem gesamten Süden Huilas. Die Sammlung ist zwar klein, doch insgesamt zeugt die Kultur von San Agustín von einer etwa 2500 Jahre zurückreichenden Geschichte. Wegen der Größe der Stücke gelten sie als wichtigstes archäologisches Zeugnis in der Geschichte der Nation. Es sind riesige Skulpturen, die zu den Grabanlagen im gesamten Berggebiet gehören. Die Statuen von San Agustín sind ein grundlegender Bezugspunkt für die vorspanische Vergangenheit und für das, was Kolumbianischsein bedeutet – und ein wenig auch für die Blütezeit vor der Ankunft der Spanier.
Wie landete die Sammlung in Deutschland und wieso ist sie heute in Berlin zu finden?
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam Konrad Preuss, ein deutscher Forscher und einer der Pioniere der Archäologie und Anthropologie in Kolumbien, in den Süden des Landes. Er begann, diese archäologische Kultur zu erforschen. Teil seiner Forschung war es, einen Teil der Statuen mitzunehmen und hierher nach Deutschland zu bringen. Heute stehen sie im Ethnologischen Museum Berlin, als Teil der Sammlungen der Anthropologie-Pioniere des 19. Jahrhunderts.
Auf welchem Stand befinden sich die Gespräche zwischen Kolumbien und Deutschland über dieses Thema?
Es gibt Fortschritte im Hinblick auf eine wissenschaftliche Zusammenarbeit, die über die bloße Rückgabe der Skulpturen hinausgeht. Das erfordert, dass viel guter Wille zusammenkommt, in Bezug auf die politischen und technischen Möglichkeiten, die Zusammenarbeit im Allgemeinen und die diplomatischen Beziehungen. Bei dem Antrag auf Rückgabe waren bereits erhebliche Fortschritte erzielt worden. Ich glaube aber, dass der Regierungswechsel hier in Deutschland zu einer Änderung der Haltung geführt hat. Sollte es in Kolumbien ebenfalls zu einem Regierungswechsel kommen, ist es durchaus möglich, dass das bisher Erreichte ins Wanken gerät (das Interview wurde vor den Wahlen in Kolumbien geführt, Anm. d. Red.). Im vorigen Jahr präsentierten wir ein Dossier. Darin werden nicht nur die Hintergründe und die Informationen über die Kulturgüter und ihre Verbringung nach Deutschland ausführlich dargestellt, sondern auch Quellen und Archivdaten. Sie belegen, dass die Ausfuhr der Stücke nicht ordnungsgemäß erfolgte. Wir warten auf die Prüfung und Antwort Deutschlands, um zu sehen, unter welchen rechtlichen und symbolischen Rahmenbedingungen eine mögliche Rückgabe stattfinden würde.
Was könnten heute unterschiedliche Akteure in Deutschland machen, um Anreize für die Rückgabe der Kulturgüter zu schaffen?
Zweifellos sind wir Institutionen in gewisser Weisse verpflichtet, diplomatische Kanäle, juristische Mittel und vor allem die bilaterale Beziehung zwischen den beiden Staaten aufrechtzuerhalten.
Aber auch die Zivilgesellschaft spielt eine entscheidende Rolle, denn den Gemeinden ist die Bedeutung solcher Rückführungen mittlerweile klarer, und sie fordern diese offen ein. Ich denke, wir müssen dafür sorgen, dass diese Geschichte hier in Deutschland bekannt wird. Denn nur so kann dazu beigetragen werden, dass grundlegende Entscheidungen, politische Entscheidungen, mit Integrität getroffen werden.
Welche Projekte oder Initiativen überlegen sich der ICANH oder andere kulturelle Institutionen, um der kolumbianischen Bevölkerung die Bedeutung der Rückgabe geraubter Kulturgüter nahezubringen?
Vom Kulturministerium und vom ICANH aus haben wir versucht, die Menschen zum Nachdenken darüber anzuregen, was die Abwesenheit dieses Kulturerbes bedeutet. Erst kürzlich haben wir Ausschreibungen für Fördermittel im Bereich des Schaffens und des Forschens veröffentlicht, damit wir über das Kulturerbe sprechen können, das noch nicht zurückgeholt wurde, von dem wir aber hoffen, dass es bald Kolumbien übergeben wird. Es erlaubt uns außerdem zu reflektieren, was dieser Mangel an Informationen über unsere Vergangenheit bedeutet und den Wunsch zu entwickeln, unsere Geschichte unter unseren eigenen Bedingungen zu erzählen.
In anderen Ländern werden Debatten darüber geführt, dass Museen und Kulturräume neu gedacht werden, um die kulturelle Praxis stärker mit dem historischen Gedächtnis zu verknüpfen. Werden in Kolumbien derzeit Formate oder Projekte dieser Art konzipiert?
Die Museologie muss sich neu erfinden. Es geht nicht mehr nur darum Objekte zu betrachten ohne die Zusammenhänge oder die Bedeutung zu verstehen, sondern auch darum den Rahmen des Museums selbst zu verlassen. Die Kunst, die Geisteswissenschaften und die Sozialwissenschaften können ihre Fähigkeit zur Erneuerung und Aktualisierung unter Beweis stellen. Genau das wollen wir mit diesen Impulsen für kreatives Schaffen erreichen: eine neue Art erfinden, die Geschichte unseres Landes zu erzählen, und eine neue Art, den Menschen diese Geschichte näherzubringen. Es ist vielmehr eine Herausforderung an die Vorstellungskraft einer Nation, neue Wege zu finden, um diese Geschichte sichtbar zu machen.

Alhena Caicedo Fernández ist seit 2022 Leiterin des Kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte (ICANH). Caicedo studierte Anthropologie an der Nationalen Universität Kolumbiens und absolvierte ihren Master und Doktor in Sozialanthropologie an der Schule für fortgeschrittene Studien in den Sozialwissenschaften in Frankreich. Außerdem schloss sie einen Master in Ethnografischem Film und Dokumentarfilm an der Universität Paris-Nanterre ab. Sie war als Dozentin an der Universidad de los Andes, der Universidad Icesi und der Universidad del Magdalena tätig. Ihre Forschungen fokussieren sich auf Themen wie Neomachismus, Anthropologie des Südens, die neuen Religiositäten, und Prozesse rund um Kulturerbe.



















