Wie antikolonial ist Deutschland? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu finden – und wo soll man auch anfangen zu suchen? Betrachten wir die Aufarbeitung unserer eigenen Kolonialgeschichte, scheint Deutschlands Bewusstsein dafür im vergangenen Jahrhundert stecken geblieben zu sein. Es brauchte jahrelange Kämpfe, um etwa die M*straße in Berlin nach dem ersten Schwarzen deutschen Philosophen Anton Wilhelm Amo umzubenennen. Und wie viele ähnliche Begriffe oder Namen in der Benennung von Orten in Deutschlands Innenstädten noch immer bleiben dürfen, ist wohl kaum zu zählen.
Ebenfalls aktuell ist Deutschlands Trägheit, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die eigene Verantwortung und den Beitrag durch Waffenlieferungen am Völkermord in Gaza zu beenden. Mit Blick auf Lateinamerika könnte man sich eine Scheibe von der Petro-Regierung in Kolumbien abschneiden. Als Ko-Vorsitzende der Haager Gruppe spricht sie sich mit weiteren Staaten des Globalen Südens gegen die Straflosigkeit Israels aus. Eine weitaus entschiedenere und humanistischere Haltung dem Völkermord gegenüber ist hier erkennbar (siehe S. 34).
Eine echte Aufarbeitung der eigenen historischen Verbrechen kann nicht bei der symbolischen Präsenz von Amtsträger*innen bei Veranstaltungen zu Gedenktagen aufhören, sondern muss sich in politischen Entscheidungen der Gegenwart manifestieren. Denn koloniale Strukturen bestehen weiter: Sogar der Preis, den wir für unseren alltäglichen Kaffee zahlen, hängt mit einem kolonialen Wirtschaftssystem, von dem unter Anderem deutsche Unternehmer*innen in der Kaffeeindustrie seit Jahrhunderten profitieren, zusammen (siehe S. 30). Wie Kolonialismus das globale Wirtschaftssystem prägt, zeigen auch aktuelle Entwicklungen zum Lieferkettengesetz. Vertreter*innen aus Peru kämpfen darum, bei deutschen Behörden Gehör zu finden damit etwas gegen Regelverstöße durch deutsche Unternehmen im Ausland getan wird – während im nächsten Moment das Gesetz selbst praktisch abgeschafft wird (siehe S. 44). Das sind Entscheidungen, die bestehende Ungleichheiten in der Welt weiterführen, und ganz sicher keine antikoloniale Perspektive mitdenken.
Im Antikolonialen Oktober-Monat können wir von den Bewegungen und Initiativen in Lateinamerika und im Globalen Süden sowie von den migrantisch geprägten Solidaritätsbewegungen in Deutschland und Europa lernen. Echter antikolonialer Diskurs und Praxis halten Deutschland den Spiegel vor. Und wie hässlich das Land in diesem Spiegel aussieht, beweisen die brutale Repression gegen Demonstrationen für Gaza, der geschichtsvergessene Vorwurf des „importierten Antisemitismus“ als Rechtfertigung für Rassismus, die immer heftigeren Angriffe auf das Recht auf Asyl und die steigende Zustimmung für eine rechtsextreme politische Partei in der Bevölkerung.
„Ich ziehe als Pilgerin weiter / Mein Weinen von Rose zu Rose“: Die chilenische Musikerin Violeta Parra besang in ihrem Lied „Un río de sangre“ (Dt.: Ein Fluss aus Blut) eine Ahnenreihe von für Gerechtigkeit kämpfenden „Gefallenen“ in der ganzen Welt – von Emiliano Zapata in Mexiko bis zu Patrice Lumumba im Kongo. Parra fordert in ihrem Lied nicht nur zur Trauer auf, sondern auch dazu, dass wir mit einem „zornigen Schrei” auf die Flüsse aus Blut antworten, die durch die Welt fließen. Unsere dringende, reale Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ihren kolonialen Kontinuitäten muss dabei nicht nur bedeuten, dass wir unsere Stimmen für antikoloniale Kämpfe im Globalen Süden erheben, sondern dass wir mit all unserer vereinten Kraft die bestehenden kolonialen Strukturen in Deutschland und Europa bekämpfen.




