IN SCHÖNHEIT GETAUCHTE REVOLUTION


Bild: S. Fischer Verlag

Der Zuspruch für „Un violador en tu camino“ war und ist überwältigend, sowohl in Chile als auch international. Doch die breite Rezeption der Performance brachte auch unerwünschte Nebeneffekte mit sich. Unter anderem um diese geht es in dem zum 8. März in deutscher Übersetzung veröffentlichten feministischen Manifest des Kollektivs: Verbrennt eure Angst. Neben leidigen Selbstläufern wie Drohungen von Rechten und aus Kreisen selbsternannter „Lebensschützer*innen“, die ein striktes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen fordern, wurden LasTesis von den chilenischen Carabineros, der nationalen Polizei, wegen mutmaßlicher „Erzeugung von Feindseligkeit gegenüber staatlichen Institutionen“ verklagt. Die Klage wurde kürzlich wieder fallengelassen, doch auch von Seiten der „Macholinken“, wie LasTesis sie nennen, wurden die Künstlerinnen massiv diffamiert – bis hin zu Verschwörungstheorien, die CIA würden das Kollektiv finanzieren, um so von sozial relevanten Themen wie Rente und Gesundheitsversorgung in Chile abzulenken.
Die hinter solchen Angriffen stehenden Mechanismen thematisieren LasTesis in ihrem Manifest aus einer kollektiven Position heraus: „Was eine von uns erlebt, erleben wir alle.“ Dieser erste Satz des Prologs deutet bereits an, warum LasTesis Schwesternschaft als die mächtigste Antwort auf die Vereinzelung und Individualisierung durch Kapitalismus und Patriarchat begreifen. Konsequenterweise ist der gesamte Text in der ersten Person Plural verfasst, die proklamierte Schwesternschaft vollzieht sich im Manifest auch performativ.

Der rote Faden ist die Dekonstruktion des Patriarchats


So wird in Verbrennt eure Angst deutlich, dass LasTesis Kollektivität als Motor für eine gerechtere, von diversen Personen gestaltete Gesellschaft verstehen, die Mechanismen intersektionaler Diskriminierung durch künstlerische Aktion bekämpft. Die Übersetzung von Theorie in Kunst – eines ihrer erklärten Ziele –, aber auch die Notwendigkeit eines interdisziplinären Ansatzes, der verschiedene Kunstformen in einer Aktion miteinander vereint, sind dabei Eckpfeiler ihrer Ästhetik und Strategie zugleich, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.
Das Kapitel, das sich dem Transformationspotenzial der Performancekunst widmet, ist das stärkste des Manifests. Denn hier zeigen LasTesis eindrucksvoll, welche Überzeugungen hinter ihrem künstlerischen Schaffen stehen, und wie sie feministische Theorie in die Praxis übersetzen: Indem sie aus der Hegemonie des geschriebenen Wortes ausbrechen und es in Aktion übersetzen. Der Kollektivanspruch, in der Aktion selbst und in ihrer Rezeption, steht dabei immer im Vordergrund.
Die bevorzugte Form der Umsetzung ist die Collage, eine nicht hierarchische Anordnungstechnik, die es den Zuschauer*innen ermöglicht, die einzelnen Elemente des Kunstwerks selbst immer wieder neu zusammenzusetzen. Genau diesem ästhetischen Prinzip folgt auch das Manifest. Die einzelnen Kapitel verweisen dabei implizit aufeinander, wobei einzelne Aspekte mehrfach aufgegriffen werden. Der rote Faden ist die Dekonstruktion des Patriarchats. Das Motto: Alles beseitigen, was uns schadet. Um dieses spinnen sich zahlreiche persönliche Anekdoten, Querverweise und historische und aktuelle Beispiele patriarchaler Gewalt und Gegenwehr in Lateinamerika. So springt der Text von aktuellen Themen wie der Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und der Kernfamilie als Ausdruck männlicher Dominanz hin zu einer cis-heteronormativen Justiz, die Betroffene reviktimisiere, und zu Unschuldsvermutungen zugunsten von Tätern, die andere Wahrheiten „niedermähen“.

Ein persönliches Manifest


Die Struktur des Manifests orientiert sich an unterschiedlichen Performances des Kollektivs, deren Texte den einzelnen Abschnitten voran-*gestellt sind. Einer der Abschnitte ist dem laut LasTesis „fatalen Bündnis“ aus Patriarchat und Kapitalismus gewidmet. Während die bereits erwähnte „Macholinke“ die feministische Bewegung diskreditiere und ihre Anliegen als zweitrangig markiere – ganz nach der Prämisse Klassenkampf zuerst, Feminismus später – zeigen LasTesis auf, wie konstruiert und gefährlich diese Trennung ist. Das fatale Bündnis thematisierte das Kollektiv bereits 2018 in ihrer ersten Performance „Patriarcado y capitalismo – Alianza Criminal“ („Patriarchat und Kapital, dieses Bündnis ist fatal“), die auf Grundlage der Schriften der italienischen Feministin Silvia Federici entstand. Diese argumentiert in ihrer Studie Caliban und die Hexe, dass der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus maßgeblich über die Ausbeutung und Zerstörung widerständiger, femininer Körper gelingen konnte. Denn wenn sich Frauen nicht ihrer vorgesehenen Rolle als Mutter und Hausfrau fügten, wurden sie als Hexen verfolgt und verbrannt. In ihren zahlreichen Referenzen auf die chilenische Geschichte machen LasTesis aber auch deutlich, dass patriarchale Gewalt in allen Gesellschaftssystemen tief verankert ist. So seien auch unter der sozialistischen Regierung Salvador Allendes Lesben, trans, inter und nonbinäre Personen nicht erwünscht gewesen.
Weibliche und dissidente Körper, das betonen LasTesis in ihrem Manifest, sind damals und heute Ort der Ausbeutung und des Widerstands zugleich. Für sie sind es diese vielgestaltigen Körper, die das Patriarchat Tag für Tag herausfordern. Das Patriarchat ist für sie Brutalität und Konkurrenzkampf. Beides Konzepte, die sie gänzlich aus der Gesellschaft entfernen wollen.
Trotz aller theoretischer Unterfütterung ist Verbrennt eure Angst keineswegs ein theoretisches Manifest, sondern ein sehr persönliches. Bisweilen ist es nicht ganz einfach, den damit verbundenen inhaltlichen Sprüngen zu folgen. Doch wer sich auf die fragmentierte Struktur einlässt, erkennt schnell die Zusammenhänge. Die Wut auf das Patriarchat und die kollektiven Reaktionen auf diese Wut sind jederzeit im Fokus.
Antworten darauf, wie eine postpatriarchale Gesellschaft konkret aussehen könnte, hat das Kollektiv noch keine – und das machen sie auch transparent. Aber LasTesis zeigen auch in ihrem Manifest wieder einmal, wie produktiv Wut sein kann. Und so endet der Prolog von Verbrennt eure Angst passenderweise mit einem Aufruf, queerfeministische Kunst ständig und überall zum Einsatz zu bringen: „Subversion, in Schönheit getaucht, ist Revolution.“

 

SCHEITERNDES GENIE

So schlecht wie er in der Schule ist, muss er einfach, davon sind Rafael und seine Familie überzeugt, ein Genie sein; der unerschütterliche Glaube daran macht dieses Scheitern weniger schmerzhaft. Rafael versagt nicht nur in sämtlichen Unterrichtsfächern, auch sonst will ihm herzlich wenig gelingen. Die Entwurzelung nagt an ihm, selbst nach Jahren im Exil hat er immer noch keine Freund*innen gefunden. Nach Augusto Pinochets Putsch 1973 flohen die Gumucios nach Paris, wo Rafael seinen Alltag im Jardin du Luxembourg zwischen den Statuen von Baudelaire, Beethoven und Verlaine – wie es sich für ein Genie gehört –, seiner frisch erwachten Liebe zu Gott und, im Schlepptau seiner Eltern, dem Europakomitee der Partei Izquierda Cristiana („Christliche Linke (IC)“) verbringt. Seine Genialität findet er dabei allerdings nicht.

Als die Familie in den achtziger Jahren nach Santiago de Chile zurückkehrt (nicht ohne Probleme; Rafael und sein Bruder landen kurzerhand auf einer speziellen Liste unerwünschter Exilant*innen, „zwei gefährliche Terroristen im Untergrund“, wie er ironisch beschreibt), wird der jugendliche Rafael erstmals mit der Realität in seinem Heimatland konfrontiert, die sich unter anderem durch mehrere Tote im Bekanntenkreis äußert. „Es war meine erste Beerdigung und ich fühlte, dass ich in Chile angekommen war“, kommentiert er einen dieser Tode nüchtern. Doch das Ankommen ist so eine Sache, nicht nur wird Rafael wegen seines Akzents ausgelacht, die vergebliche Suche nach seiner genialen Ader und die vielen Ängste, die ihn plagen, verschwinden auch in Chile nicht, sie bekommen durch den drohenden Militärdienst vielmehr neue Facetten. Im Alltag beschäftigt Rafael auch sein erwachtes Interesse an Frauen, das auf herzlich wenig Gegenliebe stößt – obwohl er sich bei Treffen von Linksaktivist*innen um Anerkennung und Aufmerksamkeit bemüht.

In vielen kurzen, episodenhaften Kapiteln erinnert sich Rafael Gumucio an seine Kindheit und Jugend zurück. 1999 unter dem Titel Memorias prematuras erschienen, wurde der autofiktive Roman jetzt als Transitkind erstmals auf Deutsch übersetzt – in Schweizer Orthografie allerdings, die das „ß“ nicht kennt. Gumucios Familie ist in Chile nicht unbekannt; sein Onkel etwa war Gründer von Izquierda Cristiana, die zur Regierungskoalition Allendes gehörte. Zum Verständnis von Transitkind hilft es, sich gut mit der chilenischen Geschichte auszukennen.

Rafael Gumucio bleibt sehr nahe bei seinem Alter Ego Rafael und erzählt dadurch eine subjektive, persönliche Geschichte, bei der politische und gesellschaftliche Ereignisse nur angedeutet werden. Transitkind ist somit weniger der Roman über ein Land im Umbruch, auch wenn die Militärdiktatur als Fundament fungiert. Vielmehr ist es die Geschichte eines jungen Menschen, der Scheitern als Antrieb, Trauma als Motivation hat und auch der Gesellschaft, in die er einst geboren wurde, immer ein wenig entrückt bleibt. Mit leiser Ironie geschildert ist Transitkind somit eine erstaunlich universelle Geschichte von einem Menschen, der versucht, über das Schreiben sein eigenes Leben zu begreifen – und der erkennen muss, dass er zwar kein Genie, das aber vollkommen okay ist.

 

VERDAMMT REAL

„Dies ist ein Werk der Fiktion”, ist fett gedruckt im Impressum zu lesen. Tatsächlich ist im Fall von Die Korrupten damit gemeint, dass die Geschichte von Jorge Zepeda Patterson „weit hinter dem zurückbleibt, was in Wirklichkeit in den obersten Kreisen der Macht geschieht”. So beschreibt es der mexikanische Autor in seinen Anmerkungen am Ende des aufrüttelnden Thrillers.

Jorge Zepeda Patterson arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist in Mexiko. Im Roman wird die Figur von Tomás zu seinem beruflichen Alter Ego, dem die zugespielte Information über den Fundort der Leiche einer bekannten mexikanischen Schauspielerin zum Verhängnis wird. Er übernimmt die brisante Nachricht über die Nähe des Fundorts zum Wohnhaus des amtierenden Innenministers in eine seiner Kolumnen. Weil ihn das sogar in Lebensgefahr bringt, kommen ihm seine drei besten Freund*innen zu Hilfe: die Vorsitzende der linksgerichteten Partei PRD, ein ehemaliger Leiter des mexikanischen Geheimdienstes CISEN sowie ein Hochschullehrer.

Gemeinsam finden sie Wege, um sich gegen die Gefahr für Tomás zu wehren: Sie nehmen die Ermittlungen in dem Mordfall selbst in die Hand und holen sogar zum Schlag gegen die autoritäre Regierung der ins Präsidentenamt zurückgekehrten ehemaligen Staatspartei PRI aus.
Im Laufe der Ermittlungen der alten Bekannten werden den Leser*innen sowohl die Machenschaften als auch die politische Mentalität der Einflussreichen und des organisierten Verbrechens vor Augen geführt. Patterson nimmt dabei auf tatsächliche Ereignisse der jüngeren Geschichte Mexikos Bezug, die zeigen, in welch hohem Maße Korruption und Gewalt normal geworden sind.

Was in einem Krimi sonst als Stilmittel gebraucht wird, um die Protagonist*innen ohne die Polizei auskommen zu lassen, ist in Mexiko Normalität: 98 Prozent aller Verbrechen im Land bleiben straflos, weil die Polizei oder Staatsanwaltschaft nicht ermittelt. Zöge man einmal die ungewöhnlichen Fähigkeiten der drei Freunde von Tomás ab, wäre er in einer ähnlichen Situation unter realen Bedingungen machtlos.

Überraschen dürften die detaillierten Schilderungen der ausufernden Korruption – vor allem in Mexiko – niemanden. Doch Patterson bietet darüber hinaus eine psychologische Perspektive an, die den moralischen Perversionen der politischen Klasse und der extremen Gewalt des organisierten Verbrechens einen erkenntnisreichen Kontext gibt. Nicht zuletzt werden auch die Herausforderungen eines zivilen Lebens angesichts der Normalität von Mord und dem gleichbedeutenden Verschwindenlassen thematisiert.

Die szenenhaften Kapitel laufen wie ein Film vor dem inneren Auge ab – da ist es nicht verwunderlich, dass Netflix gerade eine Serie auf der Grundlage von Die Korrupten produziert. Das Ergebnis kann sich hoffentlich genauso sehen lassen wie die ebenfalls in Mexiko spielende Serie Tijuana, die sich mit den Herausforderungen des Journalismus angesichts der systematischen Gewalt auseinandersetzt.

Zweifellos tragen Pattersons scharfsinnige Beobachtungen dazu bei, den Wahnsinn der Gewalt und Korruption zu entlarven, doch das ist eine Geschichte mit Fortsetzung: Die Korrupten ist der erste Teil einer Romantrilogie, auch der zweite Teil Milena ist inzwischen auf Deutsch erschienen. Die Übersetzung des letzten Bands Los Usurpadores (Die Thronräuber) kann also mit Spannung erwartet werden.

 

SPUREN DER DIKTATUR

Mariana gehört der Oberschicht Chiles an: Sie muss sich um Geld keine Sorgen machen, nicht um den Haushalt kümmern, und verbringt ihre Tage mit Shopping, dem Leiten einer Kunstgalerie und lässt sich – eher widerwillig – mit Hormonspritzen behandeln, da sich ihr Ehemann Kinder wünscht. Es ist ein sorgloses Leben, aber auch ein monotoner Alltag. Um dieser Routine zu entfliehen, nimmt Mariana Reitstunden beim 20 Jahre älteren Juan, „El Coronel“ genannt. Schnell erfährt sie, dass gegen ihn wegen Menschenrechtsverletzungen ermittelt wird. Welche Rolle hatte Juan während der Diktatur inne? Und was weiß er von verschwundenen linken Aktivist*innen in den siebziger Jahren? Anstatt sich mit diesen Fragen zu beschäftigen und auf Abstand zu gehen, erhöht in Marianas Augen das Wissen um Juans Schuld seine Attraktivität.

Vieles bleibt unausgesprochen

In ihrem zweiten Spielfilm Los Perros zeigt die Regisseurin Marcela Said, wie aktuell die Vergangenheit sein kann. Auch nahezu 30 Jahre nach dem Übergang in die Demokratie sind die Spuren der Diktatur in Chile deutlich sichtbar, viele der Täter nach wie vor auf freiem Fuß. Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden aber nicht nur von Einzelpersonen begangen. In diesem Land gebe es zu viele passive Komplizen, sagt der ermittelnde Polizist. Zu denen gehört auch Mariana. Nicht nur ignoriert sie bewusst, warum sich ihr Vater und Juan bereits seit der Diktatur kennen; zwischen ihr und Juan entwickelt sich außerdem eine Affäre. Und eben dadurch wird Mariana zur Komplizin.

Inhaltlich wie optisch ist Los Perros ein kühler, mitunter schwer zugänglicher Film, in dem vieles unausgesprochen bleibt. Grandios sind Antonia Zegers und Alfredo Castro, die gekonnt diese arroganten, leeren, ambivalenten und auf faszinierende Weise abstoßenden Protagonist*innen darstellen, bei denen nie klar ist, wer eigentlich wen dominiert.
Gerade Mariana ist sehr komplex: Einerseits kann und möchte man für diese Frau, die genauso leer ist wie ihr Gegenüber, keine Empathie aufbringen. Andererseits wird ihr Wunsch nach Ausbruch bedingt durch die Art, wie sie die Männer in ihrem Leben behandeln, ein wenig verständlich – mit ihrem Ehemann findet kaum Kommunikation statt, der Vater nimmt sie als Geschäftspartnerin nicht ernst.
Die Botschaft von Los Perros ist deutlich: Auf Gerechtigkeit darf man nicht hoffen. Bei aller Schuld, welche die Elite Chiles durch ihre Kollaboration und ihr Schweigen auf sich nimmt, ist der Preis, den die Figuren am Ende zahlen, trotzdem hoch: allumfassende Einsamkeit.

DIE ENTFERNUNG DIE UNS TRENNT

 

Renato Cisneros ist 18 Jahre alt, als sein Vater 1995 stirbt. Er weiß, dass Luis Federico Cisneros, genannt „El Gaucho“, im peruanischen Militär hohe Posten bekleidete, doch erst Jahre nach seinem Tod beginnt er, sich ernsthaft mit dessen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wer war dieser Mann wirklich? Welche Macht besaß er während den diktatorischen Präsidentschaften von Francisco Morales Bermúdez und Fernando Belaúnde? Was weiß er über die Verschwundenen, die Toten jener Zeit?
„Dies ist ein Buch über ihn oder jemanden, der ihm sehr ähnlich ist, verfasst von mir oder jemandem, der mir sehr ähnlich ist. Ein Roman, keine Biografie“, sagt Renato Cisneros gleich zu Beginn von Die Entfernung, die uns trennt, denn er weiß, „dass jede Wiedergabe dieser Wirklichkeit zur Fälschung, zur Verzerrung, zum Trugbild verdammt ist“. Dennoch bemüht er sich um Wahrheitsfindung. Und die fängt bei der Familie an.

Eine verhasste öffentliche Figur als Vater

Enttäuschende Väter und illegitime Liebschaften ziehen sich durch die Geschichte der Familie Cisneros. Auch der „Gaucho“ lässt die große Liebe in seinem Geburtsland Argentinien zurück, als er nach Peru, das Land seiner Familie, zurückkehrt. Dort zeugt er später erst mit der einen, dann mit der anderen Frau insgesamt sechs Kinder. Kurz nach Renato Cisneros’ Geburt wird der Vater zum Innenminister ernannt, ist oft abwesend, und erzieht die Kinder mit strenger Hand. Er unterdrückt sie, um sie „hart“ zu machen. Und doch gibt es die Momente der Nähe und des Stolzes, die der kleine Renato eifrig herzustellen versucht. Erst nach 150 Seiten nähert sich der Autor der politischen Seite des Vaters an und ändert somit radikal die Perspektive. Nun geht es weniger um den Papá denn um den Politiker, der Freund und Bewunderer von Pinochet, Videla und Viola ist, enge Beziehungen mit den Folterern der argentinischen Militärdiktatur pflegt und in seinem eigenen Land für Entsetzen sorgt.
Gewiss, Die Entfernung, die uns trennt hat in Peru, wo der Name Cisneros jeder und jedem geläufig ist, eine ganz andere Bedeutung als für deutsche Leser*innen. Das macht den Roman aber nicht weniger eindringlich. Er liefert nicht nur einen guten Einblick in rund drei Jahrzehnte peruanischer Geschichte (samt zahlreicher Unruhen), erzählt aus einer persönlichen, intimen Sicht. Das Buch ist auch das Zeugnis eines Mannes, der versucht, die öffentliche, verhasste Figur mit dem privaten Vater in Einklang zu bringen, der Abscheu und Horror ob der Taten, von denen er erfährt, empfindet, ohne dabei aufzuhören, ihn zu lieben und zu verehren.
Die Entfernung, die uns trennt ist weder Abrechnung noch Rechenschaft. Das Buch ist eine literarische, psychologische wie kritische Auseinandersetzung um die Frage, welche Faktoren bestimmend dafür sind, zu was für einem Menschen man sich entwickelt, und welchen Einfluss das auf die nächste Generation haben kann. Wie sehr der Vater sein eigenes Leben geprägt hat, realisiert Renato Cisneros erst im Verlauf der Recherche: „Wie viel haben die Kinder der Cisneros unternommen, um etwas Wirkliches über ihren jeweiligen Vater in Erfahrung zu bringen? Wie viel haben sie als Kinder erlebt, was sie als Erwachsene nicht verziehen haben? Wie viel, was ihnen schadete und was sie nicht erzählten, als sie selbst zu Vätern wurden?“

 

SIEBEN LEERE SEELEN

Nichts ist sicher, nicht die Vergangenheit oder die Erinnerung, nicht die Gegenwart, erst recht nicht die Zukunft. Und schon gar nicht das eigene Zuhause. Sieben leere Häuser heißt Samanta Schweblins Band mit sieben Erzählungen, doch es geht auf den ersten Blick gar nicht so sehr um die Häuser selber, sondern darum, wie ihre Protagonist*innen die Häuser verlassen, einem unerklärlichen Drang folgend, dem sie sich nicht widersetzen können.

Schweblin, 1978 in Buenos Aires geboren, lebt zurzeit in Berlin. Nach dem Erzählband Die Wahrheit über die Zukunft (2010) und dem Roman Das Gift (2016; s. LN 503) ist Sieben leere Häuser nun ihr drittes Buch in deutscher Übersetzung. Die Erzählstimmen sind die von sechs Frauen unterschiedlichen Alters und eines Mannes. Da ist zum Beispiel die offenbar demente Lola, die auf der Suche nach dem Tod ist und ihn nicht finden kann, weil sie glaubt, von dem Nachbarsjungen terrorisiert zu werden. Da ist der Mann, der sich vor seiner Ex-Frau für seine nackt durch den Garten tanzenden Eltern rechtfertigen muss, und die Frau, die nur mit einem Bademantel bekleidet ihre Wohnung verlässt, um einem Gespräch mit ihrem Partner aus dem Weg zu gehen und schließlich im Wagen des Hausmeisters eine Spazierfahrt durch Buenos Aires beginnt. Und da ist ein achtjähriges Mädchen, das sich an seinem Geburtstag die Aufmerksamkeit der mit dem Notfall der kleinen Schwester beschäftigten Eltern zurückerkämpft, indem es mit einem fremden Mann ausbüxt, um eine Unterhose zu kaufen.

Einige Figuren suchen die Grenzüberschreitung, um sich lebendig fühlen zu können. Andere wiederum klammern sich auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins an irgendeine Art von Ordnung – wie die der Lebensmittel im Kühlschrank oder des perfekten Zuschnitts der Pinien im Garten – oder legen repetitive Verhaltensmuster an den Tag, werfen zum Beispiel regelmäßig die Klamotten des verstorbenen Sohnes in den Nachbargarten oder fahren in reichen Vierteln herum, um sich dort die Häuser anzusehen und wertvolle persönliche Dinge zu stehlen, nur um diese dann im eigenen bescheidenen Garten vergraben zu können.

Manche der Erzählungen eskalieren am Ende, andere lassen uns im Ungewissen. Die Sprache, im Einklang mit der unterschwelligen Spannung, ist auch in der Übersetzung lakonisch, schlicht und geradlinig. Die Gefahr lauert in allen Ecken, doch wir wissen meistens gar nicht, worin sie besteht oder warum sie überhaupt gefährlich ist. Wir wissen nur, dass alle Figuren etwas verloren haben oder etwas zu verlieren glauben, dass sie trotz der Gesellschaft der Familie oder der Partnerschaft, in der sie sich allesamt befinden, schonungsloser Einsamkeit ausgesetzt sind und dieser zu entkommen versuchen, indem sie durch die Straßen ziehen und sich Fremden anvertrauen, ohne jedoch je wirklich etwas preiszugeben. Namenlos die meisten Erzählstimmen, namenlos die Fremden. Er, sie, die Frau, mein Mann, meine Mutter. Schweblin führt uns rücksichtslos in die Hölle der zwischenmenschlichen Beziehungen des 21. Jahrhunderts und lässt nichts als leere Häuser und leere Seelen zurück. Und das auf äußerst virtuose Art und Weise.

 

DER KLÜGERE FRAGT NACH

Schon immer fühlte sich Jeremías irgendwie unverstanden. Eine Kostprobe: „Mama, stimmt es, dass die ganze Erde sich langsam erwärmt. Es könnten die Pole abschmelzen. Macht dir das nicht Angst?“ Antwort: „Ob ich Angst vor Wärme habe? Wir bringen die Klimaanlage schon wieder in Gang.“

Jeremías ist acht Jahre alt und hat eine ganze Reihe Fragen, mit denen er sein Umfeld irritiert. Damit kommt er erwartungsgemäß in der Schule nicht gut an. Die harmlose Frage, was er werden möchte, nimmt er ernst. Er findet einen Freund in einem 80 Jahre alten Besitzer eines Buchladens, der ihn auf eine erste Fährte lenkt: das Schach spielen. Als eine Hochbegabung bei Jeremías festgestellt wird, eröffnen sich für ihn neue Möglichkeiten. Von nun an probiert der sympathische kleine Klugscheißer alles mögliche aus, um herauszufinden, was er mit seiner Begabung im Leben anfangen möchte. Jeremías ist zwar so klug wie Einstein, nur wo die Reise mit ihm hingeht, weiß er natürlich nicht. Der herrlich ehrliche und erfrischend freche Jeremías, von Martín Castro wunderbar gespielt, zieht die Zuschauer*innen spielerisch auf seine Seite.

Was die Komödie so sehenswert macht, sind neben den gelungen Charakteren, die ohne albernen Schabernack auskommen, vor allem die realen Themen aus dem Leben einer mexikanischen Familie. So möchte die Mutter ihren Schulabschluss nachholen, doch der Vater gibt seine Erlaubnis nicht. Jeremías versucht sie zu trösten, indem er erklärt, 48 Prozent der Bevölkerung habe keine abgeschlossene Schulausbildung. Derart schafft es der Film innerhalb einer angenehmen Erzählstimmung in der echten Welt zu spielen. Wohl aus diesem Grund ist er in Mexiko 2015 so erfolgreich in den Kinos gelaufen.

Jeremías – Zwischen Glück und Genie bedient sich gekonnt an der humoristischen Theke. Dabei bleibt vielleicht kein Muskelkater durch Lachkrämpfe zurück, aber es entsteht der beste Eindruck für eine gelungene Komödie: nicht nur veralbert worden zu sein.

AUSGETRETENE WEGE

Eines gleich vorweg. Ich bin selbst gereist. Auch durch Südamerika, habe viel erlebt und Menschen davon berichtet. Wahrscheinlich tendieren Europäer*innen, die auf anderen Kontinenten unterwegs sind, dazu, ihresgleichen kritisch zu beäugen, sich seltsam zu finden. Das ging und geht mir so. Damit möchte ich meine Perspektive offen legen und es anders machen als Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma in ihrem bei National Geographic erschienenen Reisebericht.

Da sie bei der Konfrontation mit wesentlich anderen gesellschaftlichen Verhältnissen und teilweise großer materieller Armut nicht über die eigene (deutsche) Gesellschaft und die eigenen Privilegien nachdenken, bleibt ihr Buch vor allem langweilig.

Zwei Jahre lang trampen und wandern die beiden durch Südamerika und bringen so 56.000 km Strecke hinter sich. Sie haben jedes einzelne Land besucht und alle bekannten Touristenattraktionen abgeklappert. Ihre Übernachtungen organisieren sie über Couchsurfing. Viel erfährt der/die Leser*in allerdings nicht über die Menschen, die die Rucksackreisenden bei sich aufnehmen. Dafür gibt es ausufernde Beschreibungen der zahlreichen Wanderungen durch Dschungel oder auf schneebedeckte Berge.

Hin und wieder stören sich die Backpacker*innen an anderen Tourist*innen, die ihnen mit ihrer Multifunktionskleidung peinlich vorkommen. Dass dann aber nicht einmal in den bolivianischen Minen von Potosí ein Wort über den Kolonialismus und dessen Folgen verloren wird, ist enttäuschend. An wohl kaum einem Ort zeigt sich der Strang der europäischen Ausbeutung so eindrücklich. Zumindest den meisten.

Die koloniale Brille schimmert dann durch die Zeilen des Buches, wenn Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma einen Bullenkampf in den ecuadorianischen Anden beschreiben, wo von Selbstüberschätzung gezeichnete Besoffene ein albernes Spektakel veranstalten. Ähnliche Töne klingen an, als das Fahren von Kutschen in der kolonialen Stadt Cartagena als romantisch wahrgenommen oder Guyanas Hauptstadt Georgetown als einzige stinkende Kloake beschrieben wird, da die Guyaner*innen es nach dem Kolonialismus nicht fertig gebracht haben, das hervorragende Abwassersystem zu erhalten.

In Chile nehmen die Backpacker*innen eine tiefe Traurigkeit wahr, die das ganze Land durchzieht und in deren Anbetracht die chilenischen Frauen ungehalten zu ungesunden Lebensmitteln greifen und in Fettleibigkeit versinken.

Dieses Südamerika bleibt in diesem Buch das Land der Anderen. Und die sind korrupt, unpünktlich und halten sich nicht an Verkehrsregeln, können aber gut tanzen und sind in der Karibik total entspannt.

Unter dem Strich ist „Per Anhalter durch Südamerika“ nicht viel mehr als ein ausformulierter Reiseführer, da aber sicher einer der besseren. Alle, die glauben, dass man beim Trampen nicht mitgenommen und beim Couchsurfen ausgeraubt wird, kann dieses Buch vom Gegenteil überzeugen. Allerdings sind die Bilder, die die Autor*innen von Menschen und Gesellschaften zeichnen, stark und brennen sich schnell in das eigene Bild der Welt ein. Wer sich also etwas von einem Ort erzählen lässt, in dem er selber noch nicht war, der sollte sich gut überlegen, von wem.