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Freiheit ist die Partykönigin

Die chilenische Band Chico Trujillo hat mit Reina de todas las Fiestas (Königin aller Partys) ihr achtes Album herausgebracht, das sie im Oktober in Berlin vorstellten. Auf ihrer neuen Platte sind sie zu den Ursprüngen lateinamerikanischer Folklore zurückgekehrt.

„Na endlich“, dürften die meisten Fans gedacht haben. Drei Jahre mussten sie auf das neue Album der chilenischen Band Chico Trujillo warten.  Die Chicos sind inzwischen weit über die Grenzen Chiles hinaus bekannt und haben auch viele treue Anhänger*innen in Europa. Die Vorstellung ihres Albums Reina de todas las Fiestas (Königin aller Partys) in Berlin war demnach auch eine große Party und ein Wiedersehen mit vielen alten Freund*innen, denn die Band lebte in den 2000er Jahren längere Zeit in der deutschen Hauptstadt.
Auch auf dem neuen Album ist ihr Stil unverkennbar. Sie selbst charakterisieren ihn als Cumbia Chilombiana, eine eklektizistische Mischung verschiedener Musikstile, wobei Cumbia die immer wiederkehrende Referenz ist.
Die volkstümliche Cumbia ist ursprünglich an der Karibikküste Kolumbiens entstanden, beeinflusst von indigener und afrokolumbianischer Musik. Heute ist sie wieder mehr in Mode denn je und wird von Mexiko bis Patagonien auf dem gesamten lateinamerikanischen Kontinent gespielt, inspiriert von verschiedenen Musikstilen. Auch die Chicos sind weit mehr als eine klassische Cumbia-Truppe. Sie sind geprägt von Punk, Rock, Ska und Reaggae – schließlich hatten sie sich in den 90er Jahren bereits unter dem Namen La Floripondio als Punk/Ska-Band gegründet.
Auf ihrem neuen Album sind sie noch weiter zu den Ursprüngen lateinamerikanischer Folklore zurückgekehrt und haben verschiedene traditionelle Musikstile adaptiert: „Im Vergleich zu den älteren Alben hat das neue die meisten Einflüsse aus traditioneller lateinamerikanischer Musik.“ erklärt Sebastián Cabezas, Trompeter der Band, im Gespräch mit LN vor dem Konzert in Berlin.
Der titelgebende Song etwa ist in Zusammenarbeit mit der Banda Wiracocha entstanden, einer dreißigköpfigen Brassband aus dem Norden Chiles, deren Klänge von der Aymara-Tradition beeinflusst sind. Auch bei La cura del espanto sind die musikalischen Einflüsse aus dem Altiplano unüberhörbar. Der Song Se nota en el ambiente que tenemos que partir hingegen ist im Stile der Ranchera, der traditionellen und volkstümlichen Musik Mexikos. Musikalische Unterstützung für einzelne Songs bekamen sie von so illustren Künstler*innen wie dem argentinischen Rockmusiker Kevin Johansen oder dem aus Chile stammenden Rapper Rodstarz vom Hip Hop-Duo Rebel Diaz, der heute in New York lebt.
Chico Trujillo ist eine Band, die Konzerthallen und Partys zum Kochen bringt: Der treibende  Rhythmus lockt selbst notorischen Nicht-Tänzer*innen einen Hüftschwung hervor. Ihre Texte sind dazu leicht verdaulich und handeln von Liebe, dem Ende der Liebe und vom Feiern. „Unsere Botschaft ist sehr direkt: Wir sollten immer versuchen, es uns gut gehen zu lassen und die Dinge zu feiern, die wir haben.“, erklärt Cabezas. Doch so banal, wie es womöglich erscheint, ist es offenbar nicht gemeint. Denn, so der Trompeter weiter, die Geschichte Chiles sei geprägt durch Unterdrückung, und Kritiker*innen wären unter Pinochet aller ihrer Rechte beraubt worden. Das Recht darauf, das zu tun, was man für sich persönlich für das Richtige hält, lebten die Chicos mit ihrer Musik in der Zeit der Post-Diktatur. Und damit die kompromisslose Freude am Leben gegen das chilenische Establishment, das, so Cabezas, bereits während der Diktatur profitiert habe und bis heute am Status Quo festhalte. So ist es konsequent, dass die Chicos die Freiheit zur Königin aller Partys küren, wie es in einer Zeile ihres titelgebenden Song heißt (Ay libertad, reina de todas las fiestas).
Obgleich ihre Texte keine gesellschaftspolitischen oder sozialkritischen Themen behandeln, mischen sie sich in politische Debatten ein. Sie solidarisieren sich mit dem Kampf der Mapuche oder den Opfern und Hinterbliebenen von Ayotzinapa. In Holland spielten sie bei der diesjährigen Tour für Geflüchtete. „Wir hatten das Glück, etwas von der Welt zu sehen. Da wurde uns klar, dass wir tatsächlich alle gleich sind. Wie können wir da nicht solidarisch sein mit den Menschen, die im Regen stehen gelassen werden?“, so Cabezas. Auf ihrem neuen Album zeigen die Chicos in gewisser Hinsicht, wie sich diese Überzeugung musikalisch übersetzen lässt: Grenzen zwischen den traditionellen und folkloristischen Rhythmen und modernen Klängen werden abgelehnt und aufgebrochen, um zu etwas Neuem zu werden. Zu Cumbia Chilombiana, die nun noch „lateinamerikanischer“ daherkommt. Gute Laune und eine großartige Party sind garantiert.

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