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Zwischen Bühne und Barrio

Der Beat hämmert aus den Boxen und eine tiefe Stimme rappt, scheinbar ohne Luft zu holen. Das Gesicht ist verborgen hinter der Maske eines südamerikanischen Kriegers. Die Worte reihen sich hart aneinander, richten sich immer wieder gegen das System, Takt für Takt für Takt. Nach dem Konzert erscheint hinter der Maske ein fröhliches und hübsches Mädchen. Lucia Vargas strahlt über das ganze Gesicht, die begeisterte Stimmung des Publikums hat sie angesteckt.
Die 26-jährige Kolumbianerin weiß, was sie will: Musik machen und damit auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, die in ihrer Heimat an der Tagesordnung sind. Sie will etwas verändern.
Lucia ist kein Neuling. Seit acht Jahren ist sie in der Hip-Hop-Szene Bogotás zu Hause. Rappen hat sie auf der Straße gelernt und ihre ersten Jahre als Künstlerin in dem Rap-Duo Por Razones de Estado verbracht. An der Seite ihrer Freundin Diana Avellas hatte sie ihre ersten Auftritte vor Publikum, schrieb Texte und lernte, sich als Frau durchzusetzen in einer Szene, in der Mädchen auf der Bühne gern belächelt werden.
Seit drei Jahren arbeitet Lucia Vargas als SoloKünstlerin. Auf der Bühne ist sie jedoch selten allein, denn sie wagt musikalische Experimente mit Vertreter_innen anderer Genres, auf die sich die meisten ihrer männlichen Kollegen nicht einlassen: Sie rappt zu den Reggaebeats der achtköpfigen Combo Ganyarikies aus Bogotá, kombiniert ihre Botschaften mit Rock der kolumbianischen Band Desarme und steht neben den Jungs der Hardcore-Gruppe Resplandor auf der Bühne. Doch ihre Projekte beschränken sich nicht nur auf Südamerika. Auch mit Musiker_innen aus Deutschland und Mexiko, den Niederlanden und Dänemark hat sie Tracks aufgenommen, die auf ihrer neuen Platte erscheinen sollen.
Wichtiger noch als verschiedene Musikstile sind Lucia die Botschaften, die Musik vermitteln kann. Die Musikproduktionsstudentin mit den himmelblauen Augen will ihren Liedern Texte mit Tiefgang verpassen. Sie trägt Masken, damit nicht ihr hübsches Gesichts auffällt, sondern ihre Worte. Sie spricht und singt über den Jahrzehnte andauernden Bürgerkrieg in Kolumbien, die problematische Situation von Frauen, Kindern und Indigenen und die Interessenkonflikte zwischen Bevölkerung und multinationalen Konzernen. Was Lucia Vargas jedoch auszeichnet, ist ihr Bestreben, nicht nur andere aufzurütteln, sondern selbst aktiv zu werden. Ihr reicht es nicht, auf der Bühne zu stehen und die ungerechten Verhältnisse in ihrem Land anzuprangern.
2005 rief sie Sur del Cielo ins Leben, ein regierungsunabhängiges Projekt zur Jugend- und Sozialarbeit in den Barrios ihrer Stadt. Um den Kindern und Jugendlichen sozial schwacher Familien Alternativen zu Kriminalität und Drogen nahezubringen, gibt Lucia mit Freund_innen Kurse in Rap, Grafitti und DJing. Die jungen Teilnehmer_innen sind zumeist Opfer der anhaltenden organisierten Kriminalität, manche von ihnen haben den Bürgerkrieg zwischen Guerillas, Paramilitärs und Regierungstruppen als Kindersoldat_innen selbst miterlebt. Statt mit Waffen sollen diese Kinder jetzt lernen, mit Musikinstrumenten und Sprühdosen umzugehen, um ihre Erfahrungen zu reflektieren und zu verarbeiten. Alle vier Wochen werden mit den Kursteilnehmer_innen festivos veranstaltet, Veranstaltungen, in deren Vordergrund der spielerische und kreative Umgang mit Menschenrechten, gesellschaftlichen Vorurteilen und anderen politischen und sozialen Fragen steht. So bringt sie auch den Jüngsten bei, was sie mit ihrer Musik immer wieder zu verstehen gibt: dass es sich lohnt, sich für gerechtere Verhältnisse einzusetzen.

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