In dieser kurzen Rezension wird die Meeresspalte (siehe Gedicht LN-624) vorgestellt, durch die das ruhige Wasser aus der Lagune in den wilden, offenen Ozean fließt. Auch Esther Margaritas bleibt nicht am Ufer. Die Gedichte der chilenischen Schriftstellerin und Performancekünstlerin verströmen eine Intensität von Begehren, von verschwiegener Geschichte, von Tod und Rebellion. Meeresspalte vereint Gedichte, die Margaritas zwischen 2016 und 2021 geschrieben hat. Im ersten Band Ungehorsam spiegeln sich homosexuelles Begehren, welches nicht ausgelebt werden kann, Unterdrückung und Gegenwart von Krankheit wider, aber auch verspielt-traurige Gedichte wie das von einer Meerjungfrau, deren sexuelles Begehren nicht erfüllt werden kann.
Die Gedichte aus „Lagrimal“ (2020) erzählen von verflossenen Liebhabern. Der Titel der Sammlung bedeutet Tränendrüse und spielt auf das Madrigal an, ein „Tränenlied“, wie Übersetzerin Nora Zapf in einem kurzen Glossar erläutert, dem auch die Definition der Meeresspalte entnommen ist. Entsprechend nostalgisch, schwelgerisch bis verzweifelt sind die Erinnerungen. Sie wechseln zwischen melancholisch-poetisch-verträumten Beobachtungen und dem schroffen Kontrast des unmittelbar Körperlichen, sind roh, rhythmisch, sind Sex, und dann wieder verliebt-naiv. „Du stehst auf Wiederholungen, stimmts“, adressiert das Gedicht einen ehemaligen Liebhaber, aber auch die Autorin selbst. Übersetzerin Nora Zapf findet dabei immer die angemessen poetischen oder harschen Worte für das Zarte, Vulgäre und Widersprüchliche. Auch das Meer kommt zurück und Margaritas nicht an Alfonsina Storni vorbei, jener legendären argentinischen Dichterin, die ins Meer ging: „Wir sind nicht Alfonsina, aber dein Element ist das Wasser.“
Der Band schließt mit den etwas kürzeren und abstrakteren Gedichten aus „Ringelblume. Verwüstungen eines Transmädchens“, von denen wir „Trans* Gedächtnis“ für die vorherige Gedichtseite ausgewählt haben. Hier spielen das Trans-Sein eine große Rolle sowie die Natur: sei es der Regen im Süden oder die titelgebenden Blumen. Tod, Suizid und Pandemie, aber auch die unbändige Lust, zu leben, sind präsente Themen, denn wie Margaritas schließt: TRANSilvanien stirbt nicht, nein.
Erschienen ist der Lyrikband in dem kleinen Kölner Verlag parasitenpresse. Das Titelbild von einer in Valparaíso inhaftierten trans Frau hat die berühmte chilenische Sängerin Mon Laferte zur Verfügung gestellt. Margaritas wiederum performiert in Lafertes Lied „Metamorfosis“ einen Auszug aus ihrem Gedicht. Mit Bitácora trans (Trans Logbuch) ist in Chile letztes Jahr ein weiterer Gedichtband von Esther Margaritas erschienen. Hoffentlich wird auch dieser bald übersetzt.





