
Bolivien hat gewählt und den Christdemokraten Rodrigo Paz zum neuen Präsidenten bestimmt. Wie blicken Sie auf Paz?
Bernardo Muiba Yuco: Zunächst waren wir sehr misstrauisch gegenüber den Vorschlägen beider Kandidaten. Sie versprachen unter anderem, die Indigenen Ländereien aufzuteilen und in individuelles Eigentum zu überführen. Wir kannten bereits die Politik von Paz’ Widersacher Quiroga, daher war für uns klar, dass wir ihn nicht unterstützen würden. Mit den Christdemokraten und Rodrigo Paz haben wir anschließend Verhandlungen aufgenommen und uns darauf geeinigt, dass Paz als Präsident unsere hart erkämpften Rechte als Indigene respektieren wird. Dazu gehören vor allem unsere Autonomie sowie die kollektive Verwaltung unserer Ländereien.
Ursprünglich hatten die Indigenen Organisationen immer die Bewegung zum Sozialismus (MAS) unterstützt. Warum war das diesmal nicht so?
Bernardo Muiba Yuco: Wir haben die MAS stets unterstützt, weil wir dank ihr viele Verbesserungen erlebt haben. Aufgrund der internen Spaltung war dieses Mal jedoch völlig unklar, welche Kandidatur wir überhaupt unterstützen sollten. Der ganze Konflikt und die Spaltung haben dazu geführt, dass wir uns diesmal von der MAS distanziert haben. In den letzten Jahren hat die MAS die einzelnen Territorien vernachlässigt. Es ging nur noch um interne Machtkämpfe und den Aufbau von Parallelorganisationen, um die eigene Position zu sichern. Wir beschlossen daher, uns nicht einzumischen und abzuwarten, bis sie ihre Konflikte intern klären – denn keine der Positionen hat uns wirklich vertreten. Es war besser, einen Schritt zurückzutreten. Die MAS hat vergessen, dass sie all die Jahre nur dank der Unterstützung der Indigenen Völker an der Macht blieb. Dieses Mal war das nicht mehr der Fall.
Was hat die MAS nach 20 Jahren in der Regierung hinterlassen?
Bernardo Muiba Yuco: Wir haben vieles erreicht – etwa die Verteilung von Ländereien und den Bau öffentlicher Infrastruktur. Früher gab es bei uns weder Schulen noch Krankenstationen. Heute fehlt zwar oft Personal und Ausstattung, aber der erste Schritt ist getan. Auch die verfassungsrechtliche Anerkennung Indigener Völker war ein großer Fortschritt. Heute gibt es in Bolivien keine zwei Kategorien von Menschen mehr. Wir sind alle gleich.
Die in der plurinationalen Verfassung verankerten Gesetze sind wunderbar, werden jedoch kaum umgesetzt. Bis heute zeigt der Staat wenig Verständnis dafür, wie Indigene Völker tatsächlich leben. Zwischen den Papieren in den Regierungsbüros und der Realität auf dem Land liegt ein immenser Unterschied. Ein Beispiel ist die Landwirtschaft: Wir haben unsere eigenen Anbaumethoden, die im Einklang mit der Natur stehen. Doch der Staat verlangt für seine Programme, dass wir anders wirtschaften. Das zeigt große Unwissenheit!
Miguel Vargas Delgado: Wir befinden uns am Ende eines politischen Zyklus, der vor rund 25 Jahren begann, als die sozialen Bewegungen dem Land eine Reihe struktureller Reformen vorschlugen. Im Jahr 2005 gewann schließlich die Bewegung zum Sozialismus mit ihrem Präsidentschaftskandidaten Evo Morales die Wahlen. Die Regierungszeit war zunächst von einer Phase geprägt, in der eine neue Verfassung ausgearbeitet und eine Agrarreform vorangetrieben wurde, durch die Indigene Völker Ländereien erhielten.
Diese Phase endete jedoch mit Gesetzen, die der Regierung schon kurz nach ihrem Inkrafttreten de facto widersprachen. Wir sprechen hier von einem Prozess der Desconstitucionalización („Dekonstitutionalisierung“, Worterfindung Vargas Delgados im Kontext des Interviews, Anm. d. Red.), da viele neue Gesetze und Regelungen dem Geist der Verfassung entgegenwirkten. In diesem Moment zerbrach die Allianz zwischen den Indigenen Völkern der „unteren Ländereien“ (dem Amazonasgebiet Boliviens, Anm. d. Red.) und der MAS. Ab diesem Zeitpunkt verstand sich die MAS-Regierung nicht mehr als emanzipatorische Kraft, sondern als staatliches Machtinstrument. Die Justiz und die sozialen Bewegungen wurden zunehmend vereinnahmt. Diese Phase endete schließlich mit der internen Spaltung der MAS und Evo Morales’ Versuch, entgegen der Verfassung eine vierte Amtszeit anzustreben.
Ist die erneute Ausbreitung des Agrarbusiness im Amazonasgebiet Teil dieses politischen Wandels?
Bernardo Muiba Yuco: Ja. Innerhalb unseres kollektiven Besitzes gibt es einzelne Flächen, die in Privatbesitz sind. Seit dort großflächig angebaut wird, sind unsere Flüsse ausgetrocknet. Zudem haben die Brandrodungen enorme Waldbrände verursacht. Wir sind sehr besorgt über das Wachstum der Agrarindustrie. Indigene Völker rund um Santa Cruz fürchten schon heute um ihre Ländereien und müssen in die Städte abwandern. Hier zeigt sich der Widerspruch der Regierung: Sie spricht von der „Mutter Erde“, arbeitet aber gleichzeitig mit Unternehmen zusammen, die unsere Wälder roden. Schon unter der MAS wurde angekündigt, die Anbauflächen weiter ausweiten zu wollen. Derzeit besteht großes Interesse an unseren Gebieten. Eine neue Landstraße soll durch unser Territorium führen, und der staatliche Gas- und Ölkonzern YPFB plant, dort Erdöl zu fördern.
Miguel Vargas Delgado: Dieser Trend wird nun noch verstärkt. Als Ausweg aus der aktuellen Wirtschaftskrise haben beide Präsidentschaftskandidaten, die es in die Stichwahl schafften, eine Vertiefung des extraktiven Modells vorgeschlagen. Diese Perspektive trifft auf soziale Bewegungen, die durch die Konflikte der letzten Jahre stark geschwächt sind. Besonders besorgniserregend ist, dass die Agrarindustrie ihren Blick auf die Indigenen Ländereien richtet. Insgesamt wurden seit Beginn der MAS-Regierung rund 109 Millionen Hektar als mögliche Indigene Gebiete identifiziert. Die Regierung hat jedoch bis heute nicht in allen Fällen die Landrechte auch tatsächlich übertragen.
Die Völker der unteren Ländereien fordern seit jeher die Rückgabe von 36 Millionen Hektar Land – bislang wurden allerdings nur 14,1 Millionen Hektar vergeben. Eine weitere Gefahr ist die Ausweitung des Öl- und Gasabbaus. In der Region, aus der Bernardo stammt, fand der staatliche Konzern YPFB bereits in den 2000er-Jahren Gasvorkommen, entschied sich damals jedoch gegen deren Ausbeutung. Heute sieht das anders aus. Ich glaube, dass die Indigenen Territorien zu einem zentralen Interessensgebiet werden. Sollte Bolivien nun in eine neue Phase politischer Veränderungen eintreten, könnten diese Gebiete zu den Hauptschauplätzen von Ausbeutung werden – und die Völker zu jenen, die sich dagegenstellen müssen. Mehrere politische Kräfte haben bereits signalisiert, dass sie dem neuen Präsidenten Regierungsfähigkeit sichern wollen. Das schafft die Voraussetzungen für eine mögliche Verfassungsreform – eine Reform, die den plurinationalen Charakter des Staates und die territorialen Rechte Indigener Völker infrage stellen könnte. Deshalb müssen wir sehr aufmerksam beobachten, was in Bolivien in den kommenden Jahren geschieht.
Welche Beziehung wollt ihr nun zur neuen Regierung aufbauen?
Bernardo Muiba Yuco: Wir haben zwar gewisse Vereinbarungen getroffen, aber sobald die Regierung im Amt ist, kann sie gegensätzliche Maßnahmen ergreifen, weil sie unsere Stimme schlicht nicht mehr braucht. Deshalb rufen wir zur Einheit aller Indigenen Völker Boliviens auf. Falls die Regierung ihre Versprechen bricht, wollen wir stark genug sein, um uns entschieden dagegenzustellen.















