„Wenig Verständnis dafür, wie Indigene leben“

Bolivianer*innen auf dem Weg zum Wahllokal in La Paz
Vor dem politischen Umbruch Bolivianer*innen auf dem Weg zum Wahllokal in La Paz (Foto: Susanna Rump)

Bolivien hat gewählt und den Christdemokraten Rodrigo Paz zum neuen Präsidenten bestimmt. Wie blicken Sie auf Paz?
Bernardo Muiba Yuco: Zunächst waren wir sehr misstrauisch gegenüber den Vorschlägen beider Kandidaten. Sie versprachen unter anderem, die Indigenen Ländereien aufzuteilen und in individuelles Eigentum zu überführen. Wir kannten bereits die Politik von Paz’ Widersacher Quiroga, daher war für uns klar, dass wir ihn nicht unterstützen würden. Mit den Christdemokraten und Rodrigo Paz haben wir anschließend Verhandlungen aufgenommen und uns darauf geeinigt, dass Paz als Präsident unsere hart erkämpften Rechte als Indigene respektieren wird. Dazu gehören vor allem unsere Autonomie sowie die kollektive Verwaltung unserer Ländereien.

Ursprünglich hatten die Indigenen Organisationen immer die Bewegung zum Sozialismus (MAS) unterstützt. Warum war das diesmal nicht so?
Bernardo Muiba Yuco: Wir haben die MAS stets unterstützt, weil wir dank ihr viele Verbesserungen erlebt haben. Aufgrund der internen Spaltung war dieses Mal jedoch völlig unklar, welche Kandidatur wir überhaupt unterstützen sollten. Der ganze Konflikt und die Spaltung haben dazu geführt, dass wir uns diesmal von der MAS distanziert haben. In den letzten Jahren hat die MAS die einzelnen Territorien vernachlässigt. Es ging nur noch um interne Machtkämpfe und den Aufbau von Parallelorganisationen, um die eigene Position zu sichern. Wir beschlossen daher, uns nicht einzumischen und abzuwarten, bis sie ihre Konflikte intern klären – denn keine der Positionen hat uns wirklich vertreten. Es war besser, einen Schritt zurückzutreten. Die MAS hat vergessen, dass sie all die Jahre nur dank der Unterstützung der Indigenen Völker an der Macht blieb. Dieses Mal war das nicht mehr der Fall.

Was hat die MAS nach 20 Jahren in der Regierung hinterlassen?
Bernardo Muiba Yuco: Wir haben vieles erreicht – etwa die Verteilung von Ländereien und den Bau öffentlicher Infrastruktur. Früher gab es bei uns weder Schulen noch Krankenstationen. Heute fehlt zwar oft Personal und Ausstattung, aber der erste Schritt ist getan. Auch die verfassungsrechtliche Anerkennung Indigener Völker war ein großer Fortschritt. Heute gibt es in Bolivien keine zwei Kategorien von Menschen mehr. Wir sind alle gleich.

Die in der plurinationalen Verfassung verankerten Gesetze sind wunderbar, werden jedoch kaum umgesetzt. Bis heute zeigt der Staat wenig Verständnis dafür, wie Indigene Völker tatsächlich leben. Zwischen den Papieren in den Regierungsbüros und der Realität auf dem Land liegt ein immenser Unterschied. Ein Beispiel ist die Landwirtschaft: Wir haben unsere eigenen Anbaumethoden, die im Einklang mit der Natur stehen. Doch der Staat verlangt für seine Progra­mme, dass wir anders wirtschaften. Das zeigt große Unwissenheit!

Miguel Vargas Delgado: Wir befinden uns am Ende eines politischen Zyklus, der vor rund 25 Jahren begann, als die sozialen Bewegungen dem Land eine Reihe struktureller Reformen vorschlugen. Im Jahr 2005 gewann schließlich die Bewegung zum Sozialismus mit ihrem Präsidentschafts­­kandidaten Evo Morales die Wahlen. Die Regierungszeit war zunächst von einer Phase geprägt, in der eine neue Verfassung ausgearbeitet und eine Agrarreform vorangetrieben wurde, durch die Indigene Völker Ländereien erhielten.

Diese Phase endete jedoch mit Gesetzen, die der Regierung schon kurz nach ihrem Inkrafttreten de facto widersprachen. Wir sprechen hier von einem Prozess der Desconstitucionalización („Dekonstitutionalisierung“, Worterfindung Vargas Delgados im Kontext des Interviews, Anm. d. Red.), da viele neue Gesetze und Regelungen dem Geist der Verfassung entgegenwirkten. In diesem Moment zerbrach die Allianz zwischen den Indigenen Völkern der „unteren Ländereien“ (dem Amazonasgebiet Boliviens, Anm. d. Red.) und der MAS. Ab diesem Zeitpunkt verstand sich die MAS-Regierung nicht mehr als emanzipatorische Kraft, sondern als staatliches Machtinstrument. Die Justiz und die sozialen Bewegungen wurden zunehmend vereinnahmt. Diese Phase endete schließlich mit der internen Spaltung der MAS und Evo Morales’ Versuch, entgegen der Verfassung eine vierte Amtszeit anzustreben.

Ist die erneute Ausbreitung des Agrarbusiness im Amazonasgebiet Teil dieses politischen Wandels?
Bernardo Muiba Yuco: Ja. Innerhalb unseres kollektiven Besitzes gibt es einzelne Flächen, die in Privatbesitz sind. Seit dort großflächig angebaut wird, sind unsere Flüsse ausgetrocknet. Zudem haben die Brandrodungen enorme Waldbrände verursacht. Wir sind sehr besorgt über das Wachstum der Agrarindustrie. Indigene Völker rund um Santa Cruz fürchten schon heute um ihre Ländereien und müssen in die Städte abwandern. Hier zeigt sich der Widerspruch der Regierung: Sie spricht von der „Mutter Erde“, arbeitet aber gleichzeitig mit Unternehmen zusammen, die unsere Wälder roden. Schon unter der MAS wurde angekündigt, die Anbauflächen weiter ausweiten zu wollen. Derzeit besteht großes Interesse an unseren Gebieten. Eine neue Landstraße soll durch unser Territorium führen, und der staatliche Gas- und Ölkonzern YPFB plant, dort Erdöl zu fördern.

Miguel Vargas Delgado: Dieser Trend wird nun noch verstärkt. Als Ausweg aus der aktuellen Wirtschaftskrise haben beide Präsidentschaftskandidaten, die es in die Stichwahl schafften, eine Vertiefung des extraktiven Modells vorgeschlagen. Diese Perspektive trifft auf soziale Bewegungen, die durch die Konflikte der letzten Jahre stark geschwächt sind. Besonders besorgniserregend ist, dass die Agrarindustrie ihren Blick auf die Indigenen Ländereien richtet. Insgesamt wurden seit Beginn der MAS-Regierung rund 109 Millionen Hektar als mögliche Indigene Gebiete identifiziert. Die Regierung hat jedoch bis heute nicht in allen Fällen die Landrechte auch tatsächlich übertragen.

Die Völker der unteren Ländereien fordern seit jeher die Rückgabe von 36 Millionen Hektar Land – bislang wurden allerdings nur 14,1 Millionen Hektar vergeben. Eine weitere Gefahr ist die Ausweitung des Öl- und Gasabbaus. In der Region, aus der Bernardo stammt, fand der staatliche Konzern YPFB bereits in den 2000er-Jahren Gasvorkommen, entschied sich damals jedoch gegen deren Ausbeutung. Heute sieht das anders aus. Ich glaube, dass die Indigenen Territorien zu einem zentralen Interessensgebiet werden. Sollte Bolivien nun in eine neue Phase politischer Veränderungen eintreten, könnten diese Gebiete zu den Hauptschauplätzen von Ausbeutung werden – und die Völker zu jenen, die sich dagegenstellen müssen. Mehrere politische Kräfte haben bereits signalisiert, dass sie dem neuen Präsidenten Regierungsfähigkeit sichern wollen. Das schafft die Voraussetzungen für eine mögliche Verfassungsreform – eine Reform, die den plurinationalen Charakter des Staates und die territorialen Rechte Indigener Völker infrage stellen könnte. Deshalb müssen wir sehr aufmerksam beobachten, was in Bolivien in den kommenden Jahren geschieht.

Welche Beziehung wollt ihr nun zur neuen Regierung aufbauen?
Bernardo Muiba Yuco: Wir haben zwar gewisse Vereinbarungen getroffen, aber sobald die Regierung im Amt ist, kann sie gegensätzliche Maßnahmen ergreifen, weil sie unsere Stimme schlicht nicht mehr braucht. Deshalb rufen wir zur Einheit aller Indigenen Völker Boliviens auf. Falls die Regierung ihre Versprechen bricht, wollen wir stark genug sein, um uns entschieden dagegenzustellen.


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Dossier 2025 Inhaltsverzeichnis

Proteste Indigene Völker wehren sich gegen die Ausbeutung ihrer Gebiete durch Bergbau und Agrarindustrie (Foto: Mídia Ninja via Flickr (CC BY-NC 2.0))

Letzte Ausfahrt Belém?
Die COP30 in Amazonien als klimapolitischer Scheideweg

Das gemeinsam mit dem FDCL, dem Lateinamerika-Forum Berlin und IGLA (Lateinamerika Anders) produzierte Dossier liegt der November-Ausgabe 2025 bei, kann hier als PDF heruntergeladen werden oder über unser Aboformular gegen Versandkosten bestellt werden.

Die Themen im Überblick:

EINFÜHRUNG
Editorial // Good Cop, Bad Cop

Brasiliens Führungsanspruch // Zwischen Amazonas, Erdöl und Gegenwind aus den USA

Eine COP und viele Perspektiven // Belém bekommt globale Aufmerksamkeit

Die Stimmen des Amazonas // Basisbewegungen organisieren sich, um die Klimadiskussion auf die Straße zu bringen

Wer definiert die “Just Transition”? // In Belém verschärft sich die Aushandlung über einen sozial-ökologisch gerechten Wandel

Der Streit ums Geld geht weiter // Die zögerliche Haltung des Globalen Norderns dämpft die Erwartungen an verbindliche Finanzierungszusagen und eine faire Lastenverteilung

Klimagerechtigkeit in der Sackgasse // Warum Marktmechanismen uns nicht zum Ziel führen und wie Indigene Völker zu einer nachhaltigeren Lösung beitragen können

Der Wald ist nicht käuflich // Was die COP30 in Belém ändern muss

Schutzmaßnahmen auf dem Papier // REDD+-Projekte nutzen vor allem Unternehmen

Milliardenfonds zum Schutz tropischer Wälder // Brasiliens Vorschlag stößt auf geteilte Reaktionen

Brasiliens fossiles Dilemma vor der COP30 // Widersprüche kurz vor dem Treffen in Belém

“Priorität ist die Demarkierung der Indigenen Gebiete” // Munduruku verteidigen erfolgreich ihre Autonomie

“Dies ist unser Land!” // Über den langen Kampf um die offizielle Kennzeichnung Indigener Territorien

Im Widerstand gegen die Großprojekte // Der Kampf der von den Staudämmen betroffenen Gruppen in Brasilien

Giftiges Gold // Eine dringende Herausforderung für den Amazonas auf dem Weg zur COP30

Die fliegenden Flüsse des Amazonas-Regenwaldes // Illustrationen für die Umweltbildungsarbeit mit Kindern

Amazonien schützen – Indigene Gemeinden unterstützen // Berliner Initiative für langfristige Partnerschaft mit den Munduruku


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Klimagerechtigkeit in der Sackgasse

“Artikel 6 korrigieren” Die Diskussion zur Regulierung des Artikel 6 geht in Belém weiter (Foto: Klima-Bündnis))

Der CO2-Handel gilt vielen als ein vielversprechender Ansatz, um die Klimaziele zu erreichen. Die schon 1997 im Kyoto-Protokoll aufgenommenen marktbasierten Instrumente werden auch auf der nächsten Klimakonferenz (COP30) in Brasilien ein wichtiges Thema sein.
Die Hoffnung dahinter: Ein immer höherer CO2-Preis wird Investitionen in den Klimaschutz wirtschaftlich attraktiv machen. Er soll den Staaten, neben den CO2- Reduktionsmaßnahmen im eigenen Land, zusätzliche Instrumente bieten, um ihre Reduktionsverpflichtungen zu erfüllen.
Neben dem Emissionshandel zwischen Industrie­­­­­ländern wurden im Kyoto Protokoll deshalb zwei wichtige projektbezogene Instrumente ins Leben gerufen: die Joint Implementation („gemeinsame Umsetzung“) und der Clean Development Mechanism („Mechanismus zur umweltgerechten Entwicklung“). Diese flexiblen Marktmechanismen werden von den Vereinten Nationen und den jeweiligen Nationalregierungen überwacht und politisch begleitet. Darüber hinaus wurde im Kyoto-Protokoll angeregt, dass jede*r sich über freiwillige Kompensationsmaßnahmen an den Reduktionsanstrengungen beteiligen kann.


Zehn Jahre später, auf der Klimakonferenz in Bali 2007, wurde diese Marktlogik auch auf den Bereich der Wälder mit dem REDD+-Mechanismus (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation; Emissionsreduktionen aus Waldzerstörung und Degradierung) übertragen.
Kompensationsinstrumente bergen die Gefahr, den Blick von der dringend notwendigen Abkehr von den fossilen Ressourcen abzulenken. Besonders problematisch sind Kompensationen mit Waldflächen, da Wälder keine verlässlichen, dauerhaften CO2-Speicher sind – und sie außerdem Lebensräume für Menschen sowie vielfältige Ökosysteme darstellen. Als ökologisches System speichern Wälder zwar Kohlenstoff, geben diesen jedoch durch natürliche Prozesse, wie das Absterben der Bäume, auch wieder frei. Ein zentrales Kriterium für die institutionelle Anerkennung von Reduktionsmaßnahmen ist jedoch die Bestätigung, dass die jeweilige Reduktion dauerhaft erfolgt (die sog. Permanenz). Ein Wald kann diese Dauerhaftigkeit jedoch niemals garantieren.

Handel mit dem Wald

Abgesehen davon, dass Wälder der dauerhaften CO2-Senkung nicht dienen können, wird ihre Einbindung in das Kompensationsgeschäft für die dort lebenden Menschen zur Bedrohung. Viele Indigene Völker in Amazonien machen die Erfahrung, dass der REDD+-Mechanismus eine zusätzliche Gefährdung ihrer Lebensweise und ihrer Territorien wird. Teil der Problematik ist es, dass der akute Bedarf an Finanzmitteln zum Schutz ihrer Gebiete dazu führt, dass die im Zusammenhang mit REDD+-Projekten von Unternehmen und internationalen NGOs versprochenen Gelder zunächst attraktiv für Indigene Gemeinden scheinen. Die Ergebnisse beziehen ihre Interessen jedoch selten wirklich mit ein. „Am Anfang gab es viele Hoffnungen, dass REDD den Indigenen Völkern auch einen ökonomischen Vorteil bringen würde. Diese Hoffnung wurde von vielen Beratern, die uns über REDD informierten, geschürt. Je weiter die Diskussion voranschritt, desto mehr wuchsen die Bedenken hinsichtlich des Instrumentes“, berichtet die Indigene Vertreterin der Asháninka in Peru Teresita Antazú. Sie erläutert weiter, dass zu Beginn in den Gemeinden vor allem die Vorteile von REDD+ hervorgehoben wurden und die Probleme kaum thematisiert wurden. Einige Asháninka begannen, Teile ihres Territoriums für REDD+-Projekte auszuweisen. Als sie nach und nach erfuhren, dass sie in diesen Gebieten nicht mehr ihren traditionellen Aktivitäten wie Jagen, Fischen und Feldbau nachgehen könnten, sanken sowohl die Zustimmung als auch ihr Interesse an REDD+, so Antazú: „Wenn wir nichts mehr anpflanzen können und als Ausgleich nur Almosen erhalten, dann wollen wir nicht dabei sein.“


Seit 2007 sind viele Millionen Euro in die Entwicklung von REDD+-Strukturen geflossen. Deutschland ist einer der wichtigen Geldgeber. Keine dieser Strukturen erweist sich als wirksames Mittel, um mit den horrenden Gewinnmargen mitzuhalten, die die parallele Zerstörung der Wälder einbringt. Und diese nimmt in ihrer Geschwindigkeit immer weiter zu.

Funktionierende jahrtausendalte Strukturen fördern

Statt weiterhin Steuergelder in den Aufbau von wirkungslosen Strukturen und Instrumenten einzusetzen, sollten diejenigen gestärkt werden, die seit Jahrtausenden mit statt gegen die Natur wirtschaften. So könnten beispielsweise Indigene Völker, die Millionen von Hektar Regenwald in Amazonien durch ihre Lebensweise zu bewahren versuchen, für ihre Anstrengungen gefördert und entlohnt werden. Alle Menschen profitieren von den unverzichtbaren ökologischen Leistungen wie Kohlenstoffspeicherung, Erhalt der Biodiversität und die Aufrechterhaltung von Wasserkreisläufen des Amazonas. Selbst die exportorientierte Landwirtschaft in Lateinamerika ist von diesen Wasserkreisläufen abhängig. Der Dachverband der Indigenen Organisationen des Amazonasbeckens (Coordinadora de las Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica, COICA) verfolgt gemeinsam mit RIA – REDD Indígena Amazónico genau diese Argumentationsweise und stellte schon 2011 ihren Ansatz als Alternative zum REDD+ Ansatz der Weltgemeinschaft vor.

Das Konzept des Indigenen REDD verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz als die derzeitigen Kompensationsprojekte: Es zielt darauf ab, die rechtliche Anerkennung Indigener Territorien zu sichern und ihre Bewohner*innen im Schutz ihrer Wälder zu stärken. Ein zentrales Element ist ein von Indigenen selbst entwickeltes und durchgeführtes Mess-, Berichts- und Prüfungswesen, mit dem sie die klimatischen Veränderungen und die Nutzung ihrer Gebiete eigenständig überwachen. Damit bleibt die Kontrolle über ihre Territorien in ihren Händen. Im großen Unterschied zu den offiziellen REDD+-Projekten geht es hierbei nicht um die Schaffung handelbarer Zertifikate, sondern um die Stärkung von Rechten und Selbstbestimmung.
Das Indigene REDD gilt als sozialverträgliche Alternative zu den marktgestützten Mechanismen und als wirksamer Beitrag zum Klimaschutz, der auf einer nachhaltigen Bewirtschaftung Indigener Territorien im Amazonasbecken basiert und gleichzeitig die Rechte der Völker und ihre Selbstbestimmung stärkt.

Klimagutschriften sind Schlupflöcher für Industriestaaten

Vor dem 30. Klimagipfel im Amazonasgebiet steht der Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens im Fokus. Eine neue Version der früheren flexiblen Instrumente regelt darin die Zusammenarbeit von Staaten zur Erreichung ihrer Klimaschutzverpflichtungen. Damit wird es Staaten ermöglicht, ihre nationalen Klimaziele auch durch die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen im globalen Süden zu erreichen. Grundsätze zur Regulierung des Artikel 6 wurden auf der COP 29 in Baku auf den Weg gebracht, aber das Ringen um Details und die politische Debatte geht auch in Belém weiter.


Wegen bisheriger Erfahrungen besteht die Befürchtung, dass auch hier große Schlupflöcher entstehen. Selbst die EU hat in ihrem Klimaziel für 2040 die Anrechnung von Klimagutschriften vorgesehen. Dabei wäre genau jetzt ein sozialverträgliches Instrument wie das Indigene REDD dringend notwendig.
Die Konferenz in Belém wird daher auch zur Bewährungsprobe: Geht es um echten, ambitionierten Klimaschutz – oder darum, dass Industrieländer durch immer größere Schlupflöcher von Kompensationsmechanismen wie REDD+ ihre Verantwortung auf diejenigen abwälzen, die am wenigsten zu dieser Krise beigetragen haben.


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Der Wald ist nicht käuflich

Widerstand gegen REDD+-Projekte Hier auf einer Demonstration in San Francisco 2018 (Foto: Peg Hunter (CC BY-NC 2.0))

REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation, „Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung reduzieren“) ist als Idee bestechend: Wer Wälder schützt, soll belohnt werden. Mitte der 2000er Jahre, als klar wurde, dass bis zu 20 Prozent der globalen Emissionen durch Entwaldung entstehen – so viel wie der gesamte Verkehrssektor –, wurde der Ansatz unter dem Namen „Reducing Emissions from Deforestation in Developing Countries: Approaches to Stimulate Action“ („Emission aus Entwaldung in Entwicklungsländern reduzieren: Ansätze zur Anregung von Maßnahmen“) ins UN-Klimaregime eingebracht: Auf der COP11 in Montreal (2005) legten Papua-Neuguinea und Costa Rica einen Vorschlag vor, der die Anerkennung von vermiedener Entwaldung als Klimaschutzmaßnahme verlangte. Bald darauf erweiterte man das Konzept zu REDD+, das auch nachhaltige Waldbewirtschaftung und Aufforstung einschloss.
Auf der COP16 in Cancún (2010) einigte man sich auf sogenannte Safeguards („Leitplanken“), die verhindern sollen, dass Waldschutz soziale und ökologische Schäden anrichtet. Sie verlangten die Achtung der Rechte Indigener Völker und lokaler Gemeinschaften, die Sicherung traditioneller Wissenssysteme und eine breite Partizipation. Beispielsweise dürfen Naturwälder nicht in Plantagen umgewandelt werden, und Abholzung darf nicht in andere Gebiete verlagert werden. Diese „Cancún-Safeguards“ sind zwar politisch relevante Mindeststandards, aber völkerrechtlich weniger bindend als etwa die ILO-Konvention 169 zum Schutz Indigener Rechte.


Der entscheidende institutionelle Durchbruch erfolgte dann 2013 auf der COP19 in Warschau: Das Warsaw Framework for REDD+ („Warschauer Rahmenwerk für REDD+“) machte den Mechanismus sozusagen „geschäftsfähig”. Es legte fest, dass Länder nationale Strategien entwickeln, robuste Monitoring-Systeme aufbauen und sogenannte Referenzniveaus (Forest Reference Emission Levels, FREL) festlegen müssen. Diese Basislinien definieren, wie hoch die Emissionen ohne Gegenmaßnahmen wären. Erst wenn die Erfolge nachweislich über diesen Basislinien liegen, können Zahlungen erfolgen. Zudem wurde ein Safeguards Information System (SIS) verpflichtend, über das die Einhaltung der Schutzvorkehrungen transparent gemacht werden muss. Damit war REDD+ ein fester Bestandteil des Klimaregimes – technisch ausgearbeitet, aber politisch höchst umstritten.
Von Beginn an war REDD+ von Spannungen geprägt. Wälder wurden in erster Linie als Kohlenstoffspeicher behandelt. Vor allem für Indigene Völker aber sind sie kulturelle Territorien, spirituelle Räume und physische Lebensgrundlagen. Die Reduktion auf „Carbon Credits („Kohlenstoffkredite“) entwertet und verkürzt diese Vielfalt.


Ein wichtiger Punkt ist das Problem unklarer Landrechte. Viele Indigene Gebiete sind rechtlich nur unzureichend anerkannt. Oft sind die Landrechtssysteme ineffektiv bei der Sicherung von Außengrenzen – noch dazu ein Konzept, das Indigenen Gemeinschaften traditionell oft fremd ist. Wenn REDD+-Projekte auf Flächen unklarer Zugehörigkeit umgesetzt werden, kommt es zu Konflikten. Dokumentiert sind Fälle von „grünem Landraub“ – Landentziehungen im Namen des Klimaschutzes. Im brasilianischen Bundesstaat Pará etwa wurden großflächige REDD+-Projekte gestartet, bei denen Kohlenstoffkredite auf internationalen Märkten verkauft wurden, ohne die lokalen Gemeinschaften angemessen einzubeziehen oder ihnen eine faire Teilhabe zu sichern. Berichte sprechen von Landaneignung und der Verletzung traditioneller Nutzungsrechte.


Auch die technische Dimension sorgt für Misstrauen. REDD+ beruht auf komplexen MRV-Systemen (Monitoring, Reporting, Verification; „Überwachung, Berichterstattung, Prüfung“). Das begünstigt Regierungen, Beratungsfirmen und internationale Institutionen, während lokale Gemeinschaften (neben Indigenen Völkern beispielsweise auch afroamerikanische Gemeinschaften – in Brasilien Quilombolas genannt – oder Ribeirinhos, traditionelle Flussgemeinschaften) am Rand stehen. Kritiker*innen sprechen von Expertokratie – ein System, in dem diejenigen, die den Wald tatsächlich schützen, kaum mitentscheiden können. Schließlich stellt sich die Frage der Verteilung. Die Logik der Kohlenstoffmärkte erlaubt es Industriestaaten und Konzernen, sich durch Zertifikate von eigenen Reduktionsverpflichtungen freizukaufen. Doch die Einnahmen landen häufig nicht bei den Indigenen Wächtern, sondern bei Zwischeninstitutionen. So entsteht das Gefühl, dass Verantwortung externalisiert wird: Der Norden zahlt, der Süden trägt die sozialen Kosten.

Indigene Stimmen zwischen Ablehnung und Pragmatismus

„Man verkauft nicht die Luft, die man atmet, und man verkauft nicht seine Mutter“, bringen viele Aktivist*innen ihr Misstrauen gegenüber REDD+ auf den Punkt. Für sie ist der Wald kein Supermarkt, in dem Kohlenstoff als Ware in Regalen bereitliegt. Sie fürchten, dass mit jedem Vertrag ein Stück Souveränität verloren geht und, dass Versprechen nicht eingehalten werden.
Warum fordern Indigene Organisationen trotzdem finanzielle Unterstützung? Sie verweisen auf die Erbringung einer seit Jahrtausenden erbrachten und oftmals unterschätzten Leistung: den Schutz der artenreichsten Wälder der Erde. Dieser Schutz ist heute riskant und gefährlich. Indigene Wächter riskieren ihr Leben gegenüber Holzfäller*innen und Goldsucher*innen und sie verzichten auf kurzfristigen Profit durch Abholzung. Kompensation ist daher weniger Bezahlung für eine Ware als vielmehr Anerkennung einer globalen Dienstleistung – und eine Investition in ihre Kapazitäten, weiterzumachen.
Doch diese Spannung spaltet. Große Dachverbände der Indigenen Völker wie die APIB (Articulação dos Povos Indígenas do Brasil, „Vereinigung der Indigenen Völker Brasiliens“) lehnen REDD+ und andere marktbasierten Mechanismen weitgehend ab. In manchen Gemeinschaften klingt es pragmatischer: Wenn Geld für Patrouillenfahrzeuge oder Funkgeräte fehlt, erscheint manchen ein REDD+-Projekt, bei dem Mitsprache gesichert ist, als das kleinere Übel. Entscheidend ist die Kontrolle: Volle Einbeziehung von Anfang an, transparente Verträge, direkte Geldflüsse – und die strikte Einhaltung von FPIC (Free, Prior and Informed Consent), dem Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung, wie es auch beim Konsultationsrecht in der ILO Konvention 169 der Fall ist.
Ein ungelöstes Problem bleibt die Haftung. In klassischen Projekten kaufen Unternehmen Zertifikate, die aber wertlos werden, wenn ein Brand – ob durch Dürre oder Brandstiftung – den Wald vernichtet. Wer trägt dann die Verantwortung? Viele Indigene Gemeinschaften lehnen es ab, für Risiken einzustehen, die sie nicht kontrollieren können.

Brasilien als Prüfstein

Die Ausgangslage für COP30 ist widersprüchlich. Brasilien hat unter Präsident Lula den Kurs gewechselt: Nach den Jahren der Entwaldung unter Bolsonaro sank der Waldverlust 2024 auf rund 6.300 km – über 30 Prozent weniger als im Vorjahr. Mit dem PPCDAm (2023-2027), einem laufenden Aktionsplan zur Bekämpfung der Entwaldung im Amazonas, bündelt die Regierung Maßnahmen für Überwachung, Territorialschutz und nachhaltige Entwicklung. Der Fundo Amazônia (Amazonien-Fonds), der durch Zuschüsse statt durch Zertifikate finanziert wird, zeigt, dass auch andere Wege möglich sind. Er wird seit 2008 mit Mitteln aus Norwegen und Deutschland gespeist und finanziert direkt Waldschutzprojekte.


Doch die Realität bleibt hart: Illegale Invasionen dauern an, die Agrar- und Bergbaulobby ist stark. Im Cerrado, im Herzen Brasiliens, der die artenreichsten tropischen Baum-Savannen der Welt beherbergt, steigt die Abholzung weiter. Rechtlich gibt es Fortschritte – etwa das Urteil des Obersten Gerichtshofs, welches 2023 die umstrittene Marco Temporal-These („Zeitrahmen-These“) verwarf und damit die Landrechte Indigener Völker stärkte. Trotzdem bleibt die Durchsetzung lückenhaft.
Auch geopolitisch ist das Bild zwiespältig. Die Amazonas-Staaten wollen internationale Verantwortung übernehmen, gleichzeitig aber Entwicklungsoptionen nicht aufgeben. Die Belém- Erklärung des Amazonas-Gipfels 2023 blieb mit vagen Bekenntnissen hinter den Erwartungen zurück und vermied Ziele wie ein Enddatum für Abholzung. Länder wie Guyana und Surinam erleben einen Ölboom, der Einnahmen und sozialen Fortschritt bringt. Dass ausgerechnet dort die Forderung nach einem fossilen Moratorium auf Widerstand stößt, überrascht nicht. Die COP30 wird daran gemessen werden, ob sie diesen Widerspruch produktiv adressieren kann.


Belém wird also zum Prüfstein: Gelingt es, REDD+ so zu gestalten, dass nicht nur Emissionen gezählt, sondern auch kulturelle Rechte respektiert, historische Leistungen gewürdigt und Gewinne fair verteilt werden? Oder bleibt es beim alten Muster, in dem Industriestaaten ihre Klimabilanz aufpolieren, während die wahren Kosten bei den Indigenen Wächtern des Waldes landen und der Mechanismus als „Kohlenstoff-Kolonialismus“ endet?
Ohne den Erhalt des amazonischen Regenwaldes schwinden die Chancen, die Folgen der globalen Klimakrise eindämmen zu können. Und ohne das Wissen und den Einsatz sowie den Schutz der (territorialen) Rechte Indigener Völker, steht es schlecht um die Zukunft des Regenwaldes. Die COP30 in Belém wird zeigen, ob die globale Gemeinschaft bereit ist, ihnen nicht als Käufer einer Ware, sondern als Partner auf Augenhöhe zu begegnen. Der Fremde im Wohnzimmer muss lernen zuzuhören, bevor er anfängt, es zu vermessen.


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„Priorität ist die Demarkierung der Indigenen Gebiete”

Alessandra Korap ist seit zehn jahren Aktivistin für Rechte Indigener Völker (Foto: João Paulo Guimarães)

Alessandra wurde in der Gemeinde Itaituba in der Region Médio Tapajós im Bundesstaat Pará geboren. Sie gehört zum Volk der Munduruku, das aus etwa 14.000 Menschen besteht, die in den Bundesstaaten Pará, Amazonas und Mato Grosso leben. Der Bundesstaat Pará sei ein Brennpunkt der Abholzung, sagt sie, „aufgrund von Farmen, Wasserkraftwerken und Bergbau. Es ist die Region mit der höchsten Abholzungsrate hier im Amazonasgebiet”.
Bis 2015 widmete Alessandra ihr Leben ihren Kinder, ihrem Mann und dem Haushalt. Sie hatte einen einfachen Alltag im Dorf nahe der Stadt Itaituba. Aber sie begann zu merken, dass sie ihre Fischerei- und Nahrungsbeschaffungsgebiete im Wald verlor – eine immer deutlicher werdende Verknappung der natürlichen Ressourcen, die das Leben in den Dörfern sicherten.

Sie machte sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, aber „verstand nichts“ von den Rechten der Indigenen. „[Früher] interessierte mich [der Kampf] nicht, weil ich mich um meine Kinder kümmern wollte. Aber mit dieser Invasion, dem immer stärkeren Wachstum der Stadt, interessierte ich mich viel mehr dafür, mich [dem Kampf] anzuschließen. Ich wollte wissen, was um uns herum vor sich ging.”
Auf der Suche nach Wissen und Gerechtigkeit begann Alessandra, an Kursen teilzunehmen und sich an Diskussionen mit den Schamanen und anderen Führer*innen (Kaziken) zu beteiligen. Am Anfang hatte sie viele Zweifel und Fragen. Als sie jedoch erkannte, dass die Rechte ihres Volkes in ihrem eigenen Gebiet verletzt wurden, entschied sie sich, sich aktiv am Kampf zu beteiligen. Als Frau war dies eine besondere Herausforderung, da das Volk der Munduruku patriarchalisch ist. Vor zehn Jahren hielt das Volk der Munduruku es nicht für so wichtig, dass Frauen ein Rederecht hatten – sie sollten zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern, nicht an Versammlungen teilnehmen. Aber Alessandra stellte diese Vorstellung in Frage: Sie wollte zeigen, dass Frauen sehr wohl an den Versammlungen in den Dörfern teilnehmen konnten – und mussten.

Sie begann, still zu den Versammlungen zu gehen, blieb „in der Ecke stehen und hörte nur zu”. Nach und nach fühlte sie sich wohler dabei, an den Diskussionen teilzunehmen. Und mehr noch: Sie gewann das Vertrauen anderer Anführer und wird heute auch zu Versammlungen anderer Völker eingeladen. „Heute wird mir großer Respekt entgegengebracht. Heute kommen [die Chefs] zu mir, sie wollen wissen, was los ist. Das bringt uns dazu, innerhalb des Territoriums als Kollektiv an unserer Stärkung zu arbeiten”, erzählt sie. Inzwischen nutzt sie ihre Stimme aktiv, um ihr Gebiet zu verteidigen: „Ich bin nicht groß, ich bin sehr klein. Aber wenn ich mich mit meiner Stimme, meiner Art zu sprechen, für etwas einsetze, entwickle ich eine große Kraft.“

Die Demarkierung Indigener Gebiete als Hauptthema

Als Alessandra begann, sich zu organisieren, hatte das Volk der Munduruku bereits Pläne, seine Gebiete zu kartografieren und ihre Anerkennung durch das Gesetz sicherzustellen. Da begann Alessandra zu verstehen, wie wichtig diese Gebiete nicht nur für das Volk, sondern auch für die Umwelt, die Tiere, die Flüsse und die Wälder sind. Sie begriff, dass es sich nicht nur um einen Kampf innerhalb ihres Volkes handelte. Es war ein weltweiter Kampf. „Der Kampf muss von uns allen geführt werden“, erklärt sie, „denn es gibt nur einen Planeten. Er ist der Ort, an dem wir atmen, an dem wir leben“. Und die einzige Möglichkeit, den Schutz dieser Gebiete zu gewährleisten, sei die Überwachung und Demarkierung der Gebiete.

Kurz gesagt, ist ein Indigenes Gebiet laut der Bundesverfassung von 1988 „ein abgegrenztes und geschütztes Gebiet für den dauerhaften Besitz und die ausschließliche Nutzung durch Indigene Völker”. Diese Gebiete sind „als Erbe der Union anerkannt und dienen der Erhaltung ihrer Kultur, Traditionen, natürlichen Ressourcen und Formen der sozialen Organisation“. Die Demarkierung dieser Gebiete ist ein 1996 gesetzlich geregeltes Verfassungsrecht, das die Grenzen eines traditionell von Indigenen Völkern bewohnten Gebiets festlegt und kennzeichnet. Mit der Demarkation soll „die Selbstbestimmung, Autonomie und der Schutz der Rechte der Indigenen Völker“ sowie ihre „aktive Beteiligung an der Verwaltung und Erhaltung dieser Gebiete“ gewährleistet werden, definiert die Nationale Stiftung für Indigene Völker (FUNAI).

Im September 2024 erzielte das Volk der Munduruku einen historischen Sieg mit der Demarkation des Indigenengebietes Sawré Muybu, das vom Justizministerium offiziell anerkannt wurde. Aber der Erfolg endet nicht mit der Demarkation. Das Gebiet muss von der FUNAI physisch demarkiert, dem Präsidenten der Republik zur Genehmigung per Dekret vorgelegt und schließlich im Grundbuchamt und im Sekretariat für Bundesvermögen registriert werden. „Denn für Nicht-Indigene muss man Papiere haben, um zu beweisen, dass es einem gehört. Wenn man keine Papiere hat, gehört es einem nicht”, sagt sie. Der Demarkationsprozess schreitet voran, allerdings noch sehr langsam. Deshalb argumentiert Alessandra, dass dies ein vorrangiges Thema auf der COP sein muss, da gerade die Indigenen Völker die wichtigsten Beschützerinnen des Amazonasgebiets und der natürlichen Ressourcen sind. Die Diskussionen auf der COP scheinen jedoch noch nicht ausreichend auf die Ureinwohnerinnen ausgerichtet zu sein und reproduzieren letztendlich oft Strategien des „grünen Kapitalismus“.

Die COP als kommerzielles Ereignis

Es wäre realitätsfern zu behaupten, dass die COP nutzlos sei oder keinen geopolitischen Wert habe. Andererseits wäre es zynisch zu sagen, dass die COP Lösungen präsentiert, die den Forderungen jener entsprechen, die tatsächlich unter der Klimakrise leiden. Denn in Lateinamerika, Afrika und Asien herrscht ein extraktivistischer Neokolonialismus, bei dem multinationale Unternehmen die Territorien, ihre natürlichen Ressourcen und vor allem ihre Bevölkerung ausbeuten, um Gewinne zu erzielen, die sich in den Händen einiger weniger konzentrieren. Und die COP führt Diskussionen, die sich hauptsächlich auf den Globalen Norden konzentrieren, mit Diskussionen über Finanzierungen und „grüne Technologien”.

Darüber hinaus gibt es aber auch das Problem der Zugänglichkeit. Wer kann an diesen Konferenzen teilnehmen? „Stellen Sie sich die Menschen vor, die unter Dürre leiden, die unter Bränden leiden, unter Ausbeutung, die zusehen müssen, wie ihre Fische sterben”, sagt Alessandra. „Oft haben sie keine Möglichkeit, in die Hauptstadt [Belém] zu kommen. Wer kann teilnehmen? Wer kann sich akkreditieren? Und wer kann für die Menschen sprechen?“

Die Konferenz sei „sehr kommerziell geworden, sehr auf den Verkauf ausgerichtet. Wir wollen aber nicht über Handel sprechen, sondern über das Leben, das Territorium, die Klimakatastrophen“, meint sie. Alessandra fühlt sich nur dann auf Konferenzen wie der COP vertreten, wenn Verwandte, also andere Indigene, anwesend sind, die ihre Anliegen kennen und für sie kämpfen können. „Denn ich vertraue den Worten der Regierung nicht. Wir vertrauen den Worten der Regierungsvertreter, die für uns sprechen, nicht, weil sie oft etwas dafür zurückbekommen“, kommentiert sie. Und sie nennt das Beispiel des Emissionshandels.
Der Emissionshandel ermöglicht es einem Verursacher von Treibhausgasemissionen (zumeist aus dem Globalen Norden) durch den Kauf von CO2-Zertifikaten (Kohlenstoffkredite) aus der Reduktion/Speicherung von CO2 bspw. durch Waldschutz/Wiederaufforstung (zumeist im Globalen Süden), die eigenen CO2-Emissionen zu kompensieren.

Kohlenstoffmärkte als neue Form der Kolonialisierung


„Die ganze Welt spricht vom Emissionshandel. Aber für uns sind diese Kompensationsgeschäfte nicht geeignet.” Alessandra glaubt, dass die Akzeptanz des Kohlenstoffmarktes bedeutet, mit der Zerstörung Geld verdienen zu wollen. „Es sind die großen Unternehmen, die zerstören. Sie wollen uns dafür bezahlen, dass wir etwas schützen, damit sie an anderen Orten weiter zerstören können”, kritisiert sie.
Und mit dem Geld aus den Emissionszertifikaten müssten die Indigenen Gemeinschaften sich der Logik des Kapitals unterwerfen. „Ich werde das kaufen müssen, was aus der Stadt kommt, oft Pestizide, Konserven, abgepackte Produkte. Ich muss in der Stadt einkaufen und Gift in mein Dorf bringen, um dort Müll zu produzieren und Krankheiten zu verursachen.“

Während der Kohlenstoffmarkt der Logik des grünen Kapitalismus folgt, einer naiven Vorstellung, dass es eine Art nachhaltige Zukunft auf der Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft gibt, wollen die indigenen Völker Autonomie über ihr Land. Sie wollen ihre Territorien mit ihrem jahrtausendealten Wissen pflegen können und nicht von multinationalem Kapital abhängig sein, das aus der Ausbeutung dieser Territorien stammt.
Alessandra erklärt, dass der Emissionshandel eine Art „Kolonisierung des Geistes“ bewirkt: „[Er] dring in die Köpfe der Indigenen Völker ein, um ihnen zu sagen, dass wir die Umwelt retten, dass wir den Planeten retten. Aber diese Rolle übernehmen wir schon seit vielen tausend Jahren.“ Die Indigenen Völker wollen kein Geld aus dem Kohlenstoffhandel, sagt sie. Was sie wollen, ist Respekt und die Demarkierung ihrer Gebiete.

Mehr Respekt und Rechte für die Territorien

„Die Welt muss die Indigenen Völker respektieren“, betont Alessandra. „Als ich anfing, die Welt zu bereisen, dachte ich, dass es nur in Brasilien Indigene Völker gibt. Dann habe ich gemerkt, dass es auch anderswo viele Indigene Völker gibt. Sogar in den Vereinigten Staaten, Kanada, Bolivien und Mexiko.“ In Brasilien gibt es 305 Indigene Ethnien. „Wie reich ist doch unsere Welt, reich an Kulturen, Sprachen und traditionellen Völkern. Ein Reichtum, den es meines Wissens nirgendwo sonst gibt.“
Indigene Völker verfügen nicht nur über kulturellen Reichtum, sondern auch über Wissen von der Heilkraft der Natur, eine „lebende Bibliothek“ – und im Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft hören sie auf die Natur. „Wie kann der weiße Mann uns sagen, dass nur das, was in den Büchern steht, gültig ist? Warum respektiert [der weiße Mann] unser Wissen über die Natur nicht? Die Natur spricht doch, während das Buch nicht sprechen kann.” Und deshalb muss die Natur geschützt werden. Weil die ganze Welt Zugang zu diesem Wissen haben muss.

„Nicht ein Wissen, um auszubeuten, sondern um zu bewahren.” Alessandra appelliert an alle Menschen, ob Indigen oder nicht, sich solidarisch mit den Ureinwohner*innen zu zeigen: durch Boykotte von Fleisch aus Abholzung oder von Bergbauunternehmen, die auf Indigenem Land tätig sind, durch das Lernen über verschiedene Völker und durch die Sensibilisierung an Schulen und Universitäten. In der spirituellen Welt der Ureinwohner*innen hat jedes Volk seine eigene Sprache. Wenn man Portugiesisch spricht, die Sprache, die vor fünfhundert Jahren durch die Kolonialisierung aufgezwungen wurde, kann man die Wälder und Flüsse nicht verstehen. Aber wenn die Munduruku ihre Sprache sprechen, können sie die Natur hören und wissen, was geschützt und respektiert werden muss. Bücher sprechen nicht, aber die lebendige Bibliothek doch. Und sie gibt dieses Wissen von Generation zu Generation weite
Die Abgrenzung Indigener Gebiete zu gewährleisten, bedeutet nicht nur, das Recht auf Überleben zu garantieren. Es bedeutet auch, sicherzustellen, dass die Natur von Abya Yala weiterhin in Harmonie mit den Völkern kommuniziert, die sich seit Jahrtausenden um sie kümmern.


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Im Widerstand gegen die Großprojekte

Kampf um den freien Wasserfluss Gemeinden, die an und mit Flüssen leben, wollen sauberes Wasser statt riesiger Dämme (Foto: Wesley Braun)

Derzeit fließen weltweit nur noch 37 Prozent der Flüsse mit einer Länge von mehr als 1.000 km über ihren gesamten Verlauf frei. Dämme und Wehre sind die Hauptursachen für den Verlust des freien Wasserflusses. In Brasilien hat der Bau von Staudämmen insbesondere im Zusammenhang mit der Umstrukturierung des nationalen Energiemodells seit den 1970er Jahren während der Militärdiktatur zu einer erzwungenen gravierenden Neugestaltung von Territorien geführt und vielfältige ökologische und soziale Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung gehabt, die bis heute spürbar sind.
Als Reaktion auf diese Situation organisierten sich die betroffenen Gemeinden ab Ende der 1970er Jahre im Widerstand gegen die Großprojekte, was sich im Jahre 1986 unter dem Namen der Bewegung der von Staudämmen Betroffenen (MAB) sammelte. Im April 1989 führte sie den ersten Nationalkongress der von Staudämmen Betroffenen in Goiânia durch, bevor sich im März 1991 formell die Bewegung der von Staudämmen Betroffenen gründete. Seither setzt sich die MAB für Veränderungen im brasilianischen Energiemodell ein, um die Rechte der betroffenen Bevölkerung zu gewährleisten und, in jüngerer Zeit, um der Klimakrise entgegenzuwirken und deren Auswirkungen abzuschwächen.

Laut dem landesweiten Instrument zur Kontrolle und Überwachung von Dämmen in Brasilien, dem Informationssystem für Dammsicherheit, gibt es heute mehr als 29.000 Dämme: Staudämme zur Energiegewinnung, zur Trinkwassergewinnung oder Bewässerung sowie Dämme von Rückhaltebecken von teils hochtoxischer Bergbauschlämme. Vor 25 Jahren stellte der Bericht der Weltkommission für Staudämme fest, dass in Brasilien etwa eine Million Menschen von Staudämmen betroffen waren. Laut der Oswaldo Cruz-Stiftung (Fiocruz) beläuft sich diese Zahl heute auf mindestens vier Millionen Menschen. In den letzten Jahren hat die Zahl der potenziell mit ökologischen und sozialen Risiken einhergehenden Staudammprojekte zugenommen, wie beispielsweise die (Umwelt-)Katastrophen durch die Staudämme Fundão in Mariana im Jahr 2015 und 2019 durch Mine Córrego do Feijão in Brumadinho aufzeigen.

Die Klimakrise, die wir derzeit erleben, ist zweifelsohne eine direkte Folge des kapitalistischen Produktions- und Konsumptionsmodells, der Treibhausgas-Emissionen der fossil-basierten Weltwirtschaft und der mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen einhergehenden Naturzerstörung. Angesichts der Notwendigkeit, die Wirtschaft zu dekarbonisieren, wurde ausgehend von den Ländern des Globalen Nordens eine Energiewende weg von fossilen Energieträgern eingeläutet.
Was jedoch eine historische Chance für Brasilien sein könnte, hat zu einer Vertiefung einer durch Konzentration von Reichtum und Abhängigkeit gekennzeichneten Energiepolitik geführt. Um die Nachfrage aus dem Ausland nach unabdingbaren Rohstoffen für die Umsetzung der Energiewende zu befriedigen, baut das Land die Gewinnung von kritischen Mineralien und Seltenen Erden für den Export aus und erweitert das Angebot an Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarenergie und seit kurzem auch grünem Wasserstoff. All dies ist oftmals mit derselben systematischen Verletzung von Rechten der lokalen Bevölkerung verbunden, wie im Fall der Staudämme.
Trotz der nachgewiesenen negativen ökologischen und sozialen Folgewirkungen sowie der chronischen Verletzung der Rechte der lokalen Bevölkerung wurde und wird die Energiegewinnung durch Wasserkraft auch in anderen Ländern Lateinamerikas sowie in Afrika und Asien ausgebaut und mittlerweile als „grüne Energie“ als adäquate Lösung zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen bei der Energieerzeugung und für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft propagiert.
Vor diesem Hintergrund wird die internationale Zusammenarbeit und Solidarität zwischen den von Staudammprojekten betroffenen Bevölkerungsgruppen immer wichtiger. Aktuell wird deshalb ein historischer Prozess internationaler Treffen wieder aufgenommen, der 1997 begann. Das Movimiento de Afectados por Represas (MAR) hat für November 2025 das IV. Internationale Treffen der von Staudämmen und der Klimakrise betroffenen Gemeinschaften einberufen, das in Belém do Pará, Brasilien, stattfinden wird.


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Amazonien schützen – Indigene Gemeinden unterstützen

Ohne den Erhalt des amazonischen Regenwaldes ist es nicht möglich, die Folgen der globalen Klima- und Umweltkrise einzudämmen. Und ohne die Unterstützung und Anerkennung der (territorialen) Rechte der Indigenen Völker Amazoniens wird es nicht gelingen, den Regenwald zu schützen. Doch sind der Wald und dessen Bewohner*innen akut bedroht. Einerseits sind die Auswirkungen der globalen Erderwärmung auf das für die Stabilisierung des Weltklimas so bedeut­same komplexe Ökosystem des tropischen Regenwaldes immer gravierender. Andererseits stehen die Regenwaldgebiete im Fokus wirtschaftlicher Interessen und der Rohstoffausbeutung. Für die im und vom Regenwald lebenden Menschen bedeutet dies Zerstörung ihrer Lebensgrundlage, Gewalt und Vertreibung. Das Land Berlin ist seit 1992 Mitglied im „Klima-Bündnis der europäischen Städte mit Indigenen Völkern der Regenwälder“. Um der globalen Klimakrise entgegenzutreten und mehr Klimagerechtigkeit herzustellen, haben sich die fast 2.000 Mitglieds-Kommunen dieses Städtenetzwerkes dazu verpflichtet, nicht nur mit lokalen Klimaschutzaktivitäten konkrete Klimaschutzziele zu erreichen, sondern auch den amazonischen Regenwald zu schützen und dabei mit den Indigenen Völkern Amazoniens partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Die aus sechs Organisationen bestehende Initiative „Berlin aktiv im Klima-Bündnis“ ist seit Mitte 2022 mit den Munduruku im Einzugsgebiet des Flusses Tapajós im westlichen Bundesstaat Pará des brasilianischen Amazonas in Kommunikation.

Das Anliegen der Berliner Initiative ist es, eine langfristig angelegte Partnerschaft zwischen dem Land Berlin und den Munduruku zu etablieren. Gleichsam geht es uns um die Stärkung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten mit dem Fokus auf Amazonien wie einen kontinuierlichen Politikdialog hier in Berlin. Damit wollen wir dazu beitragen, das kritische Bewusstsein dafür zu stärken, dass der Einsatz für Klimaschutz, den Erhalt der Regenwälder, die Unterstützung Indigener Völker und globale Klimagerechtigkeit unmittelbar miteinander verknüpft sind. Nach über 17 Jahren des Kampfes haben die Munduruku vom Mittleren Tapajós im September 2024 endlich die Anerkennung ihres Gebietes Sawré Muybu als Indigenes Territorium erreicht – dort liegt auch das Dorf Sawré Aboy, in dem mit Unterstützung der Berliner Initiative und Finanzmitteln des Landes Berlin das Bildungs- und Kulturzentrum „Munduruku Akay Buray“ aufgebaut wurde. Die Freude über die Demarkation von Sawré Muybu darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Munduruku sich bei ihrem beständigen Kampf für den Erhalt ihres Lebensraumes nach wie vor mächtigen Akteur*innen entgegenstellen müssen, die sie bedrohen, ihre Rechte missachten und sich die Indigenen Territorien für wirtschaftliche Inwertsetzung aneignen wollen. Die Berliner Initiative wird weiterhin alles daran setzen, die Munduruku und ihren Kampf solidarisch zu unterstützen.


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Ein Schwamm, der droht auszutrocknen

Proteste in Quimsacocha Hunderttausende gehen für den Schutz der Hochebene auf die Straße. (Foto: Javier Morales)

Quimsacocha hat begonnen, Grenzen zu durchbrechen: Was ein Anliegen von Umweltschützer*innen, Führungskräften und Politiker*innen war, wurde zu einem gemeinsamen, zutiefst menschlichen Anliegen. Nachbarschaftskomitees nahmen Punkte in ihre Tagesordnungen auf, die zuvor nicht darin enthalten waren: „Über Auswirkungen auf das Wasser diskutieren“, „über den Bergbau im Hochland sprechen“. Und es war diese langsame, aber kraftvolle 30-jährige Gemeinschaftsarbeit, die am 16. September 2025 etwa hunderttausend Menschen anspornte, durch die Straßen von Cuenca zu marschieren, um für Wasser und Leben zu demonstrieren.

Quimsacocha, was in Quechua drei Seen bedeutet, sind tatsächlich mehr als 30 große Seen und dutzende kleine Feuchtgebiete, die sich im Süden der Provinz Azuay erstrecken. Hier entspringen die Flüsse Tarqui, Yanuncay und Rircay, die für das Leben und die Wasserversorgung von Cuenca und anderen Gebieten in Azuay und El Oro in Ecuador von grundlegender Bedeutung sind. Die Hochebene von Quimsacocha speichert Wasser auf eine einzigartige Weise. Ihr Boden besteht aus Pflanzengewebe, das wie ein Schwamm bis zum Vierfachen seines Gewichts an Wasser speichern kann. Dadurch reguliert das Gewebe den Wasserfluss in Trockenperioden und trägt zur Kohlenstoffbindung bei, was den Klimawandel abmildert. Aufgrund dieser Eigenschaft wurde Quimsacocha 2012 als nationales Erholungsgebiet anerkannt. Dennoch ist dessen Ökosystem gefährdet.

Nach Angaben der Ärztekammer von Azuay könnte der geplante Bergbau in diesem Gebiet die Wasserqualität beeinträchtigen und mehr als 800.000 Menschen Schadstoffen wie Schwermetallen und giftigen Substanzen aussetzen. Diese Bedrohung ist nicht abstrakt. Sie ist konkret, gesundheitsschädlich, sozial und sie hat einen Namen: Dundee Precious Metals. Das kanadische Unternehmen Dundee Precious Metals leitet derzeit das Bergbauprojekt Loma Larga. Dieses Projekt befindet sich ebenfalls in Azuay und umfasst die Gemeinden Victoria del Portete, San Gerardo, Chumblín und Girón. Es erstreckt sich über eine Fläche von etwa 8.000 Hektar und besteht aus drei Konzessionen: Cerro Casco, Cristal und Río Falso.

Zwischen 2001 und 2003 vergab der ecuadorianische Staat mehr als 11.000 Hektar an ein anderes kanadisches Unternehmen, IAMGOLD, um mit Explorationsaktivitäten zu beginnen. Die Ergebnisse der ersten Bohrungen zeigten ein hohes Potenzial an Gold-, Silber- und Kupfervorkommen. 2007 wurde dank einer Kommission aus Vertreter*innen des Bergbauministeriums und der Zivilgesellschaft die Vorgehensweise der Unter­suchung öffentlich bekannt. Die Kommission stellte fest, dass weder vorherige Konsultationen mit den Gemeinden noch Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt worden waren. Infolgedessen und mit der Verabschiedung des Bergbaugesetzes Nr. 6 im Jahr 2007 wurde die Konzession aufgehoben. Obwohl IAMGOLD das Projekt aufgab, war der Grundstein für den Bergbau gelegt.

Widerstand aus Körper und Territorium

Seit 2008 erkennt die Verfassung Ecuadors die Natur als Rechtssubjekt an. Es ist das erste Land weltweit, das ihr diesen Rechtsstatus gewährt, was bedeutet, dass Ökosysteme wie Quimsacocha ein Recht auf Existenz, Fortbestand und Regeneration haben. Dieser biozentrische Ansatz – verankert in Artikel 71 der Verfassung – stellt einen Paradigmenwechsel dar: Es geht nicht mehr nur darum, die Umwelt wegen ihres Nutzens für den Menschen zu schützen, sondern ihr einen intrinsischen Wert zuzuschreiben. Wasser ist so auch Identität, Kultur und Existenz.

In manchen der vom Bergbau betroffenen Gemeinden, wird beanstandet, dass die vom Unternehmen geforderte sogenannte „vorherige, freie und informierte Konsultation“ nicht stattgefunden habe. Anstatt die Beteiligung zu gewährleisten, wurde sie als ein parteiischer Sozialisierungs­prozess erlebt, der nur auf drei Gemeinden beschränkt war. Im Einflussbereich des Tarqui-Flussbeckens gibt es aber mehr als achthundert Wassernutzungen. Hinzu kommt die Anwesenheit von Polizei und Militär bei der angeblichen Konsultation. Der Dialog wird dadurch nicht erleichtert, sondern verstärkt Ängste. Der gesetzlich vorgeschriebenen Bedingung der „freien“ Konsultation entspricht das nicht. Die Gemeinden beklagen außerdem ihre systematische Ausgrenzung als Rechtssubjekte, während sie in offiziellen und unternehmerischen Diskursen ignoriert oder delegitimiert werden. Dennoch waren sie bei Demonstrationen, Versammlungen und rechtlichen Schritten stets präsent. Die Ausübung des Menschenrechts auf Wasser in Azuay ist eine gemeinschaftliche und soziale Angelegenheit. Hier gibt es mehr als 300 kommunale Wasserverbände und autonome Strukturen, die oft aus der Not heraus entstanden sind – weil der Staat nicht da war, und die Verwaltung dieser Ressource stattdessen durch die Gemeinden geschah. Dieses Gemeinschaftsmodell ist weder neu noch improvisiert. Die Wasserverbände und -systeme sind das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe um einen gerechten Zugang zu Wasser, insbesondere in ländlichen Gebieten, wo das Leben vom Páramo abhängt und der Páramo (kalte, andine Hochfläche, Anm.d.Red.) von der Pflege seiner Bewohnerinnen.

So kam es, dass im August 2011 die Versammlung der Nutzerinnen des kommunalen Wasserversorgungssystems von Tarqui und Victoria del Portete eine Art selbst einberufene Volksbefragung durchführte, um ihr Recht auf Selbstbestimmung und Entscheidung über ihre Gebiete auszuüben. Obwohl dies von der Provinzregierung von Azuay verurteilt wurde, stellt es einen Präzedenzfall für künftige Volksbefragungen dar. In Girón wurde am 24. März 2019 ein nationaler und internationaler Präzedenzfall geschaffen, als die Bürger*innen zum ersten Mal einen Mechanismus der direkten Demokratie nutzten, um über die Zukunft des Wassers in ihrem Gebiet zu entscheiden: die Volksbefragung. Das Ergebnis: 86,79 Prozent der Bevölkerung stimmten gegen den Bergbau. Anschließend wurde 2020 in Cuenca eine Volksbefragung durchgeführt, bei der 80 Prozent den Bergbau in Wassereinzugsgebieten ablehnten.

Ein ignoriertes, aber*nicht vergessenes Urteil


Im Jahr 2022 fällte das Provinzgericht von Azuay ein historisches Urteil, in dem es die Verletzung von Verfassungsrechten im Zusammenhang mit dem Bergbauprojekt Loma Larga in der Region Quimsacocha anerkannte. Als Wiedergutmachungsmaßnahme wurde das Umweltministerium angewiesen, technische Berichte über den Zustand des Nationalen Erholungsgebiets Quimsacocha und die Nachhaltigkeit seines Wasserökosystems vorzulegen. Darüber hinaus wurde eine vorherige, freie und informierte Konsultation in der Gemeinde Escaleras sowie eine Umweltkonsultation im gesamten Einflussbereich des Projekts gefordert. Diese Maßnahmen sollten von der Ombudsstelle überwacht werden, die verpflichtet ist, regelmäßig Berichte über deren Einhaltung vorzulegen.

Trotz der Eindeutigkeit des Urteils wurde bis heute nicht öffentlich bekannt gegeben, ob die Maßnahmen umgesetzt wurden. Andererseits hat Dundee Precious Metals Ecuador S.A. im Juni 2025 die Erteilung der Umweltgenehmigung für die Abbau- und Verarbeitungsphasen des Projekts Loma Larga erhalten, das sich in den Gemeinden Cuenca, Girón und San Fernando befindet. Die Regierung argumentiert, dass die Bergbaukonzessionen vor den Konsultationen erteilt wurden und daher weiterhin rechtsgültig sind.


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Ein Fluss wird Rechtssubjekt

Am Marañón (Foto: ODECOFROC)

Die Frauenvereinigung des Indigenen Volkes der Kukama, Huaynakana Kamatahuara Kana, machte im April international Schlagzeilen, als ihre Präsidentin, Mari Luz Canaquiri Murayari, für ihren besonderen Einsatz für den Umweltschutz mit dem renommierten internationalen Goldman-Preis ausgezeichnet wurde. Die Frauenvereinigung der Kukama hatte im März 2024 in zweiter Instanz am Provinzgericht in Nauta, Loreto, erfolgreich die Anerkennung des Flusses Marañón und seiner Zuflüsse als Rechteinhaber eingeklagt. Aktivist*innen der Kukama hatten zuvor seit Langem auf die andauernden Ölverschmutzungen aufmerksam gemacht, welche durch die dort befindlichen Ölpipelines des Oleoducto Norperuano verursacht werden. Das Urteil besagt unter anderem, dass der Fluss das Recht habe, frei von Umweltverschmutzung zu fließen und ein gesundes Ökosystem aufrechtzuerhalten. Außerdem setzt das Urteil fest, dass Petroperú als Betreiber der Ölpipelines nun einen neuen Umweltplan vorlegen muss, um in Zukunft Ölunfällen vorzubeugen. Celia Fasabi, Vizepräsidentin der Organisation, war als Klägerin auf dem langen Weg zum Urteil dabei und beschreibt, was nun bevorsteht: „Der Fluss Marañón wurde als Rechteinhaber anerkannt, aber es bleibt noch viel zu tun, um diesen Sieg auch zu implementieren. Trotzdem ist dies bereits ein Fortschritt für uns, nicht nur für die Menschen hier. Es sollten überall Nachahmungen der Klage geben, damit die Flüsse das Recht haben, frei zu fließen, zu nähren und ernährt zu werden. Auf dass sie von allen respektiert werden, auch von Unternehmen – und auch vom Bergbau.“ Das Urteil legt zudem die Pflicht des Staates fest, den Fluss als Garant des Rechts auf Leben und Gesundheit rechtlich zu schützen. Der Marañón soll als Rechteinhaber künftig von Indigenen Organisationen repräsentiert werden. Der Fluss nimmt eine wichtige Rolle im alltäglichen Leben der Kukama ein, aber auch in ihrer Kosmovision, wie Celia erklärt: „Wir Indigenen Völker haben diese Beziehung zum Wasser und zu den Wäldern. Der Fluss spricht durch uns, die ihn spüren, die ihn durch diese Beziehung leben und ihn repräsentieren. In ihm sind lebende Wesen, das ist unsere Kosmovision und wir spüren die Verbindung zu ihnen. Das gleiche gilt für die Wälder, die Bäume, die Pflanzen. Sie haben ihre Seele, man geht nicht einfach in den Wald und pflückt eine Pflanze als Heilmittel – man muss erst mit ihrer Seele in Kontakt treten.“

Bolivien und Ecuador machen es vor

Aus dem Naturverständnis der Kukama lässt sich leicht ableiten, dass die Natur selbst Rechte innehaben sollte, doch wie das in bestehende Rechtssysteme übersetzen? In Peru ist die Natur als Rechtssubjekt nicht in der Verfassung verankert, im Gegensatz zu den Verfassungen von Bolivien und Ecuador, auf die sich die Klägerinnen bezogen. Daher die Lösung: den Fluss zum Rechteinhaber erklären, der das Recht auf Repräsentation hat. Nun muss die Umsetzung des Urteils beginnen. Dazu soll die Regionalregierung von Loreto Wasserräte einberufen, über welche die rechtlich als Repräsentant*innen des Flusses anerkannten Indigenen Organisation an Entscheidungen, die den Fluss betreffen oder Auswirkungen auf ihn haben, beteiligt werden. Eine Hürde für die Anwendung besteht darin, dass sich die Interessen der Verteidiger*innen des Flusses und die aggressive Intensivierung des extraktiven Sektors gegenüberstehen. Laut Perupetro liegt die Erdölförderung mit 17 Prozent höher als im Vorjahr. 60 Prozent der peruanischen Erdölreserven liegen im Marañón-Becken. Neben der Erdölförderung wird intensiv Bergbau betrieben, welcher nicht minder schädlich ist und durch hohe Mineralienpreise angetrieben wird. Laut der Umweltorganisation CooperAcción sind 15,5 Prozent des Landes für den Bergbau konzessioniert, zudem breitet sich der illegale Bergbau vor allem auch im Amazonas rasant aus. Zwischen 2005 und 2023 stieg die Menge illegal geförderten Goldes von 12 auf 77 Tonnen. Die permissive Haltung der peruanischen Regierung gegenüber dem illegalen Bergbau steht in direktem Zusammenhang mit einer eskalierenden Vereinnahmung des Staates durch private Interessen. Im peruanischen Kongress werden Gesetzesprojekte verabschiedet, von welchen Akteure des illegalen Bergbaus direkt profitieren (siehe Dossier 21). „Es handelt sich um einen Sektor, der über Kontakte und politische Beziehungen im Kongress verfügt, und alles deutet darauf hin, dass er noch stärker werden wird“, erklärte José de Echave von CooperAcción bei der Vorstellung des 35. Berichts der peruanischen Beobachtungsstelle für Bergbaukonflikte, Observatorio de Conflictos Mineros. Gleichzeitig stünde dieser in Verbindung mit einem hohen Maß an sozialer Konfliktivität und der Ermordung mehrerer Aktivist*innen.
Von einem anderen Ort, vom Fluss Cenepa in der Amazonas-Region, berichtet Dante Sejekam von der Organisation für die Entwicklung der Grenzgemeinden des Cenepa (ODECOFROC) des Indigenen Volks der Awajún vom immer aggressiveren Eindringen des illegalen Goldabbaus, gegen den sich die Menschen am Cenepa wehren.

Kämpferinnen fü die Rechte des Flusses Frauen der Indigenen Vereinigung der Kukama (Foto: ODECOFROC)

Die Indigenen Aktivist*innen fühlen sich allein gelassen in ihrem Kampf gegen die Umweltzerstörung und die Gefährdung der Sicherheit der Gemeinschaften. Dante Sejekam erzählt, dass die Situation bereits mehrere Eskalationsstufen überschritten hat. Illegal agierende mineros, also Bergleute, schürfen dort mit Schwimmbaggern nach Gold. Anfänglich machten sie Indigene Anführer*innen mit einer Geldsumme gefügig, um so die Gemeinden zu unterwandern und dort ihre Interessen durchzusetzen. Nun sei die Situation noch zugespitzter: „Diejenigen, die den illegalen Bergbau betreiben, haben die absolute Kontrolle über Gemeinschaften und selbst über kommunale Autoritäten übernommen – ein minero ermordet einen Indigenen und es passiert überhaupt nichts.“
Gruppen der Indigenen Völker der Awajún und Wampis organisieren sich, um den Cenepa, den Santiago und andere Flüsse zu überwachen und vor Invasionen durch illegale mineros zu schützen. So führte der ODECOFROC auch Flussblockaden des Cenepa durch, um den Vormarsch des illegalen Goldabbaus zu stoppen. Seit 2023 versucht ODECOFROC durch Selbstorganisation die zerstörenden Aktivitäten einzudämmen. Jedoch sind ihre Mittel zur Durchführung von Patrouillen begrenzt, sodass illegale mineros immer wiederkommen. Bereits im Juni 2024 hatte ODECOFROC einen öffentlichen Notfallappell an mehrere nationale Ministerien gerichtet, um auf die ernste Situation hinzuweisen, in der sich die Menschen am Cenepa in der Amazonas-Region aufgrund illegaler Aktivitäten, der Zerstörung des Ökosystems und der sozialen Auswirkungen durch diese in den Awajún-Gemeinden befinden.
„Wir sind sehr besorgt“, führt Dante Sejekam fort, „denn während die mineros immer weiter vordringen, kommt von der Regierung keine Reaktion. Also machen wir weiter und leisten Widerstand aus unserer Kultur heraus. Vor allem, damit der Bergbau nicht in weitere Gemeinschaften vordringt“.

Widerstand bedeutet, alternative Einkommensquellen zu finden, den Anbau lokaler Produkte zu fördern


Der Bergbau übe auch ökonomischen Druck aus, während soziale Investitionen fehlten, so Dante: „Projektvorschläge aus den Gemeinschaften werden abgelehnt, während es hier viele junge Menschen gibt, die andere Arbeitsmöglichkeiten suchen oder selbst ein Kleinunternehmen gründen wollen. Es gibt junge Fachleute am Cenepa, die die Lebensmittelverarbeitung einheimischer Produkte entwickeln könnten, aber die Regierung setzt nicht auf solche Maßnahmen.“ In der Region ist das Level an Mangelernährung hoch, während es an Gesundheitszentren fehlt. Auch gibt es zu wenig zweisprachige Lehrer*innen für Indigene Kinder. Und der Mineralienabbau ist nicht die einzige illegale Aktivität; Drogenproduktion, Banden und Menschenhandel breiten sich aus.


Trotz allem und gerade deshalb setzen Indigene Organisationen wie ODECOFROC den zerstörerischen Aktivitäten eigene Visionen entgegen. So gibt es Fortbildungen mit dem Ziel der Selbstermächtigung von Frauen in der Gemeinschaft, um Führungsrollen zu übernehmen. Ebenso bedeutet Widerstand, alternative Einkommensquellen zu finden: Sie fördern den Anbau lokaler Produkte und entwickeln Fischzuchtanlagen, denn im verschmutzten Fluss kann nicht gefischt werden. Diese Initiativen können auch zur Aufforstung beitragen und sind ein Weg, die Mangelernährung, worunter vor allem Kinder leiden, zu bekämpfen.


So zeigt sich, dass die Rechte der Natur eng verbunden sind mit den Rechten der Menschen, die mit ihr leben. Das Thema Ernährungssouveränität ist auch für die Kukama zentral. Celia erzählt von der besonderen Beziehung zu den Pflanzen, die ihre Ernährungsgrundlage sind und Fürsorge brauchen, wie ein Mensch. Sie sieht die Vielfalt der lokalen Anbauprodukte als wichtigen Teil des Kampfes gegen Mangelernährung.


Würde auch am Cenepa ein Rechtsentscheid für die Rechte des Flusses helfen, ein intaktes Ökosystem zu gewährleisten und von den umgebenden Indigenen Gemeinschaften repräsentiert zu werden? „Das von den Kukama Frauen gewonnene Urteil ist schon eine Inspiration“, sagt Dante Sejekam, „aber viele Gemeinschaften kennen das Urteil nicht, es braucht eine Sensibilisierungskampagne. Es ist schwer, aber natürlich muss darauf aufgebaut werden. Dafür kämpfen wir gegen die mineros. Wenn der Kampf nicht so wichtig wäre, hätten wir ihnen längst die Konzessionen überlassen, hätten wir die Kokaanbauer eindringen lassen. Aber weil der Marañón so wichtig ist, dessen Nebenfluss der Cenepa ist, haben wir Widerstand geleistet – und tun es weiter, bestärkt durch das Urteil“.


Der Erfolg der Kukama ist ein Hoffnungszeichen – auch für weit entfernte Regionen wie den Cenepa. Doch es braucht mehr Sichtbarkeit, Unterstützung und politischen Willen, um ähnliche Wege zu gehen. Die Vereinigung Frauen der Kukama und ODECOFROC kämpfen wie andere Indigene Organisationen an verschiedenen Orten Tag für Tag gegen Gewalt, gegen die Verschmutzung von Flüssen und Wäldern und für ein Leben, welches mehr im Gleichgewicht mit der Natur steht. Die Verteidigung der Natur und des Klimas ist dort immer auch eine Verteidigung der Menschenrechte. Dafür braucht es auch die Verringerung des globalen Konsums der dort abgebauten und geförderten Rohstoffe, sowie strenge menschenrechtliche Sorgfaltspflichten, zum Beispiel durch ein starkes EU-Lieferkettengesetz. Denn der Marañón mag nun Rechte haben – doch solange Rohstoffe aus gewaltvollen Kontexten global konsumiert werden, bleibt die Natur dort bedroht. Und damit jene, die sie verteidigen.


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„Wir verteidigen die Verfassung“

„Was die Machthaber stört, ist organisatorische Stärke“. Leonidas Iza möchte eine vereinte Linke. Foto: Fernando Lagla via Flickr (CC BY-SA 2.0)

Was haben Sie auf persönlicher Ebene während Ihrer Kandidatur als Präsidentschaftskandidat gelernt?
Ich durfte sowohl eine Führungspersönlichkeit als auch ein Kandidat sein. Aber in unserer kollektiven Gemeinschaftslogik ist man am Ende nur einer mehr im Prozess. Die „liberale Demokratie“ individualisiert das Recht auf Beteiligung. Mein Beitrag als Individuum besteht darin, mich nicht in diese individualisierte liberale Demokratie hineinziehen zu lassen. Während der Wahlkampagne, als ich durch die Anden, die Küste und das Amazonasgebiet fuhr, sagten die Leute: „Mach weiter, Genosse, wir unterstützen dich.“ Ich sagte: „Genossen, ihr unterstützt nicht mich, wir unterstützen uns gegenseitig.“ Veränderungen kommen nicht von starken Führungspersonen, sondern durch kollektive Beiträge. Mein Ziel war es, diese Logik zu verkörpern.
Andererseits gibt es auch das Problem der Angriffe. Die Personen in Machtpositionen greifen nicht die Organisation an, sie individualisieren und sagen zum Beispiel: „Leonidas Iza ist ein Terrorist, er ist ein Vandale.“ Sie verhindern, dass dieser Konflikt kollektiv ausgetragen wird. Das ist ungeheuer kolonial, denn sie glauben, dass die Führungspersonen den anderen Befehle geben.

Zwei Wochen vor dem zweiten Wahlgang unterzeichneten die Indigene Partei Pachakutik und die Partei Revolución Cuidadana das historische „Abkommen für das Leben“, in dem Noboas Gegenkandidatin Luisa González unterstützt wurde. Was ist Ihrer Meinung nach über den Wahlkontext hinaus der Beitrag dieses Abkommens?
Das Abkommen gibt die Möglichkeit, die Vielfalt von verschiedenen Denkweisen, die in der Bevölkerung neu entstanden sind, als Einheit aufzubauen. Es integriert verschiedene Visionen. Unsere Vision ist eine plurinationale und interkulturelle Linke, die Vielfalt nicht verleugnet. Die nicht verleugnet, dass sie Indigen ist, dass sie Afro ist, dass sie montubio (ethnische Gruppe, die in den ländlichen Küstenregionen Ecuadors angesiedelt ist, Anm. d. Red.) ist, dass sie cholo (abwertender Begriff für Indigene Personen, der als widerständige Selbstbezeichnung angeeignet wurde, Anm. d. Red.) ist, sondern die ein Projekt der Transformation aus diesen identitären Realitäten heraus integriert. Deshalb halte ich es für wichtig, dass die Einheit fortgesetzt wird. Aber wir müssen uns auch mit der aggressiven und schrecklichen Vergangenheit des ehemaligen Präsidenten Rafael Correa auseinandersetzen. Diese ist es, die das populäre Lager daran hindert, einen qualitativen Sprung zu machen.
Ein qualitativer Sprung wäre die Möglichkeit, dass wir bei aller Kritik an der Vergangenheit, die für die Indigenen Völker schmerzhaft war und nicht vergessen werden darf, Einheit mit allen Volksgruppen Ecuadors schaffen können. Deshalb sage ich: Wir müssen uns vereinen. Ich glaube, dass das politische Programm viel genauer definiert werden muss, um mit der ecuadorianischen, der kontinentalen und der weltweiten Rechten zu streiten. Wir wollen die Vergangenheit nicht vergessen, aber wir können auch nicht weiterhin Politik auf der Grundlage der Erinnerung machen, denn das Einzige, was diese Politik tut, ist, Feinde der Vergangenheit zu finden. Sie vernebelt dich, um die Machtgruppen zu vergessen, die in diesem Moment gegen das Volk entscheiden. Es ist also eine dringende Notwendigkeit, dass das am 30. März unterzeichneten Abkommen weiterhin eingehalten wird, egal wie das Szenario aussieht. Denn wenn wir diese Einigkeit nicht aus einer kollektiven Kraft heraus erreichen, wird die politische Dominanz der Rechten nicht in den vier Jahren bleiben, sondern eine viel längere Reichweite haben. Folglich ist es eine Aufgabe des Kampfes, eine Aufgabe der moralischen, ethischen und politischen Verpflichtung, dass wir uns vereinigen müssen, um die Rechte in Ecuador, auf dem Kontinent und in der Welt zu konfrontieren.

Wie sehen Sie nach dem Sieg von Noboa den Wahlprozess und welche Lehren können daraus gezogen werden, um weiter ein kollektives politisches Projekt in Ecuador aufzubauen?
Die Wiederwahl Noboas ist nicht das Ergebnis eines demokratischen Prozesses, sondern das Ergebnis eines strukturellen Betrugs. Der Staat wurde von Wirtschaftskonzernen gekapert, wie in den Vereinigten Staaten mit Elon Musk. Die verschiedenen Gewalten des Staates wurden zu Instrumenten, die sich in den Dienst der Regierung stellen – das zeigte sich bereits im Wahlprozess. Sie haben das Amt des Vizepräsidenten geschlossen und während des Wahlkampfes verschiedene Boni verteilt und damit schwere Wahlverstöße begangen.

Wie beurteilen Sie in diesem Kontext die jüngsten Erklärungen der Regierung, eine verfassungsgebende Versammlung durch anti­demokratische Mechanismen abzuhalten? Halten Sie dies für eine konkrete Möglichkeit oder eher für eine Strategie zur Ablenkung von anderen dringenden Problemen in Ecuador?
Zu sagen, dass die Delegationen staatlicher Funktionen für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung verantwortlich sein werden, scheint mir absurd. Jede Änderung sollte durch die Nationalversammlung oder durch eine Volksbefragung im Rahmen demokratischer Mechanismen erfolgen. Aber die Regierung von Daniel Noboa macht Politik, die sehr weit von der Demokratie entfernt ist. Ihr politischer Berater Jaime Barba sagt: „In Ecuador gibt es keine politische Debatte, es gibt nur Affen, die abstimmen.“ Was er damit sagen will ist, dass man keine politische Debatte braucht, man sät einfach nur Hass, man lügt, und dadurch gewinnt man die Wahlen. Das ist es, was Demokratie hier ausmacht, leider. Den Menschen ist der Hass eingeimpft worden, und wir können es ihnen nicht verdenken. Es ist die Aufgabe der politischen, sozialen und organisatorischen Führungspersonen, Räume für eine breitere politischere Debatte zu schaffen. Hier geht es nicht um correísmo versus anti-correísmo (Position für oder gegen die Politiken des ehemaligen Präsidenten Correas, Anm. d. Red). Hier geht es um die Frage, ob wir mit einer neoliberalen Politik weitermachen wollen, die unsere natürlichen Ressourcen ausliefert, die die Ressourcen der Menschen in Ecuador privatisiert und den verfassungsmäßigen Rahmen sprengt. Für das ecuadorianische Volk ist die Verteidigung der Verfassung und der Souveränität der Schlüssel. Wir werden die Verfassung verteidigen.

Welchen Bedrohungen und Herausforderungen sieht sich die CONAIE durch die neue Regierung ausgesetzt?
Die Regierung arbeitet jeden Tag daran, die CONAIE zu spalten. Deshalb haben wir bereits einige Stimmen innerhalb der Indigenen Bewegung gesehen, die den Sieg von Noboa feiern und sogar sagen, „Herr Iza muss die CONAIE verlassen.“ Sie wollen eine gezähmte CONAIE, eine unterwürfige CONAIE, eine CONAIE, die „nicht nervt“. Aber genau das haben sie in diesen vier Jahren unter unserem Rat nicht gefunden, egal wie schwierig die Umstände auch waren. Sie haben auf mich in meinem Auto geschossen. Sie haben versucht, ein Attentat auf mich zu verüben. Aber wir haben unsere Moral nie verloren.
Das passt ihnen nicht. Das einzige, was die Machthaber stört, ist organisatorische Stärke. Und in diesem Bereich spielt die CONAIE eine grundlegende Rolle. Wir bleiben der Position treu, die wir seit Jahren – oder besser gesagt, unser ganzes Leben lang – vertreten haben. Wir werden einen Kongress einberufen, auf dem eine klare Position erörtert wird. Für uns besteht der Kampf darin, die Realität zu verändern, in der die Menschen leben. Deshalb müssen wir damit beginnen, die neoliberale Politik zu ändern, die unser Volk unterjocht. Wir werden in diesem Koalitionsprozess weitermachen, um der harten Realität der ecuadorianischen Politik zu begegnen.

Wie ist die aktuelle Situation bezüglich des Bergbaus in Ecuador?
Der Bergbau wird die Hauptstütze der neoliberalen Wirtschaft der jetzigen Regierung sein, aber sie werden weiterhin den correísmo dafür verantwortlich machen. Der correísmo hat in der Tat viele Gebiete unter Konzessionen gestellt, aber die letzten drei Regierungen haben den Vormarsch des Bergbaus konsolidiert. Das von diesen Wirtschaftsgruppen propagierte Narrativ interessiert sich nicht für das Leben der Menschen, die Landwirtschaft, das Wasser und das Land. Das Narrativ, das propagiert wird, ist „Ecuador wird ein Land des Bergbaus“, genauso wie 1972, als Ecuador zu einem Erdölland erklärt wurde. „Das Öl wird uns aus der Armut herausführen, das wird uns aus der Unterentwicklung herausführen“, sagten sie. Aber das Wirtschaftssystem wurde vom Erdöl abhängig, und jetzt erschöpfen sich die Reserven. Sie verkaufen uns dasselbe, was sie uns vor über 50 Jahren verkauft haben, ohne zu berücksichtigen, was das für die Gemeinden und sogar für die ecuadorianische Wirtschaft selbst bedeutet hat.

Wie analysieren Sie die Rolle des globalen Nordens, insbesondere Deutschlands, in der aktuellen Situation? Welche konkreten Mechanismen könnten artikuliert werden, um diese Kämpfe zu verbinden?
Eine konkrete Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel ist der Schuldenerlass für die Länder der Globalen Südens. Insbesondere die Länder des globalen Nordens sollten – als Politik der Kompensation für die Wirtschaftsformen, die das Leben auf dem Planeten verschlechtert haben – die Schulden tilgen. Länder wie Deutschland haben eine sehr starke Wirtschaft auf europäischem Niveau und ein großer Teil ihrer Bevölkerung leben in einer privilegierten Position. Im Gegensatz dazu müssen wir im Globalen Süden in Armut leben und unsere Territorien abtreten, damit unsere Regierungen Schulden bezahlen können. Stattdessen sollte es eine Sozialpolitik, eine Umweltpolitik geben, die an das Überleben der Menschen denkt. Deshalb möchte ich die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands, Europas, und aller Teile der Welt auffordern: Wenn wir uns als Menschen begreifen, wenn wir uns um den Klimawandel sorgen, dann helfen Sie uns zu sagen: „Wir können das Leben der Menschen in den Ländern des Globalen Südens nicht länger verpfänden“.


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Gesang im Zeichen des Widerstands

Zum Originaltext hier klicken

 Der Chor Er existiert, um miteinander Widerstand zu leisten (Foto: Mishelle Calle Sánchez)

Es ist acht Uhr abends und es ist kalt. Rosa nähert sich dem blauen Zelt neben der Brücke an der Vía Soldados in Azuay. Sie schraubt eine Glühbirne ein und erleuchtet den kleinen Raum, den man La Resistencia (der Widerstand) genannt hat. Rosa zieht einen Krug Wasser aus ihrem Garten unter ihrem Umhang hervor und beginnt es in der improvisierten Küche zu erhitzen.

Kurz darauf treffen Fer und ihre Mutter ein. Fer kommt von der Universität und ist ein bisschen erschöpft, aber sie hält die ausgedruckten Lieder, die sie mit vielen anderen Frauen die letzten Jahre geübt hat, in den Händen. Mutter und Tochter suchen sich ihren Lieblingsplatz auf einer kleinen Holzbank und ihre Stimmen und ihr Lachen beginnen in die Nacht zu schallen. Zehn Minuten später kommt Herica von ihrer Arbeit in Cuenca; zugeknöpft bis zum Hals, denn die Brise am Fluss ist frisch. In ihren Händen hält sie einen Beutel mit Brot als kleine Belohnung nach der Probe. Schließlich erscheint auch Mama Tere aus der Dunkelheit der Straße, eine enthusiastische Frau, die auch für ihr Restaurant in der Gegend bekannt ist und signalisiert, dass die Probe beginnt, denn die Auftritte rücken näher und am nächsten Tag müssen alle arbeiten.

Diese kleine Gruppe von Frauen ist an den Ufern des Flusses Yanuncay geboren und hat ihr ganzes Leben dort verbracht. Der Yanuncay ist einer der vier Flüsse, die die Stadt Cuenca umgeben und der wesentliche Touristenspot, wo alle „Cuy” (andines Meerschweinchen, Anm.d.Red.) und die traditionelle Küche des ecuadorianischen Hochlands probieren. Jede der Frauen hat ihre Gemeinschaft und eine Familie rund um den Fluss gegründet. „Ich erinnere mich, wie ich als Mädchen zum Fluss mitgenommen wurde, um die Wäsche zu waschen“, erzählt Herica unter anderem.

Klar ist, dass die Nähe zum Fluss jeden Tag bestimmt und das Leben in dem Gebiet gestaltet. Über den Fluss erzählt man sich Legenden. Das alles veranlasste die Frauen zu handeln. „Wenn der Yanuncay wütend wird, wird er wild, ich erinnere mich wie er 2007 die Häuser, die Tiere mit sich riss und wie Padre Salvador mir sagte, dass der Fluss den Weg nahm, den er eben ging, denn er ist lebendig. So wie jede Person ihr Schicksal sucht, sucht es auch der Fluss.” Rosa betont ihrerseits: „Er ist wie ein lebendiges Wesen, denn wenn man ihn während der Flut nicht provoziert, tut er auch nichts. Ich sehe, dass er Macht hat, deswegen soll man ihn nicht provozieren. An seinen freundlichen Tagen ist es schön, auf den Steinen zu sitzen. Ich setze mich gerne dorthin, wo das Wasser klar ist, dort tauscht man sich mit den Nachbarn aus. Es ist wie in einer Familie, man redet, man teilt.”

Nach der ersten Hälfte der Probe nehmen wir Platz, im Hintergrund läuft „Vasija de Barro” (ecuadorianisches Lied, in der Andenregion bekannt als die „inoffizielle Hymne Ecuadors”, Anm.d.Red.). Doña Rosa nähert sich mir vorsichtig mit einem Glas Agua de Flores (Blumenwasser) und sagt: „Trink, trink, compañera (Kameradin), gegen die Kälte, achachai!” Das Gespräch geht weiter und ich frage, wann das Wasserkraftprojekt Soldados Yanuncay zum ersten Mal in der Gemeinschaft zur Sprache kam. Einige sagen 2010, andere 2020, wieder andere 2005. Auf einmal erhebt Doña Eloisa die Stimme: „Ich glaube, es war zwischen 2002 und 2004, da sagten sie, sie würden die Berge erkunden. Wir haben nicht darauf geachtet, dachten, sie würden nur spazieren gehen und das war ein großer Fehler. Aber wir waren Teil des Wasserprojekts und darum haben wir angefangen, das Wasser zu verteidigen, in San Joaquín. Die Dinge wurden ernst, denn es tauchte eine kleine Maschine auf, mit der sie mit Gas auf uns losgingen, sie nannten sie Trucucutú. Seitdem lernen wir, uns dem entgegenzustellen. Es gab viel Unruhe und wir beschlossen, dass wir das Projekt nicht weitergehen lassen können.”

Das Wasserkraftprojekt Soldados Yanuncay, das an der Grenze der Gemeinden Baños und San Joaquín geplant ist, ist ein Mehrzweckprojekt. Einerseits soll es die Nutzung des Flussbeckens möglich machen, andererseits Strom erzeugen − 22 Megawatt − , sowie die Wasserversorgung gewährleisten. Für den Bau wurde die Konstruktion eines 42 Meter hohen Staudammes geplant, mit einem Fassungsvermögen von 21.000.000 Kubikmetern. Die betroffenen Gemeinden befinden sich hauptsächlich im Biokorridor des Yanuncay.

In einer kurzen Pause sprechen die Sängerinnen darüber, wie sie sich selbst bezeichnen. Es gibt ein gemeinsames Wort: „der Widerstand”. Es ist dieses Wort, das seit der Bedrohung durch das Wasserkraftprojekt in der täglichen Konversation der Familien schwebt. Hinter diesem Widerstand stehen die Gefühle, manche der Frauen erwähnen Sorge und Angst, andere Wut und Trauer. Wie bei unzähligen anderen Projekten nationaler und lokaler Institutionen wurden sie weder konsultiert noch um Erlaubnis gebeten. „Im Jahr 2020 verkündete der Geschäftsführer von Elecaustro (Öffentliches Stromerzeugungsunternehmen, Anm. d. Red.), dass bereits alles legalisiert sei und das Projekt so oder so laufe. Gott sei Dank waren sich die Leute einig, dass sie das nicht erlauben würden. Wir waren erst wenige, aber dann schlossen wir uns zusammen. Erinnert euch, compañeras, sie sagten, dass es schon Projekte gäbe, die allen zugutekämen, aber so war es nicht und der Kampf ging weiter”, erzählt Eloisa. Herica will weiter proben und betont zuvor, dass „deswegen der Chor existiert, um miteinander zu teilen, um Widerstand zu leisten”.

Ein Ausschnitt der Neukomposition des Liedes „Resistencia Indígena” von Ángel Guaraca, geschrieben vom Chor der Frauen des Widerstands:


„Vor über 20 Jahren, verdammt
kamen die von Elecaustro, verdammt
Sie brachten ihre compinches (Kumpel), verdammt
um uns das Wasser zu stehlen, verdammt
Sie besetzten unsere Berge, verdammt
um uns unsere Rechte zu nehmen, verdammt
Der Geschäftsführer von Elecaustro, verdammt
zerstört unsere Fauna, verdammt
Am 25. Januar veränderten sie unsere Zukunft, verdammt
Seitdem sind es die gleichen, verdammt
Die unsere Zukunft stehlen, verdammt”

Der Chor der Frauen vom Land ist ein Projekt, das vor einigen Jahren von der Direktion für Gleichberechtigung einer Provinzbehörde ins Leben gerufen wurde. Es war als therapeutischer Raum gedacht, aber auch als Ermächtigung für Frauengemeinschaften, unterrichtet von professionellen Musiker*innen und auf reginalen Bühnen wie Theatern aufgeführt. Leider wurde das Projekt von den Behörden aufgegeben, funktionierte aber als roter Faden, der die Frauen des Biokorridors des Yanuncay zusammenbrachte und ihnen ermöglichte, ihre Bedenken zu äußern und gegen das Wasserkraftprojekt zu kämpfen. „Ich erinnere mich, dass schon meine Mama zum Chor ging, ich fand es so schön und cool, dass es ihrem Leben mehr Sinn gab. Sie sangen sogar das Lied „Vivir Sin Miedo” von Vivir Quintana, das mir sehr gefiel und so wollte ich auch singen”, erzählt Fer. Ähnlich wie sie berichten auch die anderen Teilnehmerinnen des Chors des Widerstandes von ihrem ersten Kontakt. Mayra erzählt: „Eines Tages entschied ich, zur Probe zu gehen, jetzt üben wir, tauschen uns mit den Lehrerinnen aus, mit den Teilnehmerinnen. Auch wenn wir die Techniken nicht besitzen, haben wir die Berufung von Sängerinnen und mit etwas Übung werden wir auch singen.”

Gemeinschaft und Widerstand

Unter ihren Auftritten gibt es einen, den sie niemals vergessen werden: „Das erste Mal, dass wir mit dem Symphonieorchester auftraten war wirklich unglaublich, denn ich hätte mir nie vorstellen können, so zu singen. Das waren bereichernde Erfahrungen für uns, denn es ist eine Art und Weise, das auszudrücken, was wir fühlen”, erinnert sich Mayra. Bei dieser Vorführung sangen sie die Kantate „Boletín y Elegía de las Mitas”. Es ist ein Werk des Dichters und Erzählers César Dávila Andrade aus Cuenca, das den Kampf und Widerstand der Indigenen Völker widerspiegelt. In ihren besten polleras (traditioneller Rock) und gemeinsam mit anderen Frauen der Provinzen von Azuay hatten sie damals ein ganzes Theater in Cuenca zu Tränen und überschwellenden Emotionen gerührt.

Es ist neun Uhr dreißig abends und man merkt die Kälte kaum noch. Wir trinken wieder etwas Agua de Flores. Fer unterbricht das Gespräch und fragt nach den Liedern, die sie in Zukunft singen wollen. Doña Mari sagt: „Ich singe das „Hallelujah” von ganzem Herzen, es gibt mir sehr viel Frieden”, während Fer das Lied „Vivir Sin Miedo” hervorhebt: „Das ist für mich ein Beispiel für einen vereinten Kampf und ich würde gerne weiterhin auf Kichwa singen.” Am Rand des Zeltes singt Doña Rosa einen kleinen Teil des Liedes „La Bocina” und sagt: „Das ist die Musik vom Land selbst, die gefällt mir.“ Mayra unterbricht ihr Singen und erklärt: „Compañera, jedes Lied das wir singen, repräsentiert uns, unsere Freude, unsere Nostalgie, so wie „Vasija de Barro”.” Wenig später geht Herica zu jeder Frau und sammelt ein paar Münzen ein, um weiter für Gesangslehrerinnen zu sparen.

Der Frauenchor der comunidades ancestrales von San Joaquín hat das Projekt wieder aufgenommen, um mehr Frauen zu ermöglichen, sich dem Widerstand anzuschließen und weiterzumachen. Mit der finanziellen Unterstützung von früher rechnen sie nicht mehr. Teil ihrer Träume sei es, sich mit Chören aus ganz Südamerika auszutauschen, mit anderen Frauen, die Widerstand leisten. „Ich wäre sehr zufrieden, weil wir zum Beispiel schon eine sehr diverse Gruppe sind, wir kommen gut miteinander aus. Das hilft mir, mehr im Einklang mit der Gemeinschaft zu sein. Ich bin hier, weil ich von hier komme, obwohl ich auch in der Stadt studiert habe. Ich würde gerne mehr Frauen vom Land sehen, die in die Stadt gezogen sind, sie singen sehen und vor allem im Widerstand, im Kampf. So können wir mehr Frauen inspirieren, denn wenn wir dazu fähig sind, sind sie es auch”, sagt Herica.

Um sich zu organisieren und eine Mahnwache gegen das Wasserprojekt aufrecht zu erhalten, das mehr Zweifel als Gewissheit über seinen wahren Zweck säht, haben die Frauen eine Spendenaktion gestartet. Damit sollen die Kosten für eine Gesangslehrerin gedeckt werden. Zurzeit appellieren sie an lokale und internationale Gemeinschaften,, ihnen zu helfen.


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Ein Roadtrip durch den Amazonas

© Archive Jorge Bodanzky IMS

Aus dem Vorspann ertönt das Geräusch eines Bootsmotors. Wir sehen Indigene Menschen, die schweigend einen Amazonasfluss überqueren, bis die Kamera sich auf ein junges Mädchen konzentriert, das aus dem Fenster schaut: Iracema (Edna de Cássia). Wir hören Nachrichten im Lokalradio, während wir beobachten, wie die Menschen auf dem Boot mit den Indigenen Gemeinschaften am Flussufer interagieren. Weiter mit dem Geräusch des Motors. Noch keine Dialoge.

Der Anfang von Iracema, uma transa amazônica (Iracema) ist fotografisch. Er kontextualisiert das Geschehen in der Umgebung und zeigt Iracemas Ankunft in Belém do Pará, im Norden Brasiliens. Erst mit dem Auftauchen von Tião (Paulo Cesar Pereio), einem weißen Mann in den Vierzigern, treten die Dialoge in den Vordergrund.

Tião ist ein Lastwagenfahrer, der illegales Holz aus dem Amazonasgebiet transportiert. Eine Tätigkeit, die mit dem Bau der Transamazônica, einer von der zivil-militärischen Regierung 1964 begonnenen Autobahn, die den Norden des Landes von Paraíba (im Osten) bis Amazonas (im Westen) durchschneidet, bekannt wurde. Die Transamazônica war das Aushängeschild für die entwicklungspolitischen Diskurse, die die Regierung während der Militärzeit mit Schlagwörtern wie „Brasilien kann nur vorwärts gehen“, „Niemand kann dieses Land aufhalten“ und „Brasilien: Liebe es oder verlasse es“ zu betonen suchte.

Iracema wird Prostituierte und lernt Tião auf einer Party kennen. Beeinflusst von einer Kollegin beschließt sie, Tião mitzunehmen, um ihre Reise fortzusetzen. Auf diesem Weg zeigt sich das wahre Gesicht des transamazonischen „Developmentalismus“: das Abbrennen von Wäldern, die Abholzung für den illegalen Verkauf von Holz und auch die wirtschaftliche Ausbeutung der lokalen Bevölkerung, die in Ermangelung anderer Arbeitsalternativen gezwungen ist, sich an diesen Praktiken zu beteiligen, oft auch in Form von Sklavenarbeit.

Ein wichtiges Motiv des Films ist die Verwendung von Brandszenen. Als Übergänge im Roadtrip erklären sie auf eine sehr visuelle und explizite Art, was hinter den Diskursen über die Expansion des Transamazonas und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen steckt.

Iracema und Tião sind sehr symbolische Figuren des amazonischen „Developmentalismus“. Während Iracema als Indigene Jugendliche die Unschuld, die Natur und den Wald repräsentiert, steht Tião für den Kolonisator, den Mann aus der Stadt, der den Fortschritt durch die „Erforschung“ des Unbekannten sucht. Die auf sexueller Ausbeutung basierende Beziehung zwischen den beiden symbolisiert auch genau diese Ausbeutung der Natur. Der ursprüngliche Name des Films entstammt einem Wortspiel zwischen Transamazônica, der Autobahn, und „einem amazonischen transa“ – transa ist im brasilianischen Portugiesisch ein informeller Begriff für Geschlechtsverkehr –, was auf Iracemas sexuelle Verwicklung mit Tião hinweist.

Obwohl die Figuren im historischen Kontext des Brasiliens der 1970er Jahre spielen, erklärt die Dynamik der kolonialen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der indigenen Völker einen wichtigen Teil der Geschichte des Landes seit der portugiesischen Invasion im Jahr 1500.

Der Film zeigt die Kraft der unabhängigen Produktion des Cinema Novo, basierend auf dem Motto „eine Kamera in der Hand und eine Idee im Kopf“ von Glauber Rocha, dem Filmregisseur, der einer ihrer Hauptvertreter war. Die Hauptidee des Cinema Novo bestand darin, die Mittel der künstlerischen Produktion in den Dienst der gesellschaftlichen Veränderung zu stellen. Im Fall von Iracema wurde das Format des Roadtrips verwendet, um die illegale Abholzungsroute und die damit verbundene soziale Ausbeutung – Sklavenarbeit und Prostitution – zu zeigen. Der Film von Jorge Bodanzky und Orlando Senna ist ein Porträt des Amazonasgebiets, das vor 50 Jahren entstanden ist, aber genauso gut heute hätte entstehen können, auch wenn sich der politische Kontext des Landes geändert hat. Nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1985 und vier Jahren rechtsextremer Verdrängung des Themas ist das Amazonasgebiet auch mit einer aktuellen Präsidentschaft, die offiziell behauptet, sich um die Umwelt zu kümmern, noch immer mit den Problemen der sozialen Ausbeutung und der illegalen Abholzung und Brandrodung konfrontiert.

Iracema, uma transa amazônica wurde zu Recht noch einmal in das Programm der Berlinale aufgenommen., Das Thema ist bis heute von dringender Aktualität und unterstreicht die Bedeutung des Kinos (und der Kunst), wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten aufzudecken, Veränderungen zu bewirken und neue Debatten anzuregen – insbesondere in Zeiten der Klimakrise und der Bedrohung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften. Neben der kritischen und anklagenden Botschaft des Films besticht die Erzählung aber auch durch ihre humorvollen Momente und ihre soziale Darstellung. 


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LEBENSRAUM UND KOSMOVISION

Auf Tour zur Unterstützung des Yasuní-Volksentscheids Manaí Prado, Ene Nemquino, und Dayuma Nango in Berlin (Foto: Leonard Mikolei)

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, mit uns zu sprechen. Könnt ihr uns ein wenig über euch erzählen?

Dayuma: Mein Name ist Dayuma Nango. Als Vizepräsidentin der Vereinigung der Waorani-Frauen von Ecuador, AMWAE, verteidige ich die Frauen und unseren Regenwald.

Ene: Mein Name ist Ene Nemquimo, Vizepräsidentin der Waorani-Nationalität Ecuadors (NAWE) und Verteidigerin unserer gemeinsamen Heimat. Im Moment bin ich eine politische Führungsperson, obwohl ich die Politik nicht mag. Aber um das Leben der Menschen und das Leben von Yasuní zu garantieren, muss ich mich positionieren, damit mich niemand mit Füßen treten kann.

Manaí: Mein Name ist Manaí Prado und ich komme aus Quito. Ich beschäftige mich seit etwa 11 Jahren mit dem Thema Yasuní, mehr oder weniger seit dem ersten Versuch des Volksentscheids im Jahr 2013. Zurzeit bin ich Teil der NGO Acción Ecológica (Ökologische Aktion) und arbeite auch an anderen Projekten in Zusammenarbeit mit Indigenen Organisationen im Regenwald und in den Anden. Ich bin Historikerin und studiere Soziologie.

Was bedeutet Yasuní für euch?

Ene: Yasuní ist für mich unsere gemeinsame Heimat, meine Welt, meine Kosmovision, er ist unser gemeinsames Zuhause.

Dayuma: Für mich ist Yasuní unser Leben, die Lunge der Welt. Der Ort mit der größten Artenvielfalt auf der Welt. Und genau dafür kämpfen wir.

Manaí: Yasuní steht für mich für das Leben und für einen jahrelangen Kampf. Er ist etwas sehr Wichtiges in meiner Geschichte, auch persönlich. Er steht für diesen ganzen Widerstand, aber vor allem für die Hoffnung.

Wie ist die Situation im Yasuní nach der Volksbefragung?

Ene: Die Menschen mit Interessen im Ölsektor sind diejenigen, die verlieren, wenn die Ölförderung im Yasuní gestoppt wird. Die westliche Welt, die Welt der Interessen, verliert. Deshalb drängen die Investoren und Maschinenbesitzer darauf, weiterzumachen. Wir haben aber auch eine interne Situation unter den Waoranis. Einige wollen, dass die Erdölförderung fortgesetzt wird. Sie sind sich nicht bewusst, welche Folgen das für ihren Lebensraum hat. Es gibt keinen angemessenen Wohnraum, keine Gesundheitsversorgung, keine gute Bildung. So kommen viele schon in jungen Jahren zum Alkohol, und dann wird alles nach und nach zerstört.

Wie sieht die Situation besonders für Kinder und Frauen aus?

Dayuma: Die Lage ist wirklich sehr schwer für die Frauen. Als AMWAE wollen wir sie unterstützen, damit sie sich selbst versorgen können. Wir haben jetzt einen Laden für unser Kunsthandwerk eröffnet, aber wir müssen diesen Laden weltweit sichtbar machen, damit es mehr wirtschaftliche Ressourcen für die Frauen gibt. Wir bringen Lebensmittelpakete und Medizinpakete in die Gemeinden, die lebensnotwendig sind, denn wir haben einige Anführerinnen, die an Krebs sterben, und die Kinder in unserem Gebiet leiden unter akuter Mangelernährung.

Was hat die ecuadorianische Regierung getan, seitdem ihr den Volksentscheid gewonnen habt?

Ene: Die Regierung hat mit den Ministern, sogar mit Petroecuador (staatliches Erdölunternehmen), eine Kommission gegründet, aber sie haben uns nicht eingeladen.

Wer ist Teil dieser Kommission?

Manaí: Das Komitee für die Ausführung des Volksentscheides zu Yasuní ITT besteht aus dem Ministerium für Umwelt, Wasser und Ökologische Transition, dem Ministerium für Energie und Bergbau, dem Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, dem Ministerium für Frauen und Menschenrechte und Petroecuador.

Mit anderen Worten, es gibt nur Mitglieder, die den Staat vertreten. Gibt es jemanden aus der Privatwirtschaft?

Manaí: Nein, auch keine Wissenschaftler*innen und keine Indigenen sozialen Organisationen.

Deshalb habt ihr im August 2024 den Internationalen Gipfel für den Yasuní organisiert?

Ene: Ja, und als wir gerade dabei waren, den Gipfel zu organisieren, rief uns der Geschäftsführer von Petroecuador an. Er sagte: „Wir wissen, dass ihr jetzt eure Stimme auf internationaler Ebene erhebt und den Gipfel abhalten werdet. Stattdessen schlage ich vor: Wir geben 50 Millionen an NAWE als Organisation. Ihr müsst nur unterschreiben. Aber bitte machen Sie diesen Gipfel nicht.“ Daraufhin sagte der Präsident der NAWE: „Vielen Dank, aber ich werde nicht alleine entscheiden. Wir sind ein Rat in der NAWE, in dem wir Entscheidungen im Konsens treffen.” Nach unserer Besprechung ging er dann nach Quito, um den Vertrag zu unterschreiben, den Petroecuador vorbereitet hatte.

Haben sie euch das Dokument vorher gegeben, damit ihr es sehen könnt?

Ene: Nein, sie haben ihm, wie auch in vorherigen Fällen, nur das letzte Unterschriftenblatt gegeben. Aber wir waren clever. Der Präsident der NAWE sagte: „Geben Sie mir den Entwurf. Wir werden ihn Absatz für Absatz mit unseren Anwälten lesen. Und dann werde ich ihn unterschreiben.“ Aber am Ende entschied er: „Wenn ich das unterschreibe, verkaufe ich das Leben von mehr als 4.000 Waorani. Ich beende unseren historischen Kampf. Viele von uns haben Verträge mit staatlichen Unternehmen unterzeichnet, die nicht erfüllt worden sind. Bis jetzt haben sie uns in Armut gelassen. Ich werde nicht unterschreiben.”

Daraufhin habt ihr dann den Gipfel organisiert. Wie ist es dort gelaufen?

Ene: Das Gipfeltreffen wurde von den Waorani mit dem Ziel organisiert, einen gemeinsamen Vorschlag auszuarbeiten. In diesem Rahmen haben wir sieben Thementische zusammengestellt: Einhaltung des Volksentscheids, nachhaltige Wirtschaft, territoriale Selbstbestimmung, Indigene Gemeinschaften in freiwilliger Isolation, Waorani Frauen und Jugend sowie strategische internationale Allianzen für Yasuní. Es kamen viele Verbündete. Jeder wählte einen Thementisch, und wir erarbeiteten verschiedene Vorschläge. Jetzt liegt die Zusammenfassung im Entwurf vor, und wir hoffen, sie bis Ende Januar fertig zu stellen, damit wir einen Aktionsplan haben. Welche Organisationen können mitarbeiten? Wie sollen die Mittel aufgebracht werden? Das Wichtigste ist, ein gutes Team zusammenzustellen.

Wie ist es für euch als Frauen, in Führungspositionen zu sein?

Dayuma: Wir sagen, genug mit dieser Art von Herablassung! Als meine Großmutter − Dayuma Kento − ihre Unterschrift vor 30 Jahren bei Repsol hinterließ, dachte sie, dass wir eine gute Gesundheitsversorgung, eine gute Bildung und ein Zuhause haben würden. Ich glaube, ich war acht Jahre alt, als meine Großmutter unterschrieb. Ich erinnere mich sehr gut daran: Sie sagte zu mir, „Liebling, ich habe unterschrieben und wir werden gut leben.” Ich glaube, dass wir Frauen heute sehen, wie sich die Ölgesellschaft über uns lustig gemacht hat. Jetzt haben wir unsere Stimme, um ihnen die Stirn zu bieten, um diese Dinge zu stoppen, diesen Schaden, den sie uns zugefügt haben.

Ene: Meine Amtszeit beträgt vier Jahre, es bleiben noch zwei Jahre. Danach möchte ich, so Gott will, Präsidentin der NAWE werden und zeigen, dass wir Frauen dazu fähig sind. Es geht auch darum, dass unsere Position und unsere Haltung respektiert wird. Wir können nicht von Gleichberechtigung sprechen, wenn eine Frau die Position der Präsidentin nicht erreicht, sondern Männer weiterhin dominieren. Die Tatsache, dass eine Frau Stellung bezieht, bedeutet nicht, dass die Männer außen vor bleiben, sondern, dass wir zusammen gehen. Aber wir sind auch in Gefahr. Trotzdem, bevor wir schweigen, ist es besser, die Stimme zu erheben.

Dayuma: Wir erhalten direkte Morddrohungen, weil wir gegen die Ölgesellschaft sind: „Wir werden dich zum Schweigen bringen, wir werden dich töten.” Aber ich werde nicht schweigen. Ich stamme aus einer Familie, die für ihr Territorium und für ein gutes Leben gekämpft hat. Wir werden uns nicht zum Schweigen bringen lassen, wir werden uns zusammenschließen und kämpfen, um voranzukommen.

Wie können wir von hier aus unterstützen?

Manaí: Ich denke, dass die konkretesten und dringendsten Bedürfnisse in Bezug auf die technischen Fragen bestehen, wie die Ölfelder geschlossen, wie sie gewartet werden, wie der Reparationsprozess durchgeführt werden soll. Und davon ausgehend brauchen wir natürlich auch Mechanismen, um die Einhaltung des Volksentscheides zu überwachen. Ich glaube nicht, dass es dafür notwendig ist, vor Ort präsent zu sein, sondern wachsam zu sein, um Druck auf den Staat auszuüben, also eher eine mediale und virtuelle Funktion. Es geht nicht darum, ob die Regierung ihn einhält oder nicht, denn sie müssen ihn einhalten, sondern wie sie es tun und wer daran beteiligt ist.

Was ist eure Vision für die Zukunft des Yasuní?

Ene: Meine Vision ist, dass Yasuní ein Ort des Friedens und der Harmonie wird. Dass Yasuní ein Beispiel auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene ist, dass ein Volk nach so vielen Kämpfen den eigenen Lebensraum genießen kann. Wir wurden mehrmals geschlagen, vergewaltigt und misshandelt. Es ist Zeit, dass wir uns ausruhen.

Manaí: Ich sehe Yasuní in der Zukunft als einen Ort, an dem diese Ungleichheit nicht existiert, an dem es eine staatliche Präsenz gibt, um die Rechte der Gemeinschaften zu garantieren, an dem das Leben der Indigenen Gemeinschaften von Yasuní angemessener und würdiger ist. Und ich sehe einen Yasuní, der wiederhergestellt wird.

Dayuma: Ecuador war im Kampf um den Yasuní geeint und wir haben gewonnen. Wir haben für das „gute Leben” gewonnen (El buen vivir ist ein Leitprinzip in Ecuadors Verfassung, Anm.d.Red.). Für unsere Kinder, für die kommenden Generationen. Und auch für unsere Brüder und Schwestern in freiwilliger Isolation, damit sie in Stille leben können, denn im Moment leiden sie unter viel Lärm. Es wird dieser Tag kommen, ohne Lärm, ohne Verschmutzung, ohne dergleichen und ihr unsere Heimat besuchen könnt, unser Land, die Lunge der Welt.


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„Jemand muss darüber sprechen“

Railson Guajajara, Die Guajajara sind eines der größten Indigenen Völker Brasiliens und leben in 10 verschiedenen Indigenen Territorien im Bundesstaat Maranhão (Foto: Theresa Utzig)

Warum hast du begonnen, auch internationalen Aktivismus für deine Gemeinschaft zu betreiben?

Wir leben heute in Brasilien in einer sehr schwierigen Realität aufgrund des Vormarsches der Bergbauindustrie, der Abholzung und der Brände, insbesondere im Bundesstaat Maranhão. Das betrifft alle traditionellen Völker, nicht nur die Guajajara. Es muss jemand darüber sprechen. Das kann ich sein, das kann Sônia (Sônia Guajajara, Ministerin für Indigene Völker Brasiliens, Anm. d. Red.) sein, das können andere sein. Es gibt viele Personen in anderen Regionen, die das Gleiche sagen: Wir müssen den Amazonas verteidigen, wir müssen unser Territorium und unsere Lebensweise verteidigen. Ich sehe das nicht als Aktivismus an, sondern als einen Hilferuf: Heute sind viele Kinder und ältere Menschen in ihren Gemeinschaften direkt betroffen. Wir haben die Guarani-Kaiowá im Bundestaat Mato Grosso do Sul, dort werden jeden Tag Menschen getötet. Wir haben die Awá, die freiwillig isoliert leben. Ein Volk, das vom Aussterben bedroht ist; eines der verletzlichsten Völker der Welt heute. Sie sprechen kein Portugiesisch oder eine andere Sprache, nur ihre eigene. Also ist es unsere Verantwortung, für sie zu sprechen.

Welche Folgen hat die Expansion dieser Industrien für die Indigenen Gebiete?

Der Bergbau im Bundesstaat Maranhão, ebenso wie in vielen anderen Regionen Brasiliens, hat erhebliche Auswirkungen: Speziell in Maranhão, meiner Heimat, findet die Bergbauaktivität entlang der Carajás-Eisenbahnlinie statt, eine der wichtigsten Eisenbahnen des Landes (siehe Infokasten). Diese Linie wurde zwischen 2014 und 2017 verdoppelt und mit dem Vormarsch des Bergbaus traten verschiedene Probleme auf wie Drogenhandel und -konsum, Prostitution, Gewalt sowie Morde an unserem Volk. Die direkten Probleme sind die Wasserverschmutzung, der Lärm und die verschmutzte Luft. In manchen Gegenden von Maranhão kann man nicht einmal draußen im Hof sitzen, um sich in Ruhe zu unterhalten, weil ständig Eisenpartikel vom Himmel fallen. Die Verschmutzung beeinflusst das lokale Leben tiefgreifend. Dies führt auch zur Verlandung des Flusses, an dessen Ufer die Carajás-Eisenbahn gebaut ist. Dieser Fluss ist für Tausende von Gemeinschaften, einschließlich uns, von grundlegender Bedeutung, da von ihm unser Überleben abhängt. Die Gier des weißen Mannes bringt uns viel Blut. Das Eisen, das nach Europa kommt, ist in Blut gebadet.

Welche neuen Projekte bedrohen das Indigene Territorium Caru?

Wir haben in den letzten zwei Jahren begonnen, über den Bau einer neuen Eisenbahn namens Grão-Pará zu diskutieren, die vom Hafen in Alcântara bis nach Açailândia im Bundesstaat Maranhão führen soll. Es werden bisher etwa 10 bis 15 Kilometer gebaut, die 22 Gemeinden durchqueren werden. Dieses Projekt wird uns direkt betreffen, da wir zum Überleben in einem bestimmten Gebiet von angrenzenden Regionen abhängig sind, insbesondere von denen in der Nähe von Gewässern. Die Eisenbahn wird eine der wichtigsten Regionen für ganz Maranhão durchqueren: die sogenannte Baixada Maranhense, die jährlich Tausende Tonnen Fisch produziert. Diese Fische wandern in der Regenzeit durch die Flüsse, die das Bundesland durchziehen. Das wird uns direkt beeinträchtigen. Wir leiden bereits jetzt erheblich unter den Folgen des langen Kontakts mit weißen Menschen. Jetzt stell dir die Awá vor, die keinen Kontakt zu Nicht-Indigenen haben und isoliert im Wald leben. Wie sollen sie damit umgehen? Das wäre die dritte Eisenbahn innerhalb von weniger als zehn Jahren, die Maranhão durchschneidet. Wir merken, dass Länder wie Deutschland und andere europäische Staaten viel in diese Art von Entwicklung investieren. Die Werbung, die diese Unternehmen dort machen, lautet: „Hier wird nichts zerstört, es wird die Amazonasregion nicht beeinträchtigen, es wird keine großen Auswirkungen haben.” Aber in Wirklichkeit sind die Auswirkungen immens und unermesslich. Das macht mich zutiefst wütend. Hinzu kommt das Problem der Quilombola-Gemeinschaften. Der Hafen von Alcântara, der erweitert oder neu gebaut werden soll, wird 87 Prozent des Gebiets dieser Gemeinschaft einnehmen. Wohin sollen sie gehen? Werden sie in unsere Gebiete eindringen? Wo werden diese Menschen leben?

Wie sieht es mit der Präsenz der staatlichen Behörden gegenüber den Problemen, die die Gemeinschaften betreffen, aus?

Heute ist die Präsenz des Staates in unserem Gebiet etwas kompliziert. Diese Präsenz zeigt sich nur unter Druck, wenn wir, die Indigenen Völker, uns organisieren und Proteste durchführen, wie das Blockieren der Autobahn BR oder einer Eisenbahn. Nur in diesen Momenten werden wir ein wenig gehört und auch dann nur vorübergehend. In den letzten Jahren haben wir uns stärker organisiert. Auch jetzt, am 30. Oktober 2024, werden wir die BR-316 blockieren, eine der wichtigsten Autobahnen im Maranhão, um gehört zu werden und Themen wie Gesundheit und Bildung zu besprechen. Beides ist in den Gemeinschaften extrem prekär. Darüber hinaus sind heute, insbesondere in Maranhão, führende Politiker direkt mit großen Unternehmen und Industrien verbunden. Während des Wahlkampfes, wie bei den kürzlich stattgefundenen Bürgermeisterwahlen, investieren diese Unternehmen Tausende von Dollar und Millionen brasilianischer Real, um sicherzustellen, dass bestimmte Kandidaten zum Bürgermeister gewählt werden, damit es keine Probleme oder Widerstände gegen ihre Interessen gibt.

Welche Forderungen hast du an die internationale Gemeinschaft und internationale Aktivist*innen?

Vieles der Arbeit, die ihr hier freiwillig oder anders leistet, hat bereits große Auswirkungen in Brasilien, weil die ganze Welt auf die Europäische Union blickt. Wenn ihr etwas kritisiert, halten die Menschen inne, um zuzuhören und zu verstehen, was in Brasilien passiert. Wenn wir dort etwas kritisieren, ist es nur eine Stimme von vielen, die letztendlich ignoriert wird. Dort sind praktisch alle Medien korrupt und viele haben Angst etwas anzuprangern. Hier in Europa ist es einfacher, eine Beschwerde einzureichen, Berichte, Ankündigungen und Enthüllungen zu machen, die dann bedeutende Auswirkungen auf unser Gebiet haben, als dies direkt in Brasilien zu versuchen, wo es fast keine Resonanz gibt. Die abgebauten Ressourcen gehen nach Europa, China, Deutschland, in die Vereinigten Staaten — diese erwerben immer mehr Mineralien und verbrauchen weiterhin mehr. Und wir bleiben zurück mit Hunger, Tod und Durst. Maranhão zum Beispiel ist einer der ärmsten Bundesstaaten Brasiliens und beherbergt eine der Städte, die an der Spitze der extremen Armut steht. Im Bundesstaat Pará gibt es mehr als 100 Tagebaue, darunter einen der größten der Welt. Aber wenn wir durch die Städte gehen, sehen wir Tausende von Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Gleichzeitig sehen wir Züge mit einer Länge von drei oder vier Kilometern, die 24 Stunden am Tag fahren und Reichtümer transportieren.

Wie arbeitet ihr mit anderen Indigenen Völkern zusammen, die ebenfalls betroffen sind? Ich kann über mein Territorium sprechen, aber mir ist bewusst, dass nicht alle Territorien gleich sind. Wir, die Guajajara, haben eine sehr schwierige Phase in unserer Geschichte durchlebt. In unserem Territorium haben wir beschlossen, uns mit vier nahegelegenen Indigenen Territorien zu vereinen und eine Allianz zu bilden. Wir organisieren uns so, dass ein Territorium für alle spricht und alle für eines sprechen. Wenn wir ein neues Projekt suchen, tun wir das gemeinsam. Dank dieser Zusammenarbeit haben wir in den Territorien große Fortschritte erzielt. Wir konnten die familiäre Landwirtschaft stärken und sind heute in der Lage, Einkommen innerhalb unseres Territoriums zu generieren, ohne Wälder zu roden, Flüsse zu verschmutzen oder die Umwelt zu schädigen. Diese Erfahrung teilen wir nicht nur mit den vier Territorien der Allianz, sondern auch mit 17 weiteren Indigenen Territorien im Bundesstaat Maranhão. Unser Ziel ist es, diese Initiative auf andere Bundesstaaten auszuweiten. Darüber hinaus spielen die Guajajara eine entscheidende Rolle beim Schutz isolierter Indigener Völker. Die große Diskussion, die wir führen, geschieht in ihrem Namen. Im Fall der Awá respektieren wir ihr isoliertes Leben und vermeiden jeglichen Kontakt. Wir haben Wissen über die ungefähre Anzahl der Menschen, die in den Wäldern leben. Im Jahr 2015 wurde geschätzt, dass etwa 60 Personen dort lebten und heute glauben wir, dass diese Zahl deutlich höher ist. Unsere Arbeit hat dazu beigetragen, die Entwaldung in unserem Territorium um mehr als 85 bis 90 Prozent zu reduzieren. Unsere Arbeit dient dem Schutz des Territoriums, der Familien und aller, die vom Wald abhängig sind.


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Konvention zum Schutz indigener Völker wertlos

Herr Caal Xol, Sie wurden am 24. März 2022, hier in Cobán aus dem Gefängnis entlassen. Ein Jahr später müssen Sie sich immer noch vor Gericht verantworten. Warum?

Seit 2017 laufen gleich zwei Verfahren gegen mich. In einem ersten beschuldigt mich der Staat unrechtmäßig ein Lehrergehalt bezogen zu haben. Das zweite Verfahren wurde von der Firma Oxec angestrengt. Sie baut die mehrere Wasserkraftwerke am Río Cahabón. Dagegen habe ich mich gemeinsam mit anderen engagiert. Ich wurde angezeigt Elektrokabel gestohlen und mehrere Mitarbeiter des Bauunternehmens Netzone SA gemeinschaftlich mit anderen Aktivisten festgehalten zu haben.

Sie wurden am 30. Januar 2018 verhaftet, im November des gleichen Jahres zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und vier Monaten wegen schweren Raubes und Freiheitsberaubung verurteilt – zu Recht?

Nein (lacht), natürlich nicht. Die Richter haben mich verurteilt, obwohl sie sich nur auf die Aussagen von drei oder vier Netzone-Mitarbeiter berufen konnten. Es gab keine Videos, keine Fotos, keine unabhängigen Zeugen – ein fabrizierter Prozess. Das ist auch die Meinung von Amnesty International, die mich im Juli 2020 zum Gewissensgefangenen erklärten. Auch Experten der Vereinten Nationen haben meine Haftstrafe als Versuch bezeichnet mich zum Schweigen zu bringen und zu diskreditieren. Das ist Ihnen nicht gelungen.

Hat die Stigmatisierungs- und Kriminalisierungskampagne in ihrem Dorf, in ihrer Region, in gewerkschaftlichen Zusammenhängen funktioniert?

Nein, keineswegs, aber vielleicht im Rest Guatemalas. Wer glaubt denn, dass ich in größerer Menge Kabel geraubt habe? In meiner Heimatgemeinde nur wenige. Da kennt man mich gut. Ich bin Lehrer, ich habe mich in der Gewerkschaft engagiert – solche Leute sind bekannt in den Gemeinden. Das wird nicht so schnell vergessen. Ich habe viel moralische Unterstützung erhalten – kaum jemand hat geglaubt, dass ich wirklich gestohlen habe, die meisten, dass es gefälschte Anschuldigungen waren.

Auch im Gefängnis haben mich Briefe erreicht. Ich selbst habe regelmäßig geschrieben, fast täglich einen Brief, von denen viele in den sozialen Netzen veröffentlicht wurden und die mich draußen in Erinnerung gehalten haben.

Schreiben als Therapie im Gefängnis. Wie ist es Ihnen da ergangen?

Puh, das war eine schlimme Zeit mit Folgen. Jetzt bin ich in psychologischer Behandlung. Die Ärzte haben mich durchgecheckt. Ich hatte einen Tumor, der im Gefängnis entstanden ist. Nach meiner Entlassung aus der Haft, wurde der Tumor in einem Krankenhaus in Guatemala Stadt entfernt.

Man muss wissen wie man im Gefängnis durchkommt, sich aus Konflikten heraushält. Für mich war das Schreiben so etwas wie meine Therapie. Es hat mir geholfen, klar zu bleiben und mir etwas Respekt der anderen Häftlinge eingebracht. Auch die Solidarität von Amnesty, der Peace Brigades und die Besuche haben geholfen.

Amnesty hat Sie zum Gewissensgefangenen erklärt. Hatte das einen Effekt?

Nein, eigentlich nicht. Guatemalas Justiz hat in den letzten Jahren das letzte bisschen ihrer Unabhängigkeit verloren. Es gibt in Guatemala eine Gruppe von Personen, die die Justiz kontrollieren. Sie ermitteln gegen unbequeme Richter unter fadenscheinigen Vorwänden und bedrohen sie mit Haft. Viele fliehen deshalb ins Ausland. Es gibt mehr als zwei Dutzend Fälle. Staatsanwälte und Staatsanwältinnen sitzen im Gefängnis und werden kriminalisiert, obwohl sie nur ihre Arbeit gemacht haben. So wie ich auch. Wir leben in einem Land, in dem der Rechtsstaat beerdigt wurde. Dafür gibt es auch jetzt im laufenden Wahlkampf zu den Präsidentschaftswahlen am 25. Juni zahlreiche Belege.

Woran denken Sie – an die Nominierung der Kandidat*innen?

Ja, genau. Mehrere Kandidatinnen und Kandidaten, darunter mit Thelma Cabrera auch eine aussichtsreiche Indigene, wurden von Höchsten Wahlgericht (TSE) nicht zugelassen – unter wenig stichhaltigen Vorwänden.

Zurück zu Ihrem Fall: Wurde die Bevölkerung um ihr Einverständnis für den Bau der Wasserkraft-werke gebeten und darüber informiert?

Nein, wir wurden nicht informiert, nicht gefragt, ob wir mit der Umleitung der Flüsse, dem Bau von Staudämmen und mehr einverstanden waren. 2015 begannen die Bauarbeiten und auf den Baufahrzeugen waren immer die Namen von zwei Unternehmen zu sehen: Soler und Cobra. Wir haben die Namen auf den Seiten der Ministerien wiederentdeckt und so festgestellt, dass Lizenzen für Wasserkraftwerke vergeben worden waren, ohne dass wir Maya Q’eqchi’ informiert und um Zustimmung gefragt wurden wie es die ILO-Konvention 169 zum Schutz indigener Völker vorsieht. Die ist von Guatemala unterzeichnet worden und auch von den spanischen Stromunternehmen, die vor unserer Haustüre Kraftwerke bauen.

Was passierte dann?

Wir begannen uns zu koordinieren und fuhren in die Hauptstadt, um gegen die Vergabe von Konzessionen ohne Beteiligung der lokalen Bevölkerung zu protestieren. Der Fall wurde publik. Schnell wurde klar, dass die Lizenzen für die Kraftwerke vom Minister für Energie und Minen vergeben wurden: Eric Archila. Der wird heute mit Haftbefehl gesucht. Mich hat damals die lokale Bevölkerung ernannt, um die Verhandlungen zu führen, Verträge aufzusetzen und den Widerstand zu koordinieren.

Das brachte sie für mehr als vier Jahre ins Gefängnis.

Richtig, allerdings begann die Diffamierung früher und sie hält an. Heute muss ich regelmäßig vor Gericht erscheinen, um mich gegen den Vorwurf zu wehren, dass ich ein Gehalt als Lehrer bezogen hätte, ohne zu unterrichten. Richtig ist, dass ich aufgrund meiner gewerkschaftlichen Arbeit freigestellt war. Ich unterrichtete nicht, sondern habe mich in Vollzeit für die Lehrergewerkschaft engagiert. Das versuche ich den Richtern seit einem Jahr mit allen nötigen Dokumenten zu belegen. Doch sie lassen nicht locker – es geht weiterhin darum mich zu diskreditieren und zu kriminalisieren.


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