Nur der Minister merkt es nicht

Rosa Hadit Hernández, Colectivo Colmen

Schade, dass das Festival so wieder einmal unverschuldet mit den falschen Dingen Schlagzeilen machte. Stattdessen hätten vielmehr die viele großartigen Filme im Mittelpunkt stehen sollen. Denn Tricia Tuttle ist es gelungen, der Berlinale ein Gesicht zurückzugeben: Weg von mittelmäßigen Produktionen aus Hollywood und Frankreich, die mit großen Namen qualitative Schwächen nicht überdecken konnten. Und hin zu einem jungen, mutigen und oft auch politischen Kino, das in allen Ecken der Welt Talent hervorzubringen scheint. Damit ist das Festival nach einigen programmatisch eher beliebigen Jahren wieder auf dem richtigen Weg.
Das Cine Latino fügt sich sehr gut in diese neue Ausrichtung ein. Nicht zum ersten Mal konnten die lateinamerikanischen Regisseur*innen der Kinder- und Jugendfilme das Publikum und die Jurys begeistern. Chicas Tristes (Traurige Mädchen) aus Mexiko war der große Gewinner in der Jugendsektion Generation 14plus. In der Geschichte von Regisseurin Fernanda Tovar, die dem Filmkollektiv Colectivo Colmena angehört, müssen zwei Teenagerinnen mit einem Missbrauchsvorfall umgehen, der ihre Freundschaft auf die Probe stellt. Der Film gewann sowohl den Gläsernen Bären der Jugendjury als auch den ersten Preis der Fachjury.
In der Kinderfilmsektion Generation Kplus gelang Gugu’s Welt aus Brasilien das gleiche Kunststück. Auch die Geschichte um einen 9-jährigen Jungen, der es gleichermaßen liebt, sich zu schminken wie Fußball zu spielen und sich um seine demente Großmutter kümmern muss, räumte die beiden Hauptpreise der Sektion ab. Dazu erhielten der sehenswerte peruanische Kurzfilm Allá en el cielo (Dort im Himmel) über minderjährige Drogenkuriere und die trashige chilenische Punk-Groteske Matapanki lobende Erwähnungen. Schließlich war mit Papaya ein so sehenswerter wie ungewöhnlicher Zeichentrickfilm aus Brasilien am Start: Die Heldin ist ein kleiner Papayakern, der sich in einer regenbogenfarbenen Umge­bung mit dem Agrobusiness anlegt.

Matapanki Revolution im Punk-Stil Der Film Matapunki aus Chile


Ein wenig unter Wert geschlagen wurde dagegen der einzige lateinamerikanische Wettbewerbsbeitrag Moscas (Fliegen, siehe Rezension auf Seite 52). Fernando Eimbckes anrührende Geschichte um eine verbitterte Vermieterin, der ein kleiner Junge wieder die Lebensfreude zurückbringt, ging bei der Preisvergabe leer aus. Zumindest der großartige Kinderdarsteller Bastián Escobar hätte einen Preis verdient. Stark auch der queere paraguayische Rock’n’Roll-Film Narciso (siehe Rezension auf Seite 53), der mit dem FIPRESCI Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet wurde, und der chilenische Noir-Thriller Hangar Rojo, der einen Luftwaffen-Ausbilder während des Pinochet-Putsches begleitet. Im Bereich Dokumentarfilm gab es unter anderem sehenswerte Beiträge aus Paraguay, wo in Im Umkreis des Paradieses eine ländliche Gemeinde von rechten Verschwörungstheoretiker*innen aus dem Ausland bevölkert wird und aus Mexiko, wo Jaripeo schwule Cowboys beim Rodeo begleitet.
Schließlich sorgte auch noch der queere Vampir-Kurzfilm La hora de irse (Zeit zu gehen) aus Argentinien mit tiefschwarzem Humor für erfrischende Abwechslung auf dem Festival. Doch auch beim Rest der insgesamt 31 lateinamerikanischen Berlinale-Filme des Jahrgangs 2026 fanden sich weit mehr starke als schwache Momente. Das Niveau nicht ganz halten konnten nur der dominikanische Teenie-Horror No Salgas (Komm nicht raus) und eine verkitschte Amazon-Serienproduktion des Isabel-Allende-Bestsellers Das Geisterhaus.
Das LN-Berlinale-Team hatte jedenfalls viel Freude an den lateinamerikanischen Berlinale-Filmen. Nachzulesen ist das in den Rezensionen dazu, die ab jetzt auf der LN-Homepage zu finden sind (www.ln-berlin/kultur/film/berlinale).


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Im Auge des Bösen

„Capitán, wie fühlt es sich an, von so weit oben herunterzufallen?“ Mindestens so unschuldig wie die Frage des jungen Unteroffiziers Hernández ist auch er selbst. Gerade frisch vom heimischen Bauernhof an der Akademie der Luftwaffe in Santiago angekommen, quillt dem etwas zu redseligen Kadetten der Idealismus aus allen Poren. Sein Ausbilder Jorge Silva, den er mit Fragen löchert, ist nicht nur einer der besten Fallschirmspringer des Landes, sondern auch ein veritabler Held, der einst mithalf, ein Attentat auf Chiles Präsidenten Salvador Allende zu verhindern. Es ist der Abend des 10. September 1973 und morgen soll eigentlich ruhig und geregelt der neue Ausbildungszyklus beginnen.

© Villano

Wie heute jede*r weiß, war am nächsten Tag nichts mehr in Ordnung in Chile. Das Militär putschte, auf den Präsident*innenpalast fielen Bomben und Sympathisant*innen der Regierung Allende wurden brutal gefoltert und ermordet. Doch auch innerhalb des Militärs selbst hatte es viele Unterstützer*innen Allendes gegeben. Deren Kampf zwischen Befehlstreue, Gewissensbissen und Widerstand zeigt Hangar Rojo, der Debütfilm des chilenischen Regisseurs Juan Pablo Sallato, in beklemmender und brillanter Form auf der Berlinale. Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten aus dem Buch Disparen a la Bandada (Schießt auf die Menge) des Journalisten Fernando Villagran, der ebenfalls kurz im Film vorkommt.

Capitán Jorge Silva (Nicolás Zárate) ist der Protagonist in Hangar Rojo und er hat seinen Job mit Bedacht gewählt: Als Ausbilder sieht er sich an der richtigen Stelle, um jungen Soldaten Unterstützung jenseits von brutaler Disziplin und autoritärer militärischer Ideologie zu bieten. Der Putsch trifft ihn und seine Vorgesetzten sichtlich unerwartet und konfrontiert ihn mit einem alten Feind: Oberst Jahn (Marcial Tagle, wohl nicht ganz zufällig mit Hitler-Haarschnitt) war am versuchten Attentat auf Allende beteiligt und wurde auf Hinweis von Silva des Landes verwiesen. Nun kehrt er als Verantwortlicher der Akademie zurück und baut sie zum „Hangar Rojo“ („Roter Hangar“) um, einem Folterzentrum für die Unterstützer der demokratisch gewählten Regierung. „Wie fühlt es sich an, von so weit oben herunterzufallen, Capitán?“ will auch er wissen, doch nun ist die Frage vergiftet und eine kaum verhohlene Drohung: Ich habe dich im Auge. Ein falscher Schritt und du sitzt sofort auf der anderen Seite im Hangar Rojo. Dennoch versucht Jahn auch, die unbestrittenen Qualitäten Silvas für die Zwecke der Putschisten zu nutzen und stellt ihn deshalb mit sadistischen Aufträgen auf die Probe.

© Villano

Wie Nicolás Zárate diesen Ritt auf der Rasierklinge zwischen notwendiger mimischer Beherrschung und dennoch sichtbarer Abneigung gegen die Generäle auf der Leinwand verkörpert, ist in jeder Sekunde des Films beeindruckend. Auch Sallatos Inszenierung in klaustrophobisch gefilmten Schwarz-Weiß-Bildern und das packende Drehbuch von Luis Emilio Guzmán stehen dem in Nichts nach. Obwohl Gewalt so gut wie nie explizit gezeigt wird, ist fast körperlich zu spüren, wie sich die Schlinge um die wenigen Soldaten, die sich dem Unrecht zu widersetzen versuchen, unabwendbar zuzieht. Gefangen zwischen militärischer Pflicht, dem eigenen Gewissen und der Loyalität zur Regierung Allende bedeutet jede autonome Entscheidung tödliche Gefahr für das eigene Leben und das der Familie. Hangar Rojo wird so zu einer Ermutigung zum Widerstand im Kleinen, durch Gesten, Blicke und manchmal sogar Taten – selbst wenn dies im Angesicht eines übermächtigen Gegners aussichtslos erscheint. Und setzt damit ein starkes politisches Zeichen auch über die Berlinale hinaus.

Freitag, 13. Februar, 15:30 Uhr, Bluemax Theater
Samstag, 14. Februar, 13:00 Uhr, Cubix 9
Sonntag, 15. Februar, 19:15 Uhr, Cubix 8
Montag, 16. Februar, 16:00 Uhr, Colosseum 1
Mittwoch, 18. Februar, 17:00 Uhr, Xenon Kino


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Die erblindete Justiz

Endlich frei Nicolás Piña Palomera mit seiner Mutter nach seiner Entlassung im Jahr 2022 (Foto: @bengala.photography)

Nach sechsjähriger Untersuchung stellte das Vierte Strafgericht von Santiago am 13. Januar fest, dass der ehemalige Polizist Claudio Crespo im Rahmen der Demonstrationen im November 2019 mit einer Schrotflinte auf das Gesicht des 21-jährigen Gustavo Gatica schoss und er dadurch vollständig erblindete. Trotz der Schwere der verur­sachten Schäden entschied das Gericht, ihn vom Vorwurf der rechtswidrigen Nötigung freizusprechen, da es der Ansicht war, dass er in Notwehr und verhältnismäßig gehandelt habe, weil das Opfer an Angriffen auf die Polizei beteiligt gewesen sei. Aufgrund des im Jahr 2023 in Kraft getretenen Polizeigesetzes Nain-Retamal sei daher von privilegierter Notwehr auszugehen, so das Gericht.
Crespo wurde im Laufe des Verfahrens zu einem Helden der Ultrarechten in Chile und rief offen zu Gewalt gegen Demonstrierende auf. In Videoaufnahmen sagte er noch als Polizist gegenüber Demonstrierenden: „Wir werden euch die Augen ausstechen“, „Der Scheißkerl soll verbrennen, verbrennen“ oder „Wir müssen all diese Scheißkerle töten“. Er selbst veröffentlichte auf seinem Instagram-Account eine Bildmontage, in der er vor dem Grab von Gustavo Gatica stand. Dazu der Text: „Ruhe in Frieden, du Oktoberprotestler“.
Die Gewalt zu jener Zeit war keine Ausnahme. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden zwischen dem 18. Oktober 2019 und dem 31. März 2020 8.630 Menschen Opfer von Übergriffen durch Staatsbeamte. Das Nationale Institut für Menschenrechte registrierte in nur fünf Monaten 1.234 Opfer von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung, 282 Fälle von sexueller Gewalt, 34 Opfer von Mordanschlägen und 460 Augenverletzungen, die auf den wahllosen und regelwidrigen Einsatz von Einsatzwaffen zurückzuführen sind. Die Gewalt war systematisch. Der Fall Gatica zeigt, dass es auch die Straflosigkeit war: Laut der internationalen Nichtregierungsorganisation Amnesty International kam es bei 11.506 Anzeigen wegen Menschenrechtsverletzungen in gerade einmal 1,9 Prozent der Fälle zu einer effektiven Verurteilung der Täter*innen.

Mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen und vollständig erblindet

Mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen und vollständig erblindet

Die Folgen der Repression und Straflosigkeit, das Fehlen von Wiedergutmachungen und Garantien für eine Nicht-Wiederholung haben bleibende Schäden hinterlassen. Bis heute sind die Selbstmorde von mindestens fünf Überlebenden der damaligen Menschenrechtsverletzungen bekannt: Sebastián Méndez Ortega, Patricio Pardo Muñoz, Milo Muñoz, Jonathan Vega Araya und Jorge Salvo Alarcón sowie David Gómez Valenzuela, ein politischer Gefangener der Revolte. Im Gegensatz zur Freisprechung der Polizeibeamten wurden zahlreiche Demonstrantinnen zu schweren Strafen verurteilt. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Ein paradigmatischer Fall ist der von Nicolás Piña Palomera, der 2021 beschuldigt wurde, einen Molotowcocktail auf ein Polizeifahrzeug geworfen zu haben. Obwohl bei ihm keine Spuren von Brandbeschleuniger entdeckt werden konnten, berief sich die Anklage auf Zeugenaussagen verdeckter Ermittler. Piña blieb 14 Monate in Untersuchungshaft und wurde nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 20 Millionen Pesos unter Hausarrest gestellt. Im Jahr 2023 wurde er wegen versuchten Mordes an Polizist*innen im Dienst zu sieben und wegen des Werfens eines Brandbeschleunigers zu drei Jahren Haft verurteilt, woraufhin er bis zu seiner erneuten Festnahme im Dezember 2025 auf der Flucht blieb.
Das autoritäre Handeln des chilenischen Staates ist Teil der politischen Kultur des Landes, fast unabhängig von der politischen Ausrichtung einer Regierung. Es dient schlichtweg der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung. Das seit 1958 existierende Gesetz zur inneren Sicherheit des Staates ermöglicht es Regierungen bis heute, soziale Bewegungen und ihr Handeln zu kriminalisieren. Durch die reine Entscheidung des Präsidenten kann das Gesetz auf jegliches „illegale” Handeln, wie etwa Straßen­blockaden, angewendet werden. Bei seiner Anwendung wird das Strafmaß deutlich erhöht. Internationale Menschenrechtsorganisationen und die UN kritisierten das Gesetz wiederholt, da es der Gleichbehandlung widerspricht.
Doch ein Teil der chilenischen Gesellschaft fordert diese Polizeigewalt sogar ein. Wobei die ständige Fokussierung der Medienberichterstattung auf die Alltagskriminalität eine zentrale Rolle spielt. Die scheidende Regierung von Gabriel Boric hatte einst versprochen, die Menschenrechtsverletzungen von 2019 aufzuarbeiten. Nun wurden unter ihr selbst zwei Gesetze in die repressive Richtung verabschiedet: Ein Gesetz zur schnellen Räumung von besetzten Landstrichen sowie das Polizeigesetz Nain-Retamal, dass der Polizei mehr Raum zur „Selbstverteidigung” gibt und Gewalt gegen Polizist*innen härter bestraft.
Ironischerweise hat die fehlende Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen von 2019 der neuen rechtsextremen Regierung unter José Kast den Weg bereitet, um mit aller Härte gegen Demonstrierende vorzugehen. Mit einem in sozialen Fragen stramm rechten Ministerialkabinett, hat Kast bereits vor der offiziellen Amtsübergabe gezeigt, dass er es Ernst meint. Wie wird die Polizei auf eine zweite Revolte reagieren, wenn sie weiß, dass sie straflos davonkommt? Die bisherige Tendenz lässt Böses erahnen.


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EIN FANTASTISCHER FILM

Foto: Berlinale

Sebastián Lelio hat ein Händchen für herausragende Hauptdarstellerinnen. 2013 gewann Paulina García in seinem Film Gloria für ihre Rolle als lebenslustige, kiffende Endfünfzigerin den Silbernen Bären für die beste Darstellung. Vier Jahre später kam Lelio – mittlerweile Wahlberliner – nun mit Una mujer fantástica (Eine fantastische Frau) zurück auf das Festival und ein gewisser Déjá-Vu-Effekt war unverkennbar: Auch diesmal brillierte mit Daniela Vega wieder eine herausragende Hauptdarstellerin in seinem Film. Und auch diesmal hat Lelio die Berlinale wieder mit Trophäen behängt verlassen. Una mujer fantástica gewann den Teddy Award für den besten queeren Film und wurde für das beste Drehbuch aller Filme im Wettbewerb ausgezeichnet. Beides völlig zu Recht, denn der Film erfüllt thematisch, dramaturgisch und künstlerisch höchste Ansprüche.

Daniela Vega spielt Marina Vidal, eine talentierte junge Salsa- und Opernsängerin in Santiago zu Beginn ihrer Karriere. Marina heißt laut ihrem Pass zwar noch Daniel, tatsächlich nennt sie aber außer der Polizei schon lange niemand mehr so. Seit einem Jahr ist sie glücklich mit dem deutlich älteren Orlando (Francisco Reyes) liiert. Eines Nachts fühlt der sich plötzlich unwohl und obwohl Marina alles in ihrer Macht stehende tut, stirbt Orlando kurze Zeit später im Krankenhaus. Doch zum Trauern bleibt Marina keine Zeit, denn ihre ganze Energie wird nun von der Familie des Verstorbenen beansprucht, die alles daran setzt, ihr die Dinge wegzunehmen, die sie an ihren Geliebten erinnern: Wohnung, Auto, Hund. Marina setzt dem zunächst wenig Widerstände entgegen, um Probleme zu vermeiden.

Aufgrund ihrer Identität als Transfrau und vermeintliche Familienzerstörerin sieht sie sich der kompletten Klaviatur der Diskriminierung ausgesetzt: Von schiefen Blicken über offene Beleidigungen bis hin zu entwürdigender Behandlung, Entführung und physischer Gewalt auf offener Straße ist alles dabei. Marina bleibt letzten Endes nur ein Ausweg: Sie muss mit all ihrer Kraft kämpfen, wenn sie erreichen will, was vielen anderen selbstverständlich zugestanden würde. Lelios Film nur auf die – speziell in Lateinamerika natürlich hochrelevante – Gender-Thematik zu reduzieren, würde der Vielschichtigkeit des Films nicht gerecht. Una mujer fantástica ist auch ein Film über das Trauern, das Loslassen von einem geliebten Menschen und die Notwendigkeit, gleichzeitig sein Leben weiterzuleben. Immer wieder steht der tote Orlando Marina noch vor Augen und immer wieder legt ihr dessen Familie Steine in den Weg, um zu verhindern, dass sie von ihm Abschied nehmen kann. Aus einem Gottesdienst für den Toten wird sie mit den Worten „Haben Sie denn keinen Respekt vor der Trauer anderer?“ abrupt hinausgeworfen – ungeachtet der Tatsache, dass es ihr Geliebter war, der gerade verstorben ist. Dennoch setzt Marina weiterhin alles daran, sich das „Menschenrecht, um einen Menschen trauern zu dürfen“, wie sie es im Film selbst ausdrückt, nicht nehmen zu lassen.

Dem Film tut gut, dass Marina nicht überall gegen Widerstände ankämpfen muss. Von etablierten Machtstrukturen wie Polizei, Kirche oder auch den Ärzten im Krankenhaus wird sie zwar mehrfach diskriminiert. Bei ihrer Familie und ihren Arbeitskolleg*innen findet sie dagegen vollen Rückhalt und Akzeptanz, was – neben der beeindruckenden Darstellung von Daniela Vega – Lelio dabei hilft, seine Figur nicht nur als klischeehaftes Opfer zu zeigen. Wunderschön sind außerdem die Momente, in denen die Geschichte sich von der filmischen Realität entfernt und Marina plötzlich auf der Straße nicht mehr vorankommt, weil sie gegen einen Sturm ankämpfen muss oder in einem Techno-Club zur Anführerin einer Revuetanzgruppe wird. Schließlich schafft es der Film auch noch, ein vernünftiges Ende zu finden – eine Qualität, die auf der diesjährigen Berlinale keine Selbstverständlichkeit war. Una mujer fantástica war ein Highlight des Festivals und einer der ernsthaftesten Bewerber um den goldenen Bären für den besten Film. Aber auch wenn den Preis letzten Endes ein anderer gewonnen hat, ändert das nichts daran: Una mujer fantástica  ist einfach „una película fantástica“ – ein fantastischer Film.

 


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Roter Pragmatismus

Die feministischen Bewegungen ganz vorne Sie öffneten die Möglichkeit einer strukturellen Transformation Chiles. (Foto: Paulo Slachevsky via flickr (CC BY-NC-SA))

Am 30. Juni, einen Tag nach der Vorwahl der Regierungskoalition, steht die 51-jährige Jeannette Jara als einzige Kandidatin des Regierungslagers fest. Am selben Tag erklärt Lautaro Carmona, Vorsitzender der Kommunistischen Partei (KP): „Egal wer regiert, man muss den Quadratmeter der Partei respektieren.“ Mit diesem Satz wollte er die Spannungen zwischen der Kandidatin und der Parteileitung über die Haltung zu Venezuela und Kuba entschärfen, doch er zeigte einen offenen Konflikt in der Partei, die es sonst schaffte, interne Streitereien mit Ausschluss der Öffentlichkeit zu regeln. Um diesen zu verstehen, muss man in die Geschichte der Partei und die letzten Jahre der Diktatur zurückblicken.

Politische Laufbahn in der Transition

Verboten und verfolgt war die Kommunistische Partei eines der am meisten unterdrückten politischen Lager der Militärdiktatur. Trotz großer politischer Differenzen schloss sie sich der Kampagne für das „NO“ im Plebiszit von 1988 an, bei der Pinochet abgewählt wurde. Nach dem Sieg erklärte der 1989 gewählte Generalsekretär Volodia Teitelboim: „Das chilenische Volk darf nicht nur seine Stimme abgeben, sondern muss den Sieg auch verteidigen (…)“. Misstrauen gegenüber dem Übergangsprozess herrschte tief in den Parteibasen. Besonders die Parteijugend distanzierte sich von den traditionellen Linien.

Mit dem Wahlsieg Patricio Aylwins 1990 wurde der chilenische Übergang zur Demokratie zu einer politischen Transaktion. Die Diktatur hatte ihre Erbschaft abgesichert: Pinochet als lebenslanger Senator, ein exklusives Sozialsystem für das Militär und vor allem eine Verfassung, die das Prinzip der Subsidiarität des Staates festschrieb. Die Demokratie wurde unter den Bedingungen eines neoliberalen und konservativen Machtblocks geboren.

Im Parlament marginalisiert und vom Exekutivbereich ausgeschlossen, hielt die Partei unter der Führung von Gladys Marín an einer Politik der moralischen Anklage fest. Diese Linie bewahrte ihre Integrität, ließ sie aber am Rand der institutionellen Politik verharren. Mit der Zeit entstand eine neue Generation, die begriff, dass die Institutionen nicht nur ein Ort der Vereinnahmung, sondern auch des politischen Kampfes sein konnten. Zu ihr gehörte Jeannette Jara – ehemalige Studierendenführerin und Gewerkschafterin im öffentlichen Dienst –, die für die pragmatische Wende eines Kommunismus steht, der lernte, zu regieren, ohne seine Systemkritik aufzugeben.

Wer war Jeannette Jara in dieser Zeit? In den 1990er Jahren trat sie der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei bei und wurde bald ein aktives Mitglied des Zentralkomitees. 1996 übernahm sie die Präsidentschaft der Studierendenvereinigung der Universität von Santiago. Sie studierte Verwaltungs- sowie Rechtswissenschaften und engagierte sich später als Gewerkschafterin in der Nationalen Vereinigung der Staatsbediensteten (ANEF) – einer der stärksten Gewerkschaften des Landes. Diese doppelte Erfahrung – staatliche Verwaltung und kommunistische Militanz – prägte ihr politisches Profil nachhaltig.

Mit der Wahl von Guillermo Teillier zum Generalsekretär der Partei im Jahr 2002 begann eine neue Etappe. Seine bis zu seinem Tod im Jahr 2023 andauernde Führung konsolidierte die KP als Akteurin, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Institutionen aktiv war. Die Strategie war klar: eine ideologische Haltung und offene Kritik am herrschenden Neoliberalismus beibehalten – diesmal jedoch mit einem Fuß im Staat stehen. Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Ende der Diktatur definierte sich die Partei nicht mehr nur über moralische Autorität, sondern zunehmend über ihre Fähigkeit, in der nationalen Politik Einfluss zu nehmen.

Vom Sozialaufstand zum Entstehen von Apruebo Dignidad

Der seit 2011 einsetzende Zyklus sozialer Mobilisierungen – Studierenden-, Umwelt- und feministische Bewegungen – ermöglichte der KP, ihre Marginalität zu überwinden. Figuren wie Camila Vallejo, Karol Cariola oder Daniel Jadue traten als neue Gesichter einer Generation auf, die soziale Forderungen mit institutioneller Politik verband. Dieser Aufbruch fand seinen Höhepunkt, als die KP als Teil der Regierungskoalition Nueva Mayoría die zweite Amtszeit von Michelle Bachelet (2014-2018) mitprägte. Jara arbeitete dort als Kabinettschefin im Arbeitsministerium und war direkt in die sozialpolitische Reformagenda eingebunden.

Der Eintritt der Kommunistischen Partei in Bachelets Regierung veränderte das politische Gleichgewicht, das aus der Transition hervorgegangen war. Zum ersten Mal seit der Unidad Popular war die KP wieder Teil der staatlichen Exekutive. Die Erwartungen waren hoch: Die Zeit des politischen Übergangs seit Ende der Militärdiktatur war erschöpft, und die Gesellschaft verlangte nach tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die jedoch immer wieder am Verfassungsgericht scheiterten. Das Scheitern dieses Regierungsprojekts – blockiert durch die Christdemokratie und die verfassungsrechtlichen Grenzen – bedeutete das endgültige Ende der Concertación (ehemalige Mitte-links-Koalition, Anm. d. Red.). Doch für die KP war es eine Lehre: Die Kritik am Neoliberalismus musste durch Regierungserfahrung ergänzt werden.

Der Zusammenbruch der Nueva Mayoría ebnete den Weg für die Rückkehr der Rechten an die Macht. Ohne koordinierte Opposition zahlte Sebastián Piñeras Regierung den Preis für ihre autoritäre Gleichgültigkeit. Im Oktober 2019, nach Wochen von Schüler*innenprotesten, die brutal unterdrückt wurden, brach eine spontane Volksrevolte aus. Die sozialen Forderungen des letzten Jahrzehnts verbanden sich zu einer der tiefgreifendsten Massenbewegungen in der Geschichte des Landes.


Die enorme Breite der Proteste öffnete die Möglichkeit einer strukturellen Transformation Chiles. Das parlamentarische Abkommen zur Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung – an dem die KP nicht teilnahm – sollte die vielfältigen Forderungen der Straße institutionell kanalisieren.


Während des verfassungsgebenden Prozesses und der Präsidentschaftskampagne 2021 versuchte die KP, ihre beiden Seelen – die militante und die institutionelle – miteinander zu versöhnen. Sie stellte Daniel Jadue als Präsidentschaftskandidaten innerhalb der Koalition Apruebo Dignidad gegen Gabriel Boric auf. Jadues Niederlage signalisierte den Übergang zu einem versöhnlicheren Führungsstil. Doch ausgerechnet der Wahlsieg von Gabriel Boric brachte die KP ins Zentrum der neuen Regierung.


Jara übernahm das Arbeitsministerium und etablierte sich mit Rentenreformen, Mindestlohnerhöhungen und einer gestärkten Sozialpartnerschaft als prägende Figur des pragmatischen Flügels. Sie war eine Politikerin, die aus der Militanz kam, aber die institutionellen Grenzen kannte. Während der orthodoxere Parteiflügel in der Allianz mit dem Frente Amplio einen Verrat an den Prinzipien sah, verkörperte Jara die Möglichkeit, zu verändern, ohne zu zerbrechen. Das Scheitern des Verfassungsprozesses und die juristischen Verfahren gegen Jadue vertieften die inneren Spannungen. Dennoch gelang der KP etwas Einzigartiges: moralische Kohärenz und Regierungskompetenz zu vereinen. Jaras Pragmatismus war keine Anpassung, sondern eine Strategie, das System von innen heraus zu halten – eine Linke, die umverteilt und gleichzeitig die demokratische Institution gegen den autoritären Vormarsch verteidigt.

Die Regierung von Gabriel Boric wird in Erinnerung bleiben als der Versuch, die progressive Kraft Chiles neu zu formieren – mit einer klar sozialdemokratischen Ausrichtung. Doch dieser Ansatz erwies sich als unzureichend. Mit dem Scheitern des Verfassungskonvents ging die Chance verloren, die während der Diktatur verankerten institutionellen Grundlagen neu zu gestalten. Zugleich wandelte sich das politische Klima rasant: Vor fünf Jahren sprach man noch davon, dass „Chile erwacht“ sei; heute dominieren konservative und autoritäre Tendenzen.

Die veränderte politische Landschaft der Präsidentschaftswahl


Angesichts der aktuellen rechten Projekte – vom technokratischen Neoliberalismus einer Evelyn Matthei über den restaurativen Nationalismus eines José Antonio Kast bis zum libertären Individualismus eines Johannes Kaiser – präsentiert Jara einen Ansatz des stabilen, umverteilenden Reformismus. Ihr Ziel ist nicht die Neugründung des Staates, sondern seine Reorientierung hin zu sozialer Gerechtigkeit: die Ausweitung von Arbeitsrechten, die Stärkung sozialer Sicherungssysteme und die Wiederherstellung des Vertrauens der Bürger*innen in den Staat. In Zeiten der Krise erhält ihr Pragmatismus eine politische Bedeutung: Regieren heißt auch Widerstand leisten.

Dass eine kommunistische Kandidatin heute reale Chancen auf die Präsidentschaft hat, zeugt nicht nur von einem Wandel der Wähler*innenschaft, sondern von einer KP, die bereit ist, sich anzupassen und zu regieren. Jeannette Jara verkörpert dieses kollektive Lernen: eine Generation, die zwischen der Erinnerung an die Diktatur und der Ernüchterung des Übergangs zur Demokratie heranwuchs und erkannt hat, dass Wechsel Macht erfordert – nicht nur Kritik.
Ihre mögliche Wahl in den Regierungspalast La Moneda würde ein historisches Kapitel schließen: das der politischen Marginalität der Kommu-*nistischen Partei, und zugleich ein neues eröffnen, in dem Pragmatismus keine Konzession mehr ist, sondern eine Strategie. Jaras Projekt ist nicht heroisch, sondern beharrlich: die demokratische Institution als letzte Bastion gegen den gesellschaftlichen Rückschritt zu verteidigen.


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Jeanette Jara,
Verwalterin der Niederlage

Jara war Arbeitsministerin der Regierung Boric. Während ihrer Amtszeit wurden zwei zentrale Reformen umgesetzt: die Rentenreform und die Verkürzung der Arbeitszeit von 45 auf 40 Wochenstunden – beides langjährigen Forderungen der Bevölkerung, die technisch sauber und institutionell solide umgesetzt wurden. Doch die Umsetzung war zugleich wegen nötiger politischer Zugeständnisse umstritten.

„Der Wahlkampf war perfekt. Nur das Programm war das Problem.“ So kommentierte ein Mitglied ihres Kampagnenstabs am Tag nach der Vorwahl. Die Kritik lautete, Jara hätte kein wirkliches politisches Programm, das offizielle Dokument umfasste sieben Seiten, und ihre Kampagne würde sich ausschließlich auf ihren technokratischen Erfolg und Charisma stützen. Ihre politische Linie wurde erst in den Wochen nach dem Sieg aufgebaut.

Das Programm der kommunistischen Kandidatin ruht heute auf drei Säulen: gerechtes Wirtschaftswachstum, Sicherheit und Sozialpolitik. José Antonio Kast, der Kandidat der rechtsextremen Republikanischen Partei, hat exakt dieselben Punkte, nur in anderer Reihenfolge. Er beginnt mit Sicherheit, und nennt die Programmpunkte „Achsen“. Das deutlichste Beispiel dieser inhaltlichen Nähe betrifft das Thema Sicherheit. Jaras Programm sieht vor, den privaten Sicherheitssektor zu stärken, mehr Überwachungskameras, Drohnen und Systeme mit Künstlicher Intelligenz und biometrischer Erkennung einzusetzen, die Zahl der Polizeibeamten zu verdoppeln und zu professionalisieren, das Militär zur Grenz­­kontrolle heranzuziehen und mehr in die Sicherheit in sogenannten „Konfliktzonen” zu investieren. Dabei meint sie das historische Siedlungsgebiet der Mapuche, von den Mapuche selbst Wallmapu genannt.

Neben den Ähnlichkeiten zu Kasts Ansätzen, zeigen Jaras Vorschläge in Bezug auf das Thema Sicherheit eine klare Kontinuität zur Politik Borics, welcher der Polizei und dem Militär seine uneingeschränkte politische Unterstützung gab. Dies zeigte sich etwa in der langjährigen Beibehaltung von Generaldirektor Ricardo Yáñez, der für die systematischen Menschenrechtsverletzungen von 2019 mitverantwortlich ist, oder durch das sogenannte „Happy Trigger-Gesetz“, das die Polizeistraffreiheit ausweitet.

Auch taktisch gab Jara zunehmend jene Positionen auf, die sie von anderen Kandidat*innen unterschied. So strich ihr Team die Forderung nach legalem Schwangerschaftsabbruch, zentral für die feministische Bewegung, aus dem Regierungsprogramm. Das war der Preis dafür, die Christdemokratische Partei mit ins Boot zu holen. Am deutlichsten zeigt sich Jaras ausweichender Charakter in ihrer Beziehung zur eigenen Partei. Sie distanzierte sich von den historischen Positionen der Kommunistischen Partei zu den Regimen in Kuba und Venezuela und betonte ihre „persönliche Unabhängigkeit“. Ebenso schloss sie Daniel Jadue, den früheren Präsidentschaftskandidaten der Partei und Vertreter des sogenannten „Oktoberismus“ (Name für die politischen Unterstützer*innen der Revolte von 2019, Anm. d. Autors), aus ihrer Kampagne aus. Über ihre Kampagne hat sich Jara zunehmend von ihrer Partei und sogar der Politik der eigenen Regierung distanziert.

Kurz vor der sozialen Revolte war der öffentliche Verkehr in Santiago, das Symbol für das alltägliche Elend und die institutionelle Vernachlässigung der chilenischen Arbeiter*innenklasse. Viele Menschen fuhren bis zu drei Stunden täglich in überfüllten Zügen und Bussen, die häufig aufgrund technischer Defekte verspätet waren. Die Metro wurde zur Bühne einer „Suizid-Epidemie“: 18 Fälle im Jahr 2017, 25 im Jahr 2018, und allein elf bis März 2019 – danach wurden keine Zahlen mehr veröffentlicht. Auch das Einkaufszentrum Costanera Center im höchsten Gebäude Südamerikas und Symbol des neoliberalen Erfolgs, wurde zum Ort vieler Selbstmorde. Die Verwaltung des Einkaufszentrums stellte Zelte auf, um die Leichen vor den Blicken der Kunden zu verstecken. Der Betriebsalltag ging einfach weiter.

Im Oktober 2019 wurde aus individueller Verzweiflung Protest. Die Erhöhung des Ticketpreis um 30 Pesos, etwa drei Cent, entzündete eine Welle der Empörung, die bald das gesamte institutionelle Erbe der Diktatur in Frage stellte. Die Corona-Pandemie rechtfertigte den massiven Polizeieinsatz. Die 2020 erlaubte Teilrückzahlung der privaten Renten milderte die Krise kurzfristig – doch auf Kosten der ohnehin schwachen sozialen Systeme. Danach folgten keine weiteren Maßnahmen. Boric und die Verfassungsversammlung wurden in genau diesem Moment gewählt.

Zu positives Verhältnis zu Polizei und Militär für eine linke Regierung

Während das populäre Motto „Es sind nicht 30 Pesos, sondern 30 Jahre“ die neoliberale Verwaltung nach der Diktatur anklagte, wird heute an eben jenen Jahren nostalgisch gedacht. Aktuell steigen die Kupferpreise wieder und der Lithiumabbau bringt neue Staatseinnahmen. Aber der Kontrast zwischen der aktuellen wirtschaftlichen Lage und derjenigen während des früheren „Superzyklus“ der Rohstoffe ist deutlich. Ein Beispiel: Während zwischen 2005 und 2012 die Steuereinnahmen aus dem Kupferexport im Durchschnitt 5,4 % des BIP ausmachten, lagen sie zwischen 2016 und 2023 bei lediglich 1,48 % des BIP – zu wenig, um neue Sozialprogramme zu finanzieren. In dieser Stimmung lehnten knapp zwei Drittel der Wähler*innen an der Urne den neuen Verfassungsentwurf ab, das zentrale politische Ereignis der Regierung Boric. Die Krise des rechazo wurde zum Regierungsprogramm. Die Verwaltung der Niederlage prägte die gesamte Agenda des Frente Amplio. Zudem zwang die Blockade von Seiten der Opposition die Regierung zu Zugeständnissen und ist damit einer der Gründe, warum die Regierung so ein positives Verhältnis zu Polizei und Militär aufbaute.

Die gescheiterte Verfassungsreform als Beginn der Krise


Der Suizid von David Isaías Gómez Valenzuela am 21. September 2025, einem politischen Gefangenen der Revolte, ebenso wie der Tod anderer politischer Gefangener und Opfer von Augenverletzungen, die von der jetzigen Regierung inzwischen ignoriert werden, zeigt die bittere Realität jener Ideale, die Boric wie eine Fahne zur Wahl trugen. Wie die Arbeiter*innen 2019, so auch die Ideale: aufgegeben.

Ob Jara eine echte Weiterführung zu Borics Politik darstellt, bleibt offen. Sicher aber steht sie für die Kontinuität des Post-rechazo-Progressismus. Für José Antonio Kast wäre es ein schlechtes Zeichen, wenn das Regierungsbündnis von der „radikalen Linken“ geführt würde. Doch tatsächlich zeigt gerade diese Führung ihre endgültige Unterordnung unter die Realpolitik nach dem Verfassungsfiasko.

Die Forderungen, die in der letzten Dekade entstanden, gelten heute als unrealistisch. Nun, da eine Wahl die progressive Bewegung zwingt, wieder politische Vorschläge zu machen, wird deutlich, dass sie nichts mehr anzubieten hat. Ihre größte Verheißung ist – im besten Fall – die Rückkehr zu jenem Chile der „30 Jahre“.

Hat Jara Chancen, die Wahl zu gewinnen? Die Linke wird sie unterstützen – weil es keine anderen aussichtsreichen Kandidaturen gibt. Rechte und Mitte hingegen haben keinen Grund, für sie zu stimmen, wenn ihre Kandidat*innen seit zwanzig Jahren dasselbe sagen. In einer politischen Landschaft, in der Zugeständnisse immer untragbarer und sinnloser erscheinen, bleibt nur die Frage: Sind Jaras Ideale nicht längst besiegt?


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Nachhaltigkeit für wen?

Ökosystem Atacamawüste Der Lithiumbergbau trägt zu extremem Wasserverbauch bei. (Foto: Alexis Leandro Jeria Bocca)

Auf einer Podiumsdiskussion in Santiago im August, bei der die Ergebnisse der multidisziplinären Studie „Menschenrechte und Lithium” vorgestellt wurden, reflektierte der Vorsitzende des Staatsunternehmens über die Abläufe der letzten 12 Monate. In einem „intensiven und sehr langen“ Prozess habe man „über 1000 Seiten produziert“ und erkannt, „welche Wichtigkeit eine gute Bereitstellung von Informationen“ habe. CODELCO („Corporación Nacional del Cobre de Chile“, nach eigenen Angaben der weltweit größte Bergbau-Kupferproduzent, Anm. d. Red.) verstehe die Einigung als Aufforderung, „seine Führungsrolle im Lithiumbergbau wahrzunehmen“.

Der Abschluss des langen Prozesses, einem essenziellen Teil von Chiles nationaler Lithiumstrategie, liegt jetzt bei der Entwicklungsbehörde CORFO, die die beschlossenen Dokumente auswerten und zu Übereinkünften mit den einzelnen Gemeindeverwaltungen kommen soll._Die beiden Staatsunternehmen SQM und CODELCO haben im Mai fusioniert und damit ihre Absicht bestätigt, im nächsten Jahr größter Lithiumproduzent Chiles, möglicherweise auch der Welt, zu werden. Die Fusion ist Teil Gabriel Borics 2023 beschlossener Lithiumstrategie, die den größten Teil der Lithiumkonzessionen in die Hände des neuen Staatsunternehmens legen und die Produktion enorm steigern wird. Der Plan sieht auch soziale und umweltschützende Maßnahmen vor.
Akzeptieren die Gemeinden die Bedingungen, die mit der CORFO in den letzten Monaten ausgehandelt wurden, wäre der Weg frei für mehr als 40 weitere Jahre Lithiumförderung am Salar de Atacama und in der weiteren Umgebung.

Das im Marketingsprech „Lithiumdreieck” genannte Gebiet liegt in der trockensten Wüste der Welt. Hier lagern die wohl größten Reserven des seltenen Metalls. Es wird vor allem für die Herstellung von Lithiumbatterien benötigt. Mit den Bekenntnissen von Technologieunternehmen zur „Nachhaltigkeit” und zur „Grünen Transformation” steigt die globale Nachfrage. Auch Ursula von der Leyen sagte bei einem Besuch in Santiago de Chile 2023, der Bedarf in Europa werde „bis 2030 um das Zwölffache steigen“ (Euronews). Lithiumbatterien stecken in Kerntechnologien der „Grünen Transformation“,_etwa in Elektroautos und in den Energiespeichern von Windparks, werden aber auch in Kriegsgerät wie Drohnen verbaut, wie ein Teilnehmer der Konferenz in Santiago ergänzte.

In der Atacama trägt der Lithiumbergbau nicht zu Rettung der Ökosysteme bei. Bei der Produktion mittels Lithiumsole-Evaporation werden große Mengen Wasser aus dem Atacama-Salzsee verdunstet, was sich auf die darunterliegenden geologischen Systeme auswirkt. Flüsse und Wasserreserven trocknen aus und für die Gemeinden wird es immer schwieriger, Landwirtschaft zu betreiben. Der Rat der Atacameño-Völker sieht deshalb die Autonomie und die Lebensweise der Atacameño durch die neuen Pläne bedroht.

Inzwischen ist belegt, dass die Großkonzerne SQM und Albemarle bei ihren Operationen in den letzten 20 Jahren mehr von den Wasserreserven entnommen haben, als ihnen laut ihrer Lizenzen genehmigt war. Lokale Proteste prangerten an, dass staatliche Kontrollen der Umweltauflagen nicht ausreichen und der Bergbau die umliegende Tier- und Pflanzenwelt durch Verschmutzung, Austrocknung und Überausbeutung verdrängt. Das beweisen auch zahlreiche Studien

Die Gemeinden in Atacama la Grande und El Loa sind schon vor Jahrzehnten erfolgreich in Verhandlungen über Entschädigungen mit den Unternehmen getreten: mit Albemarle und SQM. Die Nationale Lithiumstrategie und die neuen CODELCO/SQM-Projekte verleihen dem Lithiumbergbau in der Atacama eine neue Dimension. Ob das Austrocknen aber aufhört, bleibt zweifelhaft.
Obwohl Organisationen von Anfang an kritisierten, dass noch mehr Wasserrechte vergeben werden, sorgte der Plan de Litio für einen intensiveren Dialog über die Rolle und die Interessen der Atacameños gegenüber Chiles Institutionen. Es wurde öffentlich über technische Details der Evaporationsverfahren diskutiert und konkrete Verbesserungen beschlossen. So ist für die neuen Salinen zumindest teilweise der Umstieg auf wasserschonendere Technologien vorgesehen.
Ein Vetorecht hatten die Atacameños nicht. Stattdessen wurde über weitere Entschädigungszahlungen verhandelt. Zudem werden einige anzestralen Territorien der Atacameño-Lickanantay staatlich anerkannt und den Gemeinden übertragen. Außerdem wird über eine Beteiligung der Gemeinden an den Umweltauflagen- und Monitoringprozessen verhandelt. Sollten die Verhandlungen zu einer effizienteren Überwachung der Wasserentnahme beitragen, könnte das auch einen effektiveren Schutz der Ökosysteme am Salar und in der Umgebung ermöglichen.

Im April verhandelte der Rat der Atacameñovölker die Verhandlungen: „Es war eine schwierige Zeit, in der nicht immer die Mindestvoraussetzungen für eine effektive Beteiligung gegeben waren: Ruhe, Zeit und Verständnis für den lokalen Kontext.“ Der CPA sagte dazu: „Die Schuld des Staates und seiner Institutionen bleibt bestehen, und es kann nicht ignoriert werden, dass viele Inhalte nur teilweise, verspätet oder ohne die erforderliche technische Begleitung übermittelt wurden, die es den Beteiligten ermöglicht hätte, sich diese anzueignen und zu verstehen.“

Wasser als roter Faden


Die zentrale Organisation ruft zur Einigkeit auf. Nur so könnten die Gemeinden ihre Interessen vertreten und die Zukunft ihrer Heimatgebiete gestalten. Gemeinden aus dem Norden des Salar haben inzwischen Klage eingelegt, was den Konsultationsprozess stoppen könnte. Sie sehen sich gegenüber Gemeinden aus dem Süden benachteilig, die näher am Salzsee liegen und die der Staat gesondert konsultierte. In Bezug auf die Transformations- und Entwicklungspläne, sagte der UN-Beauftragte für Menschenrechte in Lateinamerika, Jan Jarab: „Hoffen wir auf eine neue Gerechtigkeit, mit vorheriger, informierter Konsultation, dem Wasser als roter Linie und der Würde der Indigenen Völker als Horizont.“


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„Ich rappe nicht nur, sondern kämpfe“

Ganzkörper Portrait des Rappers Portavoz, wie er vor einer Mauer sitzt
(Foto: Victor Varela Millanao)

Wann hast angefangen zu rappen?

Ich habe den Rap dank meines großen Bruders kennengelernt. Er hatte angefangen, die Musik zu hören, die damals im Radio und auf Kassetten lief. Ich erinnere mich an MC Hammer, Cypress Hill, die Beastie Boys oder House of Pain. All das war im Kommen und mein Bruder zeigte es mir, als ich acht oder neun Jahre alt war. Später, als ich 14 war, sind wir nach Conchalí gezogen, eine der ärmeren Kommunen von Santiago. Dort habe ich Leute kennengelernt, die Rap machten, ihre eigenen Lieder schrieben, Freestyle auf den Plazas rappten. Es war Underground-Rap. Ein paar Freunde nahmen ihre Songs in improvisierten Studios zu Hause auf und ich begann, eigene Lieder zu schreiben. So fand ich heraus, dass ich gerne einen Beat mochte, der mir sagte, was ich darauf schreiben würde. Seitdem schreibe ich so: Bei melancholischer Klaviermusik schreibe ich einen eher melancholischen Text. Wenn das Sample eher funky, partymäßig ist, schreibe ich einen fröhlicheren Text. Und natürlich war ich schon in jungen Jahren in einem politischen Hip-Hop-Kollektiv und anderen Organisationen aktiv, immer rot und schwarz, das ist meine Welt. Dort habe ich gelernt zu kämpfen, an Versammlungen teilzunehmen, zu argumentieren, meine Ideen zu verteidigen und zuzuhören. Wie ich aus einem der unteren Viertel zu kommen und zu diesen Räumen Zugang zu haben, das war unglaublich.

Wie bist du von deiner Liebe zum Rap zur Politik gekommen?

Die Politik ist aus vielen Ecken zu mir gekommen. Zuerst durch meine Familie: Mein Vater war in der Kommunistischen Jugend aktiv und wurde während der Pinochet-Diktatur als politischer Gefangener gefoltert, als er 18 und 19 Jahre alt war. Auch meine Mutter sympathisierte mit der Kommunistischen Jugend, wurde aber zum Glück nicht gefangengenommen. Beide haben mit der Zeit an ihrer Mentalität festgehalten. Das hat auf meinen Bruder und mich abgefärbt. Ich sage abgefärbt, weil es nicht durch eine direkte oder absichtliche Erziehung passiert ist. Denn natürlich war das für meine Eltern traumatisch und sie hatten Angst, uns diese schmerzhaften Dinge weiterzugeben. Weil ich als Jugendlicher sehr neugierig war, fing ich an, die Geschichte meiner Familie zu erforschen und Fragen zu stellen. Erst dann begannen sie zu erzählen. Aber meine Eltern sprachen nicht theoretisch oder akademisch über den Marxismus oder Sozialismus, man sah es mehr an ihrer Art, zu sein. Sie dachten kollektiv und standen dem Individualismus, der in diesen Jahren gelebt wurde, sehr kritisch gegenüber. In der Schule kam ich in ein politisches Kollektiv und fing auch dort an, mich zu bilden. Außerdem politisierten mich die Hip-Hop-Jugendclubs, die in der Peripherie Santiagos entstanden. Das waren Nachbarschaftszentren, in denen nicht nur Hip-Hop-Workshops angeboten wurden, mit Rap oder Graffiti, sondern auch viel über Paulo Freire gesprochen wurde, von der Bildung von unten, vom Marxismus und Anarchismus. So kam es dazu, dass viele verschiedene Künstler mein linkes Denken geformt haben.

Wann ist dir bewusst geworden, dass deine Lieder den Zahn deiner Zeit treffen?

Wir erlebten die schwierigen Jahre der Post-Diktatur und des Übergangs zur Demokratie – oder das, was man so nennen kann. Aber wann ich mich wie eine Stimme dieser Zeit gefühlt habe, weiß ich nicht… Es war nicht geplant oder beabsichtigt, sondern geschah sehr spontan und natürlich. Klar gab es Bands, die den Rap als Kommunikationstool nutzten, als Werkzeug. Sie klagten an und erzählten, was politisch im Land oder international passierte. Für mich war zum Beispiel Ana Tijoux mit der Gruppe Makiza immer ein Beispiel dafür, wie man die eigenen Leute mit Rap informieren kann. Oder auch die Musik von SubVerso, der für mich wie ein Rap-Bruder war und ganz gezielt inhaltsvolle Lieder machte. Das habe ich von ihnen gelernt. In Lateinamerika gibt es viele solcher Beispiele, in Chile zum Beispiel schon vorher die nueva canción popular. Ich denke an Víctor Jara, Inti-Illimani, Quilapayún oder Patricio Manns. Und vor ihnen internationale Musiker wie Violeta Parra oder Atahualpa Yupanqui, Daniel Viglietti oder Silvio Rodriguez. Sie alle wurden bei mir zu Hause gehört. Auch daran orientierte ich mich. Als ich aufwuchs, war Rap wichtig um zu kommunizieren, wie es ist, in den Vierteln aufzuwachsen, und wie die Menschen leben und kämpfen. Aktuell bin ich an einer musikalischen oder vielleicht auch kulturellen Front, von der aus ich etwas zur Selbstverwaltung einer sozialen und politischen Bewegung von unten beitragen möchte. Spätestens, seit ich bei Salvaje Decibel war oder als wir das Album Rap con R de Revolución produziert haben, bin ich nicht nur Rapper, sondern kämpfe auch. In diesem Prozess bin ich stark gewachsen. Wenn man anfängt, in Organisationen aktiv zu sein, wächst man wirklich. Ich habe drei Jahre lang Geschichtspädagogik studiert, aber für mich war die politische Organisation wie eine andere Universität.

Politische und persönliche Botschaften Im Juni ist der Rapper Portavoz im Kreuzberger Reset Club aufgetreten (Foto: Montecruz Foto)

Du hast vom Widerstand der Mapuche als Inhalt deiner Musik gesprochen. Wie siehst du den Stand des Konflikts im Territorium der Mapuche heute?

Meine Familie ist chilenisch und Mapuche. Ich identifiziere mich mit beidem, weil ich Mapuche bin, aber auch chilenische Verwandte aus der Arbeiterklasse habe. Und weil ich in beiden Welten mit viel Respekt aufgewachsen bin, habe ich großen Respekt sowohl für die kleinen Leute als auch für die Würde des Mapuche-Widerstands. Leider nimmt die Regierung von Boric, die oft als progressiv bezeichnet wird, viele peñis (Mapuche-Führungspersönlichkeiten, Anm. d. Red.) fest. Sie werden zu politischen Gefangenen, weil sie sich der immensen Invasion der Wälder widersetzen, die die Erde zerstört und durch die Monokulturen der Kiefern und Eukalyptusbäume kontaminiert. Es sind vor allem drei Monster aus der Forstwirtschaft, die Unternehmen Arauco, Minico und Volterra, die in Mapuche-Gebiete eindringen, sie austrocknen und den einheimischen Wald in seiner Biodiversität nach und nach verschwinden lassen. Diese drei Monster sind es, die das Modell des Extraktivismus aufrechterhalten. Meine Leute kämpfen dagegen an und verteidigen die ñuque mapu (Mutter Erde), damit unsere Kinder einmal besser leben können.

Vor einem Jahr hast du ein Album herausge­bracht, das andere Töne anschlägt. Was beschäftigt dich heute?

Das stimmt, mein letztes Album SHAKA ZOO ist anders. Ich spreche darin Dimensionen meines Lebens an, von denen ich vorher nichts erzählt habe, Dinge aus meinem Privatleben. Ich wollte, dass die Leute ein menschlicheres Bild von mir haben. Es stört mich, idealisiert zu werden. Also wollte ich mit diesem Album vermitteln, dass ich auch nur ein Mensch bin. Ich habe mein politisches Denken und bin natürlich ein politisches Subjekt, wie jede Person. Aber ich habe auch mein alltägliches Leben mit meinen Freunden, mit meiner Partnerin, meiner Familie – wie jeder andere. Jemanden zu vergöttern ist nicht gut, weder für den Hörer noch für den, der zum Idol gemacht wird. Aktuell beschäftigt mich, dass der Faschismus leider wieder auflebt. Die Art und Weise, auf die die extreme Rechte auf der ganzen Welt an Macht gewinnt, besorgt mich sehr. Bei der letzten Präsidentschaftswahl in Chile hätte fast José Antonio Kast gewonnen, ein Vertreter der extremen Rechten in Chile. Für alle, die mir nahestehen, war es unglaublich zu sehen, wie viele Stimmen dieser Faschist bekommen hat. Weil dieses Jahr wieder Wahlen sind, müssen wir uns vorbereiten und alle antifaschistischen Fronten unterstützen.

Was willst du LN-Leser*innen noch mitgeben?

Ich hoffe, dass der Faschismus hier nicht mit der gleichen Stärke auflebt, die er einmal hatte. Denn der deutsche Faschismus mit seinem ganzen Gedankengut, so rückständig, so konservativ, so beschissen, war eine Bedrohung nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Ich würde auch sagen, dass in Chile und in Lateinamerika viel dagegen angekämpft wird. Es gibt überall Antifaschisten – und Angriffe auf sie. Wir müssen uns zusammenschließen, wo auch immer wir sind.

// Max Telias*(Übersetzung: Kori Mamani Hoppe)


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China führt 2 zu 1

„Wäre der Kampf um Einfluss in Lateinamerika ein Fußballspiel, läge China gegen die Vereinigten Staaten zur Halbzeit mit 2 zu 1 in Führung“, heißt es in einem Meinungsbeitrag der US-Nachrichtenseite Bloomberg Línea von Ende Mai. Das liege, so der Autor, insbesondere an einem anderen, ja gegensätzlichen Herangehen der chinesischen im Vergleich zur US-amerikanischen Regierung: Während Donald Trump eine „besonders strenge Version der Monroe-Doktrin“ wiederbelebe, entscheide sich die Volksrepublik „für eine langfristige Strategie, die auf Partnerschaft und Solidarität beruht“.
„Washington sollte genau mitschreiben: Drohungen erzeugen keine Loyalität.“ Diese Schlussfolgerung zeigt: Der Autor des Meinungsbeitrags hegt keine Sympathien für die chinesische Staatsführung. Ebensowenig dürfte er die ökonomischen Interessen der USA in Lateinamerika per se kritisch sehen. Der Beitrag bringt vielmehr die Meinung kapitalfreundlicher Kreise in den Vereinigten Staaten zum Ausdruck, die den Kurs der Trump-Regierung als für ihre Interessen schädlich einschätzen – und die in Lateinamerika und der Karibik, also in einer traditionell als US-Hinterhof angesehenen Region, die eigenen Felle davonschwimmen sehen.
Der Anlass für den Beitrag: Mitte Mai fand in Peking zum vierten Mal das China-CELAC-Forum statt. Während normalerweise Ministerinnen zusammenkommen, nahmen in diesem Jahr gleich drei der 33 Staatsoberhäupter der Mitgliedsländer der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) teil: Brasiliens Luiz Inácio Lula da Silva, Kolumbiens Gustavo Petro und Chiles Gabriel Boric. Auch Gastgeber Xi Jinping war persönlich bei dem Treffen anwesend.

Allein die anwesende Prominenz zeigt, welche Bedeutung die Regierungen vieler lateinamerikanischer Staaten dem Forum beimessen. Für China stellt das einen Erfolg dar, besonders in Zeiten der sich zuspitzenden Rivalität um Handelsmärkte und Einfluss mit den USA. Das Signal, das von dem Treffen ausgeht: Die Volksrepublik ist keineswegs isoliert, vielmehr ist das Interesse an einer Vertiefung der Beziehungen zu China in vielen Teilen der Welt groß – auch als Alternative zu den Vereinigten Staaten.

„Xi verkündete neue Kreditlinien in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro”

Die Funktion, die Abhängigkeit vom „großen Nachbarn“ im Norden zu schmälern, hat China für viele Länder Lateinamerikas bereits heute. Auch wenn in der Region insgesamt weiter die USA der wichtigste Handelspartner sind, konnte die Volksrepublik in den vergangenen Jahrzehnten aufholen. Laut der chinesischen Regierung betrug das Handelsvolumen mit den CELAC-Staaten im vergangenen Jahr 518,4 Milliarden US-Dollar. Das ist rund 40 Mal mehr als noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Für die Volkswirtschaften von Brasilien, Chile, Uruguay oder Peru ist China schon jetzt wichtigster Handelspartner. Es ist wahrscheinlich, dass das Volumen auch in diesem Jahr ansteigen wird. In seiner Eröffnungsrede bot Xi den CELAC-Vertreterinnen an, „im Angesicht der geopolitischen Turbulenzen“ und des „zunehmenden Gegenwinds aus Unilateralismus und Protektionismus“ noch enger zusammenzuarbeiten. Zugleich verkündete er neue Kreditlinien in Höhe von umgerechnet rund 8,25 Milliarden Euro. Die Volksrepublik wolle außerdem die Importe aus der Region erhöhen und chinesische Unternehmen zu mehr Investitionen ermutigen, so Xi weiter.
Das kommt vor allem bei den als progressiv geltenden Regierungen der Region gut an. So erklärte der kolumbianische Präsident Petro, der derzeit den Vorsitz der CELAC-Staatengemeinschaft innehat, die Menschheit stehe vor dem Dilemma „kooperieren oder untergehen“. Die Welt sei von „Fragmentierung, geopolitischen Spannungen, Kriegen, Umweltzerstörung und Ungleichheit geprägt“. Daher müsse die CELAC mit allen sprechen, „horizontal, nicht vertikal“, und „frei von Autoritarismus und Imperialismus“. Sein chilenischer Amtskollege Boric sagte, es sei „jetzt an der Zeit, einen qualitativen Sprung in den Wirtschaftsbeziehungen mit China zu machen“. Gleichzeitig betonte er: „Wir wollen uns nicht für den einen oder anderen (Handelspartner) entscheiden müssen.“
Ein wichtiges Instrument für die Integration lateinamerikanischer Länder in die Handelsbeziehungen ist für China auch die sogenannte Neue Seidenstraße. Das Megainfrastrukturprojekt, das offiziell „One Belt, One Road Initiative“ heißt, war 2013 von Xi ins Leben gerufen worden. Heute sind mehr als 150 Länder Teil der Initiative, in deren Rahmen China weltweit in Infrastrukturprojekte wie Häfen, Bahnlinien und Flughäfen investiert, 20 allein in Lateinamerika und der Karibik. Ziel ist eine Förderung von Handel und Austausch zwischen den verschiedenen Weltregionen. Kritiker*innen monieren so entstehende Abhängigkeiten und warnen davor, China sei insbesondere an Rohstoffen und weniger an verarbeiteten Produkten interessiert.
Andere sehen das offensichtlich anders: Am Rande des China-CELAC-Treffens unterzeichnete Petro gemeinsam mit seiner Außenministerin Laura Sarabia ein Abkommen, das den Beitritt Kolumbiens zur „Neuen Seidenstraße“ vorsieht. Das Ministerium erklärte im Anschluss auf X, der Schritt sei „historisch“, da er „neue Möglichkeiten für Investitionen, technologische Zusammenarbeit und nachhaltige Entwicklung“ eröffne. Der kolumbianische Präsident erklärte: „Von nun an geht Kolumbien mit der gesamten Welt Beziehungen auf Basis der Gleichheit und Freiheit ein.“


Die US-Regierung zeigt sich über Kolumbiens Kurswechsel nicht erfreut”


Die US-Regierung hingegen zeigte sich nicht erfreut. So bezeichnete ein Sprecher des Außenministeriums in Washington die Entscheidung gegenüber der kolumbianischen Tageszeitung El Tiempo als „enttäuschend und kontraproduktiv“. Weiter hieß es: „Petro läuft mit dieser Maßnahme Gefahr, Kolumbien noch weiter von unseren Partnern in Lateinamerika zu entfernen, die sich aus den Fesseln der Kommunistischen Partei Chinas befreien.“ Bereits zuvor hatte der Sondergesandte für Lateinamerika von Trump, Mauricio Claver Carone gedroht, den Import von Kaffee und Blumen – zwei der wichtigsten Exportprodukte des Landes – einzustellen, falls sich Bogotá der Neuen Seidenstraße anschließen sollte.
Solche Töne sind es, die manche lateinamerikanische Regierung – so der Meinungsbeitrag in Bloomberg Línea – eher von den USA weg als zu ihnen hintreiben. Sie können als Zeichen dafür verstanden werden, dass Trump und Co. eine verschärfte Form der Monroe-Doktrin verfolgen. Vor mehr als 200 Jahren hatte der damalige US-Präsident James Monroe die Parole „Amerika den Amerikanern“ ausgegeben. Der Doppelkontinent sollte alleinige Einflusssphäre der USA sein – ohne die europäischen Kolonialmächte.
Heute richtet sich die Monroe-Doktrin hingegen in erster Linie gegen die Aktivitäten Chinas in Lateinamerika. Dass es die Trump-Regierung ernst meint, hat sie bereits in den ersten Monaten im Amt gezeigt – so mit den Invasionsdrohungen gegen Kanada, der Verhängung hoher Zölle gegen lateinamerikanische Staaten oder dem Eskalationskurs gegen unliebsame Regierungen wie die Kubas oder Venezuelas. Trotzdem ist mindestens fraglich, ob sie mit dem Kurs erfolgreich sein wird.


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Das Sichtbare und Unsichtbare des Todes

Fotoquelle: A natureza das coisas invisíveis

Glória (Laura Brandão) ist es leid. Die meisten ihrer Ferien muss sie im Krankenhaus verbringen, während Antônia (Larissa Mauro), ihre Mutter, lange Schichten als Krankenschwester hat. Sie kennt das Krankenhaus bereits in- und auswendig und ist an die Gesellschaft älterer Menschen gewöhnt, die sich im Zustand der Vorbereitung auf den Tod befinden – ältere Menschen, die ihre Freunde werden, Pseudogroßeltern, die ihr Geschichten erzählen.

In Rafaela Carmelos Film A Natureza das Coisas Invisíveis (Das Wesen der unsichtbaren Dinge) hat die zehnjährige Glória deshalb in ihrer Freizeit wenig Kontakt zu anderen Kindern. Bis sie Sofia  kennenlernt, die mit ihrer Urgroßmutter Francisca im Krankenhaus gelandet ist. Aufgrund von Alzheimer hatte ihre Bisa (kurz für Bisavô, Urgroßmutter) medizinische Komplikationen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Glória hilft Sofia, ihre blutverschmierten Kleider zu wechseln und die beiden Mädchen beginnen, ihre Umgebung zu erkunden und über den Tod, die Toten, den Glauben – oder Aberglauben – und das Leben nach dem Tod zu sprechen.

Nach ein paar Tagen, in denen Francisca relativ stabil ist, gelingt es Sofia, ihre Mutter Simone zu überreden, die Bisa zurück zu ihrem sítio (kleiner Bauernhof) zu bringen, dem Ort, an dem sie wirklich glücklich war. Glória und ihre Mutter kommen mit. In einem Dorf, das stellvertretend für jede Kleinstadt auf dem brasilianischen Land stehen könnte, stärken die Mädchen ihre Freundschaft und auch die Beziehung zu ihren Müttern. Und auf einfühlsame Weise tauschen sie sich über ihre unterschiedlichen Bedeutungen des Todes aus. Nicht nur den buchstäblichen Tod, sondern auch einen symbolischen: einen Neuanfang.

A natureza das coisas invisíveis zeigt alltägliche Porträts Brasiliens, die sich aber auch auf andere soziokulturelle und geografische Kontexte übertragen lassen, so wie Glórias Schule zu Beginn, das Krankenhaus und das Leben auf dem sítio. Davon ausgehend gelingt es dem Film, einen Dialog mit einem universellen Publikum zu führen. Nicht nur, weil er vom Tod handelt, sondern auch, weil er die Entwicklung der Familienbeziehungen und der Freundschaft zwischen zwei Mädchen aufzeichnet.

Selbst in spezifischeren und weniger universellen Szenen, wie denjenigen, in denen Gebete und traditionelle religiöse Zeremonien dargestellt werden, könnte es der Film sschaffen, ein eher distanziertes und sogar atheistisches Publikum emotional für sich zu gewinnen.

Das vielleicht Berührendste an Rafaela Carmonas Werk ist gerade die Einfachheit der beiden Kinder, wenn es um ein so komplexes Thema wie den Tod geht. Und trotz der metaphysischen Ansätze, die der Film vorschlägt – wie die Kommunikation mit denjenigen, die nicht mehr von dieser Welt sind  – ist das, was ihn dem Publikum wirklich näher bringt, das alltägliche Leben: die Routine einer Krankenschwester und Mutter, ein Kind im Urlaub, das Leben auf dem sítio.

Einige stilistische Elemente können als Rahmen für den tangentialen Charakter des Todes gedeutet werden. So wie Übergänge, die sich auf Baumblätter mit dem Himmel im Hintergrund konzentrieren, oder der unscharfe Blick aus einem Fenster, bei dem nicht das Bild in der Szene, sondern die Gespräche im Hintergrund wirklich wichtig sind. Szenen, die eine Loslösung von der irdischen Realität suggerieren.

Der 90-minütige Film erforscht das Tabu des Todes durch das Gesagte und das Ungesagte, das Sichtbare und das Unsichtbare sowie das Spirituelle. Der Tod wird sowohl durch eine alte mystisch-religiöse Weisheit als auch durch die Augen eines zehnjährigen Kindes betrachtet. Ein reiner Blick, aber nicht völlig naiv. Diese beiden Perspektiven laden uns ein, den Tod neu zu definieren. „Er ist nicht das Schlimme, von dem sie sprechen“, sagt die Urgroßmutter einmal. „Er ist nicht das Beste. Aber er ist ein Teil des Lebens.“ Es liegt in unserer Natur, einfach zu sterben. Und zu wissen, wie man mit dem Tod lebt.

A natureza das coisas invisíveis ist bewegend, da er ein schweres Thema aus der Sicht von Kindern behandelt, und es durch seine mitfühlende Betrachtung schafft, denjenigen, die sich darauf einlassen, Tränen in die Augen zu treiben. Der Film läuft auf der Berlinale in der Kinderfilmsektion Generation Kplus und dürfte dort gute Chancen auf eine Auszeichnung haben.


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Über meine Asche reden

Als Rebeca eines Tages unerwartet von ihrer Großtante Peggy angerufen wird, die sie bittet ihre Asche in den Ruinen einer längst verlassenen Salpetersiedlung zu verstreuen, öffnet sich ein Fenster in eine andere Zeit: Zwischen knappen Kapiteln, die immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit springen, entfaltet sich die Geschichte einer Siedlerfamilie im Chile von vor 100 Jahren. Dazu kommen Peggys regelmäßige Briefe an eine verlorene, doch sehr vermisste Kindheitsfreundin.

Durch Rebecas Augen lernen wir ihre Großtante kennen. Peggy, auf deren Besuch sie früher jedes Jahr wartete; Peggy, die so unabhängig und einsam ist; Peggy, die immer wieder zu den gleichen Erinnerungen zurückkehrt. Durch Peggys Briefe wiederum wird ein verschwommenes Bild der Salpeterindustrie der 1920er Jahre in der Pampa der Atacamawüste gezeichnet. Als Tochter eines Verwalters der Oficina Aurora erlebt Peggy eine glänzende, scheinbar glückliche Kindheit, die von Silberbesteck, Pariser Modezeitschriften und Fahrten nach Iquique geprägt ist, aber auch vom Zerfall der Oficina, dem Bankrott der Familie bis zur unvermeidlichen Rückkehr nach England.

Obwohl Identitätsfragen der jungen Siedlergeneration oder Machtdifferenzen zwischen chilenischen Arbeiter*innen und englischen Verwaltern angeschnitten werden, bleibt die Perspektive ganz und gar bei Peggy, die die Oficina bis zum Ende hin romantisiert. Auf kritische Nachfragen von Rebeca reagiert sie mit Trotz und der gleichen Hartnäckigkeit, mit der sie durchs Leben geht.

Trotz detailreich ausgeschmückter Erinnerungen und intimster Gedanken schwebt über der Familie ein großes Schweigen, das mal bewusst, mal unbewusst scheint. So wird die Stille zwischen Rebeca und ihrem Vater zwar mit der Zeit durchbrochen, doch die unsichtbare Wand, die zwischen ihnen steht, wandert mit.

Carolina Brown schreibt, als würde sie ihre eigene Familiengeschichte erzählen, malt die Charaktere in all ihren Fehlern und Eigenartigkeiten, legt ihnen Fragen in den Mund, auf die sie selbst die Antwort nicht zu wissen scheint. Telefonate und vertraute Gespräche zwischen Personen, die meinen, sich zu kennen, tragen die Authentizität einer undurchsichtigen, durchbrochenen Familie.

Während sich die Handlung anfangs langsam, fast unbemerkt aufbaut, abgelenkt von so viel Vergangenheit, geht am Ende alles sehr schnell und kommt doch nur auf den ersten Blick zu einem Punkt. Innere Konflikte bleiben, Fragen werden nicht klarer, sondern scheinen immer mehr zu verschwimmen. Vielleicht wird gerade hier aufgezeigt, wie Erinnerung auch mit dem Vergessen Hand in Hand geht und wie wenig Kontrolle wir doch über die Wahrheiten unseres Lebens haben. Aber so wie Briefe an Personen geschrieben werden, die nicht mehr da sind, müssen auch Erinnerungen die Sehnsüchte nach verlorenen Orten und Zeiten halten.


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Kultur nicht verkaufen, sondern verschenken

Die Biblioteca popular Salvador Allende versorgt die Nachbarschaft mit Büchern (Foto: Francisco Osorio via Flickr (CC BY 2.0))

Im März 1995 stach die Bibliolancha Itinerante (etwa: „wanderndes Biblioboot“) zum ersten Mal in See. Teolinda Higueras von der Insel Chiloé im zentralen Süden Chiles, damals Leiterin der öffentlichen Bibliothek von Quemchi, hatte sich die Reise auf einem Boot der Gemeinde zur Aufgabe gemacht: Sie wollte die abgelegensten Ortschaften der Inselgruppe anfahren und diese mit Büchern versorgen.

Seit der Gründung dieses einzigartigen Projekts sind fast dreißig Jahre vergangen. Noch immer steht es unter der Leitung von Teolinda und ihrer Familie, heute unter Schirmherrschaft eines Kulturvereins, der den Namen der Kunsthandwerkerin Otilia Yáñez trägt. Schon im Jahr 1998 konnte sich das Projekt den Traum eines eigenen Bootes erfüllen: Seitdem fährt die kleine Fähre, in der bis zu 32 Menschen Platz haben, die Inseln Tac, Metahua, San José, Añihue, Mechuque, Voigue, Cheniao, Chauques und Butachauques an und öffnet den abgelegenen Ortschaften die Türen zur Welt der Kultur.

Nach den ständigen Fahrten über die Inseln sei Teolinda in den ersten Jahren bewusst geworden, in welchen Realitäten die Menschen in dieser Gegend lebten: geprägt von der Einsamkeit der Ferne und dem fehlenden Zugang zu Kulturangeboten, die dem Rest des Landes zur Verfügung stehen. Im Laufe der Jahre bietet sie auf dem Boot nicht nur Bücher an, sondern auch Theater, Kino und reist zusammen mit Geschichtenerzähler*innen. „Dort, wo der der Staat nicht hinkommt, sind wir da“, berichtet sie. Die Gemeinschaftsbibliotheken wurden auf Initiative von Nachbar*innen gegründet und von ihnen verwaltet. Sie entstehen an Orten, in denen die Entfaltung kultureller Institutionen nicht ausreichend ankommt und somit als Antwort auf eine bestimmte Notwendigkeit: der Suche nach einem Raum, um sich Büchern und anderen künstlerischen Ausdrucksformen zu nähern. Doch oft werden die Bibliotheken auch zu dem Ort, an dem Menschen ihre gemeinsamen sozialen Kämpfe aufbauen können.

Um zur Villa Andes del Sur im Stadtteil Puente Alto von Santiago zu kommen, braucht man mehr als eine Stunde. An einer Haltestelle an der Kreuzung der Straßen Los Toros und Nuevo Continente wurde sich ein vernachlässigter Ort wieder angeeignet, um dort die heutige Bibliothek der Villa aufzubauen. Es ist ein bunter Ort voller verschiedenster Bücher entstanden.

„Mir wurden viele Bücher gespendet und alles Mögliche überlassen, das ist das Wichtigste. Filme, Poster, VHS-Kassetten, Zeitschriften. Auch beim Verfassungsplebiszit wurden mir die Ablehnungs- und die Zustimmungskampagnen überlassen, dieser Ort dient also kulturell gesehen sehr vielem“, erzählt Diego Riffo, der das Projekt leitet und Vizepräsident des Gemeinderats ist. Er erklärt auch, dass „die Bibliothek entstanden ist, um auf eine Forderung einzugehen, die nicht erst während des estallido (chilenische Revolte ab Oktober 2019, Anm. d. Übers.) aufkam: die Alphabetisierung. Es gab so wenig Kultur, Bücher hatten so wenig Prestige, das Lesen war immer sehr zentralisiert“.

Was Riffo sagt, wird von einer Studie der Stiftung Vivienda von 2019 untermauert, die untersuchte wie viele Familien aus Santiago Zugang zu Verkaufs- und Verleihstellen von Büchern haben. Hierbei stellte man eine beachtenswerte Schere zwischen verschiedenen Stadtteilen fest. Die geringsten Anteile von Familien mit Zugang zu Büchern – jeweils unter zehn, teilweise sogar unter fünf Prozent – wiesen die Stadtteile San Bernardo, Puente Alto, La Pintana, El Bosque, Quilicura, Macul, Renca und Conchalí auf. Diese Kommunen liegen größtenteils am Rande Santiagos, die Fahrtwege betragen teilweise mehrere Stunden.

Ein paar Kilometer weiter, in der Villa Doña Gabriela, findet man die Biblioteca Popular Ramiro, die an Mauricio Hernández Norambuena erinnert, auch bekannt als comandante Ramiro der Frente Patriótico Manuel Rodríguez (linke Guerrillaorganisation der Zeit der Diktatur, Anm. d. Übers.). Auf einem Regal vor dem Haus von Juan Pablo Álvarez in Puente Alto stapeln sich die Bücher in die Höhe: Schulbücher, Fiktion, Literaturklassiker. In diesem Haus befand sich früher eine der öffentlichen Bibliotheken von Santiago, deren Verwaltung dem Gemeinderat überlassen wurde. Juan Pablo sitzt auf der Straße und erinnert an die Anfänge des Projekts, das im Mai 2020 von ihm gegründet wurde und inzwischen bis zu 3.600 Bücher besitzt, die den Nachbar*innen der Siedlung zur freien Verfügung stehen. Das Projekt wurde mit der Vision gestartet, die Bildung aus dem Stadtteil heraus zu organisieren.

„Die Idee für die Bibliothek entstand aus einer Unruhe heraus – und aus dem Aufruf dazu, dass es auch am Stadtrand Bibliotheken geben sollte“, sagt Álvarez, der sich selbst Professor der öffentlichen Bildung von unten nennt. Dabei hat er sich von anderen Bibliotheken der Kommune inspirieren lassen, die Bücher an Bushaltestellen oder vor Häusern platzierten und Workshops sowie Kulturangebote organisierten. All das wurde von den Nachbar*innen gut aufgenommen – vor allem während der Pandemie, als Bücher angesichts der sozialen Isolation zu einem Rückzugsort wurden. „Die Menschen, die am Stadtrand wohnen, brauchen Abwechslung, wenn sie ihr Zuhause zum Schlafen oder zusammen mit anderen benutzen. Ich denke, es braucht neben den Fußballplätzen und den Spielen auf den Plazas auch Orte der Entspannung und zum Lesen. Aber das Lesen fällt am Stadtrand schwer. Das liegt am Scheitern des Bildungssystems, weil in den Schulen nicht gelesen wird. Es gibt eine Krise des Leseverständnisses, der Textbearbeitung und der Textanalyse“, meint der Professor.

Das aktuelle Staatliche System Öffentlicher Bibliotheken (SNBP), das in Partnerschaft mit der Verwaltung für Bibliotheken, Archive und Museen (DIBAM) organisiert ist, deckt 96 Prozent der Fläche Chiles ab. Das heißt, dass es in 332 von 346 Kommunen mindestens eine Ausleihstelle für Bücher gibt. Da stellt sich die Frage: Warum haben sich die Gemeinschaftsbibliotheken von staatlichen Vorgaben und etablierten Strukturen unabhängig gemacht? Ihre Motivation liegt laut den Betreiber*innen darin, horizontale Strukturen in ihren Projekten zu fördern und nicht nur zum Lesen anzuregen, sondern auch Gemeinschafts- und Kulturräume zu schaffen.

Nachbarschaftliche Beziehungen knüpfen

Bibliotheken wie die von Teolinda, Diego und Juan Pablo beweisen eine Organisierung der Nachbarschaften rund um die Projekte. Die Initiativen haben ein Netzwerk der gegenseitigen Zusammenarbeit zwischen Nachbarschaftsgruppen geschaffen, das es ihnen ermöglicht, ihre Kontakte zu erweitern und mehr Teilnehmer*innen anzusprechen. So sind rund um die Demokratisierung des Lesens auch verschiedene Räume des Miteinanders sowie Kulturzentren entstanden.

Dass sich die Initiativen zusammenschließen und vernetzen, wird zur kulturellen und gesellschaftlichen Stärke: Juan Pablo erzählt, dass die Netzwerke zwischen verschiedenen Bibliotheken in Puente Alto schon ermöglichten, die Bibliotheken als Vorratszentren zu nutzen, um Notfälle wie Stürme oder Brände zu bekämpfen. Die Gemeinschaft besteht also nicht nur aus Leser*innen, die in den Büchern Zuflucht suchen, sondern aus aktiven gesellschaftlichen Akteur*innen.

Auch Diego Riffo von der Bibliothek aus Villa Andes Sur berichtet davon, dass durch die Vernetzung zwischen den Nachbar*innen aus Puente Alto eine Einheit entstanden ist, in der Unbekannte zu Bekannten wurden. „Was auch schön ist: Wenn neue Gemeinschaftsbibliotheken entstehen und bekannter werden, sehen die Leiter der anderen Bibliotheken ihre eigene Arbeit fruchten – weil eine nach der anderen entsteht“, freut sich Riffo.

Beide Initiativen in Puente Alto setzen einen Schwerpunkt darauf, das Lesen mit anderen Arten der Kultur zu verbinden. Juan Pablo erzählt davon, wie er Musikbands kennengelernt und dazu eingeladen hat, auf ihren Konzerten einen Bücherstand aufzustellen. „Anstelle die Kultur zu verkaufen, wird sie verschenkt“, sagt er mit Überzeugung.

So entstehen zwischen den Seiten der Bücher menschliche Bindungen. Nataly Nuñez, die die Bibliothek Villa Andes Sur benutzt, erzählt davon, wie sie Nachbar*innen näherkam, die vorher Fremde waren: „An einem Tag las ich gerade, als eine ältere Frau bei der Suche nach einem Buch hinfiel. Ich half ihr, aufzustehen und nun ja – heute gehen wir sogar zusammen zum Yoga. Das ist einer der Gründe dafür, dass wir so dankbar für diesen Ort sind. Er bringt uns dazu, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ In dem Stadtviertel, das weit entfernt vom Zentrum der Hauptstadt liegt, bilden sich Bindungen, die denen einer Familie ähneln. „Ich komme her, um die Bücher zu sortieren und die Frau von gegenüber gibt mir ein Eis, der von der Bäckerei schenkt mir Gebäck. Es ist sehr schön, was hier entsteht“, sagt Riffo, dankbar.

Den Betreiber*innen geht es auch darum, die Nachbarschaftsorganisierung mit Institutionen der Bürger*innenbildung und politischer Debatte in Verbindung zu bringen. In der Gemeinschaftsbibliothek Ramiro gab es während des ersten Verfassungsprozesses drei Bürger*innentreffen, zu denen auch Verfassungsdelegierte wie Alondra Carrillo kamen. Diego hat außerdem organisiert, dass der Bibliothek Exemplare des Vorschlags für den neuen Verfassungstext geliefert wurden.

Auch das Netzwerk der Gemeinschaftsbibliotheken von Gran Valparaíso ist ein Beispiel für die Nachbarschaftsorganisierung, die diese Kulturinitiativen auszeichnet. Das Netzwerk ist 2012 entstanden und erstreckt sich von den Hügeln Valparaísos bis Los Andes.

Eine der Bibliotheken des Netzwerks trägt den Namen von Irma Cid Parra, die als Französischlehrerin in der Mädchenschule von Viña del Mar arbeitete und im Jahr 1973 gefeuert wurde, weil sie der Kommunistischen Partei angehörte. Die Bibliothek wird aktuell von Alejandra Jiménez Cid geleitet, der Tochter von Irma. Jiménez erklärt, bei der Gründung sei es darum gegangen, einen Ort der Erinnerung und der Wiederbegegnung von Familien zu schaffen.

Ghislaine Barría, Bibliothekarin und Ex-Präsidentin des Netzwerks, führt die Zunahme an Bibliotheken auf das große Interesse zurück, neue Orte zum Lesen zu finden. Diese seien manchmal auch weniger konventionell, sondern entstünden beispielsweise durch Besetzungen.

Barría erklärt, dass diese Orte Teil der Geschichte der Hafenregion seien. Sie richteten sich an strategischen Orten ein, um gegen soziale Ungleichheiten wie etwa in der Bildung zu kämpfen. Auch wenn es den Orten primär darum gehe, ein Bewusstsein zu schaffen und neue Generationen zu unterstützen, kämpfen sie auch gegen den Rückgang der Alphabetisierungsrate unter älteren Generationen an, indem Lesekreise und Familien- oder Nachbarschaftstreffen organisiert werden. Die Bibliothekarin erinnert auch an die Bedeutung der Gemeinschaftsbibliotheken: „Wir dürfen nicht vergessen, dass solche Räume aus dem Widerstand heraus entstehen.“

Kulturpolitik von der Basis aus

In Chile gibt es aktuell 681 Bibliotheken, die dem Netzwerk der staatlichen Bibliotheken (SNBP) des Ministeriums für Kultur, Kunst und Kulturerbe angehören. Im Jahr 2022 wurden dort landesweit 1.448.148 Bücher ausgeliehen und 415.223 Bücher digital bereitgestellt. Hierbei ist ein Zuwachs von 61 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Im April 2023 wurde zudem eine nationale Politik des Lesens, des Buches und der Bibliotheken vorgestellt. Dass der Staat in den letzten Jahren versucht, mit seiner Kulturpolitik das Lesen zu fördern, Leseverständnis zu vermitteln und seine Bibliotheken zu professionalisieren, kann also nicht geleugnet werden. Dennoch wenden sich die Gemeinschaftsbibliotheken gegen solche Statistiken und versuchen, ein anderes Problem zu lösen: den schwierigen Zugang in ihren Regionen, sei es der Stadtrand von Santiago, die Hügelkette von Valparaíso oder die verborgenen Winkel der Insel Chiloé, die die Bibliolancha Itinerante besucht.

Laut Andrés Fernández, Soziologe an der Universidad de Chile, habe es hier Fortschritte gegeben: „Diese Politik stellt den Menschen und den kulturellen Ausdruck in den Fokus und entwickelt staatliche Strukturen, um den Menschen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Was der Buchpolitik bisher gefehlt hat, war zum Beispiel ein tatsächliches politisches Interesse daran, das, was auf dem Papier steht, auch in die Praxis umzusetzen“, so der Autor.

Dennoch: In einer Studie von Ipsos und der Stiftung La Fuente über Lesegewohnheiten und -wahrnehmungen in Chile geben 82 Prozent der Chilen*innen an, dass sie gern mehr lesen würden, als sie es aktuell tun. Aber warum? In der gleichen Studie bestätigen 53 Prozent der Befragten, der Zeitmangel sei der Hauptgrund, der sie vom Lesen abhalte. Dies ist insbesondere in den sozioökonomisch schwächeren Kommunen zu beobachten.

Deshalb sind die Gemeinschaftsbibliotheken für ihre Gemeinden so wichtig. „Diese Orte erfüllen die grundlegende Funktion, Identitäten zu stärken. Als kulturelle Treffpunkte versuchen sie, Orte anzuerkennen, die historisch gesehen in den Vierteln eine sehr wichtige Rolle spielten. Diese wurden aber nicht staatlich finanziert, weil sie das Spiel nicht mitspielen wollten“, erklärt Tomás Peters, Soziologe an der Universidad de Chile.

Auch der Soziologe Andrés Fernández erklärt, dass Bildung auf unterschiedliche Weise prekarisiert worden sei. Lehrbücher würden überarbeitet, ohne den Lernprozess der Menschen zu beachten, es würden keine Anreize geschaffen, Bücher zu lesen. Fernández hebt das SNBP hervor, kritisiert allerdings die Art und Weise, in der Geldvergabe über Wettbewerbe, nicht nachhaltig und langfristig konzipiert sei. „Der springende Punkt liegt beim Fokus auf das Bildungssystem: Wie bringen wir das Lesen bei und schaffen Lesegewohnheiten?”

Die Bibliolancha, die seit 29 Jahren über das Meer vor Chiloé schippert, ist wegen ihrer Langlebigkeit zu einer Ikone der Leseförderung geworden. Die kulturelle Demokratisierung, an den entlegensten Orten, ist mit der Zeit vorangeschritten. Heute bleibt Teolinda Higueras mit der Bibliolancha jeweils eine Woche an der Küste der Inseln, damit Kinder, Erwachsene und Nachbar*innen nicht nur an den Büchern, sondern auch an Workshops und anderen Aktivitäten Spaß haben können.

Mit den Erfahrungen und Meinungen der verschiedenen Organisationen und Expert*innen lässt sich die These des Soziologen Peters bestätigen: Diese Kulturzentren sind Orte des Zusammentreffens und strategisch wichtig für die kulturelle Demokratisierung des Landes.


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“Estábamos convencidos de nosotros”

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“¿Dónde está?” Apoyar a los familiares de los detenidos-desaparecidos fue una parte importante del trabajo de la Vicaría (Foto: Centro de Documentación y Archivo Vicaría de la Solidaridad)

Después del violento golpe contra el gobierno socialista de Salvador Allende el 11 de septiembre de 1973, la junta militar bajo el general Augusto Pinochet declaró que pretendía devolver a Chile a la vía de la democracia. En realidad, las fuerzas de seguridad secuestraron y torturaron a más de 40.000 supuestos miembros de la oposición entre 1973 y 1990, según el conteo de las Comisiones de Verdad. Mientras la mayoría de los chilenos volvía a su vida cotidiana después del golpe, un círculo de izquierdistas laicos y clericales tomó en sus manos el apoyo a los perseguidos políticos.

“Como abogados, trabajábamos en los tribunales con otro nombre y a cara descubierta”, recuerda Álvaro Varela, funcionario del COPACHI, fundado en octubre de 1973. “Lo que nos hacía sentirnos tranquilos – entre comillas – era que representábamos a la Iglesia y teníamos ese respaldo internacional tan grande “. 

Bajo la protección del cardenal Raúl Silva Henríquez, Varela y casi 150 colegas apoyaron a las personas que hayan sido despedidas de su trabajo o detenidas después del golpe. Sólo en el transcurso de los meses, los empleados empezaron a comprender su trabajo sucesivamente como un trabajo para defender los derechos humanos universales. 

Pero no fue sólo en Chile donde la resistencia a la represión anticomunista comenzó a agitarse. En todo el mundo se formaron grupos de solidaridad con Chile que organizaron rutas de escape para los exiliados y siguieron de cerca la situación en Chile. Lateinamerika Nachrichten (LN) también siguió cada paso dado por la junta contra la clase obrera chilena. La revista llamó “lección chilena” al impacto del caso del país sudamericano en la izquierda antimperialista alemana. Este fue tan intenso que profesores y alumnos debatieron la situación en clases y los sindicatos publicaron textos periodísticos al respecto. En tanto, activistas de la solidaridad y trabajadores del COPACHI estrecharon vínculos. Los unía el sentimiento por ayudar de emergencia en el caos político y social que dejó el violento golpe.

Trabajo de los derechos humanos bajo la protección clerical

Al cabo de pocas semanas, las oficinas del COPACHI en la calle Santa Mónica en Santiago fueron abarrotadas. Los informes sobre los métodos de tortura de las fuerzas de seguridad eran especialmente difíciles de creer “para terceros”, afirma la trabajadora social María Luisa Sepúlveda: “Pero nosotros ya sabíamos que era verdad”. La entonces joven de 26 años trabajó inicialmente en la atención primaria de víctimas y familiares que dieron sus testimonios. Fueron esos testimonios los que se archivaron como expedientes del caso y que el COPACHI empezó a sistematizar con el tiempo. Igualmente, Varela recuerda la sensación abrumadora que sintió cuando revisó esos expedientes: “Era muy difícil imaginarse a seres humanos actuando de esa forma contra otros seres humanos. Ahí me di cuenta, obviamente, que lo que yo sabía era la nada al lado de lo que realmente estaba pasando “.

En los primeros meses, los informes sobre torturas y detenciones ilegales llegaron a Alemania principalmente de rumores. Al mismo tiempo aterradoras cifras, que carecían de veracidad, circularon en el movimiento de solidaridad en el extranjero. En febrero de 1974, Hortensia Bussi, esposa del asesinado presidente chileno Salvador Allende, declaró ante la Comisión de Derechos Humanos de las Naciones Unidas que habían sido asesinados entre 15.000 y 80.000 opositores políticos. Esta estimación tan exagerada dio justo alas a la delegación del gobierno chileno, que ahora pudo afirmar que las denuncias formaron parte de una campaña internacional de difamación en manos marxistas.

“Los familiares nos alejaban del desamparo”

“El cardenal nos dijo que la Iglesia no se equivoca porque es infalible”, recuerda el abogado penal Héctor Contreras. “Entonces no nos podemos equivocar. ¿Por qué? Porque con un caso falso van a decir todo esto es mentira”. Contreras se convirtió en un experto en la de represión estatal gracias a su trabajo en la Vicaría de la Solidaridad, la organización sucesora del COPACHI. Al buscar a los detenidos desaparecidos y desenterrar cadáveres acabó realizando tareas que hubieran sido realmente deberes estatales. Para él era imposible detener la búsqueda, a pesar de la complicidad entre la policía, los tribunales y el Servicio Médico Legal. “Si se decía que el caso judicial se archivó, los familiares te preguntaban: ‘¿Y qué vas a hacer ahora?’ ¿Y quieres tu decir: ‘Nada’?”, explica Contreras su determinación de seguir con la búsqueda. 

“Siempre estábamos tratando de hacer cosas “, recuerda Sepúlveda. “Se hacían denuncias ante Naciones Unidas, los acompañábamos a los familiares a los tribunales, se hacían querellas… En otras palabras: los familiares nos alejaban del desamparo. “

En abril de 1974, seis meses después del golpe, los trabajadores del COPACHI se decidieron a publicar una parte de las informaciones que habían recolectado en secreto. Denunciar la tortura en el país no fue posible debido a la prensa centralizada y, además, resultaba muy peligroso. “En ese momento nuestro único instrumento era informar a la opinión pública internacional y que informando los de afuera, rebotara la noticia acá.”, explica Varela la decisión de remitir una documentación de casos al diario mexicano Excélsior.

El informe, que documentaba cientos de casos de tortura por agentes estatales, fue acogido con gran interés por el movimiento internacional de solidaridad. En septiembre de 1974, Chile-Nachrichten escribió también sobre el uso masivo de descargas eléctricas y mutilaciones testimoniadas en el informe y documentaciones sobre mujeres que quedaron embarazadas durante la encarcelación. Incluso se informó sobre “el caso de un joven de 16 años que estuvo encerrado durante 15 días en una caja con un agujero por el que se pasaba la comida”. 

Estas imágenes perturbadoras – documentadas por el COPACHI y compartidas por el movimiento de derechos humanos y redes de solidaridad – se difundieron hasta la última aula alemana y con ello el conocimiento sobre las formas de violencia de los aparatos de seguridad chilenos. La opinión pública internacional durante la década de 1970 se hizo cada vez más crítica y llevó al Estado chileno a la condición de un paria. Anteriores aliados de la junta, como el gobierno de los Estados Unidos, debieron suspender temporalmente la ayuda económica al país.

Ahora bien, después de que la información se publicara en el extranjero, se aumentó la presión sobre los empleados del COPACHI. La prensa cercana al régimen acusó al cardenal Silva que apoyaba una estructura apropiada por marxistas y sembró la desconfianza entre las iglesias que aportaron al COPACHI. 

“Creo que las iglesias nos agradecían que atendiéramos a la gente”, dice Sepúlveda. “Pero a la vez sospechaban que nosotros estábamos tan al favor del gobierno anterior.” Poco a poco las iglesias dejaron de apoyar al COPACHI. Finalmente, el cardenal cedió a las presiones de Pinochet y cerró la organización ecuménica a finales de 1975, solo para reabrirla unos días después, bajo la única protección de la Iglesia católica con el nombre Vicaría de la Solidaridad.

En adelante, los trabajadores del COPACHI cuidaron cierta distancia pública con el movimiento internacional de solidaridad y derechos humanos. “No habría sido bueno hacerlo con la OEA (Organización de los Estados Americanos, nota del editor) y Naciones Unidas encima”, recuerda Sepúlveda una discusión interna en 1978. En ese momento, la Vicaría de la Solidaridad tuvo a altos representantes de comisiones internacionales de derechos humanos de visita y era justo en ese momento en que se descubrieron los restos quemados de un grupo de detenidos desaparecidos en un horno en la comuna de la Isla del Maipo. Los trabajadores del COPACHI se decidieron de ocultar el descubrimiento hasta que sus huéspedes internacionales se hayan ido del país. “Se habría pensado que era una cosa programada para hacer escándalo.”, dice Sepúlveda: “Y estábamos convencidos de nosotros mismos.”

El tiempo no todo lo cura

En la actualidad, Chile tiene una de las tasas más altas de condenados por violaciones de derechos humanos en el mundo. Sin embargo, los familiares de los detenidos desaparecidos siguen buscando a sus seres queridos. “Las cosas avanzan poco porque estaba una política de hecho de los militares y de las Fuerzas Armadas que sigue hasta hoy día: de no reconocer que esto ocurrió”, afirma Héctor Contreras. María Luisa Sepúlveda está convencida de que la centralización de toda la información es la tarea estatal más urgente para la búsqueda. “En este momento, cada institución tiene su propia información: el programa Derechos Humanos, la del [Servicio, nota del editor] Médico Legal, los tribunales militares”, dice Sepúlveda. “No les daría a los familiares la tarea de la búsqueda porque no les corresponde.”

Contreras critica el estancamiento de la búsqueda de verdad y justicia: “Muchos que estuvieron acompañándonos antes, ya no están porque la situación no es tan dramática. Pero uno nunca sabe si es, o no es dramático.” Y agrega: “Se asumía también que después de la guerra mundial no habrá otra guerra que tuviera enfrentada a las potencias y aparece Ucrania. Yo creo que deberían recapacitar un poco: Las cosas que parecen cerrarse con el tiempo no se cierran.”


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Im Weltall verklingen die Schreie

Als der Geheimdienstagent Andrés Valenzuela Morales im Jahr 1984 die Redaktionsräume der Zeitschrift Cauce betritt, um auszusagen, ist die Erzählerin von Nona Fernández’ Roman Twilight Zone noch ein Kind. An das Gesicht des Agenten auf der Titelseite erinnert sie sich aber genau. Denn „jeder konnte der Mann sein, der gefoltert hatte. Auch unser Lehrer an der Oberschule.“

Die Erzählerin hat den Agenten niemals persönlich kennengelernt, aber er begegnet ihr immer wieder. Zuletzt, als sie für einen Film über die Vicaría de la Solidaridad, eine katholische Organisation, die Opfern der Diktatur half, recherchiert. Er wird als „Mann, der gefoltert hat“ zum Ausgangspunkt, die Geschichte der Diktatur zu erzählen und zu erfassen, wie die (mangelnde) Erinnerung daran die chilenische Gesellschaft weiterhin durchdringt.

Dazu lässt Fernández ihre Erzählerin die Geschichte weiterspinnen – ein großer Teil der Handlung findet in ihrer Vorstellungswelt statt. Besonders diese Teile bieten eine tiefe, spannende, zugleich schreckliche Annäherung an die Unaussprechlichkeit der Folter und des gewaltsamen Verschwindenlassens.

Um sich dem Unerklärlichen zu nähern, es gleichzeitig anschaulicher und erträglicher zu machen bedient sich die Erzählerin Anleihen aus ihrer Lieblingsserie Twilight Zone. Wie der in einer Folge der Serie auf einem fernen Planeten des Weltalls gestrandete Astronaut sind die Protagonist*innen ihrer Geschichte verloren in der Todesmaschinerie der Militärdiktatur. Sie zeigt die komplexen Widersprüche der Personen auf, die sich nur schwer an die grausame Arbeit der Folter gewöhnen und derer, die ihre Genoss*innen verraten. Umso liebevoller ist auf der anderen Seite die Darstellung der Erzählerin, wenn es um die Verschwundenen geht, von denen oft nur Urlaubsfotos geblieben sind. Ihnen gibt Fernández eine Stimme, die weit über die Rolle als Opfer hinausgeht. Sie stellt sich vor, was für Menschen die Verschwundenen im ausgelassenen Moment der Aufnahme der Fotos waren, aber auch im Moment ihres Todes.

Ergänzt wird diese imaginäre Handlung von autofiktional anmutenden Szenen, die aus der persönlichen Perspektive der Autorin selbst erzählt scheinen. Diese handeln von den Unzulänglichkeiten institutionalisierter Erinnerungskultur und Rückblicken auf die vermeintlich normale eigene Kindheit vor dem Ausnahmezustand der Militärdiktatur.

Dabei stellt sie auch immer wieder den Bezug zur Gegenwart her. Etwa, indem sie die Angst der Erzählerin um ihre Kinder mit Geschichten Verschwundener verknüpft, die vor den Augen ihrer Familie entführt worden sind. Dies macht das Ganze auf schmerzhafte Weise aktuell. Es wird deutlich, dass das Vergangene wieder geschehen kann.

Fernández nimmt die Leser*innen mit auf ihre Reise durch Vorstellung, Manipulation, Täuschung und Wahrnehmung und wendet sich manchmal direkt an sie, was die Lektüre mitreißend und fesselnd macht. Der großartig von Friederike von Criegern übersetzte Roman wurde mit dem Premio Sor Juana Inés de la Cruz ausgezeichnet. Ein schmerzhaftes, liebevolles und wichtiges Buch.


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Erwachen in Chile

© Felipe Morgado MAFI

„Chile ist aufgewacht“ schreien Aktivist*innen nachdem Chile sich für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung gestimmt hat. Sie schwenken Flaggen: die chilenische, die der Mapuche und die Wiphala-Flagge. Die Mehrheit der chilenischen Bevölkerung hat sich gerade entschieden, eine historische Veränderung auf den Weg zu bringen. Doch dass eine neue Verfassung kein punktuelles Event ist, wird klar, wenn man sich die Dokumentation Oasis von Tamara Uribe und Felipe Morgado ansieht. Die angebliche „Oase“ Lateinamerikas, wie Chile wegen seiner lange Zeit relativ stabilen wirtschaftlichen Lage genannt wurde, wurde deswegen jahrelang von heftigen Protesten und Diskussionen erschüttert.

Der Film beginnt mit den Protesten gegen die Fahrpreiserhöhung für U-Bahn-Tickets in der Hauptstadt Santiago. Durch die rasant steigenden Preise angeheizt, schwappen sie von dort bis auf die Straßen Chiles. Die Reaktion des Präsidenten Piñera ist harsch: Erstmals seit der Diktatur Pinochets lässt er das Militär wieder patrouillieren. Es kommt zu vielen Toten und Verletzten. Doch durch die wochenlangen Proteste ist das Undenkbare plötzlich möglich: Ein Referendum für oder gegen eine neuen Verfassung findet statt. Und Chile stimmt dafür.

Oasis folgt diesen Prozessen kommentarlos, lässt Bilder und Akteur*innen für sich selbst sprechen. Auch im bittersten Moment für die Demonstrant*innen: Als die neue Verfassung endlich ausgearbeitet ist, stimmt Chile nochmals ab, über das Inkrafttreten der neuen Gesetzgebung. Die Diskussionen schlagen erneut hoch, Angst und Ungewissheit sind genauso wie Freude und Hoffnung groß. Schließlich wird die neue Verfassung von einer knappen Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Ihre Einführung ist damit vorerst verhindert.

Tamara Uribe und Felipe Morgado nehmen die Zuschauer*innen in Oasis mit mit auf eine Reise über den Zeitraum von drei Jahren, von den Protesten in Santiago 2019 bis zum Scheitern der neuen Verfassung 2022. Sie dokumentieren die Bewegungen in den Metropolen und aus der Peripherie, berichten von feministischen und indigenen bis hin zu konservativen und militanten Kämpfen. Eine Reise, die aus Momentaufnahmen entsteht, so nah, so ungefiltert, so harsch und doch so weich. Die Personen werden porträtiert ohne sie zu protagonisieren. Und gerade wenn man denkt, einen festen Gedanken gefasst zu haben, kommt schon der nächste Moment, die nächste Aufnahme, die sprachlos macht. Manchmal sind es Landschaftsaufnahmen, an anderen Stellen ist es Gewalt. Es gibt keine*n Sprecher*in zur Einordnung, doch trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – erzählen die für sich stehenden Bilder überzeugend ihre eigene Geschichte.

So zeichnet Oasis ein eindrückliches Bild von den Gesichtern des Aktivismus, den Emotionen des Protests, der Gespaltenheit und Verbundenheit innerhalb eines Landes. Und davon, wie ungewiss die Zukunft, die wir zu gestalten versuchen, ist – in Chile und überall.

LN-Bewertung: 5/5 Lamas


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