
Schade, dass das Festival so wieder einmal unverschuldet mit den falschen Dingen Schlagzeilen machte. Stattdessen hätten vielmehr die viele großartigen Filme im Mittelpunkt stehen sollen. Denn Tricia Tuttle ist es gelungen, der Berlinale ein Gesicht zurückzugeben: Weg von mittelmäßigen Produktionen aus Hollywood und Frankreich, die mit großen Namen qualitative Schwächen nicht überdecken konnten. Und hin zu einem jungen, mutigen und oft auch politischen Kino, das in allen Ecken der Welt Talent hervorzubringen scheint. Damit ist das Festival nach einigen programmatisch eher beliebigen Jahren wieder auf dem richtigen Weg.
Das Cine Latino fügt sich sehr gut in diese neue Ausrichtung ein. Nicht zum ersten Mal konnten die lateinamerikanischen Regisseur*innen der Kinder- und Jugendfilme das Publikum und die Jurys begeistern. Chicas Tristes (Traurige Mädchen) aus Mexiko war der große Gewinner in der Jugendsektion Generation 14plus. In der Geschichte von Regisseurin Fernanda Tovar, die dem Filmkollektiv Colectivo Colmena angehört, müssen zwei Teenagerinnen mit einem Missbrauchsvorfall umgehen, der ihre Freundschaft auf die Probe stellt. Der Film gewann sowohl den Gläsernen Bären der Jugendjury als auch den ersten Preis der Fachjury.
In der Kinderfilmsektion Generation Kplus gelang Gugu’s Welt aus Brasilien das gleiche Kunststück. Auch die Geschichte um einen 9-jährigen Jungen, der es gleichermaßen liebt, sich zu schminken wie Fußball zu spielen und sich um seine demente Großmutter kümmern muss, räumte die beiden Hauptpreise der Sektion ab. Dazu erhielten der sehenswerte peruanische Kurzfilm Allá en el cielo (Dort im Himmel) über minderjährige Drogenkuriere und die trashige chilenische Punk-Groteske Matapanki lobende Erwähnungen. Schließlich war mit Papaya ein so sehenswerter wie ungewöhnlicher Zeichentrickfilm aus Brasilien am Start: Die Heldin ist ein kleiner Papayakern, der sich in einer regenbogenfarbenen Umgebung mit dem Agrobusiness anlegt.

Ein wenig unter Wert geschlagen wurde dagegen der einzige lateinamerikanische Wettbewerbsbeitrag Moscas (Fliegen, siehe Rezension auf Seite 52). Fernando Eimbckes anrührende Geschichte um eine verbitterte Vermieterin, der ein kleiner Junge wieder die Lebensfreude zurückbringt, ging bei der Preisvergabe leer aus. Zumindest der großartige Kinderdarsteller Bastián Escobar hätte einen Preis verdient. Stark auch der queere paraguayische Rock’n’Roll-Film Narciso (siehe Rezension auf Seite 53), der mit dem FIPRESCI Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet wurde, und der chilenische Noir-Thriller Hangar Rojo, der einen Luftwaffen-Ausbilder während des Pinochet-Putsches begleitet. Im Bereich Dokumentarfilm gab es unter anderem sehenswerte Beiträge aus Paraguay, wo in Im Umkreis des Paradieses eine ländliche Gemeinde von rechten Verschwörungstheoretiker*innen aus dem Ausland bevölkert wird und aus Mexiko, wo Jaripeo schwule Cowboys beim Rodeo begleitet.
Schließlich sorgte auch noch der queere Vampir-Kurzfilm La hora de irse (Zeit zu gehen) aus Argentinien mit tiefschwarzem Humor für erfrischende Abwechslung auf dem Festival. Doch auch beim Rest der insgesamt 31 lateinamerikanischen Berlinale-Filme des Jahrgangs 2026 fanden sich weit mehr starke als schwache Momente. Das Niveau nicht ganz halten konnten nur der dominikanische Teenie-Horror No Salgas (Komm nicht raus) und eine verkitschte Amazon-Serienproduktion des Isabel-Allende-Bestsellers Das Geisterhaus.
Das LN-Berlinale-Team hatte jedenfalls viel Freude an den lateinamerikanischen Berlinale-Filmen. Nachzulesen ist das in den Rezensionen dazu, die ab jetzt auf der LN-Homepage zu finden sind (www.ln-berlin/kultur/film/berlinale).














