Eine müde Bevölkerung mit dem Wunsch nach Veränderung

Warten auf Veränderung Straßenszene aus Kuba (Foto: Estefanía Henríquez)

Nach einem Moment der Dunkelheit begrüßen die Besucher*innen eines Restaurants mit einem freudigen Schrei und Klatschen den Strom, als dieser nach einem weiteren Stromausfall in Kuba wieder läuft. Es ist der 17. März 2026 im Stadtteil Vedado, einer eigentlich privilegierten Zone von La Habana, die selten von Stromausfällen betroffen ist, da sich dort viele Hotels befinden. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass keine Woche später ein erneuter Blackout die Stromversorgung lahmlegen wird. Einer von vielen, seit dem ersten landesweiten Ausfall im Oktober 2024. Seit mehreren Jahren sind die Auswirkungen durch die erneute Einstufung Kubas als „staatlichen Unterstützer des Terrorismus“ durch die erste Trump-Administration im Jahr 2021 und der dadurch wieder verschärften Sanktionen nicht mehr zu ignorieren: Regelmäßige landesweite Stromausfälle, erhöhte Lebensmittelpreise, Versorgungseinschränkungen sowie der deutlich reduzierte Tourismus erschweren das Leben der Menschen.

Ende Januar eskalierte die Sanktionspolitik der USA. Der US-Präsident verbot den Verkauf von Öl an die Insel und drohte mit Strafzöllen gegen Länder, die sich dem widersetzen. Nur ein Öltanker aus Russland konnte seitdem die Insel erreichen. „Aufgrund des Mangels kann ich nur noch Notfälle behandeln“ erzählt der junge palästinensische Assistenzarzt Murid Abukhater. „Ich muss notwendige Operationen aufgrund von Mangel an Strom, Materialien und Medikamenten aussetzen“. Ursprünglich kam er vor neun Jahren aus Gaza nach Kuba, um Medizin zu studieren. Der Mangel schränkt das gesamte Leben ein.

Viele Kubaner*innen sind sich einig: Seit der Corona-Pandemie im Jahr 2020 hat sich die wirtschaftliche Situation laufend verschlechtert. Besonders betroffen sind die ländlichen Gebiete, die bereits vor der US-Erdölblockade dieses Jahres nur bis zu drei Stunden Strom am Tag zur Verfügung hatten. Dass es nun auch in La Habana sowie in den privilegierteren Zonen der Stadt immer häufiger zu Stromausfällen kommt, zeigt eine neue Qualität der Versorgungskrise. Obwohl es an Öl fehlt, bleibt die Gesellschaft in Bewegung: Auf den Straßen fahren elektrische Transportfahrzeuge wie kleine Autos und Motorräder. Trotz langer Warteschlangen und hohen Benzinkosten sieht man zunehmend mehr aus dem Ausland importierte Pick-Ups. Menschen mit entsprechenden finanziellen Mitteln, häufig durch Unterstützung von Familienangehörigen im Ausland, können sich derweil immer stärker vom staatlichen Stromnetz abkoppeln.

In der Versorgungskrise wachsen Wünsche nach Veränderungen

In der Viazul, einer teuren Busverbindung von Santiago de Cuba bis nach La Habana, sitze ich neben einer Holguinera (Bewohnerin der Stadt Holguín im Osten Kubas), die vor 20 Jahren nach Italien ausgewandert ist. „Ich bin mit mehreren Tausend Euro hergekommen, um Solarpanels mitsamt Akkuspeicher im Haus meiner Mutter zu installieren“, sagt sie und zeigt das Ergebnis auf ihrem Handy.
Das Haus ist groß. Sie zeigt mir Fotos vom Badezimmer mit einem bunten Badevorhang, den sie aus Italien mitgebracht hat. Die Solarpanels wurden auf ihrem Dach befestigt. „Sollte es wieder zu länger andauernden Stromausfällen kommen, können meine Nachbarn unsere Küche benutzen“ erzählte sie, während sie mir Bilder einer großen Küche zeigt. Sie macht einen zerrissenen und traurigen Eindruck. „Ich würde lieber auf Kuba leben, mit meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Neffen. Aber ich habe meinen Mann in Italien und er ist krank.“ Sie wirkt auf mich wie eine sehr starke Frau und stolze Tante und lädt mich bereits zu Beginn unseres Gesprächs zu sich nach Italien ein.

Kubaner*innen mussten lernen, Strategien im Umgang mit den ihnen immer wieder auferlegten Herausforderungen zu entwickeln, die vor allem die alltägliche Lebensbewältigung treffen. In diesem Zusammenhang wird oft von der „kubanischen Resilienz“ gesprochen, die als naturgegebene Eigenschaft dargestellt wird. Doch was romantisch klingt, birgt die Gefahr der Normalisierung von prekären Lebensbedingungen, unter denen Kubaner*innen auf der ständigen Suche nach Lösungen zur Sicherstellung ihres Überlebens sind. Die Ungewissheit und die Angst über die Zukunft Kubas ist spürbar. Die Menschen sind müde: Sie wollen und brauchen Veränderung – doch wie diese Veränderung aussehen soll, unterscheidet sich in ihren Ansichten.

Im Gegensatz zum kubanischen Musiker Silvio Rodríguez, der jüngst eine Waffe forderte, um die Revolution zu verteidigen, glaubt die Tante einer Freundin an Dialog mit der US-Regierung. „Irgendwas muss sich ändern“, sagt sie. „Ich wünsche mir Dialog mit der US-Regierung und dass es zu einer Vereinbarung kommt.“ Ihre Prognose für Kuba lautet: „Ich glaube, dass sich Kuba für den nordamerikanischen Markt öffnen wird.“ Ich höre darin die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen.
Unzufriedenheit und Misstrauen gegenüber der kubanischen Regierung und Kuba als sozialistisches Projekt scheinen vor allem von den jüngeren Generationen auszugehen. Am ersten Tag des nationalen Stromausfalls lasse ich mir Fake-Wimpern in einem Beauty-Salon in Holguín anbringen. Der Ventilator surrt und Licht scheint auf mein Gesicht. Auch dieser Beauty-Salon funktioniert mit einer alternativen Stromversorgung. Die Wimpern-Stylistin trägt ein Salon-Outfit, geglättete Haare und hat selbst auch Fake-Wimpern – für die ich ihr ein Kompliment gebe. „Ich stehe nicht hinter der aktuellen Regierung“ berichtet sie mir.

„Aber ich liebe marxistische Theorie“ ergänzt sie und empfiehlt mir einen Influencer. Als ich ihr von meiner politischen Arbeit in Deutschland berichte, bezeichnet sie mich als „camarada roja“ (rote Genossin) und lacht dabei. Fehlende Unterstützung für die aktuelle Regierung bedeutet nicht gleich eine Ablehnung des politischen Projekts in Kuba oder Zuwendung zu den USA.
In den Augen der kubanischen Regierung gibt es diejenigen, die hinter ihr und der Revolution stehen. Staatskritische Stimmen wurden bereits in der Vergangenheit mit Repressionen beantwortet. Wie im Fall der zwei Influencer des Youtube-Kanales El 4tico, die zu einer Haftstrafe verurteilt wurden, da ihre Inhalte als konterrevolutionär gedeutet wurden. Dabei ist das tatsächliche Gesellschaftsbild deutlich komplexer.

Kubas Alltag Trotz der US-Blockade bleibt das Leben in Bewegung (Foto: Estefanía Henríquez)

Kubas Zukunft jenseits innerer Spannungen

Die Uneinigkeit in der kubanischen Bevölkerung über die Zukunft Kubas lässt sich nur verstehen, wenn man innere und äußere Faktoren zusammen denkt: Die US-Sanktionen zielen darauf ab, die kubanische Wirtschaft zu destabilisieren, einen politischen Wandel zu erzwingen und antikommunistische Narrative zu stärken. Gleich­zeitig steht die kubanische Regierung in der Verantwortung eigene Fehler und Versäumnisse transparent zu kommunizieren und aufzuarbeiten. Schafft es die Revolution sich gegenEinflussnahme von außen zu wehren und auch das Vertrauen der jüngeren Generationen in den revolutionären Prozess zu gewinnen?


Trotz innerer Widersprüche eint Kubaner*innen der Wunsch nach Veränderung. Wie auch immer diese Veränderung gestaltet wird – die kubanische Souveränität darf dabei nicht angezweifelt werden. Kein Militärangriff der USA wie in Venezuela soll über die Zukunft des Landes entscheiden, sondern die Bevölkerung selbst. Fünf Minuten entfernt von der Bar im Vedado, in der zwischenzeitlich wieder der Strom fließt, befindet sich der sonst viel befahrene Malecón. Die Straßen sind leer, es regnet und windet und mehrere Meter hohe Wellen klatschen mit voller Wucht gegen die Mauern des Malecóns und fließen bis in angrenzende Viertel von La Habana. Das Salzwasser frisst langsam an den alten, heruntergekommen Häusern der Altstadt, die teilweise leer stehen. Doch bislang hält der Malecón weiter stand und fängt den Großteil der Wellen ab – wie die kubanische Bevölkerung.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

“Una alianza en solidaridad con los pueblos”

Tuk Wünsch (Foto: Mora Dreszman)

Actualmente, dado el bloqueo estadounidense, existen problemas sustanciales para mantener el suministro eléctrico de Cuba, comprometiendo el aprovisionamiento de sectores básicos como los centros de salud. ¿En qué consiste la campaña que están realizando desde Alemania para aportar en esta situación de crisis humanitaria?
La campaña “Licht und Energie für Kubas Krankenhäuser” busca reunir dinero para equipar con paneles solares los hospitales de Cuba, de modo que sean independientes de la corriente que viene del petróleo. Esto es muy relevante, porque cuando se corta la luz el equipamiento básico de funcionamiento de un hospital como las máquinas de respiración artificial, los quirófanos o las incubadoras, dejan de funcionar. Entonces, realmente es una ayuda muy directa para salvar vidas, pero además es un apoyo estratégico a la independencia de Cuba, a ser menos extorsionable.
Hasta hoy, la campaña en Alemania ha reunido cerca de 15 000 euros. Esto se conecta con una iniciativa de The People’s Forum, que es un actor de EE.UU. que bajo el proyecto “Let Cuba Live”, coordina con el Centro Memorial Martin Luther King en Cuba para diseñar la logística que permite comprar e instalar los paneles solares. Sumado a ello, hace poco hubo un llamado por la Internacional Progresista para hacer una convoy a Cuba. En este contexto, el Bloque Latinoamericano de Berlín también decidió enviar a dos personas que llevaron las donaciones materiales de medicamentos y artículos de higiene al país.

¿Cómo se proyecta esta campaña en el tiempo?
Esta campaña va a tomar un curso propio, pero se espera que se conecte con la iniciativa “Hände Weg von Lateinamerika” que se constituye como un movimiento antimperialista mayor.

¿En qué consiste “Hände Weg von Lateinamerika”?
Es una alianza reciente creada para la solidaridad con todo el territorio de América Latina, desde una perspectiva antimperialista, en la que participan múltiples organizaciones e individualidades autoconvocadas desde Berlín.
Actualmente la estrategia de seguridad nacional de EE.UU. deja bastante claro que quieren el dominio sin competencias sobre lo que llaman el “hemisferio occidental” refiriendose a América Latina, como una especie de actualización de la Doctrina Monroe. Desde el Bloque Latinoamericano tenemos la perspectiva de que eso tiene mucho que ver con el descenso del imperio estadounidense a nivel mundial, que ya no es capaz de mantener el control mediante la competencia libre, en términos de producción y venta de sus mercancías, como lo hace China, por ejemplo.
Por ende, hoy en día parte de la estrategia estadounidense consiste en imponer sus crueldades a un ritmo acelerado, como ha pasado con Venezuela y Cuba, pero también con Irán. Lo anterior, genera la complejidad de que los problemas se superponen y las personas afectadas pueden empezar a competir por la atención internacional. Para no caer en esa trampa, tenemos que crear una especie de paraguas que permita hacer visible que todos esos ataques en realidad son un solo ataque, por lo que hay que generar movilizaciones grandes y articuladas, creando un gran movimiento contra el imperialismo.

Solidaridad por el convoy a Cuba y otras manifestaciones alrededor del mundo (Foto: Belén Ramírez)

Este año hay elecciones presidenciales en varios países latinoamericanos. ¿Cómo se posicionan ante estos próximos eventos?
Claro, este año ya hubo elecciones en Costa Rica, pero va a haber elecciones también en Perú el 12 de abril, en Colombia el 31 de mayo, en Haití a finales de agosto y el 4 de octubre en Brasil. EE.UU. va a intentar manipular e influenciar todas esas elecciones, por lo que es imprescindible unir esfuerzos y estar articulados. La historia nos ha demostrado que nada justifica el intervencionismo en América Latina y que debemos unir fuerzas.
Sumado a ello, quiero recalcar que en la alianza hablamos de “territorios en resistencia” porque no somos en primera instancia una alianza en solidaridad con Estados naciones. Somos una alianza en solidaridad con los pueblos, movimientos sociales y territorios de América Latina.

¿Cómo crees que se proyecte esta iniciativa? ¿Existe algún referente que inspire esta lucha?
Eso depende un poco de cuánta fuerza logramos juntar. A mí siempre me gusta hacer un poco la comparación con el movimiento en contra de la guerra de Vietnam. Este ha demostrado que, si una solidaridad fuerte se vincula con una resistencia local, se puede desarrollar el poder para impedir las injusticias y los ataques. Pero también, para lograr ese movimiento se crearon múltiples iniciativas alrededor del mundo sin saber muy bien que iban a tener tanto impacto. Nosotros creemos que estamos viviendo una etapa similar, dado que es muy probable que los ataques se intensifiquen.

¿Cómo se vincula esto con demandas a la política que actualmente tiene Alemania y la Unión Europea frente a este tipo de intervenciones estadounidenses?
También tenemos el objetivo de que, en el mejor de los casos, el Gobierno alemán se posicione abiertamente en contra de los ataques y tome decisiones concretas que le dificulten a Estados Unidos imponerse en el territorio latinoamericano. En general la posición de Alemania siempre fue muy pro-yanqui, dado que EE.UU. le permitió a la clase alta desarrollar su imperialismo económico sin tener que ejercer la fuerza militar. Y esto se refleja un poco en la postura del Gobierno que tenemos ahora, que hace todo para evitar condenar, por ejemplo, los ataques de Estados Unidos a Irán o Gaza.
Por su parte, la Unión Europea sí está buscando un poco más de independencia de Estados Unidos, y tener un rol propio como actor imperial en el mundo, porque saben que ya no pueden confiar tanto en que Estados Unidos haga todo el trabajo militarizado. En este sentido, Europa tampoco es realmente monolítico. Dentro de Europa hay intereses muy diferentes. Hay sectores que incluso buscan alianzas más cercanas con Rusia o están más abiertas a alianzas con China, y otros que son más atlantistas. Sánchez en España ha tomado una postura más moderada, pero por lo menos más humana, al reconocer que Estados Unidos rompe con el derecho internacional, y prohibirle usar el espacio aéreo o las bases militares para los ataques a Irán, etcétera.

Plantón en Berlín en marzo en paralelo a un acto político en La Habana (Foto: Belén Ramírez)


Y a partir de ahora, ¿cuáles son los próximos pasos a seguir?
La idea es crear un consenso en partes más amplias de la sociedad, de que estos ataques están mal. No obstante, la sociedad alemana todavía está desmovilizada y despolitizada, más aún acerca de las cosas que pasan en América Latina. Para revertir esta situación consideramos que se necesita posicionar más el tema, hacer un trabajo informativo sostenido y al mismo tiempo ejercer presión en instituciones como universidades, incluso a clubes de fútbol, etcétera, para que tomen posición.
Lo vimos un poco con el movimiento por Palestina, que al principio estaba básicamente cancelado en Alemania, pero hoy en día decir que lo que pasa en Gaza es un genocidio es una postura mucho más presente y eso ha sido un trabajo importante de largo aliento, de años. Nosotros creemos que esa es la táctica.
Dejamos abierta la invitación a quienes quieran sumarse a estos proyectos, dado que se están realizando múltiples iniciativas para canalizar esta sensación de injusticia que hoy muchos tenemos. En los próximos pasos, la creatividad nos va a poner a los límites.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

„Eine Allianz in Solidarität mit den Völkern“

21.März: Mahnwache in Berlin parallel zu einer Veranstaltung in Havanna anlässlich des Konvois nach Kuba (Foto: Belén Ramírez)

Angesichts der US-Blockade gibt es derzeit erhebliche Probleme bei der Aufrechterhaltung der Stromversorgung in Kuba, was die Versorgung grundlegender Bereiche wie beispielsweise der Gesundheitseinrichtungen beeinträchtigt. Kannst du uns erzählen, worin die Kampagne besteht, die ihr von Deutschland aus organisiert, um in dieser humanitären Krisensituation konkret Hilfe zu leisten?
Die Kampagne „Licht und Energie für Kubas Krankenhäuser“ zielt darauf ab, Geld zu sammeln, um kubanische Krankenhäuser mit Solaranlagen auszustatten, damit sie nicht mehr auf Strom aus Erdöl angewiesen sind. Das ist von großer Bedeutung, denn bei einem Stromausfall fallen grundlegende Geräte für den Krankenhausbetrieb wie Beatmungsgeräte, Operationssäle oder Inkubatoren aus. Dies ist also nicht nur eine sehr direkte Hilfe zur Rettung von Menschenleben, sondern auch eine strategische Unterstützung für die Unabhängigkeit Kubas, damit das Land weniger erpressbar ist. Bis heute hat die Kampagne in Deutschland rund 15.000 Euro gesammelt. Diese steht in Verbindung mit einer Initiative von The People’s Forum, einer Organisation aus den USA, die im Rahmen des Projekts „Let Cuba Live“ gemeinsam mit dem Martin-Luther-King-Gedenkzentrum in Kuba die Logistik plant, die den Kauf und die Installation der Solaranlagen ermöglicht. Darüber hinaus gab es kürzlich einen Aufruf der Progressiven Internationale, einen Konvoi nach Kuba zu organisieren. In diesem Zusammenhang beschloss auch der Bloque Latinoamericano aus Berlin, zwei Personen zu entsenden, die Sachspenden in Form von Medikamenten und Hygieneartikeln in das Land brachten.

Was ist der Zeithorizont der Kampagne?
Die Kampagne wird ihren eigenen Weg gehen, soll sich aber voraussichtlich mit der Initiative „Hände Weg von Lateinamerika“ verbinden, die sich zu einer größeren antiimperialistischen Bewegung entwickelt.

Was ist „Hände Weg von Lateinamerika“?
Es handelt sich um ein kürzlich gegründetes Bündnis, das aus einer antiimperialistischen Perspektive heraus Solidarität mit ganz Lateinamerika übt und an dem sich zahlreiche Organisationen und Einzelpersonen aus Berlin beteiligen. Derzeit macht die nationale Sicherheitsstrategie der USA ziemlich deutlich, dass sie eine unangefochtene Vorherrschaft über das anstreben, was sie als „westliche Hemisphäre“ bezeichnen – womit sie Lateinamerika meinen –, quasi als eine Art Aktualisierung der Monroe-Doktrin. Wir vom Bloque Latinoamericano sind der Ansicht, dass dies viel mit dem weltweiten Niedergang des US-Imperiums zu tun hat, das nicht mehr in der Lage ist, die Kontrolle über die Produktion und den Verkauf seiner Waren durch freien Wettbewerb aufrechtzuerhalten, so wie es beispielsweise China tut. Daher besteht ein Teil der US-Strategie heute darin, ihre Grausamkeiten in beschleunigtem Tempo durchzusetzen, wie es bei Venezuela und Kuba, aber auch beim Iran der Fall war. Dies führt zu der Schwierigkeit, dass sich die Probleme überschneiden und die betroffenen Menschen beginnen könnten, um internationale Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Um nicht in diese Falle zu tappen, müssen wir eine Art Schutzschirm schaffen, der sichtbar macht, dass all diese Angriffe in Wirklichkeit ein einziger Angriff sind. Deshalb müssen wir große und koordinierte Mobilisierungen organisieren und eine große Bewegung gegen den Imperialismus schaffen.

In diesem Jahr finden in mehreren lateinamerikanischen Ländern Präsident-schaftswahlen statt. Wie positioniert ihr euch dazu?
Sicher, in diesem Jahr gab es bereits Wahlen in Costa Rica, aber es werden auch Wahlen in Peru am 12. April, in Kolumbien am 31. Mai, in Haiti Ende August und am 4. Oktober in Brasilien stattfinden und die Vereinigten Staaten werden versuchen, all diese Wahlen zu manipulieren und zu beeinflussen. Daher ist es unerlässlich, unsere Kräfte zu bündeln und koordiniert vorzugehen. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass nichts den Interventionismus in Lateinamerika rechtfertigt und dass wir unsere Kräfte bündeln müssen. Darüber hinaus möchte ich betonen, dass wir in der Allianz von „Territorien im Widerstand“ sprechen, denn wir sind keine Allianz in Solidarität mit Nationalstaaten. Wir sind eine Allianz in Solidarität mit der Bevölkerung in den Regionen, sozialen Bewegungen und Territorien Lateinamerikas.

Wie wird sich diese Initiative deiner Meinung nach entwickeln? Gibt es ein Vorbild, das diesen Kampf inspiriert?
Das hängt ein wenig davon ab, wie viel Kraft wir aufbringen können. Ich ziehe immer gerne einen Vergleich mit der Bewegung gegen den Vietnamkrieg, die gezeigt hat, dass man, wenn starke Solidarität mit lokalem Widerstand verbunden wird, die Kraft entwickeln kann, Ungerechtigkeiten und Angriffe zu verhindern. Aber um diese Bewegung zu erreichen, wurden weltweit zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen, ohne dass man genau wusste, dass sie eine so große Wirkung haben würden. Wir glauben, dass wir eine ähnliche Phase durchleben, da es sehr wahrscheinlich ist, dass die Angriffe zunehmen werden.

Inwiefern hängt dies mit den Forderungen an die derzeitige Politik Deutschlands und der EU angesichts der US-Interventionen zusammen?
Unser Ziel ist es außerdem, dass sich die deutsche Regierung im besten Fall offen gegen diese Angriffe positioniert und konkrete Entscheidungen trifft, die es den USA erschweren, in Lateinamerika eine Vormachtstellung zu etablieren. Im Allgemeinen war die Haltung Deutschlands immer sehr pro-amerikanisch, da die USA der Oberschicht ermöglichten, ihren Wirtschaftsimperialismus zu entfalten, ohne militärische Gewalt anwenden zu müssen. Und dies spiegelt sich ein wenig in der Haltung der derzeitigen Regierung wider, die alles tut, um beispielsweise die Angriffe der USA auf den Iran oder auf Gaza nicht zu verurteilen. Die EU hingegen strebt tatsächlich etwas mehr Unabhängigkeit von den USA an und möchte eine eigene Rolle als imperialer Akteur in der Welt spielen, da sie weiß, dass sie sich nicht mehr so sehr darauf verlassen kann, dass die USA die gesamte militärische Arbeit übernehmen. Die europäischen Regierungen haben hier keine einheitliche Position. Innerhalb Europas gibt es sehr unterschiedliche Interessen. Es gibt sogar Sektoren, die engere Bündnisse mit Russland anstreben oder offener für Allianzen mit China sind, und andere, die eher in Richtung transatlantischer Beziehungen ausgerichtet sind. Sánchez in Spanien hat eine gemäßigtere, aber zumindest humanere Haltung eingenommen: er anerkennt, dass die USA gegen das Völkerrecht verstoßen, und ihnen die Nutzung des Luftraums und der Militärstützpunkte für Angriffe auf den Iran untersagt.

Und nun: Wie sehen die nächsten Schritte aus?
Die Idee ist, in breiteren Teilen der Gesellschaft einen Konsens darüber zu schaffen, dass diese Angriffe falsch sind. Die deutsche Gesellschaft ist jedoch demobilisiert, entpolitisiert – umso mehr, wenn es um die Geschehnisse in Lateinamerika geht. Um diese Situation zu ändern, halten wir es für notwendig, das Thema besser im öffentlichen Diskurs zu positionieren, mehr Informationsarbeit zu leisten und gleichzeitig Druck auf Institutionen wie Universitäten und sogar Fußballvereine und so weiter auszuüben, damit sie Stellung beziehen. Wir haben das ein wenig bei der Palästina-Bewegung gesehen, die anfangs in Deutschland praktisch nicht existierte – aber heute ist die Aussage, dass das, was in Gaza geschieht, ein Völkermord ist, eine viel präsentere Haltung. Das war eine wichtige, langwierige Arbeit, die Jahre gedauert hat, und wir glauben, dass dies die richtige Taktik ist. Wir laden alle ein, sich diesen Projekten anzuschließen, da derzeit zahlreiche Initiativen ins Leben gerufen werden, um diesem Gefühl der Ungerechtigkeit Ausdruck zu verleihen, das viele von uns heute empfinden. Bei den nächsten Schritten wird uns nur die Kreativität die Grenzen vorgeben.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ein existenzgefährdender Nachbar

Foto: Margot Raverau

Die kubanische Bevölkerung sieht sich einer brutalen Realität gegenüber, deren Ende nicht absehbar ist. Die Wirtschaft schrumpft weiter, die Inflation liegt im dreistelligen Bereich, die Versorgungslage ist katastrophal, und mehrstündige Stromabschaltungen gehören zum Alltag. Die US-Regierung verweist regelmäßig auf die politische und wirtschaftliche Verantwortung der kubanischen Regierung, um ihre kriseverschärfende Sanktionspolitik zu rechtfertigen. Doch wie so oft in geopolitischen Machtspielen ist es die Zivilbevölkerung, die den höchsten Preis zahlt.
Trumps Haltung und seine außenpolitischen Konzepte verdeutlichen das System, dem Kuba seit Jahrzehnten ausgesetzt ist: ein System der Blockade, Sanktionen und gezielter Einflussnahme. Unter Trump 2.0 haben sich die völkerrechtswidrigen und wirtschaftlich zerstörerischen Maßnahmen gegen Kuba noch einmal intensiviert.
Trumps Kuba-Politik wird maßgeblich beeinflusst von zwei einflussreichen kubano-amerikanischen Politikern: Außenminister Marco Rubio und seinem Berater Mauricio Claver Carone, ehemaliger US-Sonderbeauftragter für Lateinamerika. Beide kündigten eine Verschärfung der Sanktionen an und prognostizierten einen baldigen Regimewechsel in Kuba.

Politik scheitert, Menschen leiden


Ein aktueller Gesetzesvorschlag im US-Kongress sieht sogar vor, die Geldüberweisungen kubanischer Migrantinnen an ihre Familien (remesas) zusätzlich zu besteuern. Diese remesas stellen für Kuba eine zentrale wirtschaftliche Lebensader dar. Der kubanische Staat – insbesondere über den staatlichen Militärkonzern GAESA – hat in der Vergangenheit von diesen Transfers profitiert, unter anderem durch hohe Wechselkursabschöpfungen. Die US-Politik zielt inzwischen darauf ab, den Einfluss von GAESA zu unterbinden. Doch am Ende treffen diese Maßnahmen vor allem die kubanischen Familien, die auf diese Zahlungen angewiesen sind.

Kurz nach seinem Amtsantritt machte Trump außerdem die Entscheidung der Biden Regierung rückgängig und setzte Kuba erneut auf die Liste der „Terrorismus unterstützenden Staaten“ (State Sponsors of Terrorism, SSoT) – trotz fehlender glaubwürdiger Beweise für eine aktuelle Unterstützung des internationalen Terrorismus. Diese Einstufung wird von UN-Expertinnen als völkerrechtswidrig und feindselig kritisiert.
Sie erschwert internationale Finanztransaktionen massiv, verstärkt die wirtschaftlichen Sanktionen und behindert die Entwicklung des Landes erheblich.
So werden lebenswichtige Treibstofflieferungen verhindert oder extrem verteuert, medizinische Kooperationsprojekte blockiert und sowohl Export- als auch Importgeschäfte beeinträchtigt – da viele dieser Transaktionen über den Dollar und US-Banken abgewickelt werden. Zudem ist es US-Bürgerinnen, Unternehmen und Tochterfirmen untersagt, mit kubanischen Institutionen oder dem Staat Handel zu treiben. Reisen von den USA nach Kuba sind nur noch in bestimmten, vom OFAC (Amt für die Kontrolle ausländischer Vermögenswerte) genehmigten Kategorien erlaubt – z. B. Bildungsreisen, Familienbesuche oder journalistische Tätigkeiten. Tourismus im engeren Sinne ist verboten.

Die wiederholten Regelverstöße der US-Regierungen gegenüber Kuba sind gut dokumentiert. Seit 1992 fordert die UN-Vollversammlung jährlich mit großer Mehrheit die Aufhebung der völkerrechtswidrigen US-Blockade. Ein internationales Ethiktribunal in Brüssel verurteilte vor anderthalb Jahren die völkerrechtswidrige Blockadepraxis und forderte ihre sofortige Beendigung.

Doch Washington ignoriert diese Forderungen weitgehend. Mehr noch: Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der eigenen Politik werden konsequent der kubanischen Regierung zugeschrieben. Viele westliche Partner tragen zu dieser Doppelmoral bei. Zwar stimmen sie regelmäßig gegen die Blockade, bleiben jedoch jede konkrete Handlung zu seiner Umgehung oder Aufhebung schuldig.

Jeffrey Sachs, Ökonom und Direktor des Zentrums für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University, gehört zu den weltweit prominentesten Kritikern der US-Sanktionen gegen Kuba. In einem Interview mit Belly of the Beast betont er die „sehr ernsten Konsequenzen“ der US-Blockade für die kubanische Wirtschaft. Seiner Einschätzung nach liegt das reale Pro-Kopf-Einkommen in Kuba nur bei einem Drittel oder gar einem Viertel dessen, was unter normalen außenwirtschaftlichen Bedingungen möglich wäre. Eine präzise Schätzung sei jedoch mangels vergleichbarer Daten schwierig. Sachs erwähnt allerdings nur am Rande die internen Faktoren, die ebenfalls zur wirtschaftlichen Krise beitragen – etwa institutionelle Ineffizienz, schleppende Reformen oder strukturelle Schwächen des Modells.

Prekäre Situation kubanischer Migrant*innen


Im Bereich Migration haben die US-Behörden den prekären rechtlichen Status von Hunderttausenden kubanischer Migrantinnen bestätigt, die zwischen 2021 und 2023 einreisten. Sie können keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis beantragen, haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und müssen jederzeit mit der Abschiebung rechnen – nach Kuba oder in ein Drittland. Die USA verfolgten in dieser Hinsicht lange eine ambivalente Politik gegenüber Kuba: Einerseits trug die Blockade zur Emigration bei, andererseits wurden die Migrantinnen durch besondere Privilegien (schnelle Aufenthaltstitel) angezogen.
Auch der kulturelle Austausch leidet unter diesen Maßnahmen: Im April 2025 untersagte das US-Finanzministerium der Clark College Jazz Band aus Washington überraschend eine Reise nach Kuba, bei der ein Austausch mit Musikstudierenden geplant war. Begründung: Die Reise entspreche nicht der US-Politik. Auch sportliche Austauschformate sind untersagt. Die repressive Innenpolitik der kubanischen Regierung hatte die Öffnung zur Außenwelt bereits eingeschränkt – mit Trumps Rückkehr verschärft sich diese Abschottung nochmals.
US-Außenminister Marco Rubio drohte karibischen Staaten mit Sanktionen, einschließlich der Visumsverweigerung für Regierungsmitglieder, falls sie weiterhin kubanisches medizinisches Personal aufnehmen. Indem das US-Außenministerium das kubanische Ärzteprogramm als „Zwangsarbeit“ diffamiert, trägt es kaum zur Stärkung der kubanischen Bevölkerung bei. Bisher haben sich karibische Regierungen dieser Erpressung widersetzt – für sie sind die kubanischen Fachkräfte unverzichtbar für ihre Gesundheitssysteme.
Die aktuelle US-Politik gegenüber Kuba wiederholt – und verschärft – ein altes Muster: Statt auf diplomatische Annäherung setzt sie auf Druck, willkürliche Sanktionen und Destabilisierungsversuche. Dieses Vorgehen vertieft politische Gräben und macht das Alltagsleben auf der Insel zum geopolitischen Spielball.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ein Kontinent
 unter Druck

Grafik: Melissa Medina-Márquez

MEXIKO
Nachbar im Visier

Mit seinem Amtsantritt als 47. Präsident der Vereinigten Staaten schlägt Donald Trump einen schärferen Ton gegenüber Lateinamerika, insbesondere Mexiko, an. Er droht mit Zöllen: 25 Prozent auf Importe aus Mexiko und Kanada sowie 10 Prozent auf Waren aus China, vermeintlich um Drogenhandel und illegale Einwanderung aus Mexiko zu bekämpfen.

Doch das Problem ist komplexer. Der Drogenschmuggel über Kanada hat in den letzten Jahren zugenommen, und viele chemische Vorprodukte für Fentanyl stammen aus China und gelangen über Mexiko in die USA. Raul Bringas Nostti, Experte für mexikanisch-US-amerikanische Beziehungen, hält Trumps Drohungen jedoch für unrealistisch: „Ich glaube nicht, dass Trump die Zölle tatsächlich erlassen wird, da sie die Lieferketten schwächen und besonders den Aluminium- und Stahlexport Mexikos treffen würden. Das würde auch die Preise in den USA steigen lassen”, so Bringas Nostti im Interview mit LN.
Zusätzlich zu wirtschaftlichen Spannungen gibt es diplomatische Signale. Der Golf von Mexiko wurde in Golf von Amerika umbenannt, und die Webseite des Weißen Hauses ist nicht mehr auf Spanisch verfügbar – ein symbolischer Schritt, der als Affront gegen die spanischsprachige Bevölkerung gewertet wird.

„Trumps Ton gegenüber Lateinamerika ist aggressiv“, kritisiert Bringas Nostti. Dennoch sollte Mexiko nicht mit Zöllen antworten. „Seine Strategie ist, andere einzuschüchtern, bis er bekommt, was er will.“ Über Trumps weitere Schritte herrscht Unsicherheit: „Alles ist unsicher mit Donald Trump”, so Bringas Nostti.

// Erik Ahlhorn

EL SALVADOR/GUATEMALA
Mit Mittelamerika gegen mittelamerikanische Migrant*innen

Die außenpolitischen Prioritäten der neuen Trump-Regierung stellte das erste Reiseziel des US-Staatssekretär Marco Rubio klar. Eines der wichtigsten Wahlkampfversprechen der republikanischen Partei war, neben massiven Abschiebungen, die Einreise neuer Migrant*innen, insbesondere aus und durch Mittelamerika, zu verhindern. Rubios erste Mission im Amt war es daher, unter diesen Regierungen neue Komplizen für die restriktive Migrationspolitik zu gewinnen.

El Salvador hatten sie schon auf ihrer Seite: Präsident Nayib Bukele nimmt ohne jeglichen Druck Abschiebungen in Kauf. Dazu machte er Trump ein beispielloses Angebot: in seinem Strafvollzug verurteilte Gefangene – sowohl migrantische, als auch US-amerikanische – in salvadorianischen Gefängnissen gegen Geld unterzubringen.

Bernardo Arévalo, Präsident Guatemalas, muss sich weiterhin gut mit der US-Regierung stellen: Die Rückendeckung des vorherigen Präsidenten Joe Biden war unerlässlich, um angesichts der ständigen Angriffe der kooptierten Justiz an der Macht zu bleiben. Beim Treffen vereinbarten er und Rubio Abschiebeflüge von Migrant*innen guatemaltekischer und weiterer Staatsbürgerschaften nach Guatemala um 40 Prozent zu erhöhen.

Honduras und Nicaragua waren nicht im Reiseprogramm vorgesehen. Sie werden nicht direkt erwähnt, aber Rubio droht darin indirekt: Länder, die kooperieren, sollen „enorm profitieren“; Länder, die es nicht tun, sollen „Amerikas erheblichem Druck“ ausgesetzt werden.

// Lya Cuéllar

NICARAGUA
Migrant*innen droht die Abschiebung ins Krisengebiet

Seitdem 2018 in Nicaragua die soziopolitische Krise ausgebrochen ist und Ortegas Regierung zunehmend autoritär und repressiv handelt, verschärft sich die Situation für die Einwohnerinnen immer weiter. Kritikerinnen und Oppositionelle werden inhaftiert oder aus dem Land vertrieben. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich und viele Nicaraguanerinnen verlassen das Land angesichts fehlender Perspektiven. Ein großer Teil von ihnen versucht in den USA Arbeit, Sicherheit und Freiheit zu finden.

Donald Trumps harte Migrationspolitik versetzt Hunderttausende nun in Ungewissheit und Angst. Bereits kurz nach seiner Amtseinführung setzt er diverse Einwanderungsprogramme seines Vorgängers aus. Die App CPB One, mit der man vor der Einreise in die USA Asyl beantragen konnte, wurde abgeschaltet. Außerdem wurde das humanitäre Aufnahmeprogramm, auch als Parole-Programm bezeichnet, für Venezuela, Nicaragua, Haiti und Kuba ausgesetzt. Es erlaubte seit Anfang 2023 Menschen aus diesen Krisenländern unter bestimmten Voraussetzungen regulär in die USA einzureisen. Sofern sie nachweisen konnten, dass sie einen Bürgen im Land mit legalem Status hatten, erhielten sie das Aufenthaltsrecht und eine Arbeitserlaubnis für zwei Jahre. Bis einschließlich September 2024 sind auf diese Weise rund 513.000 Menschen eingereist, davon 93.000 aus Nicaragua. Läuft ihr Aufenthaltsstatus aus und sie haben vorab kein Asyl oder eine anderweitige Genehmigung erhalten, droht ihnen bald die Abschiebung, die nach Nicaragua mit besonderen Risiken einhergeht. Laut Angaben des Nicaraguan American Legal Defense and Education Fund haben mehr als 300.000 nicaraguanische Migrant*innen einen unklaren Aufenthaltsstatus und befinden sich somit in einer kritischen Lage.

// Bella García

KUBA
Die diplomatischen Sanktionen kehren zurück

Die Insel, die es einst wagte, sich dem US-amerikanischen Riesen zu widersetzen, zahlt immer noch einen hohen Preis dafür. Die Rückkehr von Donald Trump an die Macht verschlimmert diese Situation um ein Vielfaches. Eine der ersten Maßnahmen der neuen Regierung bestand darin, Kuba wieder auf die Liste terroristischer Staaten zu setzen. Die vorherigen Verhandlungen der Biden-Regierung mit der katholischen Kirche und dem kubanischen Staat waren mit der Ankündigung der Freilassung von 553 politischen Gefangenen durch den kubanischen Staat abgeschlossen. Unter den bereits Freigelassenen sind viele junge Menschen, die zu sehr langen Haftstrafen verurteilt worden waren, insbesondere wegen ihrer Teilnahme an den Anti-Regime-Demonstrationen im Juli 2021. Im Jahr 2024 zählte der World Prison Brief 794 Inhaftierte pro 100.000 Einwohner in Kuba.

Die für Kubanerinnen bereits seit Jahrzehnten krisenhaften Lebensbedingungen und der Verlust jeglicher Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft veranlassten 2022 und 2023 fast 425.000 Kubanerinnen zur Auswanderung in die USA. Die Machtübernahme von Trump bedeutet auch für sie die Gefahr, verhaftet und abgeschoben zu werden. Sollte Trump seine Ankündigungen umsetzen, 30.000 illegalisierte Einwandererinnen in Guantánamo in Gewahrsam zu nehmen, könnten bald ausgewanderte Kubanerinnen auf ihrer eigenen Insel von den USA ins Gefängnis gesteckt werden. Das Militärgefängnis auf dem US-amerikanischen Marinestützpunkt in Kuba ist schon lange ein Symbol dafür, wie die USA Menschenrechte mit Füßen treten.

// Margot Ravereau

PANAMA
Der Panama-Kanal und Trumps imperialistische Ambitionen

Die aktuelle Politik der USA lässt die interventionistische Knebeldoktrin des sogenannten Big Stick von Theodore Roosevelt vom Anfang des 20. Jahrhunderts wiederaufleben. Das Ziel: die Kontrolle über die lateinamerikanische Region wiedererlangen. Speak softly and carry a big stick, you will go far – „Sprich sanft und trage einen großen Knüppel, dann wirst du weit kommen“, so das Motto dieser Bedrohungspolitik. Panamas Regierung unter José Raúl Mulino ist in diesem Zuge mit einem der größten Angriffe auf die Unabhängigkeit und juristische Sicherheit des Landes in den vergangenen 30 Jahren konfrontiert. Trumps Lügen verkünden, dass der Panama-Kanal derzeit von der chinesischen Regierung betrieben werde und den US-amerikanischen Schiffen zu hohe Gebühren auferlegt würden. Angesichts dieser angeblichen Bedrohung will die Trump-Regierung die Wasserstraße um jeden Preis zurückerobern und gibt verschiedene Warnungen von sich, die in einer militärischen Intervention münden könnten.

Die Betreiber des Panamakanals haben inzwischen die Anwaltskanzleien Vinson & Elkins beauftragt, zu Beginn des Konflikts auch die BGR Group und VantageKnight. Einer der Vertreter*innen der BGR Group, David Urban, scheint jedoch eher Lobbyarbeit für die Trump-Regierung zu leisten als die Regierung Mulino gut zu beraten: In früheren Interviews mit US-Medien deutete er an, dass die USA Neutralität beanspruchen könnten, indem sie die „Just Cause“-Operation wiederholen. Das würde bedeuten, in Panama einzumarschieren oder dem Land „in den Arsch zu treten“, wie sie es bereits 1989 bei der Invasion Panamas getan hatten.

// Carlos Escudero-Nuñez

USAID
Die Problematik der Entwicklungshilfe (und ihrer plötzlichen Abschaffung)

Nach Trumps Dekret vom 20. Januar, Entwicklungshilfeaktivitäten für 90 Tage auszusetzen, fürchten nun viele Menschenrechts- und Medienorganisationen in Lateinamerika, die Unterstützung durch Stiftungen und Programme wie USAID erhielten, sowohl um ihre Existenz als auch um die Leben der Menschen, für die sie arbeiten.

Keine andere Organisation macht die Spannungen und Widersprüche von „Entwicklung“ so deutlich wie die United States Agency for International Development (USAID). Weltweit ist USAID mit einem Budget von 43,4 Milliarden Dollar der größte Geber von Entwicklungsgeldern. Damit betreibt sie zum Beispiel ein System zur Erkennung von Hungersnöten und verschiedene Gesundheitsprogramme, unter anderem zur Behandlung von HIV.

Gleichzeitig ist USAID eines der wichtigsten Instrumente strategischer Einflussnahme der USA. Durch die Lieferung von Nahrungsmitteln aus US-Produktion oder die Bezahlung von US-Vertragspartner*innen schafft sie dauerhafte Abhängigkeitsverhältnisse. Darüber hinaus spielt die „soft power“ von USAID eine wichtige Rolle bei der Unterwanderung nationaler Regierungen, die US-Interessen entgegenstehen. Zu diesem Zweck gibt USAID beispielsweise finanzielle Unterstützung an oppositionelle NGOs. Dies macht sich vor allem in Lateinamerika bemerkbar. Nicht ohne Grund wiesen Regierungen in Venezuela, Ecuador, und Bolivien USAID Anfang der 2000er aus ihren Ländern aus.

Die Entscheidung, USAID quasi über Nacht abzuschaffen, macht eine Aushandlung der heutigen Bedeutung von Entwicklungspolitik nicht einfacher, aber umso notwendiger. Dass es eine andere, solidarische Entwicklungspolitik braucht, ist unbestritten. Wie diese in Zukunft aussehen soll, darf aber nicht Donald Trump oder Elon Musk überlassen werden.

// Josefina Lehnen


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Hauptsache, das Essen verdirbt nicht

Seit Ende Oktober geht das Leben auf Kuba wieder seinen gewohnten Gang. In die Jahre gekommene Chevrolets und Ladas tuckern über die Straßen Havannas, die Menschen gehen ihrem Tagwerk nach, Schlangen an den Obst- und Gemüseständen, Bars und Restaurants sind gut besucht. Die wichtigste Nachricht aber ist: Es gibt Strom. Hier und da laufen sogar wie gewohnt die Klimaanlagen. Das war nach dem Komplettausfall des kubanischen Stromnetzes anders.

In ausgewählten Stadtbezirken gibt es weiterhin rotierende Stromabschaltungen. Waren diese angekündigten Stromabschaltungen in der Vergangenheit ein Ärgernis, sind die Bewohner*innen der Hauptstadt heute beinahe froh, wenn der Strom nur wenige Stunden am Tag weg ist. Die Furcht vor einem erneuten totalen Blackout sitzt tief.

Am späten Vormittag des 18. Oktober war es zum größten anzunehmenden Unfall (GAU) gekommen. Nachdem das wichtigste Kraftwerk „Antonio Guiteras“ in der Provinz Matanzas „unvorhergesehen“ vom Netz ging, brach die Stromversorgung der Insel komplett zusammen. Guiteras und andere noch aus Sowjetzeiten stammende Wärmekraftwerke sind für einen Großteil der Stromer­zeugung im Land verantwortlich. Hinzu kommen kleinere Gaskraftwerke und dezentrale Diesel- und Heizölmotoren.

Der Komplettausfall ist im Wesentlichen auf ein Ungleichgewicht der Spannung und den daraus resultierenden Frequenzabfall zurückzuführen, hieß es vonseiten der Behörden. Im Gegensatz zu früheren Fällen waren diesmal weniger Brennstoffe verfügbar, erklärte der für das Stromnetz zuständige Direktor des Energieministeriums, Lázaro Guerra Hernández. Erst nach drei Tagen und mehreren Anläufen konnte das landesweite Stromnetz wiederhergestellt werden.

„Es ist verteufelt. Uns bleibt auch nichts erspart“, sagt Eduardo, ein Handwerker aus Havannas zentralem Stadtteil Centro. „Mehr als 70 Stunden waren wir ohne Strom.“ In den sozialen Netzwerken machten viele mit wüsten Kommentaren ihrem Unmut Luft, andere reagierten mit Galgenhumor. In den Abendstunden war mancherorts Kochtopf-Schlagen zu hören – als Protest gegen den tagelangen Stromausfall. Zu größeren Protesten aber kam es nicht.

„Viele meiner Nachbarn haben sich aufgeregt“, sagt Eduardo. „Ich habe ihnen gesagt: Um die ersten Kraftwerke wieder zu starten, brauchst Du Strom. Kuba aber ist eine Insel. Woher also den Strom nehmen? Die Experten haben Tag und Nacht gearbeitet, um das Netz wiederherzustellen. Drei Tage – das war recht schnell.“ Aber lang genug, um Essen verderben zu lassen. Sie habe ihren Kühlschrank immer nur einen Spaltbreit geöffnet, erzählt die Rentnerin Mercedes, damit er kühl bleibe. Einige ihrer Nachbarn aber hätten viel Essen wegwerfen müssen, sagt sie. Lázaro berichtet Ähnliches. Er ist aus der westlichen Provinz Pinar del Río nach Havanna gekommen, um Haushaltsartikel einzukaufen, die er daheim mit kleinem Gewinn weiterverkauft. „Die größte Sorge der Leute war, dass das Essen verdirbt.“

Außerhalb Havannas sind sie längere Stromausfälle gewohnt, so makaber das klingt. Denn Kubas Probleme mit der Stromversorgung haben sich über die Sommermonate erneut verschärft. Zuletzt konnte nur noch etwas mehr als die Hälfte des benötigten Stroms erzeugt werden. Die Folge: bis zu 20 Stunden lange Stromausfälle in einigen Landesteilen. In Pinar del Río 5-6 Stunden täglich, erzählt Lázaro, anders als in Havanna aber unangekündigt. „Manchmal am Morgen, manchmal am Abend.“ Er selbst hat erst vor wenigen Wochen einen kleinen Generator gekauft. Damit hält er zumindest die Gefriertruhe am Laufen.

Mangel an der Infrastruktur

Für Expert*innen kam der Totalausfall des Netzes nicht überraschend: „Nach dem, was wir gesehen haben, war ein größeres Problem praktisch nur eine Frage der Zeit“, so der kubanische Ökonom Ricardo Torres von der American University in Washington. „Die Verschlechterung des Elektrizitäts­systems ist schon seit Jahren offensichtlich. Hier gibt es grundlegende Probleme. Einerseits geht es der Wirtschaft so schlecht, dass nicht genug Devisen erwirtschaftet werden, um den notwendigen Brennstoff zu kaufen. Andererseits wurde zu wenig in den Sektor investiert, und das fordert seinen Tribut.“ Der Komplettausfall geschah nur wenige Stunden nach Ausrufung des „Energienotstands“ durch die Regierung. Premierminister Manuel Marrero Cruz nannte im Fernsehen den Brennstoffmangel als wichtigsten Faktor für das Energiedefizit. Hinzu kämen der Zustand der Infrastruktur und der Anstieg der Nachfrage.

In den Wochen zuvor war bereits Kubas Energieminister Vicente de la O Levy in einer TV-Sondersendung aufgetreten. Es fehle an Mitteln für Wartung und Investitionen sowie für die Beschaffung von Brennstoff. Partner wie Venezuela, Russland oder Mexiko haben ihre Lieferungen reduziert. Ein Großteil der Brennstoffe und Ersatzteile muss teuer auf dem Weltmarkt eingekauft werden – für das notorisch klamme Kuba nur schwer zu stemmen, zumal der Devisenbringer Tourismus nach der Corona-Pandemie noch nicht wieder recht in Gang kommen will. Torres dagegen verweist auf den Zustand der bestehenden Infrastruktur: „Ein überzentralisiertes System, veraltete Kraftwerke, anfällige Übertragungs- und Verteilungsleitungen und ein bankrottes Versorgungsunternehmen, das nicht in Wartung, Reparaturen und Modernisierungen investiert hat.“

Mittel- und langfristig setzt Kuba auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Laut Plänen der Regierung soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Energiematrix Kubas bis 2030 von derzeit fünf auf 37 Prozent und danach schrittweise auf 100 Prozent ausgebaut werden. Aber auch eine solche Energiewende kostet viel Geld und kommt bislang nicht so recht voran.

Regierung sieht Hauptursache der Krise in US-Blockade

Die kubanische Regierung sieht in der „Verschärfung des US-Wirtschaftskriegs und der finanziellen und energetischen Verfolgung“ durch die US-Blockade die Hauptursache für die Energiekrise auf der Insel. Kubas Listung als „terrorunterstützender Staat“ durch die US-Regierung macht internationale Finanztransaktionen für das Land nahezu unmöglich, beispielsweise um bitter benötigte Brennstoffe zu erwerben. In ihrem jährlichen Blockadebericht beziffert Kubas Regierung die materiellen Schäden durch die US-Sanktionen vom 1. März 2023 bis zum 29. Februar dieses Jahres auf 5,06 Milliarden US-Dollar.

Am 30. Oktober stimmte in der UN-Generalversammlung wieder einmal die überwältigende Mehrheit der Staaten für die „Notwendigkeit, die von den Vereinigten Staaten gegen Kuba verhängte Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade zu beenden“. 187 Staaten unterstützten die von Kuba eingebrachte Resolution, die USA und Israel stimmten dagegen, Moldawien enthielt sich. Die praktischen Auswirkungen der Abstimmung tendieren gegen null. „Hoffentlich einigen sich die Regierungen“, sagt Mercedes, „denn die, die leiden, sind wir einfachen Leute.“


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

50 Jahre Lateinamerika Nachrichten

„Amerika den Amerikanern“ formulierte der US-amerikanische Präsident James Monroe vor 200 Jahren und meinte doch nur „Lateinamerika den USA“. Der Aufstieg der USA zur neuen Hegemonialmacht in Lateinamerika vollzog sich in wenigen Jahrzehnten, schon Anfang des 20. Jahrhunderts war der Kontinent fest in den Händen der USA.
Auch die Gründung der Lateinamerika Nachrichten vor nunmehr 50 Jahren verdankt sich, zumindest indirekt, dieser Doktrin. Die Rolle der USA bei der wirtschaftlichen Destabilisierung der Unidad Popular-Regierung in Chile und beim Militärputsch gegen Präsident Salvador Allende mag heute längst nicht mehr allen bekannt sein. Für die Aktiven des Komitees „Solidarität mit Chile“, die am 28. Juni 1973 die erste Ausgabe der Chile-Nachrichten (seit Nummer 51: Lateinamerika Nachrichten) produzierten, war der Kampf gegen den US-Imperialismus jedoch ein wichtiges Motiv für ihr politisches und journalistisches Engagement.
Der Diktator ging, die Lateinamerika Nachrichten blieben. Nur mäßig konnte uns zu unserem Silberjubiläum im Jahre 1998 der Abgang von Augusto Pinochet erfreuen: Den Oberbefehl über die chilenischen Streitkräfte tauschte er damals mit einem Senatorenposten auf Lebenszeit. Und auch sonst boten uns eher die Kontinuität der eigenen Arbeit, denn die Verhältnisse in Lateinamerika Anlaß zu Optimismus.
Das waren überhaupt komische Zeiten damals, als sich das Jahrtausend dem Ende zuneigte. Die Zauberworte Neoliberalismus und Globalisierung bestimmten die Regierungspolitik in fast allen Ländern des Kontinents. Fast: Wie ein gallisches Dorf trotzte nur Kuba den Römern, die damals in Washington residierten. Und als ob auch er als Kind in einen Zaubertrank gefallen wäre, zeigte sich Fidel Castro Jahrzehnt um Jahrzehnt unschlagbar: In der westlichen Hemisphäre hält er noch heute den Rekord für die längsten Ansprachen – unterbrechen ließ er sich meist nur, wenn auf der Zuckerinsel mal wieder der Strom abgestellt wurde. Vor Yankees hatte er nur auf dem Baseball-Platz Respekt, die Blockade konnte Kuba nicht in die Knie zwingen (für jüngere LeserInnen: die USA versuchten bis nach der Jahrtausendwende, Kuba durch Wirtschaftsblockade und politische Isolierung in die Knie zu zwingen – was sich ja bekanntlich erst änderte, als vor fünfzehn Jahren die kurz zuvor eingebürgerte Ex-Präsidentin Brasiliens, Benedita da Silva, ins Weiße Haus gewählt wurde).
Lange Zeit war Politik ja eine Angelegenheit korrupter Männer, die mit Militärs kungelten und Phantasie nur zeigten, wenn sie für ihre Wiederwahl mal wieder eine Verfassungsänderung durchsetzten – in Peru durfte damals nur noch zum Präsidenten gewählt werden, wer japanische Vorfahren, und in Argentinien, wer syrische Vorfahren hatte. Brasilien konnte nur regieren, wer Großgrundbesitzer war und ein Soziologie-Diplom sein eigen nannte.
Die Wende in Lateinamerika brachten bekanntlich die ZapatistInnen und die Landlosenbewegung MST. Der erste Präsident mit Skimütze in Mexiko und die Vergabe eines Landtitels an die letzte landlose Bäuerin in Brasilien – das waren bewegende Momente, die auch uns wieder optimistisch in die Zukunft blicken ließen.
Denn während unsere Freunde und Freundinnen in Lateinamerika die Verhältnisse zum Tanzen brachten, wurde es in Deutschland immer eisiger. Die Grünen stritten mal wieder, ob es der Bevölkerung zuzumuten sei, den Benzinpreis um drei Prozent zu erhöhen, während Joschka Fischer als Verteidigungsminister den Parteiausschluß von Jürgen Trittin verlangte, weil der sich noch immer weigerte, an den wöchentlichen öffentlichen Rekrutengelöbnissen vor dem Reichstag teilzunehmen.
Grund zur Freude hatten wir erst wieder, als Jamaica 2006 Fußballweltmeister wurde und Berti Vogts durchsetzte, daß Gras endlich auch in Deutschland legalisiert wird. Die Cannabis-Pflanze statt dem Bundesadler auf der Schwarz-Rot-Goldenen Flagge und „Keine Macht für niemand“ von den Scherben als Nationalhymne – das hat sich vor 25 Jahren niemand in der Redaktion zu träumen gewagt. Auch nach 50 Jahren Lateinamerika Nachrichten – wir machen weiter: „Get up, stand up for your rights“.

Alte Texte neu gelesen – dieses Editorial erschiet in LN 289/290 (Juli/August 1998) und wurde in der Jubiläumsausgabe 588 zu 50 Jahren LN erneut abgedruckt.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Isoliert im Plattenbau

© María Grazia Goya

Nein, glamourös wirkt das alles wirklich nicht. Eine schmucklose Wohnung in einer anonymen Plattenbausiedlung am Rande der Großstadt, Jobs auf dem Bau oder als Call-Center-Agent, dazu draußen Berge von Schnee. Ob es das war, was sich die kubanischen Arbeitsmigranten, die der Dokumentarfilm Llamadas desde Moscú (Anrufe aus Moskau) zeigt, von ihrem Leben in Russland erhofft haben? Inwiefern es eine Verbesserung zu ihrer vorherigen Existenz in Kuba darstellt? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. Denn das Geschehen im Film fokussiert sich fast ausschließlich auf Telefongespräche, die sie nach Hause oder ganz selten auch mal mit dem Vermieter in Moskau führen. Und die meist nicht besonders aussagekräftig sind.

Das ist schade, denn die Ausgangssituation der vier Männer, die der Film begleitet, hätte Material für wesentlich mehr hergegeben. Alle vier sind homosexuell und aus Kuba nach Russland geflüchtet – in ein Land, in dem  jegliche positive Äußerung oder Darstellung zum Thema Homosexualität unter Strafe steht. Doch ihre Meinung zu den Widersprüchen und Gemeinsamkeiten in den so unterschiedlichen Gesellschaften wird von Regisseur Luis Alejandro Yero nicht erfragt. Wie fühlt es sich an, Migrant in Russland zu sein? Aus dem Sozialismus in eine immer repressiver werdende Autokratie zu kommen? Queer zu sein in einem Land, das queere Lebensweisen marginalisiert und diskriminiert? Gibt es überhaupt etwas, das sie heute noch mit diesem Russland verbindet außer der Visafreiheit, einem Relikt aus der gemeinsamen kommunistischen Vergangenheit?

Zu all dem hätten Eldis, Juan Carlos, Deryl und Dariel vermutlich viel zu erzählen gehabt. Zumal Llamadas desde Moscú im Februar 2022, nur wenige Tage vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs, gedreht wurde und die Anspannung spürbar ist (das Filmteam konnte sich mit einem der letzten Flüge vor der Ausreisesperre zurück nach Kuba retten). Stattdessen liegen sie meist apathisch auf Betten in einem möblierten Apartment herum, sehen oder filmen selbst TikTok-Videos und geben in ihren Telefonaten mehr oder weniger Relevantes über ihre neue Lebensrealität preis. Dazu sieht man spärliche Außenaufnahmen von der trostlosen, verschneiten Trabantenstadt um sie herum. Das Ganze unterstreicht den Eindruck, der von Beginn an gewollt ist: Kulturelle, menschliche und auch politische Vereinzelung in einer Umgebung, die fremder nicht sein könnte. Dadurch, dass Yero den Hintergrund seiner vier Protagonisten aber überhaupt nicht beleuchtet, gelingt es ihm auch nie, wirkliche Empathie mit ihnen zu erzeugen. So bleibt Llamadas desde Moscú am Ende nicht mehr als ein interessantes Projekt, das trotz der geglückten Darstellung von Isolation zu oft vergisst, sich um die Menschen dahinter zu kümmern.

LN-Bewertung: 2/5 Lamas


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

EIN JA ZU MEHR VIELFALT

Mit dem neuen Familienkodex wird das bisherige Familiengesetzbuch von 1975 abgelöst. Das neue Gesetz legalisiert die gleichgeschlechtliche Ehe, stärkt die Rechte von Frauen, älteren Menschen und Pflegekräften und erhöht den Schutz gegen häusliche Gewalt. Im Vorfeld hatte die Neufassung für starke Kontroversen gesorgt.

In zehntausenden Nachbarschaftsversammlungen war der Gesetzentwurf diskutiert worden. Die dabei gemachten Vorschläge wurden in den Gesetzestext eingearbeitet; über die Mitte Juli vom Parlament verabschiedete Endfassung wurde nun abgestimmt. Kritiker*innen rügen das Verfahren als intransparent und sehen in dem Gesetz vor allem eine Imagekampagne der Regierung. Die hatte kräftig für ein „Ja“ getrommelt. Auch die staatlichen Medien erörterten ausführlich die „Gründe für ein Ja zum Familiengesetzbuch in Kuba“, das Parlament unterstrich die Bedeutung des Familienkodexes und Präsident Miguel Díaz-Canel nannte den Gesetzestext „ein Bekenntnis zum Leben“.

Aber nicht nur das Verfahren, auch Inhalte des Gesetzes waren keinesfalls unumstritten. Über die Einführung der „Ehe für alle“ oder die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare kam es zu hitzigen Debatten. Ursprünglich war die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe als Teil der neuen Verfassung von 2019 vorgesehen. Aufgrund fehlenden gesellschaftlichen Konsenses und Widerstands der Kirchen wurde damals entschieden, das Thema auszugliedern und über die Neufassung des Familiengesetzes zu regeln.

„Das Manöver des Staates, die Gleichstellung der Ehe und all die Dinge, die in gewisser Weise Menschenrechte sind, nicht 2019 zu verabschieden, war ein Fehler“, kritisiert LGBTIQ*-Aktivist Roberto Ramos Mori. Das neue Gesetz hält er trotzdem für sehr gelungen. „Der Kodex ist sehr vollständig, er ist sehr gut, viel besser als ich dachte.“

Die katholische Bischofskonferenz Kubas hingegen sprach sich vor der Abstimmung vehement für die Beibehaltung der Ehe als Vereinigung von Mann und Frau aus und warnte vor sogenannter „Gender-Ideologie“. Eine weitere Kontroverse dreht sich um die Reform des Sorgerechts und die Rechte von Kindern in der Familie. Der Sorgerechtsbegriff patria protestad, mit dem traditionell der Vater als Familienoberhaupt verknüpft ist, wird in dem Gesetz durch den Ausdruck „elterliche Verantwortung“ ersetzt. Der Kodex sieht auch eine elterliche Pflicht vor, Kinder zur Achtung von Autoritäten und zur „Liebe zur Familie“, zum „Vaterland“ und zu „seinen Symbolen“ zu erziehen. Konservative Teile der Gesellschaft und die Kirchen sehen die „traditionelle Familie“ bedroht und warnen vor der „Untergrabung der elterlichen Autorität”. „Kinder gehören ihren Eltern, nicht dem Staat“, war einer der Slogans.

Dass am Ende das Ja gewinnt, sorgt für Erleichterung

Gegen die kürzlich verabschiedete Neufassung des Strafgesetzbuches, das weiterhin die Todesstrafe enthält und damit gegen das christliche Gebot nicht zu töten, verstößt, hatte dagegen keine der christlichen Konfessionen eine öffentliche Erklärung abgegeben. Das lässt vermuten, dass es beim Familiengesetz also weniger um die Verteidigung der christlichen Lehre ging, sondern um politische Interessen.

Nicht zuletzt deshalb hielt Ramos das Referendum an sich für falsch. Der Gesetzgeber entziehe sich seiner Verantwortung, indem er die Entscheidung dem Volk überlässt. „Es gibt Dinge in diesem Gesetzbuch, die weder zur Debatte stehen, noch einem sogenannten Volksentscheid unterliegen sollten“, so Ramos. „Es gibt Minderheitenrechte, die zu schützen in der Verantwortung des Staates liegt und nicht von der Meinung der Mehrheit abhängen sollten.“

Niedrige Wahlbeteiligung für kubanische Verhältnisse

Für kubanische Verhältnisse war die Wahlbeteiligung relativ bescheiden und der Anteil der Nein-Stimmen relativ hoch. Dass ein Drittel mit „Nein“ gestimmt hat, ist nicht nur Ausdruck von Vorbehalten dem Gesetz gegenüber, sondern auch zum Teil Votum der Unzufriedenheit angesichts der schwierigen wirtschaftliche Lage.

Aufgrund des coronabedingten Einbruchs des Tourismus, dem Ende zahlreicher Ärzt*innenmissionen und verschärfter US-Finanzsanktionen sind die Deviseneinnahmen Kubas fast komplett weggebrochen. Das Land steckt in einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise. Viele Waren des täglichen Bedarfs sind nur noch für Devisen oder auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Die Inflation erreicht dreistellige Werte. Hinzu kommt in den vergangenen Monaten eine Energiekrise. Die kubanischen Wärmekraftwerke sowjetischer Bauart sind in einem bedauernswerten Zustand und müssten dringend überholt werden. Immer wieder kommt es zu Ausfällen infolge von Havarien oder Brennstoff- oder Ersatzteilmangel. Stundenlange Stromabschaltungen gehören mittlerweile wieder zur kubanischen Normalität. Ein Großbrand nach einem Blitzeinschlag im wichtigsten Treibstofflager des Landes Anfang August,bei dem insgesamt 16 Menschen starben, und Hurrikan Ian haben die Lage noch verschärft.

Die teilweise tagelangen Abschaltungen hatten im vergangenen Sommer mit dazu beigetragen, dass tausende Kubaner*innen auf der ganzen Insel gegen die Lebensmittel- und Medikamentenknappheit und für politische Veränderungen auf die Straße gegangen waren. Gegen hunderte Protestierende wurden zum Teil langjährige Haftstrafen verhängt. Statt auf die Straße zu gehen, packen nun viele Kubaner*innen ihre Koffer und kehren der Insel den Rücken, vor allem die jungen Leute verlassen das Land. Kuba erlebt dieser Tage die vielleicht größte Ausreisewelle seiner Geschichte, vor allem in die USA, aber auch nach Mexiko, Spanien, Russland oder Serbien.

„Die Propaganda der Regierung und ihrer Gegner hat die Diskussion über den Entwurf des Familiengesetzes so stark politisiert, dass es manchmal schwierig ist, zu erkennen, worum es bei der Volksabstimmung geht“, schrieb der Autor und Übersetzer Rodolfo Alpízar Castillo in einem Beitrag für das Onlineportal Joven Cuba. „Meiner Meinung nach sind der Kodex selbst und sein Inhalt für diejenigen, die die Ja- oder Nein-Kampagnen führen, am wenigsten wichtig.“

Viele Leute haben den Gesetzentwurf gar nicht gelesen, glaubt auch Ramos. „Sie votieren dagegen allein aufgrund der Krise der vergangenen zwei Jahre und der verlorenen Glaubwürdigkeit des Staates.“

Trans Personen bleiben außen vor

Dass am Ende das „Ja“ gewann, sorgte vielerorts für Erleichterung. „Der Gerechtigkeit ist Genüge getan worden“, schrieb Präsident Díaz-Canel auf Twitter. „Damit wird eine Schuld bei mehreren Generationen kubanischer Männer und Frauen beglichen, deren Familienprojekte seit Jahren auf dieses Gesetz warten.“ Zufrieden mit dem Abstimmungsergebnis zeigte sich auch Sam Olazábal. Die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe sei „ein Gewinn für die LGBTIQ*-Bewegung in Kuba“, sagte die 25-Jährige Aktivistin, die zu menstrueller Gesundheit und geschlechtsspezifischer Gewalt auf Kuba arbeitet. „Erreicht wurde dies dank der Arbeit vieler Aktivisten und Aktivistinnen.“. Allerdings habe der Gesetzentwurf immer noch Schwächen: „Im Zusammenhang mit Familie werden trans Personen nicht einmal erwähnt. Natürlich sind wir viel weiter als viele lateinamerikanische Länder, aber es liegt noch ein weiter Weg vor uns.“


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

WEGEN „AUFSTANDS“ IM GEFÄNGNIS

Die Anfrage datiert vom 19. November. Da fragte die Lateinamerika-Abteilung des Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) formell an, ob und wie viele Minderjährige sich in kubanischen Haftanstalten befinden. Eine offizielle Antwort der kubanischen Regierung steht zwar noch aus, aber sie könnte brisant sein. Es geht darum, ob Kuba, das die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet hat, sie verletzt hat.

Für die revolutionäre Regierung in Havanna käme das einem Gesichtsverlust gleich, denn immer wieder hat sich Kuba zu den Menschenrechten bekannt – auch mit laut kritischen Stimmen vor allem für die zweiten und dritten Grades. Also die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, die im Land traditionell weitaus besser umgesetzt werden als andernorts.

45 Fälle von Minderjährigen unter 18 Jahren, die am Tag der und nach den Protesten vom 11. Juli inhaftiert wurden, haben die beiden Organisationen Cubalex und Justicia 11J dokumentiert – über die Angaben der Eltern und anderer Verwandter. Während Cubalex in den USA, genauer von Pennsylvania aus arbeitet, ist Justicia 11J im Land selbst aktiv und sammelt Daten, die wiederum an Cubalex gehen. Letztere Organisation, die juristisch berät und lange in Kuba arbeitete, wird von Laritza Diversent geleitet. Die Anwältin hat 2010 die unabhängige Organisation gegründet. Als im September diesen Jahres Beamte des Innenministeriums 2.016 Computer und Unterlagen beschlagnahmten und das Team um Diversent darauf aufmerksam machte, dass freiberufliche juristische Beratung in Kuba illegal sei, emigrierte das Team in die USA, so Diversent. „Wir sind eine Nichtregierungsorganisation, die direkt mit den Familien von in Kuba verhafteten und angeklagten Menschen arbeitet. Die kubanische Regierung hat bisher keine offiziellen Angaben über die Anzahl der Verhaftungen am und nach dem 11. Juli gemacht, deshalb stützen wir uns auf Angaben der Familien, veröffentlichen die Daten (Foto, Ausweisnummer, Alter, Personalangaben) auf unserer Homepage und ergänzen diese Daten mit Informationen aus den sozialen Netzwerken.“

Von den bereits genannten 45 Minderjährigen sind 30 aus der Haft entlassen worden. Neun von ihnen warten unter Auflagen in Freiheit auf ihren Prozess. Vierzehn Minderjährige im Alter von 15 bis 18 Jahren befinden sich weiterhin in Haft. Darunter etliche, denen langjährige Haftstrafen drohen, wie etwa Brandon David Becerra Curbelo, der im Gefängnis 18 Jahre alt wurde und dem eine 18-jährige Haftstrafe droht. Seine Mutter ist an die Öffentlichkeit gegangen, hat protestiert und kritisiert, dass sich ihr Sohn in der Haft mit Covid-19 infiziert habe.

Mehreren Minderjährigen drohen hohe Haftstrafen

Sedición – Aufstand, lautet der Anklagepunkt, der nicht nur gegen ihn, sondern gegen eine ganze Reihe Jugendlicher ins Feld geführt wird, die auf ihre Prozesse warten. Für die Angehörigen, wie Yanaisy Curbelo, gilt: eine politische Anklage. Zudem ist es kein Einzelfall, denn mehreren der 15 Minderjährigen, die in Gefängnissen einsitzen, drohen langjährige Haftstrafen. Alle waren zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung noch keine 18 Jahre alt, weshalb Justicia 11J sie weiterhin als minderjährig einstuft. Das sehen die Behörden anders, denn sie betrachten alle Jugendlichen ab 16 Jahren als strafmündig.

Die Prozesse deuten darauf hin, dass nach Erwachsenenstrafrecht agiert und rigoros sanktioniert werden soll.

Damit befindet sich die kubanische Gesetzgebung im Widerspruch mit internationalen Standards, was auch schon länger einen Kritikpunkt seitens UNICEF darstellt. International sind Jugendliche erst ab 18 Jahren strafmündig und werden oft nach Jugendstrafrecht be- und verurteilt. In Kuba deuten die anberaumten, aber auch die bereits durchgeführten Prozesse, darunter mehrere Sammelverfahren, daraufhin, dass nach Erwachsenenstrafrecht agiert und rigoros sanktioniert werden soll. Darauf weisen die von dem Staatsanwalt geforderten Haftstrafen von 13-23 Jahren hin, die fast alle mit dem Straftatbestand des „Aufstands“ begründet werden.

80 Fälle gibt es laut den beiden Organisationen allein in Havanna, doch es werde landesweit ähnlich agiert. Glenda de la Caridad Marrero Cartaya heißt die 15-jährige, die in Jovellanos, nahe Matanzas die Proteste angeführt haben soll. Wie hoch ihr Strafmaß dafür sein wird, ist unklar. Dabei ist die 15-jährige selbst nach kubanischem Recht nicht strafmündig, was auch für mehrere andere Kinder gilt, die nach dem 11. Juli teilweise über Wochen inhaftiert waren. Der Jüngste, gerade erst 14 Jahre alt, ist Christopher Lleonart Santana.

Zwei Wochen nach den inselweiten Protesten hatte Außenminister Bruno Rodríguez noch bestritten, dass es Verhaftungen von Minderjährigen gegeben habe. Dass ist genauso unstrittig, wie die Tatsache, dass in mehreren Fällen kubanisches Recht verletzt wurde, so Laritza Diversent. „Es gibt mehrere Fälle, in denen Angeklagte in Sammelprozessen das Recht auf einen Anwalt vorenthalten wurde. Der bekannte Fotograf Anyelo Troya wurde, seiner eigenen Aussage zufolge, in einem Sammelprozess ohne Rechtsbeistand zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr wegen ‚Störung der öffentlichen Ordnung‘ verurteilt.“

Gründe, weshalb die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) bereits an die kubanische Regierung appelliert, neuerliche Menschenrechtsverletzungen wie nach dem 11. Juli zu unterlassen. Doch darauf deutet derzeit wenig hin, denn zum einen laufen die Prozesse weiter, zum anderen kam es auch rund um den 15. November, dem „Tag des friedlichen Marsches für den Wandel“ auf der Insel zu Festnahmen und zu etlichen Hausarresten. „Unserer Einschätzung zufolge wenden die Behörden die Gesetze selektiv an und sie verletzten das Recht zu demonstrieren, welches in der Verfassung garantiert ist. Es gibt in Kuba aber keine Regelungen, wie sie ihr Recht auf Versammlungsfreiheit, das Recht zu demonstrieren wahrnehmen können“, moniert die Juristin Diversent. Sie hat mit ihrem Team mehrfach Aktivist*innen und Jurist*innen bei der Auslegung der kubanischen Gesetze beraten, aber ohne großen Erfolg.

„Die Behörden wenden Gesetze selektiv an und verletzen das Recht zu demonstrieren“

Nun ist es das Kinderhilfswerk UNICEF, das mit seiner Anfrage die Initiative ergreift. Diese ist unbequem für die kubanische Regierung, aber kommt auch reichlich spät. Vier Monate hat sich die UN-Organisation Zeit gelassen, obwohl die Listen der Verhafteten mit allen nötigen Daten öffentlich zugänglich im Internet stehen. 1.292 Verhaftete beiderlei Geschlechts sind es derzeit, davon befinden sich 673 weiterhin im Gefängnis. Von den Freigelassenen sind 91 mit einer Geldstrafe davongekommen, für 314 fordert die Staatsanwaltschaft Haftstrafen zwischen einem und 30 Jahren. Darunter ist 122-mal der Anklagepunkt „Aufstand“ aufgeführt – siebenmal allein bei den vierzehn noch inhaftierten Minderjährigen, so schreibt die in Madrid lebende international prämierte Journalistin Mónica Baró.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

ZWISCHEN INDIVIDUELLER UND KOLLEKTIVER ERINNERUNG

San Felipe VI, 2005-2018 Konfrontation mit dem Großvater im Kunstwerk © Yoel Díaz Vázquez

Mit welchen Thematiken beschäftigt ihr euch in eurer künstlerischen Arbeit?
María Linares: In meinen Arbeiten beschäftige ich mich hauptsächlich mit Diskriminierung und Rassismus. Die Mittel, die ich verwende, sind verschieden. Ich arbeite gerne im oder mit dem öffentlichen Raum, mit der Öffentlichkeit. Oft arbeite ich auch mit Videos.
Daniela Lehmann Carrasco: Die Hauptthematik meiner Arbeit sind Symbolbilder des Kollektivgedächtnisses. Im Grunde archaische, ikonografische Bilder, die im kollektiven Gedächtnis eingebrannt sind und in Beziehung zu individuellen Erinnerungsbildern stehen. Ich als Autor schaue auf die Welt und entdecke die kollektive Bilderwelt und meine eigene Wahrnehmung.
Ana María Millán: Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen die Beziehungen zwischen Politik, Animation und Video in Bezug auf Propaganda, politische Propaganda, Gewalt und Gender.
Yoel Díaz Vázquez: Die Arbeit, die ich in dieser Ausstellung zeige, ist ein fotografisches Projekt, das ich mit meinem Großvater durchgeführt habe. Darin reflektiere ich die zentralen politischen Widersprüche zwischen verschiedenen Generationen von Kubanern bezüglich ihrer Wahrnehmungen der kubanischen Revolution. Ich wollte verschiedene Perspektiven aufzeigen, in diesem Fall die Generation meines Großvaters und meine als Künstler. Für dieses Projekt habe ich meinen Großvater gefragt, ob ich ihn vor der Kamera bei der Interaktion mit zwei Objekten unterschiedlicher Verwendung und unterschiedlicher Symboliken darstellen könne. Das eine ist ein Diplom, das er für seine damalige gute Arbeit als Gastronom erhielt. Er erhielt überhaupt viele Diplome im Laufe seines Lebens, man könnte sagen, er war ein echter Held der Arbeit. Das andere ist eine Saugglocke fürs Badezimmer, die ich absichtlich ausgewählt habe, um ihn ein wenig zu provozieren, um Gefühle der Introspektion, sogar der Ablehnung hervorzurufen.

 

RENOMBREMOS EL 12 DE OCTUBRE, 2019 Teilnahme im partizipativen Projekt, © María Linares

 

María, deine Arbeit RENOMBREMOS EL 12 DE OCTUBRE (2019), die du in Berlin zeigst, enthält eine Petition und eine Datenbank zur Umbenennung des „Tags der Rasse“. Wie verläuft dein Arbeitsprozess und was ist dafür zentral?
ML: Die Arbeit gehört zu meiner Promotion als Künstlerin, wo ich mich seit Längerem mit Rassismus und dem, was „Rasse“ heißt, auseinandergesetzt habe. Ich bin Kolumbianerin, ich bin dort aufgewachsen und habe dabei tausendmal den sogenannten „Tag der Rasse“ mitgefeiert. Heute sehe ich mich ein bisschen in einem Niemandsland bezüglich der Sprache und so ist es auch mit dem Dasein: Ich bin hier fremd und habe einen fremden Blick, genauso bin ich aber in Kolumbien fremd, wo ich seit 25 Jahren nicht mehr lebe. Ich glaube, wenn ich noch dort wäre, wäre mir das mit dem „Tag der Rasse“ nicht aufgefallen. Dieser Blick entsteht nur durch diese Kontextverschiebung, die dieses im Niemandsland-Sein ermöglicht. Der Vorteil des Künstlerseins ist, dass man Sachen sieht, die man nicht sieht, wenn man tief drin ist.

Der 12. Oktober hat unterschiedliche Namen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Woher kam der Anstoß zur Umbenennung?
ML: Als man sich auf die Fünfhundertjahrfeier der „Entdeckung“ vorbereitete, sagte die mexikanische Kommission: wir sind die Kommission „del Encuentro de dos Mundos“ (Begegnung zweier Welten). In Mexiko heißt der Tag noch immer so. Aber auch das ist nicht gut gegangen, mittlerweile haben Minderheiten ihre Stimme erhoben. Ab den 90er Jahren fand ein Paradigmenwechsel statt, in dem Multikulturalität im Zentrum stand. In Argentinien heißt der Tag heute „Día de las Culturas“. Dort gibt es eine Soziologin, die sagt, es heißt jetzt zwar „Tag der Kulturen“, aber das ist nur eine Maske für dasselbe, ein Weißwaschen. Für jeden Namen, der umgesetzt wurde, gibt es eine Gegenkritik, die die Assimilation entlarvt.
In der Datenbank hat der „Abya Yala Tag“ die meisten Stimmen. Meine These ist, dass das wieder ein ganz anderes Paradigma aufweist, das auf globaler Ebene an Bedeutung gewinnt: Es ist nicht mehr der Mensch im Zentrum. Sprechen wir vom „Tag der Kulturen“, sprechen wir vom „Tag des indigenen Widerstands“, wie in Venezuela, dann sind immer noch Menschen im Zentrum des Diskurses. Abya Yala lässt den Menschen weg, es bezieht sich auf die Geografie, auf die Umgebung, auf die Natur. Da könntest du auch einen Fluss feiern.

 

Círculo, 2021 Verbindet kollektive und individuelle Erinnerungen, Videostill, © Daniela Lehman Carrasco

 

Daniela, in deine Videoarbeiten Le Glück Quantitativ (2010) und Círculo (2021) sind Dokumentarfilme eingeflossen, wie La Batalla de Chile von Patricio Guzmán. Was ist die Idee dahinter?
DLC: Guzmán hat ja alles dokumentiert, was in der Allende-Zeit passiert ist, es gibt aber nur wenig filmische Dokumente aus der Putschzeit. La Batalla de Chile ist eigentlich das einzige Zeugnis dieser Zeit, das ich kenne. Man hat ja wenig privat gefilmt früher und mir war es wichtig, die Gewalt und die Erinnerungen daran zu zeigen. Le Glück Quantitativ zeigt die sozialen Utopien der 60er Jahre – gerechte Verteilung für alle, damit bin ich groß geworden. Die neue Arbeit heißt Círculo, weil ich gesehen habe, dass sich viele Dinge wiederholen, sowohl von der Gewalt, die das Militär gegenüber den Studenten, oder Schülern vielmehr, aufgebracht hat, als aber auch diese ganze utopische Kraft der Menschen, die jetzt dazu geführt hat, dass sie eine neue Verfassung schreiben, was ich ja ganz großartig finde.

Du stellst ganz bewusst nicht nur die beiden Zeiten, sondern auch die beiden Länder in einen Dialog. Basiert das auf einer Außenperspektive oder ist das auch deine Geschichte?
DLC: Also, ich bin Deutsch-Chilenin. Meine Eltern sind nach Deutschland exiliert, wir waren da noch sehr klein und ich bin in Frankfurt aufgewachsen, aber meine deutschen Berliner Großeltern väterlicherseits sind wegen der Nazis nach Chile ausgewandert. Meine Oma ist Jüdin gewesen. Dieses Zurückbesinnen hat etwas damit zu tun, in welchem Kontext ich aufgewachsen bin, in der Frankfurter Soli-Bewegung für die chilenischen Gefangenen. Die chilenische Community, die linke, egal welcher Partei du angehörtest, war sehr eng, hat sehr viel gemeinsam unternommen, hat sich stark orientiert aneinander. Ich bin aber ein bisschen anders aufgewachsen als viele anderen Chilenen, weil ich auch diesen deutschen Part habe. Ich bin mit den „Deutschland im Herbst“-Sachen (deutscher Episodenfilm von 1978 über die RAF-Zeit, Anm. d. Red.) aufgewachsen. Wir waren auf Demos und Kundgebungen, deshalb habe ich das zusammengemischt. Es geht in dieser Arbeit um meine Kindheit und Jugendzeit, ich habe das Trauma darin gesucht.

 

Elevación, 2019 Politik und Animation, Video Still © Ana María Millan

 

Ana María, warum hast du einen kollaborativen Prozess als Grundlage für deine Animation Elevación (2019) gewählt? Wie gehst du bei deiner Arbeit vor?
AMM: Ich habe begonnen, die Themen politische Propaganda, Gewalt und Geschlecht aus dem Studio heraus zu bearbeiten. Ich habe mit Materialen in Bezug auf bestimmte politische Narrative experimentiert. Mit der Zeit habe ich eine partizipative Methodik gefunden: Ich führe Rollenspiele mit Leuten durch, wir lesen einen Text und die Leute kreieren Charaktere, um die historischen Situationen, die in diesem Text genannt werden, zu bewältigen. In diesem Fall geht es um die Frage, wie der Widerstand in Kolumbien entstanden ist. Durch den kollaborativen Prozess suchen wir gemeinsam nach Lösungen. Hier werden diese in Bilder übersetzt, in einem anderen Fall können es spezifische Richtlinien sein, es ist ein pädagogischer Prozess. Außerdem zeige ich dieses Werk gerne hier, weil Deutschland einer der Garanten des Friedensprozesses in Kolumbien ist. So ist es auch ein Hilferuf, dass das Friedensabkommen erfüllt wird.

Wie verhalten sich Realität und Fiktionalität in deiner Arbeit zueinander? Ist das Medium des Videos eine Möglichkeit, sich die Realität anzueignen? Deine Arbeit basiert außerdem auf einem Comic, wie ist die Verbindung?
AMM: Die Fiktion ist eine Möglichkeit durch fiktive Figuren in eine Erzählung und in die Realität einzutreten, um an einen unbewussten Vorgang zu appellieren, der von einem historischen Prozess spricht. Marquetalia. Raices de la Resistencia (Wurzeln des Widerstands) ist ein Comic, der sich auf die erste unabhängige Republik der Bauern in Kolumbien bezieht und zeigt, wie die Gewalt des Staates sie zerstörte. Der Comic ist ein beliebtes Werkzeug, denn er kann pädagogisch verstanden werden und uns zum Reden bringen, zum Aufwerfen von Fragen zum Friedensprozess. Die Gewalt des Staates hört bis heute nicht auf. Es ist, als würde sich die Geschichte immer wieder wiederholen. Kolumbien ist eines der wenigen Länder, das noch keine Agrarreform hatte und dafür gibt es einen großen Kampf. Denn das Problem ist nach wie vor die Abhängigkeit von dem Land, das vier kolumbianischen Familien gehört. Eine Landreform ist dringend notwendig. Kunst hat die Fähigkeit, das Problem anzuprangern, zu kommunizieren, zu verkünden, was dieser Comic tut.

Yoel, du zeigst deine fotografische Arbeit San Felipe (2005-2018). Setzt du dich in deinen Arbeiten mehr mit der Geschichte deiner Familie oder eher mit einer kollektiven Geschichte Kubas auseinander?
YDV: Es ist eine kollektive Geschichte. Ich komme aus einer einfachen Familie, mein Großvater war ein Arbeiter, der auf dem Bau arbeitete, sogar in den Zuckerrohrfeldern, und er folgte, wie viele seiner Generation, dem Líder Fidel. Das ist die große Geschichte Kubas: Fidel Castro war eine Persönlichkeit mit viel Charisma und gewann die Sympathie des kubanischen Volkes. Das Ziel der Revolution war in erster Linie die Errichtung der Demokratie in Kuba, die Wiederherstellung der Verfassung von 1940 und natürlich die Absetzung des Diktators Fulgencio Batista. Und was ist passiert? Mit all diesen Zielen gewann Castro die Sympathie des ganzen Volkes, der kubanischen Mittelschicht und sogar der amerikanischen Mittelschicht, die auch die kubanische Revolution mitfinanzierte.
Mein Großvater hat durch die Revolution keine Art von Verlust erlebt und er spürte, dass die Reden, die Fidel hielt, für ihn waren. Fidels Rede lösten in ihm viele Erwartungen für sein Leben und für das Leben seiner Familie aus. Mit anderen Worten: All der Wohlstand, den Fidel ihm versprochen hat, für Kuba, für das Volk im Allgemeinen, für seine Kinder, für seine Enkelkinder, ist etwas, das wir Enkel jetzt nicht mehr sehen. Und das ist die Enttäuschung, die ich mit diesem Objekt der Saugglocke hervorrufe. Ich konfrontiere meinen Großvater ein wenig mit einem symbolischen politischen Dialog, denn ein normaler Dialog ist unmöglich.

Wie ist es für dich, ein Werk hier in Deutschland auszustellen, das so viel kubanische Geschichte und so viel gesellschaftlichen Kontext enthält? Wie sind die Reaktionen?
YDV: Hier war es schon immer sehr einfach, politische Arbeiten auszustellen. Alle Künstler, die dem Aktivismus nahestehen, haben in Deutschland eine ideale Plattform, um ihre Kunst zu zeigen. Ich habe hier immer ein offenes Publikum vorgefunden, vor allem wegen der Geschichte, die uns verbindet, nämlich die Geschichte der DDR. Das heißt, ein Teil der Deutschen hat diese Erfahrung, die ich in vielen meiner Arbeiten in Bezug auf Kuba erzähle, schon gemacht.
Es ist eine Frage, die ich mir immer gestellt habe: Wann werden wir in unseren nicht-westlichen Ländern das Vergnügen haben, ohne Angst vor Unterdrückung aufzutreten, unsere Ideen, unsere Kunst auszustellen, ohne Angst, verurteilt und eingesperrt zu werden.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

RAÚL CASTRO IN ZWEITER REIHE

Ende einer Ära Zum ersten Mal seit 1965 führt kein Castro die Kommunistische Partei Kubas (Foto: @Doug88888 via flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0)

Es ist vor allem ein symbolischer Einschnitt. Erstmals seit 1965 wird die Kommunistische Partei Kubas (PCC) nicht mehr von einem Castro geführt. Auf dem VIII. Parteikongress Mitte April stellte sich der bisherige Parteivorsitzende Raúl Castro nicht mehr zur Wahl. Vor Raúl, der 2006 zuerst provisorisch und dann endgültig den Posten an der Parteispitze für seinen erkrankten Bruder übernahm, hatte der 2016 verstorbene Revolutionsführer Fidel Castro selbst die Zügel in der Hand. Die PCC wurde in der heutigen Form als Einheitspartei erst sechs Jahre nach der Revolution 1959 gegründet.

Raúl Castro verkündete, er werde künftig „das Vaterland, die Revolution und den Sozialismus“ als einfacher Parteisoldat verteidigen. Auch andere Vertreter der historischen Garde schieden aus dem Amt. Zum Nachfolger an der Parteispitze wurde Staatspräsident Miguel Díaz-Canel gewählt, der 2019 ebenfalls auf Raúl Castro an die Spitze des Staates folgte.

In der öffentlichen Wahrnehmung spielte der Abschied Raúls allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Dabei haben die Jahre Raúl Castros an der Spitze von Partei und Staat das Leben der Kubaner*innen nachhaltig verändert. Seit seiner Regierungsübernahme im Jahr 2008 leitete er einen Umbruch ein. Die Wirtschaft wurde für ausländisches Kapital geöffnet, der Staatssektor reduziert und mehr Privatinitiative zugelassen. Darüber hinaus erlaubte die Regierung den Kauf und Verkauf von Autos und Immobilien, hob Reisebeschränkungen auf und baute den Internetzugang für die Bevölkerung aus. Mit der Verabschiedung der mehr als 300 lineamientos, der Leitlinien der Wirtschafts- und Sozialpolitik, wurden auf dem VI. Parteikongress im April 2011 wichtige Reformvorhaben angeschoben, wenn auch bis heute nur zum Teil umgesetzt.

Eine nicht zu unterschätzende Leistung Raúls war es, nach dem sehr personalisierten politischen System unter Fidel Castro die kubanische Politik stärker institutionalisiert zu haben – durch Einführung einer Amtszeitbegrenzung und einer Altersgrenze für politische Ämter sowie der Schaffung des Amtes eines Premierministers. Die größte Leistung war vielleicht die Annäherung auf Augenhöhe zusammen mit Barack Obama an den Erzfeind USA, die von US-Präsident Donald Trump jedoch zurückgedreht wurde.

Für ein Päckchen Hühnerfleisch steht man zum Teil acht Stunden lang an

Raúl Castro übergibt den Parteivorsitz in einer Zeit, in der die verschärfte US-Blockade und der coronabedingte Einbruch des Tourismus Kuba in eine tiefe Wirtschafts- und Versorgungskrise gestürzt haben. Zu deren Sinnbild sind die langen Warteschlangen geworden. „Alles ist schwierig … Um ein Päckchen Hühnerfleisch zu kaufen, steht man zum Teil sieben, acht Stunden lang an“, sagt Ricardo Barragán. Zwar habe sich die Situation zuletzt etwas gebessert, aber es könne durchaus passieren, dass 200, 300 Leute vor einem Laden anstünden, so der 59-jährige Familienvater. Wie alle Protagonist*innen in diesem Text bat er darum, seinen Namen zu ändern. Vor Beginn der Pandemie verdiente er als Kunsthandwerker sein Geld; seitdem hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Oft aber ist er den ganzen Tag unterwegs, um etwas Reis oder Fleisch aufzutreiben.

Die Corona-Pandemie hat die bereits zuvor akute Krise auf der Insel weiter verschärft. Die Einnahmen aus dem Tourismus brachen fast vollständig weg; immer schärfere US-Sanktionen erschweren Geldüberweisungen von Auslandskubaner*innen. Die Regierung in Havanna reagierte darauf zu Jahresbeginn mit einer Währungsreform, begleitet von einer Preis- und Lohnreform. Nach 25 Jahren wurde der Konvertible Peso (CUC) abgeschafft und der Kubanische Peso (CUP) als einzige Währung im Umlauf belassen. An die Stelle des CUC ist aber längst eine andere starke Währung getreten: der US-Dollar.

Statt nach hinten, wachsen in Kuba die Schlangen nach vorn

Um dringend benötigte Devisen einzunehmen, eröffnete die Regierung im Oktober 2019 staatliche Devisenläden, in denen Haushaltsgeräte und Autoteile und seit Juni 2020 auch Lebensmittel und Hygieneartikel per Kartenzahlung gegen Devisen gekauft werden können. Mittlerweile gibt es zwei Wechselkurse gegenüber dem US-Dollar. Während offiziell 24 CUP einem US-Dollar entsprechen, die staatlichen Wechselstuben aber keine Devisen mehr ausgeben, wird auf dem Schwarzmarkt bereits das Doppelte, also 48 CUP und mehr für einen US-Dollar gezahlt.

Schlange stehen Mittlerweile sogar ein Geschäftszweig (Foto: Andreas Knobloch 2020)

In den Nicht-Devisenläden ist das Angebot ausgedünnt. Dort, wo es noch etwas zu kaufen gibt, bilden sich lange Schlangen. Die sind zum sichtbaren Ausdruck der prekären Versorgungslage geworden. Praktisch für jedes Produkt wird angestanden – oft stundenlang. „Einen Tag Hähnchen hier, morgen Speiseöl dort. Die Schlangen hören dadurch nie auf“, klagt Barragán. Viele, gerade ältere Leute können oder wollen aber nicht Schlange stehen. Hinzu kommt die Sorge vor der Corona-Ansteckungsgefahr in den Menschenansammlungen. Dies hat einen Geschäftszweig aufblühen lassen: professionelle Schlangensteher*innen, so genannte coleros, die ihren Platz in der Warteschlange gegen eine kleine Summe abtreten oder Waren zum Zwecke des Weiterverkaufs auf dem Schwarzmarkt erstehen.

Marco Jiménez hat durch diese Tätigkeit in der Pandemie ein Auskommen gefunden. Der Anfang Vierzigjährige ist in einem staatlichen Optiklabor angestellt. Vor der Währungsumstellung verdiente er 280 CUP im Monat, knapp zwölf US-Dollar. Nebenbei verkaufte er unter der Hand Brillengläser und besserte so sein Einkommen auf. „Ab Ende 2019 aber gab es keine Materialien mehr, kein Glas, und wir wurden nach Hause geschickt. Zwei Monate bekamen wir noch Gehalt, dann nichts mehr“, sagt er. Ein Freund brachte ihn auf die Idee, mit Schlangestehen Geld zu verdienen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie werden aus Hygienegründen in die meisten Geschäften nur noch zwei bis vier Kund*innen gleichzeitig hereingelassen. Das hat die Warteschlangen potenziert. Die Reduzierung der Öffnungszeiten und die in Havanna geltende nächtliche Ausgangssperre verschärfen das Problem noch. „Ab fünf Uhr morgens darf man raus. Die Leute markieren ab dann ihren Platz in der Schlange“, sagt Jiménez. Das tun sie, indem sie nach dem Letzten (el último) in der Schlange fragen. „Statt nach hinten, wachsen in Kuba die Schlangen nach vorn. Denn mit Ladenöffnung um neun Uhr tauchen diejenigen auf, die vorher markiert haben. Es kann also passieren, dass dann nicht mehr zehn, sondern plötzlich 70 Leute vor einem stehen.“ Einige verkaufen ihren Platz in der Schlange, in der Regel für 50 CUP.

Zeitaufwendiger, aber auch lukrativer ist es, selbst einzukaufen und dann weiterzuverkaufen. „Hühnchen, Hackfleisch, Mayonnaise, Spaghetti, was auch immer es gibt“, sagt Jiménez. Beim Weiterverkauf verlange er in der Regel das Doppelte. Er schätzt, dass 80 Prozent der Leute in den Schlangen Weiterverkäufer*innen sind. Auch wenn die Zahl vielleicht etwas hoch gegriffen ist, die Dynamik ist klar: Ein Großteil der Produkte landet auf dem Schwarzmarkt.

Die Regierung versucht gegenzusteuern, hat Preisobergrenzen festgelegt und von allen, die einen Laden betreten, wird der Ausweis gescannt. Damit soll verhindert werden, dass die Leute sich jeden Tag oder mehrmals täglich irgendwo anstellen. Die Geldbußen sind hoch. Zahlreiche Produkte sind darüber hinaus normiert. So gibt es beispielsweise pro Person nur ein Päckchen Hühnerfleisch. Jiménez nimmt daher in der Regel zwei, drei Leute mit, um größere Mengen einkaufen zu können, wie er sagt. „Ansonsten lohnt es sich nicht.“ Manchmal spricht er auch vor dem Laden Wildfremde an und bietet ihnen etwas Geld, damit sie ihn begleiten und er mehr kaufen kann.

Hoffnungen setzt die Regierung auf den Corona-Impfstoff

Marco Jiménez verdient nach eigenen Angaben zwischen 750 und 1000 CUP pro Woche. Damit komme er gut über die Runden. Zumal er seit zwei Monaten vom Staat für pesquisas eingesetzt wird, also von Haustür zu Haustür geht, um Coronainfizierte aufzuspüren. Dafür erhält er derzeit wieder sein staatliches Gehalt. Das hat sich durch die Währungsunion brutto verzehnfacht. Allerdings sei auch alles teurer geworden, so Jiménez. Das britische Wirtschaftsinstitut Economist Intelligence Unit erwartet für Kuba in diesem Jahr einen Preisauftrieb zwischen 400 und 500 Prozent.

Die Versorgungskrise und Inflation in den Griff zu bekommen, wird die große Herausforderung der kubanischen Führung um den neuen Parteivorsitzenden Díaz-Canel sein. Überraschungen bei der Besetzung der Führungsgremien der Partei blieben aus. Das neue Politbüro hat statt 17 künftig 14 Mitglieder, darunter nur drei Frauen. Zu den fünf neugewählten Mitgliedern des Politbüros gehören Premierminister Manuel Marrero, der gerade erst neu ernannte Verteidigungsminister Álvaro López Miera, sowie Luis Alberto Rodríguez López-Callejas, Chef der mächtigen GAESA-Holding, die weite Teile der Wirtschaft kontrolliert. Die Vertreter der historischen Garde, José Ramón Machado Ventura, 90, und Ramiro Valdés, 88, gaben wie Raúl ihre Ämter ab. Díaz-Canel betonte in seiner Antrittsrede Kontinuität und machte klar, dass er auch in Zukunft alle strategischen Entscheidungen des Landes mit Rául Castro abstimmen werde. Ein dramatischer Kurswechsel ist also nicht zu erwarten.

Insgesamt entwickelt Kuba fünf eigene Impfstoffe

Über den Generationenwechsel an der Parteispitze hinaus, brachte der Parteitag keinerlei Neuerungen. Kuba bleibt ein Ein-Parteien-System und Staat und staatliche Unternehmen die wichtigsten Akteure in einer zentral gelenkten Wirtschaft. Dem Privatsektor wird allenfalls eine ergänzende Rolle zugestanden. Der zentrale Bericht des Parteitages betont die Bedeutung der Entwicklung der Volkswirtschaft sowie den Kampf für Frieden und ideologische Festigkeit als Hauptaufgaben der Partei; ohne über Maßnahmen ins Detail zu gehen. Aber ohnehin sollte der Bericht eher als politisches denn als konkretes Regierungsprogramm gelesen werden. Praktische Antworten auf die schwere Wirtschaftskrise muss die Regierung finden. Denn wie sagte Regierungschef Marrero Anfang April, als er über die Dringlichkeit von Reformen sprach: „Die Leute essen keine Pläne.“

Hoffnungen setzt die Regierung auf den Corona-Impfstoff. Zwei der auf Kuba entwickelten Vakzine, Soberana 02 und Abdala, haben Phase III der klinischen Studien abgeschlossen. Wie alle kubanischen Impfstoffe bestehen sie aus rekombinantem Protein, sind also sogenannte Totimpfstoffe. Das US-amerikanische Unternehmen Novavax verwendet für seinen Impfstoff dasselbe Prinzip. Die Ergebnisse seien bislang „hinsichtlich der Sicherheit des Vakzins und der Immunantwort ermutigend“, sagte die Hauptverantwortliche der Studie, Dr. María Eugenia Toledo, im kubanischen Fernsehen. Gemeldete COVID-19-Fälle unter den Freiwilligen hätten nur „milde Symptome“ gezeigt.

Insgesamt entwickelt Kuba fünf eigene Impfstoffe: neben Soberana 02 und Abdala, Soberana 01 (in Phase II), Mambisa (in Phase I) und Soberana Plus. Für ein kleines Land wie Kuba, das zudem unter der Blockade der USA leidet, eine außerordentliche Leistung.

Die kubanischen Wissenschaftler*innen gehen davon aus, im Laufe des Jahres die gesamte Bevölkerung der Insel immunisieren zu können. Im August soll ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen. Ab Anfang Mai werden bereits 1,7 Millionen Bewohner*innen der kubanischen Hauptstadt Havanna in Abstimmung mit der Weltgesundheitsorganisation mit Soberana 02 und Abdala immunisiert. Länder wie Argentinien oder Vietnam haben bereits Interesse an den kubanischen Impfstoffen signalisiert. Der Export der Vakzine könnte wichtige Deviseneinnahmen bringen und so ein Hoffnungsschimmer für die Überwindung der schweren Wirtschaftskrise sein.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

REFORMIEREN, UM NICHT ABZUSTÜRZEN

Vorbild auch für andere Sektoren? Die Finca Marta bei Havana (Foto: Knut Henkel)

Seiner Wohnung gegenüber ist der Bauernmarkt, wo Ricardo Torres das Gros seiner Lebensmittel einkauft. „Das Angebot ist deutlich besser als noch im Mai und Juni – es kommen mehr Produkte in Havanna an“, beobachtet der Sozialwissenschaftler vom Studienzentrum der kubanischen Ökonomie (CEEC). Ein positives Signal inmitten der Pandemie, die in Kuba mit massiven Versorgungsengpässen einherging. Speiseöl, Hühner- und Schweinefleisch waren über Monate genauso knapp wie Reinigungsmittel, Seife und Shampoo. Doch Speiseöl, auch Schweinefleisch und Grundnahrungsmittel wie Gemüse, Reis und Kartoffeln seien auf den Bauernmärkten wieder vorhanden, die Schlangen deutlich kürzer als noch vor ein paar Monaten, meint Torres.

Allerdings kommt die Verbesserung der Versorgungslage doch etwas überraschend angesichts der massiven Sanktionen von Seiten der USA, deren Regierung die finanziellen Daumenschrauben im Wahlkampf bis zum Äußersten anzieht. Die remesas, die Dollartransfers aus den USA nach Kuba, haben die Verantwortlichen im Weißen Haus und im State Department im Visier. Die jüngsten Ankündigungen aus Washington sind dafür bezeichnend. „Personen, die der US-Gerichtsbarkeit unterliegen, sind nicht länger berechtigt, Überweisungen nach oder von Kuba zu bearbeiten, an denen ein Unternehmen oder eine Unterorganisation auf der ‘Cuba Restricted List’ des Außenministeriums beteiligt ist“, hieß es in einem Statement von US-Außenminister Michael Pompeo Ende Oktober 2020. Auf dieser US-Sanktionsliste finden sich neben kubanischen Regierungsstellen auch die Unternehmen des kubanischen Militärs (FAR). Dieses kontrolliert auf der sozialistischen Insel über ihre Finanzdienstleister die Geldsendungen aus dem Ausland. US-Überweisungen nach Kuba könnten „immer noch fließen, aber sie werden nicht durch die Hände des kubanischen Militärs fließen, das diese Mittel verwendet, um das kubanische Volk zu unterdrücken und Kubas Einmischung in Venezuela zu finanzieren“, begründete Washington die Maßnahme. Doch die treffe die ganz normalen Kubaner, die oftmals auf das Geld von den Verwandten im Ausland angewiesen seien, so Pavel Vidal, kubanischer Finanzexperte mit einem Lehrauftrag an der Universität Javeriana im kolumbianischen Cali. „Das wird bewusst in Kauf genommen, um die Stimmen der Exilgemeinde in Florida zu gewinnen“, kritisiert Vidal, der seine Eltern auf der Insel unterstützt.

Die US-Sanktionen treffen diejenigen, die auf das Geld von Verwandten im Ausland angewiesen sind

Große Finanzdienstleister wie Western Union spielen dabei eine wichtige Rolle, weshalb die neue Initiative aus dem Weißen Haus auch als „Lex Western Union“ bezeichnet wird. Das private US-Unternehmen Western Union kooperiert mit dem Finanzunternehmen Fincimex, einer Tochtergesellschaft von Cimex, die wiederum zur Militärholding GAESA gehört. Das ist den USA ein Dorn im Auge, aber auch kleinere Unternehmen sind im Geldtransfer-Sektor aktiv. Alle zahlen in Kuba allerdings ausschließlich in CUC aus, der kubanischen an den US-Dollar gekoppelten Hartwährung, und nicht in US-Dollar. Das ist schon länger und nicht erst seit Mitte dieses Jahres so, als die neuen Devisen-Supermärkte aufgemacht wurden, die nur international konvertierbare Devisen per Bankkarte akzeptieren. Der CUC, auch chavito genannt, ist bei vielen Kubaner*innen verpönt, da die bunten Scheine nur auf der Insel gelten und nicht konvertibel sind. Die Währung, in den 1990er Jahren im Tourismussektor eingeführt und 2004 inselweit zur Hartwährung und Ersatz für den damals verbotenen US-Dollar erhoben, der seit 1993 legal auf der Insel zirkuliert, steht derzeit vor dem Aus. Die über zehn Jahre von kubanischen Expert*innen diskutierte und notwendige Währungsreform soll nun erfolgen. Für Ökonomen wie Pavel Vidal ein überfälliger Schritt, der die Uhr partiell zurückdreht. „De facto sind wir in den letzten 12 Monaten Zeugen einer Re-Dollarisierung der kubanischen Wirtschaft geworden. Erst wurden im Oktober 2019 hochwertige Elektro-Produkte gegen US-Dollar in bar verkauft. Mit der Eröffnung der 72 Devisen-Supermärkte im Juli erfolgte dann ein weiterer Schritt zurück in die 1990er Jahre mit dem US-Dollar als Hartwährung und dem Peso nacional als schwache Insel-Währung“, so Vidal. Er sieht das Risiko, dass sich in Kuba die Geschichte wiederholt – eine Zweiteilung der Inselökonomie in einen dynamischen Devisensektor und einen schwachen Binnensektor. „Eine derartige duale Wirtschaft ist alles andere als wünschenswert, sie wirft enorme Probleme auf, die wir alle aus den 1990er Jahren kennen“, kritisiert er.

Dass nun der US-Dollar zurückkehrt, wenn auch nur partiell, ist alles andere als ein wünschenswertes Signal, aber der prekären finanziellen Situation geschuldet. Der Regierung von Präsident Miguel Díaz-Canel steht aus finanzpolitischer Perspektive das Wasser bis zum Hals. Altschulden beim Pariser Club konnten im Dezember 2019 nicht bedient werden, Finanzministerin Meisi Bolaños Weiss hat den Club der staatlichen Schuldner gebeten, die Schuldenzahlung angesichts der Pandemie auszusetzen und auch bei den Lieferanten steht die Insel knietief im Dispo. Bis zu zwei Milliarden US-Dollar an Schulden sollen Schätzungen von Experten zufolge aufgelaufen sein. In dieser Situation treffen die US-Sanktionen die Insel hart. Hinzu kommt, dass der Tourismus zwischen Ende März und Ende August 2020 kaum Einnahmen generiert hat. Mit der seit Mitte Oktober erfolgten Wiedereröffnung der wichtigsten Tourismusdrehscheibe der Insel, Varadero, kann sich das langsam wieder ändern. Doch die Entscheidung birgt trotz ausgeklügelter Hygienekonzepte, obligatorischer Tests am Flughafen von Varadero und medizinischen Teams in jedem Hotel durchaus Risiken. Bisher ist Kuba mit 7184 offiziell registrierten Infektionen und 129 Toten (Stand 06.11.2020) deutlich besser durch die Pandemie gekommen als viele Nachbarn. Das sei, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO), auch darauf zurückzuführen, dass Medizinstudent*innen durch die Stadtteile gehen, Haus für Haus nach Infektionssymptomen fragen und Infektionsketten nachgegangen wird. Diese aufsuchende medizinische Hilfe ist eine Besonderheit und basiert auf einem flächendeckenden Gesundheitssystem, das nur wenige Länder in der Region vorweisen können. Trotzdem ist die Wiederöffnung des Flughafens von Varadero, der alsbald die des Airports von Havanna folgen soll, ein Risiko, da es vor allem Besucher*innen aus den USA, Kanada und Europa sind, die zu den typischen Gästen gehören – außer Kanada alles Regionen mit hohen Infektionszahlen.

Ökonomische Reformen bieten Chancen für kleine und mittlere Unternehmen

Trotz des Risikos eingeschleppter Viren wirbt die Regierung Díaz-Canel für die Reaktivierung dieses wichtigen Devisenbringers, wo mehr als 500.000 Menschen in staatlichen Einrichtungen arbeiten und etwa zehn Prozent des Brutto-Inselprodukts erwirtschaftet werden. Es sind die finanziellen Nöte, die trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, zu der Entscheidung beitragen und das treibt auch Analysten wie Pavel Vidal die Sorgenfalten auf die Stirn. Der begrüßt allerdings die Ankündigung, dass trotz Pandemie neue ökonomische Reformen auf den Weg gebracht werden sollen. „Der Reformstau ist seit Jahren ein immenses Problem. In den letzten Jahren ist trotz negativer ökonomischer Parameter kaum etwas passiert, die Reformagenda, die Raúl Castro 2011 auf dem Parteitag der kommunistischen Partei (PCC) vorgelegt hat, ist auf Eis gelegt worden“, moniert Vidal, der schon 2010 für strukturelle Reformen eintrat. Das eint die kubanischen Sozialwissenschaftler*innen, die vor allem für mehr Chancen für kleine und mittlere Unternehmen angesichts einer hoch zentralisierten und ineffizienten Wirtschaftsstruktur werben.

Die sollen nun kommen, wie Wirtschaftsminister Alejandro Gil und Präsident Miguel Díaz-Canel erstmals im Juli 2020 ankündigten. Kleine Schritte wie die Zulassung von angestellten Arbeiter*innen in der Landwirtschaft ohne bürokratisches Procedere oder die Legalisierung von Exporten durch Agrargenossenschaften haben dabei Signalcharakter, so Pavel Vida. „Ökonomisch fallen sie nicht ins Gewicht, aber sie zeigen, was zukünftig gehen könnte“, sagt er und befindet sich damit in Gesellschaft von Ricardo Torres und dem unabhängigen Analysten Omar Everleny Pérez, der früher an der Universität Havanna arbeitete. „Fruta Selecta heißt ein kubanisches Unternehmen, das kleinen und mittleren Produzenten den Export von Limonen, Avocados und anderen Agrarprodukten nach Italien und Spanien ermöglicht, bei Verpackung und Verschiffung hilft. Das sind Modelle, die zukünftig neue Dynamik bringen können“, so Everleny Pérez. Davon können Genossenschaften im Agrarsektor profitieren, so wie der Vivero Organopónico von Alamar, der seit Mitte der 1990er Jahre existiert und mit innovativen Produktionsstrukturen ein Beispiel sein könnte. Ein anderes Agrarunternehmen ist die Finca Marta von Fernando Funes, der mit seinem Team Restaurants mit frischem Gemüse beliefert. Optionen, die seit mehr als zehn Jahren auch für den staatlichen Tourismussektor diskutiert, aber eben nicht realisiert wurden.

„Reformen, um nicht in den Abgrund zu stürzen” hat das Raúl Castro einmal genannt und nun scheint die Insel zögerlich in eine neue vielfältigere Ökonomie zu starten. Doch Pavel Vidal und Ricardo Torres sind skeptisch. Sie wissen nur zu genau, dass es innerhalb der kommunistischen Partei erhebliche Widerstände gibt und weisen darauf hin, dass konkrete Programme und Maßnahmen noch nicht erlassen wurden. Darauf warten die rund 11 Millionen Kubaner*innen. Klar ist, dass die nationale Währung, der Peso nacional, abgewertet werden muss und parallel dazu die Löhne steigen sollten. Doch in welchem Verhältnis stehe in den Sternen, so Ricardo Torres. „Ich gehe von einem Wechselkurs vom Peso zum US-Dollar in etwa von 1:40 aus. Das wird viele hart treffen, könnte den Reformen aber einen Schub geben“, meint der Ökonom der Universität Havanna. Positiv dabei ist, dass in der Landwirtschaft viele in den Startlöchern stehen, die Verteilung der Produkte besser läuft als noch vor Monaten und mehr angebaut wird als früher. Das könnte die Reformen auch etwas abfedern.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

CORONA VERSCHÄRFT DIE VERSORGUNGSLAGE

Disziplinierte Kubaner*innen Maskenpflicht und Abstandsregel werden locker eingehalten (Foto: Andreas Knobloch)

Kuba kehrt langsam zur neuen Normalität zurück. Im ganzen Land werden die Corona-Beschränkungen nach und nach gelockert. Der Fahrplan der Regierung sieht eine „graduelle und asymmetrische“ Rückkehr in drei Phasen vor. Im Gegensatz zu vielen Ländern der Region hat Kuba das Coronavirus gut unter Kontrolle bekommen. Bis zum 14. Juli meldet das kubanische Gesundheitsministerium (MINSAP) nur noch 68 aktive Coronafälle auf der Insel. Insgesamt infizierten sich 2.446 Menschen mit Sars-CoV-2; 87 starben bisher an den Folgen einer Infektion.

Die kubanische Regierung hatte frühzeitig reagiert. Das öffentliche Leben wurde nach den ersten bekannten Fällen Mitte März weitgehend heruntergefahren. Restaurants, Kinos, Theater, Schulen wurden geschlossen, der öffentliche Nahverkehr landesweit eingestellt; selbst private Taxis durften nicht mehr zirkulieren. Zudem schloss Kuba Anfang April seinen Luftraum. Es bestand keine obligatorische Ausgangssperre, die Menschen aber waren angehalten, zu Hause zu bleiben, Abstand zu halten. In der Öffentlichkeit herrscht Maskenpflicht.

Aufgrund seiner politischen und wirtschaftlichen Struktur kann Kuba Einschränkungen des öffentlichen Lebens direkter durchsetzen als das in Deutschland möglich ist. Von Anfang an wurde versucht, die Bevölkerung mitzunehmen. Beinahe täglich gaben diverse Minister*innen oder der Präsident selbst dem Fernsehpublikum Auskunft über die Corona-Maßnahmen der Regierung. Zudem präsentiert jeden Morgen Kubas Chef-Virologe, Dr. Francisco Durán, die neuesten Fallzahlen.

„Es gibt viel Transparenz. Da wird nichts verborgen“, sagt der Schreiner Gerardo Bauza* aus Centro Habana. Seine Tochter, die im Gesundheitswesen arbeitet, bestätige diesen Eindruck. „Es gibt ein Detail im Kampf gegen diese Pandemie, das mir sehr gefällt: Die Ärzte, die von Tür zu Tür gehen und fragen, ob es jemanden mit Fieber oder Husten gibt. Ein Kümmern der Regierung wie hier habe ich in anderen Teilen der Welt nicht gesehen.“ In Kuba werde jede*r mit Symptomen mitgenommen, getestet, und wenn der Test positiv ausfällt, werde sich um ihn oder sie gekümmert. „Mit dem wenigen, was wir haben, haben wir diesen Kampf bisher gewonnen und werden ihn weiter gewinnen.“

Tatsächlich ist der Schlüssel zu Kubas erfolgreicher Strategie bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie das frühzeitige Aufspüren von Corona-Infizierten und die Isolierung der Kontaktpersonen durch Gesundheitspersonal und Medizin­student*innen, die von Tür zu Tür gehen. Tausende Patient*innen, Verdachtsfälle, enge Kontakte und gefährdete Personen wurden in Krankenhäuser eingewiesen oder in provisorischen Einrichtungen unter Quarantäne gestellt. Mehr als die Hälfte aller positiven Tests lieferten asymptomatisch Infizierte.

Kubas Gesundheitssystem hat heute in vielen Bereichen mit Problemen zu kämpfen, aber es ist flächendeckend in der Versorgung. Zudem hat es Erfahrung mit der Bekämpfung von Epidemien, wie Dengue oder Zika. Kubanische Ärzt*innen waren zudem gegen Krankheiten wie Cholera in Haiti oder Ebola in Westafrika im Einsatz. Erfahrungen, die Kuba heute zugute kommen.

„Die Regierung hat gut reagiert, aber die Beschränkungen dauern nun schon viel zu lange“, sagt Yolanda Reyes Peña. Die 24-Jährige, die mit ihrer Mutter und dem älteren Bruder in Havanna wohnt, arbeitete vor Corona als Maniküristin in einem privaten Nagelstudio. Anfangs nahm sie den Lockdown als willkommene Pause, lebte von ihren Ersparnissen. Aber „die Sorge zu erkranken nimmt ab. Jetzt ist die größere Sorge: „Wann kann ich wieder anfangen zu arbeiten? Wie wird mein Verdienst sein? Das Schlimmste ist die Ungewissheit.“

„Die kubanische Wirtschaft hatte bereits vor Corona erhebliche Probleme, vor allem ihren externen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen“, sagt der Ökonom Ricardo Torres Pérez vom Studienzentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC) an der Universität von Havanna. „Die Pandemie trifft wichtige Sektoren, wie den Tourismus, aber auch die Geldüberweisungen aus dem Ausland.“ Hinzu komme die US-Blockade, so Torres.

Vor allem der Einbruch des Tourismus setzt der ohnehin kriselnden Wirtschaft zu. „Für Kuba ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen“, weiß Yedi López-Cotarelo. Der 47-Jährige arbeitet selbst seit zwölf Jahren als Touristenführer. Seine in erster Linie italienisch- oder englischsprachigen Kund*innen führt er durch Havanna oder fährt mit ihnen nach Viñales oder Trinidad. „Seit Kuba seine Grenzen geschlossen hat, habe ich nicht mehr gearbeitet. Aktuell habe ich keine andere Einnahmequelle.“ Wie Reyes lebt auch er vom Ersparten.

Doch der Tourismus ernährt nicht nur die direkt in der Reisebranche Beschäftigten. „Selbst ich, ein einfacher Handwerker, profitiere vom Tourismus“, sagt Bauza. „Denn meine Sachen wurden auch von Touristen gekauft. Jetzt, ohne Tourismus, verkaufe ich nichts.“ Seit Beginn der Pandemie lebt der 58-Jährige mit seiner vierköpfigen Familie vom Ärztinnengehalt der Tochter.

Reyes wiederum hat Probleme, Pflegeprodukte und Utensilien für ihre Arbeit zu beziehen, seit die Flughäfen geschlossen sind. „In den Läden gibt es nichts. Alles ist importiert. Aber nicht durch den Staat, sondern durch Privatpersonen, die die Produkte aus anderen Ländern mitbringen und hier verkaufen.“ Wenn man etwas finde, seien die Preise unverhältnismäßig hoch.

Derweil spitzt sich die bereits vor Corona schwierige Versorgungslage weiter zu. „Die kubanische Bevölkerung erlebt die Auswirkungen in Form von Mangel von Gebrauchsgütern aller Art, im Moment selbst bei Grundprodukten wie Medikamenten und Lebensmitteln. Wir sind noch nicht in einer Situation wie Anfang der 1990er Jahre, aber es gibt offensichtlich eine sehr komplexe wirtschaftliche Situation“, erklärt Torres.

„Wir Kubaner haben praktisch die gesamte Epidemie in Warteschlangen verbracht“, sagt López-Cotarelo. Drei-, viermal die Woche stehe er stundenlang für Hühnchen, Zahnpasta, Speiseöl oder Hackfleisch an. Ein Problem, das auch Bauza kennt. Sieben, acht Stunden habe er zum Teil für bestimmte Produkte angestanden, erzählt er. Die langen Schlangen vor den Geschäften gelten als Hauptproblem für mögliche Neu-Ansteckungen. Um sich und ihre Mutter dieser Gefahr nicht auszusetzen, kauft Reyes „bei Weiterverkäufern“, wie sie sagt. „Die verkaufen aber alles zwei- bis drei Mal so teuer wie im Laden.“

Die libreta ist zu einem Symbol für Kubas Krisenstrategie geworden

In der Versorgungskrise gewinnt daher ein Instrument an Bedeutung, dessen Abschaffung bereits diskutiert wurde: die libreta, das Bezugsheft für Güter des täglichen Bedarfs. Der Karibikstaat kann nicht mal eben milliardenschwere Staatshilfen auflegen; da sind die Rationierungsheftchen ein Weg, die angesichts der Versorgungsengpässe knappen Ressourcen gleichmäßig zu verteilen.

„Ich bin mit der libreta aufgewachsen. Heute, mit meinen 58 Jahren, applaudiere ich ihr“, sagt Bauza. „Denn jetzt ist mir klar geworden wie nötig und wie gerecht die libreta ist. Jeder erhält eine bestimmte Menge Reis, Bohnen, Speiseöl, Kaffee, Hühnchen. Alles ist kontrolliert. Gesegnet sei die libreta!“ Das sieht López-Cotarelo ähnlich: „Die libreta hilft allen Familien in Kuba. In gewisser Weise ist es eine Erleichterung zu wissen, dass es mit der libreta eine Reihe subventionierter Produkte gibt.“ Aber sie reiche gerade einmal für den halben Monat.

Die libreta ist zu einem Symbol für Kubas Krisenstrategie geworden. Allerdings werde die Regierung nicht alles, was knapp ist, in die libreta aufnehmen, sagt der Ökonom Torres. Vielmehr handele es sich um temporäre und flexible Rationierungsmaßnahmen. „Die Vorstellung der Regierung ist es, die libreta als Verteilungs- mechanismus nicht auszuweiten.“ Vielmehr müsse sie durch einen Mechanismus ersetzt werden, der die Einkommensunterschiede in Rechnung stellt. „Es ist sehr ineffizient, allen dieselbe Menge von allem zukommen zu lassen.“

Die Überarbeitung der Mechanismen der libreta ist derzeit nicht die wichtigste Baustelle. Expert*innen erwarten für dieses Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zwischen fünf und acht Prozent. Angesichts der wirtschaftlichen Krise ist für Torres „klar, dass die Regierung agieren muss“. Als mögliche Maßnahmen nennt er eine Flexibilisierung des Privatsektors, um die Binnenwirtschaft zu dynamisieren, sowie „Maßnahmen, um den Mangel zu reduzieren“. Dazu zählt er eine Flexibilisierung der Importe und die Maximierung der landwirtschaftlichen Produktion. Angesichts des Devisenmangels wird der Prozess der Dollarisierung fortgesetzt werden, ist sich der Ökonom sicher. Das heißt, das Angebot an Produkten und Dienstleistungen gegen Kartenzahlung in Fremdwährung wird ausgeweitet. Der Einbruch beim Tourismus und den Geldüberweisungen von Auslandskubaner*innen werde „eher eine Verschärfung der wirtschaftlichen Probleme“ bringen. Hinzu kämen weitere Sanktionen der Trump-Administration und die schlechte wirtschaftliche Situation in Venezuela, „womit alles bereitet ist“, so Torres, „dass die kubanische Wirtschaft eine noch unruhigere zweite Jahreshälfte erlebt.“

Nach den Vorstellungen der Regierung wird es keine abrupte Öffnung des Tourismus geben. In der ersten Phase soll zunächst der nationale Tourismus wieder aufgenommen werden. Seit Anfang Juli können auch ausländische Gäste wieder Urlaub auf Kuba machen, jedoch nur auf den Cayos (Inseln) im Norden und Süden des Landes – unter Einhaltung eines strikten Hygieneprotokolls. Auch die Flughäfen bleiben bis mindestens 1. August für kommerzielle Flüge geschlossen.

„Es wird ein sehr kontrollierter Tourismus sein, der direkt ins Hotel geht, um den Strand zu genießen, also niemand, der herumläuft und Kunsthandwerk oder Souvenirs kauft. Ich werde davon also nichts haben“, glaubt Bauza und blickt skeptisch auf die kommenden Monate. Auch López-Cotarelo ist nicht sehr zuversichtlich. „Ich werde mir wohl etwas anderes suchen müssen, denn für den Moment kann man vom internationalen Tourismus nicht leben.“

*Name geändert


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

EHRLICHE FOTOGRAFIE

Para leer en español, haga clic aquí.

Fotos: Chris Erland

„An einem kalten Morgen im Februar 2011 sah ich, wie ein älterer Herr an eine Hauswand gelehnt die Sonne genoss. Genau in diesem Moment entschied ich, Fotograf zu werden. Vorher hatte ich ohne klare Richtung Details verfolgt, die mir aufgefallen sind. Das war das Ergebnis einer Suche innerhalb der visuellen Künste, die zu meiner ersten Ausbildung in der Bildenden Kunst gehörte. In dem Moment, als ich dieses Bild sah, wusste ich, dass ich mich der dokumentarischen Fotografie zuwenden will.

Gesellschaftliche Themen wie Alter, Kindheit, Glauben und das Leben in der Stadt sind dabei wiederkehrende Inhalte meiner dokumentarischen Fotografie. Ich begann eine Serie über Arbeit im hohen Alter und wollte dieses Problem sichtbar machen, denn oft wird es wie selbstverständlich verdrängt, aus unserer Aufmerksamkeit weggeschoben, weil es normal scheint oder einfach zu unserer sozialen Realität gehört. Über Jahre habe ich die Arbeit dieser Menschen dokumentiert. Um die Serie abzuschließen, wollte ich Personen aufeinandertreffen lassen, an denen sich verschiedene Lebensgeschichten ablesen lassen.

Das Alter und die Kindheit sind kontrastreiche menschliche Zustände, essenzielle Teile im sozialen Gefüge und für mich Symbole unseres Strebens. Als fotografisches Thema sehe ich sie nicht im Kontrast. Ich denke, dass beide Teil der Strecke sind, auf der sich alle Menschen im Laufe des Lebens bewegen. Ein Weg, der beide Positionen sozial interpretiert und uns veranschaulicht, was wir als Gesellschaft sind und wohin wir gehen wollen.

Mich interessiert der Glaube sehr: der Akt, in dem ein Mensch sich dazu entscheidet, an etwas zu glauben, sich einer besseren Zukunft zu widmen, sich wünscht die Schlüssel für das Glück und die Erlösung zu finden. Ich lebe in einer Gesellschaft, die religiös divers ist, vielfach synkretistisch und im evolutionären Prozess. Das definiert unseren Charakter, unsere Identität und unsere kulturellen Wurzeln.

Beim Fotografieren einer Person bin ich mir bewusst eine dokumentarische Aufzeichnung zu machen, eine Erinnerung. Das zeichnet die Fotografie als Kunst gegenüber einem einfachen Bild aus und zeigt sich in der Bildkomposition. Die Annäherung des Fotografen an das Fotografierte ist eine Kommunikation mit dem Betrachter. Diese Beziehung und die Wahrhaftigkeit, welche die Fotografie in einem Fragment der Realität zeigt, war und ist die größte Herausforderung für das Auge des Fotografen und seiner Ehrlichkeit.“


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Newsletter abonnieren