Die männliche Fußball-Weltmeisterschaft bewegt Menschen auf der ganzen Welt. Man muss kein Fußballfan sein, um das zu spüren: In vielen Ländern ist sie ein Bestandteil der Populärkultur, ein Ereignis, das kollektive Vorstellungen von Zugehörigkeit, regionaler Verbundenheit und gemeinsamer Identität stärkt. Auf dem Spielfeld ging es immer um mehr als nur Sport. So wurde Argentiniens WM-Sieg vor vier Jahren von vielen als Triumph des Globalen Südens über den Globalen Norden erlebt. Die politische Dimension des Fußballs ist enorm. Das wussten sowohl die nationalistischen Modernisierungsprojekte in Lateinamerika zu Beginn des 20.
Jahrhunderts als auch verschiedene Militärdiktaturen der 1970er Jahre in der Region. Gleichzeitig war Fußball stets ein von Ungleichheit geprägter Sport: Erst unter der Kontrolle traditioneller Eliten – im lateinamerikanischen Fall vor allem europäischer Herkunft – und später, mit seiner Professionalisierung in den 1930er Jahren, unter der Vorherrschaft finanzieller Eliten. Die Aneignung des Fußballs durch die Arbeiter*innenklasse ging seiner globalen Kommerzialisierung jedoch voraus und reicht weit über sie hinaus. Auch bei der aktuellen Weltmeisterschaft geht die Begeisterung mit der Verschärfung sozialer und politischer Spannungen einher. Mindestens alle vier Jahre wird deutlich, wie das Turnier neokoloniale Wirtschaftsstrukturen sowie gegenwärtige rassistische Diskurse reproduziert und verstärkt. Jenseits des Sports handelt es sich um ein kommerzialisiertes Großereignis, dessen Ziel der Profit ist. Die Teilnahme am Ereignis ist von der sozialen Klasse abhängig: Eine Eintrittskarte für ein Spiel ist vielerorts ein Statussymbol, und Mitglied einer offiziellen Fangruppe zu sein, bedeutet häufig, das Geld zu haben, um sich diese Erfahrung überhaupt leisten zu können.
In diesem Kontext hat die FIFA eine internationale Agenda mitgetragen, in der Donald Trump die Bedingungen vorgibt. Der Geist der internationalen Begegnung und des freundschaftlichen Wettbewerbs steht im Widerspruch zu dem, was zu einem Instrument im Dienste des migrationsfeindlichen politischen Projekts der Vereinigten Staaten geworden ist. Zudem investieren die Gastgeberländer erhebliche öffentliche Mittel in Infrastruktur und Sicherheit, obwohl die Einnahmen aus dem Turnier nicht garantiert sind. In Mexiko haben Menschen wirtschaftliche Ausgrenzung, eine übermäßige Präsenz der Bereitschaftspolizei, Maßnahmen der „sozialen Säuberung“ sowie die Repression gegen Protestierende angeprangert.
Doch wie so oft gibt es auch diejenigen, die die Weltmeisterschaft als Bühne für politischen Ausdruck und Widerstand nutzen. Ebenso verbreitet ist das Gefühl einer symbolischen Gerechtigkeit, wenn Fans auf der ganzen Welt die Begeisterung teilen, dass ein ehemals kolonisiertes Land gegen eine ehemalige – oder noch immer – koloniale Macht gewinnt. Ein derart großes Ereignis mit so weitreichenden gesellschaftlichen Auswirkungen kann gar nicht unpolitisch sein – und war es auch nie.
Lateinamerika ist eine jener Regionen, in denen Fußball Bestandteil der Populärkultur ist. Kinder versuchen, teure Sammelalben zu vervollständigen – mit Bildern von Spielern, die sie größtenteils gar nicht kennen, aus Ländern, die sie nie besucht haben. In den Schulpausen wird Fußball gespielt und ebenso auf Straßen und brachliegenden Flächen; mit oder ohne Mannschaft, mit oder ohne Ball. Und auch wenn Streitigkeiten auf dem Platz oder zwischen Fangruppen zum Alltag gehören, sind die lokalen Fußballvereine zugleich Räume, in denen das soziale Gefüge entsteht und gestärkt wird.
Fußball ist wie jede andere öffentliche Arena, in der Sinneskonstruktionen ausgehandelt werden: Er muss umkämpft werden. Es liegt an uns, die Bedeutungen und Praktiken rund um das Spiel mitzugestalten. Das bedeutet, seine ungerechten ökonomischen Strukturen und die Kommerzialisierung kritisch zu hinterfragen und anzuprangern, und gleichzeitig seinen spielerischen, gemeinschaftlichen, populären und für alle zugänglichen Charakter in den Mittelpunkt zu stellen.













