Am 19. September griff das US-Militär in der Karibik erneut ein Schnellboot an. Vier Menschen starben. Das für Lateinamerika zuständige US-Südkommando (SOUTHCOM) sprach von „Narco-Terroristen“, Beweise legte es nicht vor. Seit September 2025 haben US-Streitkräfte bei solchen Angriffen in der Karibik und im Pazifik mehr als 220 Menschen getötet. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte nannte die Angriffe schon im Oktober 2025 völkerrechtswidrig. Zehn Tage vor dem jüngsten Angriff hatte US-Außenminister Marco Rubio in Quito angekündigt, das Militär werde Boote „weiterhin in die Luft sprengen, wenn es nötig ist“.
Die Angriffe gehören zur Politik, in deren Zentrum das Shield of the Americas (Schild der Amerikas) steht. Offiziell richtet sich gegen Drogenkartelle. Rubios Reise zeigt jedoch, dass Washington darin vor allem einen Block politisch gleichgesinnter Regierungen organisiert. Neu ist diese Politik nicht. Schon in der Nationalen Sicherheitsstrategie hieß es Ende 2025, dass die sogenannte Monroe-Doktrin zu „bekräftigen und durchzusetzen“ sei (siehe LN 622). Die USA wollten ihre „Vorrangstellung“ in der westlichen Hemisphäre wiederherstellen und Rivalen wie China keine „strategisch wichtigen Anlagen“ in der Region mehr überlassen. Befreundete Regierungen sollen helfen, Migration zu stoppen und Kartelle auszuschalten. Offen kündigt das Papier an, Regierungen, Parteien und Bewegungen zu belohnen, die den Prinzipien Washingtons nahestehen. Als Nationaler Sicherheitsberater hatte auch Marco Rubio an der Strategie mitgeschrieben.
„Kriminelle gehören ins Gefängnis oder ins Grab“
Wie Druck und Belohnung zusammenhängen, zeigt Kolumbien. Am 4. Januar nannte Trump den linken Präsidenten Gustavo Petro „einen kranken Mann“ und kokettierte mit einem Militäreinsatz. Acht Monate und einen Regierungswechsel später traf Rubio in der kolumbianischen Stadt Barranquilla Petros Nachfolger Abelardo de la Espriella als engen Verbündeten und nannte die vier Jahre unter Petro eine „Verirrung“. Kolumbiens ehemalige Regierung war nicht dabei, als Trump das Schild der Amerikas am 7. März in seinem Golfresort in Doral, Florida, ins Leben rief. Laut dem Rechercheportal InSight Crime war das Land ausgeschlossen, ebenso wie Brasilien und Mexiko. Das Herzstück der Vereinbarung sei „die Verpflichtung, tödliche militärische Gewalt einzusetzen“, sagte Trump dort. In seiner Proklamation vom selben Tag spricht er von 17 Staaten, die bereit seien, „harte Macht“ einzusetzen. Zugleich sollten „böswillige ausländische Einflüsse“ ferngehalten werden. Die Staaten bilden die Anti-Kartell-Koalition ACCC, den militärischen Arm des Shield, zwei Tage zuvor von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth gegründet. Wenige Tage nach dem Amtsantritt von de la Espriella trat Kolumbien am 12. August ebenfalls bei. Dass das Shield mehr ist als ein Sicherheitsbündnis, hatte sich da bereits gezeigt. Der Ultrarechte de la Espriella hatte die Stichwahl im Juni mit 49,66 zu 48,70 Prozent der Stimmen gewonnen, nachdem Trump ihn im Wahlkampf offen unterstützt hatte. Petro forderte daraufhin, die Wahl zu annullieren. Am 10. Juli wiesen 13 Shield-Staaten in einer gemeinsamen Erklärung jede Aussage zurück, die das Ergebnis „ohne ausreichende Grundlage“ anzweifele. Das Bündnis ergriff damit Partei, bevor Kolumbien ihm überhaupt angehörte. Am 22. September kündigte Rubio am Rande der UN-Vollversammlung in New York an, die Mitglieder könnten in internationalen Gremien künftig „gemeinsam abstimmen“.
Am selben Tag unterzeichneten 15 Staaten eine Erklärung mit dem Titel „Verteidigung der hemisphärischen Souveränität“. Darin stufen sie 24 Gruppen als „narco-terroristisch“ ein. Vermeintlichen Mitgliedern und Unterstützer*innen drohen Vermögenssperren und Einreiseverbote, wer wissentlich „logistische Unterstützung“ leistet, soll strafrechtlich haften. Auf der Liste stehen neben Kartellen auch die kolumbianische Guerilla ELN, Splittergruppen der früheren FARC-Guerilla und die maoistische Guerilla Sendero Luminoso aus Peru. Selbst zwei brasilianische Gruppen führt die Liste, obwohl Brasilien dem Bündnis nicht angehört.
Diese Einordnung ist mehr als eine Formalie. Mit ELN und FARC-Dissidenzen verhandelte der kolumbianische Staat über Jahre als Parteien eines bewaffneten Konflikts, zuletzt im Rahmen von Petros Politik des „totalen Friedens“. Als Terrororganisationen gelten sie von nun an nicht mehr als Gegenüber, mit dem sich verhandeln lässt, sondern als Ziel. „Kriminelle gehören ins Gefängnis oder ins Grab”, sagte de la Espriella bei Rubios Besuch in Barranquilla. Der Raum für politische Lösungen in einem jahrzehntealten Konflikt wird damit enger. Wer in Regionen lebt, die bewaffnete Gruppen kontrollieren, gerät zudem schnell in den Verdacht der Unterstützung. Am 25. September ließ de la Espriella einen Anführer der Gruppe Comandos de Frontera an die USA ausliefern, der unter Petro an Friedensgesprächen teilgenommen hatte, wie die kolumbianische Tageszeitung El Heraldo berichtete.
Eine Terror-Einstufung allein erlaubt nach US-Recht noch keinen Militäreinsatz. Sie liefere aber die „rechtliche und politische Grundlage“ für weitere Befugnisse, schreibt das juristische Fachportal Lawfare. Völkerrechtlich soll nun ein alter Vertrag die Lücke schließen. Die Shield-Staaten wollen bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) beantragen, den Interamerikanischen Vertrag über gegenseitigen Beistand von 1947 zu aktivieren. Dieser sogenannte Rio-Pakt erlaubt kollektive Maßnahmen bis hin zum „Einsatz bewaffneter Gewalt“. Zuletzt wurde er 2019 gegen die Regierung Maduro aktiviert. Neu wäre, ihn gegen nichtstaatliche Gruppen zu richten. Beschlossen ist das allerdings noch nicht.
Nach den Wahlen treten auch Kolumbien und Peru bei
Als Musterpartner gilt in Washington Ecuador. Rubio nannte das Land in Quito den „engagiertesten und aggressivsten Partner“ der USA. Auch wer bekämpft werden soll, stellte er klar: „Nennen wir sie nicht kriminelle Gruppen, es sind terroristische Gruppen.“ Kurz zuvor hatten US-Streitkräfte im Pazifik drei ecuadorianische Boote versenkt und die Besatzungen nach Manta gebracht. Eine Angehörige sagte der Agentur Reuters, die Männer seien Fischer.
In Barranquilla unterzeichnete Rubio Absichtserklärungen zu ziviler Atomkooperation und kritischen Mineralien, deren Sicherung auch die Shield-Erklärung vom 22. September vorsieht. Kolumbien handle mit „Souveränität, Autonomie, Pragmatismus“, betonte de la Espriella, selbst auch US-Staatsbürger. Oppositionsführer Iván Cepeda vom linken Bündnis Pacto Histórico hielt dagegen: jedes Abkommen, das den Staat verpflichte, müsse Kongress und Verfassungsgericht passieren.
In Lima verkündete Präsidentin Keiko Fujimori den Beitritt Perus. Als Vorbild nannte sie den Kampf gegen Sendero Luminoso in den 1990er Jahren, als ihr Vater Alberto Fujimori regierte. Für zwei Massaker, die Militärs in diesem Kampf verübten, wurde er zu 25 Jahren Haft verurteilt. Ausländische Truppen bräuchten weiterhin eine Genehmigung des Kongresses, betonte Fujimori, Perus Souveränität sei „unangetastet“. Bei Protesten gegen den Beitritt sagte eine Demonstrantin dem Sender Al Jazeera, Peru sei „niemandes Kolonie“.
Auf die Frage, ob die USA auch ohne Zustimmung eines Mitglieds handeln würden, versicherte Rubio, die USA würden nichts „außerhalb des rechtlichen Rahmens“ Perus tun. Zugleich stellte er klar, die USA hätten „die Fähigkeit, einseitig zu handeln“. Sie verzichteten darauf, weil sie mit Partnern arbeiten wollten. Diese Zurückhaltung wirkt mehr wie eine Entscheidung Washingtons und nicht wie das Recht auf Souveränität der Partner.
Die USA wollen Vorrangstellung wiederherstellen
Vor der UN-Vollversammlung behauptete Trump am 22. September, die Angriffe auf Boote vor den Küsten des Kontinents hätten 97 Prozent der auf dem Seeweg geschmuggelten Drogen vernichtet. Unabhängige Daten widersprechen. Laut Adam Isacson von der Menschenrechtsorganisation WOLA blieben die Kokain-Beschlagnahmungen an der US-Grenze unverändert. InSight Crime verweist auf Großhandelspreise auf einem Rekordtief, ein Zeichen, dass das Angebot nicht knapper wird. Damit fehlt der Beleg für die zentrale Rechtfertigung der außergerichtlichen Hinrichtungen.
Bei einem Thema folgen die Partner Washington jedoch nicht: In einem Gastbeitrag für die peruanische Tageszeitung El Comercio warf Rubio China vor, Perus Souveränität zu untergraben. Die chinesische Botschaft antwortete, die Volksrepublik sei seit zwölf Jahren Perus wichtigster Handelspartner. Für Südamerika insgesamt ist China laut der britischen Denkfabrik ODI seit 2015 der wichtigste Handelspartner. Fujimori kündigte entsprechend an, Peru werde weiter mit Asien und Europa handeln.
Sicherheitspolitisch richten die Regierungen sich ganz im Interesse Washington aus, wirtschaftlich halten sie sich noch beide Seiten offen. Ob dieser Spagat gelingt, ist fraglich. Die US-Sicherheitsstrategie will Hilfe künftig davon abhängig machen, dass die Partner Einfluss von außen zurückdrängen. Wer auf Sicherheitshilfe aus Washington angewiesen ist, kann das schwer ignorieren. Shield ist dafür das passende Werkzeug. Die Mitglieder berufen sich beim Beitritt ausdrücklich auf ihre Souveränität, die gemeinsame Erklärung trägt das Wort sogar im Titel. Doch eine andere Praxis kündigt sich an.
Wie weit die Logik der Belohnung reicht, zeigte sich auch mit Blick auf Brasilien, das größte Land der Region. Auf die Frage nach der dortigen Präsidentschaftswahl im Oktober sagte Rubio in Lima, Regierungen, die mit den USA kooperieren, sollten ihren Wähler*innen zeigen, dass sich das lohne. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der erneut antritt, setzte vor der UN-Vollversammlung ein anderes Zeichen. Sein Land passe „in niemandes Hinterhof“, sagte er dort.












