Es war 4:40 Uhr morgens, als mein Telefon klingelte. Zunächst ignorierte ich den Anruf. Im Halbschlaf
griff ich dann doch nach dem Handy. Fast augenblicklich schien der Schlaf nach der folgenden
Nachricht weit weg: „Sie bombardieren Caracas.“ Wenige Minuten später, nach den grausamen Bildern der Bombardierung der Anlagen von Fuerte Tiuna und La Carlota, folgte eine weitere: „Trump bestätigt, dass Nicolás Maduro und Cilia Flores festgenommen worden sind.“ Der Diktator, der Venezuela seit April 2013 regiert hatte, war durch ausländische Intervention gestürzt worden, praktisch ohne Widerstand. Die Lage wurde jedoch noch komplexer, als Trump die bisherige Vizepräsidentin Venezuelas Delcy Rodríguez dazu ernannte, das Land von nun an zu führen. Seine bisherigen Alliierten María Corina Machado, die Oppositionsführerin, sowie Edmundo González Urrutía, den 2024 ursprünglich gewählten Präsidenten Venezuelas (siehe LN 603/604), schloss er mit der Begründung aus, ihnen fehle die politische Fähigkeit, diesen Prozess zu leiten. Die Frage drängt sich sofort auf: Wie sind wir in diese Situation geraten, in der es zu einer Intervention der USA kommt, Maduro stürzt und der Chavismus dennoch an der Macht bleibt?
Und wie hängt das mit dem Energiemarkt zusammen, wenn Trump offen erklärt, dass sein Interesse
dem Öl gilt? Venezuela ist Ölexporteur und nimmt damit eine ganz bestimmte Rolle in der Weltwirtschaft ein. Da der venezolanische Staat Eigentümer der Ölvorkommen ist, erzielt er aus diesem Verkauf einen
außerordentlichen Gewinn, im Marxismus die sogenannte Grundrente. Diese übersteigt den
normalen Gewinn aus anderem Produktionskapital, wie etwa der Herstellung von verarbeiteten
Produkten. Dies hat drei wichtige Auswirkungen für das Verständnis der Ereignisse, die das Land
in der ersten Januarwoche erschütterten.
Erstens bedeutet dies, dass internationale Kapitalgeber* innen, also Unternehmen und Investor*innen, mit einem Staat verhandeln müssen, der Eigentümer der Ressource ist. Diese Kapitalgeber kaufen zwar Öl, verfolgen aber auch das Ziel, einen Teil jenes außerordentlichen Gewinns zurückzugewinnen, den sie den Ölproduzent*innen durch den Kaufpreis zugutekommen ließen.
Die nationale Souveränität und staatliche Kontrolle über Venezuelas Öl sind direkt verbunden
Zweitens hängt die Fähigkeit des Staates, das Öl zu kontrollieren und zu fördern, von der globalen Notwendigkeit ab, die venezolanischen Vorkommen in Produktion zu bringen. Seine Entscheidungsgewalt ist nicht absolut, sondern hängt vom Wettbewerb auf dem Weltmarkt ab. Schließlich – und dies ist für die aktuellen Ereignisse vielleicht am bedeutendsten – ist die staatliche Kontrolle über die Ölgebiete untrennbar mit der Ausübung der nationalen Souveränität verbunden.
Daher bedeutet jeder Versuch, dieses Monopol zu brechen und die Art und Weise zu ändern, wie die Einnahmen aus dem Ölgebiet verteilt werden, unweigerlich eine Verletzung der Souveränität Venezuelas. Der Chavismus änderte die Verteilung der Erträge aus Grundbesitz in Venezuela grundlegend. Mit dem Gesetz für fossile Energieträger (Ley de Hidrocarburos) von 2001 stiegen die Lizenzabgaben
auf 30 Prozent und die spezifischen Steuern auf Erdöl wurden erhöht. Darüber hinaus wurde die
Förderung in der Orinoco-Ölgürtelregion (Faja Petrolífera del Orinoco, FPO) durch ein System
von Gemeinschaftsunternehmen umstrukturiert. Gleichzeitig verlagerte sich die Erdölförderung
von konventionellen Erdölquellen hin zur unkonventionellen Förderung von extra-schwerem Erdöl.
Dieser Wandel veränderte die Einbindung des Landes in den internationalen und US-amerikanischen
Markt Venezuela wurde zu einem Verkäufer von Schweröl-Mischungen und verstärkte damit die Konkurrenz um den Verkauf an Raffinerien an der Golfküste, die eigens für die Verarbeitung dieses Rohöls angepasst sind.
Damit trat Venezuela vor allem in Konkurrenz zu kanadischem, schwerem und nicht-konventionellem Rohöl, dessen Produktion während der Phase hoher Ölpreise stark anstieg und das wegen der höheren Kosten des Landtransports mit Abschlägen in die USA verkauft wird. Aufgrund der geringen Verkaufspreise verdrängte das kanadische Öl zunehmend das aus Venezuela vom US-Markt.
Krisenhaftes Business
Infolge der kapitalistischen Überproduktionskrise (nach der marxistischen Analyse eine im Kapitalismus wiederkehrende Krise, die daraus hervorgeht, dass mehr Waren produziert als verbraucht werden, Anm. d. Red.) von 2008 wurde Venezuelas Fähigkeit immer stärker eingeschränkt, das zunehmend unproduktive, nichterdölbezogene Kapital mithilfe der Erträge aus dem Grundbesitz aufrechtzuerhalten. Als sich die Krise Ende 2014 schließlich in einer globalen Erdölüberproduktion niederschlug und die Preise kollabierten, wurde das Erdölkapital aus Venezuela im globalen Wirtschaftssystem überschüssig.
Mit dieser Entwicklung wurden zugleich die im Sektor beschäftigten Arbeiter*innen überflüssig,
was eine humanitäre Krise auslöste. Der Chavismus wurde in der Folge zum Verwalter dieser überschüssigen Bevölkerung und tat dies durch zunehmenden Autoritarismus, bis er schließlich
in einer Diktatur mündete. Diese zivile und militärische Elite, die am Kopf dieses Systems stand,
verstrickte sich in Reaktion auf die Krise immer stärker auch in illegalen Geschäften, um sich
selbst an der Macht zu halten.
USA als Vertreter des internationalen Kapitals.
Die USA trat in diesem Fall als politischer Vertreter der Interessen des internationalen Gesamtkapitals auf. Mit der Verhängung von finanziellen Sanktionen im Jahr 2017 und später im Bereich des Erdöls im Jahr 2019, setzten die USA die venezolanische Erdölförderung fast vollständig außer Kraft. Venezuela verabschiedete sich dadurch vom internationalen Erdölmarkt. Gleichzeitig zentralisierte die venezolanische Regierung zunehmend die Macht und vereinnahmte die Überreste der venezolanischen Akkumulation und die marginalisierten Produktion konfrontiert. Exxon, das derzeit gemeinsam mit dem Unternehmen CNOOC ein Offshore-Erdöl-Megaprojekt in Guyana inmitten der von Venezuela beanspruchten Gewässer der Essequibo-Region entwickelt, muss sich seit 2015 mit ständigen Drohungen des Chavismus auseinandersetzen, militärisch gegen Guyana vorzugehen, um die Souveränität über diese Gewässer einzufordern. Darüber hinaus sah sich das US-amerikanische Kapital im Streit um die Aneignung der venezolanischen Erdöleinnahmen aus Grundbesitz damit konfrontiert, dass auch China, Russland, Iran und weitere Wettbewerber auf dem globalen Markt an diesem Prozess teilnahmen.
Angesichts fallender Ölpreise und größerer Schwierigkeiten bei der Förderung unkonventionellen
Rohöls begann eine verstärkte Konkurrenz um die Wiedereröffnung traditioneller Ölquellen. In diesem Zusammenhang gewann Venezuela wieder an Bedeutung, und die USA konzentrierten sich darauf, die Ölförderung für ihren Markt wieder anzukurbeln. Aus all diesen Gründen begann die USA unter dem Vorwand der Bekämpfung des Drogenhandels eine militärische Eskalation gegen Venezuela, die am Samstag, dem 3. Januar 2026, in einer militärischen Intervention gipfelte.
Privatisierung der Ölindustrie in Gang gesetzt
Seit der Festnahme von Nicolás Maduro und Cilia Flores sind drei Monate vergangen. Doch in dieser kurzen Zeit haben sich rasante und tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Gesetze
wurden aufgehoben und neue erlassen, die den politischen und wirtschaftlichen Kurs Venezuelas
nachhaltig beeinflussen werden. Angesichts des offensichtlichen Interesses der USA an einer Wiederaufnahme der venezolanischen Ölförderung ist die am 29. Januar 2026 verabschiedete
Reform des Erdölgesetzes vielleicht die bedeutendste dieser Veränderungen. Die wichtigsten
Änderungen, die diese Reform mit sich bringt, sind die Aufhebung des Betriebsmonopols, das
die staatliche Ölgesellschaft PDVSA seit ihrer Verstaatlichung im Jahr 1976 innehatte, wodurch private Unternehmen nun direkt Ölfelder betreiben und Explorations- und Förderaktivitäten durchführen können, ohne Teil eines gemischten Unternehmens mit dem Staat sein zu müssen. So ermöglicht die Reform die Privatisierung der venezolanischen Ölförderung.
Zudem wird das staatliche Handelsmonopol aufgehoben, sodass private und gemischte Unternehmen Öl und Ölprodukte direkt auf dem internationalen Markt verkaufen dürfen. Darüber hinaus ermöglicht sie
es Minderheitsgesellschafter*innen der gemischten Unternehmen, die operative Leitung dieser zu übernehmen. Auf politischer Ebene bedürfen die Gründung gemischter Unternehmen und deren Bedingungen keiner vorherigen Zustimmung der Nationalversammlung mehr, sie werden nun von
der Exekutive genehmigt und dem Parlament lediglich mitgeteilt.
Trump schafft Garantien für Erdölkapital
Eine Woche nach der Festnahme von Maduro und Flores und der Amtsübernahme von Delcy Rodríguez
als Präsidentin traf sich Trump mit Führungskräften der größten US-amerikanischen Ölkonzerne und forderte sie auf, 100 Milliarden US-Dollar in die venezolanische Ölindustrie zu investieren. Während sich das bereits in Venezuela tätige Ölkapital aufgeschlossen zeigte und sich zu einer raschen Steigerung der Produktion verpflichtete (vor allem Chevron und Repsol), zeigte sich das vom Chavismus enteignete Ölkapital (Exxon und Conoco-Phillips) skeptisch gegenüber einer Rückkehr nach Venezuela und stufte
Investitionen in Venezuela unter den derzeitigen Umständen als nicht realisierbar ein. Unter der Annahme, dass sie sich auf das derzeitige rechtliche und institutionelle Ölgefüge in Venezuela bezogen, deutet die Eile bei dieser Rechtsreform auf den Versuch hin, dem transnationalen Ölkapital, das seinem Eintritt in das Land misstrauisch gegenübersteht, Garantien zu bieten. In diesem Zusammenhang sind die Wiedereröffnung der US-Botschaft in Caracas und der Besuch des US-Energieministers in der Hauptstadt am 12. Februar 2026 von Bedeutung.















