DEN BLICK DURCH DAS KINO DEKOLONISIEREN

Valery Rojas Caro (Foto: Privat)

Was hat dich dazu inspiriert, La Sur Real zu gründen, und warum in Berlin?
La Sur Real ist das Ergebnis von mehr als zehn Jahren gemeinsamer Arbeit mit Freund*innen, Verbündeten, Menschen aus der Diaspora und auch mit Deutschen, die uns geholfen haben, eine Brücke zwischen Lateinamerika und Europa zu schlagen. Wir wollten eine Plattform schaffen, die Künstlerinnen und Projekte auf beiden Seiten sichtbar macht.
Eine weitere starke Motivation war das Bedürfnis, der Desinformation über Kolumbien und generell über Lateinamerika etwas entgegen­zusetzen. Uns ging es darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich informieren, lernen und von Vorurteilen geprägte Sichtweisen hinterfragen können. Mit der Zeit konzentrierte sich unsere Arbeit immer stärker auf das Audiovisuelle. Nach meiner kuratorischen Ausbildung in San Sebastián beschlossen Mauricio und ich, ein Festival mit Schwerpunkt auf Dokumentarfilm zu gründen, mit Programmen, die darauf abzielen, den Blick zu dekolonisieren und über die geteilten Verantwortlichkeiten zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden nachzudenken.
Schließlich ist La Sur Real auch eine Möglichkeit, die Verbindung zur Diaspora lebendig zu halten, nicht den Kontakt zu verlieren und weiterhin aus Begegnung, Austausch und Dankbarkeit heraus zu arbeiten.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Filme für das Programm aus?
Diese Ausgabe ist die erste, in der wir Langfilme präsentieren. In den ersten Jahren haben wir ausschließlich mit Kurzfilmen gearbeitet. Die Auswahl basiert auf einem offenen Aufruf, der durch ein Netzwerk unterstützt wird, das wir über Jahre hinweg mit Filmschulen, Filmschaffenden und Menschen aus der Diaspora aufgebaut haben.
Die wichtigsten Kriterien sind, dass es sich um Dokumentarfilme handelt – auch wenn wir Animation, Indigenous Futurism und experimentelle Arbeiten zulassen –, dass sie aus dem Globalen Süden stammen, reale Geschichten erzählen und dazu beitragen, den Blick zu dekolonisieren. Wir priorisieren Werke von nicht-weißen Filmschaffenden und bevorzugen Regisseurinnen, Frauen und dissidente Personen.

Würdest du sagen, dass das Festival in diesen vier Jahren einen Einfluss auf die Wahrnehmung des deutschen Publikums gegenüber dem kolumbianischen Kino hatte?
Ja, ohne Zweifel gibt es diesen Einfluss. Ich möchte ihn nicht in Zahlen messen, aber ich nehme ihn sehr deutlich in den Gesprächen nach den Vorführungen wahr. Auch wenn der Großteil des Publikums lateinamerikanisch ist, kommen immer auch deutsche Besucher*innen, oft mit persönlichen Bezügen zur Region oder einem starken Interesse daran. Daraus entstehen sehr intensive Lernprozesse und Momente der Reflexion.
Mehrmals habe ich erlebt, wie bestimmte Themen für das deutsche Publikum schockierend sind. Zum Beispiel wenn wir Dokumentarfilme über Kohle, über das Steinkohlebergwerk El Cerrejón oder über die Beziehung zwischen Regionen wie La Guajira und dem Energieverbrauch in Deutschland zeigen, können viele das kaum glauben. Ähnlich ist es bei Recherchen zu Produktionsketten, die extraktivistische Dynamiken verbergen: Sobald diese Geschichten auf der Leinwand sichtbar werden, ist die Wirkung unmittelbar.
Für mich bestätigen solche Reaktionen, dass sowohl Lang- als auch Kurzfilme tatsächlich etwas auslösen und notwendige Fragen aufwerfen.

Was würdest du jungen lateinamerikanischen Filmschaffenden in Europa sagen, die das Gefühl haben, ihre Geschichten passen nicht zur „traditionellen europäischen Perspektive“?
Dass sie weitermachen sollen. Dass sie weiterhin auf die Bilder und Ideen setzen sollen, die sie im Kopf haben. Das klingt vielleicht klischeehaft, aber es stimmt. Wenn man ein Bild in sich trägt und es nährt, kann es Wirklichkeit werden.
Wichtig ist, sich nicht von der Bequemlichkeit oder der Trägheit des Lebens hier leiten zu lassen, sondern sich auch in der eigenen künstlerischen Arbeit immer wieder zu irritieren und herauszufordern. Man sollte sich nicht im Kanon dessen gefangen halten lassen, wie Kino angeblich gemacht werden „muss“.
Man kann mit wenigen Mitteln arbeiten, kollektiv produzieren, Bilder recyceln, mit Archivmaterial arbeiten, sich auf Freundschaften und nahe Netzwerke stützen. Wir kommen aus Kontexten, in denen Kino durch Improvisation, Erfindung und Lösungsfindung entsteht, ohne bei jeder Einschränkung stehenzubleiben. Diese Fähigkeit ist eine Stärke.
Wir haben alles: Fantasie, Gemeinschaft und Lust, etwas zu schaffen. Man muss das nur aktivieren und weitermachen.

Welche Botschaft würdest du dem europäischen bzw. Berliner Publikum mitgeben, um es zum Festival einzuladen?
Wir laden euch ein, aus der Täuschung auszutreten und „hinter die Kulissen“ zu schauen. Was dahinter liegt, tut weh, irritiert und ist unbequem, aber es ist notwendig. Sich der Wahrheit zu stellen. Es ist ein Prozess, der uns verändert.
La Sur Real schlägt vor, sich irritieren zu lassen, das scheinbar Selbstverständliche zu hinterfragen und sich Geschichten zu nähern, die andere Perspektiven und andere Arten zeigen, die Welt zu betrachten.

Was hat dich persönlich als Kuratorin und Kreative besonders geprägt?
Jedes Jahr gibt es Erfahrungen, die mich tief berühren. Vor drei Jahren zum Beispiel zeigten wir Madres, einen Kurzfilm der kolumbianischen trans Künstlerin Demonia Yeguasa. Der Film erzählt von ihrer Beziehung zu ihrer Mutter und davon, wie sie ihre Identität in einem konservativen Umfeld aufbaut. Nach der Vorführung und ihrer Feuer-Performance kamen einige Mütter aus dem Publikum mit Tränen in den Augen auf sie zu, bewegt davon, eine andere Art zu sehen, zu leben und sich auszudrücken.
Ein anderes Beispiel war La receta de la abuela, eine Animation über die argentinische Diktatur und das Exil, die eine Zuschauerin emotional sehr berührte, weil sie aus demselben Dorf wie die Protagonistin stammte. Und Llueve, über das gewaltsame Verschwindenlassen in Mexiko, löste tiefe und erschütternde Reflexionen aus, auch bei Menschen mit ähnlichen persönlichen Erfahrungen.
Was mich prägt, ist nicht nur der Inhalt der Filme, sondern auch der Kontext ihrer Vorführung. Wir zeigen Kino in nicht-konventionellen Räumen, etwa in der Köpi, einem besetzten Haus voller Graffiti und Wandmalereien, wo die Projektion zu einem kollektiven Ereignis wird, voller geteilter Energie, Zusammenarbeit und Ritualität. Das erinnert mich daran, dass Kino zugleich politisch, emotional und magisch sein kann. Diese Begegnungen zeigen mir, dass die Wirkung des Kinos aus der Verbindung von Geschichte, Sensibilität und Raum entsteht, und dass es die Erfahrung des Sehens und Fühlens verändert, wenn man solche Kontexte gemeinsam aufbaut.

Und zum Schluss: Warum der Name La Sur Real?
Früher hatten wir ein anderes Festival, das Cannibal Fest hieß, aber ich wollte etwas Neues schaffen. Der Name entstand aus der Kombination von „sur“ und „real“, dem Globalen Süden und der Realität, die im Norden oft unbekannt ist oder verzerrt dargestellt wird.
Zugleich sind das Leben und die Geschichten Lateinamerikas so üppig und komplex, dass sie zwischen Schönheit und Dunkelheit manchmal surreal erscheinen. So entstand La Sur Real: ein Name, der die Realität des Südens und den feministischen und dekolonialen Anspruch des Festivals widerspiegelt.


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„Ich wurde Malvinera“

Gabriela Naso (Foto: Juliana Garzón Beltrán)

Wie kam es zu der Idee des Projekts und warum gerade das Thema der Malvinas im Kontext der argentinischen Militärdiktatur?
Während meiner Zeit an der Universität in Lomas de Zamora (Ballungsraum von Buenos Aires, Anm. d. Red.) berichtete ich als Dokumentarjournalistin über Menschenrechtsthemen. In meiner Ausbildung wurden die Malvinas als militärische Heldentat dargestellt, losgelöst von der argentinischen Diktatur. Aber als ich von den Folter-Vorwürfen von Soldaten erfuhr, wurde mir klar, dass sich dort dieselben Praktiken des Staatsterrorismus wiederholt hatten. Der heroische Diskurs hatte diese Kontinuität nur verschleiert. Ende 2016 war ich dann im Rahmen meiner Berichterstattung über die Kampagne zur Identifizierung der 123 gefallenen Soldaten in La Plata und interviewte dort Soldaten, die während des Falklandkriegs gekämpft hatten. Ich erfuhr von dem Gerichtsverfahren, in dem die Misshandlungen untersucht werden und begann, die Geschichte anhand von Interviews mit ehemaligen Kämpfern, Anwälten und Menschenrechtsaktivisten zu rekonstruieren. Ich sammelte immer mehr Zeugenaussagen, über die ich zunächst schriftlich berichtete. Mit der Zeit begann ich aber auch, persönlich an den Aktivitäten der ehemaligen Soldaten in La Plata teilzunehmen. Ich besuchte ihre Dienstagstreffen, begleitete sie bei Demonstrationen und marschierte am 24. März 2019 mit ihnen zur Plaza de Mayo, dem Hauptplatz in Buenos Aires. Auf diesem Weg begegnete ich einer Gruppe, deren Werte ich zutiefst teilte und durch sie verschrieb ich mich der Sache der Malvinas. Ich wurde Malvinera.

Wie verlief der Prozess des Infragestellens des heroischen Diskurses der Streitkräfte und der Rolle des argentinischen Staates?
Es begann damit, dass ich Zugang zu freigegebenen Archiven der Streitkräfte erhielt. Ich entdeckte, wie ein Apparat des Schweigens aufgebaut worden war, nicht nur, um die Soldaten zum Schweigen zu bringen, sondern auch, um die Angehörigen der Verschwundenen zu isolieren. Die Diktatur hatte die Idee einer „Heldentat” durch die Medien gefestigt und „Märtyrerfiguren” erschaffen. Die späteren Amnestiegesetze hatten die Anzeige von Missbräuchen erschwert und erst Jahrzehnte später kam es zu einer Anhörung und einem Gerichtsverfahren. Dabei wurden einige der ehemaligen Soldaten zum Reden ermutigt, aber viele waren weiterhin mit Stigmatisierung und der Normalisierung von Gewalt im Zusammenhang mit dem Militär und Männlichkeitsvorstellungen konfrontiert.

Was denkst du, welche Rolle hatte und hat die Bevölkerung beim Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses über den Krieg um die Malvinas?
Anfangs fand die Gesellschaft kein Gehör für die ehemaligen Soldaten und ihre Beschwerden über die auf den Malvinas erlittenen Gewalttaten. Die Gesellschaft schaute in vielen Fällen einfach weg und während die Soldaten in der öffentlichen Debatte als „Helden des Vaterlandes” bezeichnet wurden, fingen einige an, sich als „Antihelden” zu identifizieren. Mit der Zeit, insbesondere seit der Einführung staatlicher Maßnahmen zur Aufarbeitung der Vergangenheit – wie der Freigabe von Archiven und der Unterstützung der Gerichtsverfahren während der Amtszeit von Cristina Fernández de Kirchner –, wurde die Malvinas-Frage auch in der Gesellschaft aus menschenrechtlicher Perspektive betrachtet. Organisationen wie die Provinzkommission für Erinnerung, die Großmütter und Mütter der Plaza de Mayo sowie Bildungsprogramme in Schulen griffen diese Sichtweise auf und trugen dazu bei, den Konflikt neu zu bewerten. Heute erkennt ein Großteil der Bevölkerung an, dass auch auf den Malvinas staatlicher Terrorismus präsent war.

Gab es eine Aussage oder bestimmte Momente während der Dreharbeiten, die dich besonders beeindruckt haben?
Ja, ein Moment, der mich besonders beeindruckt hat, war, als Miguel Anderfuhrn beschloss, seine Anzeige beim Bundesgericht einzureichen. Als er tief bewegt aus dem Gericht kam, hatte er einen intensiven Austausch mit Roberto Cipriano García, dem Anwalt der Provinzkommission für Erinnerung. Miguel sagte, seine Aussage sei „Teil dessen, was allen widerfahren war”. Roberto antwortete ihm, dass sei das, was ihm widerfahren sei und erinnerte ihn daran, dass Überleben nicht bedeute, keine Gewalt erlitten zu haben. Er war mit dem Tod bedroht worden und sie hatten ihm eine Waffe an den Kopf gehalten, weil er versuch hatte, einem festgehaltenen Kameraden zu helfen. Die Vorbereitung und Begleitung dieser Anzeige hatten Jahre gedauert und als er schließlich seine Aussage gemacht hatte, brach er zusammen. Später erzählte er mir, dass er sich fühlte, als wäre eine riesige Last von ihm genommen worden. Ihn und seine Familie in diesem Prozess begleiten zu dürfen, war eine zutiefst bedeutsame Erfahrung. Es war eine dieser Erfahrungen, die den Beruf rechtfertigen und den Sinn der kollektiven Wiedergutmachung verkörpern.

Warum sind die Malvinas so ein wichtiges Thema für die nationale Identität Argentiniens?
Die Malvinas sind für Argentinier ein zentrales Thema, nicht nur, weil es so in der Verfassung festgelegt ist, sondern weil die Inselgruppe ein tiefes Gefühl des argentinischen Volkes hervorruft. Das zeigt sich in Poesie, in Fangesängen und Tätowierungen ebenso wie durch Flaggen und Wandmalereien – die Inseln sind einfach Teil unserer argentinischen Identität und mit der Zeit hat sich dieses Gefühl nur noch verstärkt. Die Bedeutung der Malvinas geht dabei weit über den Krieg von 1833 hinaus (Beginn der britischen Besetzung der Malvinas, Anm. d. Red.). Heute dauert der Streit um die Souveränität mit Großbritannien an, da sich in dieser Region, die reich an natürlichen Ressourcen ist und strategisch mit der Antarktis verbunden ist, ein NATO-Militärstützpunkt befindet. Daher sind die Malvinas nicht nur ein militärischer Konflikt, sondern auch eine Frage der Geopolitik, der Souveränität und des kollektiven Gedächtnisses.

Der Dokumentarfilm wird nun schon seit einigen Monaten gezeigt. Welche Wirkung hatte er, was hat sich verändert und was gibt es noch zu tun?
Der Film wurde insgesamt sehr gut aufgenommen. Die Premiere fand am 1. April dieses Jahres in Buenos Aires in einem Saal mit 400 Zuschauern statt und als ich sah, dass die Hälfte des Saals weinte, dachte ich: „Das funktioniert”. Die Menschen waren tief bewegt, viel mehr als ich erwartet hatte und das ist für mich entscheidend. Der Dokumentarfilm wurde auch auf mehreren Festivals gezeigt: Die Tour übertraf meine Erwartungen, vor allem weil ich aus dem Journalismus komme und die Auseinandersetzung mit der audiovisuellen Sprache eine große Herausforderung für mich war. Aber dank der Unterstützung des Kameramanns Fernando León González und des gesamten Teams ist es uns gelungen, die Geschichte so zu vermitteln, wie wir es wollten. Jetzt hoffen wir, den Film weiterhin in Kulturzentren, Universitäten, Schulen und Gedenkstätten zeigen zu können, um die Diskussion aufrechtzuerhalten. Parallel dazu beginne ich gerade mit der Planung eines neuen Filmprojekts über die Malvinas, das sich auf zwei Frauen konzentriert, die 200 Jahre voneinander getrennt, aber durch dasselbe Land verbunden sind: María Sáez Vernet und Clara Bernet. María war eine der ersten Personen „am Ende der Welt“ und ist Chronistin der Entstehung des argentinischen Volkes auf den Malvinas. Clara, ihre Nachfahrin, ist eine Aktivistin, die die Geschichte dieses Volkes verteidigt und sich für die Entmilitarisierung des Südatlantiks einsetzt. Aus der Perspektive der beiden Frauen können wir meiner Meinung nach einen sehr frischen und interessanten Ansatz bieten, um die Geschichte der Malvinas zu behandeln.

Welche Erkenntnisse lassen sich aus dem Prozess des Films ziehen, um über Mechanismen für Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung in anderen Kontexten von Diktaturen oder bewaffneten Konflikten in Lateinamerika nachzudenken?
Eine zentrale Erkenntnis des Prozesses war, das gesprochene Wort und die Bedeutung kollektiver Räume des Zuhörens wertzuschätzen. Der Dialog mit den Opfern darf keine erneute Viktimisierung sein, sondern muss eine echte Einbeziehung sein, die es ihnen ermöglicht, das Werk für sich anzunehmen. Die ehemaligen Soldaten sollen sich im Film authentisch repräsentiert fühlen. Ich möchte nicht nur Zeugnisse oder Notizen sammeln, sondern damit etwas bewirken. Deshalb ist es wichtig, sowohl mit den Menschen, die von ihren Erfahrungen berichten, als auch mit dem Produktionsteam, das auf die Stimmung und Intensität jedes einzelnen Zeugnisses vorbereitet sein muss, eng zusammenzuarbeiten. Ein Beispiel dafür war das Interview mit Silvio Katz, den ich dabei begleitet habe, seine Vergangenheit auf behutsame und respektvolle Weise in die Gegenwart zu holen. Ich glaube auch, dass öffentliche Maßnahmen notwendig sind, die sich um die psychische Gesundheit derjenigen kümmern, die Konfliktsituationen durchleben und dass der Staat Informationen zur Verfügung stellen muss, damit diese Verbrechen untersucht werden können. Aus kultureller Sicht kann die Kunst einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des kollektiven Gedächtnisses leisten.


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Berliner Collage

© Distruktur, If You Hold a Stone, 2016

Einsam ist es auf dem Containerschiff, das Melissa und Gustavo über den Atlantik bringt. Die Wellen rauschen, auf dem Deck steht ein Liegestuhl und von der Crew ist kaum etwas zu sehen. Dazu hört man aus dem Off gesprochene Poesie. Fast fühlt es sich an wie eine Kreuzfahrt über den unwirklich blauen Atlantik, von Brasilien nach Deutschland.

Doch so träumerisch-unkompliziert bleibt es nicht die ganze Zeit über in Melissa Dullius’ und Gustavo Jahns experimentellem Film Muito Romântico, der bereits 2016 auf der Berlinale Premiere feierte und 2025 im Rahmen der Reihe Forum Expanded Jubiläum neu aufgelegt wurde. In Berlin angekommen, werden die beiden Filmemacher*innen aus dem Süden Brasiliens mit den Freuden und Leiden der Künstler*innenexistenz konfrontiert: Neben dem Finden neuer Freundschaften sowie unvermeidlichen Partys und Drogentrips steht auch die mühselige Wohnungssuche in der deutschen Hauptstadt an. Dazu stellt sich nach der Anfangseuphorie ein Fremdheitsgefühl ein, das auch anderen Migrant*innen zu schaffen macht. Doch die Zeit hilft, darüber und über andere persönliche Probleme hinwegzukommen und sich in der neuen Realität zurechtzufinden.

Muito Romântico ist ein interessanter Mix aus experimenteller Collage und autobiografischer Mockumentary über das Leben zweier Filmemacher*innen. Oft poetisch verfremdet, lassen sich die episodischen Ausschnitte aus dem Leben von Melissa und Gustavo gut nachvollziehen. Besonders schön ist das am Aussehen der Wohnung zu sehen, die sich im Laufe des Films durch neue Möbel und Dekorationen ständig verändert und so zum Symbol des Lebens und der Beziehung des Paars wird.

Zum Ende hin will der Film allerdings etwas zu viel: Da öffnet sich ein kosmisches Portal in der Wohnung, das angeblich Verbindungen zwischen verschiedenen Dimensionen und Zeitebenen herstellt. Das verwirrt etwas (unter anderem werden die Protagonist*innen nun durch andere Personen dargestellt) und wäre so auch gar nicht nötig gewesen, da der Film auch vorher schon durch andere Symboliken diese Transzendenz spürbar macht. Dennoch ist Muito Romântico eine atmosphärisch-künstlerische Betrachtung migrantischer Erfahrungen in Berlin geworden, in der viele zugezogene Berliner*innen einige Momente ihres eigenen Lebens aus der Anfangszeit in der Stadt wiederentdecken dürften. Der Film erhielt deshalb auch eine Special Mention beim Preis für den besten Kunstfilm auf dem New Horizons Filmfestival in Breslau 2016.


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Magisch und realistisch

© Aline Arruda

Drei Filme aus Lateinamerika im Wettbewerb der Berlinale – das ist selten. Aber selten war es auch so verdient wie 2025, denn alle drei Beiträge konnten vollends überzeugen. Als Außenseiter ins Rennen gegangen, verließen sowohl O Último Azul (Der Blaue Pfad) aus Brasilien (Großer Preis der Jury) als auch El Mensaje (Die Nachricht) aus Argentinien (Preis der Jury) mit je einem Silbernen Bären das Festival. Die Preise, die auch als zweiter bzw. dritter Platz des Wettbewerbs bezeichnet werden können, gingen an zwei vor allem stilistisch mutige Filme, die ohne große Budgets mit Leichtigkeit und einer gewissen Magie die Geschichten von Aussteiger*innen aus dem vorgezeichneten Leben erzählten. Etwas zugänglicher ist Regisseur Gabriel Mascaros sanfte Dystopie O Último Azul. In dieser gar nicht so unrealistischen Zukunftsvision nimmt der Staat alten Menschen die Selbstbestimmung.

Dagegen rebelliert die 75-jährige Tereza (Denize Weinberg) und flieht in einem Boot ins Herz des Amazonasgebiets (siehe Rezension auf Seite 46). Während hier wunderschöne Bilder fast zu erwarten waren, hat Iván Fund mit El Mensaje das Kunststück geschafft, selbst der rauen und spröden Landschaft Nordargentiniens durch eindrucksvolle und warme Schwarz-Weiß-Bilder einen Zauber zu verleihen. Manche Zuschauer*innen erinnerte das Roadmovie über ein Mädchen, das mit Tieren sprechen kann und damit Geld für seine Familie verdienen soll, sogar an Werke des italienischen Großmeisters Federico Fellini. Durch seine langen Einstellungen und seine eher assoziative als lineare Erzählweise ist der Film aber sperriger, als es zunächst scheint. Mit Michel Francos Dreams (Mexiko) ging der dritte lateinamerikanische Wettbewerbsbeitrag zwar leider ohne Preis nach Hause. Die radikale Abrechnung mit dem mexikanisch-amerikanischen Traum am Beispiel einer toxischen Abhängigkeitsbeziehung von Personen aus beiden Ländern konnte aber trotzdem auf vielen Ebenen überzeugen und bereicherte das Festival.

Der dritte große Erfolg für das Cine Latino war El diablo fuma (y guarda las cabezas de los cerillos quemados en la misma caja) („Der Teufel raucht – und bewahrt die verbrannten Streichholzköpfe in derselben Schachtel auf“) aus Mexiko. Der Film mit dem längsten Titel der Berlinale 2025 gewann den ersten Preis in der neuen Sektion Perspectives, die den besten Debütant*innenfilm auszeichnet. In der kammerspielartig erzählten Geschichte aus den 1990er Jahren werden fünf Kinder von ihren Eltern verlassen und müssen versuchen, zu Hause mit ihrer schizophrenen Großmutter ihr Leben weiterzuführen. Auch hier mischt sich die harte Realität mit magischen Elementen, denn nicht nur die Großmutter hat das Gefühl, dass der Teufel dem Haus regelmäßige Besuche abstattet.

In weiteren Sektionen gab es Lobende Erwähnungen für lateinamerikanische Filme. So wurde die peruanische Dokumentation La memoria de las mariposas („Die Erinnerung an die Schmetterlinge“), die aus dekolonialer Perspektive die brutalen Verbrechen des Kautschukhandels im 20. Jahrhundert aufarbeitet, verdientermaßen von der Jury des Dokumentarfilmpreises gewürdigt. In der Jugendfilmsektion Generation konnten besonders die Kurzfilme überzeugen: Die Internationale Jury erwähnte lobend den Kinderkurzfilm Akababuru: Expresión de asombro („Akababuru: Ausdruck des Erstaunens“, Kolumbien), in der ein Indigenes Mädchen mit magischer Unterstützung lernt, sich zu behaupten. Die Jugendjury belohnte außerdem die poetische chilenische Reflexion Atardecer en América („Dämmerung über Amerika“) über die gefährliche Migrationsroute durch die Anden und Lucia Murats brasilianische Dokumentation Hora do recreio („Playtime“), in der Schüler*innen durch Diskussion und Theaterspiel ihre Diskriminierungserfahrungen austauschen, mit einer Würdigung.

Erfreulicherweise bleibt das Niveau im lateinamerikanischen Film also weiter erstaunlich hoch, und das über alle Genregrenzen hinweg. Denn auch andere Beiträge wie zum Beispiel der wilde peruanische Horror-Stilmix Punku (das Quechua-Wort für Tor), der einfühlsame Familienfilm A natureza das coisas invisíveis (Das Wesen unsichtbarer Dinge“, Brasilien) oder die persönlich-politische Aktivist*innendoku Colosal aus der Dominikanischen Republik konnten die LN-Redaktion überzeugen. Auf unserer Website gibt es Kritiken dieser und vieler weiterer lateinamerikanischer Filme der 75. Berlinale zu lesen. Viel Spaß dabei!


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Von Kampf und Resilienz in den Tropen

Querído Trópico Intime Kinomomente im Film der panamaischen Regisseurin Ana Endara (Foto: Vitrine Films)

Körperlichkeit, Individualität und Identität sind die aktuellen Themen, die der Film Simón de la montaña aufgreift. Der junge Simón ist mit Pehuen befreundet, der in einem Heim für geistig Behinderte in der argentinischen Steppe wohnt. Er fühlt sich von dieser Gruppe Jugendlicher angezogen und beginnt nach und nach ihre Bewegungen zu studieren, eine eigene Körpersprache und Ticks zu entwickeln, bis er geradezu eins mit ihnen wird. Simón de la montaña ist der erste Spielfilm des Argentiniers Federico Luis (Koproduktion Argentinien, Chile, Uruguay und Mexiko) und lief in San Sebastián in der Sektion Horizontes Latinos. Die Sozialstudie lässt die Grenzen zwischen Simón und seiner Darstellung verschwimmen. Der andere wird repräsentiert, bis sich das eigene Ich geradezu auflöst. Im Titel weckt der Film Assoziationen mit Luis Buñuels gleichnamiger biblischer Figur aus Simón del desierto. Der argentinische Simón sucht seine Identität und erlangt durch diesen Schelmenstreich eine gewisse Narrenfreiheit. Parallelen zu Filmen wie Rainman, Forrest Gump oder Idioten von Lars von Trier sind ebenfalls zu erkennen.

Wesentlich politischer kommt Zafari, der neue Film der venezolanischen Regisseurin Mariana Rondón, daher. Er erzählt von der Rivalität zweier Familien aus unterschiedlichen sozialen Schichten in einem Wohnblock. Alles beginnt mit der Ankunft des Nilpferds Zafari im gegenüberliegenden Zoo. Während eine bürgerliche Familie von zu Hause mit Ferngläsern verbissen beobachtet, wie eine Arbeiter*innenfamilie das Schwimmbad belagert und sich um das neue Tier kümmert, scheint Letztere ihr Leben zu genießen. Strom- und Wasserausfälle sind jedoch an der Tagesordnung, die Bewohner*innen des Häuserblocks haben Hunger und schon bald wird klar, dass es hier um das nackte Überleben geht. Die meisten Wohnungen stehen leer, die alten Mieter*innen sind schon längst weg. Unter einem Vorwand betritt die Protagonistin Ana alle Wohnungen auf der Suche nach Dosenfutter, Kleidung und was sie sonst noch ergattern kann. Eines Tages haben die Nachbar*innen Fleisch organisiert. Da fragt man besser nicht nach, woher es kommt.

Mariana Rondón hatte bereits 2013 in San Sebastián mit ihrem Film Pelo Malo die Goldene Muschel, den Hauptpreis des Festivals, gewonnen. Zafari war nur als Gemeinschaftsprojekt vieler Länder möglich (Koproduktion zwischen Peru, Venezuela, Mexiko, Frankreich, Brasilien, Chile und Dominikanische Republik).

Erwähnenswert ist auch der Film Querido Trópico von Regisseurin Ana Endara aus Panama. Ein tropischer Garten wird darin zum Schauplatz der Komplizinnenschaft zweier einsamer Frauen: eine bürgerliche Frau aus der Oberschicht, die an Demenz leidet, und ihre Pflegerin – eine Migrantin ohne Aufenthaltserlaubnis und ohne sozialen Anschluss, aber mit einem Geheimnis. Nach anfänglicher Ablehnung der neuen Pflegerin kommen sich beide allmählich näher.

Es ist ein Film der ruhigen Töne, der sich Zeit lässt, um die Stimmung und Gemütsverfassung der beiden Frauen festzuhalten. Die Kamera ist nah dran, beobachtet kleine Gesten voller Empathie und intimer Momente. Blicke und Schweigen sagen in Querido Trópico oft mehr als Worte.

Demokratie braucht Erinnerung

In der Sektion Perlas war Brasiliens Altmeister Walter Salles mit Ainda estou aquí (I’m still here) vertreten. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit aus der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur: Eine Mutter kämpft im Jahr 1971 um ihre Familie, nachdem ihr Mann festgenommen wurde. Der Regisseur war seinerzeit mit den Kindern von Rubens Paiva befreundet. Der autobiografische Roman des Sohnes Marcelo Paiva diente als Vorlage für den Film. Salles erinnert sich an das Haus als Oase der Freiheit, in dem über Politik debattiert und zu tropischer Musik getanzt wurde. Das alles nahm ein jähes Ende, als die Junta Familienvater Rubens entführt, der nie wieder auftauchen sollte. Heldin ist die Ehefrau und Mutter Eunice, eine engagierte Anwältin, die sich ihr Leben lang für Menschenrechte stark gemacht hat. Salles schildert durch einen intimen Blick auf die gewaltsame Zerstörung einer Familie, wie die kollektive Vision eines Landes verloren ging. Dabei versteht er es, den Schmerz der Protagonist*innen einzufangen, ohne dabei in Sentimentalität zu verfallen. Ein Land ohne Erinnerung ist dazu verdammt, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Der abscheulichen Glorifizierung dieser dunklen Zeit durch Bolsonaro setzt der Regisseur diesen Film entgegen, als mächtiges Medium gegen das Vergessen. Salles möchte dabei aber mehr als Schmerz vermitteln: Es geht vielmehr um die Erforschung der menschlichen Seele. Er erkundet, wie wir mit menschlichem Verlust umgehen und die Erkenntnis, dass wir selbst in düsteren Zeiten Kraft und Mut schöpfen, um uns zu heilen.

Als weitere filmische Perle hat Apocalypse in the Tropics von Petra Costa aus Brasilien schon in Venedig Eindruck hinterlassen. Ein Land am Rande des Kollapses: Treue Evangelikale beten um die Rettung durch Jesus, während im Amazonasgebiet Tausende von Covid-Opfern in Massengräbern begraben werden. TV-Priester versprechen Seelenheil und Reichtum und fordern ihre treue Gefolgschaft zu einem Putschversuch auf. Bolsonaro-Anhänger*innen stürmen den Präsident*innenpalast mit der Forderung nach einer Militärintervention.

Die oscarnominierte Regisseurin Costa betont, “Apokalypse” heiße eigentlich “Offenbarung”: Wir sollten die Augen öffnen, um zu begreifen, was gerade weltweit mit rechtem Fundamentalismus passiere – ein Film als Roadtrip in die Herzen und Köpfe der Zuschauer*innen, als Zeug*innen des Erosionsprozesses der Demokratie.

Apocalypse in the Tropics spiegelt wider, wie Glauben im Zeitalter der unregulierten Information wirkt, die von Politiker*innen und Multimillionär*innen zu fake news manipuliert werden. Dies geschieht unter direkter Beteiligung der USA, die Evangelikale nach Brasilien schickte, um Politik enger an Religion zu binden. Der Film ist eine dringende Warnung vor der Manipulation einer geschwächten Demokratie durch religiösen Fundamentalismus im Auftrag politischer Interessen. Dadurch werden demokratische Prinzipien nicht nur in Brasilien, sondern auch weit über seine Grenzen hinaus angegriffen.

Rechtspopulismus als Gefahr für den Film

Angesichts der systematischen Zerstörung der argentinischen Filmindustrie durch die Kahlschlagpolitik des rechtspopulistischen Präsidenten Javier Milei hat das Festival in diesem Jahr einen besonderen Fokus auf den derzeit um sein Überleben kämpfenden argentinischen Film gesetzt.

Die Academia de las Artes y Ciencias Cinematográficas de Argentina hat mit Unterstützung des Festivals, der Jurys, Programmleiter*innen und aller anwesenden Filmschaffenden aus Lateinamerika ein starkes Zeichen gesetzt. Festivalleiter José Luis Rebordinos bekundete in einem Manifest seine Solidarität und betonte die Relevanz des argentinischen Films für die globale Filmlandschaft. Dieses Jahr sind allein in den Hauptsektionen 16 argentinische Werke im Programm vertreten, aber es sei ungewiss, wie viele es im nächsten Jahr sein werden – vielleicht gar keine mehr, denn es werden keine Projekte mehr finanziert. Dabei gibt jede einzelne erzählte Geschichte dem Land Identität, Kultur und Arbeit. Film ist in Argentinien als Beitrag zum kollektiven Gedächtnis auch ein wichtiges Medium, damit die schmerzvolle Geschichte des Landes nicht in Vergessenheit gerät.

In diesem Zusammenhang erzählte der Dokumentarfilm Traslados von Nicolás Gil Lavedra von den “Vuelos de la muerte”, den Todesflügen der Militärdiktatur Videlas. Minutiös recherchiertes, ausführliches Archivmaterial zeichnet auf niederschmetternde Weise die barbarische Methode nach, mit der tausende Menschen unter Drogeneinfluss von Flugzeugen ins Meer geworfen wurden. Viele Verschwundene wurden an der Küste Uruguays angeschwemmt. Filme wie dieser sind umso wichtiger in Zeiten, in denen populistische Regierungen versuchen, Staatsterror totzuschweigen und den künstlerischen Ausdruck mundtot zu machen.

Beim Verlesen von Rebordinos’ Manifest waren unter anderem Regisseur Diego Lerman und Schauspieler Leonardo Sbaraglia präsent, deren von Netflix produzierter Wettbewerbsfilm El hombre que amaba los platos voladores wenige Minuten zuvor tobenden Applaus geerntet hatte. In der skurrilen und wahren Geschichte aus dem Jahr 1986 reisen der Journalist José de Zer und sein Kameramann Chango auf Einladung von zwei zwielichtigen Gestalten, die von paranormalen Phänomenen erzählen, in das Dorf La Candelaria in die Provinz Córdoba. Dort angekommen gibt es jedoch nichts Interessantes zu berichten: Ein abgebranntes Kornfeld in den Bergen ist alles, was die beiden Besucher vorfinden. Mit viel Einfallsreichtum schaffte José de Zer dennoch eine bemerkenswerte Berichterstattung über außerirdische Präsenz, die in die Geschichte des argentinischen Fernsehens einging. Dafür nahm er es mit der Wahrheit nicht sehr genau und scheute keine Mühe, um die Zuschauer*innen vor dem Bildschirm zu fesseln: Der Journalist organisierte einen Helikopter und trainierte die Einwohner*innen, um sie als Zeug*innen von Ufosichtungen vorzuführen. Dabei war keine Erzählung absurd genug: Ein kleiner Junge mit hell gefärbten Haaren sollte etwa voller Angst berichten, wie sein Haar durch ein außerirdisches Licht plötzlich weiß wurde. Für die grenzenlos phantasievollen Reportagen wird José de Zer noch heute verehrt. Eine fantasievolle Geschichte voller Humor und Leichtigkeit – willkommene Abwechslung zu den in vielen anderen Filmen präsenten düsteren politischen Realitäten.


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Im Sand verlaufen

© Felipe Larozza / Salvatore Filmes

Zauberhaft sieht sie aus, die Region um den Nationalpark Lençois Maranhenses ganz im Nordosten Brasiliens. Riesige weiße Sanddünen erstrecken sich kilometerweit die Küste entlang bis weit ins Landesinnere, unterbrochen von blauen Lagunen, die zum Baden einladen. Die Lençois sind eines der größten Naturwunder Brasiliens und damit auch eine der bekanntesten Tourismusattraktionen des Landes. Ihre Bewohner*innen stellt die geschützte Landschaft aber auch vor Herausforderungen.

Dies ist das Setting von Marcelo Bottas Debütfilm Betânia, der auf der Berlinale 2024 Weltpremiere feierte. Der Film folgt der titelgebenden Großmutter Betânia (Diana Mattos) und ihrer Familie, die in einfachen Verhältnissen am Rande der Dünen lebt. Betânia war ihr Leben lang Hebamme und hat laut eigener Aussage im Laufe ihres Lebens so gut wie jedes Kind der Region zur Welt gebracht. Die männlichen Freunde und Familienmitglieder verdingen sich vor allem als Tourist*innenführer, während die weiteren im Film vorkommenden Frauen meist älteren Semesters sind und Hausarbeit verrichten. Ausnahme: Betânias Enkelin Vitória (Nádia de Cássia), die auf Reggae steht, für den der brasilianische Bundesstaat Maranhão landesweit berühmt ist, und DJ werden möchte. Dies wiederum bringt ihre erzchristliche Mutter Irineusa (Michelle Cabral) an den Rand des Nervenzusammenbruchs.

Eine Kritik über Betânia zu schreiben, ist nicht einfach, weil der Film die wahrscheinlich größte Bild-Text-Schere des Festivaljahrgangs aufweist. Die fantastische Dünen- und Mangrovenlandschaft der Lençois Maranhenses fängt der geübte Dokumentarfilmer Botta in faszinierenden, fast überrealistisch schönen Bildern ein. Vor allem die Drohnenaufnahmen von den sich wellenden, weißen Sandbergen unter blauem Himmel sind spektakulär. Leider belässt es Botta aber nicht bei diesen zauberhaften Eindrücken, sondern möchte dazu noch eine Geschichte erzählen, was ihm gnadenlos misslingt. Banale Dialoge, altbackene Figurenzeichnung und unnütze Nebenhandlungen, die noch dazu meist – pardon – im Sande verlaufen, machen den flunderflachen Plot zu einer schmerzhaften Aneinanderreihung kitschiger Plattitüden. Dazu werden die Szenen derartig oft von Musik-Performances unterbrochen (es sind insgesamt über 60 Einspielungen!), dass sich selbst die größten Liebhaber*innen brasilianischer Folklore irgendwann fragen dürften, was hier eigentlich Mittel und was Zweck sein soll. Der dramatische Höhepunkt des Films nähert sich, als Tonhão (Caçula Rodrigues), Betânias Schwiegersohn und Dorftrottel in Personalunion, ein entnervend überzeichnetes französisches Tourist*innenpärchen in die Wüste führt und dort dann prompt nicht mehr herausfindet. Doch da ist schon so viel honigsüß-konfliktfreies Wasser die Dünen heruntergeflossen, dass sich wirklich niemand mehr vorstellen mag, hier könne noch irgendetwas Böses passieren.

Die seichte Handlung von Betânia, die sich irgendwo zwischen Homevideo und drittklassiger Telenovela einpendelt, stört den visuellen Genuss mit der Zeit dann doch erheblich. Zumal der Film auch noch viel zu lange zwei Stunden läuft. Dabei wäre es auch anders gegangen. Denn die Figur der Großmutter Betânia basiert auf der wahren und erzählenswerten Lebensgeschichte von Maria do Celso, die ihr Leben lang dafür kämpfte, den malerischen Dörfern am Nationalpark Wasser- und Stromanschluss zu ermöglichen. Genau wie die Umweltprobleme, die die Versandung der Mangrovenlandschaft mit sich bringt, geht das aber leider in zu viel rührseligem Gemenschel unter. Vielleicht hätte Marcelo Botta einfach nur einen weiteren Dokumentarfilm drehen sollen. Den Zuschauer*innen von Betânia sei jedenfalls empfohlen, die wunderschönen Bilder in vollen Zügen zu genießen und ansonsten das Hirn auf Durchzug zu stellen.

LN-Bewertung: 2 / 5 Lamas


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Der Himmel über Mexiko

© Coproduction Office – Mantarraya – NoDream Cinema

Der mexikanische Film Batalla en el cielo wurde im Jahr 2023 in Mexiko restauriert und während der Berlinale erneut veröffentlicht. 2005 wurde der Film zum ersten Mal gezeigt und kontrovers diskutiert. Zu Beginn des Films werden die Hauptfiguren Ana (Anapola Mashkadiz) und Marcos (Marcos Hernandes) in einer expliziten Oral-Sex-Szene eingeführt. Für die Premiere in Mexiko wurden aufgrund der sehr freizügigen Darstellung von Sex Teile des Films herausgeschnitten.

Die Handlung folgt Marcos, der in Mexiko-Stadt lebt und als Fahrer für die Tochter eines Armee-Generals arbeitet. Nachdem er mit seiner Frau ein Baby entführt hat, stirbt dieses. Marcos ringt mit der Schuld des begangenen Verbrechens, während er gleichzeitig gegen seine Fantasien für Ana, die Tochter des Generals, kämpft. Nach einem sexuellen Zusammentreffen zwischen Ana und Marcos gesteht letzterer die Tat, und Ana überredet ihn, sich der Polizei zu stellen. Auf der Suche nach Erlösung begibt sich Marcos in die Basilika von Guadalupe, während die Polizei die begangenen Verbrechen aufdeckt.

Carlos Reygadas, geboren 1971 in Mexiko-Stadt, ist einer der bekanntesten mexikanischen Filmregisseure. Er wurde mit dem Jurypreis beim Cannes Film Festival 2007 und dem Preis für den besten Regisseur beim Cannes Film Festival 2012 ausgezeichnet. Im Jahr 2000 gründete er seine Produktionsfirma NoDream Cinema und debütierte mit seinem ersten Film Japón. Sein einzigartiger und kontemplativer filmischer Stil wurde international gelobt. Im Laufe seiner Karriere hat Reygadas soziale und existenzielle Themen erforscht und visuelle und narrative Elemente verwendet, um Filme zu schaffen, die über die einfache Handlung hinausgehen. Sein Fokus auf menschliche Intimität und seine Arbeit mit Nicht-Schauspielern waren Höhepunkte seines Werkes, das sich durch emotionale Tiefe und die Suche nach innerer Wahrheit auszeichnet.

Batalla en el cielo ist sicher nicht für alle Geschmäcker geeignet, da die Plansequenzen sehr lang sind und der Film generell im Tempo eher langsam ist. Viele Dinge bleiben ohne Erklärung und es mangelt an Kontext. Die Dialoge wirken zudem oft energielos. Dennoch gelingt es dem Regisseur, eine Atmosphäre der Fremdheit und Intrige zu schaffen. Aus einem Interview mit Reygadas ist bekannt, dass er bewusst Personen ohne Schauspielerfahrung einsetzte, um seine Protagonist*innen zu verkörpern. Zudem bekamen diese oft wenige Kontextinformationen zu ihren Szenen. Was damit geschaffen wird, ist diese Aura der Fremdheit, von Charakteren ohne Seele, die keine Vergangenheit oder Zukunft haben, und nur während des Films existieren. Insgesamt stellt sich Batalla en el cielo trotz der teils chaotischen Stimmung, die er transportiert, so doch als interessantes Kinoerlebnis dar.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas


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Poesie für Fortgeschrittene

© Películas mirando el techo

Einfach macht es Matías Piñeiro seinen Zuschauer*innen meistens nicht. Die Werke des argentinischen Independent-Filmemachers sind mit ihren verschachtelten Narrativen und oft außerhalb des lateinamerikanischen Kontextes stehenden Leitmotiven nicht einfach zu entschlüsseln. Bislang standen oft Shakespeare oder auch mal asiatische Philosophie im Zentrum von Piñeiros Schaffen. In Tú me abrasas ist Lateinamerika nun bis auf Regisseur und Schauspieler*innen komplett außen vor. In seinem Berlinale-Beitrag verfilmt der Regisseur einen literarischen Dialog der antiken, griechischen Lyrikerin Sappho mit dem 2.500 Jahre später geborenen italienischen Schriftsteller Cesare Pavese.

Klingt kompliziert? Ist es auch und Piñeiros Herangehensweise macht den Einstieg in den Film nicht unbedingt leichter. Aneinandergereiht werden sich wiederholende Bildkompositionen gezeigt: Blumen, Äpfel, Gebäude, eine Spüle, eine Türklingel und immer wieder das Meer. Einige Bilder werden als visuelle Entsprechungen für einzelne Begriffe etabliert, zum Beispiel für die drei Wörter des Filmtitels. Wer sich darauf einlässt, dem erschließt sich – wie so oft bei Piñeiro – die narrative Struktur dann nach einer Weile. Stück für Stück fließen biographische Informationen zu Pavese und Sappho ein, Parallelen werden klar: Unerfüllte Liebe und die Frage nach Akzeptanz oder Lenkung des eigenen Schicksals waren bei beiden Schriftsteller*innen präsent. Gedichte Sapphos und Paveses Text „Meeresschaum“ werden zitiert und auf Buchseiten eingeblendet – Letzteres sehr ausführlich und deutlich. Für das Verständnis ist das von großem Vorteil, man kann Matías Piñeiro also nicht vorwerfen, dass er gar nicht an seine Zuschauer*innen denkt. Elliptisch werden zentrale Themen, Begriffe, Namen (vor allem aus der griechischen Mythologie) und Bilder akustisch und visuell wiederholt. Es stellt sich ein Rhythmus ein und langsam auch ein Verständnis für den philosophischen Dialog über die Jahrtausende, den Pavese mit Sappho führt. Dazu sind Piñeiros Bilder in körnigen 16-Millimeter-Aufnahmen geschickt und poetisch komponiert. Gerade die häufigen Aufnahmen von Meer, Felsen und Wellen fügen sich sehr harmonisch in die akustische Erzählung ein. Auch einige Schauspielerinnen dürfen ab und zu durch Städte, Gärten oder Museen laufen und Tiere wie Vögel, Krebse oder Schildkröten sorgen für Vitalität in der visuellen Sprache. Die ausgewählten Texte thematisieren dagegen meist verzweifeltes Begehren und die Unmöglichkeit glücklicher Liebe und durchziehen Tú me abrasas so mitmelancholischer Stimmung, passend zum traurigen Ende Paveses, der sich selbst das Leben nahm – genau wie der Legende nach auch Sappho, was allerdings historisch nicht gesichert ist.

Tú me abrasasfordert viel von seinem Publikum: Das exotische Thema, die sperrige, nicht-lineare Erzählweise und eine collagenartige, repetitive Bildsprache machen den Film zu einem sehr speziellen Kinoerlebnis, das nicht alle Kinogänger*innen in gleichem Maße ansprechen wird. Wer sich aber nach den ersten Minuten nicht abschrecken lässt und der intellektuellen und ästhetischen Reise des Films weiter folgt, wird mit einer interessanten audiovisuellen Erfahrung, einem Erkenntnisgewinn zum Dialog zweier Dichter*innen und einem überraschend guten Gefühl beim Verlassen des Kinos belohnt.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas


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Stadt, Land, Kuss

© Cris Lyra / Dezenove Som e Imagens

As boas maneiras (Gute Manieren), der Überraschungserfolg über ein Werwolfbaby in São Paulo gilt bis heute über Brasilien hinaus als Kultfilm im Horrorgenre. Nicht nur das ungewöhnliche Narrativ, auch die gelungenen Schockmomente, der überraschende Stilmix und die warmherzige Darstellung der Protagonist*innen sorgten für Aufsehen und einen Preisregen auf internationalen Festivals. Nun ist Juliana Rojas, die Co-Regisseurin von As boas maneiras, mit dem Episodenfilm Cidade; Campo (Stadt; Land) zum ersten Mal auf der Berlinale zu Gast. Diesmal ist sie allein verantwortlich für Regie und Drehbuch. Und auch wenn Cidade; Campo thematisch eine ganz andere Richtung einschlägt als sein Vorgänger – Rojas’ Handschrift ist unverwechselbar und macht die 42-jährige aktuell zu einer der aufregendsten Stimmen im lateinamerikanischen Kino.

Dabei klingt das Konzept des Films zunächst etwas sperrig: Cidade; Campo besteht aus zwei einstündigen Episoden, die sich inhaltlich nicht überschneiden. Dabei geht es um Migrationsgeschichten vom Land in die Stadt und umgekehrt. Die erste Episode folgt Joana (Fernanda Vianna), die durch den Bruch des Staudamms Brumadinho und den nachfolgenden Erdrutsch ihre Farm und ihre Tiere verloren hat. Nun zieht sie in die Millionenmetropole São Paulo zu ihrer Schwester Tânia (Andrea Marquee), die sie herzlich aufnimmt. Obwohl Joana nach wie vor traumatisiert ist, schafft sie es schnell, Arbeit bei einem Putzdienst zu finden, was ihr findiger Großneffe Jaime (Kalleb Oliveira) für sie per App organisiert. Dort freundet sie sich mit ihren Kolleginnen an und kämpft mit ihnen gegen die fortschreitende Prekarisierung ihrer Arbeitsverhältnisse. Weil Rojas es schafft, der eigentlich unspektakulär verlaufenden Geschichte durch einen genauen Blick auf ihre Hauptfiguren und liebevoll inszenierte Details einen Spannungsbogen zu geben, fällt Abschied von der ersten Episode nach einer Stunde schwer. Doch auch die zweite Episode hat es in sich. Hier zieht Flavia (Mirella Façanha) gemeinsam mit ihrer Partnerin Mara (wie immer großartig: Bruna Linzmeyer) aus der Stadt auf die verlassene kleine Farm ihres verstorbenen Vaters. Von Beginn an werfen sich die beiden Frauen voll ins Land- und Liebesleben (die ästhetisch inszenierten und choreografierten Liebesszenen sind ein Highlight des Films). Dabei herrscht klare Arbeitsteilung: Mara ist Tierärztin und kümmert sich vor allem um das Vieh, Flavia übernimmt die Knochenarbeit auf dem Feld. Nach und nach wird allerdings klar, dass mit der Farm etwas nicht stimmt. Und ohne zu viel zu verraten, zeigt die Regisseurin spät im Film, aber dafür umso gekonnter, dass sie auch an der Klaviatur des Horrorgenres nichts verlernt hat.

Es ist die Mischung aus originellen Inszenierungen, Stilsicherheit in den verschiedenen Genres (Joanas fiktive Putz-App möchte man sich nach den Werbe-Jingles im Film am liebsten sofort herunterladen) und dem Gefühl für Stimmungen, die Cidade; Campo sehr sehenswert macht. Ganz besonders fällt aber immer wieder auf, wie sehr Juliana Rojas ihre Figuren liebt: Oft sind es Außenseiter*innen, die nicht gesellschaftlichen oder körperlichen Idealbildern entsprechen, aber durch ihr Handeln und ihren ehrlichen, liebevollen Umgang miteinander im Handumdrehen das Herz des Publikums gewinnen. Figuren, die das Land Brasilien nach den polarisierenden und auch für die Außenwirkung verheerenden Bolsonaro-Jahren dringend gebrauchen kann. Man wünscht allen, die ihnen zusehen, dass sie sich von ihrer Empathie und Aufrichtigkeit eine Scheibe abschneiden. Und natürlich, dass es bald wieder mehr solcher wunderbaren brasilianischen Filme wie Cidade; Campo gibt.

LN-Bewertung: 5 / 5 Lamas


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Freiheit hinter Gittern

© Gema Films

Zwischen Gesang und Tanz fesselt Reas (Verurteilte), ein Gefängnis-Musical, das die Erfahrungen von Frauen und Transpersonen behandelt, die in verschiedenen argentinischen Gefängnissen inhaftiert waren. Der Dokumentarfilm vermittelt ihre Lebensgeschichten über einen theatralen Ansatz. Die Protagonist*innen rekonstruieren Anekdoten und Fantasien durch Inszenierungen. Die Bühne: Das ehemalige Gefängnis von Caseros, ein verlassener Ort, der nach dem panoptischen Modell (kreisrunde Anordnung mit Wachturm in der Mitte) gebaut wurde und Insass*innen und Zuschauer*innen in einen klaustrophobischen Raum versetzt, der harte Erfahrungen zwischen seinen Mauern birgt.

Die argentinische Regisseurin Lola Arias ist auch interdisziplinäre Künstlerin. Schon mit ihrem Erstlingswerk Teatro de Guerra (Kriegstheater, 2018) hat sie ihr virtuoses Talent gezeigt. Dort verwischte sie die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation und nahm das Leben ehemaliger argentinischer und britischer Soldaten, die am Falklandkrieg teilgenommen hatten, unter die Lupe. Und auch in Reas verkommt die Frage “Fiktion oder Dokumentarfilm” zur Nebensache, sobald die Zuschauer*innen in die Geschichten der Protagonist*innen von “Reas” eintauchen. In einem Interview im letzten Jahr auf dem Filmfestival von San Sebastián erzählte Arias, dass die meisten von ihnen bei Theaterworkshops ausgewählt worden waren, die sie selbst im Frauengefängnis Ezeiza geleitet hatte. Dies zeigt, dass der Dokumentarfilm aus einem langen Arbeits- und Annäherungsprozess mit seinen Protagonist*innen entstanden ist.

Das foucaultsche Element der Schaffung utopischer Orte, die Machtverhältnisse umkehren, ist in Arias’ Werk wiederkehrend. In Reas verwendet sie künstlerische Ausdrucksformen, die mit Körperlichkeit verbunden sind, wie Theater und Tanz, um über eine Institution zu sprechen, die paradoxerweise auf der Entwicklung von Mechanismen zur Kontrolle des Körpers basiert. In einer der denkwürdigsten Szenen tanzen die Protagonist*innen Vogue vor den Wärtern des Gefängnisses, die als Jury fungieren. Vogue ist ein Tanzstil, der in den letzten Jahren populär geworden ist und seine Ursprünge in randständigen Gruppen der LGBTQ+-, afroamerikanischen und lateinamerikanischen Gemeinschaft hat.

Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal der filmischen Erzählung in Reas ist die Schaffung einer Mikrowelt: Außerhalb der Gefängnismauern existiert für die Insass*innen für die Zeit ihrer Inhaftierung nichts. Auch wenn sich die Protagonist*innen eine Zukunft dort vorstellen, können sie doch für lange Zeit nicht in Kontakt mit der Außenwelt treten. Die Probleme der sozialen Wiedereingliederung von Personen, die inhaftiert waren und nach ihrer Rückkehr in die Freiheit in ihrem Leben mit Stigmatisierung zu kämpfen haben, lassen sich für sie nur schwer erahnen.

Reas feierte seine Weltpremiere auf der Berlinale in der Sektion Forum. Es ist zweifellos ein Film, der Beachtung verdient hat. Nicht nur, weil er sich von den ästhetischen und erzählerischen Konventionen des Dokumentarfilms entfernt, sondern auch wegen seines Humanismus und seiner Sensibilität, mit der er die Inhaftierten porträtiert.

LN-Bewertung: 4 / 5 Lamas


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Living la vida de Barrio

© Monociclo Cine

Die Busstrecke ist neu für Sandra, ihre neue Arbeitsstelle liegt außerhalb ihres Wohnviertels in der kolumbianischen Metropole Medellín. Den Ausstieg muss sie deshalb beim Busfahrer in Erfahrung bringen. Mit ungeahntem Erfolg: Die Nachfrage bringt ihr zuerst ein Gratisbonbon und später einen Sitzplatz neben dem Motorista ein. Ein guter Start in ihren neuen Job als Security-Mitarbeiterin in einem Shopping-Center.

Sandra (Alba Liliana Agudelo Posada) ist die Protagonistin in La piel en primavera (Die Haut im Frühling), dem ersten Spielfilm der kolumbianischen Regisseurin Yennifer Uribe Alzate. Wie der Titel verspricht, herrscht Frühling in Medellín, was für die Charaktere des Films bedeutet: Überall ertönt Musik, Arbeit wird dem Vergnügen untergeordnet und es wird geflirtet, was das Zeug hält. Zu Beginn will Sandra dabei zwar nicht mitmachen. Aber irgendwann wird es einfach zu viel: Der halbwüchsige Sohn knutscht mit seiner neuen Freundin auf der Terrasse, die Kolleginnen tratschen über ihre Ausschweifungen beim Betriebsausflug und die Putzfrau preist in den höchsten Tönen die neuen Dildos aus ihrem Nebenerwerb, einem Online-Sex-Shop an. Also Lippenstift aufgetragen, Outfit aufgefrischt und rein ins Dating-Leben!

La piel en primavera ist ein Film, der gar nicht erst versucht, besonders Außergewöhnliches zu präsentieren und vielleicht genau deshalb so gut funktioniert. Das Arbeiter*innenviertel Barrio Belén Las Violetas mit seinen unverputzten Ziegelsteinwänden gibt dazu den passenden Hintergrund ab: Wenig Glamour, aber dafür umso mehr Atmosphäre für eine Geschichte, die so repräsentativ ist für das Leben in einer lateinamerikanischen Großstadt. Die alleinerziehende Sandra lebt selbstbestimmt, ihre Autonomie wird durch das häufige Rauchen auf dem eigenen Balkon visualisiert. Sie holt sich Selbstbewusstsein im Job, trifft sich mit ihren Freundinnen zum Tanzen oder kümmert sich mit wechselndem Erfolg um die Herzensangelegenheiten ihres Teenager-Sohns und um ihr eigenes Liebesleben. Mit Handkamera und häufigen Close-Ups wird den Darsteller*innen auf den Leib gerückt, die Musik spielt unaufhörlich im Hintergrund und die feuchte Hitze der Stadt ist im Kinosaal fast physisch spürbar. Dazu kommt ein ausgefeiltes Surround-Soundmanagement: Im Bus sind die Rufe der Fahrgäste vorne und die Ansagen des Lautsprechers hinten zu hören und auch auf der Straße scheinen Gesprächs- und Geräuschfetzen von überall her zu kommen. Das fühlt sich so gut und mitten aus dem Leben gegriffen an, dass man sogar dem Plot manche klischeehafte Wendung verzeiht. Ohnehin geht es La Piel en Primavera aber offensichtlich mehr um ein Lebensgefühl als um eine ausgefeilte Story: Wer auf verzwickte Drehbuch-Twists hofft, sollte um den Film eher einen Bogen machen. Regisseurin Uribe Alzate ist trotzdem ein locker-vergnüglicher Erstlingsfilm mit Feel-Good-Vibes gelungen, den man einem breiten Publikum als anschauliches Beispiel einer (weiblichen) working-class Lebenswirklichkeit des südamerikanischen Subkontinents empfehlen kann.

LN-Bewertung: 4 / 5 Lamas


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Das Fremde bleibt fremd

© Victor Juca

Argentinien, Taiwan, Deutschland, (Nordost-)Brasilien: Die anDormir de olhos abertos (dt.: „Mit offenen Augen schlafen”) beteiligten Produktionsländer lesen sich wie ein buntes Sammelsurium unterschiedlichster (Film-)Kulturen, bei denen nur schwer vorstellbar ist, wie sie in einem gut 90-minütigen Film zusammenzubringen sind. Dieser undankbar klingenden (aber selbstgewählten) Aufgabe hat sich die deutsche Regisseurin Nele Wohlatz (El futuro perfecto) verschrieben und, Spoiler: Wie zu befürchten erweist sich das Projekt als eine Nummer zu groß.

Dormir de olhos abertosspielt in der Küstenmetropole Recife im brasilianischen Nordosten, genauer gesagt am Strand Boa Viagem, der etwas außerhalb des Zentrums liegt. Der Film folgt zunächst der Touristin Kai (Liao Kai Ro), die einen Strandurlaub mit ihrem argentinischen Partner geplant hat, der sie aber am Flughafen versetzt. Warum er dies tut und warum ihr Urlaub ausgerechnet in Boa Viagem stattfindet (auch in Argentinien und China gibt es Strände und in Brasilien sogar ganz in der Nähe weitaus schönere) – es bleibt ein Rätsel, wie so vieles in diesem Film. Kai stolpert dann jedenfalls, zwar höchst sprachgewandt aber touristisch sichtlich unerfahren, schon bald über chinesische Händler*innen, die Saisonware an gemieteten Verkaufsständen anbieten. Dort kommt sie an einen Stapel Postkarten, auf den die chinesischen Exilantin Xiao Xin (Chen Xiao Xin), die Brasilien mittlerweile schon verlassen hat, den Anfang eines Romans geschrieben hat.

Diese ziemlich konstruierte Ausgangslage (Warum in aller Welt nimmt Xiao Xin nicht einfach ein Buch?) soll das Verbindungsstück zwischen den beiden Erzählebenen sein. Tatsächlich ist sie aber nur der Gipfel des Eisbergs eines Plots, der vor Unglaubwürdigkeit und fallengelassenen Erzählsträngen nur so strotzt. Besonders die arme Touristin Kai trifft es immer wieder hart. So muss sie schon am ersten Tag ohne ersichtlichen Grund auf eine Verkehrsinsel urinieren oder läuft lieber bis zur Dunkelheit durch die Peripherie einer der gefährlichsten Städte der Welt, als sich ein Taxi zu rufen. Dadurch muss sie in einem Love Motel (in Brasilien sehr beliebte Stundenhotels mit entsprechender Ausstattung) die Nacht verbringen, wo sie sich – Achtung Culture Clash-Holzhammer! – sichtlich unwohl fühlt. Am nächsten Tag geht es dann plötzlich doch mit dem Moto-Taxi zurück in ihre Unterkunft. Dies (und vieles andere), so hat man den Eindruck, passiert in Dormir de olhos abertos nur, weil einige Drehbuchszenen vom Reißbrett auf Teufel komm raus untergebracht werden oder auch die Filmfördergelder aus den verschiedenen Ländern eingetrieben werden mussten.

Manchmal wird der Film sogar zu einem echten Ärgernis. Was ein interessanter Einblick in ausbeuterische Arbeits- und Lebensbedingungen von chinesischen Wanderarbeiter*innen hätte werden können, gerät nämlich durch den Fokus auf bemüht-lustige kulturelle Verirrungen oft in die Nähe einer Farce mit rassistischen Einschlägen. So werden die Brasilianer*innen fast durchgängig als feierwütig, übergriffig-beleidigend oder korrupt dargestellt, während die Chines*innen weitgehend zurückhaltend und fast schon unterwürfig auftreten. Der Blick von Regisseurin Wohlatz auf die hölzern geschnitzten Charaktere (ein deutscher ist, ein Schelm der Böses denkt, nicht dabei) ist oft kein mitfühlend-interessierter, sondern wirkt klischeehaft und sieht belustigt oder gar besserwisserisch auf ihre vermeintlich durch ihre Herkunft definierten Eigenarten herab. Im Jahr 2024 ist dieses naive Kulturverständnis nicht mehr zeitgemäß, was insgesamt den Eindruck verfestigt, dass Dormir de olhos abertos nicht über genug Substanz verfügt, um einen Langfilm über die volle Distanz zu tragen.

LN-Bewertung: 1/5 Lamas


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Das Ende von Scham und Schweigen

© Substance Films

„Solange ich lebe, werde ich niemals alt sein!“ sagt eine der Frauen, und es scheint egal, von welcher der Protagonistinnen der Satz stammt. Denn die 68-jährige Ana, die 69-jährige Patricia und die 71-jährige Mayela erzählen in der costa-ricanischen Doku-Fiktion Memorias de un cuerpo que arde (Erinnerungen an einen Körper, der brennt) zwar jede für sich die Geschichten ihres Lebens und vor allem ihrer Liebe und Sexualität. Regisseurin Antonella Sudasassi Furniss verknüpft diese aber so geschickt, dass es keine Rolle mehr spielt, wer zu welchem Zeitpunkt etwas erlebt hat. Im Vordergrund steht die Erzählung, das Zursprachebringen von jahrzehntelang tabuisierten und verschwiegenen Bedürfnissen.

Memorias de un cuerpo que arde bedient sich dabei des Tricks der visuellen Fiktionalisierung. Denn die drei Frauen aus Costa Rica sind im Film nur mit ihrer Stimme präsent, um ihre Anonymität zu wahren. Im Bild zu sehen sind Schauspielerinnen wie Sol Carballo oder Paulina Bernini. Diese spielen die aus dem Off erzählten Ereignisse in teils echten, teils symbolischen Handlungen nach. Dabei findet das Geschehen ausschließlich in einer extra angemieteten Wohnung statt, schön eingeführt in der Anfangsszene, die den Einzug des Filmteams zeigt.  Kreativ oder sogar poetisch sind auch die weiteren Einfälle zur Inszenierung: Da laufen Hühner durch die Wohnung, Vasen gehen zu Bruch und einmal scheint sogar ein ganzer Jahrmarkt innerhalb der vier Wände stattzufinden.

Doch ebenso verdienen die Lebensgeschichten der Frauen Aufmerksamkeit. Es sind Geschichten, die Frauen nicht nur in Lateinamerika unzählige Male so oder so ähnlich erlebt haben und erleben. Geschichten von romantischen Gefühlen und sexuellem Begehren, aber auch von Unterdrückung, Scham und Missbrauch. Von sexueller Erziehung an der Grenze zur Komik, Frustration und Gewalt im Eheleben und der Befreiung davon erst im Alter. Sex, so sagt eine der Frauen, sei in ihrem Leben gewesen „wie ein Schwarzes Loch: Man sah es nicht und es schien, als würde es nicht existieren, doch am Ende hat es dich verschlungen“. Physische und psychologische Gewalt gegen Mädchen und Frauen, das bestätigt jede der drei Erzählerinnen, waren in ihrem Umfeld allgegenwärtig. Von klein auf sollten sie beispielsweise lernen, ihren Kleidungsstil als „Rüstung“ zu begreifen, um nicht die „Instinkte der Männer zu wecken“ – damit gemeint waren ihre eigenen Verwandten. Über christliche Werte („Ertrage dein Schicksal!“) wurden den Frauen dabei Schuldgefühle eingeimpft, während übergriffige und gewalttätige Männer unbehelligt davonkommen konnten.

Das Verdienst von Memorias de un cuerpo que arde ist es, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung, die Frauen erfuhren und noch immer erfahren, aus einer costa-ricanischen bzw. lateinamerikanischen Perspektive zu einem plastischen und kollektiven Narrativ zu verweben. Regisseurin Antonella Sudasassi Furniss hat damit nach ihrem gefeierten Erstlingswerk El despertar de las hormigas (Das Erwachen der Ameisen) erneut einen sehr starken Film abgeliefert. Mit ihrer Dokumentation gibt sie einer ganzen Generation von Frauen eine gemeinsame Stimme, die das Schweigen bricht und gleichzeitig Hoffnung gibt, dass durch die Trennung von gewalttätigen Partnern ein anderes, glücklicheres Leben möglich ist. „Ich verstehe nicht, dass so viele sagen, im Alter ginge es nur noch bergab“, sagt eine der drei Erzählerinnen gegen Ende des Films. „Für mich ist das die beste Zeit meines ganzen Lebens. Endlich habe ich totale Freiheit!“

LN-Bewertung: 5/5 Lamas


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Hüter der verlorenen Lieder

© Natalia Burbano / Contravía Films

“Gelobte Seelen des Fegefeuers, zeigt mir den Weg”, betet José de Los Santos inmitten afrokolumbianischer Rituale. In seiner Gemeinde im Regenwald der kolumbianischen Pazifikregion Chocó vereinen und solidarisieren sich die Bewohner durch Gesänge und Gebete, um den Trauerprozess zu bewältigen. Der Protagonist des Films Yo vi tres luces Negras, (“I saw three black lights”), gespielt von Jesús María Mina, lebt unter den Toten, hat die Gabe, sie zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Diese Kommunikation mit seinen Vorfahren ermöglicht es ihm, im Hier und Jetzt voranzukommen und seinen eigenen Weg zu gehen.

Yo vi tres luces negras ist die zweite Langfilm-Produktion des kolumbianischen Regisseurs Santiago Lozano und feiert auf der 74. Berlinale in der Panorama-Sektion des Festivals seine Weltpremiere. Wie schon in seinem ersten Film greift Lozano das Thema Tod und Bestattungsrituale des afrokolumbianischen Pazifikraums auf, diesmal anhand der schicksalhaften Reise von José de Los Santos. Der 70-jährigen wird von seinem verstorbenen Sohn Pium besucht, der nun auch ihm seinen Tod ankündigt. Pium teilt seinem Vater mit, dass er seinen letzten Gang in die Tiefen des Dschungels antreten muss. Auf dem Weg dorthin trifft José auf paramilitärische Gruppen, die ihn bei seinem Vorhaben behindern – dieselben, die seinen Sohn Jahre zuvor ermordet haben.

© Christian Velasquez / Contravía Films

Mit großer visueller und symbolischer Reichhaltigkeit zeigt der Film den Synkretismus, der in den Gemeinden des Departamento Chocó, praktiziert wird, wobei der Tod innerhalb dieser Weltanschauung besonders betont wird. Im Verlauf der Geschichte wird klar auf die Bedeutung der mündlichen Überlieferung für das Überleben archaischer spiritueller Praktiken der Pazifikregion hingewiesen. Diese gehen allmählich durch Gewalt verloren, während die dortigen Bewohner zum Schweigen gebracht werden. Und auch die Auswirkungen des Bergbaus auf die Lebensweise der Menschen und die natürlichen Ressourcen werden deutlich. José de Los Santos wird dabei als “Hüter des Landes” dargestellt, der seinen Kampf gegen Zerstörung und Ausbeutung jedoch mit ungleichen Waffen führen muss.

Besonders bemerkenswert an Yo vi tres luces negras ist die Kinematografie, die den Dschungel in seiner ganzen Tiefe eindringlich einfängt, so dass dieser wie ein eigener Charakter wirkt. Der Film beginnt und endet mit der imposanten Präsenz des Rio San Juan, einem der mächtigsten und wichtigsten Flüsse Kolumbiens. Das Wasser als symbolisches Element ist sowohl visuell als auch klanglich in der Geschichte präsent. Darüber hinaus trägt die beeindruckende Filmmusik von Nidia Góngora, einer Komponistin von und Forscherin zu traditioneller kolumbianischer Musik, Yo vi tres luces negras stimmungsvoll durch die Eingeweide des Dschungels.

Lozanos Arbeit als Regisseur ist zweifellos vielversprechend, denn er zeigt Engagement für seine eigene ästhetische Erkundung. Sein Blick ist nach innen gerichtet, aber er spricht universelle Themen an. Yo vi tres luces negras ist ein empfehlenswerter Film, der innerhalb der Panorama-Sektion der Berlinale sicher zu den stärkeren Beiträgen gehören wird.

LN-Bewertung: 4/5 Lamas


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Nicht das Gelbe vom Ei

© Juan Pablo Ramírez / Filmadora

Der mexikanische Regisseur Alonso Ruizpalacios ist mittlerweile erfolgreicher Stammgast auf der Berlinale: 2018 gewann sein Film Museo einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch, die Doku-Fiktion A Cop Movie 2021 die gleiche Auszeichnung für den besten Schnitt. Nun verlässt Ruizpalacios mit dem auf einem Theaterstück basierenden La Cocina (dt.: Die Küche) erstmals Mexiko und betritt die Räume eines New Yorker Restaurants am Times Square. „The Grill“, so der Name des Etablissements, bietet nicht die ganz exklusiven Gaumenfreuden, sondern eher Massenkost für die touristische Durchgangskundschaft. Schnell und möglichst kosteneffizient soll serviert werden und eine der Zutaten dafür ist der illegale Aufenthaltsstatus des Großteils des Küchenpersonals. Den nutzt der schmierige Restaurantbesitzer Rashid auf ziemlich unappetitliche Weise zu seinem Vorteil aus. Denn Mitarbeiter*innen wie der Hallodri Pedro (Raúl Briones) stehen so nicht nur ständig mit einem Bein vor dem Rauswurf aus dem Restaurant, sondern gleich aus dem ganzen Land. Das hält die Motivation bei der Arbeit quasi von alleine hoch. Pedro hat zudem ein Verhältnis mit der abgebrühten Kellnerin Julia (Rooney Mara), deren Schwangerschaft schmeckt jedoch nicht beiden in gleicher Weise.

La Cocina (aus nicht näher definierten Gründen fast komplett in Schwarz-Weiß gefilmt) gelingt esgut, die quirlige, rastlose Atmosphäre in der im Akkord arbeitenden Restaurantküche einzufangen. Schon zu Beginn des Films verfestigt sich aber der Eindruck, als würde hier zu viel in einen Topf geworfen. Die so zahlreichen wie unterschiedlichen Charaktere sind zwar vordergründig sehr unterhaltsam, was vor allem an den schauspielerischen Leistungen (eine Entdeckung vor allem Anna Diaz als Küchen-Neuling Estela) liegt. Doch das allein macht den Kohl leider nicht fett. Denn das Drehbuch bekommt es nicht gebacken, auch nur einem von ihnen eine vernünftige Hintergrundgeschichte zuzubereiten. Dem Publikum wird so mit interessanten Subplots der Mund wässrig gemacht, nur um diese dann im Nichts verlaufen zu lassen. Ein hartes Brot sind auch die häufigen, unverhohlen sexistisch-anzüglichen Bemerkungen und Gesten der männlichen Mitarbeiter in Richtung der (ausschließlich weiblichen) Kellnerinnen. Da diese meist unwidersprochen bleiben, kommt La Cocina hier in Teufels Küche. Zudem finden sich auch bei der Montage und Erzählweise des Films einige Haare in der Suppe: Manche Szenen sind geradezu schmerzhaft lang ausgedehnt, andere wirken nicht richtig abgeschmeckt oder zum falschen Zeitpunkt in die Geschichte eingesetzt.

Das durchgeknallte Finale ist zwar noch einmal ein gefundenes Fressen für Freund*innen der gepflegten Eskalation. Aber im Prinzip ist die Suppe hier schon versalzen. Denn letztendlich wird in Bezug auf das entscheidende Thema des Films – Wie umgehen mit illegalisierter Migration und Beschäftigung? – nur um den heißen Brei herumgeredet. Den Appetit verdirbt auch so manches abgedroschene Klischee über Lateinamerikaner*innen. Insgesamt ist La Cocina damit sicher kein Gourmetbissen geworden. Was sich der Film in über 2 Stunden mit zu vielen Unausgegorenheiten einbrockt, können auch großartige Einzelleistungen von Kamera und Schauspieler*innen am Ende nicht mehr auslöffeln.

LN-Bewertung: 2/5 Lamas


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